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Full text of "Schroeder, Christa 1985 – Er War Mein Chef"

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Christa Schnieder 


Erwärmen Chef 

Aus dem Nachlaß der Sekretärin 
von Adolf Hitler 


Herausgegeben 
von Anton Joachimsthaler 


Mit 90 Fotos 


langen Müller 



Hinweis 


Die m it |-1 versehenen Auslassungen im Text der Autorin 

bzw. in den Anmerkungen des Herausgebers sind sehr persön¬ 
liche Meinungen von Frau Schroeder bzw. einer der Sekretä¬ 
rinnen von Martin Bormann, deren Abdruck vom Verlag im 
Einverständnis mit dem Herausgeber unterlassen wurde. 


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© 1985 by Albert Langen Georg Müller Verlag GmbH 
München • Wien 
Alle Rechte Vorbehalten 

Umschlaggestaltung: Christel Aumann, München 
Schutzumschlagmotiv: Christa Schroeder gratuliert Hitler 
am 20.4.1939 zu seinem 50. Geburtstag 
in der Reichskanzlei 
Herstellung: Franz Nellissen 
Satz: Filmsatz Schröter GmbH, München 
Gesetzt aus: 10/12 Excelsior auf Linotron 202 
Druck und Binden: Wiener Verlag 
Printed in Austria 
ISBN: 3-844-2059-1 




Inhalt 


Vorwort des Herausgebers 
Seite 7 

Genesis des Zoller’schen Buches »Hitler Privat« * 
Seite 18 

Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 
Seite 25 

Röhmputsch 1934 
Seite 49 

Hitlers Diktate und das TYeppenzimmer 
Seite 53 

Mit Hitler auf Reisen 
Seite 83 

Hitlers Geburtstag 
Seite 92 

Polenfeldzug 1939 
Seite 98 

Frankreichfeldzug 1940 
Seite 101 

Rußlandfeldzug 1941 bis 1944 
Seite 111 

Frauen um Hitler 
Seite 152 

Ada Klein 
Seite 157 




Gretl Slezak 
Seite 159 

Eva Braun 
Seite 163 

Obersalzberg 
Seite 170 

Der Berghof 
Seite 177 

Befehl zum Verlassen Berlins 
und Abschied von Hitler 
Seite 197 

Das Ende am Berghof 
Seite 205 

Meine Internierung 
Seite 231 

Anlagen 
Seite 253 

Anmerkungen und Hinweise 
Seite 281 

Personenregister 
Seite 391 

Bildnachweis 
Seite 400 


• Die Kapiteleinteilung einschließlich der Anlagen stammt von Frau Schroeder und wurde 
vom Herausgeber übernommen. 





Vorwort des Herausgebers 


Von Herrn Walter Frentz 1 wurde ich einmal gefragt, ob ich 
nicht eine Dame aus München zu ihm mitnehmen würde. So 
lernte ich Frau Christine Schroeder vor einigen Jahren durch 
einen Zufall kennen. Emilie Schroeder, wie ihr Vorname eigent¬ 
lich lautete, war kein alltäglicher Mensch und paßte in kein 
Klischee. Gebildet, musisch veranlagt und immer auf der Suche 
nach der Wahrheit und dem Sinn der Dinge, war sie auch 
schwierig und äußerst kritisch den Menschen, der Umwelt und 
auch sich selbst sowie ihrer Vergangenheit gegenüber. Manch¬ 
mal konnte die direkt verletzend in ihrer Art sein, die aber doch 
nur unter der rauhen Schale einen äußerst sensiblen, manchmal 
unsicheren und empfindsamen Menschen verbarg. 

Da ich mich viel mit Zeitgeschichte beschäftigt hatte und 
gerade an meinem Buch über die Breitspurbahn Hitlers 2 arbei¬ 
tete, fand sie im Laufe der Zeit wohl auch einen Gesprächspart¬ 
ner, mit dem sie sich über ihr Leben, ihre Vergangenheit, die 
»Ehemaligen« und Hitler unterhalten konnte. So ergab es sich, 
daß sie mir von ihren Erfahrungen mit dem »Zoller-Buch« 3 
erzählte und auch davon sprach, die Entstehung dieses Buches 
aufzuzeigen und ihr Erleben der Zeit damals darzustellen, das 
sie nach 1945 aufgeschrieben hatte. 4 

Journalisten und Menschen, die sie ausnützen wollten, haßte sie 
geradezu. Sie konnte sich maßlos erregen, wenn sie Bücher oder 
Zeitschriften las und darin Darstellungen fand, die nicht den 
Tatsachen entsprachen. Manchmal glaube ich, daß sie direkt 
danach suchte, einfach etwas zu finden, was nicht der Wahrheit 
entsprach. Hermann Giesler 5 nannte sie nicht ohne Grund »die 
Oberverdachtschöpferin.« 

Frau Schroeder war geradezu eine Wahrheitsfanatikerin. Auf 
einem Zeitungsausschnit, den ich in Ihrem Nachlaß fand, hatte 
sie die nachfolgende Passage zweimal rot unterstrichen und 




8 


Er war mein Chef 


daneben vermerkt: »Das ist die wirkliche Definition der Wahr¬ 
heit«: 

»Etwas Großes ist es mit der Wahrheit. Man kann sie biegen, 
verstecken, stutzen, zerpflücken und zerzausen. Aber man kann 
sie nicht umbringen. Sie kommt immer wieder zum Vorschein. 
Sie leuchtet eines Thges irgendwo durch. Ihre Kleider kann man 
noch so zerreißen, ihr Gesicht bleibt dennoch schön. Es gibt 
Zeiten, wo die Wahrheit - auch von Staats wegen - verdunkelt 
wurde; ja, wo man sie in manchen Fällen ganz zunichte machen 
will. Eines Thges aber kommt sie doch wieder ans Licht. So ist es 
auch in unserem privaten und beruflichen Lebensbereich. Man 
wird immer wieder einmal hinters Licht geführt. »Lug und Trug 
ist der Welt Acker und Pflug«, heißt ein altes Sprichwort. Wir 
werden der Lüge also nicht auskommen. Aber es sollte uns nie 
die Geduld ausgehen, auf die Stunde der Wahrheit warten zu 
können. »Die Wahrheit sinkt mitunter nieder und verliert doch 
nie den Atem«, lautet eine Inschrift in einem Patrizierhaus. 
Auch der Volksspruch sollte uns immer wieder zu denken 
geben: »Die Wahrheit muß einen harten Schädel haben, denn 
wie oft wird sie auf den Kopf gestellt.« 

Christine Schroeder wollte den Dingen auf den Grund gehen, 
haßte Entstellungen und wurde im Grunde mit ihrer eigenen 
Vergangenheit nie ganz fertig. Ob man das nach 12 Jahren 
neben Hitler überhaupt kann, ist eine andere Frage. 

Sie war keine Nationalsozialistin im Sinne des Wortes, öfter 
sagte sie: »Wenn damals 1930 die Annonce nicht von der 
NSDAP sondern von der KPD gewesen wäre, wäre ich vielleicht 
Kommunistin geworden.« Frau Schroeder war eine Frau, die 
den Dingen kritisch gegenüberstand, sie auch aussprach, beob¬ 
achtete und analysieren konnte und so hin- und hergerissen 
zwischen Hitler, dem Erlebten, den Freunden von damals, dem 
NS-System, den Folgen des Krieges und dem Greuel der Juden- 
vemichtung stand. 

Eine Notiz von Frau Schroeder vom 18. Februar 1979 erklärt 
vielleicht ihre innere Zerrissenheit, ihr sporadisches Arbeiten 
und ihre Suche nach der Wahrheit: 

»Seit Jahren reden alle auf mich ein, nun endlich alles aufzu¬ 
schreiben, was ich über Adolf Hitler 6 weiß. Ich habe schon vor 



Vorwort des Herausgebers 


9 


längerer Zeit damit begonnen, meine stenographischen Auf¬ 
zeichnungen von 1945 abzutippen. 7 Aber anstatt mir die Auf¬ 
gabe zu stellen, wenigstens 2-3 Stunden am 7 hg fleißig zu 
arbeiten, überfiel mich immer wieder das Wissen über die Viel¬ 
schichtigkeit Hitlers Charakters. Sie stürzte mich in Depressio¬ 
nen. 8 Ich geriet in den Zustand jener psychischen Verfassung, 
die der russische Schriftsteller Iwan Gontscharow in seinem 
1859 erschienenen Roman über Ilja Iljitsch Oblomow schildert, 
der sich stets für morgen oder übermorgen Großes vomimmt, 
aber dann doch weiterhin sein Leben »mit einer gewissen gra¬ 
ziösen Trägheit«, vorzugsweise im Bett zubringt, jedesmal 
erschöpft und berauscht allein schon von seinen schönen Plä¬ 
nen, von seinen Absichten und Aussichten. 

Es war ein Irrtum von mir, anzunehmen, ich könnte das »wahre 
Gesicht« von Adolf Hitler aufdecken. Das ist einfach unmöglich, 
weil er derer so viele hatte. Dies bestätigte mir heute morgen 
auch Anni Brandt. 9 Sie - Anni - wurde Anfang März 1945 von 
Eva Braun 10 zum Tee in die Reichskanzlei eingeladen, den sie 
zusammen mit Adolf Hitler einnahm. Als nach einiger Zeit ein 
Diener erschien und Anni Brandt zuflüsterte, ihr Mann sei 
gekommen und erwarte sie unten, wollte Hitler wissen, um was 
es gehe. Er war immer neugierig, wenn geflüstert wurde, und 
wenn man beabsichtigte, ihn von etwas in Kenntnis zu setzen, 
war es das einfachste, mit dem Nachbarn über die entspre¬ 
chende Angelegenheit zu flüstern, man konnte dann ganz sicher 
sein, daß er unbedingt den Grund des Flüstems wissen wollte. 
Prof. Dr. Karl Brandt 11 war kurze Zeit nach dem Attentat im 
Juli 1944 von Hitler in die Wüste geschickt worden, er mußte das 
Führerhauptquartier (FHQ) in Rastenburg verlassen und hatte 
Hitler seitdem nicht mehr gesehen. Nun aber ließ Hitler Prof. 
Brandt heraufbitten. Hitler war unsicher und konnte Dr. 
Brandt zuerst nicht in die Augen schauen. Dann aber unterhielt 
er sich mit ihm wie in alten Zeiten. Um so unbegreiflicher war es 
dann für mich, daß er ihn nur 4 Wochen später zum Tode 
verurteilte. 

Und so ist es auch zu begreifen, daß mir Prof. Brandt in Lud¬ 
wigsburg, beim Ärztetransport zum Prozeß nach Belgien, in 
einem kurzen Gespräch auf meine Frage: >Was war der Chef, 



10 


Er war mein Chef 


war er ein guter oder ein böser Mensch?< f spontan antwortete: 
>Er war ein TeufelU 

Soweit bin ich nun nach 33 Jahren gekommen. Ich war alles 
andere als ein politisch interessierter Mensch. Mich hat an 
Hitler damals immer nur der Mensch interessiert und was ich 
beim Diktat und im persönlichen Zusammensein beim nachmit¬ 
täglichen Tee im »Treppenzimmer» im Radziwill-Palais oder im 
größeren Kreis im Berghof während der Mahlzeiten und mitter¬ 
nächtlich am Kamin oder später während des Krieges in den 
Hauptquartieren beim Tee , nach den nächtlichen Lagebespre¬ 
chungen , erlebte und wie ich >damals< alles gesehen habe. Nur 
das will ich aufschreiben.« 

An ihren Aufzeichnungen arbeitete Frau Schroeder nur spora¬ 
disch. Sie hatte ein abgegriffenes Buch, auf dem »Stenographi¬ 
sche Übungen« stand, und Leitzordner mit Manuskripten. In 
dem alten Buch waren ihre stenographischen Aufzeichnungen, 
die sie in der Zeit ihrer Internierung erstellt hatte. Die letzten 
Eintragungen datierten vom August 1948. Die stenographi¬ 
schen Notizen sind in der Stolze-Schrey Kurzschrift niederge¬ 
schrieben und nicht, wie eine Illustrierte behauptet, in einer 
Geheimschrift, die nur Frau Schroeder lesen konnte. 12 An dieser 
Stelle möchte ich mich auch bei dem Kurzschrifthistoriker 
Herrn Georg Schmidpeter bedanken, der die stenographischen 
Aufschreibungen übertrug, soweit sie nicht bereits von Frau 
Schroeder übertragen worden waren. Daneben hatte sie viele 
Notizen, Aufschreibungen und Zettel, die sie anfertigte, je 
nachdem, was ihr gerade einfiel oder mit was sie sich im 
Moment beschäftigte. 

1982 fragte mich Frau Schroeder einmal, ob ich ihre Aufschrei¬ 
bungen herausgeben und kommentieren wollte. Ich war in die¬ 
sem Moment von ihrer Frage überrascht. Ich kannte ihre Erfah¬ 
rungen mit dem >Zoller-Buch<, für das sie sich bei den >Ehemali- 
gen< entschuldigt hatte, und daß sie ihre Aufzeichnungen nicht 
zu Lebzeiten veröffentlicht haben wollte. Das war in diesen 
Kreisen einfach nicht >in<. Jeder hatte zwar irgendwelche Auf¬ 
zeichnungen, veröffentlicht haben sie jedoch nur wenige, da 
dadurch sofort die Kritik der anderen ausgelöst wurde. 13 
Frau Schroeder wollte auch kein Geld für ihre Aufschreibun- 



Vorwort des Herausgebers 


11 


gen. Geld und materielle Dinge lehnte sie ab. Immer wieder 
betonte sie, daß ihr ihre Rente ausreiche, sie keine besonderen 
Ansprüche stelle und mit dem zufrieden sei, was sie habe. Sie 
hatte kein Interesse daran, ihre Aufzeichnungen zu verkaufen. 
Dabei blieb sie bis zu ihrem Tode, obwohl es an entsprechenden 
Angeboten nicht gefehlt hatte. 14 

Nachdem ich damals auf ihre Frage nicht sofort geantwortet 
hatte, wurde über das Thema lange Zeit nicht mehr gesprochen. 
Es schien für sie damit erledigt. Als Frau Schroeder nach ihrer 
Operation aus dem Krankenhaus zurückkam - es wurde ihr ein 
Nierenkarzinom entfernt - kam sie wieder auf das Thema der 
Herausgabe ihrer Aufschreibungen zu sprechen, die ich ent¬ 
sprechend zusammenstellen und kommentieren sollte. Zu die¬ 
sem Zeitpunkt war sie nur noch unter Mühen in der Lage, mit 
der Schreibmaschine umzugehen, da ihre Finger schon nicht 
mehr so recht funktionsfähig waren. Außerdem ermüdete sie 
auch sehr rasch. 

Am läg vor der Abfahrt in die Schloßberg-Klinik Oberstaufen 
lud sie mich mit ihrer Freundin, die sie am nächsten Thg nach 
Oberstaufen fahren sollte, zu sich ein, wobei nochmals detail¬ 
liert über die Herausgabe ihrer Aufzeichnungen gesprochen 
wurde. 

Als schwerkranker Mensch wurde sie mit einem Sanitätswagen 
von Oberstaufen in ihre Wohnung zurückgebracht. Einige Ihge 
später rief sie mich an und bat mich, zu ihr zu kommen. Nach¬ 
dem sie mir erklärt hatte, daß sie wieder ins Krankenhaus gehen 
müsse, übergab sie mir einen großen, alten, schwarzen Koffer. 
Er enthalte, was sie geschrieben und gesammelt habe. Auf 
keinen Fall möchte sie,»... daß ihr gesamter schriftlicher Nach¬ 
laß irgendwelchen Leuten oder Journalisten in die Hände fällt« 
und ich wüßte ja, was sie immer gesagt und gewollt habe. 
Entsprechend dem Wunsch von Frau Schroeder, daß ihre Auf¬ 
zeichnungen nach ihrem Tode veröffentlicht werden sollten und 
ihre Aufschreibungen viele interessante zeitgeschichtliche 
Aspekte enthalten, habe ich den schriftlichen Nachlaß von Frau 
Schroeder geordnet, zusammengestellt und kommentiert. Wenn 
das Buch nicht ausgefeilt in einem Fluß geschrieben ist, so liegt 
es daran, daß auch teilweise angefangene Manuskriptseiten und 



12 


Er war mein Chef 


einzelne Detailaufschreibungen benutzt werden mußten, wie 
sie Christine Schroeder hinterließ und veröffentlicht haben 
wollte. 

Wer war Christa Schroeder? 

Emilie Philippine Schroeder wurde am 19. März 1908 in Hanno¬ 
versch Münden geboren. Zu ihrer Mutter, die sie allein aufzog, 
hatte sie kein besonderes Verhältnis, da sie eine sehr strenge 
Frau war und ihrer Tochter nicht die Zuneigung schenkte, die 
sich diese wohl immer ersehnte. Sie starb 1926, als Frau Schroe¬ 
der 18 Jahre alt war und nun im Leben allein stand. 

Nach dem Besuch der Volksschule und Mittelschule absolvierte 
sie ab dem 11. April 1922 eine dreijährige kaufmännische Aus¬ 
bildung in der Fa. C. F. Schroeder Schmiergelwerke KG in 
Hannoversch Münden, die entfernten Verwandten gehörte. 
Nebenbei besuchte sie die Kaufmännische Berufs- und Han¬ 
delsschule. Am 1. April 1925 schloß sie ihre Ausbildung ab. 

Bis zum 19. Juli 1929 arbeitete sie als Stenotypistin bei der 
gleichen Firma in Hannoversch Münden weiter. Sie hatte viel 
Tälent in Steno, was sie durch laufende und intensive Übung 
und Kurse immer weiter entwickelte. Sie nahm an verschiede¬ 
nen stenographischen Wettschreiben teil, wobei sie öfter 
1. Preise gewann. 15 

Im Oktober 1929 verließ sie Hannoversch Münden und ging 
nach Nagold (Wttgb.), wo sie bei einem Rechtsanwalt als Allein¬ 
kraft den Bürobetrieb erledigte. Dort blieb sie bis zum 
20. Februar 1930 und fuhr dann nach München, wo sie sich eine 
bessere Stellung und berufliches Weiterkommen versprach. 

In der damaligen schlechten Zeit, mit nahezu 7 Millionen 
Arbeitslosen, war es in München nicht einfach, eine Stellung zu 
bekommen. Sie bewarb sich bei verschiedenen Firmen, u.a. 
auch auf ein Inserat bei der Reichsleitung der NSDAP in der 
Schellingstraße 50. 16 Unter 87 Bewerberinnen wurde sie auf¬ 
grund ihrer hervorragenden Leistungen und ihres Könnens 
Anfang März 1939 eingestellt und blieb dort in verschiedenen 
Abteilungen bis 1933 tätig. 

Nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler am 30. Januar 
1933 zogen verschiedene Stäbe der NSDAP und auch Frau 



Vorwort des Herausgebers 


13 


Schroeder am 4. März 1933 nach Berlin. Kurze Zeit später 
mußte sie in der Reichskanzlei aushelfen, wobei sie Hitler auf¬ 
fiel und als Sekretärin in die »Persönliche Adjutantur des Füh¬ 
rers« 17 übernommen wurde. 

In der Reichskanzlei arbeitete sie bis zum Ausbruch des Zwei¬ 
ten Weltkrieges 1939 und war anschließend auf allen Reisen, in 
allen Führerhauptquartieren (FHQ’s) als eine der Sekretärin¬ 
nen Hitlers tätig. Wilhelm Brückner, 18 der damalige Chef ad ju- 
tant Hitlers, beschrieb sie folgendermaßen: 

*Ich kenne Fräulein Schroeder seit 1930. Sie war zuerst bis etwa 
1933 in der Reichsleitung der Obersten SA-Führung (OSAF) als 
Sekretärin tätig, kam dann zum Leiter der Wirtschaftspoliti¬ 
schen Abteilung und wurde 1933 von München nach Berlin in 
den Verbindungsstab versetzt. Empfohlen durch ihre große 
Tüchtigkeit und ihre guten Umgangsformen kam sie schließlich 
in die Adjutantur Adolf Hitlers als meine Sekretärin. 
Unterstützt durch ihre Fähigkeiten an der Maschine und Steno¬ 
gramm, verbunden mit ihrer Begabung zum selbstständigen 
Arbeiten, wurde sie dann Sekretärin von Adolf Hitler. In allen 
diesen Stellungen war ein absolutes Vertrauensverhältnis - 
besonders in der letzten Stellung - Grundbedingung. Frl. 
Schroeder hat durch ihre unentwegte Einsatzbereitschaft, ihre 
Tüchtigkeit, verbunden mit schneller Auffassungsgabe und 
durch ihr selbstständiges Mitdenken beim Diktat, alle in sie 
gesetzten Erwartungen restlos erfüllt. Durch ihren Täkt, gute 
Umgangsformen und ihre Umsicht, bewährte sie sich besonders 
auch auf den Reisen und in den verschiedenen Hauptquar¬ 
tieren.« 

Professor Dr. Karl Brandt schilderte Frau Schroeder bei seiner 
Einvernahme im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß folgen¬ 
dermaßen: 19 

»... Eine Frau die ihre Meinung sagte: Anderer Art als Fräulein 
Wolf 20 war Christa Schroeder, die zu Beginn des Krieges im 
wesentlichen allein mit Fräulein Wolf zusammen Hitlers Sekre¬ 
tariatsarbeiten besorgte. Klug, kritisch und intelligent, legte 
sie zudem auch eine Arbeitskraft an den Täg, die von keiner 
anderen Sekretärin je erreicht wurde. Sie konnte oft mehrere 
läge und Nächte fast ununterbrochen bei ihrem Chef aufneh- 



14 


Er war mein Chef 


men. Stets vertrat sie offen und überzeugt ihre eigene Meinung, 
und es kam deswegen einige Male zu deftigen Auseinanderset¬ 
zungen. Aus dem privaten Kreis hielt sie sich fern oder wurde 
auch von Hitler absichtlich davon ferngehalten, weil er ihre 
kritischen Bemerkungen nicht ertragen konnte. Da Fräulein 
Schroeders Absichten jedoch durchaus ehrlich waren, 
schmerzte sie dies sehr und in letzter Zeit übte sie scharfe Kritik 
an Hitler selbst. Sie hat sich dabei durch ihre kühne Offenheit 
zweifellos in größte Lebensgefahr begeben.« 

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde Frau 
Schroeder am 28. Mai 1945 in Hintersee bei Berchtesgaden 
durch die amerikanische Armee (CIC) verhaftet und bis zum 
12. Mai 1948 in verschiedenen Lagern und Gefängnissen der 
Besatzungsmacht interniert. Im Internierungslager 77 in Lud¬ 
wigsburg begann am 8. Dezember 1947 das Entnazifizierungs¬ 
verfahren, wobei sie in der ersten Instanz, für alle überra¬ 
schend, als Hauptschuldige eingestuft und zu 3 Jahren Internie¬ 
rungshaft verurteilt wurde. 21 In einem Revisionsverfahren am 
7. Mai 1948 wurde sie dann als Mitläuferin (IV) eingestuft und 
am 12. Mai 1948 nach einer dreijährigen Haft aus dem Internie¬ 
rungslager in Ludwigsburg entlassen. 

Anschließend arbeitete sie vom 1. August 1948 bis zum 
1. November 1958 als Privatsekretärin für Herrn Schenk, dem 
Besitzer eines Leichtmetallwerkes in Schwäbisch Gmünd und 
anschließend im Hauptwerk Maulbronn derselben Firma bis 
zum 31. Oktober 1959. 

Frau Schroeder zog es nun, wie schon einmal 1930, nach Mün¬ 
chen. Sie nahm am 1. September 1959 eine Stelle bei ein£r 
Münchner Baubetreuungsfirma an, wo sie bis zum 26. Juni 1967 
als Sachbearbeiterin arbeitete. Aufgrund ihres schlechten 
Gesundheitszustandes ging Frau Schroeder mit 59 Jahren in 
Rente und lebte bis zu ihrem Tbde am 28. Juni 1984 zurückgezo¬ 
gen in München. 

Beachtenswert ist, wie sich Christine Schroeder in den letzten 
Jahren ihres Lebens selbst sah. Sie schrieb einmal unter dem 
Titel: »Ich über mich selbst«, folgendes auf: 

»Ich bin aufmerksam , urteilsfähig, kritisch, hilfsbereit. Ich 
besitze ein rasches Auffassungsvermögen, darüber hinaus die 



Vorwort des Herausgebers 


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Gabe der Intuition. Auch bilde ich mir ein, im Gesicht und aus 
den Bewegungen der Menschen viel lesen zu können. Mir ist 
selten ein Mensch sympathisch. Aber wenn, dann überspringe 
ich alle Grenzen. Leider! Meine Kritikfähigkeit ist gekoppelt 
mit einem unwiderstehlichen Drang zur Wahrhaftigkeit und 
Unabhängigkeit. 

Ich verachte geltungsbedürftige Menschen, solche, die unbe¬ 
dingt dominieren wollen, die keine eigene Meinung haben, 
deren Ansichten ein Abklatsch fremder Urteile ist. Ich verachte 
materielle Menschen, Menschen die konventionell sind, Men¬ 
schen, die lügen, die voller Vorurteile und nicht bereit sind, alles 
was dazu geführt hat, nochmals zu überdenken.« 

Ein Privatleben, ein Leben, wie es sich eine junge Frau vorstellt, 
kannte Christine Schroeder in ihrer Zeit als Sekretärin Hitlers 
nicht. Nach einer nicht gerade schönen und freundlichen 
Jugend, fand sie auch später nicht die Ruhe und das Leben, wie 
es sich eine Frau wohl wünscht. Darin liegt vielleicht eine 
gewisse Tragik ihres Lebens, die sie prägte. 

Im Jahre 1938 hatte sich Frau Schroeder mit dem jugoslawi¬ 
schen Diplomaten Lav Alkonic 22 verlobt, obwohl sie wußte, daß 
dies bei Hitlers Einstellung zu Ausländern Folgen haben konnte 
und Hitler dieser Verbindung nie zustimmen würde. 23 Außer¬ 
dem hatte Alkonic Verbindung zu jugoslawischen Offiziers¬ 
kreisen und betrieb später in Belgrad zwielichtige Geschäfte. Er 
bezog sich dabei u. a. auf seine »Verbindung zur Reichskanzlei« 
in Berlin. Frau Schroeder wurde deswegen auch von der 
Gestapo 24 einvemommen und die Verlobung wurde 1941 ge¬ 
löst. 

Man mag hier anführen, daß es für die rd. 55 Millionen Opfer des 
Zweiten Weltkrieges, für die Menschen in den Gefängnissen 
und Konzentrationslagern des NS-Systems, auch keine Erfül¬ 
lung gab und daß diese mehr litten als eine Sekretärin Hitlers. 
Darüber gibt es wohl keine Diskussion. Aber als menschliches 
Schicksal, als Einzelwesen betrachtet, kommt man nicht 
umhin, festzustellen, daß für Frau Schroeder die Jahre neben 
Hitler verloren waren, daß sie sich im Grunde ihres Wesens dort 
nie glücklich fühlte, ihre Gesundheit durch das Leben in den 
feuchten und muffigen Bunkerräumen der Hauptquartiere und 



16 


Er war mein Chef 


der anschließenden Internierung stark angegriffen wurde. 
Gewiß, nur ein Schicksal unter Millionen anderer. 

Das Leben in der Nähe von Hitler war für Frau Schroeder 
geprägt durch ständige Präsenz, durch Reglements des Hofstaa¬ 
tes, die durch Hitler bestimmt wurden, und durch einen eng 
begrenzten Lebensraum in der Reichskanzlei, auf dem Berghof 
oder in den verschiedenen Führerhauptquartieren. Es waren 
immer die gleichen Menschen und Gesichter aus Hitlers Umge¬ 
bung, mit denen sie in der Klausur der Führerhauptquartiere- 
Generaloberst Jodl 25 bezeichnete sie in Nürnberg beim Kriegs¬ 
verbrecherprozeß als »eine Kreuzung von Kloster und Konzen¬ 
trationslager« - Zusammenleben mußte. Ohne richtige Aufgabe 
und Tätigkeit, gehörte sie zum engsten Kreis um Hitler, der für 
ihn wohl eine Art Ersatzfamilie war. Hitlers Laune entspre¬ 
chend, hörte sie in der Nacht, die zum läge wurde, seine endlo¬ 
sen, dozierten Monologe bei den Tfeestunden an, mit denen 
Hitler oft erst in der Morgendämmerung seinen Arbeitstag 
abschloß. 

In einer abschließenden Aufzeichnung zog Christine Schroeder 
ein Fazit, das als Resümee des Lebens einer Frau nicht gerade 
glücklich klingt: 

»Eine fünfzehnjährige Tätigkeit , davon drei Jahre in der Ober¬ 
sten SA-Führung (OSAF) und der Wirtschaftspolitischen Abtei¬ 
lung, dazwischen ein paar Wochen in der Reichsleitung der 
Hitler-Jugend und zwölf Jahre in der Persönlichen Adjutantur 
des Führers und Reichskanzlers , waren für mich eigen tlich eine 
fünfzehnjährige fast totale Abschirmung vom alltäglichen zivi¬ 
len und normalen Dasein. Ein Leben hinter Absperrungen und 
bewachten Zäunen, ganz besonders während der Kriegsjahre in 
den verschiedenen Führ er haupt quartieren.« 

Am 30. August 1941 schrieb sie an ihre Freundin Johanna Nus- 
ser 26 aus dem Führerhauptquartier »Wolfsschanze« 27 bei 
Rastenburg in Ostpreußen: 

»... hier im Gelände stoßen wir dauernd auf Posten , dauernd 
den Ausweis zeigen müssen , wodurch man sich höchst unfrei 
fühlt. Ich glaube , nach diesem Feldzug muß ich mich bemühen , 
recht viel mit stark lebensbejahenden Menschen , die außerhalb 
unseres Kreises leben , zusammen zu kommen, sonst werde ich 



Vorwort des Herausgebers 


17 


mit der Zeit menschenscheu und verliere den Kontakt mit dem 
wirklichen Leben. 

Vor einiger Zeit ist mir dieses Eingesperrtsein so ganz deutlich 
zum Bewußtsein gekommen, dieses Abgeschlossensein von der 
übrigen Welt. Ich bin im Gelände am Zaun entlang gegangen, 
immer wieder an Posten vorbei, und da stiegen mir mancherlei 
Gedanken auf ‘ daß es doch eigentlich immer so ist, wo wir auch 
sind, in Berlin, auf dem Berg 28 oder unterwegs, immer ist es 
derselbe abgegrenzte Kreis, immer derselbe Rundlauf. Und 
darin liegt doch eine große Gefahr und ein mächtiger Zwiespalt, 
in den man sich heraussehnt und dann, wenn man draußen ist, 
doch nichts mehr mit sich anzufangen weiß, weil man sich so 
ganz und gar auf dieses Leben konzentrieren muß, eben weil 
keine Möglichkeit zu einem Leben außerhalb dieses Kreises 
gegeben ist... 

Als zum engeren Stabe Hitlers gehörend«, schrieb Frau Schroe- 
der abschließend in ihren Aufzeichnungen weiter, »immer als 
>persona grata< behandelt, blieben alle kämpferischen Eigen¬ 
schaften eines privaten Lebens unterentwickelt. Und wie sehr 
wären sie in der Situation bei Kriegsende, beim Zerfall des 
Dritten Reiches und während der nachfolgenden dreijährigen 
Internierung in Lagern und Gefängnissen notwendig gewesen. 
In solchem Zustand, vergleichbar einem Ei ohne Schale, wurde 
ich in der Nacht vom 20. auf 21. April 1945 von Adolf Hitler 
zusammen mit meiner älteren Kollegin Johanna Wolf 29 verab¬ 
schiedet und angewiesen, Berlin zu verlassen, einem dunklen, 
ungewissen Schicksal entgegengehend, von dem ich nicht 
ahnte, daß sich in ihm diese vergangenen 15 Jahre und die noch 
vor mir liegenden 3 Jahre der Internierung zu einer physischen 
und psychischen Belastung auswachsen würden, die mich Zeit 
meines Lebens nicht mehr verlassen haben. Meine Vergangen¬ 
heit hat mir viel Distanz abverlangt, und zwar schon damals, als 
die Vergangenheit noch Gegenwart war. Und sie tut es heute 
noch in viel härterem Maße!« 


München, im Juni 1985 


Anton Joachimsthaler 




Genesis des Zoller’schen Buches 
>Hitler privat< 


In vielen zeitgeschichtlichen Büchern wurden immer wieder 
Passagen des Zoller-Buches >Hitler privat< zitiert. In seiner 
Einleitung zu dem Buch >Hitlers Zweites Buch< (Deutsche Ver¬ 
lagsanstalt, Stuttgart 1961) erwähnt Gerhard L. Weinberg 
(Seite 15, 18 und 19) den quellenhistorischen Wert des Zoller- 
Buches und schreibt u. a. folgendes: »Auch Zollers Buch bedarf 
einer quellenkritischen Untersuchung, die sich hier aber auf die 
angeführte Stelle beschränken muß.« In der folgenden Anmer¬ 
kung wird weiter ausgeführt: »Der Herausgeber teilt die 
Ansicht Trevor Ropers, daß dies [das Zoller-Buch] nicht ohne 
Wert ist. So werden z. B. Einzelheiten, wie der angebliche Para¬ 
typhus des Fotografen Hoffmann 30 (S. 275) und die nicht¬ 
arische Abstammung einer der Köchinnen Hitlers 31 (S. 135) 
durch die jetzt zugänglichen Morell-Akten belegt.« 

Im Vorwort des Buches >Hitlers Weg zum Krieg< läßt sich David 
Irving über die Unzuverlässigkeit mancher Bücher und Quellen 
aus und schreibt: »Die Memoiren einer Sekretärin Hitlers... 
>Hitler privat< betitelt, im Jahre 1949 von Albert Zoller in 
Düsseldorf herausgegeben, sind (gleichermaßen) nicht zuver¬ 
lässig; die betreffende Sekretärin - Christine Schroeder die 
im Gewahrsam der Alliierten ein Manuskript hatte verfassen 
müssen, bestreitet energisch die Urheberschaft von vielem, das, 
ohne ihr Wissen und Einverständnis in dem Buch veröffentlicht 
worden ist.« 

Was ist nun an dem Zoller-Buch wahr und von wem sind die 
Ausführungen und wie ist es entstanden? Diese Fragen will ich 
beantworten. 

Dem Buch >Hitler privat<, mit dem Untertitel, >Erlebnisbericht 
seiner Geheimsekretärin<, liegen tatsächlich meine Verneh¬ 
mungen und Aufzeichnungen von 1945 zugrunde. In den ersten 
lägen meiner Internierung wurde ich in dem Augsburger Inter- 



Genesis des Zoller’schen Buches >Hitler privat< 


19 


nierungslager der 7. Amerikanischen Armee mit einem Capi- 
taine konfrontiert, der als Interrogater fungierte. 32 Er mag 
damals Mitte 40 gewesen sein, war Franzose, in der amerikani¬ 
schen Armee und sprach ein ausgezeichnetes Deutsch mit 
elsässischem Akzent. Er gab sich sehr jovial und hob sich, von 
der sonst auf mich so bedrohlich wirkenden Atmosphäre (vor 
jeder Tür, auf jedem Treppenabsatz standen wild die Augen 
rollende Portoricaner mit aufgepflanztem Bajonett), in erfreu¬ 
lich-sympathischer Weise ab. 

Dieser Capitaine Bernhard, so nannte er sich damals, zeigte 
viel Entgegenkommen. Er hörte teilnahmsvoll zu, als ich ihm 
eines Täges, noch aufgewühlt von dem, was sich gerade ereig¬ 
net hatte, erzählte, daß heute früh ein Amerikaner gekommen 
sei und allen Schmuck von mir verlangt hätte. Auf meine Erwi¬ 
derung, daß ich keinen habe, zeigte dieser Amerikaner auf 
meine Perlohrringe: »Und was ist das?« Ich mußte es ihm aus¬ 
händigen. 

Capitaine Bernhard bekundete für meine Empörung Verständ¬ 
nis. Er unternahm zwar nichts, um mich wieder in den Besitz 
meiner Ohrringe zu bringen, erbot sich aber, meinen übrigen, 
in einem kleinen Lederbeutel am Körper versteckten Schmuck 
sowie mein restliches Geld (ein paar tausend Reichsmark) und 
einen Leinenumschlag mit rd. 100 Skizzen von Adolf Hitler, 
die ich am Berghof vor der Vernichtung gerettet hatte, 33 in 
Verwahrung zu nehmen. Zoller hat später einen Tteil dieser 
Skizzen in seinem Buch veröffentlicht. 

Capitaine Bernhard begann dann mit langen mündlichen Ver¬ 
nehmungen: Auf welche Weise ich zu meiner Tätigkeit gekom¬ 
men sei, wie Hitler diktiert hätte, seine Gespräche, warum er 
nicht rauchte, warum er nicht trank, über seine Lebensweise, 
seine Einstellung zu seinen engsten Mitarbeitern, sein Verhält¬ 
nis zu seiner verstorbenen Nichte Geh Raubal, 34 seine Bezie¬ 
hung zu Eva Braun und vieles mehr. 

Er erschien alle paar läge. Eines Morgens erteilte er mir den 
Auftrag, alles schriftlich niederzulegen. 35 Er war nett zu mir. 
Hin und wieder brachte er mir ein Päckchen Zigaretten mit, 
einmal auch eine Flasche Kognak. In der trostlosen Monotonie 
des Eingesperrtseins und unter den deprimierenden Umstän- 



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Er war mein Chef 


den, war er durch sein menschliches Verhalten so etwas wie ein 
Lichtblick für mich. 

Ich schrieb also die verlangten Auskünfte nieder, klar, korrekt, 
knapp gefaßt und im stillen hoffend, ihn dadurch beeinflussen 
zu können, sich für meine baldige Freilassung einzusetzen. Im 
Lager war es damals schon zu der Entlassung einiger Internier¬ 
ter gekommen. 

Eines Täges meinte er: »Hoffentlich müssen Sie nicht auch nach 
Nürnberg als Zeugin für den Prozeß!« Meine Kollegin Johanna 
Wolf und die Sekretärinnen von Ribbentrop 35 *, Ley 35b sowie 
Minister Frank 35 * seien bereits schon seit acht lägen dort. 
Offensichtlich wußte Capitaine Bernhard bereits, was mir 
bevorstand und daß ich für mehrere Jahre in der Versenkung 
verschwinden würde. Er nannte mir eine Deckadresse, an die 
ich mich nach meiner Entlassung wegen Rückgabe der ihm 
übergebenen Gegenstände aus der Internierung wenden sollte. 
Bis dahin vergingen drei lange Jahre. Im Mai 1948 wurde ich im 
Lager Ludwigsburg entnazifiziert und bald darauf nach 
Hoheneck bei Ludwigsburg entlassen. Ich verständigte nun 
Capitaine Bernhard von meinem Aufenthalt. Kurze Zeit darauf 
kreuzte er in Hoheneck, buchstäblich nur auf der Durchfahrt, 
auf. Er hatte es sehr eilig und stieg nicht einmal aus dem Auto, 
weil er eine Dame bei sich hatte. Er reichte mir aus dem Auto 
heraus meinen Lederbeutel mit dem Schmuck. Das ihm anver¬ 
traute Geld sei ihm abgenommen worden, »... man hätte mich 
beinahe als Devisenschieber festgenommen«, sagte er. Von den 
rd. 100 Zeichnungen Hitlers in dem Leinenbeutel, gab er mir 
nur ca. 50 Stück zurück, die anderen hat er behalten. Capitaine 
Bernhard nannte sich jetzt übrigens Albert Zoller. 

1949 unterrichtete er mich, daß er beabsichtige, meine seiner¬ 
zeitigen Aufzeichnungen unter meinem Namen zu veröffentli¬ 
chen. Da mir Zoller das Manuskript trotz mehrmaliger Bitten 
nicht überließ, lehnte ich die Verwendung meines Namens ab. 36 
So erschien 1949 eine französische Ausgabe des Zoller-Buches 
unter dem Titel: »Douze ans auprös d’Hitler« im Verlag Libraire 
Arthöme Fayard, 18-20, Rue du Saint-Gothard, Paris 1949, und 
kurze Zeit später in deutscher Übersetzung: »Hitler privat«, bei 
einem Düsseldorfer Verlag. Obwohl es nie eine Geheimsekretä- 



Genesis des Zoller’schen Buches >Hxtler privat< 


21 


rin gegeben hatte, wählte Zoller den Untertitel: »Erlebnisbe¬ 
richt einer Geheimsekretärin.« 

Zoller respektierte und umging meinen Einspruch gleicherma¬ 
ßen. Er ließ zwar meinen Namen weg, brachte aber im Vorwort 
eine so prägnante Schilderung meiner Person und Tätigkeit, 
daß bei Eingeweihten über die Identität kein Zweifel bestehen 
konnte. Zollers Buch erweckte den Eindruck, als sei es in dieser 
Form in meinem Beisein bzw. mit meinem Einverständnis 
geschrieben worden. 

In Wirklichkeit fand ich meine sachlich abgefaßt gewesenen 
Aufzeichnungen der Zeit entsprechend kommentiert vor. Es 
waren Worte eingefügt, die ich nie verwendet hatte. Durch die 
Übersetzung ins Französische und dann zurück ins Deutsche, 
hatten sich Wortprägungen ergeben, die nicht in meinem Sinne 
waren. Außerdem wurden mir aber auch Sachen in den Mund 
gelegt, von denen ich gar nichts gewußt hatte. So z. B. Dinge 
militärisch-technischer Art, Gespräche bei Lagebesprechungen 
usw. 37 

Mir war sofort klar, daß diese Aussagen von anderen, im Inter¬ 
nierungslager Augsburg inhaftierten Prominenten stammen 
müssen, die Zoller ebenfalls als Interrogater einvemommen 
hatte. An dem Wahrheitsgehalt dieser Informationen zweifelte 
ich nicht, nur wären sie eben nicht von mir. 38 
Ich war erschrocken, als ich das Buch las, da ich damals noch 
völlig unerfahren mit den Gepflogenheiten derartiger »geistiger 
Raubritter« war. Ich stellte fest, daß die von mir absolut sach¬ 
lich dargestellten Aufzeichnungen nicht nur an Umfang zuge¬ 
nommen, sondern auch z.T. stilistisch eine Umwandlung auf 
Illustrierten-Niveau erfahren hatten. Ich war erschrocken über 
das, was hier als von mir kommend deklariert vor mir lag, so daß 
ich es weit weg schob, daß ich es als nicht existent zu ignorieren 
versuchte. 

Krank aus dem Internierungslager in die Freiheit zurückge¬ 
kommen, völlig alleinstehend und bar jeglichen Besitzes, ich 
hatte in Berlin alles verloren, konzentrierten sich alle meine 
Gedanken auf das nackte Überleben. Der Vertrieb des Buches 
währte nicht lange und wurde - so glaube ich jedenfalls von 
Herrn Zoller seinerzeit gehört zu haben - von Regierungsseite 



22 


Er war mein Chef 


unterbunden. Ich habe damals angeblich 50% der Einnahmen 
von Herrn Zoller erhalten. Ich hatte aber keine Möglichkeit, mir 
darüber einen Einblick zu verschaffen und kann mich auch 
nicht mehr erinnern, wieviel ich von Zoller bekommen habe. 
Dies ist aber auch jetzt wohl ohne Belang für den Fall. 
Aufgrund der damals gemachten Erfahrungen habe ich alle 
späteren Versuche von Herrn Zoller, daß ich an einem neuen 
Buch mitarbeiten möchte, abgelehnt. Die letzte Anfrage dieser 
Art erfolgte im Februar 1963, die ich genau wie alle anderen von 
verschiedenen Seiten an mich ergangenen Aufforderungen, ein¬ 
deutig ablehnte. 

In den folgenden Jahren ließ ich Briefe von Journalisten und 
Historikern, die mich auf das Buch hin ansprachen, unbeant¬ 
wortet. Auch den Brief von dem englischen Journalisten Hein¬ 
rich Fraenkel, der u. a. schrieb: »Ich würde es nicht für eine 
Anstandspflicht Ihnen gegenüber halten, sondern auch für eine 
Pflicht der zeitgeschichtlichen Forschung gegenüber..., die 
wahre Genesis dieses immerhin in der zeitgeschichtlichen Lite¬ 
ratur sehr viel zitierten Werkes zu erklären. Aber dafür brauche 
ich natürlich Ihre Erklärung der wirklichen Vorgänge.. .usw.« 
Ich sah inzwischen in allem Journalistischen eine Vermarktung 
und schwieg deshalb. Ein paar Jahre später brachte eine im 
»Corriere della Sera< erschienene Serie, betitelt »Christa Schroe- 
der exklusive Bewegung in meine Erstarrung. Ich vermutete, 
daß der italienischen Artikelserie das Zoller’sche Buch zu¬ 
grunde lag. Auf jeden Fall habe ich Herrn Zoller am 26. Januar 
1964 mitgeteilt, daß ich Kenntnis von dieser Artikelserie hätte, 
und ihm somit Gelegenheit geboten, sich dazu zu äußern, was 
dieser jedoch nicht tat. 

Jeder Ausgabe der Wochenendausgabe war ein Foto vorange¬ 
stellt, das im Jahre 1939, in der Nacht 39 bei der Ankunft Adolf 
Hitlers im Prager Hradschin, aufgenommen war. Ich hatte das 
Foto bis dahin noch nicht gesehen. Es zeigte mich hinter der 
Schreibmaschine stehend in Erwartung, ob das bereits Ge¬ 
schriebene, das im gleichen Moment von Innenminister Frick 40 
vorgelesen wurde, noch einer Änderung bzw. Ergänzung 
bedürfe. Anwesende wichtige Personen auf dem Foto waren 
noch Minister Lammers 41 und Staatssekretär Stuckart. 42 




Genesis des Zoller’schen Buches >Hitler privat< 


23 


Diese Geschäftemacherei mit meinem Namen ging mir nun 
doch zu weit, und ich griff die Sache auf. Aber ich griff ins 
Dunkle! Der >Corriere della Sera<, den ich um Aufklärung bat, 
verwies mich an eine Mailänder Agentur, diese wiederum an 
eine solche in Paris. Ich kam nicht weiter. Ein einer meiner 
Freundinnen bekannter Rechtsanwalt sagte, »... daß man einer 
Frau wie Sie helfen muß«. Also stellte ich ihm alle Unterlagen 
zur Verfügung. Doch sein Angebot war keineswegs so altrui¬ 
stisch, wie es mir am Anfang erschien, sondern, wie der Rechts¬ 
anwalt später freimütig bekannte, sehr realer Natur. Er hoffte, 
für ähnlich gelagerte Fälle praktische Erfahrungen sammeln zu 
können. 

Er schrieb an Gott und die Welt. An alle Zeitungen und Illu¬ 
strierten, die irgendwann einmal angebliche Äußerungen von 
mir zitiert hatten. Auch an den ehemaligen Psychiater des 
Nürnberger Gefängnisses, Dr. Kelley. Dieser hatte inzwischen 
ein Buch, >22 Männer um Hitlers herausgegeben, in dem er 
einen, unter falschen Angaben von mir geschriebenen Aufsatz 
über Adolf Hitler brachte, den er als die beste Charakterisie¬ 
rung Hitlers, die je in die Geschichte eingehen würde, bezeich- 
nete. 

Aber vergebens. Mr. Kelley hatte sich inzwischen das Leben 
genommen. Der Rechtsanwalt kam nicht weiter, als auch ich 
bereits selbst gekommen war. Im Gegenteil, statt zu klären, 
stiftete er noch mehr Verwirrung. Er hatte der Pariser Agentur 
zugesagt, mich zu einem Interview von einer Stunde zu veran¬ 
lassen. 50000 Fr. sollte ich damals dafür bekommen. Ich sagte: 
»Ich will keine 50000 Fr., ich will, daß der Initiator dieser Serie 
namhaft gemacht wird.« Dieser war jedoch nicht auffindbar. 
Der Aufklärungsversuch verlief also nicht nur völlig negativ, 
sondern machte mich auch noch um vier Zeichnungen Hitlers 
ärmer, die ich dem Rechtsanwalt überließ. 

Erst die Argumente von Eduard Baumgarten, Professor für 
Soziologie und Philosophie an deutschen und amerikanischen 
Universitäten, aktivierten mich wieder in der Angelegenheit 
tätig zu werden. Er schrieb mir am 11. März 1974 u. a.: »... Die¬ 
ser Mann [Zoller] mag sich hie und da in Ihrem Bericht - ihn 
etwas ändernd - eingemischt haben. Ohne Einmischung von 



24 


Er war mein Chef 


seiner Seite konnte es natürlich nicht von ihm niedergeschrie¬ 
ben werden... Aber den Kern hat er nicht berührt, so scheint es 
mir. Im Kern ist es doch der Bericht einer Frau, die, erschrok- 
ken, aber doch noch im Schrecken sich ruhig und gewissenhaft 
besinnend, den Menschen, in dessen merkwürdiger Nähe sie so 
lange gearbeitet und gelebt hat, ins Gedächtnis zurückrief. 
Kurzum, ich bin Ihnen, Ihrer Person, sehr dankbar, gesonnen 
dafür, daß Sie geholfen haben, ein menschlisches Porträt aufzu¬ 
bewahren, wie es nur von einem Menschen stammen konnte, der 
diesen anderen Menschen wirklich aus der Nähe und in vielen 
Situationen und immer verständnisvoll zugleich, aber mit eige¬ 
ner persönlicher Distanz und freiem eigenen Urteil (und voller 
Besinnlichkeit) gekannt hat.« 

Da immer wieder neue Bücher erschienen und darin oft auf das 
Zoller-Buch Bezug genommen wurde, regte mich diese Analyse 
von Prof. Baumgarten an, über meine Jahre in Hitlers Nähe mit 
eigenen Worten zu berichten und Lügen und Entstellungen, 
auch in anderen »Werkern, aufzugreifen bzw. zu bereinigen. So 
entschloß ich mich, meinen Bericht, als Unterlage dienten mir 
meine stenographischen Aufzeichnungen aus der Internierung 
und meine Passagen im Zoller-Buch, ohne jede Hilfe von Histo¬ 
rikern und Journalisten zu erstellen. 



Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


Ich wollte als junges Mädchen Bayern kennenlemen. Da sei es 
ganz anders, sagte man in Mitteldeutschland, wo ich aufge¬ 
wachsen und 22 Jahre meines Lebens zugebracht hatte. So 
traf ich im Frühling 1930 in München ein und begab mich auf 
Stellungssuche. Die wirtschaftliche Lage in München hatte 
ich vorher allerdings nicht studiert. Ich war deshalb über¬ 
rascht, daß es nur wenige freie Stellen gab und München den 
schlechtesten Großhandelstarif hatte. Die Arbeitslosigkeit, 
die bald die Siebenmillionengrenze erreichen sollte, machte 
sich in München damals besonders ungünstig bemerkbar. 
Zunächst schlug ich einige Angebote aus und hoffte, es 
könnte noch etwas Günstigeres auf mich zukommen. Aber 
bald wurde meine Lage brenzlig, meine kleinen Ersparnisse 
schmolzen merklich zusammen. Da ich meine vorhergehende 
Stellung bei einem Rechtsanwalt in Nagold, die ich sozusagen 
als Sprungbrett nach Bayern benutzte, auf eigenen Wunsch 
verlassen hatte, bestand auch kein Anspruch auf Arbeits¬ 
losenunterstützung. 

Als ich dann auf eine unscheinbare kleine Anzeige, die unter 
Chiffre in den >Münchner Neuesten Nachrichten« erschienen 
war, antwortete, ahnte ich nicht, daß ich damit das größte 
Abenteuer einleitete, das mein Leben fortan bestimmen sollte 
und dessen Auswirkungen ich auch heute noch nicht abzu¬ 
schütteln vermag. 

Zur Vorstellung wurde ich von einer mir völlig unbekannten 
Organisation, der >Obersten SA-Führung< (OSAF), in die 
Schellingstraße gebeten. In dieser damals eigentlich recht 
öden Straße, mit nur wenigen Geschäften, befand sich im 
Hause Nr. 50 im Rückgebäude die Reichsleitung der NSDAP 
und in der vierten Etage unterm Dach die Oberste SA-Füh- 
rung. Ehemals hatte in diesen Räumen der spätere Fotograf 



26 


Er war mein Chef 


Hitlers, Heinrich Hoffmann, 43 seine skurrilen Filme hergestellt. 
Nun saßen in dem früheren Atelierraum, das ein riesengroßes 
schräges Atelierfenster hatte, der Oberste SA-Führer, Franz 
Pfeffer von Salomon 44 , und sein Stabschef, Dr. h.c. Otto Wa- 
gener. 45 

Später erfuhr ich, daß ich die letzte von 87 Bewerberinnen 
gewesen war, die zur Vorstellung kamen. Daß die Wahl auf mich 
fiel, ich war weder Mitglied der NSDAP 46 noch an Politik 
interessiert und Adolf Hitler war mir unbekannt, mag daran 
gelegen haben, daß ich, obwohl erst 22 Jahre alt, mich schon 
einige Jahre als Stenotypistin bewährt hatte und gute Zeugnisse 
besaß. Außerdem hatte ich einige Diplome vorzuweisen, die 
aussagten, daß ich bei stenographischen Wettschreiben öfters 
den 1. Preis erhalten hatte. 

Es war ein sehr militärisch anmutender Betrieb oben unter dem 
Dach. Ein ewiges Kommen und Gehen von hochgewachsenen 
schlanken Männern, denen man den ehemaligen Offizier ansah. 
Es befanden sich nur wenige Bayern unter ihnen, im Gegensatz 
zu den in den unteren Etagen des Hauses tätigen, in den anderen 
Dienststellen der NSDAP. Das waren vorwiegend kernige Bay¬ 
ern. Mir erschienen die Männer in der OSAF wie eine Elite- 
TY-uppe. Und damit lag ich wohl auch richtig. Die meisten waren 
Baltikumkämpfer gewesen. 47 

Der eleganteste und schneidigste von ihnen war der Oberste 
SA-Führer, Hauptmann a. D. Franz Pfeffer von Salomon. Nach 
dem Ersten Weltkrieg war er Freikorpskämpfer im Baltikum, in 
Litauen, Oberschlesien und an der Ruhr gewesen. 1924 wurde er 
Gauleiter der NSDAP in Westfalen und dann an der Ruhr. 
Hauptmann a. D. Fritz Pfeffer von Salomon, ein Bruder von 
Franz Pfeffer, der beinamputiert und frühzeitig ergraut war, 
fungierte als Ha (Personalchef). 

1926 betraute Hitler Franz Pfeffer von Salomon mit der Auf¬ 
gabe, die SA-Männer aller Gaue zentral zu erfassen. Anfangs 
hatte jeder Gauleiter »seine SA< und auch eigene Vorstellun¬ 
gen. 48 Viele fühlten sich als kleiner Hitler, was der Einheit der 
Bewegung sicher nicht dienlich war. Da Hitler sich ja bei allen 
Entscheidungen vom >Nützlichkeitsgrad< leiten ließ, machte er 
es zweckmäßig, die Gauleiter durch die zentrale Zusammenfas- 



Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


27 


sung der SA ein wenig zu dämpfen. Ein kluger Schachzug, sah 
er doch in der SA das Schwert für die Durchsetzung der politi¬ 
schen Weisungen der Partei. 

Damit sich der Kampf um die SA aber nicht zwischen Hitler und 
den Gauleitern abspielte, übertrug er diese keineswegs erfreuli¬ 
che Aufgabe dem Hauptmann Pfeffer. Dieses Sich-Heraushal- 
ten war eine später von Hitler oft praktizierte, kluge Entschei¬ 
dung gewesen. Die Gauleiter nahmen natürlich die Machtbe¬ 
schneidung sehr übel, kreideten sie Franz Pfeffer von Salomon 
persönlich an und hetzten Verdächtigungen ausstreuend, stän¬ 
dig bei Hitler gegen ihn. 49 Hitler nahm diese, von ihm richtig 
vorausgesehenen und von ihm abgelenkten Schwierigkeiten 
sicherlich innerlich schmunzelnd zur Kenntnis. 

Im August 1930 mußte Hitler anscheinend dem Druck der 
Aufwiegler nachgeben und Pfeffer opfern, was er aber allem 
Anschein nach nicht ungern tat. Bei dieser Gelegenheit über¬ 
nahm Hitler auch selbst gleich die Oberste SA-Führung. Er war 
dem ihm nicht angenehmen Pfeffer auf elegante Weise losge¬ 
worden, der dann im August 1930 auch seinen Rücktritt er¬ 
klärte. 

Franz Pfeffer von Salomon war eine kritische Persönlichkeit. 
Dieses festzustellen hatte ich öfters Gelegenheit. Eines Thges 
sah ich z. B. auf seinem Schreibtisch einen >Völkischen Beob¬ 
achten liegen, der ein Foto von Hitler zeigte. Pfeffer hatte 
versucht, mit Bleistiftstrichen die salopp und leger fallende 
Uniformjacke Hitlers in eine schlanke, taillierte Form zu brin¬ 
gen. Dem gepflegten schlanken Pfeffer schien Hitlers Figur und 
die Art, wie er sich kleidete, ganz offensichtlich nicht zu gefal¬ 
len, wie vieles andere wohl auch nicht. 

Stabschef der OSAF war Hauptmann a. D. Dr. h. c. Otto Wage- 
ner. Ein ehemaliger Generalstäbler und Freikorpskämpfer, wie 
Pfeffer aus vermögendem Haus, der erfüllt war von dem Bestre¬ 
ben, an dem Wiederaufbau Deutschlands mit zu arbeiten. Er 
hatte einen Direktorenposten in der Wirtschaft aufgegeben und 
war auf Veranlassung seines Kameraden Pfeffer dem Ruf Hit¬ 
lers zur Mitarbeit gefolgt. 50 

Dr. Wagener verfügte über große Erfahrungen auf vielen wirt¬ 
schaftlichen Gebieten und hatte Vorlesungen an der Universität 



28 


Er war mein Chef 


in Würzburg gehalten. Er war ein universalgebildeter Mann mit 
weitreichenden Beziehungen zu Politikern, Industriellen und 
zum Adel, was sich in der sehr umfangreichen Korrespondenz, 
die ich für ihn zu schreiben hatte, niederschlug. Dr. Wagener 
gab während seiner Tätigkeit als Stabschef des OSAF auch die 
>Wirtschaftspolitischen Briefe< heraus, deren Länge und Ver¬ 
vielfältigung mir damals viel Arbeit verursachte. 

Meine Arbeit für Dr. Wagener wurde gegen Ende 1930 ein paar 
Wochen unterbrochen, als dieser auf Hitlers Anordnung im 
September 1930 die Leitung der SA bis zum Eintreffen des von 
Hitler aus Bolivien zurückgerufenen Hauptmanns a. D. Emst 
Rohm übernahm. 51 

Emst Rohm 52 wurde als Sohn eines Eisenbahnoberinspektors 
in München geboren. 1908 wurde er Offizier und erlebte im 
Weltkrieg die erste große Schlacht bei Flaival. Dreimal wurde 
er schwer verwundet, ein Geschoßsplitter riß ihm das Oberteil 
der Nase weg. 1919 als Reichswehrhauptmann in München 
tätig, traf er mit Hitler zusammen. Rohm war als Verbindungs¬ 
mann zur Reichswehr ein wichtiges Mitglied der NS-Bewegung 
und Duzfreund Hitlers. Wegen seiner Mitwirkung am Putsch 
1923 aus der Reichswehr entlassen, war er 1924 schon wieder in 
der Deutsch-völkischen Freiheitspartei tätig (Reichstagsabge¬ 
ordneter) und organisierte den NS-Wehrverband >Frontbann<, 
dessen Führung er allerdings nach Hitlers Rückkehr aus Lands¬ 
berg niederlegen mußte. Ende 1928 ging er als Militärinstruk¬ 
teur im Range eines Oberstleutnants im Generalstab nach La 
Paz (Bolivien). 1930 rief ihn Hitler zurück und bot ihm die 
Führung der SA an. 

Ich war dann ein paar Wochen in der Reichsleitung der Hitler 
Jugend tätig, die damals in einer Privatwohnung untergebracht 
war, 53 was ich nach der lebhaften Tätigkeit bei der OSAF fast 
wie eine Strafe empfand. Als Dr. Otto Wagener am 1. Januar 
1931 Leiter des Wirtschaftspolitischen Amtes der NSDAP 
(WPA) wurde, forderte er mich wieder als Sekretärin an. Die 
Diensträume des WPA mit den verschiedenen Unterabteilun¬ 
gen für Handel, Gewerbe und Landwirtschaft befanden sich in 
dem zum >Braunen Haus< 54 umgebauten Barlow-Palais in der 
Briennerstraße Nr. 54, gegenüber der Nuntiatur. 



Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


29 


Dr. Wagener diktierte mir damals u.a. lange Berichte über 
stattgehabte Unterredungen, ohne die Namen der Gesprächs¬ 
partner zu erwähnen. Auch unternahm er des öfteren Reisen, 
um nach seiner Rückkehr Aktennotizen zu diktieren, die in 
seinem Schreibtisch verschwanden. Oft ärgerte ich mich über 
diese, wie mir damals schien, unnötige Schreiberei. Außerdem 
sah mir dies oft nach einer gewissen Geheimniskrämerei aus. 
Erst als ich im Jahr 1978 die »Aufzeichnungen eines Vertrauten, 
Dr. h. c. Wagener, 1929-1932<, die von H. A. 'Rimer jr. herausge¬ 
geben wurden, sah, durchzuckte mich die Erkenntnis wie ein 
Blitz. Der geheimnisvolle Partner Wageners, sowohl auf den 
Reisen wie bei den Gesprächen, war Adolf Hitler gewesen. Seine 
anderen Gesprächspartner 55 waren Franz Pfeffer von Salomon 
und Gregor Strasser. 56 Dr. Wagener, Franz Pfeffer v. Salomon 
und Gregor Strasser fanden m. E. das seherische Genie in Hitler 
einzigartig. Sie erkannten aber auch die Gefahr einer solchen 
Genialität, die, verstärkt durch die suggestive Kraft seiner 
Beredsamkeit, fast jeden Menschen in seinen Bann zog. Diese 
drei, weit über dem Durchschnitt stehenden Männer, waren 
sich wohl darüber einig, daß sie die Gelegenheit der häufigen 
und langen Besprechungen nutzend, Hitlers Unfehlbarkeit 
durch Gegenfragen und Einwände so zu sagen prüften, was 
Hitler sicher nicht angenehm war. Und da Hitlers Intuitionen 
an sich nicht mit Logik zu bekämpfen waren, weil sie aus einer 
seherischen Vorstellung heraus entstanden, aber einer logi¬ 
schen Basis entbehrten, hat er sie als Nörgler und Besserwisser 
und als unbelehrbar empfunden und mit der Zeit abgelehnt. 
Wie folgerichtig Wagener, Strasser und Pfeffer ihr Schicksal 
vorausgeahnt hatten, ist ja später eingetreten. Der OSAF Franz 
Pfeffer von Salomon wurde bereits im August 1930 seines 
Amtes als OSAF enthoben und kaltgestellt. Bei Gregor Strasser 
führten Ende 1932 Verhandlungen über eine ihm von Schlei¬ 
cher 57 angetragene Vizekanzlerschaft, die er vor Hitler geheim¬ 
gehalten haben soll, zum Zerwürfnis mit Hitler. 1934 kam er 
beim Röhmputsch »versehentlich ums Leben. Dr. Otto Wagener 
zog 1932 nach Berlin und wurde im Sommer 1933 von allen 
seinen Ämtern enthoben. Angeblich wollten ihn seine engsten 
Mitarbeiter als Wirtschaftsminister sehen. Ich hörte nie wieder 



30 


Er war mein Chef 


etwas von Dr. Wagener. Kein Wunder, daß kaum jemand seinen 
Namen kennt, nachdem er sich auch nie hervorgedrängt hatte 
und nach 1933 offensichtlich nicht mehr erwünscht war. Wahr- 
scheinlich waren Dr. Wagener, Pfeffer und Strasser zu starke 
eigenständige Persönlichkeiten und deshalb für Hitler unbe¬ 
quem. Jedenfalls wurde nach der Machtergreifung Hitlers über 
keinen der drei Männer mehr gesprochen. 

Nur einem, der damals auch in der OSAF tätig war, ist ein 
kometenhafter Aufstieg beschieden worden, Martin Bormann. 58 
Ihm gilt noch heute das Interesse von Autoren und Historikern. 
Die schlechtesten Eigenschaften wurden ihm angedichtet, da 
alle Entscheidungen, die er durchführte, >nur ihm allein< ange¬ 
lastet wurden. Dies nicht nur von Journalisten und Historikern, 
sondern vor allem auch durch die überlebenden Führer der 
NSDAP, Gauleiter, Minister und auch von Leuten aus der 
Umgebung von Hitler, die es eigentlich hätten besser wissen 
müssen. 

Martin Bormann war einfach einer der ergebensten und treue¬ 
sten Untertanen Hitlers, der oft rücksichtslos, manchmal auch 
brutal, für die Durchführung der ihm von Hitler erteilten 
Anordnungen und Befehle sorgte. So gesehen erlitt Martin 
Bormann ein ähnliches Schicksal wie Franz Pfeffer von Salo- 
mon. Laufende Anfeindungen von seiten der Gauleiter, Mini¬ 
ster, Parteigrößen u. a. waren die Regel. 

Damals im Frühjahr 1930 in der OSAF war Martin Bormann 
noch unbelastet von den tiefgreifenden und unangenehmen 
Aufträgen Hitlers, die er später erhielt. Bormann fiel keines¬ 
wegs irgendwie auf. Er hatte Gerda Buch, 59 die schöne Tochter 
des Parteirichters Major a. D. Walter Buch 60 geheiratet, der als 
Reichs-USCHLA 61 in der NSDAP großes Ansehen und das 
Vertrauen Hitlers genoß. Buch war aktiver Offizier und dann 
Lehrer an einer Unteroffiziersschule gewesen. Im Ersten Welt¬ 
krieg war er Rgt.-Adjutant und später Kommandeur einer MG- 
Scharfschützenabteilung. 1918 übernahm er als Kommandeur 
ein Offiziers-Aspiranten Btl. in Döberitz. Nach dem Krieg 
nahm Buch als Major seinen Abschied und schloß sich der 
NSDAP an. 1925 wurde er Vorsitzender des »Untersuchungs¬ 
und Schlichtungsausschusses der NSDAP<, kurz USCHLA 



Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


31 


genannt. Diese Position erforderte viel Verständnis für mensch¬ 
liche Unzulänglichkeiten, sehr viel Thkt, Energie und Autorität. 
Er war prädistiniert für dieses Amt, da sein Vater Senatspräsi¬ 
dent am Oberlandgericht in Baden war. Mit seinem schmalen 
Gesicht, seiner hochgewachsenen schlanken Figur wirkte er 
immer sehr elegant. Hitler hatte auch an der Heirat von Buchs 
Tbchter mit Martin Bormann teilgenommen, was dem Ansehen 
Bormanns natürlich sehr förderlich gewesen war. 

In der OSAF leitete Martin Bormann die von Dr. Wagener ins 
Leben gerufene SA-Versicherung, die später >Hilfskasse der 
NSDAP< 62 genannt wurde. In dieser Versicherung waren alle 
SA-Männer versichert. Bei Versammlungen kam es häufig zu 
Saal- und Straßenschlachten, die oft mit Körperverletzungen 
endeten. Die Versicherung hatte sich als notwendig und nütz¬ 
lich erwiesen. Alles, was mit dieser Versicherung im Zusam¬ 
menhang stand, war eine an und für sich primitive Tätigkeit, die 
die Schaffenskraft eines Martin Bormanns nicht ausfüllte. Erst 
mit Beginn seiner Tätigkeit im Stabe des Stellvertreters des 
Führers, gelang es Bormann später, seine außerordentlichen 
Fähigkeiten, die er zweifellos hatte, unter Beweis zu stellen. 63 
Im Laufe der dreißiger Jahre nahm seine Karriere einen steilen 
Aufstieg. Vom Stabsleiter bei Rudolf Heß stieg er zum Reichs¬ 
leiter der NSDAP und dann bis zum Sekretär Hitlers auf. Den 
ungeheuren Fleiß, der ihn auszeichnete, 64 verlangte und erwar¬ 
tete er auch von den Angehörigen seines Stabes, was ihn dort 
auch nicht sehr beliebt machte. »Beeilung, Beeilung«, wurde zu 
einem geflügelten Wort von ihm. Hitler, immer voll des Lobes 
über Martin Bormann, sagte einmal: »Wozu andere einen gan¬ 
zen Tag benötigen, das schaffe ich mit Bormann in zwei Stun¬ 
den, und er vergißt nie etwas!« »Bormanns Verträge«, so sagte 
er, »sind so präzise ausgearbeitet, daß ich nur ja oder nein zu 
sagen brauche. Mit ihm erledige ich in zehn Minuten einen 
Haufen Akten, für den ich mit anderen Herren Stunden brau¬ 
chen würde. Wenn ich ihm sage: Erinnern Sie mich in einem 
halben Jahr an diese oder jene Sache, dann kann ich sicher sein, 
daß dies auch wirklich geschieht. Er ist das gerade Gegenteil 
von seinem Bruder, 65 der alles vergißt, was ich ihm auftrage.« 
Bormann kam eben nicht nur wohlvorbereitet mit seinen Akten 



32 


Er war mein Chef 


zu Hitler, sondern war auch derart mit Hitlers Gedankengängen 
vertraut, so daß dieser sich langatmige Erklärungen sparen 
konnte. Dies war, wer die Arbeitsweise Hitlers kannte, für 
Hitler entscheidend! 

Vieles, was an Gerüchten über Martin Bormann im Umlauf ist, 
entbehrt m. E. jeglicher Grundlage. Er war weder machthung¬ 
rig, noch die >graue Eminenz< in Hitlers Umgebung. Er war in 
meinen Augen einer der wenigen sauberen Nationalsoziali¬ 
sten, 66 wenn man es einmal so formulieren darf, die unbestech¬ 
lich und hart gegen jede Korruption vorgingen. Durch sein 
konsequentes Verhalten wurde Martin Bormann bei korrupten 
Parteigenossen und vielen anderen immer mehr zum umbeque¬ 
men und lästigen Mahner. 

Ich bin heute der Ansicht, daß kein anderer aus der Umgebung 
Hitlers imstande gewesen wäre, dieses schwierige Amt durch¬ 
zuführen. Hitler konnte sich schon aus Zeitmangel nicht selbst 
mit all den Dingen befassen, die täglich anfielen. Vielleicht, das 
darf nicht unterschätzt werden, vermied es Hitler auch, sich mit 
diesen Sachen zu befassen, um sich >nicht selbst< unbeliebt zu 
machen! So blieb natürlich alles unangenehme an Martin Bor¬ 
mann hängen, und er war immer der Sündenbock. Ministerund 
Gauleiter und viele andere waren der Meinung, Bormann 
handle aus eigenem Machtstreben. Ich erinnere mich z. B., daß 
Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze öfters zu Bor¬ 
mann gesagt hatte: »Bormann, tun Sie mir einen Gefallen und 
halten Sie mir die Gauleiter vom Leibe.« Bormann tat dies und 
schirmte Hitler ab. Die Gauleiter waren in der Regel alte Kämp¬ 
fer, sie kannten Hitler länger als Bormann und fühlten sich über 
diesen erhaben. Wenn aber Hitler einer der Gauleiter zufällig 
über den Weg lief, sagte er scheinheilig: »Ach,... Sie sind hier.« 
Wenn sich der Gauleiter dann über Bormann beschwerte, 
spielte Hitler den Überraschten. 

»Ich weiß, daß Bormann brutal ist«, sagte Hitler einmal, »aber 
was er anfaßt, hat Hand und Fuß, und ich kann mich unbedingt 
und absolut darauf verlassen, daß meine Befehle sofort und 
über alle Hindernisse hinweg durch Bormann zur Ausführung 
kommen.« Für Hitler war Martin Bormann ein besserer und 
angenehmerer Mitarbeiter, als es vorher Rudolf Heß 67 gewesen 



Emilie Christine Schroeder, geb. am 19. Marz 
lUOH in Hannoversch Münden, war von 1933 bis 
IW4f> Sekretärin Hitlers. 

Dir 20 jährige Stenotypistin, deren Eltern ver- 
•torben waren, hielt nichts in ihrer Geburts- 
tttudt 


Vom Oktober 1929 an arbeitete Frau Schroeder 
bl* /.um 20. Februar 1930 bei einem Rechts¬ 
anwalt in Nagold und ging dann nach Mün¬ 
chen, wo sie eine Stellung suchte. 










Im Mai 1930 bewarb sich die 22 jährige Christa 
Schroeder bei der Obersten SA-Führung in 
München als Stenotypistin und bekam unter 87 
Bewerberinnen eine Stellung bei der OSAF. 
Hitler hatte am 1.11. 1926 den ehemaligen Of¬ 
fizier und Freikorpskämpfer Franz Felix Pfef¬ 
fer v. Salomon mit der Führung der SA als 
Oberster SA-Führer (OSAF) beauftragt. 


Das Bild zeigt Pfeffer, Heß, Hitler und Rosen¬ 
berg auf dem Parteitag der NSDAP am 19. 8. 
1927 in Nürnberg. Als Pfeffer die SA mit ehe¬ 
maligen Offizieren immer mehr zu einer selb¬ 
ständigen Organisation in der Partei ausbaute, 
entließ ihn Hitler am 1.9. 1930 und übernahm 
selbst die Führung der SA 





Am 5. 7. 1930 kaufte Hitler das ehemalige Bar- 
low-Palais an der Briennerstraße 45, das zum 
►Braunen Haus< der NSDAP-Zentrale ausge¬ 
baut wurde (Bild oben). 

Hitler 1931 in seinem Arbeitszimmer an der 
Vorderfront des »Braunen Hauses< im 1. Stock 
(Bild links). 

Christa Schroeder mit einer Kollegin wahrend 
ihres Urlaubs am 19.10.1932 auf dem Markus¬ 
platz in Venedig. 











Hitler mit Magda und Josef Goebbels sowie j 
einer Förderin Hitlers, Frau Viktoria von Dirkj 
sen, 1934 im Garten der Reichskanzlei. 


Angela Raubal, die Nichte Hitlers, mit einer 1 
Hitler-Förderin, Helene Bechstein, 1930 als 1 
Gäste der Wagner-Festspiele in Bayreuth. 


Hitlers Halbschwester, Angela Raubal, über- ■ 
reicht Hitler vor dem Haus Wachenfeld am 
Obersalzberg 1935 ein 'Iblegramm. 











Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


33 


war, von dem Hitler einmal sagte: »Ich hoffe nur, daß er niemals 
mein Nachfolger wird, ich wüßte nicht, wer mir mehr leid täte, 
Heß oder die Partei.« 

Rudolf Heß wurde in Alexandrien als Sohn eines Großkauf¬ 
manns geboren. Die Familie war väterlicherseits fränkischer 
und mütterlicherseits schweizerischer Abstammung. Bis zum 
14. Lebensjahr wurde Heß in Alexandrien erzogen und besuchte 
dann ein Pädagogium in Godesberg am Rhein. Er machte dort 
das einjährige Examen. Anschließend absolvierte er eine kauf¬ 
männische Lehre, die ihn zuerst in die französische Schweiz 
und dann nach Hamburg führte. 

Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Heß frei¬ 
willig zum Militärdienst und war zum Schluß als Leutnant bei 
der Jagdstaffel 35 im Westen. Nach der Revolution wurde Heß 
in München Mitglied der Thule-Gesellschaft 68 und nahm an der 
Befreiung Münchens von der Räteherrschaft teil, wobei er einen 
Beinschuß erhielt. Dann wurde er Kaufmann und studierte 
Volkswirtschaft und Geschichte. 1921 kam er durch Zufall in 
einen Sprechabend der NSDAP und trat spontan der Partei als 
SA-Mann bei. Im November 1923 führte Heß die Studenten¬ 
gruppe der SA und in der Nacht auf den 9. November 1923 
befand er sich an Hitlers Seite. Er war an der Festnahme der 
Minister im Saal des Bürgerbräukellers beteiligt. Nach dem 
mißglückten Putsch führte er ein halbes Jahr lang ein abenteu¬ 
erliches Leben in den bayerischen Bergen. Zwei läge vor der 
Aufhebung des bayerischen Volksgerichtes stellte er sich der 
Polizei, wurde sofort abgeurteilt und kam auf die Festung 
Landsberg, wo er mit Hitler bis Silvester 1924 blieb. Später 
wurde er Assistent an der Deutschen Akademie bei dem Profes¬ 
sor für Geopolitik Haushofer 69 an der Universität München. Ab 
1925 war er dann als Sekretär Hitlers tätig. 

Martin Bormann war über den Flug von Rudolf Heß 1941 nach 
England sicher nicht traurig. Ich erinnere mich, daß er am 
Abend des 10. Mai 1941 einige ihm sympathische Gäste des 
Berghofes, nachdem sich Hitler und Eva Braun in das obere 
Stockwerk zurückgezogen hatten, in sein Landhaus zu einem 
gemütlichen Beisammensein einlud. An diesem Abend wirkte er 
auf alle auffallend gelöst! 



34 


Er war mein Chef 


Die Wirtschaftspolitische Abteilung der NSDAP in München 
blieb bestehen, wechselte aber nach dem Weggang von Dr. 
Wagener häufig den Leiter. Kurze Zeit war es Walter Funk 70 der 
spätere Reichswirtschaftsminister, zum Schluß meiner Tätig¬ 
keit in München, Bernhard Köhler, 71 bekannt durch seine 
These: »Arbeit und Brot«, mir persönlich in Erinnerung geblie¬ 
ben durch ein an mich gerichtetes Wort: »Wer sich verteidigt, 
klagt sich an!« Mit diesem Wort hielt er mich davon ab, ein 
Reichs-USCHLA-Verfahren 72 gegen mich selbst einzuleiten, 
das Licht in eine Verleumdungsgeschichte bringen sollte, die 
über mich in Umlauf gesetzt worden war und die mir das Leben 
in München zur Hölle werden ließ. Das ganze beruhte auf einem 
Hörfehler! 

Der Telefonist im Braunen Haus hatte den Namen meines 
Bekannten, der mich zu sprechen wünschte, mißverstanden. 
Statt Vierthaler, ein rein bayuwarischer Name, hatte er Fürt¬ 
heimer verstanden. Kurz vorher, im Oktober 1932, hatte ich in 
Begleitung einer älteren Kollegin eine Busfahrt durch die Dolo¬ 
miten nach Venedig gemacht. Der Veranstalter dieser Fahrt, ein 
Herr Kroiss mit Frau aus Rosenheim, der den Bus selbst steu¬ 
erte, hatte anscheindend Gefallen an mir gefunden. Sobald wir 
irgendwo Station machten, baten mich Herr Kroiss und seine 
Frau an ihren Tisch, allerdings ohne meine Kollegin. Herr 
Kroiss, der diese Route schon sehr oft gefahren war, wurde 
unterwegs zweimal von drei Herren, die einen großen Mercedes 
fuhren, um Rat nach dem besten Weg, Übemachtungsmöglich- 
keiten usw. gefragt. Und wie es das Schicksal so wollte, ergab es 
sich, daß diese drei Herren mit uns in Venedig im gleichen Hotel 
abstiegen und sich auch zu uns an den Tisch setzten. Einer der 
Herren lud mich Nachmittag zu einer Gondelfahrt ein, der ich 
freudig zustimmte, nicht ahnend, was aus den neidischen 
Gefühlen der sich vernachlässigt fühlenden Kollegin und dem 
Hörfehler des Telefonisten im Braunen Haus entstehen sollte. 
Wieder zurück in München, überraschte mich eine Freundin, sie 
war die Nichte des Reichsschatzmeisters Xaver Schwarz, 73 mit 
der Frage: »Christa hast Du denn wirklich ein Verhältnis mit 
einem Juden?« Auf meine Frage, wer so etwas behaupte, ant¬ 
wortete sie: »Ein SS-Führer!« Ich bat sie, den SS-Führer doch 



Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


35 


kommen zu lassen, damit ich die Sache aufklären könne. Ein 
paar läge später erschien der SS-Führer, seinen Namen habe 
ich vergessen, und sagte: »Wollen Sie vielleicht leugnen, daß Sie 
ein Verhältnis mit dem Juden Fürtheimer haben und mit ihm in 
Italien waren?« 

Meine Beteuerungen und Erklärungen des Sachverhalts nutz¬ 
ten nichts. Auch nicht, daß ich eine Eidesstattliche Versiche¬ 
rung meines Bekannten Vierthaler vorlegte, in der er seine rein 
arische Abstammung nachwies, brachte mich nicht weiter. 
Auch die Bestätigung von Herrn Kroiss, daß er seine Fahrten so 
organisiert habe, daß niemand sich absentieren könne, halfen 
nicht die Beschuldigungen auszuräumen. 

Bernhard Köhler, mein damaliger Chef in der Wirtschaftspoli¬ 
tischen Abteilung, dem ich die Eidesstaatlichen Erklärungen 
vorlegte, meinte »Wer sich verteidigt, klagt sich an!« Diese 
Einstellung begriff ich nicht, wohl aber, daß er kein USCHLA- 
Verfahren gegen mich wünschte. Trotz dieses Vertrauensbeweis 
meines Chefs, schwelte das Mißtrauen der alten Pg’s weiter, und 
ich litt sehr darunter. 

Als mich in jener Zeit eines Abends ein Verehrer in meiner 
Pension abgeholt hatte, sagte am anderen Jhge der Sohn meiner 
Wirtin zu mir: »Fräulein Schroeder, seien Sie vorsichtig!« Wei¬ 
ter sagte er nichts. Offensichtlich hatte die SS dem Pensionsin¬ 
haber zur Auflage gemacht, meine Bekannten unter die Lupe zu 
nehmen. Man vermutete anscheinend in dem dunkeläugigen 
schwarzhaarigen Staatsanwalt, der mich zu einem Vortrag 
abgeholt hatte, einen Juden. Vielleicht war er sogar Jude, ich 
weiß es nicht. Ich hatte ihn auch nicht gefragt. 

Um jeglichen Verdächtigungen aus dem Wege zu gehen, nahm 
ich mir vor, künftig alle Einladungen zu meiden. Statt dessen 
belegte ich in der Berlitz-Scoole und in der Volkshochschule 
alle möglichen Kurse. 

Waren die eingefleischten Bayern anfangs der dreißiger Jahre 
sowieso schon von dem sprichwörtlichen Haß auf die Preußen 
erfüllt (Preußen waren alle Menschen, die hochdeutsch spra¬ 
chen), so mieden sie mich noch dazu mit einem beleidigenden 
Mißtrauen, das mir die Luft zum Atmen nahm. Aber gerade 
dieser Haß auf die Preußen lenkte mein Leben in eine Richtung, 



36 


Er war mein Chef 


die es sonst sicher nicht genommen hätte. Als nach der Machter¬ 
greifung Hitlers, der für Personalien zuständige Reichsschatz¬ 
meister Schwarz Stenotypistinnen des Braunen Hauses auffor¬ 
derte, sich für eine Versetzung nach Berlin in den Verbindungs¬ 
stab 74 zu melden, hielten sich die Münchnerinnen zurück. Sie 
wollten nicht nach Berlin. Um so größer war meine Bereitschaft. 
Ich ließ dies den Reichsschatzmeister wissen. Schon am Tage 
darauf teilte er mir meine sofortige Versetzung nach Berlin in 
den »Verbindungsstab der NSDAP« mit. So kam ich im März 
1933 nach Berlin. 

Das Palais, in dem der Verbindungsstab der NSDAP in Berlin 
untergebracht war, befand sich in der Wilhelmstraße 64, schräg 
gegenüber der Reichskanzlei. 75 Er stand unter der Leitung von 
Rudolf Heß und hatte die Aufgabe, den Kontakt zwischen den 
Parteidienststellen und den Ministem herzustellen. Bei meiner 
Ankunft unterrichtete mich der elegante und lebenslustige 
Konsul Reiner, 78 der früher Adjutant von Rohm in Bolivien 
gewesen war, daß sich meine Tätigkeit zwar überwiegend im 
Verbindungsstab abspielen würde, daß ich aber auch von Fall 
zu Fall dem Chefadjutanten Hitlers, dem SA-Gruppenführer 
Wilhelm Brückner 77 , in der Reichskanzlei zur Verfügung stehen 
müsse. Hitler hatte 1933 in der Reichskanzlei nur ein Arbeits¬ 
zimmer und ein Zimmer für seine Adjutanten zur Verfügung. Es 
war also dort kein Platz für eine Schreibkraft vorhanden. 

War es die sprichwörtlich gute Berliner Luft, oder war es die 
gute Kameradschaft mit den aufgeschlosseneren Berliner Kol¬ 
legen und Kolleginnen, ich fühlte mich von dem Druck des 
Mißtrauens, der in München auf mir gelastet hatte, befreit. 
Obgleich: die Auswirkung der Verleumdungsaffäre vermochte 
ich nie mehr von mir abzuschütteln. Die Erfahrung, wie bereit¬ 
willig Denunzianten geglaubt wurde und wie leicht man 
dadurch unschuldig zwischen Mühlsteine kommen konnte, 
hatte sich tief in mir eingegraben. Ich sah nach diesen trüben 
Erfahrungen wohl nun auch alles mit etwas kritischeren Augen 
und war fortan mit Mißtrauen erfüllt. 

Die Arbeit im Verbindungsstab war zum großen Teil mehr als 
stupide. Fast alle eingehenden Schreiben wurden >zuständig- 
keitshalber< an die entsprechenden SA-Dienststellen weiterge- 



Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


37 


leitet. Da war die Arbeit für Hitlers Chefadjutanten Wilhelm 
Brückner bei weitem interessanter. In Abständen von höchstens 
zwei lägen bestellte er mich telefonisch in die Reichskanzlei, 
wo er mir das diktierte, was inzwischen angefallen war. Ich 
tippte die Briefe dann im Verbindungsstab, brachte sie in Post¬ 
mappen zurück und legte sie Brückner zur Unterschrift vor. 
Wilhelm Brückner war gebürtig aus Baden-Baden, sein Vater 
stammte aus Schlesien, die Mutter aus thüringischem Adel. Er 
war ein normannischer Kleiderschrank<. Von Beruf war er 
Ingenieur, später studierte er Volkswirtschaft. Im Ersten Welt¬ 
krieg anvancierte er zum Oberleutnant. Er blieb bis 1919 bei der 
Reichswehr und trat dann in das Freikorps Epp ein und war an 
der Niederschlagung der Räterepublik in München beteiligt. 
Anschließend studierte Brückner wieder und war drei Jahre 
lang als Ingenieur beim Film auf dem Gebiet der Aufnahme¬ 
technik tätig. 1922 kam er zur NSDAP und führte 1923 das SA- 
Regiment München. Dafür wurde er 4'A Monate und Ende 1924 
wegen Teilnahme am Frontbann nochmals 2 Monate inhaftiert. 
Im Verein Deutscher im Ausland war er dann als 3. General¬ 
sekretär in München tätig. Ende 1930 kam Brückner als SA- 
Adjutant zu Hitler, seine Tätigkeit bestand jedoch mehr in der 
eines persönlichen Adjutanten (Chefadjutant) und ständigen 
Begleiters Hitlers. 

Brückner war nicht nur einer der bestaussehendsten Männer in 
Hitlers Umgebung, sehr groß, blond und blauäugig, sondern 
auch von gewinnendem Wesen. Er war immer liebenswürdig 
und gewandt, selbst wenn er schimpfte, konnte man ihm nicht 
böse sein. Einmal kam z. B. ein Brief von einem Schüler, in dem 
stand: »Solange er - Brückner - neben Hitler stehe, brauche 
man sich um Hitlers Sicherheit keine Sorgen zu machen.« 

Nach der Machtübernahme 1933 kam zu den bisher ausgeübten 
Pflichten als Chefadjutant Hitlers, noch eine ganze Anzahl 
neuer Aufgaben hinzu. Eine ganz besonders wichtige Tätigkeit 
Brückners war es, all jene Menschen zu empfangen, die Bitten, 
Beschwerden, Anregungen und Vorschläge etc. persönlich an 
Hitler herantragen wollten. Sie kamen in die Reichskanzlei in 
der Hoffnung, Adolf Hitler persönlich sprechen zu können. 
Brückner hatte für alle ein offenes Ohr und half, soweit möglich, 



38 


Er war mein Chef 


auch in finanzieller Hinsicht, sofort und in unbürokratischer 
Weise. Brückner notierte sich die vorgetragenen Bitten, 
Beschwerden etc. auf kleinen weißen Karten in Postkartenfor¬ 
mat und steckte diese immer in den Ärmelaufschlag seiner SA- 
Uniform. 

Brückner geriet im Laufe der Jahre bei Hitler immer mehr in 
Ungnade. Nach seinem Autounfall im Sommer 1933 bei Reit im 
Winkl, wo er neben diversen Knochenbrüchen auch ein Auge 
verlor, fiel er längere Zeit aus. Seine, bei ihm im Auto sitzende 
Freundin Sophie Stork, 78 trug auch erhebliche Verletzungen 
davon. Sophie Stork war häufig zu Gast am Obersalzberg. Sie 
war die Tochter des Besitzers eines bekannten Sportgeschäftes 
in München und künstlerisch sehr begabt. Sie bemalte z. B. für 
Eva Braun ein Kaffeeservice, für die Anrichte im Speisezimmer 
des umgebauten Berghofs Kacheln mit lebensnahen Motiven 
der Bewohner, und sie gestaltete ebenso den großen gemütli¬ 
chen Kachelofen im Wohnzimmer. 

Hitler nahm es Brückner - vor allem nach dem Unfall - übel, 
daß er Sophie Stork nicht geheiratet hatte und entschädigte sie 
von sich aus sehr großzügig. Brückner, der gut aussah und 
immer ein Optimist war, liebte fröhliche, unbeschwerte Men¬ 
schen und sah gern schöne Frauen. Sophie Stork war sehr 
eifersüchtig und zeigte dies auch offen, was Brückner offen¬ 
sichtlich unangenehm war. Als er sich dann in ein junges Mäd¬ 
chen verliebte, das ausgerechnet die Tochter jener Frau war, die 
mit ein Scheidungsgrund von Magda Quandt 79 wurde, als diese 
noch nicht Goebbels Frau war, vertiefte sich Hitlers Groll auf 
Brückner. 

Als Brückner seine Gisela einmal abends auf den Berghof 
brachte, um sie Hitler vorzustellen, begrüßte er sie nur kurz. 
Man begab sich in den Speisesaal zum Essen. Anschließend, an 
der Tür des Speisesaals, blieb Hitler stehen und sagte zu Brück¬ 
ner: »Sie wollen ja sicher Fräulein Gisela wieder runter nach 
Berchtesgaden begleiten«, was sozusagen einem Rausschmiß 
gleichkam. 

Mehr als ein Jahrzehnt hatte Brückner Tbg und Nacht, auch in 
schweren Zeiten, an Hitlers Seite gestanden und ihm treu 
gedient. Es traf ihn deshalb sehr hart, als Hitler ihn im Oktober 




Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


39 


1940, hervorgerufen durch eine Intrige Kannenbergs, 80 sang- 
und klanglos entließ. Im besetzten Frankreich übernahm er 
anschließend den Posten eines Stadtkommandanten. 

Nach dem Krieg war Brückner lange Zeit interniert und lebte 
einige Jahre nach seiner Freilassung in Traunstein, wo ihm sein 
Feldwebel aus dem Ersten Weltkrieg zwei kleine Zimmer über¬ 
lassen hatte. Möglicherweise hat Brückner manche Dinge im 
Leben zu leicht genommen, aber »er warein Herr« und verbrei¬ 
tete mit seinem Charme in Hitlers Umgebung immer eine gute 
Atmosphäre. Nach Brückners Entlassung 1940 wurde Schaub 81 
Chefadjutant, der aber kein Ersatz für Brückner war. 

Die Brückner damals in der Reichskanzlei vorgetragenen Anlie¬ 
gen waren für die Betreffenden und Betroffenen von größter 
Wichtigkeit. Es war daher immer Eile geboten. So war ich ewig 
auf TVab und pendelte eifrig zwischen dem Verbindungsstab 
der NSDAP und der Reichskanzlei hin und her. Eines Thges, als 
ich Brückner wieder mal die Post zum Unterschreiben vorlegte, 
kam gerade Hitler in das Zimmer. Er blieb stehen, sah mich 
fragend an und sagte: »Wir kennen uns doch?« Worauf ich 
entgegnete: »Ja, Herr Hitler, ich habe einmal in München für Sie 
geschrieben.« 

Das hatte sich im Jahre 1930 an einem Sonntag ereignet. Hitler 
war aus dem Gebirge zurückgekommen und hatte dringend 
etwas zu diktieren, doch das Fräulein Frey, die damals als 
Schreibkraft für ihn arbeitete, war nicht erreichbar. 

Herr Hölsken, 82 der damals im Sekretariat von Rudolf Heß tätig 
war, wurde beauftragt, eine versierte Schreibkraft zu besorgen. 
Sich an mein ihm aufgefallenes Schreibtempo in der OSAF 
erinnernd, suchte mich Hölsken in meiner Wohnung auf und 
sagte: »Herr Hitler sei aus dem Gebirge zurückgekommen, er 
müsse etwas diktieren, seine Sekretärin sei aber nicht erreich¬ 
bar und ich möchte mitkommen.« Im Braunen Haus wurde ich 
zunächst im Vorraum von Rudolf Heß in Empfang genommen 
und zu Hitler ins Zimmer geführt, dem ich jetzt zum ersten Mal 
direkt gegenüberstand. Er kam mir freundlich entgegen und 
sagte: »Es ist schön, daß Sie für mich schreiben wollen. Da es 
sich nur um einen Entwurf handelt, spielt es keine Rolle, wenn 
Sie sich mal vertippen.« 



40 


Er war mein Chef 


Die Tatsache, daß ich mir damals Hitlers Bedeutung noch nicht 
so richtig bewußt und Diktate in die Maschine gewohnt war, 
ließ mich ohne Hemmungen munter drauflosschreiben. Ich ent¬ 
ledigte mich des Auftrags wohl zu seiner Zufriedenheit, denn er 
überreichte mir zum Abschied eine Bonbonniere. 

Wenn ich ihn in der Folgezeit im Terrain des Braunen Hauses 
manchmal begegnete, grüßte er immer als Erster sehr freund¬ 
lich. Er hatte ein überdurchschnittliches Gedächtnis für Ge¬ 
sichter und Gelegenheiten, das, nachdem er mich jetzt in Berlin 
wiedersah, sich so auswirkte, daß ich nun nicht mehr nur für 
Brückner schrieb, sondern bei Bedarf auch für Hitler persön¬ 
lich. 

Als ich im Dezember 1933, einen Ihg vor Heiligabend, wieder 
einmal für Hitler geschrieben hatte, bat ich ihn anschließend 
um ein Foto mit Unterschrift. Ich war überrascht, als er mich 
fragte, wie ich heiße. Etwas schockiert sagte ich: »Schroeder!« 
»Na, das weiß ich«, entgegnete er, »ich meine den Vornamen.« 
Als ich verlegen antwortete einen häßlichen Namen zu haben, 
nämlich Emilie (Christine als Zweitnamen) widersprach er: 
»sagen Sie nicht, daß das ein häßlicher Name ist, das ist ein sehr 
schöner Name, so hieß meine erste Geliebte.« 

Diese Begebenheit hatte ich einmal naiverweise Henriette von 
Schirach 83 erzählt, nicht ahnend, daß sie diese ungefragt in 
ihren >Anekdoten< M bringen würde. Die an sich nette Ge¬ 
schichte hat sie jedoch völlig entstellt wiedergegeben. Ich führe 
dies hier nicht wegen der Richtigstellung an, sondern deshalb, 
weil aus Hitlers Antwort für mich eindeutig hervorging, daß er 
als junger Mann ein normales Liebesieben geführt hatte. 

Dem Reichskanzler Adolf Hitler standen von Amtswegen zwei 
Beamtinnen der Reichskanzlei als Sekretärinnen zur Verfü¬ 
gung. Es waren dies damals die Damen Bügge und Frobenius. 
Vielleicht störte Hitler die Tatsache, daß diese Sekretärinnen 
bereits bei mehreren seiner Vorgänger gearbeitet hatten und 
beamtet gewesen waren. Jedenfalls nahm er ihre Dienste nie in 
Anspruch. 

Im Jahre 1930 hatte Hitler im Braunen Haus als seine Sekretä¬ 
rin Fräulein Herta Frey (später verheiratete Oldenburg) aus der 
Kanzlei Heß beschäftigt. Ab 1931 oder 1932 Johanna Wolf, 85 die 



Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


41 


im Gau Niederbayern der NSDAP tätig gewesen war und 
1923 ein Jahr lang für Dietrich Eckart 86 gearbeitet hatte. 
Seine zwei Privatsekretärinnen, Fräulein Wolf und Fräulein 
Wittmann, die er 1933 beschäftigte, hatten keinen Arbeits¬ 
platz in der Reichskanzlei. Die beiden Damen arbeiteten 
abwechselnd vier Wochen in München in der Kanzlei von 
Rudolf Heß und vier Wochen in der Privatkanzlei Hitlers 87 in 
Berlin, die von Albert Bormann 88 geleitet wurde und sich 
außerhalb der Reichskanzlei befand. 

Albert Bormann war von seinem Bruder Martin 1931 in die 
Hilfskasse der SA geholt worden, von wo aus er nach kurzer 
Zeit von Rudolf Heß in die Privatkanzlei Hitlers übernommen 
wurde. 1933 übernahm Albert Bormann dann die Leitung der 
Privatkanzlei Hitlers. Als Albert Bormann 1933 eine Frau 
geheiratet hatte, die seinem Bruder Martin nicht genehm war 
(unnordisch) verfeindeten sich die beiden Brüder tödlich. Die 
Brüder Bormann konnten dicht nebeneinander stehen, ohne 
daß der eine von dem anderen Notiz nahm. Gab Hitler z.B. 
einem Bormann einen Auftrag zur Weiterleitung an den ande¬ 
ren, holte sich dieser eine Ordonnanz zur Weiterleitung des 
Auftrages an den Bruder im gleichen Zimmer. Erzählte einer 
der Brüder eine spaßige Geschichte, lachten alle Anwesenden, 
nur der eigene Bruder blieb todernst. Als Albert Bormann 
sich nach einigen Jahren scheiden ließ und die Cousine seiner 
ersten Frau heiratete, wollte er dies seinem Bruder sagen. 
Dieser empfing ihn jedoch nicht und ließ ihm ausrichten: 
»Von mir aus kann er seine eigene Großmutter heiraten!« 

Da ich im Gegensatz zu Johanna Wolf ständig in Berlin war 
und in kürzester Zeit zur Verfügung stehen konnte - ich 
brauchte nur die Wilhelmstraße schräg zu überqueren - ergab 
es sich, daß ich öfters zu Hitler in die Reichskanzlei befohlen 
wurde als Johanna Wolf. 

Bevor Hitler als Reichskanzler seine Wohnung im Radziwill- 
Palais beziehen konnte, mußte das alte Gemäuer gründlich 
renoviert werden. 89 Ganz besonders notwendig war dies bei 
dem historischen Kongreßsaal, in dem Bismarck im Jahre 
1878 den berühmt gewordenen Berliner Kongreß abgehalten 
hatte. In diesem Saal wurde auch Hitler von Hindenburg 



42 


Er war mein Chef 


empfangen und zum Reichskanzler ernannt. »Der alte Herr«, so 
äußerte sich Hitler, wenn er von Hindenburg erzählte, hatte 
damals gesagt: »Gehen Sie möglichst an den Wänden entlang, 
Herr Hitler, der Boden hält nicht mehr lange.« 

So hatte Hitler nach seiner Ernennung zum Reichskanzler 
gleich die Renovierung des alten Palais in Auftrag gegeben. Bis 
zur Fertigstellung überließ ihm der damalige Staatssekretär Dr. 
Lammers 90 seine unter dem Dach der alten Reichskanzlei gele¬ 
gene Dienstwohnung an der Ecke Wilhelm- und Voßstraße. Ich 
pendelte so eine ganze Zeit zwischen dem Verbindungsstab und 
der Reichskanzlei hin und her. 

Nach der Renovierung des Radziwill-Palais kam die Persönli¬ 
che Adjutantur des Führers und Reichskanzlers« in die ab 
Januar 1934 Hitler nun zusätzlich zur Verfügung stehenden 
Räume. Die Adjutantur war in einem großen Raum neben dem 
sogenannten »Bismarckzimmer« untergebracht, in das ich als 
Brückners Sekretärin einzog. Die meiste Zeit saß ich allein in 
dem großen Raum mit Blick auf den alten Park. 

Die Persönliche Adjutantur des Führers wurde damals erst 
aufgebaut. Im Zimmer der Adjutantur stand auch der Schreib¬ 
tisch von Julius Schaub. 91 Er war das Faktotum von Hitler und 
begleitete ihn seit 1925 wie ein Schatten. Er war ein typischer 
Bayer und dürfte der einzige Mensch gewesen sein, der über alle 
intimen und persönlichen Angelegenheiten Hitlers informiert 
gewesen war. 

Schaub machte keine besonders gute Figur. Er hatte etwas 
vorquellende Augen, und da ihm im Ersten Weltkrieg einige 
Zehen erfroren waren, hatte er zuweilen einen etwas humpeln¬ 
den Gang. Diese Behinderung war vielleicht die Ursache dafür, 
daß er fast dauernd »grantelte.« Immer mißtrauisch, zudem sehr 
neugierig und darauf aus, alles, was ihm nicht genehm war, zu 
boykottieren, hielt sich seine Beliebtheit in Hitlers Umgebung 
sehr in Grenzen. 

Schaub besuchte die Drogistenschule und arbeitete nach dem 
Ersten Weltkrieg im Hauptversorgungsamt in München. Er 
stieß früh zur NSDAP und fiel Hitler auf, als er bei den Veran¬ 
staltungen der NSDAP mithumpelte. Er beteiligte sich am 
Putsch 1923 und wurde wegen dieser Beteiligung auch zur 



Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


43 


Festungshaft verurteilt. Er kam mit Hitler in die Festung 
Landsberg am Lech. Nach seiner gnadenweisen Entlassung aus 
der Festungshaft wurde er im Januar 1925 der persönliche und 
ständige Begleiter Hitlers. Er war Hitler so treu ergeben, daß er 
ihm zuliebe sogar das Rauchen aufgab, während er das Trinken 
beibehielt. Hitler wußte, daß Schaub gern trank, aber er resi¬ 
gnierte schließlich. Wenn man ihm erzählte, daß Schaub sich 
wieder einmal bei einem Empfang unmöglich benommen hatte, 
machte Hitler eine verzweifelte Armbewegung und seufzte: »Ja, 
ich weiß, es ist traurig. Aber was wollt ihr denn, ich habe keinen 
anderen Adjutanten.« 

Als Hitler nach der Machtübernahme einen qualifizierten Kam¬ 
merdiener benötigte, blieb es Schaub Vorbehalten, weiterhin 
alle vertraulichen Dinge für Hitler zu erledigen. So hielt er z. B. 
alle Geheimakten Hitlers im Panzerschrank 92 unter Verschluß 
und führte Listen über die Geburtstage sowie die Geschenk¬ 
listen. 03 Da Hitler selbst nie einen Bleistift o. ä. bei sich trug, 
hieß es in den ersten Jahren nach der Machtübernahme immer: 
»Schaub, schreiben Sie!« D.h. bevor Martin Bormann in die 
nähere Umgebung Hitlers aufrückte, war Schaub Hitlers Notiz¬ 
buch gewesen. 

Schaub mußte auch einen Teil von Hitlers Geldgeschäften erle¬ 
digen (Rechnungen bezahlen usw.). Er hatte immer genügend 
Bargeld für Hitler parat, da dieser selbst nie Geld bei sich trug. 
Ein junges hübsches Mädchen hatte z. B. einmal Hitler persön¬ 
lich einen Brief ins Braune Haus gebracht, indem sie ihre Not 
schilderte. Ich glaube dies war im Dezember 1936. Ihr Bräuti¬ 
gam, ein Österreicher, hatte viel für die Bewegung getan und 
hätte fliehen müssen, weil er sonst verhaftet worden wäre. Sie 
bat Hitler, ihrem Verlobten eine Arbeit zu vermitteln, da sie 
selbst sehr wenig verdiente und sie gerne heiraten wollten. 
Hitler ließ diesen Fall überprüfen und, nachdem die Angaben 
stimmten, dem Mann eine Stellung besorgen. Schaub mußte für 
das mittellose Paar, natürlich ohne deren Wissen, eine 2-Zim- 
merwohnung mieten und vollkommen einrichten lassen (mit 
Möbeln, Wäsche, Gardinen, Teppichen usw). Dann wurde in die 
Wohnung ein geschmückter Weihnachtsbaum hineingestellt, 
die Kerzen angezündet und Schaub mußte die jungen Leute im 



44 


Er war mein Chef 


Wagen in die Wohnung holen. Das die beiden Menschen über¬ 
glücklich waren, ist verständlich. 

Weiterhin oblag es Schaub, bei Programmwechsel die Varietes 
und Theater zu besuchen, um Hitler zu berichten, ob sich ein 
Besuch lohnen würde. Voller Stolz erzählte Schaub immer, daß 
seine Mutter Tänzerin gewesen sei und 1908 bei dem Erdbeben 
in Messina ums Leben gekommen wäre. Daher kam wohl auch 
seine Vorliebe speziell für Tänzerinnen und Artistinnen. Wenn 
er damit beschäftigt war, telefonisch Schauspielerinnen und 
Tänzerinnen für den Abend zu einer Plauderstunde in die Füh¬ 
rerwohnung zu bitten, 94 konnte er sogar eine umwerfende Lie¬ 
benswürdigkeit entwickeln. Der Cronique-Scandaleuse gegen¬ 
über war er sehr aufgeschlossen, konnte er doch damit immer 
einen Pluspunkt bei Hitler erreichen. 

Nach der Entlassung von Wilhelm Brückner durch Hitler 1940 
genoß Schaub den Titel »Persönlicher Adjutant< im Range eines 
SS-Gruppenführers und ab 1943 eines SS-Obergruppenfüh- 
rers. Diese Position brachte ihn aber auch oft in Situationen, 
denen er nicht ganz gewachsen war. Das tat jedoch Hitlers 
Zuneigung für ihn keinen Abbruch. Im April 1945 wurde er von 
Hitler noch mit der Vernichtung aller persönlichen Dinge, die 
im Berghof an eine Frau erinnern hätten können, sowie aller 
Akten in Hitlers Münchner Wohnung und am Berghof beauf¬ 
tragt, was er auch durchführte. 

Aus dem Begleitkommando, 95 das in der Führerwohnung statio¬ 
niert war, wurde ein kaufmännisch geschulter, älterer SS-Füh- 
rer 96 zum Dienst in die Persönliche Adjutantur ausgewählt, dem 
ich auch den großen Tblefontisch anvertraute. Der SS-Führer 
verfügte über entsprechende Büroerfahrung, war gewandt und 
anstellig und wurde alsbald auch für Brückner und Schaub un¬ 
entbehrlich, so daß er mit der Zeit ein wichtiger und zuverlässi¬ 
ger Mitarbeiter in der Adjutantur wurde. Dies war auch notwen¬ 
dig, da weder Brückner noch Schaub einen geordneten Bürobe¬ 
trieb kannten. Da die beiden auch anderweitig ausgelastet wa¬ 
ren, ließen sie ihm und mir freie Hand und so spielte sich damals 
der Bürobetrieb in der Persönlichen Adjutantur flexibel und 
ziemlich unbürokratisch ab. Dies änderte sich erst, mit der Er¬ 
nennung von Hauptmann Wiedemann 97 zum Adjutanten Hitlers. 




Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


45 


Als Regiments-Adjutant des 16. bayer. Res. Inf. Rgts., des Rgts. 
List, in dem Hitler als Meldegänger gedient hatte, war Wiede¬ 
mann Hitlers unmittelbarer Vorgesetzter gewesen. 1919 aus der 
Reichswehr entlassen, studierte Wiedemann in München Volks¬ 
wirtschaft. In den 20er Jahren traf er bei einer Zusammenkunft 
ehemaliger Angehöriger des 16. Inf. Rgt. Hitler wieder. Dieser 
machte ihm das Angebot, die Führung der SA zu übernehmen. 
Wiedemann lehnte ab. Als er aber im Dezember 1933 wieder 
zufällig mit Hitler zusammentraf und diesem auf dessen Frage 
nach seinem Ergehen wahrheitsgemäß antwortete: »Schlecht«, 
fragte ihn Hitler, ob er nicht als sein Adjutant zu ihm kommen 
wolle. Wiedemann, der durch Beteiligung an einer Molkerei 
finanziell in Schwierigkeiten geraten war, sagte diesmal spon¬ 
tan zu. 

Nach einer elfmonatigen Einarbeitung im Stabe des Stellver¬ 
treters des Führers im Braunen Haus in München, trat Wiede¬ 
mann am 1. Januar 1935 seinen Posten als Adjutant bei Hitler in 
der Reichskanzlei in Berlin an. Ihm oblagen hier die gleichen 
Aufgaben wie Brückner. Da Brückner kein Büromensch und 
etwas phlegmatisch war, lag der ganze Schriftverkehr und die 
Aktenführung der Adjutantur sehr im argen. Wiedemann 
begann neben seiner Adjutantenarbeit vor allem den Bürobe¬ 
trieb und Büroablauf in der Persönlichen Adjutantur zu organi¬ 
sieren und personell auszubauen. 

Wiedemann machte mehrere Reisen. Er flog einige Male nach 
Amerika und häufig nach England. Die dort erlebten Eindrücke 
sowie geführten Gespräche und Erfahrungen bewirkten wohl, 
daß er Hitler gegenüber immer kritischer wurde. Im Gegensatz 
zu der positiven Charakterisierung Brückners, den Hitler 
immer seinen »Ultra-Optimisten« nannte, erfand Hitler später 
für seinen Adjutanten Wiedemann die Bezeichnung »Ultra- 
Pessimist«. 

Im Januar 1939 sagte ihm Hitler dann auch, »daß er Menschen, 
die mit seiner Politik nicht einverstanden wären, in seiner 
nächsten Umgebung nicht gebrauchen könne«. Aus diesem 
Grund ernannte er Wiedemann zum Generalkonsul in San 
Francisco. 98 Nach der Kriegserklärung Hitlers an die USA kam 
Wiedemann nach Deutschland zurück um jedoch bereits nach 



46 


Er war mein Chef 


kurzer Zeit als Generalkonsul nach Tientsin (China) geschickt 
zu werden. Aus China holten ihn die Amerikaner 1945 als 
Zeugen nach Nürnberg zurück. 

Wie schon erwähnt, war für Hitler nach der Machtübernahme 
ein fachlich ausgebildeter Kammerdiener notwendig geworden, 
den er zunächst in Karl Krause" fand. Dieser wurde nach 
einigen Jahren (1939) durch Hans Junge 100 und Heinz Linge 101 
abgelöst, denen noch Ordonnanzen beigeordnet waren. 

Hitlers Diener und Ordonnanzen kamen aus der SS-Leibstan- 
darte Adolf Hitler, 102 wo sie von Sepp Dietrich, 103 dem Kom¬ 
mandeur der LAH 104 für den Dienst bei Hitler ausgewählt 
worden waren. Sie mußten gut aussehen, möglichst groß, blond 
und blauäugig sowie gewandt und intelligent sein. Aus diesen 
von Sepp Dietrich Hitler dann vorgestellten SS-Männern 
suchte sich Hitler persönlich diejenigen heraus, die ihm am 
sympathischsten waren. Darauf kamen die Betreffenden für ein 
paar Monate auf die Dienerschule nach München-Pasing, 105 wo 
sie zu perfekten Kammerdienern ausgebildet wurden. 

Die Aufgaben der Diener bestanden darin, sich um die persönli¬ 
chen Dinge Hitlers zu kümmern. Morgens wurde Hitler zur 
vereinbarten Zeit durch ein Klopfzeichen an seiner Schlafzim¬ 
mertür geweckt. Der Diener legte Zeitungen und Nachrichten 
vor die Tür nieder und zog sich wieder zurück. Während Hitler 
die Lektüre studierte, richtete der Diener das Bad und legte die 
entsprechenden Kleidungsstücke für den Thg zurecht. Beim 
Ankleiden selbst ließ sich Hitler von dem Diener nie helfen. 
Dem Diener oblag es u. a. auch, Hitler zu melden, wenn alle 
Gäste versammelt waren, die am Essen teilnehmen sollten. Auf 
dem Berghof hieß es dann z. B. immer: »Mein Führer, es ist 
angerichtet, Sie führen Frau sowieso...« Während des Krieges 
luden die Diener im Führerhauptquartier telefonisch die Teil¬ 
nehmer zum nächtlichen Tee Hitlers nach den Lagebesprechun¬ 
gen ein. Außerdem hatten die Diener für alle Personen, die zu 
Hitler bestellt wurden, eine sehr wichtige Funktion: Man 
erkundigte sich bei ihnen über die Stimmung Hitlers! 

Von meinem Arbeitsplatz in der Adjutantur sah ich auf die 
schönen alten Bäume im Park der Reichskanzlei, unter denen 
Bismarck schon entlang gegangen ist. Auf der anderen Zimmer- 



Wie ich zu Hitler als Sekretärin kam 


47 


Seite waren die hohen Flügeltüren, die zu dem Zimmer Hitlers 
und dann weiter zu dem durch ihn berühmt gewordenen Kon¬ 
greßsaal führten. 

Aus der hohen Flügeltür hinter meinem Rücken trat jeden 
Morgen gegen 10 Uhr Hitler von seiner im Radziwill-Palais 
gelegenen Wohnung kommend. Er ging durch unser Zimmer 
hindurch, um sich in sein Arbeitszimmer in der Reichskanzlei 
zu begeben. Dort fanden nach einem von Staatssekretär Dr. 
Lammers am Vortage aufgestellten Arbeitsplan, Besprechun¬ 
gen auf höchster Ebene statt. 

Beim Kommen, d.h. auf dem Wege zu den Besprechungen, 
hatte es Hitler immer sehr eilig, auf dem Rückweg dagegen ließ 
er sich Zeit. Er blieb meist vor dem großen Tisch stehen und 
betrachtete die dort für ihn ausgebreiteten Gegenstände, wie 
neu eingetroffene Ehrenbürgerurkunden, Geschenke von 
Anhängern und Verehrerinnen, z. B. Bilder, Bücher, Handar¬ 
beiten, Kunstgegenstände u.a.m.. Manchmal erteilte er eine 
kurze Anweisung oder gab Unterschriften in eiligen Angele¬ 
genheiten. 

In dieser Zeit sah ich Hitler täglich, ausgenommen die 
Wochenenden, die er damals noch regelmäßig in München ver¬ 
brachte. Hitler sagte dabei immer ein paar freundliche Worte 
zu mir, die aber meist nicht über das stereotype: »Wie geht es 
Ihnen?« hinausgingen. 

Die jeweils am Nachmittag angesetzten Besprechungen hielt 
Hitler, da er weder ein Büro- noch Schreibtischmensch war, im 
Wintergarten seiner Wohnung ab. Dabei pflegte er mit seinem 
jeweiligen Gesprächspartner auf- und abzugehen. Bei schönem 
Wetter wurde der große helle Raum, dessen Glastüren dann 
weit offen standen, nur als Durchgang zum Park der Reichs¬ 
kanzlei benutzt. 

Die Persönliche Adjutantur war lediglich eine Verbindungs¬ 
und Vermittlungsstelle. Mir, die ich in der Persönlichen Adju¬ 
tantur saß, wurde es z. B. nur in den seltensten Fällen bekannt, 
mit wem Hitler gerade eine Besprechung hatte, so daß es 
unmöglich war, darin einen Einblick zu erlangen. Alle Schrift¬ 
sachen von Bedeutung verwahrte Hitler persönlich in seinem 
Privatzimmer, manches hatte Schaub im Panzerschrank in 



48 


Er war mein Chef 


Verwahrung. Zu Hitlers Arbeitszimmer hatten wir Sekretärin¬ 
nen nur immer beim Diktat Zugang. 

Alle politischen-, d. h. innen- und außenpolitischen Anordnun¬ 
gen sowie Befehle erteilte Hitler den Reichsleitem, dem RFSS 
Heinrich Himmler, 106 den Ministem, bzw. deren Vertretern als 
auch dem Minister des Auswärtigen Amtes selbst mündlich. Die 
Besprechungen waren bei Hitler an keine Zeit gebunden und 
dauerten oft bis in die Nacht hinein. Von seinen jeweiligen 
Gesprächspartnern wurden dann die empfangenen Anordnun¬ 
gen und Befehle durchgeführt, bzw. schriftlich festgehalten und 
ihm später zur Unterschrift vorgelegt. 

Ich erfuhr nie etwas von eingeleiteten Maßnahmen und den 
laufenden Vorgängen, auf jeden Fall weniger als die Sekretärin¬ 
nen der Reichsleiter, Minister usw. Wenn Hitlers >Grundsätzli- 
cher Befehlt 07 strikt befolgt wurde, dann war das in der Persön¬ 
lichen Adjutantur Hitlers. Es war immer nur zu erahnen, wenn 
sich etwas besonderes ereignet hatte oder sich ereignen sollte. 
Das löste oft eine beklemmende Atmosphäre aus, jedenfalls 
wirkte es so auf mich. 

Ein Geheimniskrämer par exellence in der Adjutantur war 
Julius Schaub. Er war natürlich informiert über das, was gerade 
anstand, und genoß solche Situationen ganz offensichtlich. 
Hatte man durch irgendeinen Zufall von einer Sache Wind 
bekommen und war so unvorsichtig, auch nur den Anfang einer 
Frage in dieser Richtung an Schaub zu wagen, so warf dieser 
einem einen mißtrauischen, wenn nicht gar bösartigen Blick, 
aus seiner auf die Nase heruntergerutschten Brille, von der 
Seite her zu. In arge Bedrängnis geriet man, wenn er dann den 
Dingen mit, »wieso, was ist los«, auf den Grund ging. Da 
beschlich mich immer ein kräftiges Unbehagen und mit der 
Ausrede, »daß ich ja nur vermutet hätte«, versuchte ich mich 
schleunigst aus der Affaire zu ziehen. Ich mußte alles immer 
mehr ertasten und erfühlen, als daß ich etwas konkret zu wissen 
bekam. Selbst die Reisen wurden immer erst kurz vor deren 
Antritt bekanntgegeben. Solange ich noch in Wilmersdorf 
wohnte und bei plötzlich angesetzten Reisen erst dorthin fahren 
mußte, um zu packen, entstand durch die Geheimniskrämerei 
immerein Wirbel, der mich ganz nervös machte. 



Röhmputsch 1934 


So war z. B. auch viel Geheimnistuerei Ende Juni 1934 im Spiel. 
Hitler war in den letzten "lägen des Juni 1934 nach Essen 
gefahren, um dort als TYauzeuge bei der Hochzeit von Gauleiter 
Terboven 108 zu fungieren. 109 Am Abend des 28. Juni 1934 erhielt 
ich in Berlin den telefonischen Auftrag, in der Nacht mit einer 
Ju 52 110 vom Flughafen Tempelhof nach Godesberg zu kommen. 
Gegen 3 Uhr in der Früh startete die Maschine, in der sich auch 
Minister Goebbels 111 mit einigen Herren seines Stabes befand. 
Ich war von diesem, meinem ersten Flug hoch über den Wolken, 
die unter mir wie ein weißschäumendes Meer hin und her 
wogten, fasziniert. 

Dieses Erlebnis noch in meinem Inneren nachgenießend, 
gelangte ich ins Hotel Dreesen, um dort ganz schnell in die 
rauhe Wirklichkeit zurückgeholt zu werden. Der Chefadjutant 
Brückner erteilte mir den Auftrag, sofort telefonisch für den 
nächsten 1hg einige hohe SA-Führer nach Bad Wiessee ins 
Hotel Hanselbauer zu bestellen. Ein Grund für die Einberufung 
wurde nicht angegeben. 112 Etwas Konkretes war nicht wahr¬ 
nehmbar, aber es lag Unruhe in der Atmosphäre. Hitler war 
nicht sichtbar, er hatte unterwegs Besprechungen. 

Am 30. Juni 1934 in aller Frühe erhielten wir ohne vorherige 
Ankündigung den Auftrag zum Flug nach München. In der 
ersten Maschine, die abflog, waren Hitler mit seinem engsten 
Stab, also Brückner, Schaub, Dr. Dietrich, 113 Minister Goebbels 
und die Kriminalbeamten 114 unter Rattenhuber. 115 In dem zwei¬ 
ten Flugzeug saß ich als einziges weibliches Wesen inmitten des 
Begleitkommandos unter Gesche, 116 das wie üblich immer 
etwas später als die Führermaschine startete 
Als wir in München ankamen, ist etwas Unvorhergesehenes 
geschehen. Der Führer des Begleitkommandos, Conny Ge¬ 
sche, 117 wurde nicht verständigt, wohin die Fahrt von München 






50 


Er war mein Chef 


aus weitergehen sollte. Es ist einfach von den Adjutanten ver¬ 
gessen worden, ihn zu informieren. Gesche rätselte herum, und 
ich erwähnte die für den heutigen 1hg in Wiessee angesetzte 
Besprechung, ihm damit vielleicht einen Hinweis gebend. Aber 
vorher versuchte Gesche doch noch - allerdings ergebnislos - 
einen Befehl in Hitlers Wohnung am Prinzregentenplatz vorzu¬ 
finden. 118 

Unter dem Schleier der Unkenntnis gelangten wir nach einer 
längeren Fahrt nach Bad Wiessee in die Halle des Hotels Han¬ 
selbauer und fanden dort die gleiche bedrückende Atmosphäre 
vor, wie sie bereits in Godesberg spürbar gewesen war. Etwas 
mit dem Verstand nicht wahrnehmbares lag in der Luft. Über¬ 
rascht schauten mich die Kriminalbeamten an, als ich auf den in 
einem Ohrenbackensessel sitzenden SA-Stabschef Rohm, 
neben dem sein schöner Schäferhund lag, zuging und ihn 
freundlichst mit Handschlag und »Heil Hitler, Stabschef!«, 
begrüßte. Was mag er, was mögen die Kriminalbeamten gedacht 
haben? Ich konnte ja nicht wissen, was sich inzwischen ereignet 
hatte und daß Hitler seinen ehemaligen Freund Emst Rohm vor 
einer halben Stunde eigenhändig aus dem Bett heraus verhaftet 
hatte. 

Wir, die Insassen des zweiten Flugzeuges, hatten von dem 
Hauptdrama, das sich im Hanselbauer abgespielt hatte, ledig¬ 
lich das Bild in der Empfangshalle mitbekommen. Nachdem 
Kriminalkommissar Rattenhuber den Führer des Begleitkom¬ 
mandos Gesche nur kurz und hastig über das Vorgefallene 
unterrichtet hatte, mußten wir uns quasi auf dem Absatz her¬ 
umdrehen und wieder in den Wagen steigen. Rohm und andere 
verhaftete SA-Führer wurden in Hitlers sofort nach München 
zurückfahrende Wagenkolonne untergebracht. 119 Hitler, im 
ersten Wagen fahrend, hielt alle uns entgegenkommenden 
Fahrzeuge an (in denen u. a. auch die von mir nach Wiessee 
bestellten SA-Führer saßen), ließ sie aussteigen und riß ihnen 
persönlich die Achselstücke von den Uniformen. Dies alles 
konnte ich, in einem der hinteren Wagen sitzend, deutlich 
sehen. Die Verhafteten wurden in ihrem eigenen Wagen unter 
Bewachung in Hitlers Wagenkolonne eingeschert. 

Die auf solche Weise durch einige Stopps unterbrochene Fahrt 




Röhmputsch 1934 


51 


endete im Hof des Braunen Hauses in der Briennerstraße 45, wo 
eine Kompanie der Reichswehr angetreten war und vor Hitler 
salutierte. Hitler, sichtlich bewegt, hielt eine kurze Ansprache, 
von der ein Satz sinngemäß in mir haften geblieben ist: »Ich 
freue mich - oder ich bin stolz, daß ich Euch habe!« 

Inzwischen sickerten erregende Nachrichten durch, von 
Erschießungen in Stadelheim 120 war die Rede u. a. m. Aber von 
all den Geschehen dieses Ihges ist mir eines gravierend in Erin¬ 
nerung geblieben, eine Begegnung mit Hitler unter vier Augen, 
die sich im Speisezimmer des Begleitkommandos im Radziwill- 
Palais abspielte. Ich hatte mich nach der Ankunft in Berlin 121 
nach einiger Zeit in den Speiseraum der Reichskanzlei begeben, 
um einen Imbiß einzunehmen. Ich saß allein an einem Tisch, als 
sich die Tür öffnete und Hitler erschien. Er schaute mich kurz 
an und setzte sich neben mich an den ovalen Eßtisch und sagte, 
tief aufatmend, so wie von einem schweren Druck befreit: »So, 
ich habe inzwischen gebadet und nun fühle ich mich wie neuge¬ 
boren!« 

Ich war sehr überrascht über Hitlers Erscheinen in diesem 
Raum, in einem Bereich des Küchentraktes, in dem ich ihn 
bisher noch nie gesehen hatte. Dieser Tbil der Küche lag doch 
gar nicht auf dem Wege zu seinem Privaträumen im ersten 
Stock des Palais. Was trieb ihn hierher? Was bewegte ihn, mir zu 
sagen, daß er sich nun »wie neugeboren fühle«? 

In seinem, nach der Parkseite zu gelegenen Speisesaal, warteten 
bereits Minister Goebbels und die anderen Herren des Stabes 
auf ihn. Doch er setzte sich hin zu mir, gleich einem Menschen, 
der nach Bewältigung einer schrecklichen Situation zu irgend¬ 
jemand sagen muß: »Gottseidank...« Dieses »Sich wie neuge¬ 
boren fühlen« war ein solches »Gottseidank«, ein erlöstes Auf¬ 
atmen von Hitler gewesen, wenn auch einem Menschen gegen¬ 
über, der von den wirklichen Hintergründen des Geschehens 
nichts wußte. 

Es ist nach dem 30. Juni 1934 viel daran herumgerätselt worden, 
ob Rohm wirklich einen Putsch geplant hatte. Rein subjektiv 
gesehen meine ich, daß Rohm keinen Putsch geplant hatte, aber 
nachdem Himmler seine SS-Leute in die Polizei aufgenommen 
hatte, wollte Rohm wohl für seine unruhig gewordenen, z. T. 



52 


Er war mein Chef 


arbeitslosen SA-Männer, zumindest den Status einer Volksmi¬ 
liz erreichen. Das hätte aber der politischen Absprache mit 
Frankreich widersprochen. Hitler wollte Schwierigkeiten mit 
Frankreich vermeiden und fürchtete, daß Rohm auf eigene 
Faust Politik machen wollte. 

Nach den mir später zugänglich gewordenen Unterlagen und 
Befehl des Stabschef Rohm an die SA vom 10. Juni 1934 ist aber 
auch nicht auszuschließen, daß dies wirklich seine Absicht 
gewesen ist. Im letzten Absatz des Befehls des Stabschefs heißt 
es: »Ich erwarte, daß am 1. August die SA wieder voll ausgeruht 
und gekräftigt bereitsteht, um ihren ehrenvollen und schweren 
Aufgaben zu dienen, die Volk und Vaterland von ihr erwarten 
dürfen. Wenn die Feinde der SA sich in der Hoffnung wiegen, 
die SA werde aus ihrem Urlaub nicht mehr oder nur zum Teil 
wieder einrücken, so wollen wir ihnen diese kurze Hoffnungs¬ 
freude lassen. Sie werden zu der Zeit und in der Form, in der es 
notwendig erscheint, darauf die gebührende Antwort erhalten. 
Die SA ist und bleibt das Schicksal Deutschlands.« 

D.h. der Stabschef Rohm schickte seine 4 l /a Millionen SA- 
Männer in Urlaub, drohte aber noch beim Wegtreten mächtig 
mit der Pranke. Er sprach von »Feinden der SA«. Laut diesem 
Befehl des Stabschefs Rohm vom 9. Juni 1934 sollte die SA 
»vollausgeruht« auch nicht »Führer und Reich« dienen, wie es 
damals allgemein hieß, sondern dem »Volk und Vaterland« zur 
Verfügung stehen. Auch fehlt in diesem Befehl, was mir auffiel, 
das sonst bei allen dienstlichen Schreiben abschließend übliche 


»Heil Hitler!« 



Hitlers Diktate 
und das Treppenzimmer 


Hitlers Diktate fanden meistens am späteren Abend bzw. in der 
Nacht statt, »weil er dann«, so sagte er, »die besten Ideen hätte.« 
Damit die Schreibkraft (oft auch deren zwei) am Abend ausge¬ 
ruht zur Verfügung stand, wurde die bevorstehende Arbeit von 
Schaub angekündigt. Oft verschob sich aber das Diktat tage¬ 
lang. Schaub sagte dann immer: »Der Chef wartet noch eine 
Nachricht ab.« 

Also fing der Bereitschaftsdienst an, der meist in der Nähe von 
Hitlers Arbeitszimmer, dem sogenannten >TYeppenzimmer< 
abgesessen wurde. Daß wir nicht verhungerten, dafür sorgte der 
Hausintendant Kannenberg. 122 In der ersten Zeit meiner Tätig¬ 
keit in Berlin, als ich noch »auf Abruf« aus dem Verbindungs¬ 
stab zum Arbeiten in die Führerwohnung kam, war allein schon 
der Anblick der Obstschalen mit den Williams Birnen, blauen 
Brüsseler Trauben, Äpfeln, Orangen und den Platten mit beleg¬ 
ten Broten eine Köstlichkeit für mich. 

Der Führerhaushalt wurde durch den Hausintendanten Arthur 
Kannenberg und seiner Frau Freda 123 betreut. Da mittags und 
abends immer Gäste eingeladen waren, konnte man den Füh¬ 
rerhaushalt mit einem gut geführten Restaurant vergleichen. 
Arthur Kannenberg stammte aus einer alten Berliner Gastrono¬ 
menfamilie. Der Vater von Kannenberg besaß in Berlin ein 
renommiertes Schlemmerlokal. Sein Sohn Arthur war in den 
20iger Jahren Eigentümer eines bekannten und beliebten Berli¬ 
ner Ausflugslokals >Onkel Toms Hütte<. 

Ich selbst bin nie dort gewesen. Aber eine alte Berlinerin, Frau 
Magdalene Haberstock 123 *, die Witwe des von Hitler mit 
Ankäufen alter Gemälde beauftragten und versierten Kunst¬ 
händlers Karl Haberstock, erzählte mir einmal: »Bis Hunde¬ 
kehle fuhr man mit der Straßenbahnlinie 76 und pilgerte dann 
zu Fuß in das sehr schön gelegene Gartenlokal, wo es nicht nur 







54 


Er war mein Chef 


Kaffee und Kuchen, sondern am Abend auch Speisen für 
gehobene Ansprüche gab.« 

Kannenberg machte mit seinem Gartenlokal pleite, er eröff- 
nete jedoch anschließend sofort wieder ein kleines Speiselokal 
in der Nähe des Anhalter Bahnhofs in Berlin. Es war Dr. 
Goebbels, der zu dieser Zeit Hitler auf das Lokal von Kan¬ 
nenberg aufmerksam machte. Von da ab kehrte Hitler, wenn 
er mit seiner Begleitung mit dem D-Zug von München am 
Anhalter Bahnhof in Berlin ankam, immer gerne in Kannen¬ 
bergs Speiselokal ein und labte sich an den hervorragenden 
Gemüse- und Salatplatten, die eine Kannenberg’sche Spezia¬ 
lität waren. 

Kannenberg war aber nicht nur ein ausgezeichneter Gastro¬ 
nom, sondern auch ein exzellenter Alleinunterhalter, der mit 
dem sprichwörtlichen Berliner Witz und Humor gesegnet war. 
Er erschmeichelte sich durch seine volksliederhaften Vorträge 
und Clownerien, 124 zu denen er sich auf dem Akkordeon 
begleitete, Hitlers Sympathie, die so weit führte, daß ihn Hit¬ 
ler Anfang 1932 mit der Leitung der Kantine in dem zum 
Braunen Haus umgebauten Palais Barlow in München be¬ 
traute. 

Nach der Machtübemame 1933 holte Hitler Kannenberg und 
dessen sympathische stille Frau Freda (Tochter eines Försters 
aus Norddeutschland) in seine im Radziwill-Palais gelegene 
Wohnung nach Berlin, wo ihm bis 1945 als Hausintendant die 
Leitung des Führerhaushalts oblag. Im besonderen waren 
Kannenberg und seine Frau zuständig für Einstellungs-, 
Bekleidungs-, Besoldungs- und Unterkunftsangelegenheiten 
des Haus- und Küchenpersonals, Einkauf und Verwaltung der 
Lebensmittel, Getränke, der Haushaltswäsche sowie die Auf¬ 
stellung des täglichen Speisezettels. Auch bei Staatsempfän¬ 
gen, sowie alle mit diesen Empfängen zusammenhängenden 
Organisationsangelegenheiten in bezug auf Blumendekoratio¬ 
nen der Täfel, der Empfangs- und Gesellschaftsräume gehör¬ 
ten zu Kannenbergs Aufgabengebiet als auch die Anforderung 
von zusätzlichen Dienern (bei großen Staatsempfängen traten 
außer den aus der LAH hervorgegangenen Dienern, solche aus 
der Präsidialkanzlei (in Livree) in Funktion). Von der Präsi- 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


55 


dialkanzlei wurde dann auch der Majordomus abgestellt, der 
mit dem Stab auf den Fußboden klopfend, die Gäste namentlich 
ankündigte. 

Eine ganz besondere Angst hatte Hitler vor einem faux-pas bei 
Empfängen. Es plagte ihn auch immer der Gedanke, von seinem 
Personal könnten Fehler gemacht werden, die seinem Ansehen 
schadeten. Er drohte dem Hausintendanten Kannenberg mit 
Bestrafung für den Fall, daß während eines Empfanges Schnit¬ 
zer gemacht würden. Ehe die Gäste kamen, warf Hitler immer 
noch selbst einen Blick auf die gedeckte Täfel, ob auch wirklich 
nichts versäumt worden war. 

1939 sprach er z. B. im engeren Stab mit einem Ordonnanzoffi¬ 
zier, der Ribbentrop nach Moskau begleitet hatte. 125 Als der 
Offizier erzählte, daß Stalin vor Beginn des Essens prüfend die 
Tafel überblickt hatte, um festzustellen, ob auch nichts fehlte, 
sagte ich: »Stalin scheint die gleiche Angst wie Sie zu haben, 
daß etwas nicht in Ordnung sein könnte.« Hitler antwortete: 
»Meine Diener sind in Ordnung.« 

Eine wichtige Funktion hatte Kannenberg in der Vorweih¬ 
nachtszeit. Hitler machte es immer eine große Freude, Men¬ 
schen, die er mochte und denen er sich verbunden fühlte, zu 
beschenken. Zu den Geburtstagen und vor allem zu Weihnach¬ 
ten vergaß es Hitler nie, für diesen Personenkreis Geschenke 
auszuwählen. Zu diesen Kreisen gehörten nicht nur die engsten 
Mitarbeiter Hitlers und deren Frauen oder die von ihm verehr¬ 
ten Künstler und Künstlerinnen, sondern auch Bekannte sowie 
Freunde aus der Kampfzeit. Besonders gehörten dazu auch die 
Frauen, mit denen er vor der Machtübernahme befreundet war 
bzw. die zu seinen Freundeskreis gehört hatten. 

Hitler bedauerte es des öfteren, wenn er mit uns Sekretärinnen 
im IVeppenzimmer seinen Tee einnahm, daß es ihm jetzt als 
Reichskanzler nicht mehr wie früher möglich sei, selbst in die 
Geschäfte Berlins gehen zu können und die Geschenke einzu¬ 
kaufen. »Dies«, so sagte er, »hätte ihm früher immer sehr viel 
Freude bereitet.« 

Da aber Hitler die Geschenke doch selbst aussuchen wollte, 
brachte der geschickte Hausintendant Kannenberg das Kunst¬ 
stück fertig, aus Berlins exclusivsten Geschäften die schönsten 



56 


Er war mein Chef 


Gegenstände als Auswahlsendung für Hitler in die Reichskanz¬ 
lei kommen zu lassen. Ich durfte Hitler einige Male bei der 
Auswahl der Geschenke helfen. 

In der Privatbibliothek und im Arbeitszimmer Hitlers ließ Kan¬ 
nenberg dann vor Weihnachten die Gegenstände auf den 
Tischen, Stühlen und am Boden ausbreiten, die sich Hitler 
ansehen wollte. Diese Geschenke, ich sehe sie noch heute vor 
mir, waren Gemälde, Meissner Porzellan, silberne Täbletts und 
Schalen, Reise-Necessaire, Gliederketten, Abendhandtaschen, 
Operngläser, Frisiergamituren, Reiseplaids, Tischlampen, Kaf¬ 
fee- und Ifeeservice, silberne Löffel, goldene Uhren, Bücherund 
Bildbände, Schreibtischgarnituren, Lederkoffer, Autodecken 
usw. 

Hitler suchte dann aus, was jeweils den einzelnen, auf einer 
langen Liste verzeichneten Personen, in diesem Jahr geschenkt 
werden sollte. Die namentliche Liste befand sich in Julius 
Schaubs Obhut und wies auch aus, was die betreffenden Perso¬ 
nen in den vergangenen Jahren von Hitler erhalten hatten. 

Es war ein kleines Reich für sich, das Kannenberg unterstand. 
Hitler sagte einmal von Kannenberg: »In der Küche herrscht er 
wie ein Pascha!« Kannenberg war sich seiner Macht auch abso¬ 
lut bewußt, herrschte souverän und scheute auch nicht davor 
zurück, vor allem während des Krieges, aus den Vorräten des 
Führerhaushaltes großzügige Geschenke an Prominente zu 
machen, um sich bei diesen anzubieten. Im Kriege bekam Hitler 
z. B. jedes Jahr vor Weihnachten vom Imen und Yemen 126 ein 
paar Säcke rohen Kaffees zum Geschenk. Jeder, der auf Hitlers 
Geschenkliste verzeichnet war, bekam nun im Krieg ein paar 
Pfund Kaffee, was in der damaligen Zeit ein willkommenes 
Geschenk war. Auch wer sich mit Kannenberg gut stellte, war 
nie ohne Kaffee oder andere Sachen, die der Rationierung 
unterlagen. 

Frau Magda Haberstock, 121 die während des Krieges bei ihren 
Freunden Kluges auf einem schlesischen Gut zu Gast war, 
erinnerte sich im Gespräch über Kannenberg: »Er kam dort mit 
einem Wagen mit Lebensmitteln und Sachen an, da stand einem 
der Verstand still, kann ich Ihnen sagen. Das war alles beiseite 
gebracht.« Auf meine Frage, ob Kannenberg dafür Geld genom- 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


57 


men hätte, antwortete Frau Haberstock verneinend: »Nein, das 
nicht, er wollte sich halt Liebkind machen!« Meine Bemerkung: 
»Er war schon ein kleiner Schieber«, korregierte Frau Haber¬ 
stock: »Klein ist milde!« 

Kannenbergs Frau Freda hatte eine glückliche Hand und ein 
gutes Auge für attraktive Plazierung der kostbaren Tischdeko¬ 
rationen und Blumenarrangements, die vom ersten Blumenge¬ 
schäft Berlins, der Firma Rothe, im Hotel Adlon Unter den 
Linden, in die Reichskanzlei geliefert wurden. 

Kannenbergs wurden auch oft auf den Berghof beordert, wenn 
der Besuch eines prominenten Gastes anstand, um für den 
reibungslosen Ablauf des Staatsdiners zu sorgen. Hier hatte 
Frau Kannenberg immer Gelegenheit, die in der großen Halle 
herrschenden museale Kühle, durch lebende Blumenstöcke auf- 
zulockem. So gelang es ihr z. B. immer, eine beglückende Über¬ 
einstimmung zwischen den Farben eines Gemäldes und den 
Farben der Blumen herzustellen, die in der Nähe standen. 

Freda Kannenberg traf mit ihren Arrangements völlig den 
Geschmack Hitlers, für den sie das Idealbild der deutschen 
Hausfrau war. Mit ihrer immer gleichen Frisur, der damals 
modernen Olympia-Rolle, gepflegt, umsichtig und stillen aus¬ 
gleichenden Gemüts, war sie zweifelsohne die sympathischere 
Hälfte des Ehepaares Kannenberg. 

Kannenberg selbst war klein und rundlich, aber trotzdem unge¬ 
mein beweglich, ja springlebendig. Ich mußte immer an einen 
dicken rollenden Gummiball denken. Er hatte etwas hervor¬ 
quellende Augen (womöglich Basedow?) und war vielleicht 
daher in bezug auf seine Gemütsverfassung ziemlich labil. Kan¬ 
nenberg war leider nicht ganz frei von der Lust am Intrigieren 
und das Wortspiel: Hausintendant - Hausintrigant, drängte 
sich mir damals immer auf. So ist z. B. Kannenbergs Konto 
letztendlich auch der endgültige Sturz von Hitlers langjährigen 
Chefadjutanten Wilhelm Brückner und die zeitweilige Verset¬ 
zung des Ordonnanzoffiziers Max Wünsche 128 an die Front 
anzulasten. Beide fielen einer Intrige Kannenbergs zum 
Opfer. 129 

In der Führerwohnung und auch am Berg fungierten als Diener, 
Ordonnanzen oder wie man es nennen mag, gut aussehende 




58 


Er war mein Chef 


junge Männer, die ein weißes Dinnerjackett mit Kragenspiegel 
und schwarzer Hose trugen. Sie wurden von der LAH abgestellt 
und nach einem Lehrgang in der Dienerschule Pasing in Hitlers 
Haushalt zum Servierdienst übernommen. Dadurch gerieten sie 
in den Machtbereich Kannenbergs, obwohl sie nicht von ihm 
und nicht bei ihm angestellt waren, also für diese Leute eine 
etwas zweischneidige Position. Kannenberg fühlte sich bemü¬ 
ßigt, sie genauso zu reglementieren, wie er es mit seinem Perso¬ 
nal gern tat. Dies gefiel den SS-Männern aus der LAH natürlich 
gar nicht und gab dem Adjutanten Max Wünsche öfters Veran¬ 
lassung, Partei für sie zu ergreifen. Er hatte mit Kannenberg 
eine heftige Auseinandersetzung, auch wegen anderen Perso¬ 
nalangelegenheiten, die ihm dieser nicht vergaß. 

Beim Besuch der italienischen Prinzessin Mafalda 130 1 940 
wurde Kannenberg auf den Berg befohlen, er kam aber erst 
oben an, als von Adjutant Wünsche und der Haushälterin Josefa 
alles geregelt war. Auch Brückner hat dazu nichts beigetragen. 
Hitler war bester Laune, daß alles so gut geklappt hatte und er 
lobte Kannenberg für seine gute Arbeit, die dieser gar nicht 
getan hatte. Kannenberg ergriff nun die Gelegenheit, um seinen 
aufgestauten Groll gegen Wünsche loszuwerden. Hitler ließ sich 
beeinflussen und Brückner als Chefadjutant wurde zu Hitler 
zitiert. Als dieser dann zu Wünsche hielt und ihn gegen Kannen¬ 
berg in Schutz nahm, entließ Hitler Brückner auf der Stelle und 
der Adjutant Wünsche wurde sofort an die Front versetzt. 131 
Hitler sah wohl später ein, daß er Kannenbergs Intrigenspiel 
aufgesessen war, aber das minderte nicht seine Wertschätzung, 
die er Kannenberg entgegenbrachte. Da Hitler stets darauf 
bedacht war, daß es bei den Staatsbanketten oder bei den 
jährlich einmal stattfindenden Künstlerfesten alles reibungslos 
ablief, und Kannenberg dies zu seiner vollsten Zufriedenheit 
erledigte, war es nicht verwunderlich, daß Kannenberg mit der 
Zeit eine gewissen Narrenfreiheit genoß. 

llitler schätzte Kannenbergs fachliche Fähigkeiten und mochte 
seine Clownerien, die Kannenberg schon anfangs der 30iger 
Jahre sehr gut anzubringen verstanden hatte, als Hitler zuwei¬ 
len noch Ausflüge unternahm, bei denen Kannenberg für die 
Picknicks sorgte. Bei diesen Gelegenheiten ergab es sich immer, 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


59 


daß Kannenberg Hitler und dessen Gäste mit musikalischen 
Vorträgen und seinen Mätzchen ergötzen konnte. In einem 1937 
im Heinrich Hoffman-Verlag erschienenen Bildbuch, >Hitler 
abseits vom Alltags sind hierüber einige Bilder enthalten (z. B. 
»Sorglose Stunde im Harz<), die einen völlig gelösten Hitler 
zeigen, wie man ihn später nur noch sehr selten sah. 
Kannenberg verließ 1945, kurz vor dem Zusammenbruch, die 
Reichskanzlei und flüchtete an den Thumsee. Er eröffnete spä¬ 
ter in Düsseldorf wieder ein Schlemmerlokal, die »Schneider 
Wibbel-Stubens das sich lebhaften Zuspruchs erfreute, viel¬ 
leicht auch deswegen, weil es Kannenberg auch dort wieder 
verstand, seine Gäste zu amüsieren und zu unterhalten. 

Doch zurück in die Reichskanzlei. Direkt gegenüber der Tür zu 
Hitlers Arbeitszimmer, führten ein paar Stufen zu einem langen 
Gang, dem sogenannten Adjutantenflügel, von dem man in die 
Räume von Hitlers Adjutanten kam. Das erste Zimmer war das 
»Treppenzimmer<, von dem noch öfters die Rede sein wird. Dann 
kamen die Zimmer von Schaub, Dr. Dietrich, Sepp Dietrich und 
Brückner (später Alwin-Broder Albrecht 132 ). Ging man die 
nach unten führende Treppe hinab, stieß man auf den soge¬ 
nannten Damensalon, eigentlich war es das Empfangszimmer, 
von dem links große, immer offenstehende Flügeltüren in den 
Kinosaal mit Kamin führten. Rechts lag das Bismarckzimmer, 
das auch Rauchzimmer genannt wurde. Daneben war das Spei¬ 
sezimmer. Diesem schloß sich der langgestreckte hintere »Win¬ 
tergarten mit seinen chintzbezogenen Sesseln an. Der Winter¬ 
garten endete in einem schönen Halbrund mit hohen Glastüren, 
die einen Blick auf die alten Bäume im Park freigaben. Im 
Wintergarten wurde morgens auch gefrühstückt. Wilhelm 
Brückner hielt sich hier nach seiner Devise: »»Das Frühstück ist 
die schönste Jahreszeit«, gern etwas länger auf. Nachmittags 
absolvierte Hitler im Wintergarten meist seine Besprechungen. 
Seine amtlichen Diensträume suchte er nur auf, wenn Staatsse¬ 
kretär Dr. Lammers dort einen Termin für ihn festgelegt hatte. 
Als ich im Frühjahr 1934 endgültig in die Persönliche Adjutan- 
tur des Führers kam, sind am Anfang die regelmäßigen Mahlzei¬ 
ten zusammen mit Sepp Dietrich, Dr. Dietrich, den SS-Führem 
und SS-Männern des Begleitkommandos sowie den Adjutanten 



60 


Er war mein Chef 


und Dienern, im Souterrain des Wirtschaftstraktes im Radzi- 
will-Palais eingenommen worden. Auf Anordnung Hitlers 
erhielten Gäste und Personal im Souterrain das gleiche Essen, 
wie im Speisesaal der Führerwohnung. Es gab keinen Unter¬ 
schied in der Speisekarte. In den späteren Jahren aßen wir 
Sekretärinnen dann vorwiegend im Treppenzimmer, das, wie 
schon erwähnt, am Anfang des Adjutantenflügels lag. Dort 
tranken wir auch Nachmittags unseren Tee. 

Eines Täges kam Hitler zufällig an dem TVeppenzimmer vorbei, 
sah uns dort sitzen und fragte, ob er sich zu uns setzen dürfe. 
Diese Stunde der leichten Plauderei, die sich völlig zwanglos 
ergeben hatte, gefiel ihm so gut, daß er immer öfters um diese 
Zeit und später fast täglich zum Tee vorbei kam. Die Tfeestun- 
den am Nachmittag im TVeppenzimmer wurden zu einem ziem¬ 
lich regelmäßigen Ritual. Manchmal waren wir zwei Sekretä¬ 
rinnen, die Hitler Gesellschaft leisteten, später aber auch 
zuweilen alle drei, also Johanna Wolf, Gerda Daranowski 133 
und ich. 

Dabei war das TVeppenzimmer gar nicht gemütlich. Der Raum 
war sehr hoch, er diente, da er ohne Bad war, nur aushilfsweise 
als Fremdenzimmer. Es gab nur ein Waschbecken mit darüber¬ 
hängendem Spiegel. Die übrige Einrichtung bestand aus einer 
chintzbezogenen Couch, einem Kleider- und einem Panzer¬ 
schrank sowie einem Schreibmaschinentisch. Eine Stehlampe, 
ein achteckiger Tisch mit strohgeflochtenen Stühlen rundeten 
die einfache Ausstattung ab. 

Ab Kriegsbeginn 1939 waren wir Sekretärinnen meist, bzw. 
auch manchmal abwechselnd, im jeweiligen FHQ. Das TVep¬ 
penzimmer wurde bei unserer Anwesenheit in Berlin nun zu 
unserem ständigen Büro, da die für uns vorgesehenen Arbeits¬ 
zimmer in der Neuen Reichskanzlei viel zu weit entfernt waren. 
Es gab für uns ja auch keinen regulären Bürodienst im Sinne 
eines Achtstundentages. Wir waren rund um die Uhr im Dienst 
und mußten dem Chef permanent zur Verfügung stehen. Und da 
sich Hitler, abgesehen von den offiziellen Besprechungen, 
immer in seiner Wohnung aufhielt, waren wir im TVeppenzim¬ 
mer näher als in der Neuen Reichskanzlei und sofort erreichbar. 
Auf dem gleichen Flur im 1. Stockwerk des Radziwill-Palais 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


61 


befanden sich sein Arbeitszimmer, die Bibliothek, sein Schlaf¬ 
zimmer und später daneben das Appartement von Eva Braun. 
Trotz der einfachen Ausstattung des Treppenzimmers fühlte 
sich Hitler hier sehr wohl. Er entspannte sich da offensichtlich 
sehr, und ich hatte immer das Gefühl, daß er in diesen Stunden 
ganz gelöst war. Er erzählte von seinen privaten Erlebnissen 
aus der Jugend und der Vergangenheit, Themen, die er später 
bei den abendlichen Tees und den Mahlzeiten im Kasino der 
FHQ’s nie mehr erwähnte oder anschnitt. Man spürte einfach, 
daß das, was er hier sagte, aus einem Geheimfach kam, das er 
sonst verschlossen hielt. 

So bedauerte er es z. B. sehr, daß er nicht mehr allein durch die 
Stadt bummeln und daß er nichts mehr persönlich einkaufen 
könne. »Wie schön war das doch damals mit Geli«, 134 sagte er 
manchmal. Sie schleppte ihn in einen Hutsalon, probierte alle 
Hüte auf, um dann festzustellen, daß ihr keiner richtig gefiel. 
Wenn er dann sagte: »Aber Du kannst das doch nicht machen 
und jetzt gehen, ohne etwas zu kaufen«, sagte sie lachend: 
»Aber dafür sind die Verkäuferinnen doch da.« 

Hier im Treppenzimmer erzählte er uns auch von den in seiner 
frühen Jugend verübten Streichen. Einmal sagte Hitler, daß 
seine Aversion gegen Pfarrer aus frühester Jugend herrührt. Er 
erzählte von einem Professor, der den Religionsunterricht 135 
abhielt und der immer sehr ungepflegt war. Er hatte immer 
Speiseflecke auf seinem Rock und unglaublich schmutzige 
Taschentücher, die er immer erst auseinanderziehen mußte, 
wenn er sie gebrauchen wollte, so verkrustet waren sie. 

Dieser Professor hatte den Jungen vorgehalten, daß sie in der 
Kirche nicht richtig knien würden. Worauf Hitler mit völlig 
ernster Miene entgegnete, er wüßte nicht, wie man es richtig 
machen sollte und der Professor möchte es doch mal vorma¬ 
chen. 

Der Professor, angenehm berührt, daß es den Jungen so ernst 
war mit der richtigen Ausführung der vorgeschriebenen Stel¬ 
lung, zog darauf sein verkrustetes Taschentuch hervor, zupfte 
es auseinander, breitete es am Boden aus und kniete darauf 
nieder. Als gleich darauf das Pausenzeichen ertönte, stand er 
auf, legte sein Taschentuch auf einen kleinen Hocker auf dem 



62 


Er war mein Chef 


die Waschschüssel stand und ging hinaus auf den Flur, wo er die 
Pause im Gespräch mit seinen Kollegen zu verbringen pflegte. 
Die Buben besprachen sich, daß man den Professor wegen 
seiner unglaublich schmutzigen Taschentücher mal ruhig bla¬ 
mieren sollte. Hitler erklärte sich bereit, faßte voll Ekel das 
Taschentuch am äußersten Zipfel an und hielt es hinter seinem 
Rücken versteckt, während er direkt auf die im Flur stehenden 
Lehrer zuging. Er machte unmittelbar vor dem Professor halt, 
zog das bis dahin nicht sichtbare Taschentuch hervor und sagte 
lächelnd zu dem Professor: »Herr Professor haben das Taschen¬ 
tuch vergessen.« 

Ein beliebtes Spiel in der Schule war auch damals schon das 
Spiegeln. Hitler hatte dies eifrig betrieben und seinen Lehrer so 
nervös gemacht, daß sich dieser zu einem Eintrag in das Klas¬ 
senbuch bemüßigt fühlte. In der Pause fielen die Buben überdas 
Klassenbuch her, um den Eintrag ihres Lehrers zu lesen. Zu 
ihrer größten Freude fanden sie, daß der Lehrer, natürlich 
unbeabsichtigt, gereimt hatte. Sie lasen: »Hitler ist ein Böse¬ 
wicht, er spiegelt mit dem Sonnenlicht!« Und johlend wieder¬ 
holte die Bande den Reim, als der Lehrer das nächste Mal die 
Schulstube betrat. 

Weiter erzählte Hitler, daß er als Zwölfjähriger mit seinen 
Kameraden gewettet hatte, daß er während des Gottesdienstes 
mit den Mädchen, diese zum Lachen bringen würde. Hitler 
erreichte dies dann auch tatsächlich dadurch, daß er eine 
Schnurbartbürste herauszog und jedesmal, wenn die Mädchen 
herschauten, den nicht vorhandenen Bart bürstete. 

Er gab die ersten Rauchversuche 136 und auch das erste 
schmachvolle Besäufnis zum Besten: »Als kleiner Junge hatte 
ich eine Zigarette geraucht, d. h. ich schaffte nur die Hälfte. Mir 
wurde furchtbar schlecht, ich lief nach Hause und mußte mich 
dauernd erbrechen. Der Mutter, die in furchtbarer Sorge war, 
sagte ich, daß ich eine Tollkirsche gegessen hätte, worauf sie den 
Arzt kommen ließ. Er untersuchte mich, schaute mir in den 
Mund wurde sehr mißtrauisch und kontrollierte dann meine 
Hosentasche, aus der er den Zigarettenstummel hervorholte. 
Später kaufte ich mir eine lange Porzellanpfeife. Ich rauchte 
wie ein Schlot, selbst dann, wenn ich im Bett lag. Einmal bin ich 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


63 


darüber eingeschlafen und erst aufgewacht, als das Bett bereits 
brannte. In diesem Augenblick habe ich mir geschworen, nie 
wieder zu rauchen, und habe das auch gehalten.« 

Weiter sagte er: »Nach unserer Abschlußprüfung ging ich mit 
meinen Schulkameraden in eine Bauemschenke, um das Ereig¬ 
nis mit einer ungeheueren Menge Schnaps zu begießen. Mir 
wurde übel davon, und ich mußte mehrmals den Misthaufen 
hinter dem Haus aufsuchen. Am nächsten Morgen suchte ich 
vergeblich mein Abgangszeugnis, das mein Vater sehen wollte. 
Meine Nachforschungen blieben erfolglos, und ich ging zum 
Schuldirektor und bat ihn um eine Abschrift. Da erlebte ich 
denn nun die größte Schmach meiner Jugendzeit. Der Direktor 
gab mir mein ganz zerknittertes Zeugnis in die Hand. Der Wirt 
der Bauemschenke hatte es auf dem Misthaufen gefunden und 
es an die Schule geschickt. Ich war so niedergeschlagen, daß ich 
mir vornahm, nie wieder einen TVopfen Schnaps zu trinken.« 

Er sprach auch von der Liebe seiner Mutter, 137 an der er sehr 
hing und von der Strenge seines Vaters. 138 »Meinen Vater habe 
ich nicht geliebt«, pflegte er zu sagen, »dafür aber um so mehr 
gefürchtet. Er war jähzornig und schlug sofort zu. 139 Meine 
arme Mutter hatte dann immer Angst um mich. Als ich eines 
Thges im Karl May gelesen hatte, daß es ein Zeichen von Mut sei, 
seinen Schmerz nicht zu zeigen, nahm ich mir vor, bei der 
nächsten TVacht Prügel keinen Laut von mir zu geben. Und als 
dies soweit war - ich weiß noch meine Mutter stand draußen 
ängstlich an der Tür -, habe ich jeden Schlag mitgezählt. Die 
Mutter dachte, ich sei verrückt geworden, als ich ihr stolz 
strahlend berichtete: »Zweiunddreißig Schläge hat mir Vater 
gegeben!« Merkwürdig, von diesem Täg an brauchte ich mein 
Experiment nicht mehr zu wiederholen; mein Vater hat mich 
nicht mehr angerührt.« Später aber, als ihn das Leben hart 
anpackte, hat Hitler, wie er erzählte, vor seinem Vater den 
größten Respekt gehabt, weil er sich vom Waisenknaben zum 
Zollbeamten hinaufgearbeitet hatte. Hitler liebte es auch, von 
der Hausfrauentüchtigkeit seiner Mutter zu sprechen, die den 
Familienbesitz nach und nach vermehrte. 

Er erinnerte sich manchmal an seine Schwestern, die für ihn nur 
»Gänse« waren. Er grollte ihnen zum Beispiel, daß sie kein 



64 


Er war mein Chef 


Verständnis dafür gehabt hätten, wenn er sich seinem Lieb¬ 
lingssport widmete und mit dem Flobert auf die Ratten schoß, 
die den Friedhof der kleinen Gemeinde bevölkerten. Er gestand 
uns, daß er, als sich seine Schwester Angela 140 verlobte, dem 
ihm an sich sehr sympathischen Bräutigam 141 am liebsten gera¬ 
ten hätte, das Verlöbnis zu brechen und »die dumme Gans« doch 
laufen zu lassen. 

Hitler besaß keinen Familiensinn. Als »Familie« betrachtete er 
seinen engeren Stab. Seine Schwester Paula 142 war ein paar 
Jahre jünger als er. Sie war ein stilles, verschlossenes Kind 
gewesen und schon in jungen Jahren machte sich Hitler nicht 
viel aus dieser Schwester. Es mag wohl vor allem an dem 
Altersunterschied gelegen haben, daß er sie aus seinem Leben 
ausschloß. Paula lebte bis Kriegsende in Wien und dann bis zu 
ihrem Tode in Berchtesgaden. 

In einem ihrer Briefe vom 29.8. 1956 schrieb Paula Hitler: 
»... hinausgewachsen über Wien bin ich erst, und das im wahr¬ 
sten Sinne des Wortes, nach Kriegsende.« In einem anderen 
Brief vom 7. Februar 1957 heißt es: »Ich mußte meiner Stief¬ 
schwester 143 die viel älter und energischer war als ich, überall 
den Vorrang lassen, obwohl mein Bruder Adolf und ich die 
gleichen Eltern gehabt haben, aber es war für mich klar, wir 
konnten der Welt nicht das Schauspiel liefern, daß wir uns 
streiten um das Recht auf den Bruder. Ich blieb daher in Wien 
und meine Schwester Angela führte am Obersalzberg meinem 
Bruder den Haushalt. Im Herbst 1935 war diese Aera zu Ende. 
Er wollte nach jeder Richtung hin frei und ungebunden sein. 
Nach jeder Richtung in privater Beziehung.« Und in einem 
weiteren Brief vom 5. Februar 1957 führte sie aus: »Wir Schwe¬ 
stern waren in seinen Augen viel zu eifersüchtig auf den Bruder, 
er wollte lieber fremde Menschen um sich haben, die er bezahlen 
konnte für ihre Dienstleistungen...« 

Alois Hitler, 144 sein sieben Jahre älterer Halbbruder, hat in 
seinem Leben nie eine Rolle gespielt. Aus der ersten Ehe dieses 
Halbbruders entstammte aus der Heirat mit einer Irländerin ein 
Sohn, William Patrik Hitler, der 1939 im Gespräch war, weil er 
ein Buch, >Mon oncle Adolphe«, herausgebracht hatte. Der 
zweite Sohn fiel im Osten als Offizier. Über den Stiefbruder 




Die lebenslustige 
Nichte Hitlers, An¬ 
gela Raubal, ge¬ 
nannt >Geli«, war die 
Tbchter seiner 
Halbschwester An¬ 
gela Raubal. Sie 
kam 1927 als 19jäh- 
rigenach München, 
wo sich ‘Onkel Adi< 
sehr um sie küm¬ 
merte und 1929 in 
seine Wohnung am 
Prinzregentenplatz 
16/11 aufnahm. 


Hitler verliebte sich 
in seine Nichte und 
bewachte sie eifer¬ 
süchtig, ohne daß er 
sich dem Mädchen 
näherte. Am 18. 9. 
1931 verübte die 
23jährige in Hitlers 
Wohnung in einem 
Moment der Aus¬ 
weglosigkeit 
Selbstmord. 









Am 5. 1.1931 ernannte Hitler! 
Ernst Rohm zum Stabschef 1 
der SA. Das Bild zeigt Hitler I 
mit Rohm und den Obersten 1 
Parteirichter Walter Buch 
1934. Am 30. 6.1934 ließ Hit-| 
ler Rohm im Gefängnis Sta- 1 
delheim erschießen. 


An der Hochzeit seines Be- I 
gleitarztes Dr. Karl Brandt 1 
mit Anni Rehborn am 17.3. 1 
1934 nahm Hitler als TYau- | 
zeuge teil (v.l.n.r. Hitler, Annl 
Rehborn, Dr. Brandt. Brück-1 
ner und Göring). 








'IVilansicht des Verbindungs- 
ganges zwischen der am 7. 1. 
1939 fertiggestellten >Neuen 
Reichskanzlei« an der Voß- 
M raße und der Wohnung Hit¬ 
lers im Reichskanzler-Palais 
an der Wilhelmstraße, an des¬ 
sen Ende auch das »TYeppen- 
y.immer« lag, von dem Christa 
Sehroeder berichtet. 


Wilhelm Brückner, Hitlers 
Chefadjutant, 1939 mit den 
Sek rctärinnen Gerda Dara- 
nowski und Christa Schroe- 
dei - Das Frühstück ist die 
schönste Jahreszeit«, meinte 
Bruckner. Er wurde von Hit¬ 
ler am 18. 10. 1940 durch eine 
Intrige des Hausintendanten 
Kannenberg als Adjutant ent¬ 
lassen. 





















In den Jahren 1934 bis 1940 gab Hitler in der 
Reichskanzlei viele Diplomaten- und Künst¬ 
lerempfänge. Das Bild oben zeigt Hitler 1940 
bei einem seiner letzten Empfänge in der 
Reichskanzlei. 

Hitler 1938 bei einem Künstlerempfang mit der 
Tänzerin Manon Erfuhr und der Schauspiele¬ 
rin Doris Kreysler. 








Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


65 


Alois, der während des Dritten Reiches am Wittenbergplatz ein 
Restaurant betrieb, wurde in Hitlers Gegenwart genau so wenig 
gesprochen (d. h. überhaupt nicht) wie über die Verwandtschaft 
in Spittal. 

Hitler sprach sehr oft von der Kampfzeit und von Dietrich 
Eckart. 145 Er erzählte einmal, »...daß diese Freundschaft zu 
dem Schönsten gehörte, was ihm in den Zwanziger Jahren zuteil 
geworden war!« Dietrich Eckart, als Sohn eines Notars in 
Neumarkt in der Oberpfalz geboren, war Journalist und Dich¬ 
ter. Er ist als Theaterkritiker in Bayreuth bekannt geworden 
und war mit Henrik Ibsen befreundet. Eckart übersetzte dann 
den »Peer Gynth< ins Deutsche, was ihm viel Anerkennung 
einbrachte. 146 

Eckart hatte Hitler im Jahre 1920 bei einer Versammlung ken¬ 
nengelernt. Er war Hitler ein väterlicher Freund und half ihm 
oft aus finanziellen Nöten. Dies erzählte Hilter in allen Einzel¬ 
heiten immer sehr bewegt. 1923 war Eckart mit Hitler zusam¬ 
men auf der Festung Landsberg, von wo er Weihnachten des 
gleichen Jahres, da er todkrank war, entlassen wurde. Er ver¬ 
brachte seine letzten Täge bei einem Freund, dem Besitzer des 
Brüggenlehens im Berchtesgadener Land, wo er 1923 starb. 
Man begrub ihn auf den alten Teil des Berchtesgadener Fried¬ 
hofs. Sein Wort: »Deutschland erwache«, wurde durch Hitler 
zum Kampfruf der NS-Bewegung erhoben. 

Eckarts Tod ist für Hitler ein schwerer Schlag gewesen. »Nie 
mehr hat er in seinem späteren Leben einen Freund gefunden«, 
so sagte er, »mit dem ihn eine ähnliche Harmonie des Denkens 
und Fühlens verbunden hätte.« So oft er von Dietrich Eckart 
erzählte, trübten sich seine Augen. Wiederholt bedauerte er in 
der Zeit nach der Machtergreifung, daß dieser »getreue Ekke¬ 
hard« nicht mehr lebte und vor allem, daß er ihm jetzt, da es 
möglich wäre, nicht vergelten könnte, was er ihm Gutes getan 
hatte. 

Alles, was mit Dietrich Eckart in Zusammenhang stand, rührte 
Hitler. Als ich ihm eines Täges von einer Freundin erzählte, die 
in einer ihr vorder Witwe Emst von Wolzogens zugefallenen 
Erbschaft einige handgeschriebene Gedichte Dietrich Eckarts 
gefunden hatte, wollte er sie sofort kaufen. Und, da er sie als 




66 


Er war mein Chef 


Eckarts Erstlingsgedichte erkannte, deren größter Teil von 
Eckarts eifersüchtiger Frau vernichtet worden waren, erhöhte 
er spontan den Kaufpreis. So groß war seine Freude, etwas 
Handgeschriebenes von diesem Freund in den Händen zu 
haben. Auf dieser Treue Dietrich Eckart gegenüber basierte 
auch eine gewissen Anhänglichkeit Hitlers an Johanna Wolf, 
die er oft »das Wolferl« nannte. 

Viel sprach er auch von den Reisen in der Kampfzeit. Im Som¬ 
mer wurde immer im offenen Mercedes gefahren. Hitler saß 
immer neben dem Fahrer Julius Schreck, 141 der 1936 starb. Es 
folgte der Fahrer Erich Kempka. 148 Sehr oft wurde in Lambach 
am Chiemsee 149 Rast gemacht. Lambach liebte Hitlersehr, hier 
hatte ihn 1932 die Einladung Hindenburgs erreicht, die ihn 
nach Berlin rief. Hitler erzählte auch von den Schwierigkeiten, 
bei den langen Autoreisen unterwegs mal zu verschwinden. Als 
ihn Schaub einmal ein Stichwort gab, erzählte er von Weimar, 
dem Hotel Elephanten: »... daß er dort seine ständigen Zimmer 
hatte, zwar mit fließendem Wasser, aber ohne Bad, und die 
Tbilette lag am Gangende. Es wurde jedesmal ein Gang nach 
Canossa, denn wenn er sein Zimmer verließ, ging die Nachricht 
wie ein Lauffeuer durch das ganze Haus und beim Verlassen des 
delikaten Kabinetts, stand der Gang inzwischen voll Menschen 
und er mußte mit erhobenen Arm und etwas peinlichem Lächeln 
den Weg bis zu seinem Zimmer Spießruten laufen.« 

Er sprach von den Spielen unterwegs bei den Autofahrten, die 
man des Zeitvertreibs wegen erfand. Z. B. das vom >Dr. Stein¬ 
schneider. Es hatte keine festen Regeln, und daß es ein Spiel 
war, merkte man erst, wenn man bereits verloren hatte. Es kam 
darauf an, frei erfundene Dinge derart glaubhaft zu erzählen, 
daß die Zuhörer fragten: »Ja, wer war denn das?« Hieß die 
Antwort >Dr. Steinschneider, so wurde jedem bewußt, daß die 
Geschichte erfunden und der Frager hereingefallen war. Dann 
gab es noch das >Biberspiel<. Einen Mann mit Vollbart hatten sie 
>Biber< getauft und wer nun zuerst einen solchen >Biber< auf der 
Fahrt entdeckte, konnte einen Punkt für sich verbuchen. 

Solche und ähnliche Spiele versetzten Hitler in beste Laune. Er 
begann dann zuweilen, seine alten Kameraden in der Sprech¬ 
weise und in ihren Gebärden nachzuahmen. Er war ein ausge- 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


67 


zeichneter Mimiker. Ein Glanzstück seines Repertoires war es 
z. B., wenn er den hastig sprechenden und sich auf bayrische Art 
in jedem Satz mehrfach wiederholenden Verlagsdirektor 
Amann 150 nachahmte. Man sah Amann förmlich vor sich, wie er 
seine armlose Schulter zuckte und sehr lebhaft mit der rechten 
Hand gestikulierte. Auch der schwerhörige, furchtbar laut 
sprechende Druckereibesitzer Müller 151 war oft das Opfer von 
Hitlers mimischen Künsten. Er machte auch gern die Eigentüm¬ 
lichkeiten ausländischer Politiker nach. So imitierte er vollen¬ 
det die spitze Lache des Königs Viktor Emanuel v. Italien 152 und 
machte mit großer Geschicklichkeit vor, wie der König, der ein 
Sitzriese war, aufstand und dennoch nicht größer wurde. 

In dieser Zeit vor dem Kriege konnte Hitler noch heiter und 
humorvoll sein und wußte, wie wertvoll diese Eigenschaften 
sein konnten. »Ein humorvolles Wort in schwieriger Situation 
hat schon oft Wunder gewirkt«, meinte er, »das war nicht nur im 
Weltkrieg so, sondern auch in der Kampfzeit.« Das änderte sich 
jedoch ganz und gar, als 1941/42 die ersten Rückschläge herein¬ 
brachen. Hitler wurde ab da immer verschlossener und fast 
unzugänglich. 

Er sprach auch oft von den finanziellen Nöten, in der die Partei 
früher steckte, wenn ein Wechsel fällig wurde, der von ihm 
unterschrieben war, und wie sich dann in letzter Minute doch 
noch ein Retter fand. Er erzählte gern folgendes Beispiel: »Ich 
hatte für die Partei einen Wechsel über 40000 Mark unter¬ 
schrieben. Gelder, die ich erwartete, blieben aus, die Partei¬ 
kasse war leer und der Fälligkeitstermin rückte immer näher, 
ohne daß ich die Hoffnung hatte, das Geld noch zusammenzu¬ 
bringen. Ich erwog bereits den Gedanken, mich zu erschießen, 
denn mir blieb kein anderer Ausweg. Vier läge vor dem Fällig¬ 
keitstermin erzählte ich Frau Geheimrat Bruckmann 153 von 
meiner mißlichen Lage, die sofort die Sache in die Hand nahm, 
Geheimrat Kirdorf 154 anrief und mich veranlaßte, zu ihm zu 
fahren. Kirdorf erzählte ich von meinen Plänen und gewann ihn 
sofort für mich. Er stellte mir das Geld zur Verfügung und so 
konnte ich den Wechsel noch rechtzeitig einlösen.« 

Hitler erzählte auch, daß er in Landsberg an seinem Buch >Mein 
Kampf« selbst tippte oder Heß diktiert habe. 155 Er teilte dort 



68 


Er war mein Chef 


seinen 'lag ganz genau ein und reduzierte seinen Lesestoff auf 
Geschichte, Philosophie und Biographien. Er beschäftigte sich 
auch in Landsberg mit Plänen für den Straßenbau und den Bau 
eines für jeden Volksgenossen erschwinglichen Autos, das 990,- 
Mark kosten und vier Personen Platz bieten sollte. Wie der 
Maikäfer, der seine Garage gleich dabei hat, sollte das Auto 
aussehen. Der Plan zur Autobahn entstand, wie seine Idee zum 
Volkswagen, 156 bei Hitler schon 1922 und er sagte, daß er in 
Landsberg bereits Pläne dafür gezeichnet habe. Auch die Deut¬ 
sche Alpenstraße wäre seine Idee. Hierdurch sollten den Men¬ 
schen die Schönheit der Gebirgswelt erschlossen werden. Die 
Queralpenstraße von Lindau bis Berchtesgaden war sein 2. Pro¬ 
grammpunkt. 

Es gab eigentlich kein Thema, das nicht berührt wurde: Archi¬ 
tektur, Malerei, Bildhauerei, Theater, Film, Künstler etc. waren 
ein unerschöpflicher Gesprächsstoff. Trat wirklich einmal eine 
etwas beklemmende Pause ein, so brauchte man nur eines der 
vielen Themen anzutippen, und schon war Hitler wieder in 
seinem Fahrwasser. 

Ein beliebtes Thema war immer die Kirche. Hitler hatte keine 
Bindung an die Kirche. Er hielt die christliche Religion für eine 
überlebte heuchlerische und menschenfängerische Einrich¬ 
tung. Seine Religion waren die Naturgesetze. »Die Wissenschaft 
ist sich noch nicht darüber im klaren«, meinte er, »aus welcher 
Wurzel das Geschlecht der Menschen entspringt. Wir sind wohl 
das höchste Entwicklungsstadium irgendeines Säugetieres, das 
sich vom Reptil zum Säugetier, vielleicht über den Affen zum 
Menschen entwickelt hat. Wir sind ein Glied der Schöpfung und 
Kinder der Natur und für uns gelten die gleichen Gesetze wie 
für alle Lebewesen. Und in der Natur herrschte das Gesetz des 
Kampfes von Anfang an. Alles Lebensunfähige und alles 
Schwache wird ausgemerzt. Erst der Mensch und vor allem die 
Kirche haben zum Ziel gesetzt, gerade das Schwache, das 
Lebensuntüchtige und Minderwertige künstlich am Leben zu 
erhalten.« 

Hilter war klug genug zu wissen, daß er den moralischen Halt, 
den der religiöse Glaube bot, nicht rücksichtslos beseitigen 
konnte, und er ist bis zum Schluß Mitglied der katholischen 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


69 


Kirche geblieben, wollte aber nach dem Krieg sofort austreten. 
Dieser Akt sollte dann vor der Welt symbolische Bedeutung 
haben: Für Deutschland sollte er den Abschluß einer geschicht¬ 
lichen Epoche und für das Dritte Reich den Beginn einer neuen 
Ära bilden. 

Über den Schlußkongreß in Nürnberg bei den Reichsparteita¬ 
gen äußerte er einmal: »Der Schlußkongreß muß so feierlich 
aufgezogen werden wie eine katholische Messe. Das Hereintra¬ 
gen der Standarten, der ganze Ablauf des Kongresses muß wie 
ein Rituell in der katholischen Kirche vor sich gehen.« Auch 
plante er Massentrauungen mit 50 oder 100 Paaren. »Durch die 
Massentrauungen wird es möglich, die Feiern sehr festlich zu 
gestalten.« Große Musikkapellen, dekorativer Blumenschmuck 
etc. 

Er erzählte auch von den fürsorglich-mütterlichen sich für ihn 
aufopfernden Frauen der guten Gesellschaft, in deren Salons 
sich für ihn oft neue Verbindung erschlossen. Er sagte aber 
auch, daß sich in ihm oft der Eindruck verstärkte,»... daß er wie 
ein Affe im Zoo vorgeführt wurde!« 

Eines Thges nach der Renovierung des Radziwill-Palais, wurde 
ich schon am Vormittag, so gegen 10 bis 11 Uhr, nach drüben in 
die Kanzlerwohnung gerufen. Im Eßzimmer saß Hitler mit sei¬ 
nen Adjutanten beim Frühstück. Ich durfte am Tisch Platz 
nehmen. Kaum hatte ich mich hingesetzt, führte der Diener 
Karl Krause eine sehr junge und hübsche Blondine in das 
Zimmer. Es war die Baroneß Sigrid von Laffert, 156 “ deren Foto 
zu der Zeit gerade das Titelbild der Berliner Illustrierten mit der 
Unterschrift: »Ein deutsches Mädchen!« schmückte. 

Sie war die Töchter eines Offiziers aus Doberan in Mecklen¬ 
burg, bekannter jedoch als Nichte der Exzellenz Viktoria von 
Dirksen, 157 über die David Irving in seiner wirklich sehr ober¬ 
flächlich hingehauenen Analyse, »Wie krank war Hitler wirk¬ 
lich, erschienen 1980 im Wilhelm Heyne-Verlag München, auf 
Seite 27 folgendes Märchen erzählt: »Da war zum Beispiel 
Viktoria von Dirksen, eine ehrgeizige »Hundertfünfzigprozen- 
tige< Nationalsozialistin, die es schaffte, dem Führer einmal 
eine einundzwanzigjährige bildhübsche Verwandte nackt in 
sein Bett in der Reichskanzlei zu praktizieren. Dort fand Hitler 




70 


Er war mein Chef 


sie; er hat die junge Dame nur höflich gebeten, sich anzuziehen 
und den Raum zu verlassen.« Wie gesagt, ein Märchen... 

Viktoria von Dirksen führte einen politischen Salon, dessen 
Glanzstück oft Hitler war. In späteren Jahren machte Hitler im 
TVeppenzimmer Bemerkungen über die Einladungen, und 
sagte: »...daß er sich dort wie ein exotisches Tier im Zoo 
vorgekommen sei, das neugierig von allen als Attraktion 
betrachtet wurde!« Zu dieser Zeit genoß er aber wohl noch die 
Einladungen der Exzellenz. Ihrer hübschen Nichte ging er 
jedenfalls sichtlich erfreut über ihr Erscheinen ein paar 
Schritte entgegen. Entweder sagte er dabei: »Da kommt mein 
Sonnenschein« oder »Die Sonne geht auf!«, das weiß ich nicht 
mehr sicher. Auf jeden Fall war Hitlers Schwärmerei für Sigrid 
von Laffert nicht zu übersehen, was auch wohl Eva Braun in 
München nicht verborgen blieb. 

Hier möchte ich noch einiges über Hitler anführen. Hitlers 
Kleidung war von reiner Zweckmäßigkeit bestimmt. Jede 
Anprobe von Kleidungsstücken war Hitler lästig. Da er seine 
Reden durch lebhafte Hand- und Armbewegungen unterstrich 
und es auch liebte, beim Auf- und Abgehen während des Spre- \ 
chens, besonders bei ihn erregenden Themen, seinen Körper zu ' 
dehnen, was vorwiegend durch das Hochziehen der rechten 
Schulter geschah, hatte er eine Aversion gegen enganliegende . 
Kleidung. Der Schneider 158 war angewiesen, alle Anzüge und, 
Uniformen so bequem zu arbeiten, daß er in seiner Bewegung^ 
freiheit nicht behindert wurde. 

Sein zeitweiliges Hochziehen der rechtenSchulter mag darauf 
zurückzuführen gewesen sein, daß seine linke Schulter steif 
war. 159 Beim Putsch am 9. November 1923 war Hitler gestürzt. 
Der Sturz auf das Straßenpflaster hatte die Gelenkpfanne der 
linken Schulter gesprengt. Dr. Walter Schultze, 181 ’ der Mann 
von Ada Klein, der zu dieser Zeit Leiter des Sanitätstrupps der 
SA gewesen war, gelang es nicht, Hitler zu bewegen, sich im 
Krankenhaus röntgen zu lassen. Hitler fürchtete »dort um die 
Ecke gebracht zu werden«. So wurde die Schulter nie richtig 
behandelt und blieb seit dieser Zeit etwas steif, was mir bei ihm 
oft aufgefallen ist. 

Obwohl Hitler mit den etwas hängenden Schultern und dem 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


71 


weiten Rock eine nicht gerade elegante Figur bot, wirkte er doch 
irgendwie respektgebietend. Sobald er einen Raum betrat, 
blickten alle Anwesenden auf ihn. Mir erscheint es im nachhin¬ 
ein noch so, als sei dies darauf zurückzuführen, daß er nie 
schnell ausschritt. Sein Gang war eigentlich immer gemessen, 
fast feierlich gewesen, wenn er zur Begrüßung auf einen Men¬ 
schen zuging. Dieses Verhalten wirkte sich auf den anderen, der 
sich sonst wahrscheinlich viel freier und ungezwungener zu 
bewegen pflegte, dämpfend aus. Hitler wollte immer der Über¬ 
legene sein! Des öfteren sprach er davon, »... daß es Besucher 
unsicher mache, wenn sie in der Neuen Reichskanzlei die lange 
spiegelglatte Marmorhalle und dann sein großes Arbeitszimmer 
durchqueren müßten, bis sie an seinen Schreibtisch gelangten.« 
Hitlers Augen fand ich ausdrucksvoll. Sie blickten meistens 
interessiert-forschend und belebten sich zusehends während 
des Sprechens. Sie konnten warmherzig blicken oder Entrü¬ 
stung ausdrücken, aber auch Gleichgültigkeit und Verachtung. 
In den letzten Monaten vor Kriegsende verloren sie an Aus¬ 
druckskraft, sie waren von einem verschwommenen, ausge¬ 
bleicht wirkenden hellen Blaßblau und etwas vorgequollen. 

Aus der Stimme Hitlers war seine jeweilige Stimmung genau 
herauszuhören. Sie konnte ungemein ruhig, klar, prägnant und 
überzeugend sein, aber auch erregt, sich immer mehr steigernd 
und überschlagend vor Aggression. Manchmal war sie auch 
eiskalt. »Eiskalt«, oder »da bin ich eiskalt«, war übrigens ein 
vielgebrauchtes Wort von ihm. »Es ist mir völlig gleichgültig, 
was mal die Nachwelt von den Methoden sagen wird«, sagte er 
öfters, »die ich anwenden mußte.« Auch »rücksichtslos« warein 
viel gebrauchtes Wort von ihm: »rücksichtslos durchgegriffen«, 
meinte er oft, »koste es, was es will!« Weitere viel zitierte Worte 
waren noch »mit brutaler Gewalt« und »mit brutaler Energie« 
sowie die Feststellung: »... einfach idiotisch!« 

Hitlers Nase war sehr groß und ziemlich spitz. Ich weiß nicht, ob 
seine Zähne jemals schön gewesen sind. Zum Schluß 1945 
waren sie jedenfalls gelb, und er roch aus dem Mund. Sicher war 
es günstig, seinen sehr schmalen Mund durch ein Bärtchen zu 
verdecken. Zu Ada Klein meinte er in den Jahren ihrer Freund¬ 
schaft: »Viele sagen, ich solle mir den Bart abnehmen. Aber das 



72 


Er war mein Chef 


ist unmöglich. Stell Dir mein Gesicht ohne Bart vor!« Dabei 
hielt er seine Hand wie einen Tfeller unter seine Nase. »Ich habe 
doch eine viel zu große Nase. Das muß ich durch den Bart 
abmildern!« 

Schön fand ich Hitlers Hände, sowohl in Bewegung wie in 
Ruhelage. Obwohl sie nicht manikürt waren, wirkten sie mit 
den kurzgeschnitten Nägeln gepflegt. An den Gelenken zeigten 
sich im Laufe der Jahre eine zunehmende Verdickung. Einem 
Fotografen von Heinrich Hoff mann, vielleicht war es Hoff mann 
auch selbst, gelang während eines Fluges einmal eine sehr 
schöne Aufnahme, wie Hitlers Hände an seiner Sitzlehne Halt 
suchen. 

Schmuck lehnte Hitler ab. Selbst seine goldene Uhr trug er lose 
in der Rocktasche. Sie war immer um ein paar Minuten vorge¬ 
stellt, damit er pünktlich zu Veranstaltungen und Besprechun¬ 
gen kam. Er mißtraute der Zuverlässigkeit seiner Diener bzw. 
Adjutanten, obwohl er sie immer nach der Zeit fragte. 

Ab 1933 mied Hitler die persönliche Berührung mit Geld, dies 
schien ihm unangenehm zu sein. Er überließ die Bezahlung 
seinem Adjutanten Schaub. Bis 1933 führte er eine Brieftasche 
bei sich und trug das Hartgeld lose in der Jackentasche. Laut 
Ada Kleins 161 Erzählung gab er z. B. beim Bezahlen des Täxis 
immer sehr noble Trinkgelder, »... fast genau so viel, wie die 
Fahrt ausgemacht hatte.« Ada wiederholte seine oft geäußerte 
Meinung: »Reiche Leute sind geizig, am TYinkgeld sparen sie!« 
Daß es Männer gab, die ewig auf der Suche nach neuen Krawat¬ 
ten waren, amüsierte Hitler. »Ich kaufte mir, wenn mir eine 
Krawatte gefiel, gleich mehrere von der gleichen Sorte«, sagte 
er einmal. Später trug er sowieso nur noch schwarze Krawatten 
zur Uniform. Auf Abwechslung in seiner Kleidung legte er 
keinen Wert. 

Uber die Mode sprach Hitler selten. Dennoch konnte er sich mit 
überraschendem Geschmack über ein Kleid unterhalten und 
seiner TVägerin Komplimente machen. Uber gewisse Modetor¬ 
heiten, wie z. B. Schuhe mit hohen Korksohlen, machte er sich 
lustig. Aber ich bin überzeugt, daß alles nur Berechnung war. 
Ich habe oft gehört, wie Hitler bewundernd zu Eva Braun sagte: 
»Ach, Du hast ja ein neues Kleid an!«, worauf sie empört 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


73 


erwiderte: »Geh, das kennst Du doch schon, das habe ich doch 
schon oft angehabt.« 

Großen Wert legte Hitler auf Hygiene. Er badete täglich, oft 
mehrmals am läge, vor allem nach Versammlungen und Reden, 
von denen er ganz verschwitzt zurückkam. Seine Haut wirkte 
sehr zart. Wahrscheinlich rasierte er sich deshalb auch immer 
selbst. Viel Arbeit hatte ein Diener nicht mit ihm. Anfang der 
30er Jahre wurde Hitlers Wäsche einer großen Berliner Wäsche¬ 
rei übergeben, die die Oberhemden, damit sie in Form blieben, 
mit Nadeln feststeckten. Wenn Hitler auch kaum Anstände mit 
seinen Dienern hatte, aber darüber konnte er sich sehr ärgern, 
wenn sein damaliger Diener Karl Krause vergessen hatte, die 
Nadeln zu entfernen. 

Hitler war ein ausgesprochener Willensmensch. Während des 
Parteitags 1933 wurde ich überraschend nach Nürnberg in den 
Deutschen Hof beordert. Hitler diktierte Johanna Wolf und mir 
nachts die Reden, die er am anderen läge hielt. Wir blieben 
tagsüber meist im Hotel und sahen vom Fenster aus zu, wie 
Hitler den Vorbeimarsch der SA, SS und des Arbeitsdienstes 
abnahm. Es war für mich überraschend, wie Hitler stundenlang 
mit ausgestrecktem Arm stehen konnte. Während einer Tee- 
stunde sagte er, »... daß ihm ein tägliches TYaining mit dem 
Expander zu dieser Leistung befähige, daß aber außerdem ein 
starker Wille dazu gehöre. Zumal versuche er, jedem vorbei¬ 
marschierenden Mann in die Augen zu sehen, um ihm das 
Gefühl zu geben, gerade ihn habe er angesehen.« Und das war 
damals tatsächlich oft zu hören: »Der Führer hat mich gesehen, 
er hat mich ganz fest angeblickt.« 

Es ist noch zu erwähnen, daß Hitler keinerlei Sport betrieb. 
Pferde mochte er nicht, den Schnee haßte er (besonders nach 
dem Winter 1941/42) und der Sonnenschein bereitete ihm Übel¬ 
keit. Hitler, der die Sonne nicht liebte, hatte den Berghof gerade 
deswegen gekauft, wie er einmal sagte, weil er auf der Nordseite 
des Obersalzberg lag. Das Haus befand sich den ganzen läg 
über im Schatten und die dicken Mauern verhinderten das 
Eindringen der Tägeswärme. Es war selbst im Sommer meist 
kühl darin und bei Regenwetter empfindlich kalt. Hitler liebte 
diese Kälte, aber seinen Gästen war sie unangenehm. Vor dem 



74 


Er war mein Chef 


Wasser hatte Hitler große Scheu. Ich glaube nicht, daß er 
schwimmen konnte. Eines Tages sagte er: »Die Bewegung, die 
ein Mensch in der Ausübung seiner Thgesarbeit tut, reicht aus, 
um den Körper in Form zu halten.« 

Hitler verstand es zweifellos, seine Mitmenschen während einer 
Unterhaltung durch einen unbestreitbaren Charme, in seinen \ 
Bann zu ziehen. Selbst die verwickeltsten Themen konnte er 
klar und einfach erläutern. Außerdem trug er sie mit so großer 
Überzeugungskraft vor, daß seine Zuhörer fasziniert waren. Er I 
besaß eine außergewöhnliche Suggestivkraft, der es wohl auch / 
zuzuschreiben war, daß Menschen, die verzweifelt zu ihm/ 
kamen, vertrauensvoll wieder fortgingen. / 

Ich erinnere mich z. B., daß im März 1945 der Gauleiter Fo er¬ 
ster 162 von Danzig völlig verzweifelt nach Berlin kam./Er 
erzählte mir, daß 1100 russische Panzer vor Danzig stünden, 
denen die Wehrmacht alles in allem nur vier Tiger 162a entgegen¬ 
zusetzen hätte, die dazu nicht einmal über den nötigen Brenn¬ 
stoff verfügten. Förster war entschlossen, mit seiner Auffassung 
nicht zurückzuhalten und Hitler die ganze Wahrheit über die 
Lage in Danzig zu sagen. 

Ich bestärkte Förster, nun auch wirklich die ganze Wahrheit zu 
sagen. Er gab mir zur Antwort: »Darauf können Sie sich verlas¬ 
sen, ich sage ihm alles, selbst auf die Gefahr hin, daß er mich 
rausschmeißt.« Wie groß war meine Überraschung, als er nach 
der Unterredung mit Hitler völlig verwandelt zurückkehrte. 
»Der Führer hat mir für Danzig neue Divisionen versprochen«, 
sagte er erleichtert. Mein skeptisches Lächeln bemerkend erwi¬ 
derte er: »Freilich, ich weiß nicht, woher er sie nehmen soll. 
Aber er hat mir erklärt, daß er Danzig retten wird, und da gibt’s 
nichts mehr zu zweifeln.« So wirkte Hitlers Suggestivkraft. 

Hart und unbeugsam, wie Hitler oft gegen andere vorging, war 
er auch gegen sich selbst. Er schonte seine Kräfte in keiner 
Weise. Er verwarf jede Müdigkeit und mutete sich ununterbro¬ 
chene Anstrengungen zu. Er war von dem Wahn befall^*, daß 
ein eiserner Wille alles vermöge. Kein Wunder, daß nW das 
Zittern seiner linken Hand äußerst peinlich war. Das Bewußt¬ 
sein, ab 1944 nicht mehr völlig Herr seines Körpers zu sein, 
belastete ihn sehr. Wenn überraschte Besucher auf seine zit- 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


75 


ternde Hand blickten, bedeckte Hitler sie instinktiv mit seiner 
anderen Hand. Trotz aller Willensanstrengung konnte er das 
Zittern nicht verhindern. 

Hitler blieb aber bis zum Schluß Herr über seine Gefühle. TYaf 
z. B. im Laufe einer privaten Unterhaltung eine Hiobsbotschaft 
ein, so verriet nur die Bewegung seiner Kinnbacken innere 
Bewegung, und er setzte die Unterhaltung mit Ruhe fort. Ich 
erinnere mich z. B. an die Nachricht von der Zerstörung der 
Mohne- und der Edertalsperre, durch die große Teile des Ruhr¬ 
gebiets überschwemmt wurden. Hitlers Gesicht war beim Lesen 
der Meldung zu Stein geworden, aber das war auch alles. Nie¬ 
mand hätte wahrnehmen können, wie tief dieser harte Schlag 
ihn beeindruckte. Erst nach Stunden oder Thgen kam er auf 
solch einen Vorgang zurück, gab aber dann seinen Gefühlen 
Ausdruck. 

Mit ebenso erstaunlicher Beherrschung konnte Hitler Geheim¬ 
nisse bewahren. Er war überzeugt davon, daß ein jeder nur das 
zu wissen hat, was er unbedingt zur Ausübung seines Amtes 
braucht. Oft sagte er: »Ein Geheimnis, das zwei wissen, ist kein 
Geheimnis mehr.« Niemals hat er über seine geheimen Absich¬ 
ten und Pläne gesprochen und hat auch niemals eine Andeutung 
übereine bevorstehende Operation oder dergleichen gemacht. 
Von seiner Jugend an hatte Hitler einen gewaltigen Lesehunger. 
Er erzählte eines Täges, »... daß er während seiner Wiener 
Jugendzeit die ganzen fünfhundert Bände, die den Bestand 
einer städtischen Bücherei bildeten, verschlungen habe.« Diese 
Leidenschaft, Bücher zu lesen und sich ihre verschiedensten 
Stoffe anzueignen, brachte ihn dazu, seine Kenntnisse auf fast 
alle Gebiete der Literatur und Wissenschaft auszudehnen. Ich 
war jedesmal erstaunt, mit welcher Genauigkeit er sich in der 
geographischen Beschreibung eines Gebietes erging oder über 
Kunstgeschichte sprach oder sich gar über komplizierte techni¬ 
sche Gegenstände ausließ. 

In der gleichen Weise konnte er mit einer Unzahl verblüffender 
Einzelheiten über die Bauart von Theatern, Kirchen, Klöstern 
und Schlösser sprechen. Selbst noch in der Zeit seiner Festungs¬ 
haft in Landsberg hat er unermüdlich die historischen Bau¬ 
werke der verschiedensten europäischen Länder studiert. Er 



76 


Er war mein Chef 


rühmte sich oft, »... ihre architektonischen Schönheiten besser 
zu kennen als selbst die Experten jener Länder.« 

Der Oberbürgermeister von München, 163 mit dem er gern die 
bauliche Erweiterung und Verschönerung der Stadt besprach, 
erzählte, wie überrascht er war, wenn Hitler sich noch der 
kleinsten, vor Monaten besprochenen Einzelheiten entsann. Es 
kam vor, daß Hitler ihm vorwurfsvoll erklärte: »Vor sechs 
Monaten sagte ich Ihnen doch, daß ich dies so gestaltet haben 
wollte!« Und Hitler wiederholte dann Wort für Wort den über 
diesen Punkt geführten Gedankenaustausch. 164 
Hitler behielt nicht nur Namen, Bücher und Zahlen, sondern 
besonders leicht auch die Gesichter seiner Mitmenschen in der 
Erinnerung. Er entsann sich genau der Zeit, des Raums und der 
Umstände, unter denen er einem Menschen begegnet war. In 
seiner Erinnerung hafteten alle Menschen, die er im Laufe 
seines bewegten Lebens kennengelemt hatte, wobei ihm häufig 
noch überraschende persönliche Einzelheiten einfielen. Ebenso 
konnte er bis ins kleinste die Atmosphäre und den Verlauf von 
Massenversammlungen beschreiben, in denen er gesprochen 
hatte. Die Kameraden seiner Jugend, der Wiener Zeit, des 
Weltkrieges, der Kampfzeit und der Jahre der Machtergreifung 
hatten sich mit allen ihren Eigentümlichkeiten in seinem 
Gedächtnis tief eingeprägt. 

War Hitler z. B. guter Laune, so machte es ihm Spaß die großen 
Empfänge in der Reichskanzlei zu beschreiben. Er hatte genau 
im Gedächtnis behalten, welches Kleid die eine oder andere 
Künstlerin getragen hatte. Und ebenso konnte er noch die 
ernsten oder heiteren Gespräche wiedergeben, die er mit seinen 
Gästen geführt hatte. 

Mit seinen Eindrücken von Theaterstücken oder Filmen war es 
nicht anders. Bis in die letzte Einzelheit erzählte er uns von 
Stücken, die er als junger Mann in Wien gesehen hatte. Er 
erwähnte die Namen der Schauspieler und wußte noch genau, 
wenn sie von der Kritik jener Zeit abfällig behandelt worden 
waren. Sehr oft habe ich mich gefragt, wie ein menschliches 
Gehirn so viele Dinge und Tatsachen aufspeichem konnte. 

Es steht fest,daß Hitler von Jugend auf mit einem ungewöhnli¬ 
chen Gedächtnis begabt war, aber sein Geheimnis lag darin, daß 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


77 


er es Täg für läg schulte und erweiterte. Er erklärte uns, daß er 
sich beim Lesen bemühe, das Wesentliche zu erfassen und sich 
einzuprägen. Er hatte die Gewohnheit oder die Methode, wäh¬ 
rend der Tbestunden und bei den Plaudereien am Kamin über 
ein Thema, das er aus einer Lektüre behalten hatte, mehrere 
Male zu sprechen, um es auf diese Weise immer fester in sein 
Gedächtnis zu verankern. 

Hitler schien in der Lage zu sein, einer nicht allzu rasch geführ¬ 
ten englischen und französischen Unterhaltung folgen zu kön¬ 
nen, aber er erklärte: »Ich bemühe mich nicht, eine fremde 
Sprache zu sprechen, denn es kommt bei den Unterredungen 
mit Ausländern auf jedes Wort an. Während mein Dolmetscher 
übersetzt, gewinnö ich Zeit über neue treffende Formulierun¬ 
gen nachzudenken.« 

Doch so sehr Hitler bestrebt war, seine Mitmenschen mit seinem 
reichen Wissen zu überraschen und ihnen damit seine Überle¬ 
genheit zu zeigen, so sehr hütete er sich, ihnen die Quellen seiner 
Kenntnisse zu verraten. Er verstand es glänzend, seine Zuhörer 
glauben zu machen, daß alles, was er sagte, das Ergebnis eigener 
Überlegungen und eigenen kritischen Denkens sei. Er konnte 
ganze Buchseiten hersagen und damit den Eindruck erwecken, 
daß seine Darlegungen aus eigener Erkenntnis kämen. Fast alle, 
mit denen ich darüber gesprochen habe, waren überzeugt, daß 
Hitler ein tiefer Denker wäre, ein wunderbar scharfsinninger 
und analytischer Geist. 

Am Anfang meiner Tätigkeit wollte ich mir eines Täges Klarheit 
darüber verschaffen. Hitler hatte uns mit einer geradezu philo¬ 
sophischen Abhandlung über eines seiner Lieblingsthemen 
überrascht. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, daß das nur 
die Wiedergabe einer Seite von Schopenhauer war, die ich kurz 
vorher selber gelesen hatte. Ich nahm meinen ganzen Mut 
zusammen und machte ihn auf die Übereinstimmung aufmerk¬ 
sam. Hitler, ein wenig überrascht, warf mir einen Blick zu und 
antwortete dann in einem väterlichen Tbn: »Vergessen Sie 
nicht, mein Kind, daß alles Wissen nur von anderen stammt und 
daß jeder Mensch nur einen winzigen Tteil selber dazu beiträgt.« 
In dergleichen überzeugenden Art sprach Hitler über berühmte 
Männer, fremde Länder, über Städte, Bauwerke, Theater- 





78 


Er war mein Chef 


stücke, ohne sie jemals gekannt oder gesehen zu haben. Die 
sichere und entschiedene Art, sich auszudrücken, und die klare 
Dialektik, mit der er seine Gedanken formulierte, mußten seine 
Zuhörer überzeugen, daß er tatsächlich alles aus eigenem Erle¬ 
ben kannte. Man mußte glauben, daß er alles, was er in seinen 
Erzählungen mit so erstaunlicher Genauigkeit vortrug, er wirk¬ 
lich selbst gedacht oder erlebt hatte. Z. B. gab er uns eines Täges 
eine strenge Kritik über ein Theaterstück, das er, wie ich wußte, 
gar nicht gesehen hatte. Ich fragte ihn deshalb, wie er Regie und 
Schauspieler so verurteilen könne, ohne das Stück gesehen zu 
haben. Er antwortete: »Sie haben recht, aber Fräulein Braun 
war im Theater und hat mir alles erzählt.« 

Nach diesem gedanklichen Ausflug zurück ins Treppenzimmer, 
wo ich damals den Bereitschaftsdienst absaß, bis ein Diener 
durch die Flügeltür ins Zimmer rief: »Der Chef läßt zum Diktat 
bitten!« Also auf, dem Diener nach. Er öffnete die Tür zur 
Bibliothek und schloß sie von draußen. Anschließend hing der 
Diener ein Schild an die Türklinke »Nicht stören«. 

Der Chef war in der Regel nebenan in seinem Arbeitszimmer, 
meist im Stehen über den Schreibtisch gebeugt und mit dem 
Festhalten von Stichworten für seine Rede beschäftigt. Oft 
nahm er von meiner Anwesenheit gar keine Notiz. Vor dem 
Diktat existierte ich für ihn nicht, und ich bezweifle, daß er 
mich oft am Schreibmaschinentisch sitzend sah. 

Eine Weile tat sich so meist gar nichts. Dann stellte er sich neben 
die Maschine und begann mit ruhiger Stimme, meist weit aus¬ 
holend zu diktieren. Allmählich in Form gekommen, wurde 
Hitler schneller. Pausenlos folgte ein Satz dem andern, wobei er 
im Zimmer auf- und abging. Manchmal hielt er im Gehen inne, 
blieb eine Weile versonnen vor Lenbachs Bismarck-Portrait 
stehen, gleichsam sich selbst sammelnd, um dann seine Wande¬ 
rung wieder aufzunehmen. Bis er dann seinen Wortfluß wieder 
unterbrach, z. B. vor der Kommode stehen blieb und eine der 
kleinen Broncefiguren in die Hand nahm. Er betrachtete sie eine 
Zeit lang und stellte sie dann wieder auf ihren Platz zurück. 
Sobald er sich in seiner Rede mit dem Bolschewismus beschäf¬ 
tigte, nahm Erregung von ihm Besitz. Seine Stimme überschlug 
sich oft. Das geschah auch, wenn er Churchill 165 oder Roose- 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


79 


velt 166 erwähnte. Da war er in der Wahl seiner Worte nicht 
zimperlich. Wiederholten sich die erläuternden Bezeichnungen, 
wie »Whiskysäufer« (bei Churchill) und »Bluthund« (bei Sta¬ 
lin 167 ) zu oft, unterschlug ich sie einfach. Merkwürdigerweise 
hat er das bei der Korrektur niemals beanstandet, ein Zeichen 
dafür, wie echt seine Erregung war! 

Seine Stimme konnte in solchen Situationen bis zur höchsten 
j Lautstärke anschwellen, sie überschlug sich quasi, und er gesti- 
/ kulierte dabei lebhaft mit den Händen. Röte stieg in sein 
Gesicht und zornig glänzten seine Augen. Wie angewurzelt 
blieb er dann stehen, so als habe er den betreffenden Gegner 
direkt vor sich. Ich bekam während des Diktates manchmal 
rasendes Herzklopfen, so übertrug sich Hitlers Erregung auf 
mich. Sicher wäre es leichter gewesen, die Diktate stenogra¬ 
phisch festzuhalten, doch das wollte Hitler nicht. Offensichtlich 
fühlte sich Hitler beflügelt, wenn er das rhythmische Maschi¬ 
nengeklapper hörte. Außerdem hatte er es auch immer gleich 
schriftlich vor den Augen, was er gerade gesagt hatte. Während 
des Diktats sprach er kein privates Wort. 

Bei den Diktaten handelte es sich in der Regel um die Reden für 
den Reichstag, für Versammlungen, für den Reichsparteitag, 
zur Eröffnung der verschiedensten Ausstellungen, wie z. B. Auto¬ 
mobilausstellung, Kunst-Ausstellungen, Landwirtschaftsaus¬ 
stellungen, Technische Ausstellungen sowie Reden zur Grund¬ 
steinlegung öffentlicher Gebäude, zur Eröffnung von fertigge¬ 
stellten Strecken der Reichsautobahn, beim Neujahrsempfang 
der Diplomaten usw. Auch Briefe an fremde Staatsoberhäupter, 
wie Mussolini, 168 Antonescu, 169 Horthy, 170 Innonü, 171 Marschall 
Mannerheim 172 u. a. wurden diktiert. 

Private Briefe diktierte er nur, wenn wirklich ein Anlaß vorlag, 
wenn es also darum ging, einen Dank abzustatten oder zu 
kondulieren. Zu Geburtstagen gratulierte er Frau Goebbels, 173 
Frau Göring, 174 Frau Ley, 175 Frau Winifred Wagner 176 u.a. nur 
handschriftlich auf weißen Karten, die links oben das Hoheits¬ 
zeichen mit seinem Namen in Gold trugen. 

Dieses Diktieren in die Maschine erforderte äußerste Konzen¬ 
tration, Mitdenken und auch Intuition, da manche Satzteile 
Hitlers einfach verloren gingen. Zunächst sprach er nicht 



80 


Er war mein Chef 


immer allzu deutlich und beim Auf- und Abgehen in dem großen 
Raum verwandelte sich seine Stimme oft in ein Echo. Dazu kam 
das mechanische Maschinengeräusch. Elektrische Schreibma¬ 
schinen hatten wir damals noch nicht. Da Hitler in der Öffent¬ 
lichkeit nie eine Brille trug, wurden später Schreibmaschinen 
mit 12 mm großen typen angefertigt, die Hitler ein Lesen seiner 
Reden in der Öffentlichkeit ohne Brille ermöglichten. 

Die Silenta-Maschinen hatten zwar den Vorteil, nicht sehr laut 
zu klappern, dafür aber auch den Nachteil, daß sich die Typen 
bei allzu schnellem Schreiben gerne verhedderten. Da Hitler so 
etwas anscheinend nicht bemerkte oder auch nicht bemerken 
wollte und in seinem Diktat fortfuhr, war das natürlich für die 
Schreiberin fatal und löste oft eine innere Nervosität aus. Man 
bekam Angst, daß man durch das Inordnungbringen der Typen 
den Anschluß verpassen könnte, daß der Text Lücken bekommt. 
Deshalb hatte ich auch immer ein bißchen Herzklopfen bei der 
anschließenden Korrektur durch Hitler. 

Das spielte sich dann so ab. Mit dem Diktat fertig, nahm Hitler 
ausnahmsweise an seinem Schreibtisch Platz, setzte seine gold¬ 
geränderte Brille auf, nahm den altmodischen schwarzen 
Federhalter mit der Redisfeder in die Hand und tauschte Wörter 
aus, strich welche oder fügte neue hinzu, und zwar alles in 
seiner Frakturschrift. Von Zeit zu Zeit schaute er zu mir hoch 
und sagte: »Schauen Sie her, Kind, ob Sie das lesen können!« 
Wenn ich bejahte, klang seine Stimme fast ein wenig resigniert: 
»Ja, ihr könnt meine Schrift besser lesen als ich selbst!« 

Mit der Korrektur allein war es aber niemals abgetan. Nach 
jeder vorgenommenen Verbesserung mußte alles noch mal neu 
geschrieben werden. Und es ist nicht nur einmal passiert, daß 
ihm die letzten Blätter ans Auto gebracht werden mußten, in 
dem er bereits Platz genommen hatte. Zu jener Zeit gab es noch 
den persönlichen Kontakt mit ihm. So bat ich ihn einmal bei der 
Übergabe der letzten Blätter vor der Fahrt in den Reichstag, er 
möge nicht so laut sprechen, das Mikrofon würde bei zu großer 
Lautstärke seine Stimme verzerren. So etwas hörte sich Hitler 
in den Jahren bis 1937/38 ohne Murren an. Zu dem hatte jede 
Sekretärin »ihre Zeit«, wo sie von ihm eine Zeitlang bevorzugt 
wurde. 



Hitlers Diktate und das Treppenzimmer 


81 


Einmal ist es z. B. vorgekommen, daß mir eine seiner Formulie¬ 
rungen gar nicht gefiel. Ich wagte es zu sagen, worauf er mich 
anschaute und gar nicht böse oder beleidigt sagte: »Sie sind der 
einzige Mensch, von dem ich mich korrigieren lasse!«Ich war so 
perplex, vielleicht aber auch ungläubig, daß ich vergaß Danke¬ 
schön zu sagen. 

Seit Beginn des Krieges hielt Hitler keine Rede mehr ohne ein 
Manuskript. »Ich spreche am liebsten und am besten frei aus 
dem Kopf«, sagte er einmal, »aber jetzt im Krieg muß ich jedes 
Wort auf die Goldwaage legen, denn die Welt ist aufmerksam 
und hellhörig. Wenn ich aus einer spontanen Stimmung heraus 
einmal ein Unrechtes Wort sagen würde, könnte das zu schwe¬ 
ren Verwicklungen führen!« Nur bei internen Anlässen, z.B. 
vor Gauleitern, Offizieren oder Industriellen sprach Hitler frei 
und ohne Vorlage. 

War Hitler mit dem Entwurf seiner Rede fertig, schien er wie 
von einer Last befreit. Hatte er z. B. die Rede bei einem Aufent¬ 
halt am Berghof fertig diktiert, so verkündete er am anderen 
Täg beim Mittagessen, daß er mit seiner Rede fertig sei und er 
sich davon einen großen Erfolg erwarte. Stets lobte er dann 
auch die Tüchtigkeit seiner Sekretärinnen oder, wie er uns 
anfänglich nannte, seiner »Schreibkräfte«. Manchmal traten 
wir ja zu zweit an, d.h. eine löste die andere nach ein paar 
Stunden Diktates ab. Der Chef sagte oft: »Sie schreiben schnel¬ 
ler, als ich diktiere, sie sind halt wahre Königinnen auf der 
Schreibmaschine!« 

Hieran schloß sich meistens seine Erzählung, welche Schwie¬ 
rigkeiten sich in früheren Jahren immer ergeben hatten, wenn 
er z. B. zu Besuch auf einer Gauleitung etwas diktieren wollte. 
»Meistens«, so erzählte er, »waren die Mädchen, wenn sie mich 
sahen, so aufgeregt, daß Ihnen das Blut ins Gesicht stieg und sie 
nichts zuwege brachten. Ich habe dann, wenn ich das merkte, 
das Diktat unter irgendeinem Vorwand, z. B. ich müsse noch 
eine Nachricht abwarten, abgebrochen.« Ich fand dies taktvoll 
von Hitler, denn es war nicht einfach, für ihn zu arbeiten. 

»Soll ich mal meine eigenen Schreibkünste zeigen?« fuhr er 
dann manchmal im Scherz fort. »Das sieht bei mir ungefähr so 
aus.« Und dann tat er so, als ob eine Schreibmaschine vor ihm 



82 


Er war mein Chef 


stünde, auf der er schreiben wolle. Er spannte einen Bogen 
Papier ein, zupfte ihn gerade, drehte an der Walze und begann 
dann abwechselnd unter dem Beifall spendenden Gelächter der 
Gäste mit dem rechten und linken Zeigefinger zu tippen, vergaß 
dabei auch nicht, den TVansporthebel zu betätigen bzw. die 
Umschalt- und Leertaste zu drücken. Er führte die Bewegungen 
so plastisch aus, wie es kein Pantomime von Beruf hätte besser 
machen können. Er hatte ohne Zweifel großes schauspieleri¬ 
sches Tälent und die Fähigkeit, Menschen zu imitieren. 



Mit Hitler auf Reisen 


Bis zum Jahr 1937 hatte Hitler jeweils nur eine Sekretärin auf 
seinen Reisen dabei, und zwar abwechselnd Frl. Wolf oder mich. 
Unser Privatleben kam immer zu kurz und fand nur am Rande 
statt. Wenn wir schon einmal frei hatten, mußten wir immer 
hinterlassen, wo wir telefonisch zu erreichen waren. 

Hitler wußte, daß er uns mit seiner Arbeitsweise stark belastete, 
aber er wollte keine weiteren Sekretärinnen einstellen, weil er 
keine neuen Gesichter in seiner Umgebung ertragen konnte. 
Aus diesem Grunde hatten wir so gut wie keinerlei persönliche 
Freiheit, Täg und Nacht standen wir in Bereitschaft. 

Einmal wurde ich durch Funk im Zug auf dem Weg nach 
Hamburg aufgefordert, sofort mit dem nächsten Zug nach Ber¬ 
lin zurückzukommen, ein anderesmal beim Oktoberfestzug 
1937 auf einer TYibüne am Odeonsplatz sitzend, hörte ich eine 
Durchsage durch die Lautsprecher, »daß sich Frl. Schroeder 
sofort zum Prinzregentenplatz [Wohnung von Hitler] begeben 
möchte.« Auch Kuraufenthalte mußte ich mehrfach unterbre¬ 
chen, oft nur wegen eines Diktates von Hitler. 

Hitlers Prinzip, eine geplante Sache bis zum Augenblick ihrer 
Ausführung geheim zu halten, übte ebenfalls einen stetigen 
Druck auf uns aus. Die Reisen und Fahrten waren wohl immer 
schon vorher angesetzt, aber Hitler gab die Stunde der Abreise 
immer erst in der letzten Minute bekannt. Während dieser 
langen Wartezeit waren wir jedesmal aufs äußerste gespannt. 
Machte man einmal eine Andeutung darüber, wie wenig Frei¬ 
heit er uns ließ, spielte Hitler den Erstaunten und versicherte: 
»Ich lasse doch wirklich jedem aus meiner Umgebung seine 
Freiheit.« In Wirklichkeit aber duldete er nicht, daß jemand 
seine eigenen Wege zu gehen wagte. 

Als ich 1934 mehrere Wochen in der Universitätsklinik in Berlin 
lag, besuchte mich Hitler einen 1hg vor Heiligabend in Beglei- 




84 


Er war mein Chef 


tung von Dr. Brandt und des Chefadjutanten Brückner. Er 
überreichte mir einen Strauß langstieliger rosa Rosen, die er 
immer zu verschenken pflegte, und ein Buch mit seiner Wid¬ 
mung. Gutgelaunt erzählte er, daß sich, als er dem Auto ent¬ 
stieg, vor der Frauenklinik in der Ziegelstraße gleich ein kleiner 
Volksauflauf gebildet habe. Lächelnd meinte er: »Alle, die mich 
jetzt in die Frauenklinik gehen sahen, werden denken, daß ich 
eine Freundin besuche, die von mir ein Kind kriegt.« 

Dem bei den Besuch anwesenden Chefarzt, Geheimrat Prof. Dr. 
Stoeckel, legte er ans Herz, alles zu tun, mich schnell wieder 
gesund zu machen, da er mich dringend brauche. Damals war er 
ganz offensichtlich auf mich als Schreibkraft fixiert. Jede 
Sekretärin hatte »ihre Zeit« bei Hitler. Meine »Zeit« dauerte 
ungetrübt bis 1941/42, etwas über den Anfang des Rußlandfeld¬ 
zuges hinaus. 

1937 wurde dann doch eine neue Sekretärin eingestellt. Nun 
teilte ich Hitlers Gunst mit Gerda Daranowski, 177 die in der 
Privat-Kanzlei Hitlers tätig gewesen war. Bisweilen wurde sie 
zum Abschreiben von Reden in die Persönliche Adjutantur 
abkommandiert, weil meine Kollegin Johanna Wolf häufig 
krank war. Sie wurde nun in die Persönliche Adjutantur des 
Führers versetzt. Die junge Berlinerin, die nicht nur sehr tüch¬ 
tig, sondern auch attraktiv und immer guter Laune war, ver¬ 
stand es, Hitlers Sprechlust beim Tee oder bei den Reisen im 
Salonwagen und im TVeppenzimmer anzufachen. 

Aus ihrer Tätigkeit bei Elisabeth Arden hatte Dara, so wurde sie 
genannt, die Fähigkeit mitgebracht, ihrem Gesicht jenen 
Schmelz zu verleihen, der auf fast jeden Mann reizvoll wirkte. 
Hitler-labte sich ganz offensichtlich an dem gekonnten Make¬ 
up und machte ihr darüber unverblümt Komplimente. Da ich 
mit Kosmetika eher sparsam umging, sagte er dann anschlie¬ 
ßend mit einem Blick auf mich (wahrscheinlich meinte er, ich 
müsse ein Trostpflästerchen abbekommen),»... und die Schroe- 
der hat den Verstand eines Mannes über dem Durchschnitt.« 
Auf diese Weise der gleichen Behandlung waren wir beide in 
jenen Jahren ein gutes Gespann. 

Dara und ich begleiteten Hitler auch auf seiner Reise beim 
Anschluß von Österreich im März 1938. Nach 1945 wurden 




Mit Hitler auf Reisen 


85 


Stimmen laut, Hitler habe Österreich gegen den Willen der 
Bevölkerung »heim ins Reich« geholt. Dem stand die Begeiste¬ 
rung, mit der Hitler und die deutschen Soldaten in Österreich 
empfanden wurden, entgegen. 

Die fast hysterischen Freudensausbrüche waren nervenzer¬ 
rüttend. Ich erinnere mich besonders an die Linzer, die bis in 
die tiefe Nacht hinein vor dem Hotel Weinzinger ausharrend, 
unentwegt riefen: »Ein Volk, ein Reich, ein Führer« oder »Wir 
wollen unseren Führer sehen.« Sprechchöre riefen dazwi¬ 
schen: »Lieber Führer sei so nett und zeig dich mal am Fen¬ 
sterbrett.« 

Und Hitler zeigte sich ihnen immer und immer wieder. Als 
aber die Begeisterung auch nach Mitternacht nicht aufhören 
wollte, wurden die Menschen vom Begleitkommando aufge¬ 
fordert, Ruhe zu geben und nach Hause zu gehen. Es wurde 
dann allmählich still und stiller. Die Stille hielt auch am 
anderen Morgen noch an. Das schien nun aber Hitler auch 
wieder nicht recht zu sein. Als er das Hotel verließ und ihn 
keine Ovation empfing, war er offensichtlich verärgert. 
Schaub wisperte daraufhin: »Er braucht eben einfach die 
Jubelrufe wie ein Künstler den Applaus.« 

Von Linz fuhren wir nach Wien ins Hotel Imperial. Hit¬ 
ler wohnte nicht in den Fürstenzimmem, diese benutzte er 
nur dienstlich. Er selbst bewohnte ein kleines Appartement 
im 1. Stock, das im Schönbrunner Barock eingerichtet und 
mit märchenhaft schönen Blumenarrangements vollgestellt 
war. 

Laufend wurden die herrlichsten Blumengebinde für Hitler 
im Hotel abgegeben, typische »Wiener Sträuße<, bestehend aus 
weißem Flieder mit rosa Rosen. Und dann die kostbaren 
Orchideen. Es war überwältigend. Dara und ich hatten uns, 
der Haltbarkeit wegen, lediglich der seltenen Orchideen ange¬ 
nommen und sie bei der Abfahrt im Auto verstaut, das 
dadurch zu einem Blütenmeer wurde. 

Zu Tausenden hatten die Wiener vor dem Hotel gestanden, sie 
wurden nicht müde, nach Hitler zu rufen, er mußte zu ihnen 
sprechen. Am zweiten Thg unseres Aufenthaltes im Hotel 
besuchte Kardinal Innitzer 178 Hitler, der von diesem Besuch 




86 


Er war mein Chef 


offenbar sehr beeindruckt war, denn bei den Teegesprächen 
kam er des öfteren hierauf zurück. 

Bei der Heimkehr nach Berlin umbrauste uns, ohrenbetäu¬ 
bend, der Jubel der Bevölkerung. Hitler-Jungen hatte alle 
Bäume auf dem Wilhelmsplatz bis in die höchsten Äste hinauf 
besetzt, schwenkten Fähnchen und jubelten stürmisch, als Hit¬ 
ler vorbeifuhr. Für mich war das damals alles überwältigend. 
Und solche Empfänge wiederholten sich 1938 bei der Rück¬ 
kehr aus Italien, 1939 von Prag und später vom Polen- und 
Frankreichfeldzug, als Hitler auf der Spitze seiner Macht 
stand. 

Beim Italienbesuch Hitlers vom 2. bis 9. Mai 1938 war ich die 
einzige Sekretärin, die im Sonderzug 179 des Führers mitfuhr. 
Meine Kollegin Johanna Wolf befand sich während der Rom¬ 
fahrt im Sonderzug von Heß, in dessen Stab sie zeitweise 
arbeitete. Meine jüngere Kollegin Gerda Daranowski kam per 
Flugzeug nach. Johanna Wolf und ich wohnten im Quirinal in 
Gemächern, die zwischen Parterre und ersten Stock lagen und 
offensichtlich für das Personal bestimmt waren. Ich erinnere 
mich, daß sich die halbrunden mit Holzstreben unterteilten 
Fenster, ganz niedrig über dem Fußboden befanden. Wir wur¬ 
den betreut von einer schwarzgekleideten rundlichen Signora, 
die vor uns immer knickste und für unser leibliches Wohl 
sorgte. Es gab köstliche, mit öl zubereitete Gemüseplatten, die 
den Magen gar nicht belasteten. 

Von den zu Hitlers Ehren in Rom veranstalteten Paraden 
haben wir nichts gesehen. Wir gingen im Park des Quirinal 
spazieren und sahen uns Rom an. Einmal wurden wir vom 
Kammerdiener des italienischen Kronprinzen Umberto 180 
nach Tivoli geführt, der uns den wunderschönen Garten der 
Villa D’Este zeigte. 

Der Vatikan war in den lägen, wahrscheinlich wegen Hitlers 
Besuch (?) geschlossen, aber es gab in Rom soviel Schönes zu 
sehen, daß wir auch auf die Mitfahrt zur Flottenparade nach 
Neapel verzichteten. Dafür fuhren wir dann aber mit nach 
Florenz, weil von dort sowieso die Rückfahrt erfolgen sollte. 
Als wir über die Ponte Vecchio schlenderten, kam uns eine von 
schönen Pferden gezogene Kutsche entgegen, in der der Duce 



Mit Hitler auf Reisen 


87 


und Hitler saßen. Wir winkten, lachten und grüßten zu den 
beiden hinauf. Hitler pflegte diesen Vorgang dann später wie 
folgt wiederzugeben: »Ich wollte gerade zum Duce sagen, was 
hat Florenz doch für schöne Frauen, als ich meine Sekretärin¬ 
nen (Dara war auch dabei) erkannte.« 

Kaum hatten wir von Florenz aus in Hitlers Sonderzug die 
Heimreise angetreten, als mir Hitler in Gegenwart von Ribben- 
trop 181 Danktelegramme an den italienischen König und den 
Duce diktierte. Hitler sagte zu Ribbentrop: »Ribbentrop, wenn 
Sie eine bessere Formulierung finden, dann ändern Sie die 
Telegramme ab.« Ribbentrop diktierte dann die Telegramme 
mindestens zehnmal um. Er strengte sich sehr an, aber nach 
längerem Bemühen wiesen die Telegramme wieder den gleichen 
Wortlaut auf. 

Die Italienreise schlug sich noch lange Zeit in vielen Gesprä¬ 
chen nieder, in positiven sowohl auch im negativen. Von der 
italienischen Kunst, den Bauwerken und den militärischen Vor¬ 
führungen war Hitler begeistert, weniger von dem Hofzeremo¬ 
niell. Das verstaubte Hofzeremoniell und der Dünkel des Hof¬ 
adels reizten Hitler maßlos und stellten größte Anforderungen 
an seine Selbstbeherrschung. Der Duce spielte in Italien nicht 
die erste Rolle wie Hitler in Deutschland und hatte deshalb auf 
das Protokoll keinen Einfluß. Die dem Duce angetane unwür¬ 
dige Behandlung durch das italienische Protokoll (»diese Hof¬ 
schranzen«) erboste Hitler sehr. Wie er sagte, hatte er sich 
angesichts der dauernden Demütigungen Mussolinis bezähmen 
müssen, seinen Staatsbesuch nicht vorzeitig abzubrechen. Bei 
der militärischen Vorführung in Rom waren auf der TYibüne 
Sitze für die Mitglieder des Königshauses und für Hitler aufge¬ 
stellt worden, während man Mussolini zumutete, die ganze Zeit 
über zu stehen. »Das hat mich derart empört, daß ich beinahe 
einen öffentlichen Skandal gemacht hätte. Nur dem Duce 
zuliebe habe ich mich zurückgehalten.« Der Keim zu seinem 
Groll auf Italien wurde bereits bei diesem Besuch in Rom gelegt 
und nicht erst durch die Überraschungen, die ihm die Italiener 
im Kriege bereiteten. 

Kurz bevor die Tschechoslowakei 1939 dem Reich einverleibt 
wurde, war der tschechische Staatspräsident Hacha 182 zu einer 



88 


Er war mein Chef 


Besprechung nach Berlin gekommen. Die Unterredung fand in 
der Nacht vom 14. zum 15. März 1939 im Arbeitszimmer Hitlers 
in der Neuen Reichskanzlei statt. Bevor Hacha das Arbeitszim¬ 
mer Hitlers betrat, mußten Gerda Daranowski und ich in einem 
kleinen Kabinett Platz nehmen, zu dem eine Tür direkt hinter 
Hitlers Schreibtisch führte. Für eventuell während der Bespre¬ 
chung notwendig werdende Diktate sollten wir sofort verfügbar 
sein. 

Wir saßen und saßen, die Stunden vergingen. Kurz nach l A 5 Uhr 
morgens öffnete sich endlich die Tür. Hitler trat beschwingten 
Schrittes über die Schwelle, mit einem glücklichen Ausdruck in 
seinem Gesicht. Mitten im Raum stehenbleibend sagte er im 
Überschwang eines unendlichen Glücksgefühls: »So, Kinder, 
jetzt gebt mir mal da und da«, wobei er auf seine rechte und 
linke Wange zeigte, »jede einen Kuß!« Da er ein solches Ansin¬ 
nen noch nie an uns gestellt hatte, waren wir etwas perplex, 
faßten uns aber schnell und kamen beherzt seinem Wunsch 
nach. »Dies ist der schönste Thg in meinem Leben«, fuhr er fort, 
»was seit Jahrhunderten immer vergeblich angestrebt wurde, 
ist mir geglückt. 183 Die Vereinigung der Tschechei mit dem 
Reich ist mir gelungen. Hacha hat das Abkommen unterzeich¬ 
net. Ich werde als der größte Deutsche in die Geschichte ein- 
gehen.« 

Schon ein paar Stunden später saßen wir in Hitlers Sonderzug 
auf dem Weg in die Tschechoslowakei. Wir fuhren bis Böhmisch 
Leipa. Dort erwartete uns die graue Mercedes-Kolonne aus 
Hitlers Fahrzeugpark. Dann fuhren wir, an Kolonnen deutscher 
Soldaten vorbei, weiter bis nach Prag. Es schneite stark. Aber 
das Schneegestöber schien Hitler nichts auszumachen. Er stand 
die meiste Zeit grüßend im Wagen. 

In Prag fuhren wir auf die Burg hinauf, den Hradschin, die tief 
verschneit und märchenhaft schön über den Häusern der Stadt 
lag. Aber irgend etwas schien nicht in Ordnung zu sein. Das 
große schmiedeeiserne Tor der Burg war verschlossen. Es mußte 
erst vom Begleitkommando geöffnet werden. Für mich ein deut¬ 
liches Zeichen unseres Unerwünschtseins hier. 

Im Hradschin selbst ging es dann zu wie in einem Heerlager. 
Hitler erarbeitete in Zusammenarbeit mit Innenminister 





Mit Hitler auf Reisen 


89 


Frick 184 und Staatssekretär Stuckardt 185 bis spät in die Nacht 
hinein Erlasse, die mir in die Maschine diktiert wurden. Es ging 
so hektisch zu, daß ich gar nicht merkte, daß auch fotografiert 
wurde. Erst nach vielen Jahren fiel mir durch einen Zufall ein 
Bild in die Hände, das als Kopf der von mir schon genannten 
Serie »Christa Schroeder exclusiv« im Corriere della Sera er¬ 
schien. 

Den tschechischen Beamten im Hradschin fiel es schwer, ihre 
gegen uns bestehenden Antipathie zu verbergen. Kein Wunder! 
So war es ihnen z. B. unmöglich, uns einen Imbiß anzubieten. 
Um zwei Uhr nachts gelang es unserem Begleitkommando end¬ 
lich, aus dem Deutschen Haus in Prag Schinken, Weißbrot und 
Pilsner zu besorgen. Begeistert sprachen wir den Spezialitäten 
zu und lobten die herbe Frische des Bieres. Neugierig geworden, 
ließ sich auch Hitler ein Glas geben. Doch es schmeckte ihm 
nicht, er verzog das Gesicht und sagte: »... daß ihm das Bier zu 
bitter sei«. 

Die Rückfahrt nach Berlin erfolgte wieder im Sonderzug Hit¬ 
lers. Da ich an diesem Thg Geburtstag hatte, lud Hitler den 
engeren Stab nachmittags zum Geburtstagskaffee in seinen 
Salonwagen ein. Er war bester Stimmung und überreichte mir 
einen Strauß langstieliger rosa Rosen, der telegrafisch an eine 
Station bestellt worden war. Außerdem schenkte er mir einen 
goldenen Füllfederhalter und Bleistift, auf denen mein 
Geburtsdatum und sein Namenszug eingraviert waren. Ich 
ahnte damals nicht, daß dieses Geschenk die souvenirsüchtigen 
Amerikaner 1946 im Internierungslager Mannheim-Secken¬ 
heim wohl sehr erfreut hat. 

Seit 1937 hatte ein erhöhter Reisebetrieb eingesetzt. Im Gegen¬ 
satz zu den vergangenen Jahren, da Hitler fast alle Fahrten im 
Auto zurücklegte, fing er jetzt an, Gefallen an den viel beque¬ 
meren Reisen in seinem schönen und geschmackvoll eingerich¬ 
teten Sonderzug 189 zu finden. Es wurde ihm auch zur Gewohn¬ 
heit, auf diesen Fahrten nachmittags und abends seinen engeren 
Stab in seinem Salonwagen um sich zu versammeln, wo gemein¬ 
sam die Mahlzeiten und der Tee eingenommen wurden. Seine 
Sekretärinnen durften hierbei nicht fehlen. Wollte sich mal die 
eine oder andere vor diesen oft stundenlangen Sitzungen drük- 



90 


Er war mein Chef 


ken, so stellte er so beharrlich Fragen nach ihrem Verbleib, daß 
der Diener, der zu diesen Tees aufforderte, schon von vornher¬ 
ein keine Entschuldigung gelten ließ. Einen guten Teil meines 
Daseins verbrachte ich so im Sonderzug des Führers. 

Hitlers Salonwagen war mit Mahagoni getäfelt, darin stand ein 
großer rechteckiger Tisch mit rotbezogenen Lederstühlen und 
hatte indirekte Beleuchtung. Ein Musikschrank und Radio 
waren ebenfalls vorhanden. Bei Aufenthalten auf Bahnhöfen 
schlossen die Nachrichtenmänner Telefonleitungen an, sonst 
war Funkverbindung möglich. 

Auf seinen Reisen verlangte Hitler immer, daß selbst bei strah¬ 
lendem Sonnenschein, die Jalousien seines Salonwagens 
geschlossen blieben. Er wollte nur elektrisches Licht, weil ihm 
das helle Sonnenlicht unangenehm war. Aber vielleicht fand er 
auch das >Make-up< von Dara bei künstlicher Beleuchtung schö¬ 
ner. Hitler machte ihr deswegen dauernd Komplimente, was 
offenbar die übrigen Männer seiner Umgebung zur Nachah¬ 
mung veranlaßte. 

Während der Unterhaltung im Sonderzug sprach Hitler häufig 
von seinen Autofahrten. Nur aus Bequemlichkeit benutzte er 
den Sonderzug. Die Fahrten im Auto quer durch Deutschland 
waren ihm lieber gewesen, nicht nur der Schnelligkeit wegen, 
sondern auch weil sie Gelegenheit gaben, mit der Bevölkerung 
in unmittelbare Berührung zu kommen. 

Hitler, der ein glühender Automobilist war, hatte verschiedene 
Verbesserungen angeregt, die von der Firma Daimler-Benz 
erfolgreich verwertet wurden. Der Generaldirektor dieser 
Firma, Jakob Werlin, 187 hatte ihm in den Kampfzeit einen 
Wagen auf Kredit geliefert, was die Firma Horch abgelehnt 
hatte, und Hitler war ihm deswegen besonders dankbar. Er 
sagte einmal scherzend zu ihm: 

»Wissen Sie übrigens, daß Sie der eigentliche Eroberer 
Deutschlands sind? Wenn Sie mir damals den Wagen nicht 
gegeben hätten, wäre es mir unmöglich gewesen, Deutschland 
zu erobern. Also sind Sie der eigentliche Eroberer. Sie müssen 
sich nur bald überlegen, ob Sie ihre Ansprüche noch geltend 
machen wollen!« 

Werlin, der anschließend in den Schlafwagen kam, wo ich am 



Mit Hitler auf Reisen 


91 


Gang noch eine Zigarette rauchte, sagte zu mir: »Fräulein 
Schroeder, haben Sie gehört, was der Führer gesagt hat, das 
muß ich meiner Mutter erzählen.« 



Hitlers Geburtstag 


Hitlers Geburtstag begann in den Friedensjahren bis 1939 
damit, daß ihm die Kapelle der Leibstandarte morgens ein 
Ständchen brachte. Wenn Hitler dann aus dem ersten Stock 
seiner Wohnung im Radziwill-Palais die Treppe herunterkam, 
begrüßten ihn unten am Fuße der Treppe eine Schar festlich 
gekleideter Kinder der Minister und Adjutanten mit bunten 
Blumensträußen. Hitler genoß es sichtlich, im Kreise der Kinder 
zu frühstücken. Für die Fotografen war das immer ein hochwill¬ 
kommener Anlaß, Hitler mit den Kindern im Bild festzuhalten. 
Anschließend erfolgte die offizielle Gratulations-Cour und die 
Parade der Wehrmacht im Tiergarten. 

Der historische Kongreßsaal, der Hitlers Wohnung im ersten 
Stock mit den Diensträumen der Reichskanzlei verband, war 
schon einige Wochen vor seinem Geburtstag zweckentfremdet 
worden. Auf dem langen Verhandlungstisch und den zusätzlich 
aufgestellten Behelfstischen wurden alle für Hitler eingegange¬ 
nen Geschenke aufgebaut. Der Duft von Mandelbäumchen, 
Nelken, Rosen, arrangiert zu schönen Dekorationen, erfüllte 
den Raum. 

An Geschenken war alles vertreten: Wertvolles, Nützliches, 
Schönes und auch viel Kitschiges. Gemälde, Skulpturen, Gobe¬ 
lins, Teppiche, alte Waffen, seltene Münzen, Uhren, Schreib¬ 
tischgarnituren, Aktenmappen, Bücher, alte Partituren von 
Noten u. v. m. Und dann die Handarbeiten: Kissen und Decken 
mit NS-Emblemen oder mit Aufschriften wie: »Heil mein Füh¬ 
rer!« usw. Wieviel Gedanken schwärmerischer Verehrerinnen 
wurden in diese Handarbeiten investiert. 

Berge von Baby-Ausstattungen, Bettwäsche, Frottö-Garnitu- 
ren landeten später im Archiv der Privaten Kanzlei, wo sie in 
Regalen sauber sortiert auf den Bedarf bedürftiger Ehepaare 
warteten. Torten mit kunstvollen Aufbauten und Aufschriften, 




Hitlers Geburtstag 


93 


Delikateßkörbe und überhaupt alle Lebensmittel wurden auf 
Anordnungen Hitlers sofort den verschiedenen Krankenhäu¬ 
sern zugeführt. Wertvolle Gegenstände fanden Platz in den 
Vitrinen und Schränken der Führerwohnungen, Handarbeiten 
ohne NS-Embleme in den Fremdenzimmern. Später im Kriege 
türmten sich dann die von den NS-Frauenschaften selbstge¬ 
strickten feldgrauen Socken in den vier Ecken des Kongreßsaals 
zu hohen Bergen. 

Meine Freundin Johanna Nusser gab mir in den 50er Jahren 
meine aus Berlin, dem Berghof und den Führerhauptquartieren 
an sie gerichteten Briefe zurück. Aus diesen stammen die nach¬ 
folgenden Auszüge. Einen Teil davon hatte ich einmal leichtsin¬ 
nigerweise David Irving 188 zur Verfügung gestellt. Die darin 
ausgesprochenen Urteile über die Mentalität der Russen u. a. 
hatte ich aus Hitlers Gesprächen aufgegriffen und weitergege¬ 
ben (nachgeplappert). Heute bin ich über diese bedenkenlos von 
Hitler übernommenen Ansichten entsetzt. Wie konnte ich 
Urteile weitergeben über Menschen, die aus eigenem Erleben 
kennenzulemen, ich nie Gelegenheit gehabt habe! Ist es auch 
für mich blamabel, so lasse ich’s trotzdem stehen. 

Am 21. April 1939 schrieb ich an meine Freundin aus Berlin: 
»All meine Pläne von Kur und Erholung sind wieder mal zu 
Essig geworden. Ich wollte an sich ja schon im März - und dann 
als das nicht ging - im April fort. Aber das ist nun nicht mehr 
möglich und ich habe vorläufig alle Pläne aufgegeben. Am 28. 
ds. Mts. steigt nun erst mal die Reichstagsrede 189 und bis dahin 
haben wir mal auf alle Fälle Bereitschaftsdienst. 

Dara ist schon seit der letzten Woche in München. Ich hatte 
gehofft, daß die Wolfen nun nach Berlin käme. Inzwischen hat 
der Chef aber bestimmt, daß sie die in München eintreffenden 
Geburtstagsgeschenke gleich von dort aus bearbeitet und 
beantwortet. Es bleibt mir nun nichts anderes übrig, als erst mal 
die Reichstagsrede abzuwarten und zu sehen, ob sich die allge¬ 
meine Lage danach etwas klärt. 

Ich habe inzwischen wieder mächtig Speck angesetzt, es ist 
einfach gräßlich. Wenn ich in dieser Beziehung nur die Hälfte 
der Willenskraft von unserem Chef hätte, wäre mir geholfen. 
Sowie er einige Pfunde zugenommen hat, stellt er verschiedene 



94 


Er war mein Chef 


Sachen mit einem Schlage ein, er hungert dann regelrecht drei 
Wochen und hat dann alles wieder runter. 

Der Geburtstag war übrigens für ihn [Hitler] eine rechte Stra¬ 
paze. Zwei läge hat die Chose gedauert. Empfänge und noch¬ 
mals Empfänge. Die Parade gestern war ja ganz groß, aber 
dauerte entsetzlich lange. Wir sind um 'A 10 Uhr hingefahren 
und waren um 'A5 Uhr nachmittags wieder im Büro. Das waren 
sieben Stunden, die sich aufteilten in drei Stunden Weg bzw. 
Wartezeit und vier Stunden Vorführdauer. Na, Du wirst ja die 
Wochenschau sehen. Ich wundere mich bloß immer wieder, wo 
er die Kraft hernimmt. Denn vier Stunden dauernd stehen und 
grüßen, ist doch eine verdammte Anstrengung. Wir waren vom 
bloßen Zuschauen schon hundemüde, ich jedenfalls. 
Überwältigend sind in diesem Jahr die Geschenke an Zahl und 
Wert. Gemälde (Defregger, Waldmüller, Lenbach und sogar ein 
herrlicher Tizian), dann wunderbare Meissner Porzellanplasti¬ 
ken, silberne Tafelaufsätze, prachtvolle Bücher, Vasen, Zeich¬ 
nungen, Teppiche, Handarbeiten, Globusse, Radios, Uhren, 
usw. Dann kistenweise Eier, große Torten, Bonbonnieren, Obst¬ 
säfte, Liköre, ein wunderschönes Segelschiff ganz aus Blumen, 
ein Jammer, daß diese Schönheit so bald vergehen wird. Und 
dann natürlich Flugzeugmodelle, Schiffsmodelle und ähnliche 
militärische Dinge, über die er die meiste Freude empfindet. Da 
ist er wie ein Bub. 

Die Berliner sind wie immer sehr mitgegangen und waren den 
ganzen Thg auf den Beinen. Herrlich ist die Charlottenburger 
Chaussee geworden, die eine mächtige Weite hat und sehr 
schöne solide Beleuchtungskörper. Die Ausschmückung fand 
ich, genau wie unter den Linden, ein bißchen zu theatermäßig. 
Aber wenn diese Theaterrequisiten entfernt sind, wird die 
Straße richtig zur Geltung kommen und viel vornehmer wirken 
als zur Zeit. Die Linden sind auch zu überladen mit den vielen 
schlanken revuemäßigen Säulen. Aber vielleicht habe ich kei¬ 
nen guten Geschmack und es ist in Wirklichkeit schön. Den 
meisten scheint es recht gut zu gefallen. 

Wir sind, ehe wir nach Berlin kamen, in Österreich zur TVup- 
penbesichtigung gewesen. Der Chef war mit dem Wagen davon¬ 
gefahren und wir saßen mehrere Stunden im Sonderzug, den der 



Hitlers Geburtstag 


95 


Chef übrigens auf den Namen »Hotel zum rasenden Reichskanz¬ 
ler« getauft hat, drei oder vier Stunden fest und das nur ca. 7 km 
von Wien entfernt. 

In der letzten Zeit habe ich einige schöne Theateraufführungen 
gesehen, und zwar vorwiegend in München. Ich weiß da immer 
nicht recht, wo ich abends hin soll und da gehe ich, das ist mir 
jetzt schon zur Gewohnheit geworden, immer in die Kammer¬ 
spiele im Schauspielhaus, wo fast alles, was ich bis jetzt dort 
gesehen habe, ausgezeichnet inszeniert und gespielt war. So sah 
ich u. a. eine wunderbare Aufführung von »Cäsar und Kleopa- 
tra« und vor kurzem in der Festspielwoche »Kabale und Liebe«. 
Ich hatte mir schon so lange gewünscht, das letztere Schauspiel 
zu sehen und war in Berlin nie dazu gekommen. Es ist ja eine 
lange Angelegenheit und unser Chef hatte gesagt, man könne es 
sich nur noch in Berlin anschauen, wo es fabelhaft inszeniert sei 
und erstklassig besetzt, so z. B. den alten Stadtmusiker Miller 
mit Heinrich George usw. 

... So hat unser »Alter« z. B. neulich abends sehr interessant über 
die Kirchenfrage gesprochen. So klar und eindeutig war alles, 
daß ich bedauert habe, mir hinterher nicht gleich Notizen 
gemacht zu haben. 

Er ging von der Gotik aus, deren Stil er als etwas Fremdes und 
Unnatürliches ablehnt. Das ist natürlich Geschmackssache. So 
sagte er ungefähr: »Warum einen natürlichen schönen Bogen 
plötzlich unterbrechen, und ihn in eine nichtnotwendige, kei¬ 
nen Sinn und Zweck habende Spitze auslaufen zu lassen! Und 
warum die vielen spitzen Türme und Türmchen, die nur für das 
Auge da sind, zu denen man keinen Zugang hat, die innen 
ausgemauert sind.« 

In der gotischen Zeit hätte die Mystik ihren Ursprung. Die 
Dunkelheit in den Gebäuden hätte sie begünstigt. Diese Zeit 
wäre voller Dunkelheit und Unaufrichtigkeit gewesen. Schon 
wie die weiblichen Körper dargestellt seien, mit Bäuchen und 
alles so verhüllt. Wenn ein Maler nicht gerade verheiratet gewe¬ 
sen wäre, hätte er nie einen weiblichen Körper zu Gesicht 
bekommen, und daher rühre die falsche und häßliche Darstel¬ 
lung. In dieser Zeit hätten sich eben der Kult und die Mystik so 
sehr entwickeln können. Das Christentum fuße auf der Er- 




96 


Er war mein Chef 


kenntnis, die 2000 Jahre zurückliegt und diese Erkenntnis sei 
durch Mystik, Kult (Bibelmärchen) verworren und verschwom¬ 
men. Die Frage ist die: Warum soll es nicht möglich sein, den 
Begriff des Christentums auf der Erkenntnis von heute festzule¬ 
gen? Luther hätte eine Reformation angestrebt, er sei aber 
mißverstanden worden, denn eine Reformation wäre nichts 
Einmaliges, sondern reformieren heißt, sich ewig erneuern, kein 
Stehenbleiben, sondern Mitgehen, Mitentwickeln usw. Der 
Chef weiß genau, daß die Kirchenfrage sehr heikel ist und sich 
im Falle eines Krieges eventuell im Inneren sehr ungünstig 
auswirken könne. Ich habe das Gefühl, er wäre glücklich, sie in 
einem anständigen Sinn gelöst zu sehen. 

Es gäbe noch sehr Vieles, Dir mein Herz auszuschütten. So z. B. 
daß ich eingesehen habe, daß zwischen meiner jüngeren Kolle¬ 
gin und mir doch eine große Wesensverschiedenheit besteht. Sie 
ist zu sehr darauf aus, um jeden Preis zu gefallen und zu diesem 
Zweck ist ihr jedes Mittel recht. Daß sie meine Urteile über 
Bücher als die ihren weitergibt, daß sie meine Überlegungen 
über irgendwelche Probleme nach einer halben Stunde, selbst 
in meiner Gegenwart, ganz selbstverständlich als ihr geistiges 
Produkt verzapft, daran habe ich mich schon gewöhnt. 

Als sie aber bei unserem letzten Aufenthalt auf dem Berg anfing 
das Wort für mich zu ergreifen, d.h., wenn ich direkt gefragt 
war, sofort einzufallen und für mich zu antworten, ehe ich 
überhaupt den Mund aufmachen konnte (wenn es sich um 
dienstliche Sachen gehandelt hätte, würde mich das nicht wei¬ 
ter tangiert haben, es waren aber privateste Dinge) oder wenn 
ich mit jemand zusammensaß und mich ernsthaft unterhielt, sie 
dazwischenkam und nun die Unterhaltung unbedingt stören 
mußte, durch ihre lauten Zwischenbemerkungen und so alles 
kaputt machte, da platzte die Bombe bei mir. Es kam dann noch 
hinzu, daß sie in ihrer Selbstherrlichkeit, in dem >Von sich 
überzeugt sein<, einen derart überlegnen Ton anschlug mit sehr 
gedehnten >Nicht wahr’s< usw., daß mich die Wut packte und ich 
mich seitdem sehr zurückhalte und nur das Nötigste mit ihr 
rede. 

Das Verderben ist, daß der Chef sie mit Wohlgefallen betrachtet 
und darauf pocht sie nun natürlich und nimmt sich viel heraus. 



In dem Wohngebäude Her- 
munn-Gönng-Straße 16 hatte 
Christa Schroeder eine Woh¬ 
nung. Das Bild von 1939 zeigt 
einen Ausschnitt aus ihrem 
Wohnzimmer, auf dem Flügel 
Fotos von Wilhelm Brückner 
und Hitler mit Widmungen. 


1936 ließ Hitler durch Speer 
an der Hermann-Göring- 
Straße zwei Wohngebäude für 
das SS-Begleitkommando so¬ 
wie unterirdische Garagen 
bauen. 












Im Marz 1939 verlobte sich 
Christa Schroederohne Wis¬ 
sen Hitlers mit dem 41 jähri¬ 
gen jugoslawischen Diploma¬ 
ten (Professor und Offizier) 
Lav Alkonic aus Belgrad. Die 
Verlobung wurde 1940 durch 
die Kriegsereignisse gelöst. 


Couch-Ecke im Wohnzimmer 
von Christa Schroeder 1939 in 
ihrer Wohnung Hermann- 
Göring-Straße 16 in Berlin 












Christa Schroeder war mit 
der Opernsängerin und 
Schauspielerin Margarete 
Slezak, die am Städtischen 
()pernhaus in Berlin-Charlot¬ 
tenburg engagiert war, seit 
1935 befreundet. Sie wurde 
von Hitler, der sie von Mün¬ 
chen her kannte, oft in die 
Reichskanzlei eingeladen. 
Hitler hielt die Freundschaft 
mit ihr bis in die Kriegsjahre 
aufrecht. 


Christa Schroeder mit Be¬ 
kannten beim Besuch der 
Wagner-Festspiele in Bay¬ 
reuth vom 23.7. bis 28.7.1937 
(v.l.n.r. Frau Meiner, Johanna 
Wolf, Christa Schroeder, Frau 
Bockeimann und Frau Haber¬ 
stock). 








Hitler fuhr am 2. Mai 1938 als 
Gast Mussolinis mit seinem 
Sonderzug zu einem Staats¬ 
besuch nach Italien (Italien¬ 
besuch vom 3. 5. bis 9. 5. 

1938). In seiner Begleitung 
war auch die Sekretärin 
Schroeder. 


Am 5. 5. 1938 wurde für Hitler 
in Neapel eine große Flotten - 
parade und am 6. 5.1938 eine 
große TYuppenparade in Rom 
abgehalten. Am 6.5. nachmit¬ 
tags besuchte Hitler in Beglei¬ 
tung des Gouverneurs von 
Rom. Fürst Colonna, u. a. das 
Kolosseum in Rom. In Hitlers 
Begleitung die Adjutanten 
Wiedemann und Albert Bor¬ 
mann. 







Hitlers Geburtstag 


97 


Du weißt ja selbst am besten, wie unangenehm sich solche Dinge 
dann auswirken können. So ist das Leben ein ewiger Kampfund 
ein ewiges Sichbehauptenmüssen, und das liegt mir so gar nicht. 
Aber es ist nun mal heute so, daß die Männer (und vor allem bei 
uns) am liebsten hübsch zurechtgemachte, jugendliche, voll¬ 
kommen unproblematische Geschöpfe um sich sehen wollen. 
Nur keine Belastung durch ein ernstes Gesicht! Ach, mir stand 
in den letzten lägen auf dem Berg alles bis oben. Aber ich habe 
mir dann gesagt, ich darf die Flinte nicht ins Korn werfen. Von 
vorn kann ich doch nicht mehr anfangen und es gibt ja überall 
Kämpfe und Widerstände. Ich freue mich ja nur, wenn es end¬ 
lich soweit ist, daß ich meine Koffer packen und meine Kur 
antreten kann...« 



Polenfeldzug 1939 


Am 1. September 1939 begann für uns alle überraschend der 
Krieg mit Polen und schon am Abend des 3. September 1939 
befanden wir uns in Hitlers Sonderzug auf der Fahrt nach 
Polen, der gegen 21 Uhr in Berlin abfuhr. Für große Reisevorbe¬ 
reitungen war wie immer keine Zeit gewesen. »In ein paar 
Stunden verlassen wir Berlin«, schrieb ich am 3. September 
1939 nachmittags kurz an meine Freundin: »Vorerst sollst du 
noch einen Gruß von mir haben. Für mich heißt es nun, mit dem 
Chef durch Dick und Dünn zu gehen. Daß es zum Letzten 
kommt, daran will ich noch nicht denken, aber wenn - dann 
liegt mir an meinem Leben nichts mehr. Wenn Du mir schreibst, 
dann bitte an die obige Adresse, ich schreibe über diesselbe 
zurück...« 

Zu Beginn des Polenfeldzuges leitete Hitler die Operationen von 
seinem Sonderzug aus, der in der Nähe von Gogolin stand. 
Jeden Morgen fuhr er im Wagen an die Front, wo er sich bis in 
die vorderste Linie vorwagte. Abends kehrte er staubig und 
verschmutzt zurück. Vor seiner Abfahrt diktierte er Aufrufe 
und Tagesbefehle an die Soldaten. Während der Belagerung von 
Warschau richtete er Aufrufe an die Bevölkerung, die Stadt zu 
verlassen. Erst gegen Ende des Polenfeldzuges nahm er Quartier 
im Casino-Hotel in Zoppot. 

Aus meinem Brief vom 11. September 1939 aus dem Führer¬ 
hauptquartier in Polen an meine Feundin: 

»Wir leben nun schon seit 10 lägen im Zuge, der Standort 
wechselt dauernd, aber dadurch, daß wir - die Dara und ich — 
nie herauskommen, bleibt für uns nur eine große Eintönigkeit. 
Die Hitze ist kaum auszuhalten, einfach fürchterlich. Die Sonne 
prallt den ganzen Täg auf die Abteile und man ist machtlos 
gegen die tropische Hitze. Ich bin richtig aufgequollen, einfach 
gräßlich. Zu all dem kommt, daß man sich so gar nicht nützlich 





Polenfeldzug 1939 


99 


betätigen kann. Es ist wie es immer war: Der Chef fährt morgens 
mit seinen Herren im Wagen fort und wir sind dazu verurteilt, 
zu warten und nochmals zu warten. Wir haben schon alles 
mögliche versucht, irgendwo zu helfen, aber es wird uns einfach 
unmöglich gemacht dadurch, daß wir nicht lange genug an 
einem Ort bleiben. 

Neulich lagen wir eine Nacht in der Nähe eines Durchgangsla¬ 
zaretts, es kam gerade ein großer Transport Verwundeter an. 
Dr. Brandt hat die ganze Nacht mit operiert, unsere Leute vom 
Kommando haben mitgeholfen. Wir, Dara und ich, wollten am 
andern Ihg Briefe für die Verwundeten an ihre Angehörigen 
schreiben, freuten uns, wenigstens auf diese Weise ein wenig 
helfen zu können. Aber es war wieder nichts, der Oberarzt tat 
zwar sehr erfreut und bedankte sich, aber da das Lazarett nur 
für den Durchgangsverkehr eingerichtet ist, kam ihm unser 
Angebot nicht sehr gelegen. Wie neidvoll las ich von Euerer 
Kohlenschipperei, da hätte ich dabei sein mögen, da sieht man 
doch wenigstens, was man tut. 

Unsere Leute, die mit dem Chef nach Polen reinfahren, sehen 
natürlich allerhand, aber ihre Aufgabe ist nicht leicht, denn es 
fallen immer wieder Schüsse aus dem Hinterhalt. Der Chef ist 
nicht davon abzubringen, genau so wie in Deutschland stehend 
im Wagen zu fahren und zwar an die exponiertesten Stellen. Ich 
finde das zu leichtsinnig, aber da kann ihn niemand von abbrin¬ 
gen. Am ersten Thg ist er durch ein Wäldchen gefahren, in dem 
Partisanen versteckt waren. */ 2 Stunde vorher war eine deutsche 
unbewaffnete Sanitätstruppe abgemurkst worden. Ein einziger 
Sanitäter hatte sich durch die Flucht retten können und erstat¬ 
tete ihm selbst Bericht. 

Ebenfalls nicht weit davon warfen polnische Flieger Bomben 
ab. Man nimmt an, daß die Polen die Führerkolonne gesichtet 
hatten. Schön sichtbar stand der Chef auf einem Hügel, die 
Soldaten liefen heilrufend von allen Seiten kommend auf ihn zu 
- und in der Mulde lag polnische Artillerie. Die sahen natürlich 
den Menschenauflauf und - da es kein Geheimnis ist, daß der 
Führer an der Front weilt - konnten sie sich ja denken, wer sich 
dort befindet. Eine halbe Stunde später flogen Bomben auf ihn 
herab. Es ist natürlich ein großer Ansporn für die Soldaten und 




100 


Er war mein Chef 


eine kolossale moralische Wirkung, den Führer zu sehen in der 
Gefahrenzone. Aber ich bin trotzdem der Meinung, daß die 
Gefahr zu groß ist für ihn. 

Wie sich die Sache weiter mit den Engländern und Franzosen 
entwickelt, darauf bin ich sehr gespannt. Hoffentlich sehen die 
Franzosen bald ein, daß es sich nicht lohnt, für England Millio¬ 
nen Menschen zu opfern. 190 Wenn es mit Polen schnell geht, ist 
ja an sich auch der Grund entfallen, - so denke ich mir jeden¬ 
falls. 

Einer unserer Ordonnanzoffiziere 191 ist vorgestern auch ganz 
plötzlich gestorben an Hirnhautentzündung, dieselbe Krank¬ 
heit, an der auch der Fahrer des Führers starb, wenn Du Dich an 
Schreck erinnerst. Ich hörte SS-Kameraden von dem Ordon¬ 
nanzoffizier sagen, der erst 24 Jahre alt war: »Wenn er doch 
wenigstens gefallen wäre.« Aber so ist es nun einmal, die Art 
und Weise, wie man stirbt, kann man sich nicht aussuchen. Es 
wird so mancher unter den Gefallenen sein, die man kennt. 
Hans Junge’s 192 Bruder, der bei der Leibstandarte kämpfte, ist 
auch gefallen...« 

Am 26. September 1939 fuhren wir wieder nach Berlin zurück. 





Frankreichfeldzug 1940 


Hitler hatte im April und Mai 1940 viele Besprechungen mit den 
Militärs. Aber nichts sickerte davon in das Treppenzimmer. 
Man konnte wieder nur mal vermuten, daß irgend etwas im 
Gange war. Am Nachmittag des 9. Mai 1940 tat sich dann was. 
Wir, der engere Kreis, wurden davon in Kenntnis gesetzt, daß 
noch am gleichen Abend eine Reise angetreten wird. Ein Ziel 
wurde nicht genannt. Auch über die Dauer der Reise konnten 
wir nichts erfahren. Auf eine diesbezügliche Frage von mir 
antwortete Obergruppenführer Schaub ebenso wichtigtuerisch 
wie geheimnisvoll: »Es kann 8 läge, es kann 14 läge, es kann 
einen Monat, es kann aber auch Jahre dauern!« 

Gegen Abend, wir hatten uns in der Führerwohnung versam¬ 
melt, wurde der Befehl zur Abfahrt gegeben. Unser Wagen, in 
dem ich zusammen mit meiner Kollegin Daranowski und dem 
Stellvertreter des Reichspressechefs 193 saß, fuhr weit aus Berlin 
hinaus in Richtung Staaken, so daß wir annahmen, daß wir von 
Staaken aus abfliegen würden. Aber das war ein Irrtum. Der 
Wagen fuhr an Staaken vorbei und hielt schließlich auf einem 
kleinen Bahnhof, wo der Führersonderzug bereitstand. 
Niemand außer den militärischen Adjutanten schien über das 
Ziel der Fahrt orientiert zu sein. Es war alles sehr geheimnis¬ 
voll. Beim Abendessen im Speisewagen ulkte Schmundt: 194 
»Haben Sie auch >sick-sick< dabei l95 ?« Sollte es vielleicht nach 
Norwegen gehen, denn der Zug fuhr zunächst in nördlicher 
Richtung? Der Chef unterstützte diese Vermutung geschickt: 
»Wenn Ihr brav seid, dürft Ihr Euch ein Seehundfell als Trophäe 
mit heimnehmen.« 

Nach Mitternacht - hinter Hannover — nahm der Zug plötzlich 
die westliche Richtung ein, was aber nur von einigen sehr 
aufmerksamen Teilnehmern bemerkt wurde. 196 Es war noch 
dämmrig, als der Führerzug auf einer kleinen Bahnstation ein- 





102 


Er war mein Chef 


lief, auf der die Namensschilder entfernt waren. In den bereit 
stehenden gelandegängigen Wagen wurde die Fahrt in den 
beginnenden Morgen hinein fortgesetzt. In allen Dörfern, die 
wir durchfuhren, waren ebenfalls die Namensschilder umfunk¬ 
tioniert, d. h. sie sind durch gelbe Schilder mit militärischen 
Bezeichnungen ersetzt worden. Schließlich landeten wir in 
einer hügligen, bewaldeten Landschaft vor einem Regiments- 
Gefechtsbunker, den der Chef zu seinem Hauptquartier 
bestimmt hatte. Als wir im Morgengrauen vor seinem Bunker 
standen, hörten wir in der Ferne schwere Artillerieeinschläge. 
Hitler wies mit der Hand nach Westen und sagte: »Meine Her¬ 
ren, soeben ist die Offensive gegen die Westmächte eingeleitet 
worden.« 

Allmählich stellte sich dann heraus, daß wir uns in der Nähe von 
Münstereifel befanden. Das FHQ wurde >Felsennest< genannt. 
Der Gefechtsstand (Bunker) war sehr klein, einfach mit rohem 
Holz ausgekleidet und hatte Stühle mit Bastgeflecht. Es bot nur 
Unterkunfsmöglichkeit für Hitler, Keitel, 181 Jodl, Schmundt, 
Schaub und einen Diener. Er hatte noch einen Speiseraum für 
einen kleinen Stab. Alle übrigen Angehörigen des Stabes erhiel¬ 
ten Quartier im nahegelegenen Dorf zugewiesen. Es war das 
landschaftlich schönstgelegene von allen Hauptquartieren. Der 
frühlingsfrische Wald war erfüllt von Vogelgezwitscher, Hitler 
nannte es das >Vogelparadies<. Er fühlte sich in dieser Land¬ 
schaft sehr wohl, und da sein Bunkerraum sehr klein war, hielt 
er die Besprechungen meistens im Freien ab. Nie ist er soviel in 
frischer Luft gewesen wie hier. Er war immer wieder begeistert 
über die schöne Landschaft und äußerte den Plan, nach Beendi¬ 
gung des Krieges in jedem Jahr einmal mit der gleichen Beset¬ 
zung eine Erinnerungsfahrt hierher zu machen. 

Am 5. oder 6. Juni 1940 wurde das Führerhauptquartier nach 
Bruly de Pesche verlegt, nicht sehr weit von Brüssel entfernt, 
um näher an der Front zu sein. Es war ein Dorf mit einer alten 
Kirche und einem behäbigen Schulhaus, inmitten üppig blü¬ 
hender Wiesen. Niemals wieder sah ich Wiesen derart überwu¬ 
chert von saftvoll-kräftigen Margeriten und einem Wald mit so 
wunderschön ausladenden uralten Eichen. Am 13. Juni 1940 
schrieb ich von dort an meine Freundin: 




Frankreichfeldzug 1940 


103 

»Wir sind seit einer Woche weiter nach vorn gegangen und 
liegen nun in einem Dorf, das von der Bevölkerung geräumt 
wurde. Die ersten Nächte schlief ich zusammen mit einer Kolle¬ 
gin in einem ehemaligen Kuh- und Schweinestall, der mit Bret¬ 
tern ausgelegt und mit Stuck beworfen, schrecklich feucht war. 
Gestern wurde Gott sei dank die Baracke fertig und nun woh¬ 
nen wir im TVockenen. 

In den ersten lägen gab es hier kein Wasser, da habe ich zum 
ersten Mal gemerkt, wie lebensnotwendig dieses nasse Element 
ist. Wir putzten uns die Zähne mit Selterswasser, was aber 
absolut nicht erfrischend war. In der ersten Nacht hatten wir in 
unserem Stallzimmer einen Brand. Telefon und Lichtleitungen 
lagen eng nebeneinander und hatten sich durch die Feuchtig¬ 
keit entzündet. Ich werde nachts durch das Knistern und Knak- 
ken der Flammen wach, springe auf und haue mit der Hand 
traumhappet in die Flamme hinein, um zu löschen. Als das nicht 
gelang, nahm ich ein nasses Handtuch zuhilfe und kriegte 
natürlich einen dollen Schlag. So wie v mir ging es aber in 
derselben Nacht noch verschiedenen Herren. Die ganze Nacht 
hindurch schmorte die Leitung weiter, ein unangenehmes 
Gefühl, mit dem Bett darunter zu liegen. Na, aber die Mißstände 
sind vorüber und wir haben uns ganz gut eingelebt. 

Bei unseren Erfolgen, jetzt wo ich diesen Brief schreibe, sind 
unsere TVuppen in Fourges (Flugplatz von Paris) eingerückt, 
glaube ich, daß wir auch hier keine Wurzeln schlagen werden. 
Neulich bin ich durch Sedan, Namur, Philippville, Dinant etc. 
gekommen. Dort sind große Verheerungen angerichtet. Ganze 
Häuserblocks bilden einen TYümmerhaufen. Noch furchtbarer 
sehen die großen Aufmarschstraßen aus, von denen rechts und 
links im Graben Kanonen, Tänks, Fahrzeuge aller Art, Unifor¬ 
men, Sanitätswagen, Munition etc. umgestürzt, die Fahrzeuge 
ausgebrannt liegen. Ein süßlicher Verwesungsgeruch liegt über 
diesen Städten und über dem Ganzen ziehen große Scharen 
krächzender Raben ihre Kreise. Ein trostloses Bild der Zerstö¬ 
rung. Herrenlos laufen Kühe, Pferde und Hunde zwischen den 
ausgebrannten Häusern herum. In den ersten lägen, als noch 
nicht alle Kühe zum Melken erfaßt werden konnten, hörte man 
sie nachts vor Schmerzen brüllen. 



104 


Er war mein Chef 


TVaurig ist auch das Bild der Flüchtlinge. Große Familien hau¬ 
sen in ausgebrannten Autos, alte Frauen werden in Kinderwa¬ 
gen gefahren; der Krieg ist doch das Entsetzlichste, was es 
geben kann! Unser Chef tut, was er kann, für die Armen. 
Hilgenfeldt 198 ist mit ihrer Betreuung beauftrag worden. 

Jede Nacht erleben wir das gleiche Schauspiel, wir haben 
Besuch von >oben<. Pünktlich um 12.20 Uhr kommen Feindflie¬ 
ger und kreisen 3 Stunden über unserem Dorf. Vor einigen 
Nächten haben sie ein Haus zertrümmert, in dem einige Kripo¬ 
leute 199 von uns wohnten. Den Leuten ist aber Gottlob nichts 
passiert, sie hatten sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Wir 
wissen nicht, ob die Flieger uns oder die Aufmarschstraße 
suchen. Zu fassen sind sie angeblich nicht, weil sie zu hoch 
fliegen. Kommen sie mal nicht, fragt der Chef: »Wo bleibt denn 
heute unser Hausflieger?« 

Auf jeden Fall standen wir jede Nacht bis 3, l A 4 Uhr mit dem 
Chef und einigen Herren des Stabes im Freien und verfolgten 
die nächtlichen Manöver am Himmel solange, bis die Aufklärer 
im Morgengrauen wieder verschwanden. Die Landschaft erin¬ 
nerte mich um diese Zeit an ein Bild von Caspar David Fried¬ 
rich. 

Unsere Verpflegung ist prima, wir haben genügend Butter und 
Milch, auch Tbmaten und Obst bekommen wir jetzt ab und zu. 
Uns fehlt es wirklich an nichts. Gestern war ich zusammen mit 
Schaub auf ein Schlachtefest geladen. In der Nähe, ca. 20 Min. 
Autofahrt von hier, liegt unsere Flugstaffel und unsere Flieger 
hatten 2 Schweine geschlachtet. Es waren ungefähr 50 Personen 
beieinander, die an festlich gedeckten mit hohen französischen 
Petroleumlampen beleuchteten Tischen in einem ehern. Ver¬ 
einshaus (sicher christlicher junger Männer) zusammenkamen 
und sich nun an Blut- und Leberwurst und an Wellfleisch 
gütlich taten. Später gab es dann einen alten französischen 
Rotwein, der einfach wundervoll war, von den Schnäpsen ganz 
abgesehen. Du siehst also, es geht mir nichts ab. 

Für morgen abend haben wir schon wieder eine Einladung zum 
Eierpfannkuchenessen bei unserer Kripo. Die Männer wohnen 
in Bauernhäusern, essen mittags aus der Gulaschkanone und 
abends beköstigen sie sich selbst. Viel hausfrauliches Thlent 



Frankreichfeldzug 1940 


105 


kommt jetzt bei den Männern zutage, das sie natürlich auch 
bewundert wissen wollen, deshalb gehen wir also morgen zu 
den Pfannkuchen. 

Es gibt noch vieles, was ich Dir erzählen möchte, aber vorläufig 
nicht kann. Doch wird ja die Zeit nicht mehr allzu fern sein, wo 
wir gemütlich zusammensitzen werden. Ich persönlich kann 
mir nicht denken, daß der Krieg noch über den Juni hinausgeht. 
Gestern war in Paris Kriegsrat. Weygand 200 erklärte die 
Schlacht um Paris als verloren und schlug einen Sonderfrieden 
vor, worin ihn Pötain unterstützte. Reynaud 201 und einige 
andere Mitglieder widersprachen aber stürmisch.« 

In einem weiteren Brief aus dem FHQ in Bruly de Pdsche 
(Wolfsschlucht) vom 20. Juni 1940 schrieb ich an meine 
Freundin: 

»... Der Waffenstillstand tritt heute Nacht 1.35 Uhr in Kraft. 
Wieviel Mütter und Frauen werden Gott danken, daß der Krieg 
gegen Frankreich so schnell beendet wurde. Der Chef will 
demnächst im Reichstag sprechen. Wahrscheinlich wird es sein 
letzter Appell an die Engländer sein. »Wenn sie auch dann nicht 
parieren«, so sein Ausspruch, »wird er unbarmherzig Vorge¬ 
hen!« Ich glaube, bis jetzt tut es ihm immer noch leid, den 
Engländern auf den Leib zu rücken, und es wäre ihm offensicht¬ 
lich viel angenehmer, wenn sie von selbst Vernunft annehmen 
würden. Wenn sie wüßten, daß der Chef weiter nichts von ihnen 
will als unsere ehemaligen Kolonien, würden sie vielleicht 
zugänglicher sein. Ich bin sehr gespannt, wie sich England 
verhalten wird. München war übrigens sehr schön, große Begei¬ 
sterung. Dara und ich wurden in unseren feldgrauen Kostümen 
und Armbinden >Deutsche Wehrmacht sehr angestaunt... 
Zwischendurch war der Chef im Zimmer und diktierte mir den 
Aufruf für die Zeitung. Er setzte selbst das Rundfunkprogramm 
zusammen...« 

Darüber, daß Hitler bei Dünkirchen den Engländern nicht 
nachsetzte, sagte er im kleinen Kreise: »Die Armee ist das 
Rückgrat Englands und des Empires. Zerschlagen wir das Inva¬ 
sionskorps, geht das Empire zugrunde. Da wir sein Erbe weder 
antreten wollen noch können, müssen wir ihm die Chance 
lassen. Meine Generale haben das ja nicht kapiert.« Hitler ist 




106 


Er war mein Chef 


sozusagen gescheitert an seiner unerwiderten Liebe zu Eng¬ 
land. 

An diesem 1hg in Bruly de Pesche war Hitler sehr gelöst und 
glücklich. Auf dem Weg zwischen Kirche und Schulhaus inmit¬ 
ten seiner Offiziere stehend, wurde ihm das Friedensangebot 
Frankreichs zur Kenntnis gebracht. Lebhaft schlug er sich auf 
den Oberschenkel und sein befreiendes Lachen klang zu uns 
beiden Sekretärinnen herüber. Etwas abseits stehend beobach¬ 
teten wir die Szene, die Walter Frentz damals filmte. Keitel hielt 
anschließend eine Rede, in der er Hitler als den größten Feld- 
herm aller Zeiten hochleben ließ. 

Hitler besuchte dann die Stellungen, in denen er im Ersten 
Weltkrieg gelegen hatte. 202 Er fand sie völlig unverändert wie¬ 
der. Später fuhr er nach Paris und besuchte den Invalidendom, 
die Oper und andere Stätten. 203 Nach seiner Rückkehr erzählte 
er stolz, daß er sich in den Gängen der Oper besser ausgekannt 
habe als seine Führer. Während seiner Jugendjahre in Wien 
hatte er die bauliche Konstruktion der Oper gründlich studiert 
und von damals noch alle architektonischen Einzelheiten im 
Gedächtnis behalten. 

Ein paar lüge später fuhren Dara und ich mit einem Wehr¬ 
machtsfahrer, den uns Oberst Schmundt zur Verfügung stellte, 
nach Brüssel, wo wir einen kleinen Unfall hatten. Es war nichts 
schwerwiegendes, aber Dara war wohl mit dem Kopf gegen das 
Autodach geschleudert worden und hatte eine kleine Gehirn¬ 
erschütterung. Ich besorgte ein Hotelzimmer und machte ihr 
Umschläge, so daß wir nach ein paar Stunden wieder zurück 
konnten. Hitler hatte von diesem Unfall erfahren und ordnete 
an, daß wir nie wieder mit einem Wagen der Wehrmacht fahren 
dürften. So besorgt war er damals noch um uns, es war ein gutes 
Verhältnis. Man fühlte sich geborgen, auch noch am Anfang des 
Rußlandfeldzuges, doch dann änderte sich vieles. 

Bei Ausbruch des Krieges ließ ich einen großen Schrankkoffer 
anfertigen, mit Unterteilungen für das Büromaterial und für 
alle Briefbögen. Diese trugen das Hoheitsabzeichen (Adler mit 
Hakenkreuz) darunter >Der Führer< in Gold. Bei den Privatbo¬ 
gen stand unter dem Hoheitsabzeichen >Adolf Hitlers und es 
gab auch noch Karten mit dergleichen Beschriftung. 



Frankreichfeldzug 1940 


107 


Da wir nun ständig in den FHQ waren, wollte Hitler, daß auch 
wir eine Uniform trügen. Der Präsident der Künstlerschaft der 
Bühnenbildner, Benno von Arent, 204 entwarf auf Hitlers Anord¬ 
nung für uns Sekretärinnen eine entsprechende Uniform. Die 
>Uniform< war ein Kostüm aus grauem italienischen Offiziers¬ 
stoff mit goldenen Knöpfen und Litzen. Auf dessen linken 
Revers trugen Dara und ich, mit Erlaubnis von Hitler, statt des 
runden Parteiabzeichens, das von Hitler selbst entworfene und 
von Goldschmid Gahr 205 angefertigte silberne Hoheitsabzei¬ 
chen, einen schlanken Adler darstellend, der in seinen Fängen 
das Hakenkreuz hält. Dieses Abzeichen wurde nur wenigen von 
Hitler zuerkannt. 

Benno von Arent besuchte Hitler später auch öfters in den 
Führerhauptquartieren und war auch zu den abendlichen Tee¬ 
stunden eingeladen. Hitler unterhielt sich mit ihm über die ihm 
bekannten Künstler und Künstlerinnen und fragte nach ihrem 
Ergehen. Wenn Arent sich verabschiedete drückte ihm Hitler 
jedesmal herzlich die Hand und sagte: »Ich bin glücklich, daß 
Sie mich von Zeit zu Zeit in meiner Einsamkeit aufsuchen. Sie 
sind für mich die Brücke in eine schönere Welt.« 

Am 22. Februar schrieb ich an meine Freundin vom Berghof: 
»An sich sind wir seit dem 21. Dezember 1940 dauernd unter¬ 
wegs. Weihnachten an der französischen Küste, Calais, Dünkir¬ 
chen usw. Als wir am 23. Dezember in Boulogne im Speisewa¬ 
gen unseres Sonderzuges beim Abendessen saßen, ließen die 
Engländer ihre Bomben niedersausen und unsere Flak antwor¬ 
tete bellend. TVotzdem wir im sicheren Tünnel standen, beweg¬ 
ten mich doch >komische Gefühle«. Über Heiligabend habe ich 
Dir ja bereits berichtet, auch über Silvester, wo die Stimmung 
mehr als gequält war. 

Unbeschwert waren die 6 läge, die ich mit Schaub, Dara und 
Kempka zusammen in Paris verlebte. Fast waren die Einladun¬ 
gen, die uns von der Deutschen Botschaft und vom Stabe des 
Generals Hanesse zugingen, zu zahlreich, so daß wir kaum zum 
Verschnaufen kamen. Man hätte jeweils einen Ruhetag 
anschließen müssen, dann wäre es richtig gewesen... 
Allzulange werden wir wohl nicht hier oben bleiben. Augen¬ 
blicklich pausiert die Daranowski; ich bin mit der Wolfen hier. 



108 


Er war mein Chef 


Da wir das ganze Jahr über doch wieder im Bunker sitzen 
werden, wo es 1hg um Thg nichts als dicken pappigen Eintopf 
geben wird, möchte ich vorher nochmal, und selbst wenn es nur 
14 Tage sind, nach Niederlindenwiese zur Kur gehen. 

Hier oben ist unfreundliches Tauwetter mit einem trüben ver¬ 
hangenen Himmel. Der Chef ist heut nach München rein und so 
ist es einfach trostlos...« 

Berghof den 7. März 1941, Brief an meine Freundin: 

»... Es freut mich, daß Dein Urlaub so harmonisch verlaufen ist 
und daß Du mit so lieben Menschen zusammen sein konntest. 
Ich glaube, das täte mir auch gut, mal ein paar Wochen mit 
natürlichen Menschen zu verleben, darum beneide ich Dich 
wirklich. Man soll auch unbedingt solche Bindungen pflegen. 
Dadurch, daß ich so von allem abgeschlossen bin, komme ich 
mir einsam, ungelenk und verknöchert vor. Es wird Zeit, daß 
wir nach Berlin zurückgehen, wir sind ja nun auch lange genug 
hier gewesen. 

Wahrscheinlich sind wir Mitte des Monats in Berlin. Augen¬ 
blicklich sieht es so aus, als ob es mit Niederlindenwiese doch 
nichts wird. Wir sollen nämlich jetzt schon geimpft werden 
gegen Cholera und Typhus (dies geschah vor allen unseren 
großen Reisen). Na, wenn’s eben nicht geht, ist mir’s auch recht. 
Krieg ist Krieg. Ich habe heute gerade gehört, welch schwere 
Arbeit die Frauen in den Bombenfabriken leisten müssen, da 
wird man ganz klein. 

Meine Karte aus Wien hast Du hoffentlich erhalten. Wir waren 
Samstag dort zur Unterzeichnung des Bulgaren-Paktes. 206 
Sonntag rollten wir, so daß ich Dich nicht anrufen konnte. 
Inzwischen hat es wieder tüchtig geschneit und die ganze Früh¬ 
lingsstimmung ist wieder zugeschüttet. Lange wird aber der 
Schnee nicht liegenbleiben, dazu ist es zu naß und die Sonne 
gibt sich Mühe, ihn wegzuschmelzen. 

Lav’s 207 Brief an Dich füge ich in der Anlage wieder bei. Sehr 
zufrieden scheint er auch nicht zu sein, aber dieser pessimisti¬ 
sche Unterton zieht sich ja durch seine sämtlichen Briefe. An 
mich direkt hat er inzwischen auch ein paar kurze Zeilen durch 
einen Geschäftsfreund, der ihn dort besucht hat, geschickt. Er 
scheint schwer enttäuscht zu sein, daß er nichts von mir hört. An 



Frankreichfeldzug 1940 


109 


sich müßte er das ja verstehen können, aber er weiß natürlich 
gar nichts von den Anfragen des OKW 208 und der Gestapo. 209 
... Und hast Du meinen Aquamarin-Ring nicht drangeben müs¬ 
sen, es freut mich, wenn ich das Andenken an Brückner 210 
behalten kann. Stell Dir vor, Wemicke 211 ist auch mit noch 
einem anderen Kollegen 211a im Wirbel der Aufräumungs- und 
Reorganisationsarbeiten hinweggefegt worden. Ich habe erst 
davon gehört, als er bereits fort war. Mich wundert gar nichts 
mehr. Das Wort vom >Pulverfaß< ist nirgendwo mehr ange¬ 
bracht.« 

Berlin, den 28. April 1941, Brief an meine Freundin: 

»Ich hatte ja gehofft, daß der Chef nicht so schnell zurückkom¬ 
men 212 würde, (auf dieser letzten Fahrt war ausnahmsweise die 
Wolfen 213 mal mit), aber nun ist er doch schon wiedereingetru¬ 
delt, und wahrscheinlich gehen wir in den nächsten Tagen 
wieder nach Süden. Die 14 läge, die ich allein in Berlin war, 
sind wahnsinnig schnell vergangen...« 

»... Gretl Slezak 214 hat ganz im Geheimen, ihre Eltern wissen es 
noch nicht, vor 3 Monaten geheiratet, einen 6 Jahre jüngeren 
Mann, der Kapellmeister war, ernste und heitere Sachen kom¬ 
poniert, ein ungeheures Temperament hat und jetzt bei den 
Fliegern steht. Sie ist glücklich, sieht um einige Jahre verjüngt 
aus und rät mir dringend, ein gleiches zu tun. Mir fehlt leider 
das geeignete Objekt. 

Von L. 215 bekam ich vor kurzem ein Päckchen, das irgend 
jemand in seinem Auftrag mir nach Berlin sandte. Ahrens 216 
schickte es mir nach Niederlindewiese nach und jetzt kam es 
über diesen Umweg bei mir an. Es enthält 12 Paar Strümpfe und 
1 kl. Päckchen Tee mit einer Karte: »Im Auftrag v. Herrn L. A. 
mit den herzlichsten Grüßen.« Ohne Datum und ohne jeden 
weiteren Zusatz. Wahrscheinlich wird er das Päckchen schon 
im Februar mitgegeben haben. Es wird wohl das letzte Lebens¬ 
zeichen von ihm gewesen sein, denn jetzt wird er sich kaum 
getrauen, zu schreiben. 

Owambo 217 hat jetzt endgültig sein Zimmer geräumt in der 
letzten Woche. Ich leistete ihm Gesellschaft und bekam in 
diesen Stunden den letzten Einblick, der mir noch fehlte und die 
Gewißheit, daß es in unserem Kreise keinen Menschen gibt, der 



110 


Er war mein Chef 


auch nur den Finger rühren würde, wenn man in Ungnade 
gefallen ist. Owambo tut mir sehr leid, nach außen hin ist nichts 
geregelt. Materiell ist er gänzlich im Unklaren, niemand von 
seinen Kameraden, die ihm einstmals Bilder unterschrieben 
mit: >In unwandelbarer Freundschaft<, kümmert sich um ihn, 
vor allem meine ich hier denjenigen, der selbst einmal degra¬ 
diert war. 218 Aber das ist ja alles vergessen. Es ist abscheulich, 
wenn Menschen so egoistisch sind und für fremdes Leid kein 
Gefühl mehr haben, ja nicht einmal den Willen aufbringen, sich 
in ihre Lage gedanklich zu versetzen. Na, darüber gibt es noch 
viel zu reden. O weh, jetzt muß ich aufhören, es wird gerade der 
Tisch gedeckt. Der Chef kommt jeden Nachmittag zu uns zum 
Kaffee...« 

Berghof den 20. Mai 1941, Brief an meine Freundin: 

»... Der Chef ist heute nach München reingefahren, ich bin hier 
geblieben... Da sie nun Geld braucht, kam sie auf die Idee, 
handgeschriebene Gedichte von Dietrich Eckart, die dieser dem 
alten von Wolzogen geschenkt hatte, zu verkaufen. Ich über¬ 
nahm die Anfrage bei meinem Chef, der ja auch mit Eckart sehr 
befreundet war und siehe da, er kaufte sie für 10000,- Mark. 
Solch ein Betrag hätte M. natürlich nirgends anders erzielt...« 



Rußlandfeldzug 1941-1944 


Am 22. Juni 1941 begann der Krieg mit Rußland und schon am 
23. Juni verließen wir nach einer kurzen Vorbereitung Berlin. 
Am 28. Juni 1941 schrieb ich an meine Freundin vom neuen 
Führerhauptquartier >Wolfsschanze<, 219 das 8 km entfernt im 
Stadtwald von der trostlosen Kleinstadt Rastenburg in Ost¬ 
preußen lag: 

»Nachdem wir schon 5 Tage hier im Quartier sind, kann ich Dir 
schon einen kleinen Stimmungsbericht geben. ... Die Bunker 
liegen im Walde verstreut, nach Arbeitsgebieten eingeteilt. Jede 
Abteilung gesondert für sich. Unser Schlafbunker hat die Größe 
eines Eisenbahnabteils und ist freundlich mit hellem Holz ver¬ 
kleidet. Er enthält eine verdeckte Waschtoilette, darüber einen 
Spiegel, ein kleines Siemens-Radio, mit dem man aber sehr viele 
Stationen hören kann. Der Bunkerraum besitzt sogar eine elek¬ 
trische Heizung, die allerdings nicht angestellt ist, hat form¬ 
schöne Wandlampen und ein schmales hartes Lager mit Seegras 
gefüllt. Der Raum ist eng, macht jedoch alles in allem, nachdem 
ich einige Bilder an der Bunkerkwand befestigt habe, einen 
artigen Eindruck. 

Allgemeine Duschräume sind auch vorhanden, die wir aber bis 
jetzt noch nicht benutzt haben. Zunächst gab es kein warmes 
Wasser und dann schlafen wir auch wie üblich bis auf die letzte 
Minute. Da uns das Geräusch des Ventilators im Bunker störte 
und die Zugluft dauernd um unseren Kopf strich, was ich 
besonders fürchte, wegen der schon so oft gehabten rheumati¬ 
schen Schmerzen, so veranlaßten wir seine Ausschaltung über 
Nacht, was zur Folge hat, daß wir in der nun weniger guten Luft 
schlafen und dafür aber den ganzen läg über eine bleierne 
Schwere in den Gliedern mit uns herumtragen. 

Es ist aber alles trotzdem schön bis auf eine ganz verdammte 
Mückenplage. Meine Beine sind schon total zerstochen und mit 




112 


Er war mein Chef 


dicken Quaddeln bespickt. Die uns zugeteilten Mücken- 
Abwehrmittel wirken leider immer nur kurze Zeit. Die Männer 
sind durch ihre langen Lederstiefel und die dicke Uniform vor 
den infamen Stichen besser geschützt als wir. Ihre einzige ver¬ 
wundbare Stelle ist der Nacken. Einige laufen daher ständig mit 
einem Moskitonetz herum. Ich habe es einen Nachmittag lang 
auch getragen, finde es aber auf die Dauer zu lästig. In den 
Räumen ist es nicht so schlimm mit den kleinen Biestern. Wo 
sich eine Mücke zeigt, wird sofort Jagd auf sie gemacht...« 

Die schreckliche Mückenplage machte auch Hitler sehr zu 
schaffen. Er meinte: »Man habe das sumpfigste, mückenreich¬ 
ste und klimatisch ungüstigste Gebiet für ihn ausgesucht.« 
Trotzdem zeigte er damals aber noch Humor, er deutete >Kom- 
petenzschwierigkeiten< an und meinte, nachdem jeder Jagd auf 
die Mücken machte: »Hier sei nur die Luftwaffe zuständig.« 
Überhaupt war Hitler in der ersten Zeit des Rußlandfeldzuges 
fast immer noch gut gelaunt und zu Scherzen aufgelegt. Als z. B. 
eines Nachts die übliche Teestunde in der Wolfsschanze zu Ende 
gegangen war, die sich immer an die Lagebesprechung anschloß 
und zu der je ein persönlicher und ein militärischer Adjutant, 
einer der Ärzte und zwei Sekretärinnen eingeladen waren, 
begleitete uns Hitler hinaus bis vor die Türe des Bunkers. Dort 
blieben wir in der dunklen Nacht (es wurde immer sehr streng 
auf die Verdunkelung geachtet) noch eine Weile plaudernd 
stehen. Plötzlich fiel mir ein, daß ich meine Taschenlampe in 
seinem Zimmer liegen gelassen hatte. Ich bat den Diener sie mir 
zu holen. Er kam jedoch ohne sie zurück, da er sie an dem von 
mir bezeichneten Platz nicht gefunden hatte. »Na nu«, sagte ich, 
»wo ist sie denn geblieben?«, worauf Hitler, er war in jener 
Nacht sehr zum Scherzen aufgelegt, sich lächelnd verteidigte: 
»Ich hab sie fei nicht gestohlen. Ich bin wohl ein Ländledieb, 
aber kein Lämpledieb. Und das ist gut so, denn die Kleinen 
hängt man, aber die Großen läßt man laufen!« 

In meinem Brief vom FHQ >Wolfsschanze< an meine Freundin 
vom 28. Juni 1941 schrieb ich weiter: 

»Inzwischen sind auch Fliegenklatschen aus Draht eingetrof¬ 
fen, und wer nicht gerade anderweitig beschäftigt ist, geht auf 
Mückenjagd. Man sagt, daß die kleinen Mücken Ende Juni von 



Rußlandfeldzug 1941-1944 


113 


einer weit unangenehmeren Sorte abgelöst werden sollen. Die 
Stiche sollen noch heftiger wirken. Gnade uns Gott! Angenehm 
überrascht bin ich aber von der Temperatur. Es ist fast zu kühl 
in den Räumen. Das Bett muß man immer erst durch die eigene 
Körperwärme trocknen, es fühlt sich ständig feucht an. Der 
Wald hält die ganze Hitze ab. Wie sehr, das merkt man erst, 
wenn man auf die freie Straße hinaustritt. Dort schlägt einem 
die Hitze dumpf entgegen. Nun sollst Du auch wissen, wie 
>arbeitsreich< mein Täg verläuft. Also: Kurz nach 10 Uhr bege¬ 
ben wir uns (Dara und ich) in den Kasino-Bunker, Speiseraum I, 
einen langgestreckten, weiß getünchten Raum, der etwas in die 
Erde eingebaut ist, so daß die kleinen mit Gaze versehenen 
Fenster sehr hoch liegen. An den Wänden hängen Holzschnitte, 
der eine stellt Hutten dar, der andere Heinrich den I. Einige 
läge später wurde eine erbeutete sowjetische Fahne an der 
Wand befestigt. 

In diesem Raum, dessen ganze Länge die für 20 Personen Platz 
bietende Täfel einnimmt, speist der Chef mit seinen Generalen, 
Generalstabsoffizieren, Adjutanten und Ärzten zu Mittag und 
Abend. Beim Frühstück sind wir zwei Mädchen dabei. Der Chef 
sitzt so, daß er die auf der gegenüberliegenden Wand aufge¬ 
hängten Karten von Rußland vor Augen hat, was ihn natürlich 
zu immer wieder neuen Ausführungen über Sowjet-Rußland 
und die Gefahren des Bolschewismus anregt. Er muß in der 
letzten Zeit, seit dem der sogenannte Freundschaftspakt mit 
Rußland abgeschlossen wurde, sehr gelitten haben. Jetzt redet 
er sich seine Befürchtungen von der Seele, immer wieder beto¬ 
nend, welch große Gefahr der Bolschewismus für Europa 
bedeutet und daß, wenn er noch ein Jahr gewartet hätte, es 
wahrscheinlich schon zu spät gewesen sei. 

Neulich sagte er noch in Berlin während der üblichen Kaffee¬ 
stunde, die er täglich in unserem Zimmer verbringt, ihm käme 
Rußland unheimlich vor, so ungefähr wie das Gespensterschiff 
im »Fliegenden Holländer*. Auf meine Frage, warum er immer 
betone, daß dies sein schwerster Entschluß sei (nämlich gegen 
Rußland vorzugehen) antwortete er: deshalb, weil man so gar 
nichts über Rußland wisse, es könne eine große Seifenblase sein, 
es könne aber auch ebensogut anders sein.. ,« 220 




114 


Er war mein Chef 


Der Anfang war ja auch so verheißungsvoll gewesen, ln den 
ersten 2 lägen in der Wolfsschanze waren Dara und ich sogar 
bei den Lagebesprechungen dabei, wo die improvisierten Lage¬ 
besprechungen im Kasino stattfanden. So hörten wir den Chef 
vor einer großen Karte von Europa stehend und auf Moskau 
zeigend, sagen: »In vier Wochen sind wir in Moskau. Moskau 
wird dem Erdboden gleich gemacht.« 221 

Ich schrieb in meinem Brief vom 28. 6. 1941 an meine Freundin 
weiter: 

»Ja, nun bin ich ganz vom Thema abgekommen. Also im Speise¬ 
raum I warten wir morgens solange, bis der Chef aus dem 
Kartenraum (wo ihm inzwischen über die Lage Bericht erstattet 
wurde) kommend, zum Frühstück eintrifft, das nebenbei 
bemerkt für ihn aus einer lässe Milch und einem geriebnen 
Apfel besteht. Genügsam und bescheiden ist er, was? Wir Mäd¬ 
chen dagegen können den Hals nicht vollkriegen und wechseln - 
nachdem wir die uns zugeteilte Portion (kl. Stückchen Butter) 
verschlungen haben, unmerklich die Gedecke aus, so daß wir 
meistens auf 3 Portionen kommen. Nebenbei lassen wir uns erst 
mal vom Chef über die neue Lage berichten. Anschließend 
gehen wir um 1 Uhr zur allgemeinen Lagebesprechung, die im 
Kartenraum stattfindet und wo entweder Oberst Schmundt 
oder Major Engel Vortrag halten. Diese Lagevorträge sind 
außerordentlich interessant. Es werden Zahlen der vernichte¬ 
ten feindlichen Flugzeuge und Panzer bekanntgeben (die Rus¬ 
sen scheinen ungeheuere Massen zu haben, bis jetzt sind allein 
über 3500 Flugzeuge vernichtet und über 1000 Tänks, darunter 
ganz schwere 40 Tbnner), das Vorgehen unserer lYuppen wird 
verfolgt an Hand der Karten usw. 

Es wird einem hier so richtig klar, wie wütend der Russe 
kämpft, daß es ein Kampf 1:1 sein würde, wenn sich die Russen 
unter planmäßiger Führung befänden, was aber Gott sei dank 
nicht der Fall ist. So nach all’ den bisherigen Erfahrungen kann 
man sagen, daß es ein Kampf gegen wilde Tiere ist. 222 Wenn man 
sich fragt, wieso es kommt, daß wir so wenig Gefangene 
gemacht haben, so muß man wissen, daß die Russen verhetzt 
sind von ihren Kommissären, die ihnen Greuelmärchen über 
unsere >Unmenschlichkeit< erzählt haben, die sie spüren wer- 





Rußlandfeldzug 1941-1944 


115 


den, wenn sie in unsere Gefangenschaft gerieten. Sie sind ange¬ 
wiesen, sich bis zum Äußersten zu verteidigen und sich notfalls 
selbst zu erschießen. So geschieht es auch und bei Kowno hat 
sich folgendes ereignet: Ein russischer Gefangener, der von 
unseren Soldaten in einen russischen Bunker geschickt wurde, 
um die im Bunker befindlichen Russen aufzufordem, sich zu 
ergeben, wurde wahrscheinlich von dem darin befindlichen 
Kommissar selbst erschossen, weil er sich überhaupt zu dieser 
Vermittlung hergegeben hatte. Sodann sprengte sich die 
gesamte Bunkerbesatzung anschließend in die Luft. Also lieber 
sterben, als sich ergeben. 

Jeder TVuppe ist ein Kommissar der GPU beigegeben, dem sich 
der Kommandeur zu beugen hat. Die Führung abgetrennt, 
bleibt ein wilder Haufen zurück. Sie sind vollkommen primitiv, 
kämpfen aber stur, was natürlich auch eine Gefahr in sich birgt 
und noch zu harten Kämpfen führen wird. Die Franzosen, 
Belgier usw. waren intelligent und haben den Kampf aufgege¬ 
ben, wenn sie die Zwecklosigkeit eingesehen, aber die Russen 
kämpfen, vor Angst zitternd, daß ihren Familien etwas 
geschieht, wenn sie sich ergeben - so hat es ihnen jedenfalls 
Moskau angedroht - wie irrsinnig weiter. 

Es nützt ihnen aber gar nichts, daß sie so viele Flugzeuge 
besitzen, da ihnen der Verstand mangelt. 223 Bei den russischen 
Flugzeuggeschwadern war es z. B. so, daß der Geschwaderfüh¬ 
rer vorausflog, die anderen folgten, ohne das Ziel zu kennen, sie 
flogen ihm einfach nach. Wurde er nun abgeschossen, fanden sie 
nicht einmal den Weg zurück, weil sie meistenteils nicht in der 
Lage waren, den Kompaß lesen zu können. Inzwischen haben 
wir - aber das schrieb ich Dir wohl schon - 3500 russische 
Maschinen vernichtet. 

So nun wieder zurück zum Tägesablauf: Nach Beendigung des 
Lagevortrags wird es so langsam Zeit zum Mittagessen, das für 
uns im Speiseraum II stattfindet. Da es sehr oft Eintopf gibt, 
drücken wir uns ab und zu davor. Auf jeden Fall aber bei Erbsen 
und Bohnen. Wenn nichts Wichtigeres zu tun ist, schlafen wir 
nach Tisch ein paar Stunden, damit für den übrigen Rest des 
Täges, der sich gewöhnlich bis in die Puppen hinzieht, genügend 
Frische vorhanden ist. 




116 


Er war mein Chef 


So gegen 5 Uhr werden wir zum Chef zum Kaffee befohlen, wo 
er uns mit Kuchen traktiert. Wer die meiste Anzahl von Kuchen 
verschlingt, wird belobigt! Die Kaffeestunde dehnt sich mei¬ 
stens bis 7 Uhr, manchmal noch etwas länger aus. Dann gehen 
wir wieder in den Speiseraum II zum Abendessen. Anschließend 
drücken wir uns in der Gegend herum oder sehen uns einen Film 
an. Damit schlagen wir die Zeit tot, bis wir nach der Abendlage¬ 
besprechung wieder zum >Tee< gebeten werden...« 

Im Arbeitszimmer Hitlers, gegenüber der Fensterfront, war ein 
breiter Kamin und um den davor stehenden runden Tisch stan¬ 
den Sessel mit Binsengeflecht. Hier versammeln sich zum Tee in 
der Regel um den Chef ein Arzt, ein militärischer und ein 
persönlicher Adjutant, Martin Bormann, wir zwei Mädchen und 
Heim, 224 Bormanns Adjutant. Dieser war von Bormann beauf¬ 
tragt, >heimlich< Hitlers Gespräche nach dem Tee zu Papier zu 
bringen. 1980 sind sie unter dem Titel »Monologe im Führer¬ 
hauptquartier 1941—1944< von Werner Jochmann herausgege¬ 
ben worden. 

Hier muß ich eine Anmerkung über Dr. Henry Picker 225 , |-1 

|-1 machen. An der Wiege von Henry Picker 

schüttete eine >gütige< Fee eine Fülle von |-1 Gaben 

aus, deren hervorstechendste ein Vorausahnen zukünftiger 
Geschehnisse I---—-1 


So erkannte Picker schon 1942 bei seinem kurzen vertretungs¬ 
weisen Einsatz als Adjutant Marin Bormanns im Führerhaupt¬ 
quartier, wo er ohne Wissen Hitlers, jedoch auf Anordnung 
Bormanns die Tischgespräche Hitlers unbemerkt aufzuzeich¬ 
nen hatte, welcher Wert einstmals aus diesen Aufzeichnungen 
erwachsen könnte. 226 1-1 



















Rußlandfeldzug 1941-1944 


117 


Nun mag man denken, was man will: Die Monologe 227 bzw. 
Tischgespräche 228 Hitlers sind wertvolle Quellen für die Auf¬ 
spürung der Gedankenwelt Hitlers. Und viele Historiker haben 
sich ihrer bereits bedient und viele werden es weiterhin tun. 
Allerdings wissen sie nicht, daß sich durch Vorwort und Kom¬ 
mentare der »Tischgespräche« ein roter Faden zieht, | —- 


Da ist z. B.: 

1 |-1 die Rede, nach der Adolf Hitler im Jahre 

1942 Herrn Picker die alleinigen Autorenrechte für die 
Tischgespäche übertragen habe. 229 
Die Wahrheit ist: 

Adolf Hitler hatte keine Ahnung, daß seine Monologe heimlich 
schriftlich festgehalten wurden. Daß er nichts davon gewußt 
hat und ein Aufschreiben nicht wünschte, beweisen 

a) ein nach 1945 stattgefundenes Gespräch Heims mit 
Schaub [sh. Anlage 3, Auszug aus >Klüterblätter<] 

b) beil. Auszug eines Briefes von Gerda Christian vom 
19. März 1975 an Christa Schroeder. [sh. Anlage 4] 

c) Adolf Hitler hat des öfteren erwähnt, daß er nach dem 
Krieg den beiden alten Sekretärinnen Wölf und Schroe¬ 
der seine Memoiren diktieren würde. Naturgemäß wären 
die in den Tischgesprächen erwähnten Geschehnisse, 
Erlebnisse und Gedanken Hauptbestandteil seiner 
Lebensbeschreibung geworden. Beweis, daß er diese 
Memoiren-Absicht hatte: Beil. Erklärung von TVaudl 
Junge ohne Datum, [sh. Anlage 5] 

2. Eine weitere Legende ist, daß Adolf Hitler angeblich Martin 
Bormann angewiesen habe, zu veranlassen, daß Pickers 
Gepäck beim Verlassen des FHQ’s nicht zu untersuchen ist. 

Die Wahrheit jedoch ist, daß in Wirklichkeit das Gepäck der 
FHQ-Angehörigen niemals untersucht wurde. Beweis: Beil. 
Eidesstattliche Erklärung von Otto Günsche, einem ehemaligen 
Adjutanten Hitlers, [sh. Anlage 6) 

3. Auf Seite 491 seines Buches stellt er die frei erfundene 
Behauptung auf, Johanna Wolf habe ihm die nicht veröffent¬ 
lichte Geheimrede Hitlers vom 30. Mai 1942 gegeben. Johan- 








118 


Er war mein Chef 


na Wolf widerlegte diese Behauptung auf Seite 491 mit dem 
Vermerk: »Ich habe Dr. Picker niemals eine Rede gegeben. 
5. ID. 80. Johanna Wolf.« (sh. Anlage 7] 

Alle |-1 Behauptungen Pickers zu widerlegen, würde den 

Rahmen dieser Aufzeichnungen sprengen. Ich verweise hier 
lediglich noch auf drei Beispiele: 

Picker behauptet zu Unrecht: 

a) Eva Braun sei Hausdame im Berghof und 

b) Hitlers >große Liebe< gewesen. 

c) Hitler habe seine freundschaftlichen Beziehungen zu Gretl 
Slezak 1932 wegen ihrer jüdischen Abstammung gelöst. 

Alle drei Behauptungen entbehren jeder Grundlage, an anderer 
Stelle spreche ich ausführlich darüber. 

Dr. Picker gibt jedes Jahr anläßlich seines Geburtstages Emp¬ 
fänge |—-1 


j---1 Er 

bezeichnet im Gespräch irgendeinen nicht anwesenden Promi¬ 
nenten als seinen »lieben alten Freunds was auf den Angespro¬ 
chenen natürlich Eindruck macht und ihn zur Zusage seiner 
Einladung veranlaßt. 230 Beispiel: Brief an einen berühmten 
Bildhauer. 231 Einige läge vor seinem Tode weihte mich General 
Engel 232 bei einem Besuch im Schwabinger Künstlerhaus in 
diese Gepflogenheit Pickers ein. 

Um seinen Behauptungen im Vorwort der »Tischgespräche« 
Nachdruck und Wahrheitsgehalt zu verleihen, lädt er auch die 
noch verbliebenen Veteranen aus Hitlers einstiger Umgebung 
ein. |-—-—-I 


I 

I 


|-1 Es ist leider so, daß kaum einer von ihnen Vorwort 

und Kommentar der Tischgespräche gelesen hat. Als ich die 
Ehefrau eines solchen Veteranen danach fragte, antwortete sie 



















Rußlandfeldzug 1941-1944 


119 


offenherzig: »Ach, weißt du, Christa, wir lesen so was nicht. Wir 
stellen die Bücher halt in den Schrank!« 233 
Auf diese Weise ist es möglich, daß die Historiker sich der 
»Tischgespräche« Pickers als Quellenangabe 234 bedienen und im 
besten Glauben die |-1 Behauptungen Pickers weiter¬ 

verbreiten. 

In meinem Brief an meine Freundin vom 28. Juni 1941 schrieb 
ich weiter: 

»Es ist ein gemütliches Zusammensein im kleinen Kreis, wieder 
mit Kaffee und Kuchen etc. Du kannst Dir nach dieser Aufzäh¬ 
lung sicher vorstellen, daß wir nicht schlanker zurückkommen. 
Zwischendurch besuchen wir zudem noch unseren Koch, 235 der 
an sich zur Mitropa gehört, uns auf unseren Fahrten bekocht 
und uns während des Krieges in alle Hauptquartiere folgte, in 
seiner hochherrschaftlichen, weiß gekachelten, mit modernsten 
elektrischen Geräten versehenen Küche und stiebitzen hier 
noch, was uns gerade in die Augen sticht. 

Wir wollten ihm neulich so gerne helfen, Brot schneiden, Butter 
abteilen oder Salat garnieren, aber der Kerl läßt sich einfach 
nicht helfen. Er ist ein kleiner, schlanker, wendiger Mann, der 
- ich weiß nicht warum - von unseren Jungens des Begleitkom¬ 
mandos »Krümel« getauft wurde, der desto lustiger wird, je mehr 
er zu tun hat und sich am wohlsten fühlt, wenn es drunter und 
drüber geht. Er ist sozusagen ein Koch aus Leidenschaft, und es 
ist eine Freude, ihm zuzusehen, wie flott und geschickt ihm alles 
von der Hand geht. Im Nu hat er etwas arrangiert, aber beileibe 
nicht hingepatzt, sondern immer hübsch garniert. 

Wenn man den zufriedenen »Krümel« sieht, wird es einem klar, 
daß von der Arbeit doch sehr viel abhängt, ein Erfülltsein 
irgendwie, daß im Glücksgefühl ausfließt. Ich komme mir dage¬ 
gen oft so unnütz und überflüssig vor. Wenn ich mir überlege, 
was ich eigentlich so den ganzen Thg über tue, so komme ich zu 
dem vernichtenden Resultat: gar nichts. Ein Plutokratenweib- 
chen ist nichts dagegen. Man schläft, ißt, trinkt, läßt sich unter¬ 
halten, wenn man zum Reden grad selbst zu faul ist. Man nimmt 
sich dann in einem lichten Moment vor - da man ja nichts 
Wesentliches an seinem Leben ändern kann, da es der Dienst 
nun mal so mit sich bringt, zum Warten und zu ewiger Bereit- 




120 


Er war mein Chef 


schaft verdammt zu sein, bis wieder einmal ein Stoßbetrieb 
einsetzt - an sich selbst zu arbeiten (ich habe 1000 Worte 
französisch mit) - aber bei diesen Vorsätzen bleibt es aber auch. 
Es fehlt der Schwung und der Auftrieb. Ich habe mich heute 
richtiggehend aufraffen müssen, um Dir endlich mal wieder 
einen längeren Bericht zu geben... 

Inzwischen hast Du ja die von einer ganzen Woche aufgestapel¬ 
ten Sondermeldungen gehört. Der Chef meinte heute morgen, 
wenn der deutsche Soldat einen Lorbeerkranz verdiene, dann 
für diesen Feldzug. Es geht ja alles viel besser, als man dachte. 
Viele Glücksfälle haben sich ereignet, so z. B. daß sich der Russe 
an der Grenze stellte und uns nicht erst weit ins Land hinein¬ 
lockte, was doch sicher zu Schwierigkeiten mit dem ganzen 
Nachschub geführt hätte, und dann, daß er die zwei Brücken bei 
Dünaburg nicht zerstört hatte. 236 Das wäre ein großer Zeitver¬ 
lust gewesen, wenn wir die Brücken erst wieder hätten bauen 
müssen. Ich glaube, daß, wenn wir erst Minsk besetzt haben, es 
dann rasend schnell vorwärts geht. Wenn unter unseren Solda¬ 
ten noch der eine oder andere Kommunist versteckt sein sollte, 
dann wird er sicher restlos bekehrt, wenn er den >Segen< da 
drüben sieht. Ich habe mit verschiedenen Herren gesprochen, 
die in Moskau Gelegenheit hatten, sich ein wenig umzusehen. 237 
Es muß ein trostloses grauenvolles Leben sein, was die Men¬ 
schen dort führen, bzw. geführt haben. Ihre Unwissenheit hat 
man dazu benutzt, sie auszubeuten, sie irrezuführen. Es wäre 
interessant, einmal mehr Authentisches darüber zu erfah¬ 
ren ...« 

Brief an meine Freundin vom FHQ >Wolfsschanze< vom 13. Juli 
1941: 

»Bei unseren abendlichen Diskussionen beim Chef spielt die 
Kirche eine große Rolle. Schade, daß Du da nicht mal dabei sein 
kannst. Es ist alles so einleuchtend, was der Chef sagt, wenn er 
z. B. ausführt, daß das Christentum durch seine Verlogenheit 
und Heuchelei die Menschheit in ihrer Entwicklung - kulturell 
gesehen - um 2000 Jahre zurückgebracht hat. Ich muß doch 
wirklich endlich mal anfangen, mir hinterher Notizen über die 
Ausführungen des Chefs zu machen. 

Nur dauern diese Sitzungen immer wahnsinnig lange und man 




Rußlandfeldzug 1941-1944 


121 


ist dann - wenn auch nicht gerade zum Umfallen müde, so aber 
doch so schlapp und ohne alle Energie, um noch zu schreiben. 
Vorgestern nacht, als wir vom Chef rauskamen, war es schon 
hell. Da haben wir uns nicht etwa schlafen gelegt, wie das solide 
Menschen getan hätten, sondern wir sind in die Küche gegan¬ 
gen, haben ein paar Stullen gegessen und sind dann anschlie¬ 
ßend 2 Stunden gelaufen, direkt in den Sonnenaufgang hinein. 
Vorbei an Rinder- und Pferdekoppeln, an Hügeln, die mit rotem 
und weißem Klee in der Morgensonne einfach märchenhaft 
aussahen und an denen ich mich nicht satt sehen konnte und 
dann zurück ins Bett. 

Vor 2, 3 Uhr sind wir einfach unfähig aufzustehen. Ein verrück¬ 
tes Leben, was? So einen komischen Beruf, wie die Daranowski 
und ich ihn haben, wird es auch kaum noch einmal geben. Essen, 
trinken, schlafen, ab und zu mal etwas schreiben und zwischen¬ 
durch stundenlang Gesellschaft leisten. Neuerdings machen 
wir uns insofern nützlich, als wir für den Chef Blumen pflücken, 
damit der Bunker nicht allzu kahl ausschaut...« 

Brief an meine Freundin aus dem Führerhauptquartier »Wolfs¬ 
schanze* vom 28. Juli 1941: 

»... Ich bin die letzten läge wieder so unglücklich gewesen. 
Gewissen Leuten ist es ein Dorn im Auge, daß der Chef auch im 
Kriege seinen persönlichen Stab um sich hat, insbesondere 
natürlich, daß darunter zwei weibliche Wesen sind. Eine 
Ordonnanz erzählte mir von diesbezüglichen Äußerungen, die 
in vorgerückter Stunde (im Suff) im Kasino I gefallen sind und 
die mich maßlos erbost haben. Ich wollte die Sache zuerst 
aufgreifen, denn schließlich ist das ja Meuterei gegen unseren 
Chef, ein Kritisieren seiner Anordnungen und Befehle. Denn 
wir sind ja nicht aus freien Stücken hier, sondern nur deshalb 
weil der Chef es wünscht und behauptet, er könne nur mit uns 
arbeiten. Er hat mehr als einmal in Gegenwart dieser Herren 
betont, daß er ohne uns (Dara und mich) aufgeschmissen wäre. 
Und da finde ich es anmaßend und dumm von diesen Herren, 
unsere Existenz anzugreifen. 

Ich bin nun von einer eisernen Zurückhaltung gegen die Betref¬ 
fenden und nun plagt sie das böse Gewissen. Wahrscheinlich 
war es für sie keine angenehme Situation, als gerade ein paar 




122 


Er war mein Chef 


läge nach der gefallenen Äußerung, der Chef den Wehr¬ 
machtsadjutanten 238 fragte, ob für das nächste Quartier für 
seine Damen auch ein Zelt vorgesehen sei. Auf die Antwort: 
>Nein!< ordnete der Führer entrüstet an, daß sofort noch eine 
Möglichkeit geschaffen werden müsse für unsere Unterkunft. 
>Ja, sie hätten gedacht, es handle sich doch nur um einen 
kurzen Aufenthalt von wenigen lägen im Zeltlager, so daß wir 
nicht benötigt seien.< Aus all’ diesen Ausflüchten sprach der 
Wunsch, uns abzuservieren. Aber der Chef denkt gar nicht 
daran, sich dreinreden zu lassen. Es mußte sofort ein Omnibus 
zum Schlafen und Arbeiten für uns hergerichtet werden. 

Früher, als ich noch an Saufgelagen teilnahm, gab ich mich der 
Illusion hin, daß es sich bei den Betreffenden, die nun zusam¬ 
mensaßen, um Freundschaft handele. Inzwischen ist mir aber 
die Erkenntnis gekommen, daß die Gespräche, die in solchen 
Stunden zustandekamen, nicht der Ausfluß kameradschaftli¬ 
chen Empfindens waren, sondern lediglich die Wirkung des 
verdammten Alkohols. 

Durch solcherlei Zusammensein ändert sich rein gar nichts, es 
kam keine Freundschaft zustande. Am anderen läge stieß man 
wieder auf undurchdringliches Fremdsein. Also Hand davon. 
Warum sich erst Täuschungen hingeben. Die Erkenntnis ist 
bitter, daß man so ganz allein auf sich gestellt ist und daß beim 
besten Willen und bei den lautersten Absichten keine Freund¬ 
schaft möglich ist. 

Die Männer sind alle nur von einem Gedanken besessen, mög¬ 
lichst viel Vorteile zu erwischen und sich immer ins beste Licht 
zu stellen. Sie wollen alle mehr scheinen und merken gar nicht, 
wie lächerlich sie wirken, bei denen, die sie durchschauen. Am 
lächerlichsten finde ich die Blase, wenn der Chef mit einigen 
Herren zusammensteht. Greift in diesem Moment der Fotograf 
zu seiner Leica, dann strömen sie blitzschnell alle zum Chef, 
wie die Motten zum Licht, nur, damit sie ja auch aufs Bild 
kommen. Einfach ekelhaft dieses krankhafte Geltungsbedürf¬ 
nis. Na, nun habe ich ja mal wieder genug gemeckert. Aber Du 
wirst mich verstehen, wie diese hohle Gesellschaft mich 
abstößt und deshalb mußte ich meinem Herzen mal wieder 
Luft machen...« 



Rußlandfeldzug 1941-1944 


123 


Brief an meine Freundin aus dem Führerhauptquartier »Wolfs- 
schanze< vom 20. August 1941: 

»... Das Leben bei uns ist ziemlich eintönig geworden. Wir 
sitzen nun schon 9 Wochen hier, und wie man hört, werden wir 
bis Ende Oktober noch hier bleiben. 239 Das ist doch wirklich 
eine lange grauslige Zeit: Wenig Arbeit, manchmal tagelang 
überhaupt nichts, immer dieselben Gesichter, dieselben 
Gespräche. Ich habe dieses zur Untätigkeit-verurteilt-sein- 
müssen so satt, daß ich neulich dem Chef klarzumachen ver¬ 
suchte, es genüge doch eigentlich eine Kraft für ihn, da ich doch 
jahrelang den Laden allein geschmissen hätte. Aber er bremste 
sofort ab, sodaß ich mein Anliegen, mich für die Dauer des 
Krieges irgendwo - entweder in einem Krankenhaus oder 
Küstungsbetrieb - nützlich zu betätigen, gar nicht erst anbrin¬ 
gen konnte. Ja, nun bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter zu 
machen. 

Wir haben vor einigen lägen eine engl. Wochenschau gesehen, 
die aus Amerika kam und die grauenhaften Verwüstungen 
ganzer Straßenzüge Londons zeigte. All’ die großen Warenhäu¬ 
ser, das Parlament etc. sind vernichtet. Die Kamera zeigte, über 
ganze Stadtviertel wandernd, die riesigen Brände, Lagerhaus 
an Lagerhaus ein Flammenmeer. Im Text sagte man, daß die 
Engländer dies alles leicht ertrügen in dem Bewußtsein, daß es 
in Berlin ja genau so aussähe. Na, wenn die armen Engländer 
eine Ahnung hätten, daß die Schäden, die sie in Berlin anrich- 
ten, im Vergleich zu denen in London nur Lappalien sind, 
würden sie gewiß nicht mehr mitmachen. Die gefangenen engl. 
Offiziere sagen selbst, daß ihre Regierung unverantwortlich 
handele. Und dazu gehört schon allerhand, wenn dies die Eng¬ 
länder selbst - und noch dazu Offiziere - zugeben. Hoffen wir 
also das Beste. 

Ich wünschte ja nichts sehnlicher, als daß die Engländer, wenn 
wir Rußland erledigt haben, mit Friedensvorschlägen kommen 
würden. Der Krieg mit England kann nur noch dazu führen, daß 
wir uns gegenseitig die Städte zertrümmern. Und Herr Roose- 
velt lacht und freut sich schon darauf, Englands Erbe anzutre¬ 
ten. Mir ist es wirklich unverständlich, daß die Engländer keine 
Vernunft annehmen. Nachdem wir uns nach dem Osten ausbrei- 



124 


Er war mein Chef 


ten, brauchen wir ihre Kolonien nicht. Ich finde es ja auch viel 
praktischer, wenn wir alles schön beieinander haben. Die 
Ukraine und die Krim sind so fruchtbar, da können wir alles 
anbauen, was wir gebrauchen, und das übrige (Kaffee, The, 
Kakao usw.) können wir im Austausch mit Südamerika herein¬ 
holen. Es ist an sich alles so einfach und klar. Gebe Gott, daß den 
Engländern bald die Vernunft kommt.. ,« 240 
Brief an meine Freundin aus dem Führerhauptquartier »Wolfs¬ 
schanze« vom 30. August 1941: 

»... Wir waren ein paar läge in Galizien und bei der Rückkehr 
fand ich Deinen Brief vor... Unser Aufenthalt hier im Quartier 
zieht sich immer mehr in die Länge. Zuerst dachten wir, Ende 
Juli wieder in Berlin sein zu können, dann redete man von Mitte 
Oktober und jetzt spricht man bereits davon, daß wir vor Ende 
Oktober - evtl, sogar noch später - hier nicht wegkommen. Es 
ist schon sichtlich herbstlich kühl hier und wenn es unserem 
Chef einfallen sollte, den Winter über hier zu bleiben, werden 
wir mächtig frieren. Gesund ist dieses lange im-Bunker-leben 
bestimmt für keinen von uns. Der Chef sieht auch gar nicht gut 
aus, er kommt halt zu wenig an die frische Luft und ist nun 
überempfindlich gegen Sonne und Wind, wenn er wirklich mal 
ein paar Stunden Auto fährt. 

Ich wäre ja furchtbar gern in Galizien geblieben, eigentlich 
waren fast alle dafür, aber die Sicherheit ist dort nicht so 
gewährleistet. Täglich soll es zu Zwischenfällen kommen, und 
da man das dortige Gebiet nicht so gut absperren kann wie in 
unserem jetzigen Quartier, ist die Gefahr zu groß. Aber die 
Landschaft ist von einer Lieblichkeit, die mich überraschte. Auf 
der einen Seite Waldungen und auf der anderen sanft anstei¬ 
gende Hügel. Auf dem Bergrücken hoben sich Rinder silhouet- 
tenhaft von dem blauen Himmel ab und die Bauern gingen 
hinter dem Pflug her. Ganz romantisch sehen die Hütten der 
Panjes aus, buckelig und windschief mit Schilfdächem und 
kaum einem Fenster drin. Davor ein Ziehbrunnen mit rostiger 
Kette, ein paar Sonnenblumen; die Frauen braun gebrannt und 
alle barfuß, mit einem großen dunklen lüch über den Kopf, das 
bis zu den Hüften reicht. So stehen sie neben ihrer Kuh, ein 
wenig düster, ein wenig geheimnisvoll, aber absolut in das 



Rußlandfeldzug 1941-1944 


125 


Landschaftsbild hineinpassend, das mich irgendwie anhei¬ 
melte. 

Die ganze Landschaft dort ist freier, hier im Wald ist die 
Atmosphäre auf die Dauer drückend. Und vielleicht kommt 
noch etwas hinzu, was mich so ansprach, und das war, daß man 
dort nicht so das Gefühl von Eingesperrtsein hatte, man sah die 
Bauern auf den Feldern arbeiten und fühlte sich dadurch frei, 
während wir hier im Gelände dauernd auf Posten stoßen, dau¬ 
ernd den Ausweis zeigen müssen. Aber wir sind ja dauernd von 
der Welt abgeschlossen, wo wir auch sind: in Berlin, auf dem 
Berg oder unterwegs auf Reisen, immer ist es derselbe abge¬ 
grenzte Kreis, immer derselbe Rundlauf innerhalb des Zaunes. 
Und darin liegt die große Gefahr, menschenscheu zu werden 
und den Kontakt mit dem wirklichen Leben zu verlieren, und... 
ein mächtiger Zwiespalt: man sehnt sich heraus und wenn man 
draußen ist, weiß man nichts mehr mit sich anzufangen, weil 
man so ganz und gar auf dieses eingesperrte Leben festgelegt 
und weil keine Mögichkeit zu einem Leben außerhalb dieses 
Kreises gegeben ist. Dabei wird der Kreis um den Chef nur 
durch das gemeinsame Erleben zusammengehalten, aber wehe, 
wenn er nicht mehr da ist, dann fliegt alles auseinander (dies ist 
auch die Ansicht von Dr. Brandt) und schlimm ist es dann für 
denjenigen, der den Kontakt zu der übrigen Welt verlor. Ent¬ 
schuldige, daß ich so ausführlich geworden bin, aber ich sehe 
hier ein nicht leicht zu nehmendes Problem für später...« 

Als die deutschen Armeen von dem furchtbaren Winter 1941/42 
überrascht, im russischen Eis stecken blieben, war Hitler häufig 
niedergeschlagen, aber nach wie vor hoffte er auf einen baldi¬ 
gen Sieg: »Es ist nur noch ein ganz dünner Schleier, den wir 
durchstoßen müssen«, sagte er, »wir müssen etwas Geduld 
haben. Der russische Widerstand wird nicht anhalten.« Aber 
der Schleier wurde nicht zerrissen und unser Aufenthalt in der 
>Wolfsschanze< zog sich immer mehr in die Länge. 241 
Brief an meine Freundin aus dem Führerhauptquartier >Wolfs- 
schanze< vom 6. Januar 1942: 

»... Deine übrigen Ausführungen über die Stimmung im Reich, 
die Kirche usw. haben mich sehr interessiert. Ich glaube, daß 
sich die Stimmung sehr bald wieder heben wird, wenn erst mal 




126 


Er war mein Chef 


wieder große Erfolge verkündet werden, so z. B. wenn Lenin¬ 
grad gefallen ist. In den nächsten 10 lügen wird so allerhand zur 
Ernte reifen. Der Chef hat das Prinzip, nicht eher Sondermel¬ 
dungen herauszugeben, bis eine Schlacht auch wirklich gewon¬ 
nen ist, weil nämlich durch voreilige Bekanntgabe der Feind 
aufmerksam werden könnte und dadurch unnötige Menschen¬ 
leben in Gefahr kommen könnten. Er befindet sich hierüber 
sehr oft in einem Zwiespalt: Einesteils möchte er die Heimat 
beruhigen, andernteils will er aber auch dem Feind keine 
Anhaltspunkte geben. 

Daß die Kirchen voll sind, kann ich mir denken, bin aber auch 
ganz Deiner Ansicht (die auch die des Chefs ist), daß man zur 
Zeit nichts unternehmen kann. Das kann erst nach dem 
Kriege... 

... Wir haben übrigens seit 14 lügen ein Grammophon im Füh¬ 
rer-Bunker stehen und hören nun fast jeden Abend Lieder von 
Strauß, Hugo Wolf und vor allem natürlich Wagner. Ganz 
besonders angetan hat es mir die >Heimliche Aufforderung< von 
Strauß, die die Schlusnuss singt und ein andermal ein Grazer 
Tenor, der mehr zum Bariton neigt: Peter Anders (den Namen 
mußt Du Dir merken, wenn Du Platten kaufst!), er hat eine sehr 
weiche, einschmeichelnde Stimme, dabei aber eine sehr deutli¬ 
che Aussprache. Wunderschön sind diese Lieder, man ist ganz 
eingehüllt in Liebe und Wärme, was sich anscheinend auch auf 
den Chef auswirkt, denn gestern abend sagte er zu uns Mäd¬ 
chen: >Kinder, ihr müßt jede Stunde nützen!< Ich hätte am 

liebstengesagt, |-1 

|. . .1 ich möchte 

gerne wissen, wie er sich das bei mir vorstellt, was ich machen 
solle, um die Jugend zu nützen, da wir nun doch schon jahrelang 
lüg für lüg bei ihm hocken und nicht wegkommen. Ja, ja 
Theorie und Praxis...« 

Brief an meine Freundin, Führerhauptquartier >Wolfsschanze< 
vom 15. Januar 1942: 

»... Kaum war mein Mahnbrief an Dich abgegangen, da traf 
Dein lieber Brief ein, den ich hungrig verschlang. Ich schrieb 
Dir sofort einen langen, langen Brief, den ich aber einige Tage 
liegen ließ, weil Dich mein Erguß sicherlich bedrückt haben 





Rußlandfeldzug 1941-1944 


127 


würde. Einesteils tut mir das nun leid, aber es ist besser, ich 
hebe all’ diese Sachen für meinen Besuch im März auf. Ich habe 
nämlich mit meinen Kolleginnen vereinbart, daß wir uns von 
nun an regelmäßig ablösen werden, damit wir wenigstens noch 
etwas Persönliches haben. Heute ist nun die Daranowski in 
Urlaub gefahren und mich trifft dieses Glück im März. Nur so 
viel will ich Dir heute sagen, daß die Festtage hier einfach 
trostlos waren. Gerade in die Vorweihnachtstage hinein fiel die 
Übernahme des Oberbefehls durch den Führer. 242 Seine Arbeit 
stieg dadurch ins Unermeßliche und von geregelten Mahlzeiten 
kann nun überhaupt keine Rede mehr sein. 

Das Mittagessen soll an sich um 2 Uhr steigen, verschiebt sich 
aber immer mehr auf eine Zeit, wo normale Menschen zu Abend 
essen. Der Höchstrekord war vor einigen lägen erreicht, an dem 
das Mittagessen vom Chef um 6 Uhr eingenommen wurde. Das 
Abendessen verschiebt sich demzufolge entsprechend und 
unsere Tfeeabende im Führerbunker, die sonst gegen 10 Uhr 
begannen, fangen jetzt gewöhnlich erst nach 12 Uhr (Höchst¬ 
rekord bisher 2 Uhr) an, was gleichbedeutend ist mit einem 
Zubettgehen von 4 bis 5 Uhr. 

Einen natürlichen Rhythmus, der für die Gesundheit doch sehr 
wichtig ist, gibt es einfach nicht mehr. Und das Herausreißen 
von einer Stimmung in die andere ohne Übergang, kann ich mir 
ohne seelische Schädigung auch nicht vorstellen. Silvester 
waren wir z.B. im Kasino II beim Abendbrot in einer recht 
vergnügten Stimmung. Anschließend wurden wir zum üblichen 
Tbe befohlen, wo wir einen sehr müden Chef antrafen, der nach 
einer Weile einnickte, so daß wir uns dementsprechend ruhig 
verhalten mußten, also die angefachte Lustigkeit zu ersticken 
gezwungen waren. 

Zwischendurch war der Chef 3 Stunden in der Lagebespre¬ 
chung, und die zur Gratulationscour angetretenen Herren ver¬ 
harrten in diesen Stunden mit schicksalsschwangeren Gesich¬ 
tern und wagten nicht, das Gesicht zu einem Lächeln zu verzie¬ 
hen. Ich kann Dir das gar nicht schildern, jedenfalls war es so, 
daß ich in meinem Bunker das heulende Elend kriegte und 
nochmal ins Kasino ging, wo ich auf ein paar wackere Jungens 
vom Begleitkommando stieß, die natürlich feststellten, daß ich 



128 


Er war mein Chef 


geheult hatte. Worauf ich prompt gleich nochmals anfing und 
sie mich mit Worten und Alkohol zu trösten versuchten, was 
ihnen denn auch gelang. Dann sangen wir unentwegt das herz¬ 
bewegende Lied: >Wir lagen vor Madagaskar und hatten die 
Pest an Bord.. .< Da kann man sich noch so oft vornehmen, 
nichts mehr zu trinken, aber bei diesem trostlosen Leben 
scheint es mir manchmal wirklich der einzige Ausweg, um die 
Depressionen zu überwinden. 

Zum Laufen komme ich jetzt auch nicht viel. Das eine Mal ist es 
zu kalt, das andere Mal liegt zuviel Schnee, und dann sind die 
Straßen derart vereist, daß das Laufen zur Nervenbelastung 
wird, so daß ich mich lieber im warmen Bunker verkrieche. 
Unser Büro, das ein öder, kahler Raum war, habe ich zu einem 
wirklich gemütlichen Wohnraum umgestaltet. Allerdings hat 
mich das viel Überredungskunst gekostet. Überall, wo ich ein 
Stück sah, das mir gefiel, habe ich nicht eher Ruhe gegeben, bis 
man es mir opferte. Ich schlafe nun auch im Büro. Im Bunker 
konnte ich es einfach nicht mehr aushalten. Die ganze Nacht 
läuft der Ventilator und umspielt dauernd den Kopf, so daß mir 
jedes einzelne Haar wehtat. Ideal ist das Schlafen auf der 
sogenannten Couch ja auch gerade nicht, aber ich habe doch 
wenigstens ein Fenster im Raum... 

... Die Frauen, die in Munitionsfabriken arbeiten müssen oder 
zum Straßenbahn- oder U-Bahndienst eingezogen sind, haben 
es ja verdammt schwer, aber sie haben uns das große Plus 
voraus, daß sie - wenn ihre Arbeitszeit vorüber - sich frei 
bewegen können und das tun können, was sie möchten. Jetzt 
fange ich schon wieder an zu jammern. Also Schluß damit... 
Vor einigen lägen waren Sepp Dietrich 243 und General Dietl 244 
für 2 läge hier. Zwei kernige Gestalten, die die eintönige Etap- 
pen-Atmosphäre wundersam belebten...« 

In einer Notiz habe ich später folgendes notiert: Kabine im 
Bunker mit Ventilator. Wenn er in Betrieb war, kam wohl 
frische Luft herein, er machte jedoch schrecklichen Lärm. War 
er abgestellt, meinte man, ersticken zu müssen. Ich schlief 
deshalb im Arbeitsraum, der im vorderen Raum des Bunkers lag 
und ein Fenster hatte. Keine Büroatmosphäre, keine feste 
Arbeitszeit. Hitler behauptete oft, man habe das sumpfigste, 




Am 12 März 1938 überschrit¬ 
ten deutsche TYuppen die 
österreichische Grenze zu 
einem Freundschaftsbesuch< 
und schon am 15.3. 1938 um 
I) Uhr verkündete Hitler auf 
dem Wiener Heldenplatz un¬ 
ter dem Jubel der Bevölke¬ 
rung »vor der Geschichte den 
Fmtntt seiner Heimat in das 
Deutsche Reich«. 


(’lmsta Schroeder und Gerda 
Duranowski bei der Abfahrt 
vom 1 lotel Imperial in Wien 
um 15 März 1938 in den von 
Ultimen überfüllten Auto, die 
für Hitler abgegeben wurden. 







Am 14. März 1939 kam der 
tschechoslowakische Staats¬ 
präsident Dr. Emil Hacha 
nach Berlin, um mit Hitler 
über die Tschechoslowakei zu 
sprechen. Erst am 15. 3. 1939 
um 1 Uhrempfing ihn Hitler. 
Unter Druck gesetzt, unter¬ 
schrieb Hacha am 15. 3.1939 
um 3.55 Uhr ein Abkommen, 
das die Tschechoslowakei 
»unter den Schutz des Deut¬ 
schen Reiches« stellte. 


Schon am 16. 3. 1939 Unter¬ 
zeichnete Hitler auf dem 
Hradschin in Prag den Erlaß 
über die Bildung eines Pro¬ 
tektorats Böhmen und Mäh¬ 
ren (v.l.n.r. Schaub. Hitler, 
Dr. Frick, Dr. Lammers, 
Adjutant. Dr. Stuckart und 
Christa Schroeder). 








Der 50. Geburtstag Hitlers am 20. April 1939 
war der letzte Geburtstag des Diktators, der 
groß gefeiert wurde. Die Geschenke für Hitler 
wurden im historischen Kongreßsaal der 
Heichskanzlei auf Tischen aufgestellt. 


Die Kinder von Hitlers Adjutanten gratulierten 
Hitler am 20. April 1939 bereits in der Früh 
(v.l.n.r.: Adjutant Albert Bormann, Ordon¬ 
nanzoffizier Heinz Linge, Hitler und die Täch¬ 
ter des Wehrmachtsadjutanten Gerhard Engel 
mit Mutter). 












Zu Hitlers 50. Geburtstag am 20 4. 1939 gratu¬ 
lierten Christa Schroeder und Gerda Dara- 
nowski Hitler in der Reichskanzlei in Berlin 
(v.l.n.r.: Diener Karl Krause, Gerda Daranow- 

ski, Christa Schroeder, Hitler). Der i, e ibarzt Hitlers, Dr. Theo Morell, Wilhelm 

Brückner, Gerda Daranowski und Christa 
Schroeder Sylvester 1940 im Gespräch mit 
Hitler am Berghof. 










Rußlandfeldzug 1941-1944 


129 


mückenreichste und klimatisch ungünstigste Gebiet für ihn 
ausgesucht. Aber ich fand Ostpreußen sehr reizvoll. Die riesigen 
roten Kleefelder bei Sonnenaufgang, die Weite, der blaue Him¬ 
mel und im Winter die unberührte Schneelandschaft. 

Brief an meine Freundin, ^ührerhauptquartier >Wolfsschanze< 
vom 27. Februar 1942: 

»... Und das ist notwendig in dieser Einöde. Meine Kollegin, die 
eigentlich früher immer einen ziemlich ausgeglichenen Ein¬ 
druck machte, ist jetzt auch furchtbar deprimiert über das 
unbefriedigte Leben. Alle guten Vorsätze, das Unvermeidliche 
mit guter Haltung zu tragen, brechen doch immer nach ein paar 
lägen zusammen. Es ist in unserer Stimmung ein ewiges Auf 
und Ab, was aber wirklich nichts mit Disziplinlosigkeit zu tun 
hat, sondern mit Vielem zusammenhängt, über das ich ja im 
März mit Dir sprechen zu können hoffe... 

... Es ist nach 2 lägen warmen Wetters plötzlich wieder sehr 
kalt geworden, d. h. es sind am läge an sich nur 17°, aber der 
scharfe Ostwind läßt einen die Kälte sehr stark empfinden. Die 
Kälte an sich macht uns eigentlich nicht mehr so viel aus, so 
abgehärtet sind wir nun doch schon, es ist nur der verfluchte 
Wind. Trotzdem laufen wir aber doch jeden Täg jetzt wenig¬ 
stens 1 Stunde durch die Gegend, gewöhnlich bis ins nächste 
Dorf, dessen Verkommenheit im Sommer äußerst deprimierend 
wirkte, unter der weichen Schneedecke nimmt es sich jetzt aber 
ganz romantisch aus. 

Die übrigen Stunden am läge hockt man dann mehr oder 
weniger müßig hemm. Obwohl der Chef immer sehr müde ist, 
findet er doch nicht ins Bett, und das ist oft qualvoll. Früher 
spielten wir öfter Schallplatten am Abend, und man konnte 
dabei seinen eigenen Gedanken nachhängen, aber seit Tbdt’s 245 
unglücklichem Ende sind die Musikabende sehr selten gewor¬ 
den. Da der Ifeekreis ja immer aus denselben Menschen besteht 
und von außen keine Anregungen kommen sowie niemand 
etwas Persönliches erlebt, ist demzufolge die Unterhaltung oft 
recht lau und schleppend, ermüdend und belastend. Die 
Gespräche laufen eigentlich nur noch in denselben Bahnen...« 
Ich habe mir darüber später folgendes notiert: Unterhaltung: 
Jeden Abend Kino, nachmittags Teehaus. Es wurde nie über 



130 


Er war mein Chef 


Politik gesprochen. Hitlers Einfluß war überall spürbar, entwe¬ 
der hatte niemand eine eigene Meinung oder wagte sie nicht zu 
äußern. Wer eine eigene Meinung zu haben wagte, war aus dem 
Kreis ausgeschlossen. Hitler war die Triebkraft für alle Men¬ 
schen in seiner Umgebung. 

Vor der Katastrophe von Stalingrad 246 veranstaltete Hitler von 
Zeit zu Zeit noch Schallplattenabende. Er hörte dabei gern 
Beethoven-Sinfonien, Partien aus Wagner-Opern oder Lieder 
von Hugo Wolf. Hitler konnte dann mit geschlossenen Augen 
dasitzen und der Musik lauschen. Es wurden immer dieselben 
Platten gespielt und gewöhnlich kannten die Teilnehmer an der 
Tbestunde die Nummern der Platten schon auswendig. Wenn 
Hitler z. B. sagte: »Aida, letzter Akt: Es hat der Stein sich über 
uns geschlossen«, dann rief einer der Gäste dem Diener die 
Katalognummer zu: »Platte einhundertsowieso.« 

Nach Stalingrad konnte Hitler keine Musik mehr hören. Wir 
verbrachten nunmehr die Abende damit, ihn monologisieren zu 
hören. Aber es waren auch immer wieder die gleichen Gesprä¬ 
che: seine Jugendzeit in Wien, die Kampfzeit, die Geschichte 
der Menschheit, der Mikrokosmos und der Makrokosmos usw. 
Bei den meisten Themen wußten wir schon im voraus, was er 
sagen würde, und so wurden die Abende oft zu einer recht 
anstrengenden Angelegenheit. Die Ereignisse in der Welt und 
an der Front durften während der Teestunden nicht berührt 
werden, alles, was mit dem Krieg zusammenhing, war tabu. 

So war es dann meist ratsam, ein ganz unverfängliches Thema 
anzuschneiden, wie z. B. Blondis 247 Ausgelassenheit und Unge¬ 
horsam oder die Abenteuer eines Katers, der plötzlich eines 
läges in der Wolfsschanze aufgetaucht war. An sich mochte 
Hitler Katzen nicht, angeblich weil sie den Vögeln nachstellten. 
Aber an >Peter< hatte er sich nach und nach gewöhnt. Und nicht 
allein das: er wurde am Ende geradezu eifersüchtig, wenn sich 
der Kater einem von uns auf den Schoß setzte. Seiner Eifersucht 
in bezug auf seine Schäferhündin Blondi gab er lautstark Aus¬ 
druck. Er wurde böse und ärgerlich auf den, dem sich Blondi 
vertraulich schnuppernd näherte. Er argwöhnte immer gleich, 
daß man sie mit einem Bissen Fleisch geködert hätte, was er 
streng untersagt hatte. Seiner Überzeugung nach, wäre es ver- 




Rußlandfeldzug 1941-1944 


131 


gebliche Liebesmüh, Blondis Sympathie zu suchen, ihre 
Anhänglichkeit beschränke sich allein auf ihn. 

Nach dem Frühstück ging Hitler jeden Morgen mit Blondi in 
dem kleinen Gelände um seinen Bunker spazieren. Er war sehr 
stolz auf den Hund, den ein eigener Hundeführer (Ihrnow?) 
betreute. Blondi war auch ein sehr gelehriger und gewandter 
Hund. Er konnte einige Kunststücke vorführen, wie z. B. Balan¬ 
cieren auf einer Stange, Überspringen einer zwei Meter hohen 
Wand und auf Leitern klettern. Kleinere Hunde lehnte Hitler 
ab. >Negus< und >Stasi<, die beiden Scotch-Terrier von Eva 
Braun, bezeichnete Hitler immer als »Handfeger«, worauf Eva 
konterte: »Blondi ist ein Kalb.« 

»Ein Glück«, schrieb ich damals an meine Freundin, »daß wir 
einen Kater haben, der oft dasitzt und dessen anmutige Spiele¬ 
rei - das gegenseitige Aufmerksammachen auf eine Verände¬ 
rung seiner Lage etc. - immer wieder ein dankbares Objekt ist, 
um eine qualvolle Gesprächspause zu überbrücken. Ich habe 
ihn besonders gern, denn wenn er auf meinen Schoß springt, 
stecke ich meine schmerzenden Hände unter sein weiches war¬ 
mes Fell, das tut ausgesprochen wohl. Ein Scotch-Terrier ist 
auch da, der sich aber keiner großen Beliebtheit erfreut, da er 
überaus störrisch und eigensinnig ist (außerdem hat der Chef 
gesagt, daß er wie ein >Handfeger< aussehe und daß er sich nie 
mit ihm fotografieren lassen würde). Er darf wegen der Katze 
auch nicht mit in der Runde sitzen, ist aber doch immerhin von 
einiger Wichtigkeit, da er - wenn auch abwesend - das 
Gespräch häufig beleben hilft...« 

Es gab auch manche interessante Gesprächsthemen, die man 
heute z.T. bei Heim nachlesen kann. Manchmal sprach Hitler an 
den Teeabenden z. B. auch über die Japaner: »Man wirft mir 
vor«, meinte er, »daß ich mit den Japanern sympathisiere. Was 
heißt sympathisieren? Die Japaner sind gelbhäutig und schlitz¬ 
äugig, aber sie kämpfen gegen die Amerikaner und Engländer 
und damit sind sie Deutschland nützlich. 248 Also sind sie mir 
sympathisch.« Nach dem Fall von Singapur war Ribbentrop 
zum Vortrag beim Führer erschienen. Er hatte die Absicht, den 
Fall von Singapur in ganz großer Aufmachung durch Rundfunk 
und Presse bekanntzugeben. In dem kleinen Bunkerarbeitszim- 



132 


Er war mein Chef 


mer stand Hitler Ribbentrop gegenüber und sagte abwehrend: 
»Ich bin nicht dafür, diese Sache so groß aufzuziehen, Ribben¬ 
trop. Man muß in Jahrhunderten denken: Eines Täges wird noch 
die Auseinandersetzung mit der gelben Rasse kommen!« 
öfters sprach Hitler auch über Menschen aus seiner Umgebung. 
Von Speer 249 sagte er einmal: »Er ist ein Künstler und hat eine 
mir verwandte Seele. Ich habe zu ihm die wärmsten menschli¬ 
chen Beziehungen, weil ich ihn so gut verstehe. Er ist ein 
Baumensch wie ich, intelligent und bescheiden und kein sturer 
Militärkopf. Ich habe nicht geglaubt, daß er seiner großen 
Aufgabe so gut Herr wird. Aber er hat große organisatorische 
Thlente und ist immer seiner Aufgabe gewachsen. Wenn ich dem 
Speer einen Plan entwickle und ihm einen Auftrag gebe, dann 
überlegt er eine Weile und sagt dann: >Ja, mein Führer, ich 
glaube das ist wohl zu machen< oder er entgegnet auch: >Nein, 
das läßt sich so nicht durchführen< und dann haben seine 
Beweise aber Hand und Fuß.« 

Speer war damals überzeugter Anhänger Hitlers gewesen und 
selbst nach seiner Internierung fand ich Beweise dafür, wie tief 
Hitlers Worte: »Ich trage für alles die Verantwortung!« in Speer 
noch nachwirkten! Dieses Wort Hitlers hatte in allen seinen 
Anhängern das »Verantwortungsgefühl« ausgelöscht. An seine 
Stelle war ein durch nichts zu erschütterndes Gefühl des Ver¬ 
trauens zu Hitler getreten, vergleichbar der Gottgläubigkeit. 
Solange Hitler lebte, sah Speer in ihm den »Außergewöhnli¬ 
chen«, mit Hitlers Tbd erlosch aber für Speer die Faszination 
Hitlers. 

Manchmal sprach Hitler auch über Hoffmann: 250 »Der Hoff- 
mann war früher ein toller Bursche«, sagte er einmal, »da war er 
noch schlank und geschmeidig und unermüdlich am Werk mit 
seinem umständlichen alten Apparat. Damals mußte er noch 
unter das schwarze Tüch schlüpfen und mit dem schweren 
Gerät die halsbrecherischsten Unternehmen machen, um gute 
Aufnahmen zu bekommen.« 

Hoffmann sprach auch oft und gern dem Alkohol zu. Einmal 
sagte Hitler zu ihm: »Hoffmann, Ihre Nase sieht aus wie ein 
verdorbener Kürbis. Ich glaube, wenn man ein Zündholz unter 
den Strom Ihres Atems hält, explodieren Sie und bald fließt in 



Rußlandfeldzug 1941-1944 


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Ihren Adern Rotwein statt Blut«, sagte er einmal, als er zum 
Essen erschien und Hitler nicht verborgen bleiben konnte, daß 
Hoffmann einen über den Durst getrunken hatte. In Hitlers 
Gegenwart hatte Hoffmann das früher nicht getan. Hitler war 
erschüttert, daß sich Hoffmann jetzt so gehen ließ. Schließlich 
befahl Hitler Schaub und Albert Bormann: »Bitte sorgen Sie 
dafür, daß Prof. Hoffmann nüchtern zu mir kommt. Ich habe ihn 
eingeladen, daß ich mich mit ihm unterhalten kann, und nicht, 
daß er sich vollaufen läßt.« Wie sehr Hitler verletzt gewesen sein 
muß, als'ich an dem bewußten Ibeabend, von dem ich später 
erzähle, Hoffmann als den »agilsten« Mann bezeichnete, wurde 
mir erst später klar. 

Prof. Hoffmann war Sammler von Gemälden des 19. Jahrh. und 
kaufte auch alle Aquarelle auf, die Hitler gemalt hatte. Bei 
Besuchen in seiner Münchner Villa in der Ebersbergerstraße 
versäumte er nie, auf sie aufmerksam zu machen. Er war außer¬ 
ordentlich stolz darauf. Auch erinnere ich mich an Gespräche, 
in denen Hitler Hoffmann anwies, nicht so horrende Summen 
für seine Aquarelle zu bezahlen, da er - Hitler - selbst für ein 
solches nur 20 bis 30 M bekommen habe. Was aus der Sammlung 
von Prof. Hoffmann geworden ist, entzieht sich meiner Kennt¬ 
nis. Aber ich denke mir, daß die Sammlung das gleiche Schick¬ 
sal erlitten hat, wie die von mir nach dem Ende des Krieges vor 
der Vernichtung im Berghof geretteten Gemälde und Kunstge¬ 
genstände. 

Eine Niederschrift über ein Gespräch zwischen Hitler und Prof. 
Hoffmann am 12. März 1944 im Berghof, die ich einmal erhielt, 
beleuchtet Hitlers Einstellung zu seinen früheren Arbeiten: 

Abschrift 

Obersalzberg, den 12.3.1944 
Rü/Wag. 

Während des heutigen Mittagessens legte Professor Hoffmann 
dem Führer ein Aquarell vor, das der Führer im Jahre 1910 
gemalt hat. Professor Hoffmann hat das Bild in diesen lägen in 
Wien erworben. 

Der Führer: »Hoffmann, hoffentlich haben Sie das Bild nicht 
gekauft?« 



134 


Er war mein Chef 


Professor Hoffmann: »Ich habe es geschenkt bekommen, d. h. 

man hat mir gesagt, für den Preis sei es geradezu geschenkt.« 
Der Führer: »Mehr als RM150,— oder 200,— sollten diese 
Sachen auch heute nicht kosten. Es ist Wahnsinn, wenn man 
dafür mehr Geld hergibt. Ich wollte ja kein Maler werden, ich 
habe diese Sachen nur gemalt, damit ich meinen Lebensun¬ 
terhalt bestreiten und studieren konnte. Für so ein Bild habe 
ich damals nicht mehr als etwa RM 12,— bekommen. Gemalt 
habe ich immer nur so viel, damit ich gerade das Notwendig¬ 
ste zum Leben hatte. Mehr als etwa RM 80,— habe ich im 
Monat nicht gebraucht. Für das Mittag- und Abendessen 
mußten RM1,— ausreichen. Studiert habe ich damals die 
ganzen Nächte durch. Meine architektonischen Skizzen, die 
ich damals angefertigt habe, das war mein kostbarster Besitz, 
mein Gehirneigentum, das ich nie hergegeben hätte, so wie 
ich die Bilder losgab. Man darf ja nicht vergessen, daß alle 
meine Gedanken von heute, meine architektonischen Planun¬ 
gen auf das zurückgehen, was ich mir damals in diesen Jahren 
in nächtelanger Arbeit angeeignet habe. Wenn ich heute in 
der Lage bin, aus dem Handgelenk z.B. den Grundriß eines 
Theatergebäudes aufs Papier zu werfen, so mache ich das ja 
auch nicht im Trancezustand. Das alles ist ausschließlich das 
Ergebnis meines damaligen Studiums. Leider Gottes sind mir 
die allermeisten meiner damaligen Skizzen abhanden ge¬ 
kommen ...« 

Daß Hitler an seinen architektonischen Skizzen sehr hing und 
sie nicht hergeben wollte, kann ich bestätigen. Als Schaub Ende 
April 1945 am Berghof den Inhalt von Hitlers Panzerschrank 
ausräumte und auf der Terrasse verbrannte, waren darunter 
auch viele architektonische Skizzen Hitlers, von denen ich ein 
Bündel an mich nahm und sie vor Schaubs Vernichtung rettete. 
Aber sie blieben mir nicht. Die Hälfte gab mir Albert Zoller 
nicht mehr zurück und den Rest verkaufte ich später dummer¬ 
weise an Dr. Picker. 251 

Für den Sommer 1942 verlegte Hitler vorübergehend seinen 
Standort in das Quartier >Werwolf< 252 bei Winniza. Dort wohn¬ 
ten wir wenigstens in Blockhütten. 




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Aus meinem Brief an meine Freundin aus dem FHQ >Werwolf< in 
Mala Michalowska bei Winniza vom 14. August 1942: 

»... Ich bin nur froh, daß du Verständnis für meine geistige 
Trägheit hast. In vier Wochen - seit wir im neuen Quartier sind, 
habe ich nicht den Schwung zu Privatbriefen gefunden. Und 
dabei geht es mir eigentlich körperlich und auch seelisch gut. 
Nur fehlt mir jemand, der meinen geistigen Leerlauf stoppt und 
mich geistig anregen könnte. Leider Gottes sind hier so viele von 
Gemütsödigkeit befallen, so daß von hier aus keine Hilfe zu 
erwarten ist. Seit den 2 dicken Büchern von Benrath habe ich 
auch nichts Richtiges mehr gelesen. Dazu fehlt die innere Ruhe 
und die Bereitschaft. 

Was uns an Filmen vorgesetzt wird, ist uralt, blöd, ohne Geist. 
Johanna und ich sind an den 2 letzten Abenden rückfällig 
geworden und haben uns die alten Schwarten angesehen, aber 
nur, weil uns wirklich nichts Besseres mehr einfiel. Aber das 
Richtige ist es weiß Gott nicht, wenn’s einem von den albernen 
Filmen immer heißer und heißer wird und es anfängt, überall zu 
kribbeln. Und trotzdem bleibt man sitzen, weil sonst nichts 
anderes bleibt als das Bett. Doch nun will ich Dir kurz von 
unserem neuen Quartier berichten, von unserem Umzug usw. 
Also am 17. Juli sind wir mit ungefähr 16 oder 17 Maschinen 
gestartet in Richtung Osten. 253 Es war ein imposantes Bild auf 
dem Flugplatz, all’ die großen Maschinen nebeneinanderstehen 
zu sehen, alle startbereit mit laufenden Motoren, die Luft erfüllt 
von dem tiefen Brummen der vibrierenden Tragflächen und 
Drähte, bis sich eine Maschine nach der anderen über das 
Flugfeld rollend dann in die Luft erhob. Der Flugkapitän lud 
mich ein, vorn in der Kanzel zu sitzen, was ich natürlich dank¬ 
bar annahm, denn von da vorn aus hat man ja ein ganz anderes 
Bild. Während man von dem Fenster der Maschine aus ja immer 
nur nach einer Seite schauen kann und einen kleinen Ausschnitt 
hat, ist das Blickfeld in der Kanzel größer und freier. Und hier 
spürt man auch, daß man fliegt. 

Außerdem finde ich es interessant, die Karten zu verfolgen, eine 
Wissenschaft, die ich nie beherrschen würde. Menschen, die 
davon etwas verstehen, imponieren mir sehr. Denn zu sagen, 
daß die Landschaft aussieht wie eine Landkarte, wäre eine 



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Er war mein Chef 


Plattheit. Natürlich besteht eine gewisse Ähnlichkeit, aber die 
Wirklichkeit hat doch eine verwirrende Vielfalt von Einzelhei¬ 
ten, die es schwierig machen, sie mit der Karte in Einklang zu 
bringen. Hauptstraßen, auf der Karte gewichtig rot markiert, 
erweisen sich in Wirklichkeit als grau und unauffällig (am 
besten könnte ich mich nach Eisenbahnstrecken informieren). 
Der Wolkenschatten verdunkelt stellenweise die Landschaft, 
Bodennebel hüllt sie ein, dann taucht mal wieder ein Stück der 
Landschaft sichtbar auf, aber wozu sie gehört, ich könnte es nie 
feststellen. 

Nun bin ich ganz vom Thema abgeschweift. Also nach vielen 
Stunden trafen wir dann am Bestimmungs-Flugplatz ein. Hier 
begann die Jagd nach dem Wagen, und dann ging’s im schweren 
Krupp, der gar nicht für russische >Straßen< geeignet ist, weiter. 
Johanna Wolf, der es im Flugzeug schon nicht gut erging, erhielt 
hier den letzten Rest. Sie war vollkommen erledigt und in den 
ersten Stunden gar nicht zu gebrauchen. 

Ihre Depression steigerte sich noch und meine entstand, als wir 
unser Büro, von dem rechts und links eine Tür in ein winziges 
Loch führte, in dem nur ein schmales Bett mit einem Nachtka¬ 
stel und einem Kofferbock stand (unser Reich) betraten. Auch 
das Büro so eng und klein, daß wir uns buchstäblich nicht 
rühren konnten. Unser großes Gepäck, riesige Bürokoffer, 
Kisten und allein 5 Schreibmaschinen füllten es restlos aus. 

Da wir ja nun lange genug in den dunklen, luftarmen Bunkern 
gelebt hatten, waren unsere Hoffnungen auf helle Räume mit 
großen Fenstern festgelegt. Statt dessen wies das Schlafkäm¬ 
merchen ein >Fenster< in der sagenhaften Größe von 35-40 cm 
auf, noch dazu grün vergazt. Dieses »Fenster« war unsere tiefste 
Erschütterung. Gottseidank hatte man aber ein Einsehen, und 
nachdem ich erst noch interimshalber 8 läge ein anderes Zim¬ 
mer bewohnte, bekam ich endlich ein anständiges Büro mit 
Alkoven, der durch einen Vorhang abgeteilt ist. Auf Grund 
meiner erfahrungsreichen organisatorischen Fähigkeit habe ich 
daraus ein - nein, ich darf es ruhig sagen - das gemütlichste 
Zimmer im ganzen Quartier gemacht. 

Ich habe organisiert, was ich nur konnte: Eine >Couch< (eine mit 
Gurtband bespannte Bank, auf der ein ganz dunkelgrün-blaues 



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Polster liegt), darüber ein Wandbehang, der eigentlich die 
Bestimmung hatte, als Bettvorleger mit Füßen getreten zu wer¬ 
den, davor ein selbstfabriziertes Tischchen aus einem Koffer¬ 
bock mit einem geklauten Brett aus einem Kleiderschrank, das 
durch eine rotgerandete und rotgepunktete Decke verdeckt 
wird, dazu 2 Sessel, der eine mit Gurtband, der andere mit 
Strohsitz, ein Tbppich, bunte Stiche und Drucke an den Wän¬ 
den, viel Blumen, vor allem Zinnien und dann als etwas ganz 
Apartes: Disteln im schwarzen Tbnkrug. Ein Fest haben wir 
hier schon gefeiert, das bis morgens 6 Uhr andauerte, ein allge¬ 
meines ... Eines war intern, doch darüber einmal mündlich. 

Die Wohngemeinschaften sind ähnlich wie in der »Wolfs¬ 
schanze«, nur daß es sich diesmal nicht um Betonbunker, son¬ 
dern um Blockhäuser handelt, die recht hübsch aussehen, im 
Innern aber noch recht feucht sind. Es ist immer das Gleiche: 
überall, in jedem Quartier sind im Anfang die Betten klamm, 
man friert schauerlich und ist fest davon überzeugt, daß man 
später vor Rheuma nicht mehr gerade gehen wird. Die Tempera¬ 
turen sind am läge ganz beachtlich (es ist keine Seltenheit, daß 
wir 45-50° haben), nachts ist es unverhältnismäßig kühl. Das 
Wetter schlägt oft blitzschnell um. 

Die Mückenplage ist noch größer geworden als im vergangenen 
Jahr, sie hat sich außerdem um die gefährliche Anopheles ver¬ 
mehrt, deren Stiche Malaria übertragen. Es gibt dagegen ein 
vorbeugendes Mittel, Atibrin genannt, das abscheulich bitter 
schmeckt, gegen das jeden Abend von neuem gemeutert, das 
aber trotzdem mit Todesverachtung geschluckt wird, weil das 
Nichteinnehmen im Falle des Auftretens von Malaria als 
Selbstverstümmelung gebrandmarkt werden würde. An heißen 
lägen wird abends ein wilder Kampf gegen die trotz der vergaz- 
ten Fenster eingedrungenen Viecher geführt, sie dringen aus 
allen Ritzen und umsurren den Schlafsuchenden, sie treiben das 
Spiel auf die Spitze, bis ihm die Nerven durchgehen, und er sich 
fluchend vom Lager erhebt. Neulich Nacht konnte ich mir nur 
dadurch helfen, daß ich wieder aufstand, den Vorhang zum 
Wohnzimmer zurückschlug, dort alle Lampen anzündete, die 
Viecher dadurch aus dem Alkoven ans Licht lockte, und als hier 
das ganze Heer versammelt war, den Vorhang wieder zuzog, 




138 


Er war mein Chef 


mich ins Bett verkroch und im Wohnzimmer das Licht ruhig 
brennen ließ. Kaum liege ich, als ein Geraschel und Geknabber 
neben meinem Bett losgeht: Ich hatte mir Milch zum Dickwer¬ 
den aufgestellt und danach hatten sich Mäuse gezogen. Mit 
lautem Schrei bin ich wieder heraus und legte mich auf die 
Couchbank ins Zimmer, die raffinierte Tour mit dem Licht nun 
im Alkoven fortsetzend. Das war eine verdammt unruhige 
Nacht! Frank Thieß hat in irgendeinem Buch gesagt, die Frauen 
seien alle dumm: sie schrien ebenso laut auf vor einer harmlosen 
Maus wie vor einem Tiger. Er hat wohl recht. 

Eine wunderbare neue Errungenschaft haben wir mit einem 
Schwimmbassin 10 x 15 m. Leider wird das Wasser nur zu oft 
abgelassen und dann ist es barbarisch kalt. Unsere Verpflegung 
hat sich enorm gebessert. Da wir uns aus dem Lande verpflegen, 
gibt es morgens reichlich Butter und oft auch ein Ei. Eine große 
Gärtnerei versorgt uns mit frischem Gemüse. 

In der nächsten Stadt befindet sich eine Schlachtfabrik 
100 000 ha im Ausmaß, die größte dieser Art in Europa. Ich hatte 
Gelegenheit, sie zu besichtigen und konnte die ganzen Vorgänge 
vom Betäuben der Tiere bis zur fertigen Wurst bzw. Konserve 
verfolgen. 

Die Fabrik ist nach amerikanischem Prinzip eingerichtet, es 
geht alles am laufenden Band. Das Abziehen des Felles von 
einem Rind geschieht in der lächerlich kurzen Zeit von 30 Sek., 
ein Vorgang, der bei uns in Deutschland immerhin 2 Stunden 
dauert. Täglich werden hier ca. 250-300 Rinder geschlachtet, 
12-15000 Büchsen Rindfleisch eingekocht. Von jedem Koch¬ 
vorgang werden einige Büchsen auf ihre Haltbarkeit unter¬ 
sucht, kommen zu diesem Zweck in einen Brutschrank, wo sie 
unter tropischen Temparaturen 24 Stunden liegen. Erst wenn 
die Dosen keine verdächtigen Erscheinungen aufweisen, wer¬ 
den sie zum Versand an die Front freigegeben. 

In dieser Fabrik wird auch das letzte Stück vom Tier verwertet, 
es endet bei Waschseife, bei Knöpfen, Kämmen, Zigarettenspit¬ 
zen. Die Felle werden eingesalzen, liegen 4-6 Wochen, werden 
täglich gewendet und frisch mit Salz bestreut. Es ist wirklich 
ein enormer Betrieb. Vorwiegend sind Frauen beschäftigt, die 
wegen ihres Fleißes bevorzugt werden ... 




Rußlandfeldzug 1941-1944 


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In der Stadt befindet sich auch ein Theater noch aus der zaristi¬ 
schen Zeit, das natürlich entsetzlich verwahrlost ist. In der 
Decke sitzt der Holzwurm, und es ist nur eine Frage der Zeit, 
wann sie einstürzt, ob morgen oder erst in 10 Jahren. Ein 
genaueres Urteil konnte der Begutachter nicht abgeben. Da sie 
70 t wiegt, gäbe das eine tolle Katastrophe. 

Die Leutchen geben sich große Mühe mit den bescheidenen 
Mitteln, die sie zur Verfügung haben. Das Orchester spielt sehr 
sauber, das Ballett ist teilweise grandios. Der Ballettmeister 
und die Prima Ballerina könnten sich in Berlin sehen lassen und 
würden dort tosenden Beifall haben. Vor allem sind sie in ihren 
eigenen Sachen grandios, so tanzen eben diese Beiden einen 
Usbekischen (mongolischen) Thnz, bei dem sie ihre Rasseeigen¬ 
schaften am deutlichsten zum Ausdruck bringen in ihrer 
Mimik, die ganz kraß den Asiaten kennzeichnet. Dagegen kön¬ 
nen sie keinen Walzer tanzen, das ist ein entsetzliches Gehopse, 
und das sollten sie unterlassen. Interessant ist, daß sie in jeder 
Oper große Balletteinlagen haben. 

Ich sah >La TVaviata< und >Faust<. Geschminkt sind die Schau¬ 
spieler Wachsfiguren zu vergleichen, vor allem sind die Männer 
starr im Ausdruck und in den Gebärden steif wie auf Draht 
gezogen. Vielleicht liegt das an der Schule. Stimmlich sind sie 
jedoch fast durchwegs hervorragend. Die Kostüme (z. B. in >La 
TYaviata<) waren ein Querschnitt durch die Mode des 20. Jahr¬ 
hunderts, kurz, dreiviertellang, gezipfelt (wie wir’s 1920-24 
hatten) und ganz lang, zusammengestückelt. Aber ihr ehrliches 
Spiel läßt das alles vergessen, und irgendwie findet man es 
interessant. 

Mit dem Kommissar der Stadt und dem Gebietskommissar 
(Land) bin ich gleich im Anfang unseres Aufenthaltes bekannt 
geworden und hatte dadurch Gelegenheit, Einblick in Verschie¬ 
denes zu nehmen, so z. B. konnte ich an einer Besichtigung 
mehrerer Kolchosen teilnehmen. Es war ein herrlicher Täg. 
Morgens um 8 Uhr ging die Fahrt los. Gefrühstückt wurde bei 
einem Kreisbauernführer, der 114 Stunden von hier entfernt an 
einem See wohnt. Es gab deutsches Rumpsteak, Rührei und 
Kochkäse. Hinterher bekamen wir einen herrlichen Eierlikör. 
Dann begann die Besichtigung. Die Felder sind arg verunkrau- 




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Er war mein Chef 


tet, da die Bolschewiken nie gedüngt haben. Es wird Mühe 
machen, bis sie das hergeben, was wir erwarten. Mir gefällt die 
Landschaft ja außerordentlich, sie berührt mich irgendwie hei¬ 
matlich. Schön sind die Felder mit blühender Hirse (Buchwei¬ 
zen), mit Sonnenblumen, schön waren sie (sind inzwischen 
verblüht) mit dem roten und rosafarbenen Mohn. Versuche mit 
Sojabohnen sind bisher fehlgeschlagen, sie wurden nicht reif. 
Jetzt hat man bulgarische eingeführt, die 6 Wochen früher rei¬ 
fen sollen. 

Unsere Leute, die sich hier ansiedeln, haben es sicher nicht 
leicht, aber auch wiederum viel Möglichkeiten, Großes zu 
schaffen. Je länger man allerdings in diesem weiträumigen 
Lande weilt und die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten 
erkennt, um so mehr drängt sich die Frage auf, von wem in der 
Zukunft die großen Aufgaben erfüllt werden sollen. Immer 
mehr kommt man zu der Ansicht, daß das Fremdvolk aus 
verschiedenen Gründen dazu nicht geeignet ist, letzten Endes 
schon deshalb nicht, weil im Laufe der Generationen doch eine 
Vermischung der herrschenden Schicht, also des deutschen 
Elementes, mit dem Fremdvolk zustande kommen würde. Das 
wäre ja ein kardinaler Verstoß gegen unsere Erkenntnis der 
Notwendigkeit der Erhaltung unseres nordisch bedingten Erb¬ 
gutes und unsere weitere Geschichte würde einen ähnlichen 
Verlauf nehmen wie die Geschichte z.B. des römischen Vol¬ 
kes. 254 Jeder, der die Dinge genauer betrachtet, kommt zu dem 
Ergebnis, daß die Leistungen unseres Volkes nach dem Krieg 
und der damit in Zusammenhang stehenden Gebietsvermeh¬ 
rung mindestens ebenso groß sein müssen wie die im Kriege. 
Also unsere Generation wird sich nie auf die Bärenhaut legen 
können. Tfempo, Tempo! 

Nun bin ich schon wieder sehr weitschweifig geworden. Also 
zurück zum Kreisbauemführer, der ein äußerst wohlgenährter 
Schleswig-Holsteiner ist und den Laden wunderbar in Ordnung 
hält bzw. gebracht hat. Dann gab’s Mittagessen, nachmittags 
war noch eine Besichtigung einer von den Bolschewiken zer¬ 
störten riesengroßen Zuckerfabrik. Anschließend gab’s Kaffee 
mit Krapfen und dann ging’s hinein in den See. Es war ein 
fröhliches Hallo. Ich das einzige weibliche Wesen und demzu- 





Rußlandfeldzug 1941-1944 


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folge Hahn im Korbe! Tät mir aber sauwohl. Abends bog sich 
dann wieder der Tisch unter den Schüsseln, und wir bogen uns 
vor Lachen über die Erzählungen des Gebietskommissars, der 
ein schneidiger Bursche ist. 

Beim Stadtkommissar waren wir auch verschiedentlich einge¬ 
laden. Er wohnt in einem ehemaligen Kinder-Erholungsheim. 
Das Haus ist Bruch, der Garten wildromantisch, (was ich aber 
gerade liebe, ich mag nicht so abgezirkelte Wege und Rabatten). 
Das Haus liegt auf einem kleinen Berg (die Landser haben das 
Anwesen >Obersalzberg< getauft), und es bietet einen wirklich 
zauberhaften Blick auf die in der Feme liegende Stadt und auf 
einen ziemlich großen Fluß, der sich durch hügelige teils Wei¬ 
den, teils Wälder, hinschlängelt und mich lebhaft an die Weser 
erinnert. 

Abends saßen wir an langer Täfel im Garten bei Kerzenbeleuch¬ 
tung, was ganz romantisch war, nur leider etwas zu viel Men¬ 
schen. Ich bin immer mehr für einen kleinen Kreis, wo man auch 
wirklich etwas vom Andern hat. Der Gebietskommissar hat 
mich eben gerade angerufen, mir Elogen gemacht, daß die 
Teilnehmer der Kolchosenfahrt von mir alle begeistert gewesen 
wären und ich müßte mal allein kommen! 

Ich glaube, daß der Brief zu lang für Dich geworden ist. Aber 
nun bin ich einmal im Schwung, und nun will ich Dir noch ein 
wenig erzählen. Abends machen wir oft einen Spaziergang ins 
nächste Dorf, wo uns die Kinder schon immer erwarten. Man 
sieht auffallend schöne Kinder, vorwiegend blond und blau¬ 
äugig. Ich besitze ein Wörterbuch für Soldaten und versuche 
mich mit ihnen zu verständigen. Die Anderen wollen sich immer 
totlachen, aber es geht. Jedenfalls haben wir dadurch schon viel 
Spaß gehabt. Die alten Männer aus der Zarenzeit haben fast 
durchwegs schöne Köpfe, sind auch sehr höflich, wogegen ich 
den Frauen und jungen Männern (denen der Bolschewismus 
eingehämmert wurde) nicht im Dunkeln begegnen möchte. Die 
Straßen sind miserabel: Bei Regen wie Seife, man bleibt glatt 
stecken. Bei Trockenheit rumplig und gekrustet, daß man nur so 
hin- und hergeschuckelt wird. Die Häuser sehen von weitem 
ganz romantisch aus: weiß mit Strohdach, im Innern sind sie 
einfach. Soviel von Land und Leuten...« 




142 


Er war mein Chef 


Wie schon erwähnt, war Hitler in der ersten Zeit des Rußland¬ 
feldzuges fast immer noch gut gelaunt und zu Scherzen aufge¬ 
legt. Als dann jedoch im Winter 1941/42 der Kälteeinbruch den 
Vormarsch stoppte, wirkte sich das auch auf die Stimmung des 
Chefs aus. Ich selbst litt sehr unter der ständigen Untätigkeit 
und war glücklich, wenn Prof. Dr. Brandt, der als Präsident für 
das Sanitäts- und Gesundheitswesen, eine umfangreiche Kor¬ 
respondenz führte, mich ein paar Stunden beschäftigte. 

Je länger mit seinem Auf und Ab der russische Feldzug andau¬ 
erte, um so mehr vervollständigte sich das FHQ Wolfsschanze. 
Nach und nach entstanden ein Kino, ein Teehaus und für uns 
wurde das Leben fortan etwas angenehmer. 

Den Chef hatte ich leider nicht davon überzeugen können, daß 
eine Sekretärin genügen würde. Ich wollte irgendwo eine nütz¬ 
liche Arbeit leisten, aber er ließ mich nicht fort. Dieses Faulen- 
zen-müssen, dieses ewige Einerlei und die sich täglich wieder¬ 
holenden Teestunden, alles das machte mich aggressiv, ich 
rebellierte innerlich und dann geschah es eines abends beim 
Tee, daß sich meine Aggressionen auch laut kundtaten. 

Der Thg war wie immer fad gewesen, gelangweilt hatte ich mir 
nach dem Abendessen einen Film angesehen, war dann in das 
Kasino I gegangen, wo mich Hitlers Diener aufstöberte, als es 
dort gerade recht gemütlich wurde. In der Hoffnung, daß der 
Tee heute vielleicht nicht allzu lange dauern würde, versprach 
ich, nachher in das Kasino zu kommen. 

Aus der fröhlichen Stimmung herausgerissen, kam ich nun zu 
einem Führer mit umwölkter Stirn. Ich wußte, daß er schlecht 
gelaunt war, denn an der Front stand es nicht zum Besten. Und 
nun griff der Chef auch noch das altbeliebte Thema von der 
Schädlichkeit des Rauchens auf. Immer wieder hielt Hitler 
Vorträge über die Schädlichkeit des Rauchens, über die Veren¬ 
gung der Kapillaren. Wie schauderhaft muß es im Magen eines 
Rauchers aussehen. Raucher sind rücksichtslos, sie zwingen alle 
anderen in der verbrauchten Luft zu sitzen. Er hat tatsächlich 
mit dem Gedanken gespielt, das Rauchen in Deutschland völlig 
zu verbieten. Die Aktion sollte damit eingeleitet werden, daß 
auf die Zigarettenschachteln ein Tbtenkopf gedruckt werden 
sollte. »Wenn ich jemals merken würde, daß Eva heimlich 



Rußlandfeldzug 1941-1944 


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raucht«, betonte er öfters, »wäre das ein Grund für mich, mich 
sofort und für immer von ihr zu trennen.« Ihrer Schwester Gretl 
schenkte er, als sie ihm versprach, nicht mehr zu rauchen, einen 
kostbaren Saphirring mit Brillanten. 

Ich war damals eine starke Raucherin. Hitler sagte nun, daß 
durch die eo ipso erfolgende Zuteilung von Rauchwaren auch 
die jungen Soldaten, die bisher nicht geraucht hatten, zu Rau¬ 
chern werden. Man sollte ihnen statt Cigaretten besser Schoko¬ 
lade geben. Alle nickten Zustimmung. Nur ich, durch meinen 
Kasinobesuch bereits etwas angeheitert, schaltete mich ein und 
sagte enthemmt und unkontrolliert: »Ach, mein Führer, lassen 
Sie doch den armen Jungens (ich bin mir nicht sicher, ob ich 
nicht sogar »den armen Schweinen« sagte) diese Freude, sie 
haben ja sonst nichts anderes!« 

Meinen idiotischen Einwurf nicht beachtend, führte Hitler aus, 
wie Nikotin und Alkohol die Gesundheit des Menschen zerstö¬ 
ren und wie der Geist dadurch abgestumpft wird. Nun fuhr ich 
ein ganz schweres Geschütz auf und sagte, bezugnehmend auf 
seinen Fotografen Heinrich Hoffmann: »Das kann man doch 
wirklich nicht sagen, mein Führer, Hoffmann raucht und trinkt 
den ganzen Thg und ist doch der agilste Mann im ganzen 
Laden.« Darauf schnappte Hitler begreiflicherweise sichtbar 
ein. Er sagte zwar keinen Ton, erhob sich aber sehr bald und 
verabschiedete sich eiskalt mit strengem Gesicht, so daß ich 
endlich merkte, was ich angerichtet hatte. 

Am nächsten Vormittag, es hatte sich so eingebürgert, daß man 
sich beim Diener nach der Stimmung des Chefs erkundigte, ließ 
uns (Johanna Wolf und mir) Hans Junge 258 durchblicken, daß 
der Tee heute ohne Damen stattfinden würde. Albert Bormann 
sei beauftragt, uns das zu sagen. Albert Bormann anschließend 
von mir befragt, gab verlegen zu, daß sich der Chef über mich 
geärgert habe und den Tee ohne Damen nehmen würde. 
Nachmittags mußte ich zu Hitler zum Diktat. Ich versuchte 
mich bei ihm zu entschuldigen, doch er schnitt mir kurz das 
Wort ab und sagte: »Deshalb brauchen Sie sich nicht zu ent¬ 
schuldigen.« Er behielt aber seine ablehnende Einstellung wei¬ 
ter bei. Als dann Johanna Wolf versuchte, die Sache bei ihm 
einzurenken, entgegnete er verbittert: »Daß er das Gefühl habe, 



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Er war mein Chef 


wir langweilten uns in seiner Nähe, und er wolle nicht, daß wir 
ihm unsere Abende opferten.« 

Ich existierte fortan nicht mehr für ihn. Da er mich z. B. bei den 
Reisen im Zuge, wo wir entweder gemeinsam am gleichen Tisch 
oder aber am Nachbartisch saßen, auch nicht beachtete, ging 
ich gar nicht mehr in den Speisewagen, sondern ließ mir das 
Essen in meine Kabine bringen. Dies ging solange, bis eines 
Thges Albert Bormann erschien und sagte: »Schroederin, der 
Chef hat gefragt, warum Sie nicht nach vom kommen.« Dies 
faßte ich fälschlich als Aufforderung und als Zeichen der Ver¬ 
söhnung auf. Ich ging also in den Speisewagen und dachte, alles 
sei wieder gut. Aber der Chef beachtete mich nicht. Ich wurde 
regelrecht krank und blieb dem FHQ einige Wochen dadurch 
fern, daß ich eine Kur antrat. 

Während meiner Abwesenheit hatte Dara, 256 die inzwischen 
geheiratet hatte, ihren Dienst bei uns wieder aufgenommen. 
Außerdem war eine Diätassistentin, Frau von Exner, 257 einge¬ 
stellt worden und der Ttee fand wieder statt. Am ersten Abend 
nach meiner Rückkehr saß ich an der rechten Seite von Hitler, 
links Frau von Exner. Nachdem er mich, wie üblich mit Hand¬ 
kuß begrüßt hatte, richtete er außer der Frage nach meinem 
Ergehen, den ganzen Abend kein Wort an mich. 

Es hat eine lange Zeit gedauert, bis mir Hitler diesen Faux pas 
verziehen hat. 1943, als die Front immer mehr ins Rutschen 
geriet, setzte er im September 1943 einen Flug an die vorderste 
Front, nach Saparoshje-Dnepopetrowsk 258 an und forderte 
mich für diesen Flug an. Dort diktierte er mir in der Nacht 
Durchhaltebefehle an die Soldaten. Hierbei sprach er zum 
ersten Mal wieder etwas Persönliches mit mir. 

Doch die richtige Versöhnung erfolgte erst im März 1944. Ich 
machte wegen einer schweren Ischias eine Kur in Bad Gasteign, 
wohin er mir zu meinem Geburtstag einen langstieligen Rosen¬ 
strauß mit einem handgeschriebenen Glückwunsch schickte. 
Dieser handgeschriebene Glückwunsch auf weißer Karte mit 
seinem Namenszug und dem Hoheitsabzeichen in Gold war eine 
ganz besondere Ehre, mit der z. B. nur Frau Goebbels, Frau 
Göring, Frau TVoost, Winifred Wagner u. ä. von ihm Bevorzugte, 
auszuzeichnen pflegte. Ich war sehr gerührt und erwähnte in 




Rußlandfeldzug 1941-1944 


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meinem Dankbrief, ich hätte nun ein Gelübde getan, nicht mehr 
zu rauchen. Dieser Brief hat ihn anscheinend beeindruckt, denn 
er soll mehrere Abende Gesprächsstoff am Kamin im Berghof 
gewesen sein, wo er sich zu der Zeit aufhielt. 

Mir war nach der Kur in Bad Gastein noch eine Entschlak- 
kungskur bei Professor Zabel in Bischofswiesen bei Berchtes¬ 
gaden verordnet worden, die in einer Diätkur nach Bircher- 
Benner 259 endete. 

Hier möchte ich noch etwas von den Diätassistentinnen Hitlers, 
Frau Marlene von Exner und Constanze Manziarly 280 einfügen. 
Während des Rußlandfeldzuges hatten Hitlers Magenbe¬ 
schwerden beängstigende Formen angenommen, worüber er 
mit dem rumänischen Marschall Antonescu, der jahrelang von 
gleichen Beschwerden geplagt gewesen war, gesprochen hatte. 
Antonescu erinnerte sich bei dieser Gelegenheit an eine Diät¬ 
assistentin der Wiener Universitätsklinik, Frau Marlene von 
Exner, die ihn durch eine strenge, aber trotzdem wohlschmek- 
kende Diät davon befreit hatte. 

Professor Dr. Morell, 261 von Hitler beauftragt, ihm eine genau so 
gute Diätassistentin zu beschaffen, wandte sich an die Wiener 
Universitätsklinik, und es gelang ihm die gleiche Diätassisten¬ 
tin, die von Antonescu so hochgelobt worden war, zu engagie¬ 
ren. Im FHQ wurde extra eine kleine Diätküche eingerichtet 
und Frau von Exner kochte mit Bedacht all’ das, was Hitler 
bekömmlich war. Hitler lobte begeistert die Vielseitigkeit der 
Gerichte, besonders schwärmte er von den Wiener Süßspeisen 
und dem herrlichen Apfelkuchen, der auch uns vorzüglich 
schmeckte (ganz dünner Tfeig, dicht mit Apfelschnitten belegt 
und - wenn möglich - mit ein wenig Schlagobers). 

Der nächtliche Tfee hatte seit meinem Alkohol-Nikotin-Streit- 
Gespräch mit Hitler nicht mehr stattgefunden. Als ich zurück¬ 
kam, fand der Tee wieder statt, an dem nun auch Frau Marlene 
von Exner teilnahm, die das Gespräch belebte, vor allem, wenn 
sie für ihre Heimatstadt Wien Stellung nahm, was Hitler offen¬ 
sichtlich Spaß machte. Bei einem Besuch von Marschall Anto¬ 
nescu im FHQ sah dieser Frau von Exner wieder. Er freute sich 
sehr und schickte ihr einen winzig kleinen Hund, der - einem 
Yorkshire-Tbrrier ähnlich - sehr temperamentvoll und gescheit 



146 


Er war mein Chef 


war, aber sich eben unter der Hundegröße befand, die für Hitler 
als Geschenk eines Staatsmannes unwürdig war. Der Reichslei¬ 
ter Bormann wurde daher von Hitler beauftragt, für Frau von 
Exner einen preisgekrönten Foxterrier zu besorgen. 

Als jedoch die Liebe der Frau von Exner zu einem jungen 
Adjutanten von Martin Bormann 262 die Durchleuchtung ihrer 
Abstammung erforderlich machte und ein Findelkind als ihre 
Großmutter zutage gefördert wurde, bei dem der Arier-Para¬ 
graph im Gespräch war, nahm das Schicksal der charmanten 
Wienerin einen tragischen Verlauf. Hitler rührte nichts mehr 
von ihrem Essen an, was der unglücklichen Frau gegenüber mit 
erneut aufgetretenen Magenbeschwerden kaschiert wurde. 
Dies geschah zu der Zeit, als die Verstärkung der Bunker in der 
Wolfsschanze ins Auge gefaßt wurde und deshalb das Haupt¬ 
quartier auf den Obersalzberg verlegt werden mußte. 262 Diesen 
Anlaß benutzend, wurde Frau von Exner in Urlaub geschickt, 
der kurz darauf in eine Entlassung umgewandelt wurde. 
Reichsleiter Bormann wurde beauftragt, die Arisierung der 
Familie Exner durchzuführen. 

Während Hitlers Aufenthalt auf dem Berg wurde seine Diät 
nach dem Schweizer Bircher-Benner im Sanatorium von Prof. 
Zabel in Bischofswiesen bei Berchtesgaden von der jungen 
Tirolerin Constanze Manziarly (nicht Manzialy, wie man über¬ 
all lesen kann) zubereitet und im Auto nach oben auf den Berg 
geholt. Kurz vor der Rückkehr in das FHQ nach Rastenburg 
Anfang Juli 1944 stellte man Fräulein Manziarly die Frage, ob 
sie bereit sei, als Diätassistentin dorthin mitzukommen. Sie 
fragte mich, da ich zu jener Zeit gerade meine Kur im Sanato¬ 
rium Zabel absolvierte, um Rat. Leider riet ich ihr zu und so 
geschah es, daß dieses schöne, hochgewachsene, dunkelhaarige, 
junge Mädchen, nebenbei übrigens eine begabte Pianistin, 1944 
als Diätassistentin zu Hitler kam. Hitler schwärmte von ihr und 
sagte: »Ich habe eine Köchin mit einem Mozartnamen.« 

Zuletzt 1945 hatte Fräulein Manziarly ihre Diätküche im Füh¬ 
rerbunker in Berlin und nahm auch am Essen mit Hitler öfters 
teil. Nach dem Verlassen der Reichskanzlei im Mai 1945, auf der 
Flucht aus Berlin, verschwand sie auf geheimnisvolle Weise. 
Man hörte nie wieder etwas von ihr. Manche sagen, sie hätte 



Rußlandfeldzug 1941-1944 


147 


Selbstmord mit Hilfe der von Hitler verteilten Zyankali-Gift¬ 
ampullen 264 gemacht. 

Nach dem Abschluß der Nachkur bei Prof. Zabel trat ich im 
Juli 1944 meinen Dienst im FHQ Wolfsschanze wieder an, wo 
inzwischen die Bunker verstärkt worden waren. Die flachen 
Dächer der Bunker waren mit Gras und Bäumen bepflanzt 
worden, so daß sie vom Flugzeug aus nicht mehr zu erkennen 
waren. Bei meiner Rückkehr war Hitler zu mir sehr herzlich 
wie in alten Zeiten. Da er wußte, daß ich auch die Bircher- 
Benner-Diät einnahm, fragte er mich, ob ich im Kasino oder 
allein essen würde? Als ich sagte allein, lud er mich ein, die 
Mahlzeiten mit ihm zusammen in seinem Bunker einzuneh¬ 
men. Einen Thg vor dem Attentat, also am 19. Juli 1944 sagte 
er beim Mittagessen zu mir: »Es darf mir jetzt nichts passie¬ 
ren, niemand ist da, der die Sache weiterführen kann.« 

Die Lagebesprechungen wurden damals im Aufenthaltsraum 
im Gästehaus (Baracke) abgehalten. Es war ein sehr heißer 
Sommer, in den moorigen Wiesen gab es Schwärme von Mük- 
ken und Schnaken. Die Posten trugen Moskitonetze. Am 
20. Juli um die Mittagszeit hörte ich eine Explosion. Es 
knallte öfters in der Nähe, da abseits von den Wegen Teller¬ 
minen verlegt waren, die manchmal durch das Wild ausgelöst 
wurden. Aber diesmal war es anders. Es wurde aufgeregt 
nach dem Arzt gerufen: »Eine Bombe ist explodiert, wahr¬ 
scheinlich in der Gästebaracke!« Überall war plötzlich alles 
abgesperrt. Ich dachte mir noch, heute brauche ich bestimmt 
nicht zum Essen zum Chef.« Dann hörte ich: »Dem Chef ist 
nichts passiert, aber die Baracke ist in die Luft geflogen!« 
Wider Erwarten wurde ich gegen 3 Uhr nachmittags zum Chef 
gerufen. Als ich sein Bunkerzimmer betrat, erhob sich Hitler 
etwas mühsam und gab mir die Hand. Er sah überraschend 
frisch aus und erzählte von dem Attentat: »Der schwere Fuß 
des Tisches habe die Explosion abgehalten. Dem neben mir 
sitzenden Stenographen sind beide Beine weggerissen wor¬ 
den. Ich hatte ganz großes Glück! Wäre die Explosion im 
Bunker und nicht in der Holzbaracke vor sich gegangen, so 
wäre keiner mit dem Leben davongekommen. Aber habe ich 
es nicht schon die ganze Zeit über geahnt, daß so etwas kom- 




148 


Er war mein Chef 


men werde? Ich habe es Ihnen ja gestern noch gesagt, erinnern 
Sie sich?« 

Hitler fragte dann noch, ob ich das Besprechungszimmer schon 
gesehen habe, es sei ein unvorstellbarer Trümmerhaufen. Als 
ich dies verneinte und ihm erklärte, daß es abgesperrt sei, 
meinte er, ich müsse wenigstens seine völlig zerfetzte Uniform 
sehen. Er ließ sie durch den Diener bringen und zeigte mir die 
Hose, die, von oben bis unten in Fäden und Fetzen aufgelöst, nur 
noch durch das Gurtband zusammen gehalten wurde und den 
Rock, aus dem im Kreuz ein quadratisches Stück herausgeris¬ 
sen war. Hitler war irgendwie stolz auf diese TVophäe und bat 
mich, sie an Eva Braun zum Berghof zu schicken mit der 
Anweisung, sie sorgfältig aufzubewahren. 

Hitler erzählte dann noch, wie das Attentat auf seine Diener 
gewirkt hatte: »Linge 265 ist ganz wütend gewesen und Arndt“ 66 
standen TVänen in den Augen.« Dr. Morell war nach dem Atten¬ 
tat furchtbar nervös und aufgeregt gewesen, und daß er ihn erst 
habe zur Vernunft bringen müssen, um von ihm gleich behan¬ 
delt zu werden. Obwohl Hitler bei dem Attentat eine Gehirner¬ 
schütterung gehabt hatte, von der 'Brommelfellverletzung und 
den Hautabschürfungen nicht zu reden, legte er sich nicht wie 
die anderen Offiziere zu Bett, sondern hielt sich durch die 
Injektionen Morells aufrecht, was ich beim Mittagessen mit 
Hitler feststellen konnte. 

Für den Nachmittag war der Besuch des Duce 287 angesagt. Ich 
dachte nicht anders, als daß Hitler den Empfang verschieben 
werde, aber als ich ihn fragte, antwortete er: »Selbstverständ¬ 
lich empfange ich ihn. Ich muß das sogar tun, denn was glauben 
Sie, was sonst in der Welt für Lügen über mich verbreitet 
würden!« 

Als wir uns zum Nachmittagstee bei Hitler versammelten, lag 
bereits die Nachricht von Stauffenbergs 268 Verhaftung vor. 
Hitler war zunächst wütend, daß Stauffenberg nach Berlin 
entkommen war; aber als er erfuhr, daß man auf diese Weise 
gleich alle Mitverschworenen hatte verhaften können, rief er 
befriedigt aus: »Jetzt bin ich ruhig. Das ist die Rettung Deutsch¬ 
lands. Nun habe ich endlich die Schweinehunde, die seit Jahren 
meine Arbeit sabotieren. Ich habe es Schmundt 269 schon immer 



Rußlandfeldzug 1941-1944 


149 


gesagt, aber er ist ja ein Parsival und wollte es nicht wahrhaben. 
Jetzt habe ich den Beweis: der ganze Generalstab ist verseucht.« 
Weiter fuhr Hitler fort: »Diese Verbrecher, die mich beseitigen 
wollten, ahnen nicht, was dem deutschen Volk passiert wäre. 
Sie kennen nicht die Pläne unserer Feinde, die Deutschland so 
vernichten wollen, daß es niemals mehr auferstehen kann. 
Wenn sie glauben, daß die Westmächte ohne Deutschland stark 
genug sind, den Bolschewismus aufzuhalten, dann täuschen sie 
sich. Dieser Krieg muß von uns gewonnen werden, sonst ist 
Europa verloren an den Bolschewismus. Und ich werde dafür 
sorgen, daß niemand mehr mich davon abhalten oder beseitigen 
kann. Ich bin der einzige, der die Gefahr kennt, und der einzige, 
der sie ab wenden kann.« 

Von Königsberg wurde ein Funkwagen bestellt und im Teehaus 
des FHQ’s eine Ubertragungsanlage aufgebaut. Kurz vor Mit¬ 
ternacht gingen wir mit Hitler hinüber in das Teehaus. Dort 
waren auch die leicht verletzten Offiziere anwesend, die das 
Attentat miterlebt hatten: Jodl mit Kopfverband, Keitel mit 
verbundenen Händen. Hitler hielt kurz nach Mitternacht am 
21.7.1944 eine kurze Rede, um das Volk zu überzeugen, daß er 
unversehrt geblieben war. Er dankte der Vorsehung, daß sie 
großes Unglück vom deutschen Volk abgewendet habe. 

In den ersten Septembertagen 1944 unterlag Hitler dann schwe¬ 
ren Anfällen im Magen- und Darmtrakt. Er legte sich zu Bett, 
aber es trat keine Besserung ein. Dr. Morell diagnostizierte eine 
Rückstauung der Galle durch einen seelisch bedingten Krampf¬ 
zustand des Gallenblasenausführungsganges. Mehrere läge 
blieb Hitler teilnahmslos im Bett liegen, bis er Anfang Oktober 
1944 die Arbeit langsam wieder aufnahm. 

Starken Eindruck hatte Schmundts 269 Tod auf Hitler gemacht, 
mit dem er ernste und schwere Gespräche geführt hatte. »Wir 
haben den Klassenkampf von links liquidiert«, sagte Hitler, 
»aber leider haben wir dabei vergessen, auch den Klassenkampf 
von rechts zur Strecke zu bringen. Das ist unsere große Unter¬ 
lassungssünde gewesen.« Weiter sagte er: »Mit unfähigen Gene¬ 
ralen kann man keinen Krieg führen, man solle sich an Stalin 
ein Beispiel nehmen, er säuberte seine Armee rücksichtslos.« Er 
hatte dabei wohl mehr zu sich selbst gesprochen und plötzlich, 



150 


Er war mein Chef 


als habe er zuviel gesagt, schaltete er um. Im September 1944 
hatte Himmler schon Hitler einen Bericht von der Arbeit der 
Widerstandsleute vom Jahre 1939 gegeben. 

Hitler mochte die Offizierskaste nicht. Auf dem Berghof sagte 
er einmal: »Nach dem Krieg hänge ich die Uniform an den 
Nagel, ziehe mich zurück und die Regierungsgeschäfte kann 
ein anderer übernehmen. Dann werde ich meine Erinnerungen 
schreiben, mich mit geistreichen, klugen Menschen umgeben 
und will keinen Offizier mehr sehen. Es sind ja alles verbohrte 
Strohköpfe, einseitig und stur. Meine beiden alten Sekretärin¬ 
nen werden dann bei mir sein und für mich schreiben. Die 
jungen heiraten ja doch alle weg, und wenn ich alt bin, dann 
können die älteren auch meinem Tempo noch folgen.« 

Gegen Ende 1944 wurde der Aufenthalt im FHQ Wolfsschanze 
immer beängstigender. Täglich überflogen feindliche Flieger 
das Hauptquartier. Hitler erwartete ständig einen überra¬ 
schenden Angriff und mahnte die Unvorsichtigen, die Luft¬ 
schutzbunker aufzusuchen. Von einem Verlassen des FHQ’s 
und einem Rückzug nach Berlin wollte er jedoch nichts wissen, 
obwohl er immerzu von allen Seiten dazu gedrängt wurde. Er 
sagte: »Es ist meine Pflicht, hierzubleiben. Das beruhigt die 
Bevölkerung. Meine Soldaten werden auch niemals zulassen, 
daß die Front bis an das Hauptquartier ihres Führers zurück¬ 
genommen werden muß. Und solange sie wissen, daß ich hier 
ausharre, werden sie mit um so größerem Elan kämpfen und 
die Front zum Stehen bringen.« Die Verlegung des Hauptquar¬ 
tiers nach Berlin erfolgte dann doch Ende November 1944, 270 
als die Front immer näher rückte. 

Die Vorbereitung für die Ardennenoffensive, von der sich Hit¬ 
ler eine Wendung des Kriegsglücks im Westen versprach, traf 
Hitler noch im FHQ Wolfsschanze. Gegen Ende 1944 wartete 
er ungeduldig auf den richtigen Zeitpunkt, um den Befehl zur 
Ausführung zu geben. Bei der Festsetzung des Tages >X< spielte 
jedoch seine Intuition keine entscheidende Rolle, es kamen 
jetzt nur noch die Meteorologen zu Wort. Er konsultierte sie 
Tag für Täg. Der Fachmann, der ihm für den Dezember 1944 
eine Zeit des Nebels vorausgesagt hatte, welche die Konzentra¬ 
tion der TYuppen vor Beginn der Offensive begünstigte, erhielt 



Rußlandfeldzug 1941-1944 


151 


von ihm zum Dank für seine richtige Vorhersage eine goldene 
Uhr. 

Von Mitte Dezember 1944 bis Mitte Januar 1945 bezogen wir 
das Führerhauptquartier >Adlerhorst<, 271 wo wir auch das 
Weihnachtsfest verbrachten. Hunger hieß die Station in der 
Nähe von Bad Nauheim. Das FHQ Adlerhorst bestand aus 
kleinen Blockhütten in einem waldigen Gelände und hatte auch 
unterirdische Bunker. Hitler, Dara und ich standen dort einmal 
unter den Bäumen im Freien, als über uns hinweg im hellen 
Sonnenschein Pulke von englischen oder amerikanischen Bom¬ 
bern ins Reich einflogen. Ich fragte den Führer: »Glauben Sie 
denn, mein Führer, daß wir den Krieg überhaupt noch gewinnen 
können?« Hitler antwortete: »Wir müssen.« Dara brachte mir 
dieses Gespräch später wieder in Erinnerung und sagte, »... sie 
hätte damals im Erdboden versinken können über meine 
Frage«. 272 

Nach dem Scheitern der Ardennenof fensive kehrten wir wieder 
nach Berlin zurück. Die Lagebesprechungen hielt Hitler 
zunächst noch in seinem Arbeitszimmer in der Neuen Reichs¬ 
kanzlei ab und die Mahlzeiten nahm er in unserem schon öfters 
erwähnten IVeppenzimmer ein. Da aber später die Lagebespre¬ 
chungen und die Mahlzeiten dauernd durch plötzliche Flieger¬ 
alarme gestört wurden, blieb Hitler dann in seinem Bunker. 



Frauen um Hitler 


Unter dieser reißerischen Überschrift sind viele Lügen über 
Hitlers Umgang mit Frauen in die Welt gesetzt worden. Es mag 
sein, daß Hitler vor 1914 und im 1. Weltkrieg einige sexuelle 
Erfahrungen mit Frauen gehabt hat. Im Dezember 1933 wider¬ 
sprach er z. B., wie ich schon erzählt habe, meiner Behauptung, 
Emilie sei ein häßlicher Name, damit, daß er entgegnete: »Sagen 
Sie das nicht, Emilie ist ein schöner Name, so hieß meine erste 
Geliebte!« 

Im Ersten Weltkrieg soll Hitler 1917 eine 18jährige Französin in 
schwangerem Zustand in Frankreich zurückgelassen haben, die 
einem Sohn Jean-Marie Loret das Leben schenkte. Jean-Marie 
Loret erfuhr erst kurz vor dem Tode seiner Mutter, wer sein 
Vater gewesen ist - angeblich Adolf Hitler. Seitdem hat er 
versucht, die Vaterschaft Hitlers u. a. in einem Heidelberger 
Institut durch genetische Untersuchungen glaubhaft zu ma¬ 
chen. 

Wie gesagt, diese zwei Fälle mögen wahr gewesen sein. Fest 
stehen dürfte aber, daß von dem Moment an, als Hitler beschloß, 
Politiker zu werden, er solchen Genüssen entsagte. Hitlers 
Befriedigung spielte sich bei der Ekstase der Massen ab. Bei den 
Frauen, mit denen er sich umgab, war Erotik im Spiel, aber kein 
Sex. »Meine Geliebte ist Deutschland«, betonte Hitler immer 
wieder. 273 

Vielleicht trifft auch das oft erwähnte Gerücht von nur einem 
Hoden zu. 274 Professor Kielleuthner, der Urologe Münchens, 
gab jedenfalls Henriette von Schirach eines Täges ein von ihr 
ausgeliehenes Buch zurück, das sich mit den Wohnungen 
berühmter Münchner befaßte. Kielleuthner sagte ihr, er habe 
alle darin aufgeführten Namen der von ihm behandelten Promi¬ 
nenten mit Bleistift unterstrichen. Als sie nachsah, und auch 
Hitlers Namen unterstrichen fand, fragte sie ihn: »An was 





Frauen um Hitler 


153 


haben Sie den Hitler behandelt?« Kielleuthner antwortete: 
»Hitler habe nur einen Hoden gehabt, er hätte ihm aber nicht 
helfen können, dafür sei er bereits zu alt gewesen.« Das ganze 
soll sich in den 20er Jahren abgespielt haben. Möglich, daß 
Hitler eines Thges von einer Frau deswegen gehänselt worden 
war, weshalb er vielleicht von allen weiteren sexuellen Aktivi¬ 
täten Abstand nahm. 

Maser legt Linge in den Mund, daß Hitler völlig normale 
Geschlechtsteile gehabt habe, die Linge bei einem Picknick 
gesehen habe, als sie beide an einem Baum ihr Wasser ablie¬ 
ßen... 275 Das hat Maser m. E. Linge bewußt in den Mund 
gelegt, um das Vorhandensein eines Sohnes Hitlers zu bewei¬ 
sen. Ich komme darauf noch später zurück. 

Hitler liebte zweifelsohne die Gesellschaft von schönen Frauen 
und wurde von ihnen inspiriert. Er brauchte Erotik, aber kei¬ 
nen Sex. Bei dem hohen Ziel, das er sich gesetzt hatte und für 
das er ganz aufging, spielte sich die Befriedigung in seinem 
Kopf ab. So berichtete mir Emil Maurice, 276 Hitlers Fahrer, 
daß er, wenn er mit Hitler in irgendeine andere Stadt gefahren 
war, er - Maurice - in der Zeit, die Hitler mit Besprechungen 
verbrachte, Mädchen aufreißen mußte. Man saß dann mit die¬ 
sen beisammen und unterhielt sich. Hitler hätte den Mädchen 
auch Geld gegeben, aber irgendwelche Gegenleistungen hat er 
nie verlangt. 

Eine Ausnahme bildete Angelika Raubal, genannt Geli, 277 die 
Töchter von Hitlers Halbschwester Angela Raubal. Dieses 
Mädchen liebte er sehr, hatte aber auch keine sexuellen Bezie¬ 
hungen mit ihr (s. auch meine Gespräche mit Anni Winter 278 
usw.). 

Hier muß ich kurz eine Korrektur zu dem Buch »Hitler aus 
nächster Nähe« von Dr. h. c. Wagener, Seite 98 anbringen. In 
der Wohnung am Prinzregentenplatz 16 (eigentlich 2 Wohnun¬ 
gen rechts und links), führte den Haushalt nicht Frau Raubal, 
sondern von Anfang an Frau Winter. Beim Umzug aus der 
Thierschstraße brachte Hitler seine alten Wirtinnen Frau Rei¬ 
chel und deren Mutter Frau Dachs mit. 279 Später bezog Geli 
Raubal eines dieser Zimmer. Lt. Ada Klein stimmt es auch 
nicht, daß Hitler Geli nicht zur Bühne gehen lassen wollte. Sie 




154 


Er war mein Chef 


wollte keine Gesangsstunden nehmen! Schließlich ließ sie sich 
von ihrem Onkel überreden, der sie gern als Wagnersängerin 
gesehen hätte. 

Seit 1929 wohnte Geli Raubal bei Hitler am Prinzregenten¬ 
platz 16, der sich des hübschen, lebenslustigen Mädchens in 
liebevoller Weise annahm. Er verwöhnte sie sehr und tat ihr 
alles zuliebe. Geli schmeichelte es einerseits, daß der berühmte 
Onkel ihr so zugetan war, andererseits litt sie aber darunter, daß 
er alle ihre Schritte kontrollierte und sie eifersüchtig von Ver¬ 
ehrern femhielt. 

Als sie einen Kunstmaler in Linz heiraten wollte, 280 veranlaßte 
Hitler Gelis Mutter, den beiden Liebenden ein Jahr der TYen- 
nung zur Prüfung aufzuerlegen. 281 In einem Brief des Malers, 
den ich 1945 am Berghof vor Schaubs Vernichtung gerettet 
hatte, 282 hieß es u. a.: 

»... Ich kann mir die Handlungsweise Deines Onkels nur aus 
egoistischen Beweggründen Dir gegenüber erklären. Er will 
ganz einfach, daß Du eines Thges keinem anderen gehören sollst 
als ihm.« 

Und an einer anderen Stelle schrieb der junge Mann: 

»... wie wenig kennt er Deine Seele.« 

Und damit hatte er sicher recht. Denn eines Thges ertrug Geli 
den Zwang nicht mehr und erschoß sich nach einem tags zuvor 
erfolgten Streit mit ihrem Onkel. 

Nach Gelis Tod war Hitler völlig verwandelt, seine Umgebung 
befürchtete, daß er auch seinem Leben ein Ende setzen würde. 
Heinrich Hoff mann 283 nahm sich seiner besonders an und es 
gelang ihm auch im Laufe der nächsten Monate, Hitler aus 
seiner selbst gewählten Einsamkeit zu entreißen. 

Gelis Selbstmord am 18. September 1931 hatte Hitler schwer 
getroffen, und er wurde von dieser Zeit ab Vegetarier. 284 Die 
Erinnerung an Geli blieb immer lebendig und er trieb einen 
wahren Kult mit dem Andenken an sie. Ihr Zimmer in seiner 
Münchner Wohnung mußte in dem Zustand bleiben, wie es im 
Augenblick ihres Todes war. Den Schlüssel zu ihrem Zimmer 
trug er bis zum Ausbruch des Krieges stets bei sich. Auch das 
Zimmer, das Geli im Haus Wachen feld zu bewohnen pflegte, 
blieb immer verschlossen. Als das Gebäude später zum Berghof 





Frauen um Hitler 


155 


vergrößert wurde, ließ er den Teil, in dem sich Gelis Zimmer 
befand, unberührt liegen. Alle ihre Kleider, ihre Tbilettenge- 
genstände, und was ihr sonst gehört hatte, blieben an ihrem 
Platz. Gelis Mutter verweigerte er sogar die Rückgabe von 
Erinnerungsstücken und Briefen. 

Erst bei Kriegsende beauftragte Hitler seinen Vertrauten Schaub 
mit der restlosen Vernichtung von Gelis persönlichem Besitz. 
Hitler ließ nach ihren Fotos auch eine Büste von ihr anfertigen. 
Wenn man dies alles weiß und daß Hitler sich immer distanziert 
hatte, sobald eine Liebesbeziehung feste Formen anzunehmen 
drohte, und wenn man ihn dann im IVeppenzimmer sagen hörte: 
»Es gab nur eine Frau, die ich geheiratet hätte...«, bestand für 
mich kein Zweifel, daß Geli diese Frau gewesen ist. 

Im IVeppenzimmer hatten wir Hitler einmal gefragt: »Warum 
haben Sie nicht geheiratet?« Er antwortete uns: »Ich wäre kein 
guter Familienvater, und ich halte es für verantwortungslos, 
eine Familie zu gründen, wenn ich mich meiner Frau nicht im 
genügenden Maße widmen kann. Außerdem möchte ich keine 
eigenen Kinder. Ich finde die Nachkommen von Genies haben es 
meist sehr schwer in der Welt. Man erwartet von ihnen eigent¬ 
lich das gleiche Format wie das des berühmten Vorfahren und 
verzeiht ihnen den Durchschnitt nicht. Außerdem werden es 
meistens Kretins.« 

Hitler scheint es immer so gehalten zu haben: Alles war plato¬ 
nisch! Angefangen bei der blonden Stefanie 285 in Linz, die er 
von weitem anschmachtete, über Mizzi Reiter, 286 Ada Klein, 287 
Sigrid von Laffert 288 bis zu den Schauspielerinnen und Künst¬ 
lerinnen, die in den ersten Jahren nach der Machtübernahme 
abends von Hitler zur Unterhaltung in die Führerwohnung in 
die Reichskanzlei eingeladen wurden. Er bewunderte aufrichtig 
die berühmten Schauspieler, Schauspielerinnen und Tänzerin¬ 
nen. Zur Premiere und an ihren Geburtstagen bedachte er sie 
regelmäßig mit wertvollen Geschenken. Im Kriege machte er 
sich eine Freude daraus, ihnen Kaffee- und Lebensmittelpakete 
zu schicken und freute sich dann sehr über die Dankbriefe, die 
er aufmerksam las. Seine Gewohnheit, den Künstlern und 
Künstlerinnen alljährlich einen brillianten Empfang zu geben, 
mußte er im Krieg aufgeben. 




156 


Er war mein Chef 


Ich erinnere mich z. B. an die Tänzerinnen, die Geschwister 
Hopfner, 289 Jenny Jugo, 290 dann an Magda Goebbels, 291 deren 
Schwägerin Ello Quandt, 292 Margarete Slezak, 292 Leni Riefen¬ 
stahl, 294 Unity Mitford 295 bis zu Eva Braun. Ja, auch seine 
Beziehung zu Eva Braun war ein Scheinverhältnis. 

Hitlers Leibfotograf, Heinrich Hoffmann, war überzeugt 
davon, daß Hitler nichts mit Eva Braun hatte. 296 Sie war hinter 
ihm her, und er ging hin und wieder mit ihr aus. Als er durch die 
Wahlreisen wenig Zeit mehr für sie hatte, versuchte sie es 
schlauerweise mit Selbstmordversuchen. Und siehe da, sie hatte 
Erfolg damit, denn einen zweiten Selbstmord in seiner engsten 
Umgebung konnte sich Hitler als Politiker nicht leisten. Ich 
sage es noch einmal, die einzige Frau, die er geliebt und später 
bestimmt geheiratet hätte, war seine Stiefnichte Geli Raubal. 
Die Kalkulation Eva Brauns ging auf: Hitler bezog Eva Braun 
mehr in sein Leben ein. Dadurch war er nicht nur vor weiteren 
Selbstmorddrohungen geschützt, sondern baute sich auch 
gleichzeitig mit ihrem Vorhandensein ein Schutzschild gegen 
alle anderen aufdringlichen Frauen auf. 

Daß Hitler keinen Geschlechtsverkehr mit Eva Braun gehabt 
hat, vertraute Eva Braun ihrer Friseuse an (Bericht bei Klaus 
von Schirach). Dasselbe vertraute Nelly Scholter, die Frau des 
Bormannschen Gynäkologen, Dr. Scholter, Frau Ada Klein 291 
an, die in den 20er Jahren mit Hitler befreundet gewesen war. 
Auch mit Ada Klein war es nie zu Intimitäten gekommen. Die 
gleiche Abstinenz übte Hitler auch Gretl Slezak 298 gegenüber 
aus. 




Ada Klein 


Bei der Neugründung der NSDAP am 27. Februar 1925 im 
Bürgerbräukeller sah Hitler Ada Klein zum ersten Mal. Sie 
war ein sehr schönes Mädchen - Geli-iyp - und stand gut 
sichtbar ihm zuhörend auf einem Stuhl, wie viele andere. Hit¬ 
ler sah sie und erkundigte sich anschließend bei Emil Mau¬ 
rice 299 nach ihr, der sie aber nicht ausfindig machen konnte. 
Ada Klein arbeitete bei einer kleinen völkischen Zeitung, von 
wo aus sie Max Amann 300 für den V. B. 3#1 engagierte. Als sie 
hier in der Schellingstraße eines Täges aus der Tür trat, wollte 
Hitler gerade in den Verlag hinein gehen. Er sagte erfreut zu 
ihr: »Ach, hier sind Sie!« Dann traf man sich des öfteren nach 
Versammlungen. Einmal war sie allein mit ihm im alten Haus 
Wachenfeld am Obersalzberg, wo er selbst Kaffee kochte und 
feststellte, daß Schaub, sein Adlatus, die Keksdose geleert 
hatte. 

Einmal lud er sie zu Emil Maurice ein, der zwei Zimmer 
bewohnte. Emil Maurice verließ kurz nach ihrem Kommen die 
Wohnung. Die Tür zum 2. Zimmer stand offen, wo Ada ein Bett 
sah. Wie sie mir sagte, ist es jedoch nie zu Intimitäten gekom¬ 
men (Küssen zählte sie nicht zu Intimitäten). Er hat ihr gesagt, 
»...daß er nicht heiraten könne«. Er sagte aber auch zu ihr: 
»Du machst mich >rauschiger<, als wenn ich den stärksten Rum 
in den Tee tu« und »Du hast mich das Küssen gelehrt!« Ada 
Klein war zwei Jahre lang (1925/26) mit Hitler befreundet. 
Hitler nannte sie »Deli!« und schrieb ihr einige kurze Briefe, 
die sie noch heute besitzt. 

Als eine ihrer Nichten (die zwei hübschen Epps 302 waren Tän¬ 
zerinnen und wurden zuweilen bei Hitler in seine Wohnung am 
Prinzregentenplatz eingeladen) ihm 1936 berichtete, daß Ada 
Dr. Schultze 303 heiraten würde, hat er gesagt: »Da bekommt 
Dr. Schultze eine gute Kameradin!« Dr. Schultze wurde später 







158 


Er war mein Chef 


Professor und war Leiter des Gesundheitsamtes im Bayerischen 
Innenministerium. 

Ich traf 1930 mit Ada Klein in einem Gymnastikkurs am Caroli¬ 
nenplatz zusammen, wo viele Angestellte des Braunen Hauses 
und sie vom Eher-Verlag teilnahmen. Dann verlor ich sie aus' 
den Augen. Erst Ende der 70iger Jahre kamen wir wieder zu¬ 
sammen. Eines Täges, als sie mich in meiner Wohnung besuchte, 
erzählte ich ihr, daß ich Ostern 1979 Jean-Marie Loret kennen¬ 
gelernt hätte, der gehofft hatte, ich würde in ihm Hitlers Sohn 
erkennen, den er im Ersten Weltkrieg mit einer Französin Char¬ 
lotte Lobjoies gezeugt haben soll. Da wir uns auch sprachlich 
nicht verständigen konnten, war es u. a. unmöglich, ihn als Sohn 
Hitlers zu erkennen. Lediglich beim Spaziergang draußen in der 
Blumenau, wo Loret vor mir herging, vermeinte ich eine Ähn¬ 
lichkeit in Gang und Haltung mit Hitler festzustellen, aber da 
kann man sich ja täuschen. 



Gretl Slezak 


Gretl Slezak 304 war die Tbchter des berühmten Heldentenors 
Leo Slezak, der auch im Alter noch die Menschen begeisterte. In 
den zwanziger Jahren hatte Hitler Gretl Slezak im Gärtner¬ 
platz-Theater in München kennengelernt, wo sie das süße Wie¬ 
ner Mädel, die Hauptrolle in der >Goldenen Meisterin< spielte. 
Es ging ein Zauber von ihr aus, der jeden gefangennahm und 
Hitler ignorieren ließ, daß sie Vierteljüdin war. Hier muß ich 
auch wieder Dr. Pickers Angaben auf Seite 288 in dem Buch 
»Hitlers Tischgespräches das 1976 im Seewald-Verlag erschien 
(3. erweiterte und völlig neu bearbeitete Ausgabe) widerlegen, 
nämlich, daß »Hitlers Überlegungen ihn bestimmt hatten, 
Weihnachten 1932 seinen besonders herzlichen Kontakt zur 
beliebten Berliner Soubrette Gretl Slezak einschlafen zu 
lassen«. 

Gerade das Gegenteil war der Fall! Hitler hielt die Bekannt¬ 
schaft mit der charmanten Sängerin, die den unverwüstlichen 
Humor ihres Vaters 305 geerbt hatte, auch nach der Machtüber¬ 
nahme weiter aufrecht, und er freute sich über jede Begegnung 
mit ihr. Ohne sein Einverständnis hätte sie in den dreißiger 
Jahren als Vierteljüdin bestimmt keinen jahrelangen Vertrag 
als Kammersängerin an die Deutsche Oper in Berlin erhalten. 
Im März 1938, an dem Sonntag vor dem Anschluß Österreichs 
an das Reich, bat Hitler Gretl Slezak und mich zum Tee in seine 
Berliner Wohnung im Radziwill-Palais. Im sogenannten Musik¬ 
saal, in dem abends Filmvorführungen stattfanden, an denen 
außer dem engeren Stab auch das BKD und das Hauspersonal 
teilnehmen konnten, war der Teetisch vor dem Kamin gedeckt. 
Hitler hörte gern die »chronic scandaleuse< aus den Künstler¬ 
kreisen und amüsierte sich köstlich über die Geschichten, die 
Gretl Slezak charmant-boshaft zu erzählen verstand. 

An jenem Sonntag wußte noch niemand, was für die kommende 





160 


Er war mein Chef 


Woche von Hitler geplant war. 306 Ich hatte keine Ahnung, daß 
Hitler an diesem Täg schon im geheimen Österreich entgegen¬ 
fieberte und m. E. bemüht war, die Zeit, d. h. seine Ungeduld auf 
irgendeine Weise bis dahin zu überbrücken. 

Die Tbestunde hatte sich schon über Gebühr lange hinausgezo¬ 
gen. Und da wir ja nicht ewig am Kamin sitzen bleiben konnten, 
mir Hitler andererseits schon lange versprochen hatte, sich 
einmal meine Wohnung anzusehen, kam ich hierauf zurück. Ich 
fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, heute abend mal die Wohnung 
anzusehen. Spontan sagte er zu und kam am Abend, von seinem 
Diener begleitet, der mir eine Flasche Fachinger übergab und 
dann sofort verschwand, in meine Wohnung, die sich im Park 
der Reichskanzlei befand. 

1936 hatte Hitler an die der Hermann-Göring-Straße angren¬ 
zenden Parkseite zwei Häuser im englischen Landhausstil von 
Speer errichten lassen, in denen ursprünglich nur Angehörige 
des BKD 307 mit ihren Familien Wohnung beziehen sollten. Kurz 
vor der Fertigstellung kam mir eines Thges der Gedanke, daß es 
sehr praktisch wäre, wenn wir Sekretärinnen gleichfalls dort 
wohnen könnten. Die Reisen wurden nach Hitlers Devise: »Nie¬ 
mand soll etwas wissen, was er nicht unbedingt wissen muß, 
und wenn er es wissen muß, dann im letzten Moment«, immer 
sehr kurzfristig angesetzt. Ich geriet jedesmal von neuem in 
Rage, wenn ich schnell in meine Wohnung am Savigny-Platz 
fahren und dort nicht nur meinen Koffer holen, sondern auch 
erst noch packen mußte. 

So fragte ich eines Thges Hitler nach einem Diktat, ob es nicht 
möglich sei, daß wir Sekretärinnen ebenfalls in der Hermann- 
Göring-Straße eine Wohnung bekommen könnten. Er nahm 
meine Idee auf und sagte: »Ja, Kind, das wäre gut, da hätte ich 
Euch immer gleich bei mir!« Speer wurde mit den Bauplänen 
für die Häuser herbeizitiert, und Hitler erteilte ihm den Auf¬ 
trag, noch drei Sekretärinnen-Wohnungen einzuplanen. Als die 
Wohnungen bezugsfertig waren, ließ mir Hitler durch Schaub 
3000 Mark für notwendige Neuanschaffungen aushändigen und 
versprach, sich meine Wohnung demnächst mal anzuschauen. 
Gretl Slezak war nach der Beendigung des Ifees im Radziwill- 
Palais schnell in ihre Wohnung am Kurfürstendamm gefahren, 



Gretl Slezak 


161 


um sich für den Abend umzukleiden. Sie kam dann mit zwei 
hohen fünfarmigen Silberleuchtem rechtzeitig vor Hitlers 
Ankunft zu mir, wo sie die Leuchter günstig plazierte. Sie 
erhoffte sich wohl von dem Kerzenschimmer eine magische 
Wirkung auf Hitler. Jedenfalls ließ sie alle ihre Künste spielen! 
Neben Hitler auf dem englischen Sofa sitzend versuchte sie, 
seine Hände zu streicheln, aber Hitler wehrte sie sanft ab: 
»Gretl, Sie wissen doch, das mag ich nicht!« Obwohl ich diskre¬ 
terweise das Zimmer einige Male verlassen hatte, blieb Hitler 
zurückhaltend, und der Diener konnte seinen Herrn nach eini¬ 
gen Stunden unversehrt wieder in Empfang nehmen! 

Aber Gretl gab noch nicht auf und hoffte weiter, daß sie mit 
Hitler in nähere Beziehungen treten könnte. Sie spielte an der 
Deutschen Oper in Berlin in »Katharina die Große< die Haupt¬ 
rolle und hatte mir, im vorherein, überzeugt von ihrem Sieg bei 
Hitler, ein Foto gegeben, das sie im Rokokokostüm zeigte und 
groß, schräg und voll Schwung darauf geschrieben: »Tinchen, 
(so nannte sie mich) meiner 1. Hofdame von ihrer Gretl.« 

Sie übergab mir vor Silvester 1938/39 einen Brief, den ich Hitler 
übergeben sollte (s. Silvester 1938/39 auf dem Berghof). Was der 
in der Silvesternacht von mir an Hitler übergebene Brief ent¬ 
hielt, weiß ich nicht, aber Gretl wird halt ihre Werbung um ihn 
weiter untermauert haben. Hier ist noch anzufügen, daß sich 
Hitler nach der Machtübernahme niemals mit einer Schauspie¬ 
lerin eingelassen hätte, schon weil das Risiko zu groß gewesen 
wäre. Alle hätten ihre Karriere dadurch aufbessem wollen. 
Diskretion hielt er aber in bezug auf seine Stellung immer für 
unerläßlich. 

Nun noch etwas dazu, daß Hitler Gretl Slezak gemalt haben 
soll. Hitler hat in den 20er Jahren keine Aquarelle mehr ange¬ 
fertigt, lediglich Skizzen architektonischer Art. 1932, wo er 
angeblich Gretl Slezak gemalt haben soll, war er auf Menschen¬ 
jagd, hat dreimal an einem läge an jeweils anderen Orten 
gesprochen. Da war keine Zeit und kein Interesse mehr für die 
Malerei. Die Aquarelle hat er seinerzeit nur gemalt, um Geld für 
seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das hatte er ab 1919 nicht 
mehr nötig, wo er als Ausbilder bei der Reichswehr tätig war. 
Dann wurde er abkommandiert, sich die neu gegründete Partei 



162 


Er war mein Chef 


des Herrn Drexler 308 anzusehen. Von da an galt sein Leben doch 
nur noch der Partei bzw. der Politik. 

Nun zu Margarete Slezak. Ich war seit 1935 sehr eng mit ihr 
befreundet. Hätte Hitler sie jemals gemalt, das hätte ich gewußt, 
denn ich ging bei ihr ein und aus. Die angeblichen Briefe Hitlers 
an Margarete Slezak sind plumpe Fälschungen. Margarete Sle¬ 
zak war verheiratet gewesen, geschieden und hatte eine Toch¬ 
ter. Das alles wußte Hitler. Er war nicht so ungebildet, daß er 
eine geschiedene Frau mit »Fräulein Slezak« angesprochen 
hätte. Außerdem hat er immer »Gretl« und »Sie« zu ihr gesagt. 
Niemals hat er zu Gretl »Tschapperl«, d.h. »Dummchen« ge¬ 
sagt; auch eine Unterstellung. 

Ich war bei einer ehemaligen Freundin Hitlers, Ada Klein. Sie 
war in den 20er Jahren auch Gast in seiner Wohnung in der 
Thierschstraße und weiß also auch von diesen Besuchen her, daß 
Hitler schon damals nie mehr gemalt hat. Diese Dame ist auch 
genau wie ich der Ansicht, daß er nie Blumen gemalt hat, 
lediglich architektonische und landschaftliche Skizzen. Da ver¬ 
sucht jemand in unverschämter Weise zu täuschen. 



Eva Braun 


Nur wenige Menschen wußten vor dem Ende des Zweiten Welt¬ 
krieges etwas von Eva Braun. 309 Ich lernte sie im Sommer 1933 
auf dem Obersalzberg kennen. Als Tochter eines Münchner 
Gewerbelehrers im Institut der Englischen Fräuleins erzogen, 
war sie nach dem Abschluß einer kaufmännischen Lehre als 
Verkäuferin im Fotogeschäft Heinrich Hoffmanns tätig. 
Obwohl äußerlich zart, blond und mädchenhaft, war sie von 
großer Energie und Willenskraft. Sie konnte sehr konsequent 
sein, wenn es darum ging, ihren Willen durchzusetzen. Eva 
Braun war sehr sportlich, lief gut Ski, schwamm hervorragend 
und vor allem tanzte sie leidenschaftlich gern, was Hitler nie 
tat. 

Bei Heinrich Hoffmann lernte Hitler Eva Braun 1929 kennen, 
der für sie ein sehr interessanter Mann war. Sein Name ging 
dauernd durch die Presse, Männer begleiteten ihn, und erbesaß 
einen großen Mercedes mit einem Chauffeur. Ihr Chef Heinrich 
Hoffmann hatte Hitler eine große Zukunft vorausgesagt. 

Ein halbes Jahr nach Geli Raubais Tod im September 1931 war 
es Hitlers Freunden endlich gelungen, ihn aus seiner Lethargie 
herauszureißen. Heinrich Hoffmann führte ihn eines Thges ins 
Kino und »rein zufällig« saß Hitler neben Eva Braun, die er 
schon zu Gelis Zeiten manchmal zum Eis eingeladen hatte. 
Hitler traf sich anschließend hin und wieder mit ihr, ohne sich 
jedoch ernsthaft für sie zu interessieren. 310 Eva Braun erzählte 
ihren Freundinnen jedoch, daß Hitler in sie verliebt sei, und 
spann ihre Fäden. 

Hitler, der von ihren Absichten keine Ahnung hatte, war daher 
mehr als überrascht, als ihm Heinrich Hoffmann eines Täges im 
November 1932 mitteilte, daß Eva Braun seinetwegen einen 
Selbstmordversuch unternommen habe. Hoffmann war natür¬ 
lich an der Aufrechterhaltung des von ihm lancierten Verhält- 




164 


Er war mein Chef 


nisses aus geschäftlichen Gründen sehr interessiert. So fand 
auch das erste Wiedersehen zwischen Hitler und Eva Braun 
nach ihrem Selbstmordversuch im Hause von Heinrich Hoff- 
mann in der Wasserburgerstraße statt. 

Marion Schönmann, 311 die dabei war, erzählte mir in den 60er 
Jahren von dem damals abgelaufenen Manöver: »Die Erna 312 
hat vor Hitlers Eintreffen in den oberen Räumen die Eva auf 
>leidend< geschminkt.« Auf diese Weise konnte der Erfolg nicht 
ausbleiben, als Hitler die »noch immer bleiche Eva« die TVeppe 
herunterkommen sah. 

Hitler war der Ansicht, daß er ihr keinen Anlaß gegeben habe, 
der ihre Iht rechtfertigte. Jedoch der Gedanke an die Möglich¬ 
keit, daß noch einmal der Selbstmord eines jungen Mädchens 
einen Schatten auf ihn werfen könnte, war ihm allein schon im 
Hinblick auf seine politische Aufgabe, unerträglich und beun¬ 
ruhigte ihn sehr. Das hatte Eva mit weiblicher List nach Gelis 
Selbstmord registriert. Es blieb Hitler nichts anderes übrig, als 
nach diesem Erpressungsversuch sich mehr um Eva Braun zu 
kümmern. 313 

Er begann von nun an, Eva Braun in sein Leben einzubeziehen 
und für sie zu sorgen. Von diesem Zeitpunkt ab war sie auch hin 
und wieder Gast am Obersalzberg, wohnte aber nicht im Haus 
Wachenfeld, da Frau Raubal eine spürbare Antipathie gegen sie 
an den 1hg legte. Hitler mietete zunächst für Eva Braun eine 
Wohnung in der Widemayerstraße. Einige Jahre später 
schenkte er ihr in München ein kleines Haus mit Garten in der 
Wasserburgerstraße 12. 

Eva Braun war Hitlers Halbschwester, Frau Raubal, die ihm am 
Berg den Haushalt führte, nicht genehm, und sie machte aus 
ihrer Ablehnung auch keinen Hehl. Sie übersah die damals 
weißblonde Eva geflissentlich und redete sie nur mit »Fräulein« 
ohne Namensnennung an. Sie hielt mit ihrer Meinung nicht 
zurück und sagte einmal zu Göring: 314 »Um zwei Dinge beneide 
ich Sie für meinen Bruder: Erstens um Frau Sonnemann 315 und 
zweitens um Robert.« 316 Göring hörte ich darauf sagen: »Robert 
würde ich notfalls abgeben, aber niemals Frau Sonnemann « 

Zu Göring und vor allem zu dessen Frau Emmy, hatte Eva 
Braun von Anfang an eine Abneigung. Im zweiten Kriegsjahr 



Eva Braun 


165 


lud Emmy Göring z. B. alle Damen des Berghofs zum Tee in 
ihr Landhaus ein. Der tiefere Grund war natürlich, Eva 
Braun mal unter die Lupe zu nehmen. Hitler unterband das, 
jedenfalls gingen alle anwesenden Damen, Frau Brandt, Frau 
Morell, die Sekretärinnen hin, außer Eva Braun und ihre 
Schwester. 

Auf dem Reichsparteitag 1935 317 saßen die Frauen der Mini¬ 
ster, der Gauleiter sowie Hitlers Schwester und auch Eva 
Braun mit ihren Freundinnen gemeinsam auf der Ehrentri¬ 
büne in Nürnberg zusammen. Frau Raubal fand, daß sich Eva 
sehr auffallend benahm und sagte dies ihrem Bruder, in der 
Hoffnung, daß er daraufhin Eva Braun fallenlassen würde. 
Aber das Gegenteil geschah. Frau Raubal mußte den Berg 
verlassen und alle anderen Damen, die durch abfällige Be¬ 
merkungen über Eva Braun mit in dieser Affaire verwickelt 
waren, durften geraume Zeit die Gastfreundschaft des Hauses 
Wachenfeld nicht mehr genießen. 318 

Wie schon gesagt, hatte der erste Selbstmordversuch Eva 
Brauns bei Hitler eine nachhaltige Wirkung gezeigt. Eva 
Braun hatte dadurch erreicht, daß sie nun auch am Berg inte¬ 
griert war. Vielleicht war Hitler dabei die Anwesenheit von 
Gelis Mutter nicht angenehm, und so benutzte er die gegen 
Eva Braun auf dem Parteitag angezettelte Kampagne - viel¬ 
leicht gar nicht so ungern - um Frau Raubal vom Berg zu 
entfernen. 

Jochen von Lang glaubt es jedoch besser zu wissen. In seinem 
1977 bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienenen Buch, 
>Der Sekretär<, schreibt er auf Seite 122: »Seine Halbschwe¬ 
ster Angela Raubal führte ihm lange Jahre den Haushalt in 
München und auf dem Obersalzberg. Sie wurde abgeschoben, 
als Bormann den Berghof umbaute. Für ein großes Haus, wie 
es einem Staatschef zukam, war sie nicht mehr gut genug.« 
Ein Kommentar dazu erübrigt sich. 

Frau Raubal verließ 1936 den Berg und ging wegen ihres 
durch die Aufregung geschwächten Herzens zur Kur nach 
Bad Nauheim. Dort lernte sie den Professor Hammitzsch 31 “ 
von der Dresdner Hochschule kennen. Sie heiratete ihn 1936 
und sah ihren Bruder in Zukunft nur noch ganz selten, und 




166 


Er war mein Chef 


zwar nur offiziell an seinem Geburtstag. Sie mußte aber im 
Hotel Kaiserhof wie ein fremder Mensch warten, bis einer der 
Adjutanten sie in die Reichskanzlei zu ihrem Bruder herüber¬ 
holte. 

Von nun an war Eva Brauns Stellung zusehends gefestigt, was 
besonders im Haus Wachenfeld sichtbar wurde, wenngleich sie 
bei offiziellen Anlässen nicht in Erscheinung treten durfte. Und 
als im Sommer 1936 das Haus Wachenfeld zum >Berghof< umge¬ 
staltet wurde, bezog sie im 1. Stock des Anbaus ein an Hitlers 
Schlafzimmer angrenzendes Appartement. Jetzt standen auch 
für ihre Schwestern und ihre Freundinnen, mit denen sie sich 
immer umgab, Fremdenzimmer zur Verfügung. Sie sorgte nur 
für ihre Geschwister und Freundinnen, aber man spürte auch 
ihre Dankbarkeit, wenn man sie für voll nahm. Ihre Freund¬ 
schaften zu Frauen waren sehr schwankend und in den meisten 
Fällen nicht von langer Dauer. Politisch war sie, genau wie alle 
anderen Frauen in Hitlers Umgebung, völlig ahnungslos. Hitler 
vermied in Gegenwart von Frauen jedes politische Gespräch 
über in Gang befindliche oder geplante Aktionen. Oft hörte man 
Eva Braun klagen: »Ich weiß überhaupt nichts, vor mir wird 
alles geheim gehalten!« 

In ihrem Urteil - vor allem über Künstler - war Eva sehr wenig 
objektiv, wenn ihr ein Gesicht nicht gefiel, dann konnte der 
Schauspieler oder die Schauspielerin noch so gute Qualitäten 
haben, da war’s aus. 

Eva wechselte ein paarmal am Thg ihre Garderobe, beschäftigte 
eine Friseuse und machte immer einen sehr gepflegten Ein¬ 
druck. Über ihre Garderobe führte sie >Buch< unter Benutzung 
von Stoffproben. Sie hatte zwei Scotch-Terrier, >Stasi< und 
>Negus<, mit denen sie oft spazierenging. Außerdem betätigte sie 
sich gern und oft sportlich. Sie hatte auch einen Dompfaff, dem 
sie ein Lied beigebracht hatte, das sie ihm mit gespitzten Lippen 
immer wieder vorpfiff. Eva hörte gern Schallplatten. Besonders 
bevorzugte sie Sachen von Mimi Thoma in tragischer Manier, 
wie z. B. >Ich will deine Kameradin sein<. Sie las gern Journale 
und Kriminalromane und war sehr an den neuesten Filmen 
interessiert und somit völlig ausgelastet. 

Alle Veröffentlichungen, Eva Braun sei von Hitler als >Haus- 




Eva Braun 


167 


dame< eingesetzt worden und habe den Berghof hervorragend 
geleitet, entbehren jeder Grundlage (z. B. bei Picker, »Hitlers 
Tischgespräche«, 3. Auflage, Seite 228). Dafür waren nach dem 
Weggang von Frau Raubal, Frau Endres, anschließend in den 
ersten Jahren Herr und Frau Döhring und später das Verwalter- 
Ehepaar Mittelstrasser zuständig. Bei besonderen Empfängen, 
wobei Eva Braun aber niemals in Erscheinung treten durfte, 
kam der Hausintendant Kannenberg mit seiner Frau Freda aus 
der Führerwohnung in Berlin, um alles Notwendige sachkundig 
und routiniert zu arrangieren. 

Als Hermann Fegelein 320 das erste Mal am Berghof dienstlich zu 
tun hatte, unterhielt er sich mit Marion Schönmann und fragte 
sie, »wie er es anstellen könne, zum Mittagessen eingeladen zu 
werden«. Er war damals Anfang 1944 mit Himmler auf den Berg 
gekommen. 321 Marion machte Fegelein mit Eva Braun bekannt 
und so kam auch die Einladung zum Mittagessen zustande. 
Nachdem Fegelein den Berghof verlassen hatte, vertraute Eva 
Braun Marion Schönmann an, »... daß Fegelein einen großen 
Eindruck auf sie gemacht hätte«, und Eva sagte weiter zu ihr: 
»Vor einigen Jahren sagte der Chef, wenn Du Dich eines Thges 
in einen anderen Mann verlieben solltest, dann laß mich das 
wissen, dann gebe ich Dich frei!« Und nun sagte sie zu Marion: 
»Wenn ich Fegelein 10 Jahre früher kennengelernt hätte, würde 
ich den Chef gebeten haben, mich freizugeben!« Aber es gab 
auch eine andere Lösung des Problems. 

Nachdem bereits einige Versuche fehlgeschlagen waren, ihre 
jüngere Schwester Gretl mit verschiedenen Männern aus Hit¬ 
lers Umgebung zu verheiraten (z. B. Botschafter Hewel, 322 
Adjutant Darges, 323 Minister Wagner 324 ) steuerte Eva Braun 
nun das Ziel an, Hermann Fegelein mit ihrer Schwester Gretl 325 
zu verheiraten. Fegelein war als Frauenheld bekannt. Gretl 
Braun war, wie man heute sagen würde, sexy, und Fegelein war 
aber auch sicher der Gedanke nicht unangenehm, evtl. Schwa¬ 
ger von Hitler zu werden. So kam die Heirat zustande, die im 
Juni 1944 auf dem Obersalzberg und im Tbehaus auf dem 
Kehlstein ganz groß gefeiert wurde. Eva sagte: »Ich möchte, daß 
diese Hochzeit so schön wird, als ob es meine eigene wäre!« Und 
so geschah es auch. 



168 


Er war mein Chef 


Mir gegenüber sprach Eva von »Dankbarkeit« gegen Fegelein: 
»Ich bin Fegelein so dankbar, daß er meine Schwester geheiratet 
hat. Jetzt bin ich wer, jetzt bin ich die Schwägerin von Fege¬ 
lein!« Ganz offensichtlich litt sie sehr unter der Anonymität, zu 
der sie verurteilt gewesen war. Nie durfte sie offiziell in 
Erscheinung treten. 326 Aber jetzt war sie die Schwägerin von 
Fegelein; eine Begründung für ihre Anwesenheit in Hitlers 
Umgebung. Außerdem war ihr nun der Mann nahe, dem ihr 
Herz zugetan war. 

Als Eva im Februar 1945, entgegen dem Willen von Hitler, nach 
Berlin in die Reichskanzlei kam, und ihr Appartement neben 
Hitlers Privaträumen bezog, äußerte sie den Wunsch nach 
Musik, hatte aber selbst keinen Musikschrank in ihrem Zimmer. 
Ich stellte dann den meinen, den ich im Bunker in der Voßstraße 
aufgestellt hatte, zur Verfügung. Und nun ließen wir, während 
Hitler Besprechungen hatte, in ihrem Zimmer Platten laufen, 
tranken ein Glas Sekt und öfters wurde auch ein länz mit den 
Offizieren, die dienstfrei hatten, eingelegt. Hermann Fegelein 
war meist in diesem Kreis, der mit Eva Braun tanzte. 327 
Unvergeßlich blieb mir ein Bild, das ich noch heute vor meinen 
Augen sehe. Nach der Beendigung eines länzes hob Fegelein 
Eva mit beiden Armen in Brusthöhe. Und als sie regelrecht auf 
seinen beiden Armen lag, blickten sich beide voller Zärtlichkeit 
und Sehnsucht in die Augen; Eva fühlte sich ganz offensichtlich 
sehr stark zu Fegelein hingezogen. 

Ich bin überzeugt, ihre Empfindungen ihm gegenüber gingen 
über die rein schwägerlichen hinaus, aber ich meine auch, daß 
zwischen den beiden nichts vorgefallen ist. Bei ihrer Ankunft in 
Berlin hatte sie zu mir gesagt: »Ich bin gekommen, weil ich alles 
Schöne in meinem Leben dem Chef verdanke!« So blieb sie m. E. 
standhaft. Sicher haben beide gegen das übermächtige Gefühl, 
das sie zueinander hinzog, ankämpfen müssen. TVagisch! Denn 
vom Äußeren, vom Alter und vom Wesen her waren sie wie 
füreinander geschaffen. 

Daß Fegelein, als er im April 1945 aus der Reichskanzlei deser¬ 
tiert war und Eva dann in der Reichskanzlei anrief und sie 
beschwor, »die Reichskanzlei zu verlassen und zu ihm zu kom¬ 
men«, untermauert diese meine Mutmaßungen und Beobach- 



Eva Braun 


169 


tungen. Welche Gedanken mögen Eva Braun aber bewegt 
haben, als bekannt wurde, daß Fegelein in seiner Wohnung in 
der Bleibtreustraße mit einer Frau zusammen war?* 28 Ihr Ent¬ 
schluß, mit Hitler zusammen in den Tod zu gehen, wurde ihr 
dadurch sicher leichter, auch dann später die Tatsache, daß 
Fegelein nicht mehr lebte. Er war auf Befehl Hitlers füsiliert 
worden. Bewundernswert war auf jeden Fall, wie beherrscht sie 
in dieser Zeit war, das Ende vor den Augen. 




Obersalzberg 


Mauritia Mayer, von ihrem Vater >Moritz< genannt, kaufte 1877 
das Hofreiter-Anwesen und das Steinhauslehen samt den zuge¬ 
hörigen Almen um den Kehlstein. Aus dem Steinhauslehen 
machte sie die erste Pension am Obersalzberg. Die »Pension 
Moritz< wurde unter ihrer Leitung ein vielbesuchter Gast- und 
Erholungsort. Begüterte Leute aus der Stadt kamen in der Folge 
auf den Obersalzberg und kauften sich auch alte Gehöfte oder 
ließen sich dort Berghäuser bauen. Z. B. kaufte der Geheimrat 
Prof. Karl von Linde das sogenannte Baumgartlehen und legte 
einen Weg zum Hochlenzer an, der später Professor-von-Linde- 
Weg genannt wurde. Der Pianofabrikant Bechstein aus Berlin 
baute ein Haus und Dr. Seitz, ein Kinderarzt, errichtete ein 
Kindersanatorium und ein Kommerzienrat Winter aus Buxte¬ 
hude ließ sich ein wetterfestes Berghaus errichten. 

In den 20er Jahren kamen Adolf Hitler, Hermann Esser 329 und 
Christian Weber 330 öfters auf den Obersalzberg, da dort Diet¬ 
rich Eckart Unterschlupf gefunden hatte. Durch Christian 
Weber, der Eckart bei Büchner untergebracht hatte, 331 kam 
Hitler zum ersten Mal auf den Obersalzberg. Das hat Hitler 
einmal beim Tee ausführlich erzählt. Aber dies kann man inzwi¬ 
schen bei Heinrich Heim nachlesen, der das Gespräch anschlie¬ 
ßend niederschrieb. Dietrich Eckart machte Hitler auch später 
mit den dort wohnenden Menschen, u. a. auch mit Frau Bech¬ 
stein 332 bekannt, mit deren Hilfe er später das Haus Wachen¬ 
feld 333 für 100 Mark Miete bekam, wie er uns erzählt hat. 

Da Hitler von der Landschaft am Obersalzberg fasziniert war, 
mietete er das »Haus Wachenfeld« von Frau Winter aus Buxte¬ 
hude. Zuerst lief das Haus auf den Namen seiner Halbschwester 
Angela Raubal, die er aus Wien zu sich holte. Nach 1927 wurde 
das Haus auf seinen Namen eingetragen, das er dann 1934 von 
den Erben der Frau Winter kaufte. 334 





Obersalzberg 


171 


Unverhofft wurde ich im August 1933 auf den Obersalzberg 
zitiert. Ich war seinerzeit noch primär im Verbindungsstab 
tätig, als ich telefonisch den Befehl erhielt, auf den Obersalz¬ 
berg zu kommen. Nachmittags traf ich im >Haus Wachenfeld< 
ein, wo ich von Frau Raubal begrüßt wurde. Frau Raubal war 
verwitwet und sechs Jahre älter als ihr Bruder. Aus ihrer Ehe 
mit einem Finanzbeamten entstammten drei Kinder: Friedl und 
Geli sowie ein Sohn, der Lehrer in Linz war. 335 Frau Raubal 
führte Hitler den Haushalt. Sie war tüchtig, energisch und eine 
absolute Respektperson, die manchmal während der Mahlzei¬ 
ten auch impulsiv mit der Faust auf den Tisch schlagen konnte. 
Auch von ihrer Figur her war Frau Raubal eine Respekt einflö¬ 
ßende Persönlichkeit. Sie ließ nicht nur dem Hauspersonal 
gegenüber strenge Zucht walten, sondern fühlte sich auch für 
das Wohl ihres Bruders verantwortlich, was diesem aber nicht 
sonderlich zusagte. 

Sichtlich nervös erzählte mir Frau Raubal, daß ihr Bruder mit 
Herren seines Stabes und einigen Damen einen Autoausflug 
unternommen hätte, von dem sie schon längst zurück sein 
müßten. In großer Sorge, daß etwas passiert sein könnte, war sie 
über meine Anwesenheit offenbar ganz froh, da sie dadurch 
etwas von ihren Gedanken abgelenkt wurde. Bereitwillig zeigte 
sie mir die ebenerdig gelegenen Räume des mit einem Schindel¬ 
dach bedeckten kleinen bayerischen Landhauses. Auf dem 
ringsherum laufenden Holzbalkon blühten Geranien in leuch¬ 
tenden Farben. 

Die Einrichtung des Wohnraumes war typisch bayerisch. Ein 
grüner Schrank mit Bauernmalerei verziert, eine Kommode und 
rustikale Stühle. Gemütlichkeit verbreitend die Standuhr, ein 
Bauer mit einem Kanarienvogel, ein Moriskentänzer stand auf 
einer Eckkonsole links vom Fenster. Nicht bayerisch dagegen 
waren die vielen Handarbeiten. Kissen und Decken mit Haken¬ 
kreuzemblemen und Gebirgsblumen in allen Farben lagen 
herum, alles Geschenke von Anhängerinnen Hitlers. Frau Rau¬ 
bal hatte es offensichtlich nicht übers Herz gebracht, all die 
Zeugnisse der Liebe und Zuneigung, die sich in diesen nicht 
gerade geschmackvollen Handarbeiten manifestierten, einfach 
in der Versenkung verschwinden zu lassen. Dies geschah erst 




172 


Er war mein Chef 


nach dem Umbau bzw. dem Anbau, als Frau Raubal das Haus 
Wachenfeld 1936 verlassen hatte. 

Sie führte mich auf die dem Bauernzimmer vorgelagerte Glas¬ 
veranda, die zusammen mit der Garage und Terrasse im April 
1933 durch den Architekten Neumayer aus München gebaut 
wurden. In der Glasveranda, so erklärte sie mir, werden die 
Mahlzeiten eingenommen. Im Verlauf meines Aufenthaltes 
konnte ich feststellen, welch umsichtige Hausfrau und hervor¬ 
ragende Köchin Frau Raubal war. Eine wahre Köstlichkeit 
waren damals für mich die mir bis dahin unbekannten Apfel¬ 
küchle. 

Dann ging sie mit mir auf die Terrasse, um mir von hier aus 
Berchtesgaden zu zeigen, das sich links unten weit im Tbl 
erstreckte. Rechts davon sah man das Salzburger Land. Gegen¬ 
über bot sich einem ein großartiges Bild, der Watzmann mit 
Frau und Kindern sowie der Untersberg (sagenumwoben, in 
dem Barbarossa seiner Wiederkunft harrt) als auch der Hohe 
Göll und das Steinerne Meer. Von der Terrasse führten 
gepflegte Wege zu der links vom Haus befindlichen Rasenflä¬ 
che, an deren abfallendem Südhang sich damals ein Steingarten 
befand, durch den verschlungene Wege führten. 

Am Fuße der nördlichen Felswand stand, mit einer Stützmauer 
zum Berghang hin gesichert, ein naturgebräunter langgestreck¬ 
ter, niederer Holzbau, aufgelockert durch eine sich vor dem Bau 
erstreckende Holzgalerie. Auf der durch Säulen unterbroche¬ 
nen Balustrade wuchsen leuchtend rote Geranien in üppiger 
Fülle. Sie bildeten ein zauberhaftes lebendiges Gegenüber zu 
dem schweigenden dunklen Gebirgspanorama im Süden des 
Hauses. 

In diesem ebenerdigen Holzbau, rechts neben dem Haus 
Wachenfeld, befanden sich 5 Zimmer. Ein sehr einfacher Büro¬ 
raum sowie einige Fremdenzimmer und ein großer Schlafraum 
für das Begleitkommando. Später wurden zwei dieser Räume in 
ein Arzt- und in ein Zahnarztzimmer für Dr. Blaschke 3 * 5 “ 
umfunktioniert. Als ich im Sommer 1933 zum ersten Mal auf 
den Berg beordert wurde, wohnten damals alle Gäste in den in 
der Nähe liegenden Pensionen am Obersalzberg. 

Links von diesem langgestreckten Holzbau lag das sogenannte 



Obersalzberg 


173 


>Adjutantenhäusel<. Eine schmale Holzstiege an der Außenfront 
führte in zwei kleine Räume, die den Schlafraum mit Bad und 
den Arbeitsraum des jeweils diensttuenden Adjutanten enthiel¬ 
ten. Im Parterre war eine Telefonzentrale stationiert. 

Bei Sonnenuntergang standen Frau Raubal und ich auf der 
Tbrrasse, die zum Haus heraufführende Straße im Auge und 
warteten auf die Rückkehr der Ausflügler. Aus der Glasveranda 
klangen leise Geräusche. Ein Hausmädchen im Dirndl deckte 
den Tisch für das Abendessen. Und dann kamen einige Wagen 
den Berg herauf. Das kleine Haus erfüllte sich mit den Stimmen 
der Angekommenen und kurze Zeit später waren Hitler und alle 
Gäste in der Veranda versammelt. 

Frau Raubal und ihr Bruder nahmen die Plätze an den Schmal¬ 
seiten des Tisches ein. Dazwischen gruppierten sich zwanglos 
die Gäste. Da waren Hitlers Fotograf Heinrich Hoffmann mit 
seiner Frau Erna, sein langjähriger Fahrer, der SS-Staffelfüh- 
rer Julius Schreck mit seiner Freundin, Reichspressechef Dr. 
Otto Dietrich mit seiner Frau, Julius Schaub, Eva Braun und 
Anni Rehborn. 

Über Anni Rehborn, 336 die damals >Rehlein< genannt wurde, 
möchte ich noch etwas sagen. Sie hatte 1924 die deutsche 
Meisterschaft im Schwimmen gewonnen. Als die »Berliner Illu¬ 
strierte« - ihr Foto als Titelbild bringend - Hitlers Gefolgsleu¬ 
ten, die mit ihm die Gefangenschaft auf der Feste Landsberg 
teilten, vor Augen kam, fühlte sich Hitlers Fahrer, Emil Mau¬ 
rice, zu einer Gratulation an Anni Rehbom inspiriert. Wieder in 
Freiheit kam es zu einem TVeffen, bei dem auch Hitler anwesend 
war. Zu Weihnachten 1925 schickte ihr Hitler sein Werk, »Mein 
Kampf«, in rotem Leder eingebunden mit der Widmung: »Fräu¬ 
lein Anni Rehbom in aufrichtiger Bewunderung«. Gleichzeitig 
ermunterte er sie, sooft sie nach Bayern käme, sich bei ihm zu 
melden. Dies tat sie des öfteren. 

Das war auch der Fall im Juli 1933, als sie mit ihrem Verlobten, 
Dr. med. Karl Brandt in ihrem kleinen roten DIXI eine Deutsch¬ 
landfahrt machte. Hitler lud sie beide für ein paar Tage auf den 
Berg ein, wo sie in einer der Pensionen als seine Gäste wohnten. 
Zum Mittag- und Abendessen traf man sich im »Haus Wachen¬ 
feld«. 



174 


Er war mein Chef 


Hier lief eines Nachmittags in der Telefonzentrale auch die 
Hiobsbotschaft ein, 337 daß der Chefadjutant Brückner zusam¬ 
men mit seiner Freundin, Fräulein Sophie Stork, 338 in Reit im 
Winkl einen Autounfall gehabt hätten und schwer verletzt in 
das Traunsteiner Krankenhaus eingeliefert worden wären. Wil¬ 
helm Brückner ist am Steuer seines Wagens eingeschlafen und 
war auf einen Holzstoß gefahren. Welches Glück, daß sich unter 
den Gästen der Fahrt zufällig Dr. Karl Brandt befand. Ruhig 
und umsichtig ergriff er bei dem Unfall die Initiative, veran- 
laßte alles Notwendige zur Rettung der Verunglückten und 
nahm auch dann selbst die Operation im TVaunsteiner Kran¬ 
kenhaus vor. 

Während Brückners Freundin mit einem Armbruch davonkam, 
erlitt Brückner selbst schwere Verletzungen (Schädelbruch) 
und verlor auch ein Auge. Göring, ebenfalls bei dieser Fahrt 
zugegen, war von der Sicherheit des jungen Arztes so angetan, 
daß er spontan sagte: »Wenn ich jemals operiert werden muß, 
dann nur von Dr. Brandt!« 

Bisher hatte Hitler bei seinen Reisen und Fahrten nie einen Arzt 
dabei gehabt. Nun hatte sich plötzlich gezeigt, wie ungeheuer 
wichtig dies war. So war es nicht verwunderlich, daß Hitler den 
jungen sympathischen Arzt fragte, ob er nicht bereit wäre, 
Begleitarzt in seinem Stab zu werden. Das Angebot war natür¬ 
lich verlockend und Dr. Brandt war einverstanden. Kurze Zeit 
darauf heiratete er Anni Rehborn, an deren Hochzeit Hitler und 
Göring als TVauzeugen teilnahmen. 

Man rühmte bei Dr. Brandt seine manuelle Geschicklichkeit. 
Brandt war von griechischer Heiterkeit umflossen, ein Arzt vom 
Geist des Paracelsus: Sein Leben war bis zur letzten Stunde 
Hingabe an seinen Beruf. Mit wahrhaft hohem Sinn hat er das 
höhere Leben erfaßt und sich von ihm erfassen lassen, so daß er 
zu einer Größe reifte, in der er als Sieger über seinem schweren 
Schicksal stehen konnte, das zwei Todesurteile über ihn ver¬ 
hängte. 

Brandt war nunmehr also >Begleitarzt< des Führers. Oft wurde 
er als >Der Arzt des Führers« bezeichnet, was aber insofern nicht 
stimmte, als er nur für chirurgische Fälle zur Verfügung stand. 
Von da an war er, wenn keine Reisen und Fahrten stattfanden, 



Obersalzberg 


175 


in der Chirurgischen Universitäts-Klinik in Berlin in der Zie¬ 
gelstraße tätig, wo auch Dr. Werner Haase 338 “ und Dr. v. Hassel¬ 
bach ,i8b als Chirurgen arbeiteten. Diese vertraten Dr. Karl 
Brandt in den folgenden Jahren gelegentlich als Begleitärzte bei 
den Fahrten und bei der Anwesenheit Hitlers am Berg. 

In dieser Zeit machte Hitler auch noch mit seinen Gästen 
kleinere Wanderungen. Man ging bis zum >Hochlenzer<, wo man 
vor dem kleinen Haus auf hölzernen Bänken in der Sonne saß 
und einen herrlichen Blick auf den in tiefer Feme heraufleuch¬ 
tenden Königssee hatte. Am Hochlenzer gab es eine sehr erfri¬ 
schende kühle Dickmilch, die aus irdenen braunen Schalen 
gelöffelt wurde. Diese >Gstöckelte< wareine wahre Köstlichkeit. 
Sie durfte bis zum Dickwerden nicht bewegt werden, damit sich 
die gelbe Sahneschicht ohne Blasen zu werfen bilden konnte. 
Etwas weiter war es bis zur Scharitzkehl, zum Vorderbrand. 
Das waren damals herrliche kleine Wanderungen, bei denen 
Hitler noch einen hellblauen Leinenjanker trug. In den folgen¬ 
den Jahren fanden solche Wanderungen nicht mehr statt. Da 
ging es dann nur noch nach dem Mittagessen zum kleinen 
Teehaus am Mossländer Köpfle. 

Auch Weihnachten verbrachte Hitler damals immer am Berg. 
Doch nach dem Tod seiner Nichte Geli war ihm Weihnachten 
eine Qual und auch für uns nicht schön. Er erlaubte zwar, einen 
Thnnenbaum in der Ecke der Halle aufzustellen, aber Weih¬ 
nachtslieder wurden nicht gesungen. 

Neujahr dagegen wurde nach alter Sitte gefeiert. Das Essen war 
festlich aufgezogen, und man trank sogar Sekt. Auf den Schlag 
Mitternacht nippte Hitler an seinem Sektglas und stieß mit den 
Gästen auf das neue Jahr an. Er verzog dabei jedesmal das 
Gesicht. Er konnte nicht verstehen, »wie ein Mensch an dem 
Essigwasser Geschmack finden konnte«. Danach ging Hitler 
mit seinen Gästen auf die Terrasse, um die Berchtesgadener 
Böllerschützen zu begrüßen, die das neue Jahr mit Böllerschüs¬ 
sen einschossen. Anschließend schrieb Hitler sein Autogramm 
auf die Tischkarten aller seiner Gäste, und es wurde vor dem 
Kamin eine Gruppenaufnahme gemacht. 



Der Berghof 


Ehe Hitler 1936 mit dem Umbau, d. h. eigentlich mit einem 
Anbau an das Haus Wachenfeld begann, wurde die steile Straße 
von Berchtesgaden zum Obersalzberg ausgebaut, die im Winter 
bei Vereisung lebensgefährlich war. Hitler hatte u. a. die Idee, 
sie unterirdisch beheizen zu lassen. 

Bei der Umgestaltung wurde das kleine alte Haus Wachenfeld 
jedoch nicht angetastet, es blieb auf Hitlers Wunsch voll erhal¬ 
ten. 339 Im März 1936 wurde, nachdem Hitler mit dem Architek¬ 
ten Degano 340 aus Gmund am Tfegemsee die Baupläne erstellt 
hatte, mit dem Bau des >Berghofs< begonnen. Von dem ehemali¬ 
gen Bauemzimmer des alten Hauses wurde lediglich durch die 
Wand ein Durchbruch gemacht und ein Durchgang mit Rund¬ 
bogen zu dem direkt anschließenden Neubau in die »Große 
Halle< hergestellt. Von dem Durchbruch im 1. Stock gelangte 
man zu den Zimmern Hitlers und von Eva Braun; zu der Haus¬ 
meisterwohnung und den Zimmern für das Personal. Wir 
erhielten unter dem Dach des alten Haus Wachenfeld zwei 
Zimmer (Sekretärinnenzimmer). Das kleinere Zimmer war 
hellblau-weiß gehalten, meines, etwas größer, war rot angelegt 
und hatte einen Balkon. 

Hinter dem großzügigen Rundbogendurchgang des früheren 
Haus Wachenfeld, der mit schweren bordeauxroten Samtpor¬ 
tieren versehen war, führten einige breite Holzstufen in die 
Große Halle. Die Inneneinrichtung der Großen Halle trug den 
kühlen Stempel von Frau Prof. TVoost. 341 Sie war die Gattin von 
Prof. TVoost, 342 den Hitler sehr geschätzt hatte. Als Hitler seine 
Münchner Wohnung einrichtete, war er von Frau Bruckmann 
zu den Vereinigten Werkstätten in München geführt worden 
und dort hatte er Möbel gesehen, die vom Architekt TVoost 
entworfen waren. 343 Hitler war von dem vornehm-schlichten 
Stil der Möbel sofort begeistert. Troost zeigte ihm bei dieser 





Der Berghof 


177 


Gelegenheit auch die von ihm entworfenen, aber von der Jury 
abgelehnten Pläne für den Wiederaufbau des abgebrannten 
Münchner Glaspalastes. Hitler war von diesen Entwürfen 
begeistert und ließ sie später beim Bau des >Hauses der Deut¬ 
schen Kunst« ausführen. TVoost baute auch das >Braune Haus« 
und den »Führerbau«. Hitler verlieh ihm den Professorentitel, 
der nach Troosts Ibd auf seine Frau übertragen wurde. 

Frau TVoost war Innenarchitektin und führte z.T. die Arbeit 
ihres 1934 verstorbenen Mannes weiter. Sie fertigte u. a. Ent¬ 
würfe für Gobelins, Inneneinrichtungen im Auftrag von Hitler 
an und hatte z. B. die Urkunde für Görings Ernennung zum 
Reichsmarschall und den Marschallstab entworfen. Frau Prof. 
TVoost und Heinrich Hoffmann führten Hitler Bilder und Pla¬ 
stiken vor, die im Haus der Deutschen Kunst ausgestellt werden 
sollten. Sie war eine sehr intelligente, natürliche und tempera¬ 
mentvolle Frau. 

Das ehemalige Bauemzimmer des Haus Wachenfeld wurde jetzt 
Wohnzimmer genannt. Es war, mit seinem grünen und oft 
bestaunten Kachelofen, der gemütlichste Raum des Berghofs, 
wo in später bzw. früher Stunde auch das sonst bestehende 
Rauchverbot durchbrochen wurde. Es erfreute sich daher gro¬ 
ßer Beliebtheit. Sophie Stork, die Freundin Brückners, war 
künstlerisch sehr begabt und hatte die Kacheln des Ofens mit 
verschiedenen Szenen aus dem Berghofleben lebendig bemalt. 
Im Inneren des Hauses, vor allem in der Großen Halle, war es 
immer kühl, ganz besonders, wenn der Nebel das Haus einhüllte 
oder Regen fiel. Und so ließen sich, vor allem die weiblichen 
Gäste, gern auf der Bank im Wohnzimmer nieder, die sich um 
den warmen Kachelofen herumzog. Ein weiterer beliebter Platz 
war der nur wenig vorstehende Unterbau des rechts vom Fen¬ 
ster stehenden Bücherschrankes, der u. a. Meyers Lexikon ent¬ 
hielt, das bei Streitfragen von Hitler oft benutzt wurde. Wenn 
unter den Gästen eine Meinungsverschiedenheit über gewisse 
Einzelheiten, wie die Länge eines Flusses oder die Einwohner¬ 
zahl einer Stadt usw., aufkam, wurde immer das Lexikon zu 
Hilfe geholt. Hitler, peinlich genau in allen Dingen, schlug 
dann, um ganz sicherzugehen, in zwei verschiedenen Lexikon¬ 
ausgaben nach. 




178 


Er war mein Chef 


Obwohl der Sitzplatz am Unterbau des Bücherschrankes höchst 
unbequem war, versuchte jeder seiner habhaft zu werden. Der 
Schrank stand nämlich der Sitzbank unter dem Fenster am 
nächsten, auf der Hitler immer Platz zu nehmen pflegte! 344 
Wenn sich Hitler und Eva Braun in das obere Stockwerk 
zurückgezogen hatten, setzten sich die Gäste, die vor dem 
Zubettgehen gern noch zusätzlich ein Glas Sekt trinken woll¬ 
ten, hier zusammen. Man entspannte sich dann sozusagen von 
der »offiziellen Kaminsitzung«, bei der sich ja nicht alle frei und 
ungehemmt fühlten, wie hier auf der kissenbelegten Holzbank, 
wo man ganz kommod sitzen und die Arme auf den Tisch 
stützen konnte. Dann ging es oft ziemlich lautstark zu, vor 
allem, wenn die beiden Streithähne Schaub und Hoffmann 
wieder einmal aneinander gerieten. 

Die Tür neben dem Bücherschrank führte nach dem Umbau, 
durch die jetzt »Wintergarten« genannte ehemalige Veranda, auf 
die Terrasse. Hier versammelten sich bei schönem Wetter die 
Gäste vor den Mahlzeiten (bei schlechtem Wetter im Wohnzim¬ 
mer) und warteten auf Hitler. Als letzte erschien gewöhnlich 
Eva Braun. Wenn dann Hitler kam, begrüßte er immer alle 
Damen mit Handkuß, auch die Sekretärinnen. Waren alle ver¬ 
sammelt, meldete der Diener, der mit schwarzer Hose und 
weißem Dinerjackett bekleidet war, »Mein Führer, es ist ange¬ 
richtet, Sie führen Frau...« Hitler bot dann dieser Dame den 
Arm an und ging mit ihr los. Als zweites Paar folgte immer 
Martin Bormann mit Eva Braun. Die anderen Gäste schlossen 
sich zwanglos an. 

Der Gästezug bewegte sich dann durch die großräumige Diele, 
deren schön gewölbte Decke von imponierenden Säulen getra¬ 
gen wurde. Es ging an der breiten, nach den oberen Zimmern 
führenden Treppe vorbei, in das aus schön gemasertem Zirbel¬ 
holz gefertigte und an der Ostseite des Hauses gelegene Eßzim¬ 
mer, dessen hohe Flügeltüren, von zwei Dienern flankiert, 
offenstanden. Der lange Eßtisch, an dem rote mit Leder bezo¬ 
gene Armsessel standen, bot 24 Personen Platz. 

Die Fensterfront des langgestreckten Eßzimmers weitete sich 
an ihrem Ende zu einem halbrunden Erker aus. Hier frühstück¬ 
ten die Frühaufsteher bei schlechtem Wetter am Morgen 



Der Berghof 


179 


zwanglos an einem runden Tisch. Die meisten bestellten sich 
dann jedoch das Frühstück aufs Zimmer. Bei schönem Wetter 
wurde auf der Terrasse gefrühstückt. Es gab weißes dünnschali¬ 
ges Porzellan mit Alpenblumen handbemalt, 345 wie z. B. Enzian, 
Alpenrosen und Frauenschuh. 

Reichte am Mittag oder Abend der große Tisch des Eßzimmers 
für die Gäste nicht aus, so wurde der runde Tisch in der Nische 
zum >Katzentisch<, der dann vorwiegend von den Adjutanten 
der Gäste benutzt wurde. In der Nähe befand sich eine Anrichte 
mit handbemalten Kacheln, die ebenfalls Szenen aus dem Berg¬ 
hofleben darstellten. Eine zeigte z. B. Frau Endres, die nach dem 
Weggang von Frau Raubal für kurze Zeit den Haushalt Hitlers 
geführt hatte, mit einer hochaufgetürmten Schüssel voll Knö¬ 
del. Durch die Glastüren der an der rechten Zimmerseite einge¬ 
bauten Vitrine sah man besonders schönes Porzellan, ein 
Geschenk von Winifred Wagner an Hitler, sowie handbemalte 
Porzellandosen und -schalen. 

Hitler saß immer in der Mitte der Ihfel gegenüber der Fenster¬ 
front, mit Blick auf das Gebirge. Bei jeder Mahlzeit wechselte 
seine rechte Tischdame, in diesen Tlirnus wurden auch die 
Sekretärinnen mit einbezogen, während an seiner linken Seite 
immer Eva Braun mit ihrem ständigen Tischherm, Martin Bor¬ 
mann, saß. Auf der anderen Seite, Hitler gegenüber, saß der 
jeweils besonders hervorgehobene Gast. 

Großen Wert legte Hitler auf schöne Tisch-, d. h. Blumendeko¬ 
rationen. Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit, daß die 
Thfel immer mit dem schönsten Blumenschmuck ausgerichtet 
war, der von den exklusivsten Blumenhäusem in Berlin und 
München geliefert wurde. Sehr schön waren die Dekorationen 
bei den Staatsdiners. Und wenn ich an die Mandelbäumchen, 
die langstieligen Rosen, seltenen Orchideen, Gerbera u. ä. kost¬ 
baren Blumen denke, die bei solchen Gelegenheiten die Räume 
in ein wahres Blumenparadies verwandelten, dann glaube ich 
gern, daß diese Dekorationen bei den Festen die Kosten für die 
Menues bei weitem überstiegen. So munkelte man jedenfalls. 
Das Porzellan war nach Hitlers Entwürfen angefertigt. Es trug 
in der Mitte des Tellerrandes das Hoheitszeichen, den Adler mit 
ausgebreiteten Flügeln in Gold und rechts und links die 



180 


Er war mein Chef 


Anfangsbuchstaben seines Namens >A< und >H< in Antiqua. 
Auch das Silberbesteck war nach Hitlers Entwürfen angefertigt 
worden. Die Bestecke trugen ebenfalls in der Mitte den Adler 
mit den Buchstaben >A< und >H< rechts und links davon, in 
Antiqua. 

Das Essen selbst war einfach und bürgerlich. In der Regel gab es 
Suppe, Fleisch, Gemüse, Salat und Nachspeisen. Hitlers Haus¬ 
halt funktionierte tadellos, so wie ein gut geführtes Hotel. Aus 
dem von Martin Bormann am Berg eingerichteten TVeibhaus 
wurde täglich frisches Gemüse und Salate angeliefert. Aus dem 
Gutshof kamen Milch, Eier, rote bzw. schwarze Johannisbeer¬ 
säfte sowie TYauben- und Apfelsaft, Bienenhonig gab es aus den 
Bienenhäusern, die im Waldgelände des Obersalzberg und am 
Kehlstein standen. Als Hitler den beruhigenden Wert des Hop¬ 
fens erkannte, trank er später auch ein eigens für ihn gebrautes 
Bier. 

Hitlers Lieblingsgerichte anfangs der 30er Jahre waren weiße 
Bohnen, Erbsen und Linsen, Gemüse- und Salatplatten. Im 
Laufe des Krieges, als eine Diätassistentin für ihn kochte, 
wurde die Kost auf die Bircher-Benner-Diät umgestellt. 

Hitler, der einen echten Widerwillen gegen Fleisch empfand, 
nach Julius Schaubs Erzählung war er nach dem Tod seiner 
Nichte Geli Raubal Vegetarier geworden, war zutiefst über¬ 
zeugt, daß der Genuß von Fleisch die Menschen kraftlos mache. 
Als Beispiel führte er das Pferd, den Stier und den Elefant an, 
alle drei Pflanzenfresser, die mit großer Kraft und Ausdauer 
ausgestattet sind. »Hingegen die Hunde«, so sagte Hitler, »als 
ausgesprochene Fleischfresser, lassen schon nach geringer 
Anstrengung die Zunge hängen.« Fleisch war nach seiner Über¬ 
zeugung ein toter, verwester Stoff. Außerdem mißbilligte er die 
grausame Art, die zum Töten der Tiere in den Schlachthöfen 
angewendet wurde. 

Einmal sprach ich mit Ada Klein darüber. Bei meinem 
Gespräch über Hitlers Bemerkungen über die Fleischfresser, 
fiel ihr eine Begebenheit aus dem Jahre 1926 ein. Ada Klein 
hatte in der Osterzeit mit Hitler nachmittags eine Aufführung 
des Zigeunerbarons im Gärtnerplatz-Theater besucht. An¬ 
schließend war man in Hitlers Stammlokal, das Cafö Viktoria in 



Der Berghof 


181 


der Maximilianstraße gegenüber der Thierschstraße (heute 
Restaurant Roma), zum Essen gegangen. 

Hitler bestellte für sich Kitzleber. Der Ober erschien mit einer 
Riesenportion. Hitler fragte: »Ist das die Leber von einem Kitz?« 
»Nein«, entgegnete der Ober, »von zweien!« Darauf sagte Hitler 
zu Ada: »Der Mensch ist doch ein böses Raubtier. Da müssen 
zwei kleine unschuldige Tiere ihr Leben lassen, um einem 
Schlemmer Gaumenfreuden zu verschaffen. Ich glaube, ich 
werde doch eines Tages noch Vegetarier.« 

Inzwischen war er nach Gelis Tod nun tatsächlich Vegetarier 
geworden und wurde nicht müde, von Zeit zu Zeit während des 
Essens, die brutale Art des Schlachtens zu erwähnen. Wenn ihn 
Eva Braun dann flehentlich ansah, mit solchen Gesprächen 
aufzuhören, da dadurch manchem Gast der Appetit genommen 
würde, so sah er hierdurch nur die Richtigkeit seiner Annahme 
bestätigt. 

Dagegen geriet Hitler in ein fast dichterisches Schwelgen, wenn 
er beschrieb, auf welche Weise seine Nahrung, also die vegetari¬ 
sche, entstehe. Da sah man direkt den Landmann auf dem Felde, 
wie er gemächlich langen Schrittes einhergeht und mit weitaus¬ 
schwingenden Armen den Samen ausstreute. Wie dieser dann in 
der Erde aufgeht, sprießt und zu einem grünen Meer wogender 
Halme heranwächst, das sich langsam in der Sonne goldgelb 
färbt. »Allein dieses Bild«, so meinte er, »müsse schon dazu 
verlocken, zur Natur und ihren Erzeugnissen zurückzukehren, 
die sie dem Menschen ja in verschwenderischer Fülle darbiete.« 
Zum Schluß erklärte er dann immer, daß er keineswegs die 
Absicht habe, jemanden zu zwingen, nach seiner Art zu essen, 
denn sonst könne es am Ende geschehen, daß niemand mehr 
seinen Einladungen folgen würde. 

Oft erinnerte er sich an Gerichte, die er in seiner Jugend gern 
gegessen hatte. Dazu gehörten u.a. Semmelknödel mit Sauer¬ 
ampfersoße, die ihm seine Mutter manchmal kochte. Marion 
Schönmann, 346 eine gebürtige Wienerin, die sehr oft Hitlers und 
Eva Brauns Gast im Berghof war, erklärte sich einmal leichtsin¬ 
niger Weise bereit, dieses Gericht für ihn zu kochen. Sie machte 
am nächsten 1hg, mit einer weißen Kittelschürze angetan, in der 
Küche des Berghofes einen großen Wirbel, versetzte das Perso- 





182 


Er war mein Chef 


nal in helle Aufregung und brachte alles durcheinander. Das 
Ergebnis waren steinharte Knödel, die nicht zu genießen waren. 
Hitler, der sich gern mit seiner Landsmännin neckte, machte es 
einen Heidenspaß, sie, die ihre Kochkünste so hoch angepriesen 
hatte, damit aufzuziehen. »Sie könne die Knödel als Kanonen¬ 
kugeln für ihre turmbewehrte Burg«, die sie in der Nähe von 
Melk an der Donau besaß, »benutzen«, meinte er. Noch nach 
Jahren kam er immer wieder mal auf die verunglückten Knödel 
der Schönmann zurück. 

Wenn die läfel aufgehoben wurde, küßte er immer erst Eva 
Braun die Hand und dann seiner Tischdame. Während des 
Essens mischte sich Eva wenig in die Unterhaltung, wenigstens 
die ersten Jahre. Später, als sie etwas selbstbewußter geworden 
war, nahm sie je nach Laune daran teil. Sie wurde ungehalten, 
wenn Hitler nach beendeter Mahlzeit über eins seiner Lieb¬ 
lingsthemen weiterdebattierte, statt die Täfel aufzuheben. Und 
sie machte keinen Hehl aus ihrer Ungeduld. In den Kriegsjah¬ 
ren, als sie sich ihres Einflusses auf Hitler sicherer war, wagte 
sie sogar, ihm mißbilligende Blicke zuzuwerfen oder mit lauter 
Stimme nach der Uhrzeit zu fragen. Hitler unterbrach dann 
kurzerhand seine Monologe und hob die Täfel auf. 

Bis zum Krieg trug Hitler am Obersalzberg auf den Spaziergän¬ 
gen, die nach dem Mittagessen zum >kleinen Teehaus< am Moos¬ 
länder Köpfle 347 stattfanden, eine scheußliche khakifarbene, 
viel zu lange und viel zu weite Windjacke. Dazu hatte er eine 
höchst unkleidsame Mütze auf, mit einem sehr großen Schirm 
zum Schutz seiner empfindlichen Augen. Diese war der Schrek- 
ken aller Fotografen, die immer nur seine untere Gesichtshälfte 
aufnehmen konnten. 

Eva Braun, die sehr auf Äußerlichkeiten eingestellt war, machte 
hierüber oft abfällige Bemerkungen, doch das störte ihn nicht. 
Nur, wenn sich diese Kritik zu oft wiederholte, eine Kritik an 
dem, was er für nützlich hielt, dann war schon ein bißchen 
Unwillen auf seinem Gesicht erkennbar. Als Eva einmal rügte, 
daß er beim Gehen seine Schultern so weit nach vorn hängen 
ließ, tat er dies mit den Worten ab: »Das sind die schweren 
Sorgen, die auf mir lasten!« 

Im Kriege bevorzugte er bei diesen Spaziergängen einen 



Der Berghof 


183 


schwarzen Umhang. Er stützte sich beim Gehen auf den 
gepflegten durch die Wiesen am Gutshof vorbei führenden 
Kieswegen, rechts auf einen Spazierstock, links hielt er Blondi, 
seinen schönen, von ihm heißgeliebten Schäferhund, an der 
Leine. Er unterhielt sich dabei immer mit einem Gesprächs¬ 
partner. Das war vorwiegend der an diesem läge gerade neu 
angekommene Gast. 

Nach einer halben Stunde gemütlichen Gehens war das Tee- 
haus, das 1937 von Prof. Fick 14 ** geplant und in Form eines nicht 
sehr hohen, turmähnlichen Pavillons gebaut wurde, erreicht. 
Auf einem, mit einem Schutzgeländer versehenen Felsvor¬ 
sprung, blieb Hitler dann stehen - beide Hände auf seinen Stock 
gestützt - um den Blick in das Berchtesgadener- und Salzburger 
Land zu genießen. Speer irrt, wenn er Hitler einen Sinn für 
landschaftliche Schönheit abspricht. Hitler wartete immer auf 
dem Felsvorsprung, bis alle Gäste ihn erreicht hatten, um mit 
ihnen den Blick nach Salzburg zu genießen. 

Hatten alle Gäste diesen Aussichtspunkt erreicht und auch eine 
Weile die schöne Aussicht genossen - tief unten schlängelte sich 
die Ache durch das Täl - begab sich Hitler in das Tfeehaus und 
die Gäste folgten. Im Vorraum legte man die Garderobe ab, um 
dann in dem, in hellem Marmor gehaltenen, Kaminraum am 
gedeckten runden Tisch in tiefen, chintzbezogenen Sesseln 
Platz zu nehmen. 

Hohe schmale Fenster auf der Südseite des Teehauses gaben den 
Blick auf das Gebirge frei. In dem goldgefaßten Spiegel an der 
Nordseite des Raumes über dem Kamin erschien nochmals das 
Bild der kristallenen Kronleuchter und der mit Bienenwachs¬ 
kerzen bestückten Wandleuchten. Den Kamin habe ich niemals 
in Funktion gesehen. Als wärmende Quelle war er eigentlich 
überflüssig, da sich unter den roten Marmorplatten des Fußbo¬ 
dens eine Bodenheizung befand. 

Während die Besuche des Kleinen Teehauses am Moosländer 
Köpfle zum täglichen Ritual gehörten, wurde das Teehaus auf 
dem Kehlstein sehr selten besucht. Hitler fühlte sich in der 
dünnen Luft des 2000 m hoch liegenden Teehauses nicht wohl. 
Für ihn war dieses Haus am Berggipfel nur ein Prunkstück, mit 
dem er gern fremde Staatsoberhäupter überraschte. 




184 


Er war mein Chef 


Voll Stolz erzählte er manchmal, wie fasziniert die Besucher 
allein schon von der zum Kehlstein hinaufführenden Straße 
waren, die oft ganz dicht am Abhang entlang führte. Weiter 
beeindruckte die Besucher das in den Berg gesprengte Tünnel 
mit dem imponierenden Messingaufzug und dann die überwäl¬ 
tigende Sicht weithin in die majestätische Gebirgswelt des 
Berchtesgadener Landes. Der Bau des Kehlsteins war eine 
Glanzleistung von Martin Bormann, so wie auch der Gutshof 
durch seine Initiative entstanden war. 

Während die Gäste im kleinen Teehaus meist Tee oder Kaffee 
tranken, bevorzugten Hitler und Eva Braun Schokolade. Die 
Auswahl an Torten und Kuchen war sehr verführerisch. Aber 
Hitler blieb immer bei seinem geliebten Apfelkuchen: Unter der 
dichten Apfelscheibendecke befand sich eine nur hauchdünne 
kalorienarme Teigschicht. Später wurden Cognac und Liköre 
angeboten. 

Ein paar Kilo zu viel waren für Hitler keine Privatsache, son¬ 
dern ein Politikum, da sie sich bei ihm ausschließlich um und 
unterhalb seiner Thüle festsetzten, wodurch das Schließen des 
mittleren Knopfes seiner Jacke in Frage gestellt war. Sobald die 
Waage, besonders vor den Parteitagen, mehr als üblich 
anzeigte, verzichtete er sofort auf alle Süßigkeiten und aß nur 
sehr wenig. 

Hitler kündigte diese Aktion vorher immer an: »Ich darf nicht 
mehr so viel essen, ich setze Speck an, der muß wieder runter!« 
Das Maßhalten brachte ihm auch sofort den gewünschten 
Erfolg, den er dann ganz stolz: »So, jetzt bin ich wieder auf 
meinem alten Gewicht, ich habe in den letzten 14 lägen 7 kg 
abgenommen!« strahlend kundtat. Die Bekämpfung seiner 
Anlage zur Korpulenz entsprang weniger der Eitelkeit, als dem 
Wissen um die nicht gerade wohlwollenden Gefühle, die sich 
dem Volk einem zu gut genährten Redner gegenüber bemächti¬ 
gen. Allein schon der Gedanke, Anlaß zu Spötteleien zu geben, 
zwang ihn zur Mäßigkeit. Görings Korpulenz störte ihn dagegen 
nicht, bei diesem fand er alles gut proportioniert, auch bei Prof. 
Morell. 

Auf dieser Furcht, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, 
basierte auch seine Weigerung, sich nach der Machtübernahme 



Der Berghof 


185 


weiterhin in der Lederhose, der >kurzen Wichs« zu zeigen, oder 
gar in einem Badeanzug. Derartige Kleidungsstücke waren in 
seinen Augen für Staatsoberhäupter indiskutabel. 

Im Teehaus liebte es Hitler, heitere Erzählungen zu hören. 
Menschen, die damit aufwarten konnten, waren deshalb bei ihm 
besonders gern gesehen. Beliebt waren z. B. die >Klein-Ema<- 
Geschichten, im Hamburger Dialekt vorgetragen und die >Graf- 
Bobby-Witze«. Undenkbar wäre es jedoch gewesen, obszöne 
Witze oder Zoten in seiner Gegenwart zu erzählen. Ein strafen¬ 
der Blick genügte, um die forschen Erzähler in ihre Schranken 
zu weisen. 

Pikante, in seiner Gegenwart erzählte Geschichten, gingen über 
jene nicht hinaus, wo z. B. Graf Bobby seinem Freund zer¬ 
knirscht über eine unterlassene Sünde berichtet. Er war neulich 
von einer Tänzerin in ihre Wohnung eingeladen, wo sie zuerst 
Tee getrunken und dann zusammen gebadet hätten. Daß ihm 
nun aber der Gedanke keine Ruhe mehr lasse, ob mit jener Dame 
nicht etwas anzufangen gewesen wäre. Solchen, mit eirem 
Stich ins Pikante gehenden Geschichten, hörte er mit behagli¬ 
chem Schmunzeln zu. Oft hänselten sich auch die Anwesenden. 
Ich erinnere mich z. B. an ein Gespräch zwischen Dr. Goebbels 
und Dr. Dietrich. Dr. Dietrich machte die Bemerkung, daß ihm 
in der Badewanne die allerbesten Ideen kämen, worauf Dr. 
Goebbels sagte: »Sie sollten viel öfters baden, Herr Dr. Diet¬ 
rich!« Es konnte geschehen, daß Hitler beim Lachen dann die 
Tränen in die Augen traten. 

Neu im Berghof angekommene Besucher, die natürlich auch 
gleich mit ins Ifeehaus genommen wurden, erfreuten sich bei 
allen einer besonderen Gunst. Sie belebten das Gespräch sehr, 
das bei den oft seit Wochen immer gleichen Menschen nur noch 
müde dahinplätscherte. Und weiter plätschern mußte es, beson¬ 
ders dann, wenn Hitler von Müdigkeit überwältigt, im weichen 
Sessel eingeschlafen war. Er wurde aber sofort wach, sobald das 
Gespräch verstummte . 349 

Hitler zeigte auch immer großes Interesse, wenn an dem großen 
runden Tisch im Teehaus irgendwo zwei Personen die Köpfe 
zusammensteckten oder leise sprachen bzw. ein Schriftstück, 
eine Illustrierte o. ä. in der Hand hielten und da und dorthin 




186 


Er war mein Chef 


deuteten. Sogleich wünschte er informiert zu werden: »Was 
gibt’s da Neues?« Dieses Wissen um seine Neugier wurde von 
cleveren Gästen bisweilen geschickt benutzt. Auf diese Weise 
konnten ihm Dinge unterbreitet werden, die sonst nicht so 
leicht >anzubringen< gewesen wären. 

Schirachs brachten z. B. gern amerikanische Journale mit. Ein¬ 
mal waren darin Fotos von in der Rüstungsindustrie eingesetz¬ 
ten Amerikanerinnen, einmal auch in einem Meer von Heringen 
stehende Amerikanerinnen, miteinander boxend. Hitler mo¬ 
kierte sich über derlei Bilder und fand besonders das letzter¬ 
wähnte widerlich und ekelhaft. 

Noch während wir uns im Tbehaus befanden, ließ Eva Braun 
durch einen Diener feststellen, welche neuen Filme vom Propa¬ 
gandaministerium aus Berlin eingetroffen waren. Wenn Hitler 
die Große Halle nicht durch Besprechungen blockierte, setzte 
Eva Braun gleich nach der, vorwiegend im Auto (in Hitlers 
Wagen Adjutant, Diener und sein Hund Blondi) erfolgten Rück¬ 
kehr zum Berghof, eine Filmvorführung an, nach deren Beendi¬ 
gung sich die Gäste auf ihre Zimmer zum Umkleiden für das 
Abendessen zurückzogen. 

Genauso wie beim Mittagessen versammelten sich die Gäste 
auch am Abend wieder im Wohnzimmer. Man saß am warmen 
Kachelofen oder auf den kissenbelegten Bänken, die sich um 
den großen rechteckigen Tisch herumzogen. Eine Hängelampe 
verbreitete warmes Licht und Gemütlichkeit. Alles wartete auf 
Hitler, der sich mit seinem jeweiligen Gesprächspartner entwe¬ 
der in seinem im 1. Stock gelegenen Arbeitszimmer oder neben¬ 
an in der Großen Halle aufhielt. Die Besprechungen hatten 
immer Vorrang. Es war nicht selten der Fall, daß sich der Beginn 
des Abendessens deshalb beträchtlich verschob. 

Sobald Hitler dann das Wohnzimmer betrat, wiederholte sich 
der gleiche Ritus wie beim Mittagessen. Der Diener trat auf den 
Plan mit der Meldung, daß das Essen angerichtet sei und welche 
Dame Hitler zum Tisch führen wird. 

Der Ton war am Abend gelockerter und die Unterhaltung unge¬ 
zwungener. Die Damen hatten sich ein bißchen festlicher ange¬ 
zogen und mit ihrem diskreten Make-up verschönernd nachge¬ 
holfen. Die jüngere Schwester von Eva Braun, die mit dem 



Der Berghof 


187 


Lippenstift nicht gerade sparsam umzugehen pflegte, gab Hit¬ 
ler manchmal den Anstoß, von Zeit zu Zeit immer wieder das 
Märchen über die Herstellung der Lippenstifte aus Pariser 
Abwässern zu erzählen. Eva Braun, die Nase kraus ziehend, bat 
dann jedesmal in gespielter Verzweiflung: »Ach, bitte, hör doch 
damit auf!« Die Wirkung der Pariser-Abwässer-Mär schien 
Hitler besonderen Spaß zu machen, weshalb er sie häufig wie¬ 
derholte. 

Als im Jahre 1926 Ada Klein zusammen mit einer Freundin die 
Münchner Ludwigstraße in Richtung Odeonsplatz hinuntergin¬ 
gen, begegneten sie zufällig Hitler, der sich ihnen anschloß. Als 
in einem offenen Auto eine sehr auffällig geschminkte Dame 
vorbeifuhr, sagte Hitler: »Jetzt weiß ich, warum so viele Männer 
magenkrank werden. Sie nehmen beim Küssen die ganze Lip¬ 
penschminke in sich auf!« 

Es kam auch vor, daß Hitler von der vor ihm stehenden Tischde¬ 
koration eine besonders schöne Blüte entnahm und sie übermü¬ 
tig einer Dame zuwarf. Er erwartete dann, daß diese sich die 
Blume ins Haar oder Kleiderausschnitt steckte. Es geschah aber 
auch, daß er einer bereits auf solche Weise geschmückten eine 
andere Blume zuwarf, die seinem Geschmack nach besser zu ihr 
paßte. 

An solchen Galanterien hatte Hitler auch in früheren Jahren 
schon Gefallen gehabt. Ada Klein erinnerte sich noch daran, 
daß Hitler im Jahre 1933 im Braunen Haus, im sogenannten 
>Eckardstübchen< der österlichen Tischdekoration ein kleines 
gelbes Watteküken entnahm, Adas Hand ergriff, sie öffnete, ihr 
dann ganz sacht das Küken hineinsetzte und sie wieder schloß. 
Am Abend blieb man meistens ein wenig länger bei Tisch sitzen. 
Fand nach dem Essen noch eine Besprechung statt, die in der 
Großen Halle abgehalten wurde, lief zuweilen ein Film in der 
Kegelbahn oder es wurde gekegelt. Dies war aber nur sehr 
selten der Fall, da die Geräusche der rollenden Kugeln sehr 
störend in der Großen Halle zu hören waren. 

So setzten wir uns lieber in das Wohnzimmer und warteten hier 
das Ende der Besprechung Hitlers ab. Die Unterhaltung mußte 
im gedämpften Ton stattfinden, da, wie schon erwähnt, die 
Halle vom Wohnzimmer nur durch eine Samtportiere getrennt 



188 


Er war mein Chef 


war. Diese wurde dann von einem Diener beiseite geschoben 
und Hitler erschien. In der Regel fragte er dann: »Wollen wir uns 
noch ein bißchen an den Kamin setzen?« Dies war dann immer 
der Auftakt für einen Abend am Kamin. 350 
Die Gäste begaben sich vom Wohnzimmer die fünf Treppen 
hinunter in die Große Halle, die Hitler besonders liebte. Sie war 
sehr hoch und fast 200 qm groß. Der Fußboden war mit fraise- 
farbenem Velour ausgelegt und drei Marmorstufen führten zu 
den Sitzgruppen vor dem Kamin. Es gab nur wenige Möbel in 
der Halle. Zwei große Schränke, eine Sitzgruppe rechts neben 
dem Fenster, ein großer Besprechungstisch, einen Globus und 
Standuhr links davon. Dann ein Klavier und mehrere kleine 
Kommoden. Einer der großen Schränke hatte Griffe, die hand¬ 
geschnitzte markante Männerköpfe darstellten. Er enthielt 
Ehrenbürgerurkunden, alte Waffen und ähnliches. Ein anderer 
barg hinter Glasscheiben altes Zinn. Herrliche Gobelins mit 
bewegten Jagdszenen verdeckten die für die Filmvorführungen 
notwendigen Löcher in der Wand. 351 

Die großflächigen Gemälde alter Meister in der Halle wurden 
von Zeit zu Zeit ausgewechselt. Sehr oft hing die von Hitler sehr 
geliebte >Nana< von Anselm Feuerbach (Feuerbachs langjährige 
römische Geliebte, die Frau eines Schusters) nahe dem Kamin. 
An der Längsseite der Hallenwand hing eine rotgewandete 
Schöne von Bordone, in deren Nähe immer Nelken im gleichen 
satten Rot ihres Gewandes auf einer Kommode standen. 

Das Eindruckvollste in der Großen Halle, die eine dunkel¬ 
braune Kassettendecke hatte, war bei Tag ohne Zweifel das für 
damalige Verhältnisse eminent große Fenster, das versenkt 
werden konnte und heruntergekurbelt das majestätische Pano¬ 
rama des Untersberges wie in einem Rahmen zeigte. 352 Der vor 
dem Fenster stehende rechteckige Mammuttisch, mit einer 
Platte aus Untersberger Marmor, erwies sich bei Unterredun¬ 
gen, zu denen Pläne u.ä. darauf ausgebreitet wurden, als sehr 
praktisch. 

Zur Sitzgruppe am Kamin, der aus carrarischem Marmor 
gebaut und ein Geschenk Mussolinis war, gehörte ein schwarzes 
Ledersofa. Es war gigantisch in den Ausmaßen. In der Relation 
zur Größe der Halle paßte es zwar gut, war aber höchst unbe- 



Der Berghof 


189 


quem. Da die Sitzfläche zu gewaltig war, erreichte man mit dem 
Rücken einfach nicht die Lehne. Man saß, jedenfalls am Beginn 
der Kaminsitzung, daher ziemlich steif vorne auf der Kante. Im 
Verlauf des Abends drängte es die Damen nach bequemerem 
Sitzen und so wurden die Beine einfach auf die Sitzfläche 
gezogen. Die variable Gruppe der Polstersessel mit jeweils 
einem kleinen Tisch davor, die der immer wechselnden Gäste¬ 
zahl angepaßt wurde, waren viel bequemer. 

Der Kamin brannte nicht jeden Abend. Hitler, der seinen festen 
Platz an der rechten Seite zwischen zwei Damen hatte (rechts 
von ihm saß immer Eva Braun), bestimmte, wann er angezündet 
werden sollte. Er leitete auch meistens das Gespräch ein oder 
griff es auf, sobald ein bestimmtes Thema sein Interesse 
erweckte. War er mal gesprächsunlustig, es gab auch Abende, 
die in beklemmendem Schweigen dahindämmerten, wirkte 
seine Frage oft erlösend, wenn er sagte: »Wollen wir ein bißchen 
Musik hören?« Alle stimmten dann begeistert zu. 

Der Musikschrank, dessen Bedienung stets in Martin Bormanns 
Händen lag, befand sich im vorderen Tteil der Halle, rechts vom 
Fenster. Aus dem großen, von Martin Bormann besorgten 
Repertoire, wurden immer wieder vor allem bevorzugt gespielt: 
Bruckners und Beethovens Symphonien und Lieder von 
Richard Strauß, Hugo Wolf, Brahms, Beethoven, Schubert und 
Schumann. Deutlich in Erinnerung geblieben sind mir: »TVaum 
durch die Dämmerung< (Weite Wiesen im Dämmergrau), »Mach 
auf, mach auf, doch leise, mein Kind.. »Auf hebe die fun¬ 
kelnde Schale empor zum Mund<, »Ja, du weißt es teure 
Seele.. .<, »Ich trage meine Minne vor Wonne stumm.. .<, »Wenn 
du es wüßtest, was träumen heißt<, »Wer in der Fremde will 
wandern<, »Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten< 
und aus Aida, letzter Akt: »Es hat der Stein sich über uns 
geschlossen.. .< 

Hitler liebte ganz besonders Richard Wagners Werke. An erster 
Stelle stand bei ihm »TVistan und Isoldes Liebestod<, ein Werk, 
so erwähnte Hitler einmal,»... das er in seiner Todesstunde gern 
hören möchte«. Richard Wagner hielt Hitler »für den Wiederer- 
wecker der deutschen Kultur aus dem Geiste der Musik«. Wag¬ 
ners musikalische Sprache klang in seinen Ohren »wie eine 




190 


Er war mein Chef 


göttliche Offenbarung«. Er hatte einige seiner Opern sehr oft 
gesehen, und um nichts auf der Welt hätte er eine Festspielauf¬ 
führung in Bayreuth versäumt (z.B. 1936, Spanienkrieg). Er 
unterstützte Bayreuth finanziell und plante, allen Kreisen der 
deutschen Bevölkerung den Besuch der Festspiele, gleichsam 
in nationaler Wallfahrt, zu ermöglichen. Die >Deutsche Ar¬ 
beitsfront veranstaltete KdF-Fahrten nach Bayreuth für 
Arbeiter und Angestellte, wodurch die Begeisterung für das 
Wagnersche Werk in allen Schichten des Volkes verbreitet 
werden sollte. 

Aber Hitler mochte nicht nur ernste, sondern er hörte auch 
sehr gern heitere Musik, insbesondere >Die lustige Witwe< und 
>Die Fledermaus< sowie den >Zigeunerbaron<. Einige der Her¬ 
ren zogen sich allerdings, wenn die Musik am Abend im Vor¬ 
dergrund stand, gern ins Wohnzimmer zurück. Besonders bei 
Heinrich Hoffmann und Julius Schaub, zwischen denen sich 
von Zeit zu Zeit starke Aggressionen anstauten, schien ausge¬ 
rechnet die Musik das Bedürfnis nach einer klärenden Aus¬ 
sprache zu schüren. Wenn sie dann zu lautstark wurden, 
schickte Hitler einen Diener zu ihnen in das Wohnzimmer, mit 
der Bitte, »sich entweder leiser zu unterhalten oder wieder an 
den Kamin zu kommen«. 

Solche Vorkommnisse erinnerten Hitler manchmal an unange¬ 
nehme Situationen, in die er mit seiner unmusikalischen 
Begleitung öfters gekommen war. Er erzählte dann: »Wenn ich 
eine Oper besuchte, mußte ich immer darauf achten, daß meine 
Herren nicht schnarchten. Bei Tristan und Isolde wäre Hoff¬ 
mann beinahe über die Brüstung der Proszeniumsloge gefallen. 
Ich habe Schaub wecken müssen, damit er hinüberging und 
Hoffmann wachrüttelte. Brückner saß hinten und hat ge¬ 
schnarcht. Es war fürchterlich!« 

Derlei, von Hitler zum Besten gegebene Anekdoten, lösten 
natürlich immer Heiterkeit aus, auch bei Eva Braun. Wurden 
jedoch Gespräche angeschnitten, die Eva nicht lagen, so war 
ihr das sofort anzusehen, und auch Hitler pflegte dies nicht zu 
entgehen. Er tätschelte dann beruhigend ihre auf der Sessel¬ 
lehne liegende Hand, flüsterte ein paar Worte mit ihr und Eva 
verschwand nach oben. Genauso verhielt sie sich, wenn sie 



Der Berghof 


191 


meinte, Hitler würde einer anderen Dame >zuviel< Aufmerksam¬ 
keit widmen. 353 

Zu Silvester 1938 hatte mir z. B. Gretl Slezak zur Weitergabe an 
Hitler einen Brief geschickt, den ich ihm ohne Zeugen überge¬ 
ben sollte. Ich hatte ihn deshalb, als er die Halle verlassen 
wollte, zurückgehalten. Nachdem sich alle Gäste bereits zum 
Bleigießen in die im Keller gelegene Kegelbahn begeben hatten, 
legte er seine Hand unter meinen linken Arm und ging mit mir 
allein in der Großen Halle auf und ab. Mein Abendkleid aus 
rehbraunem Velour-TVansparent mit kleiner Schleppe, wozu 
sich mein Weißfuchscape meiner Meinung nach prächtig aus¬ 
nehmen mußte, mag mir, unterstützt durch einen kleinen 
Schwips, den ich bereits seit dem festlichen Silvester-Abend¬ 
essen hatte, eine ganz schöne Portion Selbstbewußtsein und 
Zivilcourage verliehen haben. Denn nachdem ich Hitler den 
Brief übergeben hatte, brach ich in Lobeshymnen über Gretl 
Slezak aus, die sehr nahe einem Kuppeleiversuch angesiedelt 
waren. Restlos überzeugt, daß er meine Ansicht teilen müsse, 
sagte ich dann abschließend: »Die Eva ist doch nichts für Sie, 
mein Führer!« 

Anstatt mir diese impertinente Bemerkung übel zu nehmen, 
blickte er mich amüsiert an und sagte wörtlich: »Aber sie genügt 
mir!« Genügt! Also nichts von der großen Liebe, von der man¬ 
che Schreiberlinge nach 1945 zu berichten wußten! 

Ganz offensichtlich hat Hitler in dieser Silvesternacht mein 
kupplerisches Wesen königlich amüsiert, denn er traf keine 
Anstalten, die Halle zu verlassen. Wir waren allem Anschein 
nach schon viel zu lange allein gewesen. Denn plötzlich erschien 
Eva Braun in der Halle, sah mich sehr mißbilligend an und sagte 
beleidigt zu Hitler: »Wo bleibst Du denn, wir warten alle auf 
Dich!« 

Hitler hat diese Episode offenbar nicht vergessen. Denn nach 
einigen Wochen kam er nochmal darauf zurück und sagte 
lächelnd zu mir: »In jener Nacht hatten Sie das gewisse Etwas!« 
An dem Silvesterabend wurde auch die Gruppenaufnahme in 
der Großen Halle vor dem Kamin gemacht. Es war die letzte 
Silvesterfeier, an der Hitler eine so große Gästezahl geladen 
hatte. 





192 


Er war mein Chef 


Zu einem unvergessenen Erlebnis in der Großen Halle wurde 
mir auch das Diktat Hitlers am 11. Mai 1941 und zwar deshalb, 
weil er viele Male immer vergeblich versuchte, einen plausiblen 
Grund für den Flug seines Stellvertreters Rudolf Heß nach 
England zu formulieren. Die verschiedensten Möglichkeiten, 
die Anlaß zu diesem Flug gewesen sein könnten, tastete Hitler 
ab und versuchte sie in Worte zu fassen. Nichts wollte gelingen. 
Erst als er den Flug als die Tht eines Geisteskranken hinstellte, 
als ihm diese Formulierung gelungen war, schien er zufrieden. 
Bisher hatte ich es nie erlebt, daß Hitler sich mit einem Diktat so 
schwer tat. 354 

Hitler war ein großer Bewunderer der englischen Kolonialpoli¬ 
tik. Bereits 1926 soll er im Kreise seiner engsten Mitarbeiter 
geäußert haben: »Ich wünsche nicht, daß eine Perle aus der 
Krone des Britischen Empire fällt. Dies würde eine Katastrophe 
für die Menschheit bedeuten.« Als z. B. in den Vorkriegsjahren 
die deutsche öffentliche Meinung für die indische Freiheitsbe¬ 
wegung schwärmte, sagte er: »Ich verbiete meinen Leuten die¬ 
sen Ghandi-Rummel mitzumachen. Man erwirbt Freiheit nicht 
mit Webstühlen, sondern mit Kanonen.« 

Aus verschiedenen seiner Äußerungen war zu schließen, daß 
ihm als idealste Lösung des Problems der Weltpolitik ein Bünd¬ 
nis mit England vorschwebte. Er hielt das Zusammengehen der 
englischen Flotte und der deutschen Armee für einen ausrei¬ 
chenden Machtfaktor, um der Weltpolitik eine neue Grundlage 
zu geben. Schon in den 20er Jahren hatte Hitler ein Buch über 
Außenpolitik zu schreiben begonnen. 355 1 9 3 9, kurz nach der 
englischen Kriegserklärung, sagte er in meinem Beisein zu Heß: 
»Mein ganzes Werk zerfällt nun. Mein Buch ist für nichts 
geschrieben worden.» 

Ich glaube, daß Heß der einzige war, den er von den in seinem 
Manuskript entwickelten Gedanken unterrichtet hatte, und daß 
Heß, auf Grund seiner intimen Kenntnis der Vorstellungen 
Hitlers, seinen Flug nach England unternommen hat. 

Die Große Halle war auch vielfach Zeuge interessanter Bege¬ 
benheiten, Besuche und Gespräche. Sehr angetan war Hitler 
z. B. von dem Besuch des Herzogs und der Herzogin von Wind¬ 
sor. 351 Nachmittags sah ich vom Bürofenster Hitler mit dem 



Der Berghof 


193 


herzoglichen Paar auf der Tferrasse stehen, offensichtlich 
nannte er ihnen die Namen der Berge. Die Herzogin trug ein 
einfaches dunkelblaues Wollkleid, das lediglich durch seinen 
Schnitt wirkte. Sie sah mit dem einfach gescheitelten zu einem 
Knoten aufgesteckten Haar chic und vornehm aus. 

Zweifellos hatte sie auch auf Hitler einen nachhaltigen Ein¬ 
druck gemacht, denn abends am Kamin meinte er: »Sie wäre 
sicherlich eine gute Königin geworden.« Hitler nahm Partei für 
den Prinzen, der einer Frau zuliebe auf den englischen Thron 
verzichtet hatte. Er bedauerte - da er in dem Prinzen einen 
Freund Deutschlands sah - daß der Prinz nicht um seine Sache 
gekämpft habe, zumal er sich auf die Sympathie bei der Arbei¬ 
terschaft hätte stützen können. 

Auch von Aga Khan, 358 dem indischen Fürsten und Mohamme¬ 
danerführer, den Hitler ein paar läge vorher empfangen hatte, 
erzählte er abends am Kamin, daß der Fürst von Zeit zu Zeit von 
den Gläubigen seines Landes Gold im Gewicht seines Körpers 
zur Verfügung gestellt bekommt und daß er einer der reichsten 
Männer der Welt sei. Die mit Aga Khan geführten Gespräche 
beschäftigten Hitler noch des öfteren, so z. B. die Ansicht des 
Aga Khan, daß es für Europa viel besser gewesen wäre, wenn 
Karl Märtel im 8. Jahrhundert in der Schlacht zwischen Tours 
und Poitiers die Araber nicht zurückgeschlagen hätte. Dann 
wäre ganz Europa mohammedanisch geworden, es hätte seine 
Einsicht behalten und die Völker hätten in Frieden auf diesem 
Kontinent miteinander leben können. Aga Khan hatte sich über 
die europäischen Verhältnisse Gedanken gemacht und das 
gefiel Hitler. Auch die islamische Religion - ohne Schreckens¬ 
vorstellungen - fand Hitlers Zustimmung und vor allem ein 
Leben ohne Alkohol, ohne Schweinefleisch und mit der Fasten¬ 
zeit. 

Zu den immer wieder gern von Hitler erwähnten Besuchen 
Prominenter im Berghof zählte auch der Besuch des britischen 
Staatsmannes Lloyd George 359 im Jahre 1936. Hitler erzählte, 
wie beeindruckt Lloyd George von der Lage des Berghofs, dem 
Haus selbst, der Einrichtung und vor allem von dem Blick aus 
dem riesigen Fenster in die herrliche Gebirgswelt gewesen sei. 
Aber auch über die deutschen Maßnahmen zur Behebung der 




194 


Er war mein Chef 


Arbeitslosigkeit, zur Freizeitgestaltung und zur Krankenversi¬ 
cherung sowie verschiedener anderer sozialen Einrichtungen. 
Dr. Ley 380 hatte ihn vor dem Besuch des Berghofs mit den 
Einrichtungen der Arbeitsfront bekannt gemacht. 

Dagegen hatte der Besuch von Knut Hamsun 381 im Berghof in 
Hitler eine ungute Stimmungen hinterlassen. Das war im Juni 
1943 gewesen. Baldur von Schirach hatte eines Täges im Juni 
1943 beim Mittagessen im Berghof von Hamsuns Besuch auf 
dem Joumalistenkongreß in Wien erzählt und beschwor Hitler, 
Hamsun im Berghof zu empfangen. Nach anfänglichem Wider¬ 
streben willigte Hitler ein und Knut Hamsun erschien im 
Berghof. 

Während seines Empfanges hörten Frau Christian und ich - wir 
waren im Wohnzimmer, das nur durch eine Portiere von der 
Großen Halle getrennt war - einen lautstarken Wortwechsel. 
Wir hielten den Atem an und traten näher an die Portiere. Knut 
Hamsun hatte den Mut gehabt, Hitler gegenüber die von Gau¬ 
leiter 'Derboven 382 in Norwegen ergriffenen Maßnahmen zu 
rügen. Hamsun war sehr erregt und trug sein Anliegen, Tterbo- 
ven von Norwegen abzuberufen, mit tränenerstickter Stimme 
vor. Vielleicht, weil Hamsun etwas schwerhörig war, vielleicht 
aber auch, weil Hitler keinen Einspruch dulden wollte, hörten 
wir ihn in großer Lautstärke zu Hamsun sagen: »Seien Sie still, 
davon verstehen Sie nichts!« 

Die gleichen Worte hatte Hitler angeblich am Karfreitag 1943, 
mit uns am Kamin sitzend, auch Henriette von Schirach gesagt, 
so berichtete sie mir jedenfalls 1978. Ich weiß, daß an jenem 
Abend rechts von Hitler, bevor sie nach oben gegangen war, Eva 
Braun gesessen hatte und links Henriette von Schirach. Ich 
hatte auch bemerkt, daß, während die anderen Gäste sich unter¬ 
hielten, zwischen Hitler und Henriette von Schirach eine 
erregte Unterhaltung stattfand, dessen Inhalt ein Erlebnis 
gewesen sei, das sie einige läge zuvor in Amsterdam gehabt 
hätte. 

Nachts sei sie durch ungewohnte Laute wach geworden und 
habe von ihrem Hotelfenster gesehen, daß weinende Frauen - 
durch Befehle zusammengehalten - im Dunkel der Nacht über 
eine Brücke verschwanden. Von ihren Freunden erfuhr sie am 



Der Berghof 


195 


nächsten r Iäg, daß es sich um eine Deportation von Jüdinnen 
gehandelt habe. Sie versprach, Hitler davon zu erzählen, was sie 
auch tat. Hitler soll ihr darauf sehr schroff geantwortet haben: 
»Seien Sie still, Frau von Schirach, davon verstehen Sie nichts. 
Sie sind sentimental, was gehen Sie die Jüdinnen an. Jeden Täg 
fallen Zehntausende meiner wertvollsten Männer, während die 
Minderwertigen am Leben bleiben. Dadurch verschiebt sich das 
Gleichgewicht in Europa«, wobei er seine Hände wie zwei 
Schalen auf- und absenkte. »Was würde Europa in 100, in 1000 
Jahren werden?« In einem Tbn, der kundtat, daß er das 
Gespräch für beendet halte, soll er weiter gesagt haben: »Ich bin 
nur meinem Volk verpflichtet, sonst niemand!« 

Alle anderen Gäste hatten inzwischen bemerkt, daß Henriette 
von Schirach Hitler verstimmt hatte, und waren sichtlich froh, 
als ein Diener erschien, um sich zu erkundigen, ob er die Gläser 
nachgießen dürfe. Ein befreites Aufatmen war spürbar, als nach 
12 Uhr nachts Minister Dr. Goebbels eintraf. Dann kam es 
jedoch zwischen diesem und Baldur von Schirach zu einem 
Disput. Goebbels warf Schirach vor, er betreibe in Wien öster¬ 
reichische Politik. Hitler meinte, »es sei ein Fehler gewesen, 
Schirach nach Wien zu schicken und auch ein Fehler, die Wie¬ 
ner in das Großdeutsche Reich aufgenommen zu haben«. 

Als Schirach sagte: »... aber die Wiener hängen doch an Ihnen, 
mein Führer«, entgegnete Hitler, »das interessiere ihn über¬ 
haupt nicht, er lehne die Menschen ab«. Auf Schirachs erregten 
Einwurf, daß er unter diesen Umständen seinen Auftrag 
zurückgebe, sagte Hitler schroff: »Darüber haben Sie nicht zu 
entscheiden, Sie bleiben, wo Sie sind!« 

Am anderen Morgen lag eine Tbdesstille über dem Berghof. 
Aber dies hatte nichts damit zu tun, daß das Ehepaar Schirach 
inzwischen in aller Frühe ohne Verabschiedung heimlich davon 
gefahren war. Es war jeden Vormittag unheimlich still am 
ganzen Berg, und zwar auf Anordnung von Martin Bormann. 
Weil Hitler nachts meist mit dem Studium von Denkschriften 
u. ä. beschäftigt war, und erst gegen Morgen einschlief, stand er 
deshalb sehr spät, so gegen Mittag auf. 

Alle Hausgäste, die in der Etage über seinen Zimmern wohnten, 
mußten darauf Rücksicht nehmen. Man mußte immer auf den 



196 


Er war mein Chef 


Zehenspitzen um das Bett herumgehen und durfte vormittags 
auch nicht baden. Alle Gäste waren angewiesen, sich auch auf 
der ’lferrasse ruhig zu verhalten, wo Eva Braun gern im Kreise 
ihrer Freundinnen die Zeit bis zum Erscheinen Hitlers im Lie¬ 
gestuhl verbrachte. Frau Schneider 363 war ihre langjährige 
richtige Freundin. Von den anderen Damen, Frauen der Ärzte 
und Adjutanten, war nur immer eine zeitweise gerade Favoritin 
bei Eva. Diese durfte dann auch mit Eva nach Portofino fahren, 
von dem sie so schwärmte. Der Favoritin gegenüber waren dann 
wieder alle anderen vorsichtig und zurückhaltend. Es war 
schon oft ein eigenartiger Kreis gewesen, oben am Berg. 

Ab 1944 erschienen feindliche Flieger nun auch über dem 
Berchtesgadener Land, öfters heulten die Sirenen und das 
Führergelände wurde vernebelt. Hitler erwartete, ebenso wie 
auf das Hauptquartier, auch einen gezielten Angriff auf den 
Berghof. Schon 1943 wurde daher ein Bunker in den Berg 
gebaut, der zu Weihnachten fertig war und mir später 1945 das 
Leben rettete. Vom Hinterausgang des Hauses mußte man ein 
paar Schritte über den Hof gehen und stieg dann durch eine 
Eisentür ca. 65 Stufen tief zum Bunker in den Berg hinunter. 



Befehl zum Verlassen Berlins 
und Abschied von Hitler 


Nachdem die Verstärkung des Führerbunkers im Park der 
Reichskanzlei durchgeführt worden war, verlegte Hitler das 
Führerhauptquartier im Januar 1945 nach Berlin. Der Bunker 
war nur für einen vorübergehenden Aufenthalt während der 
Fliegerangriffe gedacht gewesen. Als aber im Februar 1945 
die oberen Wohnräume im Radziwill-Palais, vor allem die 
Bibliothek, durch Brandbomben unbewohnbar geworden 
waren, hielt sich Hitler mit seinem Stab vorwiegend im Bun¬ 
ker auf. 364 

Unbeschädigt geblieben war im Radziwill-Palais der Adju¬ 
tantenflügel, wo sich das schon öfters erwähnte TVeppenzim- 
mer befand. Hier aßen wir Sekretärinnen am Anfang mittags 
mit Hitler bei zugezogenen Vorhängen und bei elektrischer 
Beleuchtung, während draußen die Frühlingssonne auf die 
ausgebombten Gebäude des Hotels Kaiserhof und des Propa¬ 
gandaministeriums schien. Das Abendessen wurde dagegen 
im Führerbunker, in Hitlers Arbeitszimmer, einem kleinen, 
spärlich möblierten Raum, eingenommen. 

Die Bunkeranlage erstreckte sich bis in den Park der Reichs¬ 
kanzlei hinein, wo ein Notausgang in Form eines kleinen 
Türms den Abschluß bildete. Es führten verschiedene, immer 
wieder abgesetzte TYeppen vom Hause aus in den Bunker. 
Hitler bewohnte einen sehr engen Raum, in dem nur ein klei¬ 
ner Schreibtisch, ein schmales Sofa, ein Tisch und drei Sessel 
Platz hatten. Der Raum war kalt und ungemütlich. Auf der 
linken Seite führte eine Tür ins Badezimmer, auf der rechten 
eine andere in ein ebenfalls sehr enges Schlafzimmer. 

Das Arbeitszimmer wurde völlig beherrscht von einem Bildnis 
Friedrich des Großen, das über dem Schreibtisch hing. Mit 
seinen großen strengen Augen blickte der Alte Fritz mahnend 
herab. 36:1 Die bedrückende Enge des Raumes und die ganze 



198 


Er war mein Chef 


Stimmung wirkten sehr deprimierend. Wenn jemand durch das 
Zimmer gehen wollte, mußten die Sessel weggerückt werden. 
Morgens um 6 Uhr, wenn Hitler uns nach der nächtlichen 
Lagebesprechung empfing, lag er meist ermattet auf dem klei¬ 
nen Sofa. Sein körperlicher Verfall machte täglich Fort¬ 
schritte, trotz seiner verzweifelten Bemühungen, ihn aufzuhal¬ 
ten. Immerhin fand er noch die Kraft, zu unserer Begrüßung 
aufzustehen. Nach einer Weile ließ er sich wieder auf das Sofa 
nieder, wobei ihm der Diener die Füße hochbettete. Hitler war 
fast dauernd gereizt, und seine Gespräche wurden immer ein¬ 
seitiger, sie waren nur noch die monotone Wiederholung der 
gleichen Geschichten. Oft erzählte er beim Mittagessen, beim 
Abendessen und nachts (d.h. morgens) beim Tee dasselbe. So 
sagte er fast jeden Täg zu uns: »Blondi, dieses Biest, hat mich 
heute morgen wieder einmal geweckt. Sie kam wedelnd an 
mein Bett, und als ich sie fragte. »Mußt du Geschäftchen 
machen<, zog sie den Schwanz ein und verkroch sich wieder in 
ihre Ecke. Sie ist schon ein schlaues Tier.« Oder: »Sehen Sie 
mal, meine Hand bessert sich. Das Zittern ist nicht mehr so 
stark, ich kann sie schon ganz ruhig halten.« 

Die Dinge, über die er jetzt noch gern diskutierte, wurden von 
Mal zu Mal platter und uninteressanter. Er sprach nicht mehr 
über Kirche, Rassenprobleme, wirtschaftliche und politische 
Fragen, von nordischem und deutschem Wesen, vom alten 
Griechenland oder vom Werden und Vergehen des römischen 
Staatsvolkes. Er, der sich leidenschaftlich für alle naturwis¬ 
senschaftlichen Probleme, für Zoologie und Botanik und die 
Entwicklung des Menschengeschlechtes interessiert hatte, 
sprach in den letzten Monaten nur noch über Hundedressur, 
Emährungsfragen und die Dummheit und Schlechtigkeit der 
Welt. 

Die Morgentees dauerten gewöhnlich zwei Stunden. Anschlie¬ 
ßend erhob sich Hitler und begab sich schleppenden Ganges in 
die Hundebox, wo er Blondi kurz besuchte. Sie hatte im März 
Junge geworfen, von denen Hitler einen Rüden ausgesucht 
hatte, den er ohne fremde Hilfe ganz allein aufziehen wollte. 
Diesen kleinen Rüden brachte er aus der Box mit zurück, setzte 
sich, den Hund auf dem Schoß, im Vorraum schwerfällig nie- 




Befehl zum Verlassen Berlins und Abschied von Hitler 


199 


der und streichelte das Tier unaufhörlich, während er immerzu 
zärtlich seinen Namen >Wolf< wiederholte. 

Danach brachte Hitler den jungen Hund zu Blondi zurück und 
verabschiedete sich von uns, um sich zurückzuziehen. Das war 
in der letzten Zeit gewöhnlich um 8 Uhr. Viel Zeit zum Schlafen 
blieb ihm nicht, da regelmäßig gegen 11 Uhr die Sirenen ertön¬ 
ten. Bei feindlichen Einflügen blieb Hitler niemals liegen. Er 
fürchtete immer, daß durch eine schrägfallende Bombe einmal 
die Seitenwand des Bunkers getroffen und aufgerissen werden 
könnte. Da der Bunker im Grundwasser lag, bestand die 
Gefahr, daß im Falle eines Einschlages das Wasser rasch ein¬ 
strömen könnte. Deswegen zog sich Hitler bei Annäherung 
feindlicher Flieger von Kopf bis Fuß an und rasierte sich sogar. 
Bei einem Alarm blieb er nie allein in seinem Zimmer. 

Das Abendessen, das gewöhnlich gegen 21 oder 22 Uhr statt¬ 
fand, dehnte Hitler gern lange aus. Oft wurden noch während 
des Abendessens feindliche Einflüge gemeldet. Bei dem Beginn 
der Einflüge wurde dann der Draht- bzw. Polizeifunk einge¬ 
schaltet, der unaufhörlich sein monotones Pausezeichen ertö¬ 
nen ließ und zwischendurch Berichte vom Stand der Tätigkeit 
der feindlichen Flieger durchgab. Wir saßen und lauschten auf 
Einschläge, und es verging kein Täg, an dem nicht das Regie¬ 
rungsviertel angegriffen wurde. Bei dem schweren Luftangriff 
vom 3. Februar 1945 sind im Bereich der Reichskanzlei 58 
Sprengbomben gefallen. Jedesmal, wenn eine Bombe in der 
Nähe einschlug, schwankte der im Grundwasser liegende Bun¬ 
ker spürbar. Begann das Licht zu flackern, meinte Hitler: »Das 
war in der Nähe. Die Bombe hätte uns treffen können.« 

Nach den Angriffen verlangte Hitler sofort die Schadensmel¬ 
dung. Er hörte sie ruhig an, ohne etwas dazu zu äußern. Lange 
nach Mitternacht begann erst die nächtliche Lagebesprechung. 
Sie dauerte oft bis zum Morgen. Dann gab es den üblichen Tee, 
er spielte mit den Hunden und schlief ein paar Stunden bis zum 
nächsten Fliegeralarm, der meist bis zum Mittagessen anhielt. 
Danach berief Hitler die Nachmittagslagebesprechung ein, und 
das ganze Spiel begann von neuem. 

Als am 20. April 1945 Hitler 56 Jahre alt wurde, war Berlin 
umzingelt. Die ersten russischen Panzer standen vor Berlin. Der 



200 


Er war mein Chef 


Donner der Infanteriegeschütze drang bis in das Gebiet der 
Reichskanzlei. Die Gratulationscour des persönlichen Stabes 
und der Militärs am Vormittag war im Vergleich zu früheren 
Jahren in sehr gedämpfter Atmosphäre erfolgt. Um so aufdring¬ 
licher war die Gratulationscour der Alliierten, indem sie fast 
unentwegt vom frühen Morgen bis gegen 2 Uhr nachts rollende 
Luftangriffe auf Berlin flogen. Wir kamen aus dem Bunker 
nicht mehr heraus. Gemäß dem Dienstplan leisteten Johanna 
Wolf und ich dem Chef Gesellschaft beim Mittagessen. Wäh¬ 
rend des Essens herrschte eine sehr gedrückte Stimmung. 

Am Abend, mitten unter einem Angriff, es mag kurz vor 22 Uhr 
gewesen sein, wurden Johanna Wolf und ich zum Chef gerufen. 
Müde, blaß und abgespannt empfing uns Hitler in seinem klei¬ 
nen Arbeitsraum im Bunker. Er sagte: »... daß sich die Lage in 
den letzten vier lägen sehr verändert habe.« Am 16. April hatte 
er mir noch beim Mittagessen im Täeppenzimmer auf meine 
Frage, ob wir in Berlin bleiben würden, fast unwillig geantwor¬ 
tet: »Natürlich bleiben wir in Berlin. Sie brauchen keine Angst 
zu haben!«Ich entgegnete ihm, daß ich keine Angst habe, da ich 
sowieso mit dem Leben abgeschlossen hätte. Aber ich könnte 
mir nicht vorstellen, wie das weitergehen solle, wo von der einen 
Seite die Amerikaner und der anderen die Russen täglich näher 
rückten. »Beruhigen Sie sich«, antwortete Hitler ärgerlich: 
»Berlin bleibt deutsch, wir müssen nur Zeit gewinnen!« Auch 
bei seiner letzten Ansprache an die Gauleiter am 24. Februar 
1945 in Berlin teilte Hitler seine unerschütterliche Überzeu¬ 
gung mit: »Wir müssen Zeit gewinnen!« 

Nun sagte er zu uns: »Die Lage hat sich in den letzten vier lägen 
so verändert, daß ich mich gezwungen sehe, meinen Stab aufzu- 
lockem. Da Sie die Älteren sind, machen Sie den Anfang. In 
einer Stunde geht ein Wagen in Richtung München. Zwei Koffer 
können Sie mitnehmen, das Weitere sagt Ihnen Reichsleiter 
Bormann.« 

Ich bat ihn, da ich keine Familienangehörigen besaß, in Berlin 
bleiben zu dürfen, er möge statt meiner die jüngere Kollegin 
fahren lassen, deren Mutter in München lebte. Doch davon 
wollte er nichts wissen. »Nein, ich will später eine Widerstands¬ 
bewegung gründen 366 und dazu brauche ich Euch beide. Ihr seit 



Am 10. Mai 1940 um 5.30 Uhr be¬ 
gann der deutsche Angriff auf 
Frankreich. Schon am 9. 5. 1940 ver¬ 
ließ Hitler mit seinem Stab Berlin 
und bestieg um 17 Uhr im Bahnhof 
Finkenkrug seinen Sonderzug, der 
ihn in das FHQ »Felsennest bei Mün¬ 
stereifel brachte. Das Bild unten 
zeigt die Sekretärinnen Gerda Dara- 
nowski und Christa Schroedervor 
der Abfahrt des Zuges. 


Am 0 Juni 1940 bezog Hitler das 
FHQ >Wolfsschlucht' in einem klei¬ 
nen Dorf Bruly de Peche in Belgien 
(Bild rechts Hitler mit Dr. Dietrich 
und Adjutanten vor der Dorfkirche). 


Johanna Nusser (Bild unten rechts) 
wareine Freundin von Christa 
Schroeder. Einen TVil der Briefe, die 
Frau Schroeder aus Berlin, vom 
Berghof und den FHQ’s an siege¬ 
st hneben hatte, gab sie 1951 an Frau 
Schroeder zurück. 














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Hitlers Zimmer im FHQ »Felsennest« 
wareinfach ausgestattet. Auf dem 
Tisch seine große Lupe, mit der 
Hitler die Lagekarten studierte. Der 
Reporter Heidemann vom STFRN 
interpretierte »Hitlers Tagebücher 
in den Stapel Vorlagen hinten links. 












Befehl zum Verlassen Berlins und Abschied von Hitler 


201 


mir die Wertvollsten. Wenn es zum äußersten kommt, werden 
die Jungen immer durchkommen, Frau Christian wird sich auf 
jeden Fall durchschlagen und wenn wirklich eine der Jungen 
draufgeht, so ist das eben Schicksal!« 

Er verabschiedete sich von uns nicht, wie bisher immer üblich, 
mit einem Handkuß, sondern jetzt mit einem Handschlag. 
Damit wollte er wohl zum Ausdruck bringen, daß er keinen 
Widerspruch mehr gelten lasse und das Gespräch für ihn been¬ 
det sei. Sicher bemerkte er unsere gedämpfte Stimmung, denn 
er sagte dann noch, vielleicht mit dem Versuch uns trösten zu 
wollen: »Wir sehen uns bald wieder, ich komme in einigen 
lägen nach!« 

Dieser Befehl zum Verlassen Berlins am 20. April 1945 ent¬ 
sprach nicht meiner damaligen Vorstellung, da ich mich bereits 
damit abgefunden hatte, gegebenenfalls die mir von Skor- 
zeny 367 im Täusch gegen eine Flasche Whisky übergebene Mes¬ 
singkapsel mit Zyankali zu benutzen. TVevor Roper, der engli¬ 
sche Historiker, meint es besser wissen zu müssen, auch was das 
Datum anbelangt. Er schrieb in >Hitlers letzte Täge<, 3. Auflage, 
Ullstein Verlag 1965, folgendes: »Zwei Sekretärinnen Hitlers, 
Fräulein Wölf und Fräulein Schroeder, die am 22. April geflo¬ 
hen waren...« 

Mir waren plötzlich und unerwartet befohlene Reisen schon von 
jeher ein Greuel gewesen. Diese Anordnung Hitlers überstieg 
aber meine frühere Unlustgefühle bei weitem und versetzte 
mich in Verwirrung. Wir erstarrt verließ ich Hitler, um mich 
zusammen mit meiner Kollegin Wolf zum Kofferpacken zu 
begeben. Ich hatte nicht das Geringste von meinem Besitz 
verlagert. Mehrere Koffer, die ich teils im Westen und teils im 
Osten 1944 evakuiert hatte, ließ ich Anfang 1945 beim Vor¬ 
marsch der Amerikaner und Russen nach Berlin zurückkom¬ 
men, da ich nach Hitlers Aussage wirklich dachte, daß die 
Sachen in Berlin noch am sichersten wären. 

Auf dem Wege zum Voßstraßen-Bunker, wo uns Sekretärinnen 
ein Raum zum Schlafen und zur Aufbewahrung unserer Sachen 
zur Verfügung stand, sah ich den Rüstungsminister Albert 
Speer in der Telefonzentrale stehen. Ich erzählte ihm von Hit¬ 
lers Anordnung und fragte ihn dann noch nach Prof. Brandt, 



202 


Er war mein Chef 


dessen Schicksal mir sehr am Herzen lag. Von Prof. Brandt, der 
wegen defaitistischen Äußerungen von Hitler zum Tode verur¬ 
teilt worden war, hieß es, er befände sich unter Bewachung in 
einer Berliner Villa. Speer sagte mir: »Wir werden ihn illegal 
befreien!« 

Der Vorraum zum Bunker in der Voßstraße war voll gedrängt 
mit Menschen, die vor den anhaltenden Luftangriffen von der 
Voßstraße herein in den Bunker geflüchtet waren. Der uns 
Sekretärinnen zur Verfügung stehende Raum war ursprünglich 
als >Sendestation< für Radioaufnahmen gedacht. Ich hatte mich 
darin höchst ungern aufgehalten, da die Decke und die Wände 
mit schalldämmenden Platten belegt, jeden Tbn schon während 
des Sprechens verschluckten. Ein toter Raum von bedrückender 
Stille wie ein Grab. 

Die Packerei kam mir sinnlos vor. Plötzlich läutete das Telefon. 
Der Chef war am Apparat. Mit kraftloser Stimme sagte Hitler: 
»Kinder, das Loch ist bereits geschlossen (wir hätten mit dem 
Auto durch das Protektorat (CSR) fahren sollen). Ihr kommt 
dort mit dem Wagen nicht mehr durch und müßt nun morgen 
früh fliegen!« 

Nach Mitternacht rief Hitler noch einmal an: »Kinder«, sagteer, 
»Ihr müßt Euch fertig machen, beeilt Euch, die Maschine startet 
sofort nach der Entwarnung.« Seine Stimmte klang matt und 
brach mitten im Gespräch ab. Ich fragte zurück, aber obwohl er 
den Hörer nicht aufgelegt hatte, gab er keine Antwort mehr. 
Dies waren übrigens die einzigen Telefonate, die ich in den 12 
Jahren mit Hitler geführt hatte... 

Kurze Zeit später, es mag so gegen ‘A3 Uhr morgens gewesen 
sein, bahnten wir uns einen Weg zurück durch die überfüllten 
Gänge des öffentlichen Bunkers der Voßstraße in der Reichs¬ 
kanzlei, in dem es wie in einem Bienenschwarm summte und 
brodelte. Neugierig starrten alle auf uns und unsere zwei Kof¬ 
fer. Ich hatte ganz erbärmliche Gefühle und ging voller Scham 
an den verängstigten Menschen vorbei. Im Hof des Radziwill- 
Palais stand ein Lastkraftwagen bereit, auf den Johanna Wolf 
und ich unsere Koffer gaben. Johanna hatte ein ungutes Gefühl 
wegen der Koffer und meinte, als sie schon verstaut waren, ob 
wir sie nicht lieber bei uns behalten sollten. Doch ich hatte die 



Befehl zum Verlassen Berlins und Abschied von Hitler 


203 


völlig veränderte Lage noch nicht begriffen und meinte, es 
würde mit dem Gepäck wie immer in Ordnung gehen. Wie sich 
später aber herausstellen sollte, wurde das Gepäck nicht wie 
wir nach dem Flughafen Tempelhof, sondern nach dem Flug¬ 
platz Staaken gebracht. 

Im Hof des Radziwill-Palais herrschte ein großes Durcheinan¬ 
der. Nichts mehr von der gewohnten Ordnung bei den Abfahr¬ 
ten war zu merken. Fremde Fahrer von der LAH waren mit 
Autos eingesetzt. Da kein Licht gemacht werden durfte, konnte 
man sich nur schwer zurechtfinden. Als wir endlich in einem der 
Autos saßen, mußten wir feststellen, daß sich der Fahrer in 
Berlin überhaupt nicht auskannte. Auch hatte er keine Anwei¬ 
sung bekommen, ob er uns nach Tempelhof oder Staaken brin¬ 
gen sollte. Auf jeden Fall brachte er uns fälschlicher- oder 
glücklicherweise nach Tempelhof. Es war eine macabre Fahrt 
durch das nächtliche Berlin. An brennenden Häusern, qual¬ 
menden Trümmerhaufen, Ruinen und Wolken von Rauch ging 
es an Volkssturmmännern vorbei, die damit beschäftigt waren, 
Straßensperren zu errichten. In gar nicht weiter Ferne hörte 
man den Donner der russischen Artillerie. 

Am Flugplatz Tbmpelhof angekommen, war von einer Ju 52, von 
der Oberst von Below, 368 Hitlers Luftwaffenadjutant, gespro¬ 
chen hatte, nichts bekannt. Der Kommandant des Flughafens 
gab uns den Rat zu versuchen, in der gerade aus Norddeutsch¬ 
land avisierten IVansport-Ju, die nach Salzburg fliegen sollte, 
unterzukommen. Dies glückte uns dann auch nach einigen 
Verhandlungen. 

Ohne unsere Koffer, nur mit einer Reisetasche und einem, auf 
Anordnung von SS-Obergruppenführer Schaub in letzter 
Minute gepackten Rucksack, dessen Hauptinhalt aus runden 
Blechdosen mit »Schoko-Dallmann« 369 bestand, startete das 
Flugzeug. Nach dem Start, der durch einen Schneeregen 
erschwert wurde, kamen wir nach einem aufregenden Flug über 
brennende Dörfer und Städte im Morgengrauen auf dem Salz¬ 
burger Flughafen an. Die Angst war furchtbar gewesen, wenn 
Geräusche, die auf einen Beschuß schließen ließen, dumpf an 
unsere mit Watte verstopften Ohren drangen und die Maschine 
abzusacken schien. Wir saßen stumm in der TVansportmaschine 



204 


Er war mein Chef 


zwischen den fremden Soldaten auf grün angestrichenen Muni¬ 
tionskisten am Boden. Ich kann mich nicht erinnern, daß auch 
nur ein Wort gesprochen wurde. Wir waren wie gelähmt, als wir 
landeten. Bedrückend war diese Stille plötzlich. 

Als wir einige Stunden später mit einem Omnibus auf den 
Obersalzberg fuhren, habe ich mich im nachhinein gewundert, 
diesen Flug überhaupt lebend überstanden zu haben. Daß wir 
noch lebten, war eigentlich ein doppeltes Wunder. Denn die Ju 
52, 370 die von Staaken aus gestartet und in der wir für den Flug 
vorgesehen waren, stürzte über Börnersdorf bei Dresden ab. 371 
Eine der zwei verkohlten weiblichen Leichen wurde aufgrund 
meiner im Flugzeug befindlichen Koffer dort unter meinem 
Namen von der deutschen Wehrmacht beigesetzt. 

Aber das erfuhr ich erst einige Jahre nach Kriegsende. 372 Auf 
jeden Fall hatte die Flugbesatzung der Maschine, in der auch 
Hitlers Lieblingsdiener Arndt 373 war, die freigebliebenen 
Plätze zwei fremden Frauen überlassen, die dann nach dem 
Absturz der Maschine als verkohlte Leichen geborgen wurden. 
Den Rest der bereits im halbgeleerten Zustand von deutschen 
Soldaten im Pfarrhaus von Börnersdorf abgegebenen Koffer 
nahmen die Russen an sich. So lautete jedenfalls die Auskunft 
des Pfarrers von Börnersdorf, und dann meinte er noch, eine 
Berichtigung über meine (angebliche) Beerdigung könnte er 
leider nicht vornehmen, da müsse ich mich an eine Dienststelle 
in Ost-Berlin wenden. Sicher wurde nach den Namen der Unbe¬ 
kannten, die an meiner Stelle den Platz in der Ju 52 eingenom¬ 
men und dann unter meinem Namen beigesetzt wurde, jahre¬ 
lang geforscht. Vielleicht heute noch. 374 



Das Ende am Berghof 


Auf dem Obersalzberg fanden wir bei unserer Ankunft im 
Berghof einige Gäste vor. Eva Brauns Schwester war hoch¬ 
schwanger. Die Mutter von Eva Braun, Frau Franziska Braun 
und Herta Schneider, Evas langjährige Freundin, waren auch 
da. Sie hatten keine Ahnung von der katastrophalen Lage in 
Berlin und fragten, wann der Führer nachkäme. Sie erblickten 
in uns wohl die Vorhut, da außer dem Konteradmiral Jesko von 
Puttkamer, 375 Hitlers Adjutant für die Marine, auch bereits 
einige Männer des Begleitkommandos im Berghof Quartier 
bezogen hatten. Ein Beweis dafür, daß Hitler zumindest zeit¬ 
weilig seine Anwesenheit in der Alpenfestung erwogen hatte. 
Sehr oft wurde Fliegeralarm gegeben, wobei der Obersalzberg 
jedesmal vernebelt wurde. Die feindlichen Flieger, die den 
Berghof überflogen, ließen aber keine Bomben fallen. Nach 
zwei lägen, am 24. April 1945 traf auch Hitlers Leibarzt, 
Prof. Dr. Morell ein. Er war sehr verstört und verbittert: »Der 
Führer mißtraue ihm«, sagte er, »und habe ihn fortgeschickt!« 
Das hatte wohl Morells Lebensnerv getroffen. Nach einem kur¬ 
zen Aufenthalt entfernte Morell sich wieder, angeblich wollte er 
nach Bad Reichenhall fahren. Auch Frau Kannenberg tauchte 
kurz auf, um sich zu ihrem Mann an den Thumsee zu begeben. 
Hier muß ich noch etwas über Dr. Morell 376 sagen. Prof. Dr. Karl 
Brandt wurde oft fälschlich als Leibarzt des Führers bezeich¬ 
net. Prof. Brandt und die von ihm vorgeschlagenen Vertreter, 
Prof. Dr. Haase 377 und Prof. Dr. von Hasselbach, 378 standen je¬ 
doch nur als Begleitärzte, d. h. für chirurgische Fälle zur Verfü¬ 
gung. >Leibarzt< Hitlers war Dr. Theodor Morell. 

Dr. Morell hatte am Kurfürstendamm in Berlin eine Luxuspra¬ 
xis und wurde vorwiegend von Künstlern frequentiert. Er war 
gebürtiger Hesse, mittelgroß, korpulent, mit einem gutmütig¬ 
pfiffig verschmitztem Gesicht. Haare schauten immer aus sei- 



206 


Er war mein Chef 


nen Ohren und Manschetten hervor. An seinen nicht gerade 
schlanken Fingern trug er exotische Ringe, die er von seinen 
Schiffsreisen mitgebracht hatte. Auch seine Eßgewohnheiten 
hatte er aus diesen Ländern mitgebracht. So pflegte er z. B. 
Orangen nicht zu schälen, sondern er biß in sie hinein, daß der 
Saft spritzte. Er war auch sehr eitel. Zückte ein Fotograf seine 
Kamera, so war Morell sofort an Hitlers Seite. Das Protokoll des 
Auswärtigen Amtes, das für die Verleihung der von ausländi¬ 
schen Staatsmännern zur Verfügung gestellten Orden zustän¬ 
dig war, fürchtete immer mit Recht, daß Morell mit der ihm 
zugeteilten Ordensklasse nicht einverstanden sein könnte und 
sich dann bei Hitler beschwerte. Außerdem sagte man ihm 
Profitgier nach. Ein ganz besonderes Ärgernis bildete das von 
ihm hergestellte, entsetzlich stinkende Läusepulver, wovon 
große Mengen im FHQ in seiner Baracke lagerten. 

Als sich 1936 bei Hitler ein bestehendes Magen-Darmleiden 
nicht bessern wollte, berichtete Heinrich Hoffmann von einem 
Arzt, der ihm geholfen hatte. Hoffmanns Begeisterung für die¬ 
sen Wunderdoktor und seiner Überredungskunst gelang es, 
Hitlers Abneigung gegen einen fremden Arzt zu zerstreuen. Als 
es Dr. Morell fertigbrachte Hitlers Magen-Darmleiden durch 
eine Mutaflorkur, die die Darmflora erneuerte, entscheidend zu 
bessern, und außerdem ein Ekzem an Hitlers Beinen zum Ver¬ 
schwinden brachte, hatte Morell Hitlers Vertrauen restlos 
gewonnen. Hitler ernannte ihn zu seinem Leibarzt und später 
auch zum Professor. 

Sobald sich bei Hitler eine Unpäßlichkeit ankündigte, war 
Morell mit seinen Injektionen zur Stelle. Jede Erkältung, auch 
bei Hitlers nächsten Mitarbeitern, wurde im Keim erstickt. 
Hitler hatte »keine Zeit, krank zu sein«, das sagte er immer 
wieder und Morell stellte seine Behandlung darauf ein. 

Mit harmlosen Traubenzucker-, Vitamin- und Hormoninjektio¬ 
nen hatte Morell begonnen. Er ging dann in seiner Behandlung 
zu >Vitamultin< über, ein Wundermittel, das Morell in seinem 
eigenen pharmazeutischen Werk sowohl in Ampullen-, als auch 
in Tablettentäfelchen - goldverpackt - hersteilen ließ. Hitler 
geriet immer mehr in Abhängigkeit von diesem Mittel, bis es 
eines Tages in der Wirkung nicht mehr ausreichte und Morell zu 



Das Ende am Berghof 


207 


stärkeren Mitteln gegriffen haben mußte. Denn anders konnten 
wir es uns nicht erklären, daß Daras Garderobe - sie war gerade 
aus Berlin in hohen Stulpenstiefeln, Stulpenhandschuhen und 
mit einem weinroten Hut - zurückgekommen, ihn zu einer 
frivolen Bemerkung veranlaßte. Er sagte dem Sinn gemäß, daß 
sie mit den Stiefeln, Handschuhen und Hut im Evakostüm sehr 
schön aussehen würde. 

Mit meiner hier ausgesprochenen Vermutung scheine ich richtig 
zu liegen. Ein im >Spiegel< Nr. 7/1980 erschienener Aufsatz: 
>Hitler - An der Nadel<, dem das Buch von Leonard L. und 
Renate Heston, >The Medical Casebook of Hitler< zugrunde liegt, 
beschäftigt sich mit derselben Frage. Dem US-Psychiater 
waren Morells Unterlagen zugänglich, aus denen hervorging, 
daß Vitamultin die Aufputschmittel Pervitin und Koffein ent¬ 
hielten, »... eine Zusammensetzung, die besonders wirkungs¬ 
voll ist, da Koffein die Wirkung des Pervitin potenziert.« 

Ganz besonders auffallend enthemmt gab sich Hitler im Herbst 
1944, als Dara und ich allein bei Hitler zum Tee eingeladen 
waren. Der Diener hatte ihm, als wir am Teetisch saßen, das 
schmerzende Bein auf das Sofa gelegt. Und nun streckte Hitler, 
auf dem Sofa, im Verlauf der dahinplätschemden Gespräche 
plötzlich wohlig seine Arme aus und sprach verzückt davon, 
»... wie schön es sei, wenn zwei Menschen sich in Liebe fänden«. 
Dara und ich waren perplex - so schwärmerisch und schwel¬ 
gend hatten wir Hitler noch nie erlebt. Anschließend gingen wir 
in Morells Baracke und fragten ihn, was mit dem Chef los wäre, 
er hätte so komische Reden geführt. Morell antwortete ver¬ 
schmitzt lächelnd über seine Brille hinwegschauend: »So, habt 
Ihr was gemerkt? Ja, ich gebe ihm jetzt Hormoninjektionen, die 
aus den Hoden von Stieren gewonnen werden, die sollen ihn im 
Gesamten kräftigen!« Im März 1980 erzählte mir Robert Scholz, 
der früher im Stabe Rosenberg tätig gewesen war, daß Morell 
Rosenberg gebeten hätte, ihm Hoden von Stieren zur Verfügung 
zu stellen. 

Daß Hitler von aufputschenden Injektionen bzw. von Morell 
abhängig war, beweisen mehrere Vorfälle: 

Nach dem Attentat am 20. Juli 1944 wurde durch den Hals-, 
Nasen- und Ohrenarzt, Dr. Erwin Giesing 379 , der wegen der 



208 


Er war mein Chef 


Trommelfellverletzung Hitlers zugezogen wurde, bekannt, daß 
Morell Hitler zu leichtfertig Medikamente zur Verfügung 
stellte. Dr. Giesing entdeckte eines Morgens auf dem Früh¬ 
stückstablett Hitlers ein Fläschchen mit Anti-Gastabletten, die 
zwei starke Gifte enthielten. Auf seine an den Diener Linge 
gerichtete Frage, wieviel der Führer davon täglich nehme, 
erhielt er die Antwort: »Bis zu 16 Stück.« 

Über die Fahrlässigkeit Morells entsetzt, verständigte er sofort 
Prof. Brandt, der damals als Chef des Sanitäts- und Gesund¬ 
heitswesens nicht mehr ständig im Hauptquartier weilte und 
bat ihn sofort in die Wolfsschanze zu kommen. Prof. Brandt 
klärte mit Prof. Hasselbach Hitler auf, daß das starke Zittern 
seiner linken Hand, das Nachlassen seiner Sehkraft usw. auf 
diese starken Gifte, die in den Anti-Gastabletten enthalten 
sind, zurückzuführen wären und daß es von Dr. Morell unver¬ 
antwortlich sei, ihm die Täbletten zur freien Verfügung zu 
überlassen. 380 

Doch Hitler ließ nichts auf seinen Leibarzt kommen, er war von 
Morell derart abhängig, daß er die lauteren Absichten der gegen 
die Morellsche Behandlung Einspruch erhebenden Ärzte Prof. 
Brandt und Prof. Hasselbach nicht zu erkennen vermochte. Er 
sah in allem nur die Absicht, Morell entfernen zu wollen und, so 
folgerte er weiter, da sie genau wissen, daß er ohne Morell nicht 
leben kann, wollen sie ihm also indirekt an das Leben. 

Wie fest er davon überzeugt war, wurde mir anläßlich eines 
gemeinsamen Mittagessens in der Reichskanzlei im März 1945 
klar, über das ich anschließend berichte. Von nun an wollte 
Hitler Prof. Brandt und Prof. Hasselbach nicht mehr im FHQ 
sehen. Sein Mißtrauen gegen Prof. Brandt wuchs, als ihm Äuße¬ 
rungen zugetragen wurden, die Brandt angeblich über die Aus¬ 
sichtslosigkeit des Krieges getan haben sollte. Die Tatsache, daß 
Prof. Brandt seine Frau Anni einen Täg vor dem Einmarsch der 
Amerikaner aus Berlin nach Liebenzell evakuierte, anstatt auf 
den Berghof, ließ ihn über Prof. Brandt das Todesurteil fällen. 
Am 16. März 1945 waren Johanna Wolf und ich vorgesehen, 
Hitler beim Mittagessen Gesellschaft zu leisten. Der Tisch war 
wie immer sorgfältig gedeckt, die Stehlampe brannte und die 
zugezogenen Vorhänge verbargen den Blick auf die Trümmer 



Das Ende am Berghof 


209 


des Hotel Kaiserhof und des Propagandaministeriums. Wir 
saßen bereits über Gebühr lange wartend im Treppenzimmer 
des Radziwill-Palais. Endlich, es mag gegen ‘/i3Uhr gewesen 
sein, als der Kammerdiener Linge die Tür öffnete und sagte: 
»Der Chef kommt.« 

Gleich darauf trat Hitler mit umwölkter Stirn auf uns zu, küßte 
uns geistesabwesend die Hand und begann, kaum daß wir 
saßen, seinem Ärger Luft zu machen: »Ich habe mich eben sehr 
über Albrecht 381 geärgert. Die Eva hat schon recht, wenn sie ihn 
nicht mag. Sobald ich mich nicht um alles selbst kümmere, 
geschieht nichts. Ich habe ausdrücklich angeordnet, daß die 
neuen verwinkelten Eingänge zum Bunker in der Voßstraße 
Eisenverstrebungen erhalten sollen. Ich habe Albrecht gefragt, 
ob das geschehen ist. Er sagte ja. Nun habe ich gerade eben 
gesehen, daß die Eingänge nur mit Beton zugeschüttet wurden, 
was ja sinnlos ist. Ich kann mich wahrhaft auf keinen Menschen 
mehr verlassen. Das macht mich krank. Wenn ich Morell nicht 
hätte, könnte ich mich gar nicht so um alles kümmern, dann 
wäre ich völlig aufgeschmissen. Und Brandt und Hasselbach, 
diese Idioten, wollten Morell beseitigen. Was dann aus mir 
geworden wäre, danach haben die Herren nicht gefragt. Wenn 
mir etwas passiert, ist Deutschland verloren, denn einen Nach¬ 
folger habe ich nicht!« 

Ich merkte wie Hitler in Erregung kam: »Heß ist wahnsinnig 
geworden«, sagte er, »Göring hat sich die Sympathien des deut¬ 
schen Volkes verscherzt, und Himmler wird von der Partei 
abgelehnt!« Ich antwortete, »daß doch von Himmler im Volk 
viel gesprochen werde«. Daraufhin wurde Hitler noch ärgerli¬ 
cher und sagte: »Himmler sei ein vollkommen amusischer 
Mensch.« Auf meine Entgegnung, »das sei in diesen Zeiten nicht 
so wichtig, für das Gebiet der Kunst könne er sich tüchtige 
Leute heranholen«, war es ganz aus. Er sagte: »Es sei nicht so 
einfach, sich tüchtige Leute heranzuholen, sonst hätte er sie sich 
schon herangeholt.« 

Er verließ dann nicht nur genauso verärgert das Zimmer, wie er 
es betreten hatte, sondern darüber hinaus auch noch verletzt 
durch den taktlosen Einwurf von mir, den er mit den vorwurfs¬ 
vollen Worten quittierte: »Na, dann zerbrechen Sie sich mal 



210 


Er war mein Chef 


weiter den Kopf darüber, wer mein Nachfolger werden soll!« So 
oft ich später an diese Auseinandersetzung mit Hitler dachte, 
fiel mit Hitlers Eingeständnis ein: »... daß er ohne Morell aufge¬ 
worfen und verloren sei.« 

Gegen Ende des Krieges richtete sich Hitlers Mißtrauen auch 
gegen Morell. Er fürchtete, von ihm vergiftet zu werden, und 
schickte Morell am 22. April 1945 aus Berlin weg. 

Während meiner Internierung im Lager Ludwigsburg kam ein 
Ärztetransport, um Hertha Oberhäuser - eine Ärztin, die unter 
Prof. Gebhardt in Hohenlychen tätig gewesen war - mit nach 
Belgien zu nehmen. Prof. Brandt hatte es fertiggebracht, daß ich 
kurz mit ihm sprechen konnte. U. a. erzählte er mir, daß die 
Amerikaner ihn mit Morell zusammen in eine Zelle gesperrt 
hätten. Er habe zu Morell gesagt: »Sie Schwein!« Da sei ihm 
wohler gewesen. Hiermit wollte er wohl sagen, daß er Morell für 
schuldig hielt, Hitlers Gesundheit ruiniert zu haben. Vorsätz¬ 
lich geschah dies durch Morell sicher nicht. Wie sollte sich 
Morell verhalten, da schwächere Mittel mit der Zeit versagten 
und Hitler andererseits von Morell verlangte, daß er ihn arbeits¬ 
fähig erhielt? Letztlich blieb ihm aber wohl nichts anderes 
übrig, als Hitlers Verlangen nachzugeben. Ob Morell an even¬ 
tuell mögliche Spätfolgen gedacht hat? Niemand weiß das... 
Albert Bormann, der Bruder Martin Bormanns, war inzwischen 
auch aus Berlin angekommen und wohnte mit seiner hoch¬ 
schwangeren Frau in Berchtesgaden im »Berchtesgadener Hof<. 
Am 23. April 1945 wurde Albert Bormann vormittags zu Göring 
in dessen Landhaus gerufen, das oberhalb des Berghofs lag. 
Anschließend diktierte mir Albert Bormann den Inhalt dieser 
Besprechung. Göring hatte ihn u.a. gefragt, wo die Protokolle 
der Lagebesprechungen aufbewahrt würden. »Sie müßten«, so 
sagte er, »sofort vernichtet werden, sonst würde das deutsche 
Volk erfahren, daß es seit zwei Jahren von einem »Wahnsinni¬ 
gen« geführt worden sei.« Albert Bormann wünschte, daß ich 
statt dieses Wortes Pünktchen tippte. Er glaubte, daß sich 
Göring bereits als Nachfolger Hitlers sah. 

Am Abend des gleichen Täges wurde der Berghof plötzlich von 
bewaffneter SS umstellt. Es durfte niemand mehr das Haus 
verlassen. Mein erster Gedanke war, jetzt hat Himmler die 




Das Ende am Berghof 


211 


Macht an sich gerissen. Die Männer des Begleitkommandos 
standen mit Maschinenpistolen und Patronentaschen am Gür¬ 
tel in den Innentüren in der Diele des Berghofs. Mittendrin 
unbewegt in stoischer Ruhe, wie immer Konteradmiral von 
Puttkamer, die dicke Zigarre in seinem fest verschlossenen 
Mund. 

Niemand wußte eine Erklärung für die Umzinglung des Berg¬ 
hofes. Erst nach vielen vergeblichen Telefonaten gelang es 
Stunden später dem persönlichen und mutigen Einsatz eines 
jungen Ordonnanzoffiziers, er hatte sich in die etwas höher 
gelegene SS-Kaserne vorgepirscht, in Erfahrung zu bringen, 
daß Göring verhaftet worden sei. Mit Berlin war keine Funk¬ 
verbindung mehr möglich. 

Mittwoch der 25. April war ein Frühlingstag mit einem strah¬ 
lend blauen Himmel. Es lag noch ein bißchen Schnee, aber es 
war nicht mehr kalt. Ich hatte mich für morgens um 10 Uhr 
beim Friseur Bernhardt im Platterhof angemeldet. Es war in 
diesen Thgen oft akute Luftgefahr gewesen, aber ich hatte 
davon weiter keine Kenntnis genommen und war immer ruhig 
liegen geblieben. Täglich hatten in den letzten Thgen feindli¬ 
che Maschinen den Berghof überflogen, ohne daß Bomben 
gefallen waren. Gegen ‘/ilOUhr ertönten plötzlich wieder die 
Sirenen (Voralarm). Gleich darauf kündeten die Sirenen eine 
akute Luftgefahr an und schon kamen amerikanische Bomber 
über den hohen Göll angeflogen. In diesem Moment fiel in 
allernächster Nähe eine Bombe. Ich konnte nur noch meine 
Handtasche ergreifen und meinen Mantel umhängen und 
stürzte zu Johanna Wolf ins Zimmer (sie war vorher von 
einem Besuch ihrer Mutter in Wessobrunn zurückgekommen) 
und rief: »Komm schnell, es fallen Bomben!« Ich lief, ohne zu 
warten, die Treppe im Altbau des Berghofs runter, d.h. ich 
flog mehr vom Luftdruck getrieben, als daß ich lief, zum Bun¬ 
kereingang, wobei nur wenige Meter Hof zu überqueren 
waren, die 60 Stufen in den Berg zum Bunker hinunter. Die 
zweite Bombe war nämlich an der rechten Seite des Altbaus 
(von vorne gesehen), in dem unsere Zimmer lagen, eingeschla¬ 
gen und hatte die Treppe verschüttet. Niemand hatte wohl 
ernstlich damit gerechnet, daß der Berghof jemals angegriffen 



212 


Er war mein Chef 


würde. So waren alle völlig überrascht worden, und viele stürz¬ 
ten nur halb angezogen in den Bunker. 

Eine halbe Stunde später folgte die 2. Welle. Der Großangriff 
auf den Berghof begann. Pausenlos fielen die Bomben, manche 
direkt auf den Bunker. Die Einschläge hallten schauerlich in 
dem Felsgestein, es war unheimlich. Bei jedem Einschlag zog 
ich den Kopf ein. Die technischen Einrichtungen, der als so 
sicher gepriesenen Bunkeranlagen versagten. Das Licht und die 
Belüftung setzten aus. Wasser drang in den Bunker ein und kam 
die TVeppe herab. Bei Frau Fegelein, die hochschwanger war, 
befürchteten wir eine Frühgeburt. Das Chaos und die Angst 
waren nicht zu schreiben. 

Gegen ‘/ 2 3Uhr nachmittags konnten wir den Bunker endlich 
verlassen. Langsam stiegen wir durch die lange Treppe vom 
Bunker an das Tageslicht hoch. Ein Bild grauenvoller Verwü¬ 
stung bot sich uns dar. Der Berghof war schwer getroffen. Die 
Mauern standen zwar noch (nur eine Seite war geborsten), das 
Blechdach hing zerfetzt herab. Türen und Fenster gab es nicht 
mehr. Im Haus war der Boden dick mit Schutt bedeckt und der 
größte Teil der Möbel war demoliert. Alle Nebengebäude waren 
zerstört, die Wege verschüttet und die Bäume abrasiert. Nichts 
Grünes war mehr sichtbar, das Bild glich dem Gelände einer 
Kraterlandschaft. 

Nachdem der Berghof mit den Nebengebäuden zerstört war, 
richteten wir uns nunmehr in den Kavernen des Bunkers ein. 
Grete Fegelein und Frau Schneider zogen in Eva Brauns 
Kaverne, Johanna Wolf und ich in die von Hitler. Grete Fegelein 
und Herta Schneider fuhren dann nach ein paar lägen, die sie 
mit Packen ausfüllten, mit einem Lastkraftwagen und einem 
Personenwagen aus Hitlers Fahrbereitschaft am Berg nach 
Garmisch ab, wo Herta Schneider wohnte. Viele Koffer hatten 
sie mit Eva Brauns Garderobe voll gepackt und nach Schloß 
Fischhom bei Zell am See schaffen lassen, wo sich eine SS- 
Remonte befand. 

Von Eva Braun war kurze Zeit vorher noch ein Brief an ihre 
Schwester eingetroffen, in dem sie schrieb: »Wir erwarten täg¬ 
lich und stündlich das Ende. Wir denken aber nicht daran, 
lebend in die Hände der Feinde zu fallen.« Und dann hieß es 



Das Ende am Berghof 


213 


noch: »...daß Grete unbesorgt sein könnte, sie würde ihren 
Mann Wiedersehen.« Hier hatte sich Eva geirrt, oder sie wollte 
ihre Schwester beruhigen. 

Johanna Wolf begab sich mit einem Wagen, der an einem der 
nächsten läge in Richtung München fuhr, nach Miesbach, um 
dort bei ihren Freunden zu erkunden, ob wir dort fürs erste 
Unterkunft finden könnten. Wir hatten hin- und hergeraten, 
was wir tun sollten und wohin wir uns wenden könnten. Zwei 
Männer vom SS-Hauptamt, die wir im Berghof kennengelernt 
hatten, sprachen von falschen Ausweisen, die sie uns ausstellen 
wollten, auch von evt. Unterkunftsmöglichkeiten. 

Inzwischen kam auch Schaub aus Berlin an und begann sofort 
und ohne etwas zu sagen den Panzerschrank Hitlers im Füh¬ 
rer-Arbeitszimmer auszuräumen. Auf der Tbrrasse des Berg¬ 
hofs verbrannte er unter Zuhilfenahme von einigen Kanistern 
Benzin, Briefe, Akten, Denkschriften, Bücher etc. Er ließ sich 
dabei nur von seinem Burschen 382 aus dem FHQ helfen, alle 
anderen übersah er dabei ganz bewußt. Mit uns sprach er kein 
Wort; nichts vom Chef, nichts was nun würde. Diese Vemich- 
tungsarbeit Schaubs unter dem verhangenen Himmel war ein 
trostloser Anblick. 

Als Schaub für kurze Zeit in der Berghof-Ruine verschwand, 
konnte ich die Sachen, die da vernichtet wurden, näher in 
Augenschein nehmen. Ein Schuhkarton, ausgefüllt mit Briefen 
an Geli Raubal, interessierte mich sehr. Leider entnahm ich, 
der von verschiedenen männlichen Handschriften herrühren¬ 
den, sorgfältig gebündelten Päckchen, nur einen einzigen 
Brief. Er war aber sehr aufschlußreich und stellte klar und 
deutlich die Situation dar, in der sich Geli Raubal befunden 
hatte. Weiter entnahm ich einem Karton ein Bündel Architek¬ 
turzeichnungen Hitlers, die ich vor Schaub versteckte und be¬ 
hielt. 

Etwas abseits von der Feuerstelle, dort wo der verrußte Schnee 
sich an der Terrassenmauer angehäuft hatte, lag, von den 
Flammen angefressen, eine Denkschrift im Format DIN A 4, in 
festem Einband, ähnlich altmodischen Kontobüchern, in die 
früher handschriftliche Ein- und Ausgaben eingetragen wur¬ 
den. Er war beklebt mit einem weißen Etikett, auf dem in 




214 


Er war mein Chef 


Maschinenschrift noch deutlich lesbar war: >Idee und Aufbau 
des Großdeutschen Reiches.« 383 Leider habe ich es nicht aufge¬ 
hoben. 

Albert Bormann wohnte mit seiner Frau, die während des 
Bombenangriffs entbunden hatte, im >Berchtesgadener Hof<, 
ebenfalls Schaub. Die Herren kamen nur auf den Berghof, um 
Lebensmittel und Alkohol zu organisieren. Schaub brachte 
dazu seine Freundin mit, Hilde Marzelweski, eine Tänzerin aus 
dem >Metropol< in Berlin. 

Am Sonntag den 29. April kam durch das Radio die Meldung, 
daß Hitler Berlin nicht verlassen würde. Nun war mir endlich 
klar, daß alles verloren war. Albert Bormann sagte noch weiter 
zu den Männern des Begleitkommandos: »Nur den Mut nicht 
sinken lassen, es wird schon noch werden.« Ich fragte mich, was 
noch werden sollte. 

Als am I.Mai 1945 die Nachricht von Hitlers Tbd durch das 
Radio gemeldet wurde, setzte in allem sofort eine Wende ein, die 
kaum zu beschreiben ist. Am Obersalzberg brach das Chaos aus. 
Der Gutshof wurde von den Berchtesgadenern gestürmt und 
ausgeraubt. Tiere wurden weggeschleppt und Kartoffelmieten 
erbrochen. Aus Speers Haus und aus dem Bechsteinhaus, das als 
Gästehaus für Staatsbesuche gedient hatte, holten sich Einhei¬ 
mische nicht nur leicht zu transportierende Gegenstände, son¬ 
dern auch die Möbel. Der Friseurladen im Platterhof wurde 
vollkommen ausgeraubt. 

In den Kavernen des Berghof-Bunkers, wo wir jetzt wohnten, 
erschienen mir unbekannte Frauen, vermutlich Freundinnen 
der Kriminalbeamten, die prall gefüllte Behältnisse weg¬ 
schleppten. Die sonst so devoten Kriminalbeamten und die erst 
seit kurzem dem Begleitkommando neu zugeteilten SS-Männer 
sowie das Hauspersonal, alle waren plötzlich in ihrem Beneh¬ 
men nicht mehr wiederzuerkennen. 

Die Küche des Berghofs war von den 'IYümmern freigelegt 
worden. Der Hausverwalter Mittelstrasser war bereits mit 
einem voll geladenen Lastkraftwagen weggefahren. Seine Frau 
folgte ihm einige läge später nach. Sie hatte tagelang gepackt 
und war überhaupt nicht mehr sichtbar. Die Köchin Blüthgen, 
ein bisher bescheidenes Mädchen herrschte nun unumschränkt. 



Das Ende am Berghof 


215 


Das bisher Unbeholfene war von dem Mädchen auch plötzlich 
abgefallen. 

Negus, der von Eva Braun so sehr verzärtelte Scotch-Terrier, 
der immer von allen gefürchtet wurde, weil er jeden Langschäf¬ 
ter anknurrte und zubiß, schlich unbeachtet und verlassen 
durch die Ruinentrümmer. Früher hatte jeder dem Hund schön¬ 
getan. Nun kümmerte sich keiner um den ehemals so verwöhn¬ 
ten Hund. Es war symbolisch für die Veränderung, die um sich 
gegriffen hatte. Ich kam mir einsam und verlassen vor, unfähig, 
einen Entschluß zu fassen. 

Die Pension >Posthof< am Hintersee bei Berchtesgaden war 
schon seit längerem für Angestellte und Angehörige der Adju- 
tantur und des Berliner-Führer-Haushalts reserviert worden. 
Auch Lebensmittel waren für diesen Personenkreis dorthin 
geschafft worden. Albert Bormann hatte in dieser Pension für 
Johanna Wolf und mich Zimmer vorgesehen. Zunächst hatte 
Albert Bormann gedrängt, ich solle runterkommen, doch ich 
wollte erst die Rückkehr von Johanna Wolf abwarten. Dann 
aber, als die Amerikaner immer näher kamen, meinte er, 
»... daß es nicht gut sei, wenn alle an einer Stelle konzentriert 
zusammen seien. Besser wäre es, wenn jeder auf eigene Faust 
versucht, irgendwo unterzukommen«. Aber wo sollte ich hin? 
Ich hatte weder ein Fortbewegungsmittel zur Verfügung, noch 
kannte ich aufgrund des bisherigen Abgeschlossenheit in Hit¬ 
lers Umgebung irgend jemanden. So blieb ich noch am Berghof 
unten im Bunker weiter wohnen. 

Das Hauspersonal des Berghofs wollten die Möbel vom Berghof 
mitnehmen. Ich setzte mich deshalb mit Albert Bormann im 
>Berchtesgadener Hof< in Verbindung, um seine Zustimmung 
einzuholen. 384 Bei dieser Gelegenheit unterrichtete ich ihn auch 
über die Absicht des Kriminalkommandos, die Kavernen der 
Bunkeranlagen zu sprengen, in denen sich auch die private 
Gemäldesammlung Hitlers befand. Die Eierhandgranaten stan¬ 
den bereits in Kisten auf dem Bunkergang. Ich empfand es als 
Wahnsinn, diese kostbaren Gemälde zu zerstören. Albert Bor¬ 
mann pflichtete mir bei und war einverstanden, daß jeder ein 
Gemälde mitnahm. 385 

Inzwischen zerstörten die Kriminalbeamten in den Kavernen 



216 


Er war mein Chef 


des Bunkers, was nur irgendwie zu zerstören war. So über¬ 
raschte ich die Beamten in der Kaverne von Eva Braun bei der 
Zertrümmerung von Evas kostbarem Porzellan, das, von Sophie 
Stork bemalt, Evas Signum trug. Es war ein von Prof. Dr. Karl 
Brandt entworfenes Monogramm in Gestalt eines vierblätteri¬ 
gen Kleeblattes. Als ich den Männern mein Entsetzen zum 
Ausdruck brachte, sagten sie zu mir:»... es müsse alles vernich¬ 
tet werden, was auf Eva Brauns Existenz hindeuten könnte!« 
Was von Eva Brauns Garderobe noch vorhanden war, Hüte, 
Kleider, Schuhe usw., alles, was nur auf eine Frau hindeuten 
könnte, wurde auf der Terrasse verbrannt. Auch Foto- und 
Filmalben von Eva Braun mit Hitler wurden sinnlos vernichtet. 
Das ging so weit, daß die Beamten auch aus den Büchern die 
ersten Seiten mit Eva Brauns Namen herausrissen. Es war 
heller Wahnsinn, was hier geschah, aber offenbar von Schaub 
im Auftrag von Hitler so angeordnet worden. Auch das vorhan¬ 
dene kostbare Silbergerät sollte zerschlagen werden. Es wurde 
aber dann doch davon Abstand genommen und am 5. Mai 1945 
zusammen mit den Teppichen, Gobelins und den Gemälden mit 
einem Lastkraftwagen von der SS fortgebracht. Das kam so: 
Am Abend des gleichen Täges erschien plötzlich Fegeleins 
Adjutant Hannes Göhler. 386 Ich teilte ihm mein Unbehagen über 
das mit, was bisher hier geschehen war und noch geschehen 
sollte. Ich sagte ihm, daß auch die Gemälde alle vernichtet wer¬ 
den sollten. Er war genau wie ich der Meinung, daß dies unver¬ 
zeihlich sei und schickte am anderen Morgen einen Lastkraft¬ 
wagen, der die Gemälde usw. nach Fischhom bringen sollte. Ich 
suchte die wertvollsten Gemälde, alle künstlerischen Kostbar¬ 
keiten, Evas Thfelsilber, silberne Kassetten usw. in den Kaver¬ 
nen zusammen und beauftragte die Männer des BKD mit der Ver¬ 
ladung auf dem Lastkraftwagen. Es befanden sich sehr großflä¬ 
chige Gemälde darunter, wie z. B. ein Bordone und ein Tinto- 
retto, 387 die, da die Treppe zur Straße zerstört, schwierig über den 
mit Schneematsch bedeckten Südhang zu transportieren waren. 
Die SS-Männer hielten mit ihrem Mißvergnügen darüber nicht 
zurück. Also von Disziplin war nichts mehr zu spüren! 

Der Lastkraftwagen mit den Gemälden ist übrigens später in 
der Salzbergsiedlung Altaussee gelandet. Herr Dr. Emmerich 



Das Ende am Berghof 


217 


Pöchmöller, der während des Zweiten Weltkrieges Generaldi¬ 
rektor der österreichischen Salinen und mit der Bergung von 
Kunstschätzen beauftragt war, hat einige Jahre später in einer 
Unterhaltung mit Henriette von Schirach erwähnt: »Da schick¬ 
ten sie mir in letzter Minute, kurz vor dem Eintreffen der 
Amerikaner, vom Obersalzberg auch noch einen Teil der Pri¬ 
vatsammlung Hitlers!« 

Zu den unermeßlichen Kunstschätzen, die in Altaussee bereits 
seit 1944 eingelagert waren, gehörten auch die, von Hitler für 
das geplante Linzer Museum bestimmten Sammlungen. Es 
waren vorwiegend Gemälde deutscher Maler des 19. Jahrhun¬ 
derts, aber auch sehr bedeutende Bilder holländischer, italieni¬ 
scher und französischer Maler sowie Möbel, Plastiken und 
Gegenstände des Kunsthandwerks usw. 

Hitler hielt Griechenland und Rom für die Wiege der Kultur. 
Dort hätten die Begriffe wie Kosmos, Geist, Natur, Wissen¬ 
schaft ihren ersten Ausdruck gefunden. Er gab häufig seine 
Genugtuung zu verstehen, daß es ihm durch seine Reisen nach 
Rom und Florenz möglich gewesen sei, die unsterblichen Mei¬ 
sterwerke, die er vorher nur aus Abbildungen gekannt hatte, 
bewundern konnte. 

Die moderne italienische Malerei lehnte Hitler ab. Er fand, daß 
sie zu sehr impressionistischen und expressionistischen Kunst 
verwandt sei. Diese »entartete Kunst< - der Ausdruck war von 
ihm - war nach seiner Meinung ein Werk der Juden. Sie hätten 
eine lärmende Reklame für diese sinnlose Kleckserei gemacht, 
um sie für teueres Geld zu verkaufen, wiewohl sie selbst 
bestrebt gewesen seien, ihre Sammlungen nur mit alten Mei¬ 
stern zu füllen. 

Von den deutschen zeitgenössischen Malern ließ er nur sehr 
wenige gelten. Dennoch kaufte er häufig Bilder, auch wenn sie 
ihm nicht gefielen, um dadurch die Künstler zum Schaffen 
anzuregen. »Unsere heutigen Künstler«, sagte er, »werden nie¬ 
mals die Sorgfalt und Geduld aufbringen, wie sie den Malern in 
den großen Kunstepochen zu eigen waren.« Es gab für ihn nur 
zweierlei: Die Antike und die Romantik. Er lehnte die Renais¬ 
sance ab, weil sie zu sehr mit dem christlichen Kult in Zusam¬ 
menhang stand. 




218 


Er war mein Chef 


Die Kunsthändler wußten, daß Hitler an der Kunst, bis ein¬ 
schließlich des 14. Jahrhunderts, nicht interessiert war. Die 
Anwartschaft der Früh- und Spätgotik überließ er stillschwei¬ 
gend Hermann Göring. Alle Gemälde, die Hitler durch die 
Kunsthändler erwerben ließ, wurden ordnungsgemäß bezahlt. 
Die Mittel hierfür kamen aus dem sogenannten >Briefmarken- 
fonds<, den Postminister Ohnesorge 388 ins Leben gerufen hatte. 
Jede Briefmarke, die Hitlers Gesicht trug, brachte Hitler 
Gewinn. Ganz besonders große Einnahmen erbrachten die Son¬ 
derbriefmarken mit seinem Kopf, die zu allen möglichen Anläs¬ 
sen, wie Reichsparteitage, Kunstausstellungen, Anschluß von 
Österreich und Sudetenland sowie an Hitlers Geburtstagen 
herauskamen. Das Journal über die Gemäldeankäufe hatte 
Schaub unter Verschluß, die Eintragungen erfolgten durch 
mich. 

Hitlers Pläne in Bezug auf die Einrichtung von Gemäldegale¬ 
rien waren weitreichend. Jede Stadt sollte eine kleine Gemälde¬ 
galerie haben. Die schönste sollte jedoch Linz erhalten. Hitlers 
Interesse für Linz war außerordentlich. Für diese Stadt hatte 
Hitler auch einen großartigen Museumsbau geplant, in dem für 
jedes Jahrhundert ein eigener Saal vorgesehen war, und zwar 
sollten die Bilder nicht so dicht Zusammenhängen, wie z. B. im 
Louvre, wo nach seinen Worten ».. .eins das andere erschlägt«, 
sondern jedes sollte für sich wirken in Gemeinschaft mit den aus 
dem gleichen Jahrhundert stammenden Möbeln etc. Das Linzer 
Museum war auch eines seiner beliebtesten Gespräche beim 
abendlichen Tee. 

Eine wahre Leidenschaft hatte Hitler für die Architektur. Er 
hatte viel Fachliteratur darüber gelesen und kannte sich in allen 
Epochen bis zu Einzelheiten aus. Für den romanischen Stil 
hatte er wenig Sinn und den gotischen lehnte er, als zu sehr von 
christlicher Mystik durchtränkt, ab. Seine Bewunderung galt 
hauptsächlich dem Barock und dessen Schöpfungen in Dresden 
und Würzburg. 

Es ist überflüssig, seine Begeisterung für den neuen deutschen 
Stil hervorzuheben, denn er selbst hatte ja die Anregung dazu 
gegeben. Der eigentliche Schöpfer dieses von Hitler inspirierten 
und stark der griechischen Klassik entlehnten Stils, war der 



Das Ende am Berghof 


219 


Architekt Troost. Hitler verehrte diesen Mann sehr und zollte 
ihm die tiefste Anerkennung. Nach dem Tbde des Professors ließ 
er alljährlich an seinem Todestag einen großen Kranz an dessen 
Grab niederlegen. 

Hitlers architektonische Kenntnisse waren in der Tät erstaun¬ 
lich. Er kannte die Maße und Grundrisse aller bedeutenden 
Bauwerke der Welt auswendig. Nach seiner Meinung überrag¬ 
ten in städtebaulicher Hinsicht Paris und Budapest sämtliche 
anderen Hauptstädte. Im Kriege sagte er mehr als einmal, 
»... daß es sein glücklichster Täg wäre, wenn er die Uniform 
ausziehen und nur noch den Dingen der Kunst leben könnte«. 
Hitler hatte ein gigantisches Programm für den Wiederaufbau 
der kriegszerstörten Städte und Kunstdenkmäler ausgearbei¬ 
tet. Er rühmte sich seines Befehls zur farbfotografischer Rekon¬ 
struktion aller historischen Bauwerke: »Ich habe Auftrag gege¬ 
ben, jeden historischen Bau von innen und außen farbfotogra- 
fieren zu lassen. Und das wird so gründlich gemacht, daß die 
Baumeister und Künstler später genaue Unterlagen haben; 
denn die kulturell unersetzbaren Zeugen früherer Zeiten müs¬ 
sen wieder aufgebaut werden, und zwar so naturgetreu, wie es 
Menschen nur vermögen. Und an Hand der Farbfotografien ist 
es möglich!« 

Durch seine Begeisterung für seine eigenen Ideen riß er seine 
Architekten im Gespräch mit. Er nahm dann immer ein Blatt 
Papier in die Hand und entwarf großzügige Skizzen. Ich habe 
bedeutende Architekten und Fachleute gesehen, die von seinem 
Können und seiner ungeahnten Phantasie förmlich verblüfft 
waren. Selbst im Kriege fand er immer Zeit, über Architektur 
und Kunst zu debattieren. 

Seine Nachkriegspläne für Berlin und Hamburg waren einfach 
gewaltig. Sooft er seinen Ausspruch wiederholte: »Ich werde 
Berlin zur schönsten Stadt der Welt machen«, richtete er sich 
auf, seine Stimme und seine Gesten widerlegten dabei von 
vornherein jeden Zweifel. Der Gedanke an den Wiederaufbau 
Deutschlands verlieh Hitler jedesmal neue, ungeahnte Lebens¬ 
kraft, wenn er auch noch so müde und abgespannt war. Mochte 
er auch völlig ermattet von den anstrengenden Lagebespre¬ 
chungen kommen, so gewann er doch erstaunlich rasch seine 



220 


Er war mein Chef 


Vitalität zurück, wenn irgendein Fachmann ihn zur Besichti¬ 
gung neuer Baupläne und Modelle einlud. 

Im Februar 1945 brachte ihn z. B. Prof. Hermann Giesler auch 
das große Modell von Linz in den Keller der Reichskanzlei, vor 
dem Hitler öfters gestanden ist und verschiedenen Leuten (ich 
erinnere mich z. B. an Dr. Ley und Kaltenbrunner) erklärte, wie 
er Linz ausbauen würde. Auch plante Hitler für Linz einen 
Porzellansaal, der rund gebaut, ganz in Weiß und Gold gehalten 
sein sollte. 

Die zwei SS-Führer vom Führungshauptamt kamen und brach¬ 
ten für Johanna Wolf und mich die falschen Personalaus¬ 
weise. 389 Ich vernichtete darauf alles, was auf meinen richtigen 
Namen lautete. Viel war es nicht, weil meine Papiere mit den 
Koffern in Börnersdorf verlorengegangen waren. Selbst meine 
lederne Schmuckschatulle, die das Signum C. S. trug, warf ich 
fort, so kopflos war ich damals. 

Auf Johanna Wolf wartete ich täglich vergebens. Sie kam aus 
verständlichen Gründen nicht mehr zurück. Ich sah sie erst im 
Internierungslager wieder, wo wir zusammen waren, allerdings 
immer getrennt. Von dem Hauspersonal verließ einer nach dem 
anderen den Bunker. Das Begleitkommando wollte versuchen, 
in die Nähe von Linz zu fahren, um dort Anschluß an Sepp 
Dietrich zu bekommen, der dort angeblich noch kämpfen sollte. 
Sie waren krampfhaft bemüht, Munition und Benzin für diese 
Fahrt zu besorgen. 390 

Da ich immer noch nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte, 
forderten sie mich auf, mich ihnen anzuschließen. Aber was 
sollte ich bei der kämpferischen TVuppe? Verbindung irgendwo¬ 
hin zu bekommen, war unmöglich, selbst an den Hintersee 
konnte man nicht mehr telefonieren. Ein Wagen stand auch 
nicht mehr zur Verfügung. Dazu hatte es von neuem geschneit. 
Hoher Schneematsch lag auf der schwer beschädigten Straße. 
Es war allein schon ein Kunststück, über die zerstörte IVeppe 
bis zur Straße zu gelangen. Unheimliche Typen, die ich vorher 
nie gesehen hatte, die aber angeblich zum Kriminalkommando 
gehören sollten, kampierten im Bunker. Es wurde unentwegt 
getrunken und geraucht. Von der gewohnten Disziplin war 
nichts mehr übrig geblieben. 



Das Ende am Berghof 


221 


Als dann die Nachricht durchkam, daß die amerikanischen 
Panzerspitzen bereits am Chiemsee seien, blieb mir als einzige 
Möglichkeit, den Berghof zu verlassen, nur noch die Mitfahrt in 
dem Lastkraftwagen, der die kostbare Ladung nach Österreich 
bringen sollte. 391 Den nochmaligen Vorschlag August Korbers 
vom BKD, mich mit ihm und seinen SS-Männern zur kämpfen¬ 
den Truppe durchzuschlagen, lehnte ich ab. Völlig verzweifelt 
warf ich noch einmal einen Blick auf die Ruine des Berghofs. 
Ertl, ein älterer Kriminalbeamter, mußte meine Niedergeschla¬ 
genheit bemerkt haben. Er versuchte mich zu trösten, als ich in 
den Lastkraftwagen kletterte. 392 

Während der Fahrt arbeiteten die Gedanken in mir, von >überle- 
gen< konnte keine Rede mehr sein, ich mußte mich entscheiden, 
ob ich nach Österreich mitfahren oder am Hintersee aussteigen 
sollte. Da ich mir doch wohl von Schaub und Albert Bormann 
einen Rat erhoffte und ich wußte, daß sie sich jetzt in der 
Pension Post aufhielten, entschied ich mich endgültig für die 
letztere Möglichkeit. 

Bei meiner Ankunft in der Pension berieten beide gerade bei 
einer Flasche Sekt über ihre Flucht. Bei ihnen befand sich noch 
Prof. Blaschke, 393 Hitlers Zahnarzt, ein immer auf Distanz 
bedacht gewesener, stiller und sympathischer Mann von 
schmächtigem Wuchs. Er war Anhänger einer reformerischen 
Lebensweise und wenn nicht Antialkoholiker, so doch aber 
überaus maßvoll. Mit Abscheu im Gesicht zeigte er auf die 
Flasche Sekt, die am Tisch stand und meinte: »Das ist an vielem 
schuld!« Er war genau so verstört wie ich und hatte mit einem 
solchen Ende nicht gerechnet. 

Da Schaub und Bormann nur an ihr eigenes Schicksal dachten, 
wie sie mit ihren falschen Ausweisen am schnellsten vom Hin¬ 
tersee wegkommen könnten, explodierte ich und sagte: »Es sei 
unerhört, sich selbst in Sicherheit zu bringen und uns unserem 
Schicksal zu überlassen.« Mein Vorwurf traf Albert Bormann 
hart und erregte ihn sehr, war er doch ein weicher, empfindsa¬ 
mer Mensch. Er sagte nur noch zu mir: »... daß er mit seinem 
Namen nicht bleiben könnte.« Schaub und er waren dann auch 
schnell verschwunden, und ich stand ganz allein da. 

Der für die Unterbringung in der Pension Post verantwortliche 




222 


Er war mein Chef 


Angestellte Augst aus Albert Bormanns Kanzlei, der in früheren 
Jahren immer sehr freundlich und zuvorkommend war, zeigte 
sich jetzt höchst unerfreut über mein Kommen und sagte: »Was, 
jetzt kommen Sie doch noch? Einzelzimmer gibt es nicht mehr, 
das hat aufgehört!« 394 Auch hier der plötzliche Wechsel in 
Verhalten und Ton. Abgesehen von Frau von Puttkamer, der 
Frau des Marine-Adjutanten, ihrer Mutter und deren Kinder, 
Frau Dönitz, die Frau des Admiral Dönitz, mit ihrer Schwester, 
Frau Linge, die Frau von Hitlers Kammerdiener, mit Kindern, 
hatte sich hier eine merkwürdige Gesellschaft zusammengefun¬ 
den. So war hier jetzt auch Schaubs Freundin Hilde Marze- 
lewski, eine Tänzerin aus dem >Metropol< in Berlin. Weiter 
Kempkas 395 geschiedene Frau, ein ähnlich gelagerter Fall wie 
seinerzeit bei Minister Blomberg. 396 Kempka hatte sich zwar 
auf Anordnung von Hitler von ihr scheiden lassen müssen, 397 
mietete seiner Ehefrau jedoch ein Appartement am Kurfürsten¬ 
damm und blieb weiterhin mit ihr in Verbindung. Er hatte sie 
deshalb auch in der Pension Post am Hintersee untergebracht. 
Kempkas Frau löste oft höchst unerfreuliche Szenen aus. 398 
Der Aufenthalt wurde dadurch von Ihg zu Täg bedrückender. 
Obwohl der Pensionsinhaber dafür, daß er das Haus zur Verfü¬ 
gung stellte, Lebensmittel, Alkohol, Zigaretten etc. erhalten 
hatte, waren plötzlich die für uns bestimmt gewesenen Lebens¬ 
mittel verschwunden. Er konnte keine Auskunft geben, was 
damit geschehen war, obwohl sie in seinem Zuständigkeitsbe¬ 
reich gelagert gewesen waren. Das Essen wurde immer weniger 
und am Hintersee gab es nicht das geringste zu kaufen. Täglich 
aßen wir dicken Erbsbrei. 399 

Inzwischen waren die Amerikaner in Berchtesgaden einmar¬ 
schiert und das Haupthaus mußte für eine Kompanie amerika¬ 
nischer Soldaten geräumt werden. Wir wurden nun in der 
kleineren Dependance zusammengepfercht. Aufregung ent¬ 
stand immer, sobald einer der SS-Führer auftauchte, die sich 
auf den umliegenden Almhütten verborgen hielten. Dies war 
dem Wirt ein Dom im Auge. Er empfahl uns unmißverständlich 
täglich auf das neue, daß es besser sei zu verschwinden. Die 
Atmosphäre wurde von Tag zu Tig quälender und bedrohlicher. 
Wir hatten gehört, daß Gaullisten und Neger im Berchtesgade- 



Das Ende am Berghof 


223 


ner Land raubten und plünderten. Und eines läges standen 
wirklich zwei bewaffnete Gaullisten in unserem Zimmer. Sie 
sahen sich suchend um, öffneten ohne ein Wort zu sagen alle 
Schubladen und nahmen schließlich sachkundig zwei kleine 
Gemälde von der Wand, die ich vom Berghof mitgenommen und 
aufgehängt hatte. Außerdem erleichterten sie unser Gepäck 
durch die Mitnahme von zwei kleinen Radioapparaten. Die von 
mir im Berghof gepackten und unter die Betten geschobenen 
Koffer entdeckten sie jedoch nicht, das blieb später den Ameri¬ 
kanern Vorbehalten. 

Am nächsten Morgen, den 22. Mai 1945, gegen 7 Uhr klopfte es 
an meiner Tür. Ein CIC-Mann suchte angeblich Albert Bor¬ 
mann und Fräulein Fußer. Albert Bormann hatte sich im Berch¬ 
tesgadener Land unter dem Namen Roth eingemietet. Dies 
wußte man. Es wurde noch nach den Bauern gesucht. Und dann 
fragte er: »Und wer sind Sie?« Ganz sicher war er vom Pensions¬ 
inhaber bereits über mich informiert worden. 400 Ich blieb mit 
einem unguten Gefühl zurück. 

Am Nachmittag des gleichen läges wurde ich durch einen 
Offizier des CIC abgeholt. 401 Als der Begleiter des Offiziers ohne 
weiteres meine Handtasche ergriff, sie öffnete und alles darin 
befindliche in die Hand nahm, erregte ich mich sehr, worauf der 
Offizier meinte: »Daran werden Sie sich gewöhnen müssen!« 
Ich wurde in einen Jeep verfrachtet und landete in den Räumen 
des CIC in Berchtesgaden. Dort waren bereits einige der imFHQ 
tätig gewesenen Stenographen damit beschäftigt, den Inhalt 
meines im Berghof aufgefundenen Stenogrammblockes in Cur¬ 
rentschrift zu übertragen. Es waren lauter unwichtige Sachen. 
Kurze Briefe, in denen Hitlerseinen Schwestern Angelika Ham- 
mitzsch und Paula Hitler (bzw. Wolf) ein Päckchen mit Speck 
ankündigte, den er aus dem Ausland als Geschenk erhalten 
hatte. Er hat ihnen geraten, »... sie sollen den Speck keineswegs 
roh essen!« 

Jahre nach dem Kriegsende erhielt ich durch Zufall eine Foto¬ 
kopie meines damaligen Vernehmungsprotokolles: 402 

Berchtesgaden den 22. Mai 1945. Besprechung zwischen Herrn 
Albrecht 403 und Frl. Schroeder, früher Sekretärin von Hitler. 



224 


Er war mein Chef 


Mr. Albrecht: Wann hat Ihre Tätigkeit für Hitler begonnen? 

Schroeder: Ich war ständig für Hitler seit 1933 tätig. In der 
vorhergehenden Zeit habe ich aushilfsweise für ihn gearbei¬ 
tet. Frl. Wolf war seit 1929 bei Hitler. Im Jahre 1938 kam ein 
Frl. Daranowski dazu. 

Mr. Albrecht: Wie hat sich ein Durchschnittstag in den letzten 
Kriegsjahren abgewickelt? 

Schroeder: Einen genauen Stundenplan gab es bei uns nicht. 
Wir waren ständig zur Verfügung. Hitler ist ein ausgespro¬ 
chener Nachtmensch gewesen und fing vorwiegend erst in 
den Abendstunden an zu arbeiten. Wir sind vor allen Dingen 
die Nächte hindurch aufgewesen. Es war eigentlich das 
Gegenteil vom Normalen. Die letzten läge in Berlin sind wir 
morgens um 8 Uhr zu Bett gekommen. Das richtete sich nach 
den Lagebesprechungen, die in der Nacht stattfanden. Nach 
der Nachtlage hielt Hitler immer einen Tee im engsten Kreise 
ab. Der engste Kreis waren wir Sekretärinnen, Frau Chri¬ 
stian, Frl. Wolf, Frau Junge, dann ein Arzt, entweder Dr. 
Morell oder ein anderer - in der letzten Zeit nicht mehr Dr. 
Morell, weil er es gesundheitlich nicht mehr durchstand -, 
weiter ein persönlicher Adjutant, vorwiegend der Gruppen¬ 
führer Albert Bormann. 

Das brauchte Hitler zur Entspannung. Beim Itee wurde auch 
nichts Politisches gesprochen. Hitler hat deshalb nie Herren 
eingeladen, mit denen er dienstlich zu tun hatte, weil er 
immer wieder auf das Dienstliche gekommen wäre. Er wollte 
seine Gedanken von den Lagekarten lösen. Er sagte oft, »daß 
er nur Landkarten vor seinen Augen sähe«. Der Tee war in 
früheren Zeiten um 5 Uhr, 6 Uhr oder 7 Uhr zu Ende. Dann 
legte sich Hitler schlafen, falls er nicht noch Denkschriften zu 
lesen hatte. 

Hitler stand gewöhnlich um 11 Uhr auf. Er schlief also wenig. 
Dann frühstückte er. Dann kam Herr Schaub mit den Luftla¬ 
gemeldungen und berichtete, welche Herren zu Besprechun¬ 
gen bestellt seien. 

Mr. Albrecht: Traf Hitler in diesen Besprechungen irgendwel¬ 
che Entscheidungen über die Abwehr der Luftangriffe? 

Schroeder: In Gegenwart von Herrn Schaub hat er wohl 



Das Ende am Berghof 


225 


geschimpft. Hitler konnte Schaub gegenüber keine Anwei¬ 
sungen treffen, weil dieser keine militärische Person war. 
Hitler war mit der Art der Abwehr nicht zufrieden. Er hatte 
das Gefühl, daß unsere Abwehr nicht entsprechend eingesetzt 
wird, daß das Material vorhanden ist, aber nicht eingesetzt 
wird. 

Mr. Albrecht: Hitler traf keine Anordnungen gegenüber Schaub? 

Schroeder: Nein, das hätte keinen Sinn gehabt. Schaub war ein 
altes Faktotum und von Hitler nicht besonders anerkannt. Er 
sagte: »Ich hätte Schaub nicht, wenn ich einen anderen Chef¬ 
adjutanten hätte.« 

Mr. Albrecht: Wann wurde die persönliche Korrespondenz erle¬ 
digt? Diktierte Hitler die Briefe persönlich? 

Schroeder: Es handelte sich um Dankschreiben oder Glück¬ 
wünsche. In der letzten Zeit hat Hitler keine Briefe diktiert. 

Mr. Albrecht: Welches war ihre Haupttätigkeit als Sekretärin? 

Schroeder: In der früheren Zeit hat Hitler die großen Reden 
diktiert und zwar gleich in die Maschine. 

Mr. Albrecht: Sind die Reden nachher noch redigiert worden? 

Schroeder: Er selbst hat sehr viel korrigiert. 

Mr. Albrecht: Haben noch andere korrigiert? 

Schroeder: Nein. 

Mr. Albrecht: Auch Goebbels hat nie einen redaktionellen Ein¬ 
fluß genommen? 

Schroeder: Nein, er hat lediglich einmal statistisches Material 
vorgelegt, wenn es nötig war. Aber die Reden hat Hitler alle 
selbst gemacht. Hitler war ein guter Stilist und hat bis zum 
Schluß an den Reden gefeilt. 

Mr. Albrecht: Hat Hitler die Befehle an die Soldaten selbst 
diktiert? 

Schroeder: Nein, die sind zum Teil von der Wehrmacht vorge¬ 
legt worden. 

Mr. Albrecht: Hat Hitler abgesehen von Dankschreiben usw. 
eine persönliche Korrespondenz mit Freunden gehabt? 

Schroeder: Nein. Er hat immer betont, daß es seine große Stärke 
gewesen sei, auch in der Kampfzeit, keine Briefe geschrieben 
zu haben; wenn die in falsche Hände gefallen wären, wäre 
alles ausgenutzt worden. 




226 


Er war mein Chef 


Mr. Albrecht: Sie nahmen an den Mahlzeiten teil? 

Schroeder: In der letzten Zeit nur an den Mittagessen und den 
nächtlichen Tees. 

Mr. Albrecht: Welches waren die Themen der Unterhaltung 
beim Mittagessen? 

Schroeder: Sie waren nicht politischer Natur. Es wurde gespro¬ 
chen über Architektur, Theater, Musik, die deutsche Sprache, 
über zukünftige Aufgaben, über seine Pläne. 

Mr. Albrecht: Wurde über den Wiederaufbau der Städte gespro¬ 
chen? 

Schroeder: Ja. 

Mr. Albrecht: Wer war damit beauftragt? 

Schroeder: Prof. Fick hatte damit bereits begonnen. Prof. Gies- 
ler sollte es beenden. Schließlich hätte es Speer übernommen, 
weil es seine Aufgabe war. 

Mr. Albrecht: Es war kein allgemeiner Wiederaufbauplan? 

Schroeder: Nein. Außerdem wurden beim Mittagessen medizi¬ 
nische Fragen besprochen. Prof. Morell beschäftigte sich mit 
der Hormonforschung. Dieses Thema interessierte auch Hit¬ 
ler. Er war der Meinung, daß auf diesem Gebiet noch sehr viel 
erforscht werden muß. Auch die Ernährungsfrage beschäf¬ 
tigte ihn. 

Mr. Albrecht: Die Rassenfrage gehörte wohl auf das politische 
Gebiet? 

Schroeder: Es wurde auch hin und wieder über Rassenfragen 
gesprochen. Ich selbst habe niemals viel von dem Problem der 
Rasse gehalten, weil die Erforschung der Rasse viele Lücken 
hat. Viele Frauen haben ihre Männer betrogen. Das habe ich 
Hitler oft gesagt. 

Mr. Albrecht: Konnte man mit Hitler frei diskutieren? 

Schroeder: Ja, bis zu einem gewissen Grade schon. Ich wußte wo 
meine Grenze war. 

Mr. Albrecht: War Frl. Braun bei diesen Essen zugegen? 

Schroeder: Frl. Braun ist nur in der letzten Zeit in Berlin 
gewesen. Sie war zum Teil bei diesen Essen zugegen. 

Mr. Albrecht: Hat Hitler Frl. Braun als seine Ehefrau be¬ 
trachtet? 

Schroeder: Sie wurde so behandelt. 



Das Ende am Berghof 


227 


Mr. Albrecht: Hat er sie so betrachtet? 

Schroeder: Ja, doch. 

Mr. Albrecht: Kinder hat es keine gegeben? 

Schroeder: Nein. - Ich habe vor Jahren in einer amerikanischen 
Zeitschrift darüber einmal etwas gelesen. Vieles daran ist 
nicht wahr. Leni Riefenstahl wurde einmal genannt. Es gibt 
eine Kategorie von Frauen, die solche Gerüchte nicht wider¬ 
legen. So eine Frau ist Leni Riefenstahl, das hat ihr genützt. 

Mr. Albrecht: Wie war das Verhältnis zwischen Hitler und 
Renate Müller? 

Schroeder: Es bestand kein Verhältnis. Hitler hat Renate Müller 
als Schauspielerin geschätzt, weil sie den Typ des netten 
deutschen Mädchens verkörpert hat. Persönliche Beziehun¬ 
gen zu Renate Müller hat Hitler nicht gehabt. - Hitler hat in 
der letzten Zeit kaum eine halbe Stunde Zeit zum Essen 
gehabt. Meistens meldete sich nach dem Essen der Reichslei¬ 
ter Bormann. Das Mittagessen fand oft erst um 4 oder 5 Uhr 
statt. 

Mr. Albrecht: Eine persönliche Korrespondenz führte Hitler 
nicht? 

Schroeder: Nein, aus Prinzip nicht. Er hat lediglich einen Brief 
kurzen Inhalts an seine Schwester geschrieben, als er ihr 
Speck übersandt hat, den er als Geschenk aus Spanien erhal¬ 
ten hat. Der Chef hatte keinen Familiensinn. Das hat er selbst 
zugegeben. Hitler hatte zwei Schwestern. Seine eigentliche 
Schwester war Paula Hitler aus Wien. Seine Stiefschwester 
Angela Hitler verw. Raubal ist in Dresden mit Prof. Ham- 
mitzsch verheiratet. 

Mr. Albrecht: Aus welchen Gründen stand er mit seiner Familie 
so schlecht? 

Schroeder: Zunächst einmal sind es keine richtigen Geschwi¬ 
ster. Der Vater war dreimal verheiratet. Der Vater ist ein 
Waisenkind gewesen. Er hat sich selber emporgearbeitet. Er 
hat in Österreich das Schusterhandwerk erlernt, ist dann in 
die Stadt gegangen und hat eine Schule besucht. Er hat es bis 
zum Zolldirektor gebracht und sich selbst ein Gut erworben. 

Mr. Albrecht: Sprach Hitler über seine Jugend? 

Schroeder: Ich habe viele Geschichten aufgezeichnet. Diese 



228 


Er war mein Chef 


Aufzeichnungen befinden sich in meinem Gepäck, das in der 
Reichskanzlei in Berlin verblieben ist. Ich habe an dem Leben 
von Hitler mehr Anteil genommen als ein Familienangehö¬ 
riger. 

Das Abendbrot fand um 21 oder 22 Uhr statt. Als wir noch im 
Hauptquartier waren, haben die Sekretärinnen an dem 
Abendessen teilgenommen. In Berlin hat nur Frl. Braun teil¬ 
genommen. Frl. Braun ist nicht sehr gesund, sie ist sehr zart. 

Mr. Albrecht: War sie krank? 

Schroeder: Nicht direkt krank, aber sie war sehr zart und viel 
müde. Ihr bekam das Berliner Klima nicht. 

Mr. Albrecht: Bei den Nachttees hat Hitler sich bis in die letzte 
Zeit angeregt unterhalten? 

Schroeder: Ja. 

Mr. Albrecht: Wann hat der letzte Itee stattgefunden? 

Schroeder: In der Nacht vom 19. zum 20. 4. 1945. 

Mr. Albrecht: War Hitler in der letzten Zeit sehr bedrückt? 

Schroeder: In den letzten lägen schon, ich möchte sagen, seit 
Anfang April. 

Mr. Albrecht: Im September lag Hitler eine Zeitlang zu Bett! 

Schroeder: Das kam durch das Attentat am 20. Juli 1944. Alle 
im Lagezimmer anwesenden Herren hatten eine schwere Ge¬ 
hirnerschütterung und Ohrenverletzungen. Hitler als einzi¬ 
ger hat sich nicht hingelegt. In jener Zeit aß ich allein mit 
Hitler. Er war in den lägen vor dem 20. Juli 1944 sehr 
gedrückt. Er hat immer Ahnungen gehabt, er fühlte, daß ein 
Attentat geplant ist. Er hat es mir auch gesagt, und zwar 
äußerte er: »Ich merke, es liegt etwas in der Luft.« Am Tage 
vorher fühlte er sich nicht ganz wohl. Als ich allein mit ihm 
aß, sagte er: »Es darf mir jetzt nichts passieren; denn es wäre 
kein Mensch da, der die Führung an sich nehmen könnte.« 

Mr. Albrecht: An wen hat Hitler als Nachfolger gedacht? 

Schroeder: Weder an Göring noch an Himmler. Nachdem Heß 
ausgefallen war, war ja formell Göring vorgesehen. Aber 
Hitler hielt ihn nicht für fähig. Ich habe einmal eine Ausein¬ 
andersetzung mit ihm gehabt, als er mir sagte, daß kein 
Nachfolger für ihn da sei. Er sagte, der erste, Heß, wäre 
wahnsinnig geworden. Der zweite, Göring, hätte sich die 



Das Ende am Berghof 


229 


Sympathien des Volkes verscherzt, und der dritte, Himmler, 
würde von der Partei abgelehnt. Als ich ihm sagte, Himmler 
würde im Volk viel genannt, wurde er etwas böse. Er sagte, 
Himmler sei ein vollkommen amusischer Mensch. Auf meine 
Entgegnung, das sei in diesen Zeiten nicht so wichtig, für das 
Gebiet der Kunst könne er sich tüchtige Leute heranholen, 
war es ganz aus. Hitler sagte, es sei nicht so einfach, sich 
tüchtige Leute heranzuholen; sonst hätte er sie sich schon 
herangeholt. Daraus entnahm ich, daß nach der Ansicht von 
Hitler keiner von den vorgesehenen Männern als Nachfolger 
in Frage kommen würde. 

Mr. Albrecht: Welche andere Persönlichkeit kam denn in Frage? 

Schroeder: Er hatte niemand. Er hat sich sehr geärgert über 
meine Entgegnung, daß Himmler im Volk sehr viel genannt 
würde. Er sagte - was sonst nicht seine Art war - : was mir 


einfiele, so etwas zu sagen. Das verletzte seine Eitelkeit, daß 
wir, die wir ihn und Himmler kennen, ihn Himmler gleich¬ 
stellen. Er ging an dem betr. Mittag heraus und sagte belei¬ 
digt: »Zerbrecht euch man weiter den Kopf wer mein Nachfol¬ 
ger werden soll<. 

Ich rechnete am 20.7.1944 nicht damit, daß ich nach dem 
Attentat zum Essen gerufen würde. Wider Erwarten wurde 
ich um 15 Uhr zum Essen gerufen. Ich war erstaunt, wie frisch 
und lebhaft der Chef aussah und mir entgegenkam. Er schil¬ 
derte mir, wie seine Diener das Attentat aufgefaßt hätten. 
Linge sei wütend gewesen, Arndt hätte geweint. Dann sagte 
er wörtlich: »Glauben Sie mir, das ist die Wende für Deutsch¬ 


land, jetzt wird es wieder bergauf gehen; ich bin froh, daß sich 
die Schweinehunde selbst entlarvt haben.« 

Ich sagte ihm am 20.7.1944, er könnte doch unmöglich den 
Duce empfangen. Er äußerte: »Im Gegenteil, ich muß ihn 
empfangen, was würde die Weltpresse schreiben, wenn ich 
ihn nicht empfangen würde.« Er ist kurz nach dem Mittag¬ 
essen zum Empfang des Duce aus dem Lager gefahren.! - 


Nach meinem ersten Verhör durch Mr. Albrecht, sagte mir der 




230 


Er war mein Chef 


Offizier in korrektem Deutsch: »Sie sind eine gesuchte Persön¬ 
lichkeit. Sie sprechen wenigstens natürlich, während die bisher 
vernommenen Gauleiter und Minister in Zeitungsphrasen 
daherreden. Ich überlege mir, ob ich Sie noch schonen soll oder 
ob ich den 14 im Nebenzimmer wartenden Journalisten sagen 
soll, nebenan sitzt Euer Glück.« 404 

An diesem 1hg hatte er noch Mitleid mit mir. Aber nach einigen 
lägen tauchten Journalisten der amerikanischen Zeitungen 
>Times< und >Life< auf, unter ihnen der bekannte Jack Fleisch- 
ner. Nach den Interviews machte ich mit Ilse Lindloff, mit der 
ich das Zimmer teilte (sie war Sekretärin von Hauptmann 
Wiedemann, des ehemaligen Adjutanten Hitlers, gewesen und 
hatte einen Führer des BKD’s geheiratet) Pläne für die Zu¬ 
kunft. 

Wenn ich zur »Mitarbeit« herangezogen werden sollte, wollte ich 
versuchen, für uns beide ein Zimmer in Berchtesgaden zu fin¬ 
den, damit wir aus den schrecklichen Verhältnissen am Hinter¬ 
see herauskämen. Damals durfte man sich nur im Umkreis von 
6 Kilometern bewegen. Ilse meinte, wir könnten uns dann viel¬ 
leicht ein Pferd mit Wagen kaufen und in die Lüneburger Heide 
fahren, wo ihre Schwiegereltern wohnten. Welch’ schöner Plan, 
aber dazu kam es nicht. 



Meine Internierung 


Am 28. Mai 1945 wurde ich von zwei Amerikanern samt meinen 
zwei Koffern und einer Reiseschreibmaschine Marke Erica in 
einen Jeep gesetzt. Ich müsse für 4 läge mit nach Augsburg, wo 
»Experten* mich verschiedenes fragen würden. Beim Autowech¬ 
sel in Berchtesgaden wurde mir die Schreibmaschine abgenom¬ 
men, »die dürfte ich nicht mitnehmen«. Sie war funkelnagel¬ 
neu! Selbstverständlich stellte man mir auf mein Verlangen 
eine Quittung aus, die, das stellte ich natürlich erst später fest, 
eine utopische Fabrikationsnummer trug. Was mögen die GI’s 
beim Tippen dieser Quittung gefeixt haben. In den 70er Jahren 
erzählte ein Kunsthändler, Herr Lohse, der mir bekannten Frau 
Haberstock, daß ihm in New York ein Amerikaner voll Stolz 
berichtet habe, eine Schreibmaschine zu besitzen, »die einer 
"IYpse von Hitler gehört habe«. 

Am späten Nachmittag kamen wir in Augsburg in der »Bären¬ 
siedlung* an. Die Siedlung bestand aus kleinen Häuschen, für 
die Arbeiter der Firma Messerschmidt. Die Bewohner hatten 
ihre Wohnungen verlassen müssen und waren murrend 
irgendwo außerhalb der Siedlung untergebracht worden. Ver¬ 
ständlicherweise waren sie wütend auf uns und schimpften von 
der Straße her zu uns herauf: »Ihr Nazischweine« usw. Sie 
hatten die Wohnungen bis auf Tisch, Stühle und nackte Matrat¬ 
zen räumen müssen. 

Daß ich mich in der Bärensiedlung befand, wußte ich damals bei 
meiner Ankunft noch nicht. Der Jeep fuhr auf einen ziemlich 
großen Hof oder Platz. Es war ein sehr heißer Thg gewesen, die 
Sonne schien noch und aus allen Fenstern schauten Männer mit 
bloßem Oberkörper heraus, die Augen vor Staunen weit aufge¬ 
rissen. Ich glaubte, in einer Irrenanstalt gelandet zu sein. Doch 
dann entdeckte ich an einem Fenster Julius Schaub und Prof. 
Heinrich Hoffmann. 




232 


Er war mein Chef 


Ich wurde in ein Büro geschoben, wo ein Amerikaner meine 
Koffer unter die Lupe nahm und mit Erfolg eine Flasche Cognac 
und eine Stange Zigaretten herausfischte. Meine Bitte um 
Rückgabe blieb erfolglos. Dafür interessierte ihn aber der 
übrige Kofferinhalt nicht. 

Dann führte mich ein anderer Amerikaner in den ersten Stock 
eines der Häuser, wo vor der Flurtür ein wild die Augen rollen¬ 
der Portoricaner mit aufgestecktem Bajonett Wache hielt. In 
der kahlen, fast vollständig ausgeräumten Küche stieß ich auf 
Frau Anni Winter, Hitlers Haushälterin aus seiner Münchner 
Wohnung am Prinzregentenplatz 16. In einem anderen Zimmer 
waren Leys letzte Freundin, Madelaine Wanderer und seine 
österreichische Sekretärin untergebracht. 405 
Der Commandeur des Augsburger Internierten Lagers, ein pok- 
kennarbiger Mexikaner, kam des öfteren, einen Rohrstock 
unter seinem linken Arm geklemmt, mit das Camp inspizieren¬ 
den höheren amerikanischen Offizieren in die Küche, die uns 
neugierig anstarrten. Die attraktive Madelaine Wanderer 
durfte sogar an einem internen Fest beim Commandeur teilneh¬ 
men, wo an diesem Abend die Fratemisierung aufgehoben 
wurde, aber nur an diesem Abend! Nachher kannte er Made¬ 
laine Wanderer nicht mehr. Es war eine echte Demütigung, an 
der sie schwer trug. 

Madelaine Wanderer, eine bildhübsche, blonde langbeinige 
Estin, war Tänzerin an der Dr. Ley unterstehenden Charlotten¬ 
burger Oper in Berlin gewesen. Als die Oper bombardiert 
wurde, mußten die Tänzerinnen bei den Aufräumungsarbeiten 
helfen. Dr. Ley, der noch in der gleichen Nacht zur Oper gekom¬ 
men ist, um sich persönlich über den Umfang des Schadens zu 
informieren, stellte im Flammenschein zwischen diesem Mäd¬ 
chen und seiner durch Selbstmord verstorbenen Frau Inga eine 
große Ähnlichkeit fest. Er war fasziniert von dieser jungen 
Frau. Er bemühte sich intensiv um sie und ließ nicht mehr ab, 
bis sie zu ihm zog. 

Madelaine erzählte mir ausführlich über ihre Zeit mit Ley. Es 
muß ein wahres Martyrium gewesen sein, denn im ganzen Haus 
von Ley hingen und standen die Bilder der Verstorbenen 406 , und 
Ley verlangte, daß Madelaine sich genauso schminkte, frisierte, 



Meine Internierung 


233 


kleidete und bewegte wie Inga, die Verstorbene. Heiraten wollte 
er sie erst, wenn sie ihm eine Anzahl Kinder geboren hätte. 

Prof. Hermann Giesler erwähnt auf Seite 480 seines 1977 im 
Druffel-Verlag erschienenen Buches, >Ein anderer Hitlers daß 
Hitler ihm von einer >neuen Frau< Leys erzählt hätte und ihn 
beauftragt habe, dort einen Besuch zu machen, um sie in Augen¬ 
schein zu nehmen. Da Gieslers Bericht positiv ausgefallen war, 
machte kurze Zeit später Hitler selbst einen Besuch im Hause 
Dr. Leys. Hierüber erzählte Hitler in einer abendlichen Tee¬ 
stunde. Aber im Gegensatz zu Prof. Giesler war er schockiert 
und fand es geschmacklos von Ley, einen derartigen Kult mit 
einer Toten auf Kosten dieser jungen Frau zu treiben. Hitler 
erklärte wörtlich: »Ich werde Leys Haus unter diesen Umstän¬ 
den nicht mehr betreten.« 

Zu Lebzeiten von Frau Inga Ley war Hitler des öfteren Gast im 
Haus von Dr. Ley gewesen. Er fand Frau Inga sehr schön, 
betrachtete sie als den guten Geist ihres Mannes und war 
überzeugt, daß sie ihm vom Trinken und Rauchen fast ganz 
abgebracht hatte. Hitler war deshalb besondem gern bei dem 
Ehepaar Ley gewesen, weil er dort gewöhnlich einen Kreis von 
Künstlern antraf. Inga entstammte einer Künstlerfamilie und 
hatte Gesang studiert Ihr Selbstmord gab allen ein Rätsel auf 
und ist wohl nie geklärt worden. 

Ich hatte immer das Gefühl, daß sich Inga Ley stark zu Hitler 
hingezogen fühlte. Auch er war sehr von ihr angetan und ihr Tod 
hat ihn sehr ergriffen. Wie ungemein stolz Dr. Ley auf seine 
Frau Inga und wie sehr er in sie verliebt gewesen war, dessen 
wurde ich Zeuge, als mich Dr. Ley eines abends im Berghof zu 
Tisch führte. Seine Augen ruhten unentwegt auf seiner Frau, die 
mit einem herrlichen Silberfuchs angetan, vom Hausherrn Hit¬ 
ler geführt, uns voranschritt. Sobald Dr. Ley von irgend etwas 
sehr erregt war, fing er an zu stottern. Er sagte zu mir, mit der 
Hand auf seine Frau deutend: »Isssst sie nicht herrlich, issst sie 
nicht schön?« 

Mit Frau Anni Winter 407 teilte ich das bis auf die nackten 
Matratzen ausgeräumte Schlafzimmer einer evakuierten Arbei¬ 
terfamilie. Anni Winter war eine ungemein clevere Person. 
Mager, brünett, mit braunem Teint und listigen braunen Augen, 











234 


Er war mein Chef 


erinnerte sie mich an eine Kalmückin. Ihren Augen entging 
nichts, nie ist ihr etwas entgangen. Und es hieß, daß sich Hitler 
bei seiner Ankunft in München gern von ihr über die >Münchner 
chronique scandaleuse< berichten ließ. 

Anni Winter war eine gebürtige Niederbayerin und erwarb sich 
als junges Mädchen im Haushalt der Gräfin Törring Schliff, 
Erfahrung und alle erforderlichen Kenntnisse, die sie befähig¬ 
ten, sich seit 1929 in Hitlers Neunzimmerwohnung am Prinzre¬ 
gentenplatz 16/11 als allein herrschende Haushälterin zu 
behaupten. Dank ihrer guten Ausbildung war sie eine ideale 
Wirtschafterin für Hitler. Ihr Mann, ein ehemaliger Unteroffi¬ 
zier, spielte in Hitlers Haushalt keine besondere Rolle. Unge¬ 
mein schnell und beweglich, hielt Frau Winter nicht nur seine 
Wohnung immer in gepflegtem Zustand, sondern kochte auch 
für ihn, wenn er in München weilte und keine Lust hatte, in der 
>Osteria Bavaria< - dem von ihm bevorzugten Lokal in Schwa¬ 
bing - zu speisen. Darüber hinaus war sie diskret und ver¬ 
schwiegen und genoß so Hitlers Vertrauen. 

Hitler hing sehr an seiner Münchner Wohnung. Bis zum Kriegs¬ 
ende standen hier noch alle die Möbel, die er sich von den 
Vereinigten Werkstätten (Prof. Troost) gekauft hatte, öfters 
sagte er: »In München fühle ich mich wirklich daheim. Alles, 
was ich ansehe, das geringste Möbelstück, das kleinste Bild, die 
Wäsche sogar, alles erinnert mich an meine Kämpfe, meine 
Sorgen, aber auch an mein Glück. Alle Möbelstücke habe ich 
von meinen Ersparnissen gekauft. Meine Nichte Geli begleitete 
mich dabei, und schon darum hängt mein Herz an ihnen.« 

Frau Winter hatte ein lebhaftes Mundwerk, war voller Hektik 
und konnte hier im Lager auch nicht untätig sein. So fegte sie 
nun dauernd die Küche und pfiff dazu bis zur Bewußtlosigkeit 
die Melodie des wehmütig-schmalzigen Gassenhauers: »Meinen 
Vater kenn ich nicht, meine Mutter liebt mich nicht und sterben 
mag ich nicht, bin noch zu jung.« 

Mir ging diese gleichförmige Pfeiferei schrecklich auf die Ner¬ 
ven, doch ich ertrug es, erzählte sie mir doch zwischendurch 
Dinge, die sonst niemand aus eigener Anschauung kannte. So 
z. B. auch Geli Raubais Leidensgeschichte und von ihrem 
Selbstmord im Jahre 1931. Auch von den ein halbes Jahr später 



Meine Internierung 


235 


beginnenden Wochenendbesuchen Eva Brauns erzählte sie mir: 
»Samstag erschien sie immer in der Wohnung am Prinzregen¬ 
tenplatz mit einem kleinen Köfferchen.« 

Was sie über Geli Raubal, der Tochter von Hitlers Stiefschwe¬ 
ster Angela Raubal, erzählte, interessierte mich sehr und hatte 
mit einem unmoralischen Verhältnis zwischen Hitler und Geli 
Raubal nichts zu tun, wohl aber von einer mit Eifersucht durch¬ 
tränkten platonischen Liebe. 

Nach Frau Winters Erzählungen war Geli, die Gesang studieren 
wollte, von Hitler in seiner Wohnung aufgenommen worden. Er 
ließ von den Vereinigten Werkstätten ein Zimmer für sie ein¬ 
richten. Hitler verwöhnte sie über alle Maßen und nahm sie 
überall mit hin. Sie war die einzige Frau, mit der er ins Theater 
ging. Ich selbst habe beide zusammen Anfang 1930 während der 
Festspiele im Prinzregententheater gesehen, wo mir Geli durch 
einen Weißfuchs von besonderer Schönheit auffiel. 

Während der Teestunden im Treppenzimmer des Radziwill- 
Palais, der einzige Ort, wo sich Hitler zu entspannen schien, 
beschäftigten sich seine Gedanken sehr oft mit Geli, und es war 
ihm ein echtes Bedürfnis, von ihr zu sprechen. Aus Hitlers 
Erzählungen war deutlich hörbar, daß er Geli für ein gemeinsa¬ 
mes Leben zu erziehen gedacht hatte. Im Anschluß an Erzäh¬ 
lungen über Geli sagte er einmal: »Es gab nur eine Frau, die ich 
geheiratet hätte!« Diese Äußerung war für mich unmißver¬ 
ständlich, ich begriff nun auch, warum er so eifersüchtig über 
das Tun des geliebten Mädchens gewacht hatte. 

Als Geli einen Kunstmaler in Linz heiraten wollte, veranlaßte 
Hitler Gelis Mutter, den beiden jungen Menschen ein Jahr der 
Trennung zur Prüfung auf zu erlegen. Dies war kein Märchen, 
hatte ich doch damals als Beweis einen Brief in den Händen, den 
ich am Berg vor der Vernichtung durch Schaub gerettet hatte, in 
dem es hieß: 

»Jetzt sucht Dein Onkel, der sich des Einflusses auf Deine 
Mutter bewußt ist, ihre Schwäche mit grenzenlosem Zynismus 
auszunutzen. Unglücklicherweise sind wir erst nach Deiner 
Großjährigkeit 408 in der Lage, auf diese Erpressung zu antwor¬ 
ten. Er legt unserem gemeinsamen Glück nur Hindernisse in den 
Weg, obwohl er weiß, daß wir füreinander geschaffen sind. Das 









236 


Er war mein Chef 


Jahr der Trennung, das uns Deine Mutter noch auferlegt, wird 
uns noch inniger aneinander binden. Da ich selbst stets bemüht 
bin, geradlinig zu denken und handeln, fällt es mir schwer, das 
von anderen Menschen nicht anzunehmen. Ich kann mir jedoch 
die Handlungsweise Deines Onkels nur aus egoistischen Beweg¬ 
gründen Dir gegenüber erklären. Er will ganz einfach, daß Du 
eines Täges keinem anderen gehören sollst als ihm.« Und an 
anderer Stelle: »Dein Onkel sieht in Dir immer noch das uner¬ 
fahrene Kind< und will nicht verstehen, daß Du inzwischen 
erwachsen bist und Dir selbst Dein Glück zimmern willst Dein 
Onkel ist eine Gewaltnatur. In seiner Partei kriecht alles skla¬ 
visch vor ihm. Ich verstehe nicht, wie seine scharfe Intelligenz 
sich noch darüber täuschen kann, daß sein Starrsinn und seine 
Ehetheorien sich an unserer Liebe und an unserem Willen 
brechen werden. Er hofft, daß es ihm in diesem Jahr gelingen 
wird, Deinen Sinn zu ändern; aber wie wenig kennt er Deine 
Seele.« 

Und damit hatte der junge Mann wohl recht. Diesen Brief nahm 
im Lager Augsburg leider Capt. Albert Zoller an sich und hat 
ihn mir nicht wieder zurückgegeben! 

Frau Winter war der festen Überzeugung, daß Geli von einer 
Heirat mit ihrem Onkel träumte, da kein anderer Mann in der 
Lage war, sie so zu verwöhnen. Nach dem Krieg sollen in 
amerikanischen Archiven z. B. Rechnungen von Geli vorgenom¬ 
menen Käufen für extravagante Garderobe gefunden worden 
sein. Denn sonst hätte sie sich ja wohl auch nicht so untergeord¬ 
net und zugesehen, wie Hitler alle Verehrer aus ihrer Nähe 
entfernte. 

Es war ja nicht das erste Mal, daß Hitler platonisch liebte, daß er 
eine Frau anbetete. Genau so war es mit Stefanie in Linz 
gewesen, ein Mädchen, das er nur auf dem >Bummel< sah. Er 
wagte sich nicht an sie heran, schrieb ihr aber, daß er sie 
heiraten werde, wenn er sein Ziel erreicht hätte. 

Nach Frau Winters Erzählungen hatte sich vor Gelis Selbst¬ 
mord folgendes ereignet. Hitler bat Geli, die zu Besuch bei ihrer 
Mutter in Berchtesgaden gewesen war, gleich nach München zu 
kommen. Er begab sich aber nach ihrem Eintreffen am Vormit¬ 
tag sofort in die Stadt, mit dem Versprechen, zum Mittagessen 





















Meine Internierung 


237 


zurück zu sein. Statt dessen kam er aber erst um 4 Uhr nachmit¬ 
tags zurück und sagte, daß er gleich nach Nürnberg fahren 
müsse. Geli war enttäuscht, da er sie ja in Berchtesgaden hätte 
lassen können. Sie bat ihn dann um Genehmigung, daß sie nach 
Wien fahren und ihre Stimme prüfen lassen dürfe, was sie schon 
lange vorhatte. Hitler lehnte es strikt ab. So trennten sie sich. Zu 
allem Überfluß soll Geli nach Hitlers Fortgehen noch einen 
Zettel von Eva Braun, den diese Hitler unauffällig beim letzten 
Zusammensein in die Manteltasche gesteckt hatte, gefunden 
haben, darin bedankte sie sich »für den schönen Abend und 
hoffte auf ein baldiges Wiedersehen«. 

Das alles war wohl zuviel für Geli. Sie sagte zu Frau Winter, daß 
sie ins Kino gehen würde. In Wirklichkeit blieb sie aber in ihrem 
Zimmer. Als Frau Winter am nächsten Morgen das Frühstück 
bringen wollte, öffnete sie nicht auf ihr Klopfen. Da sie aber den 
Schlüssel von innen stecken sah, ahnte sie Fürchterliches. Sie 
verständigte ihren Mann, der die Tür aufbrach. Geli lag 
erschossen auf der Chaislongue. 

Dies und vieles andere erzählte mir Frau Winter. Auch, daß es 
Frauen gab, die vor der Machtübernahme in die Wohnung am 
Prinzregentenplatz kamen und ihr irgendeinen wichtigen 
Grund vorschwindelten, weshalb sie Hitler unbedingt sprechen 
müßten. Waren sie dann durch ihre Vermittlung in Hitlers 
Zimmer gelandet, versuchten sie ihn zu verführen. Eine knöpfte 
sich die Bluse auf unter der sich außer ihrem blanken Busen 
nichts befand, sie wollte so gern ein Kind von ihm. Frau Winter 
durfte dann keine Unbekannten mehr zu Hitler vorlassen. 

Bei meiner Verlegung vom Lager Augsburg nach Mannheim- 
Seckenheim wurde das Gepäck der Internierten gründlich 
gefilzt. Ich wurde zum Commander geholt. In einem großen 
Zimmer waren die bei den vorwiegend >Prominenten< gefunde¬ 
nen Wertgegenstände auf Tischen ausgelegt. Da lagen Brillan¬ 
ten, Goldbarren etc., wie in einem Schmuckgeschäft. Ich wurde 
an einen Tisch geführt, auf dem die in meinem Koffer gefunde¬ 
nen Gemälde, die ich nach Rücksprache mit Albert Bormann 
aus dem Berghof mitgenommen und somit vor der Zerstörung 
gerettet hatte, aufgestellt waren. Dabei befand sich auch mein 
Leinenbriefumschlag mit Hitlers Skizzen, die ich vor Schaubs 











238 


Er war mein Chef 


Vernichtung gerettet hatte. Ich wurde zweimal vor die Gemälde 
geführt und gefragt, wem sie gehören, bzw. woher sie stammen. 
Beim ersten Mal waren noch alle vorhanden, beim zweitenmal 
fehlten bereits mehrere. Ich mußte eine Aufstellung anfertigen 
über Maler, Motiv und Größe der Bilder. Darüber erhielt ich 
eine Quittung. 409 

Den Umschlag mit den Architekturskizzen Hitlers durfte ich 
wieder an mich nehmen, weil ich sagte, sie seien von meinem 
Vater. »Was war Ihr Vater?«, wurde ich gefragt. »Architekt«, 
antwortete ich. Hinterher war ich sehr verwundert über mich. 
Die Worte waren so selbstverständlich und glatt über meine 
Lippen gekommen, und die Amerikaner hatten sie akzeptiert. 
So einfach war das! 

Nach ein paar lägen erhielt ich die beiden Koffer zurück, aller 
wertvollen Sachen beraubt. Etuis mit goldenem Füller und 
Bleistift mit Hitlers Namenszug, das er mir zum Geburtstag 
geschenkt hatte, eine kostbare Emaildose, lt. Expertise ein 
Geschenk Friedrich des Großen an einen seiner Generäle. Der 
Deckel zeigte die Landkarte von Böhmen und Mähren, auf der 
alle Schlachten aus dem Siebenjährigen Krieg eingezeichnet 
waren, wertvolle Handarbeiten, Stiefel, eine braune Flanell¬ 
hose von Hitler, alles war verschwunden. Beschwerden blieben 
fruchtlos. Angeblich sollen ungarische Kriegsgefangene die 
Sachen gestohlen haben. 

Capt. Bernhard, alias Albert Zoller, über den ich schon berich¬ 
tet habe, hatte sich vor meiner Verlegung nach Seckenheim 
angeboten, den Koffer mit den Gemälden vom Berghof aus dem 
Lager heraus zu schaffen und für mich aufzubewahren. Ich 
hatte das damals abgelehnt, aber dummerweise überließ ich 
ihm den Umschlag mit Hitlers Skizzen. Dummerweise, das 
finde ich heute noch, denn mein Gepäck wurde während der bis 
1948 andauernden Gefangenschaft nie mehr untersucht. Zoller 
jedoch saß fest auf den Zeichnungen und gab mir auf wieder¬ 
holte Mahnungen lediglich ca. 50 Stück zurück, die wertvoll¬ 
sten behielt er. 

Am 12. September 1945 wurde bei mir eine Leibesvisitation 
vorgenommen, bei der die polnische Aufseherin Olga die in 
meinen Uniformrock eingenähte bereits erwähnte Phiole mit 



Meine Internierung 


239 


der Blausäure fand. Dies habe ich damals als einen schweren 
Schicksalsschlag empfunden. Diese kleine Messingkapsel war 
mir Beruhigung und TVost zugleich gewesen und hatte mich in 
einer gewissen Sicherheit und Unabhängigkeit gewiegt. 410 
Nun rief die Aufseherin ihren Chef Kahn herbei, einen jungen 
amerikanischen Offizier, der mich fragte, ob ich wüßte, wie die 
Phiole zu öffnen sei. Ich verneinte. Was drin wäre? Ob das Ding 
explodieren könnte? Als ich mit vielsagendem Lächeln die 
Schulter hob, zogen sich beide mit der Phiole und dem Hammer, 
den Olga zum Aufschlagen geholt hatte, zurück. 

Unmittelbar nach der Leibesvisitation brachte mich ein Mari¬ 
neoffizier im Jeep nach Nürnberg in den Justizpalast, wo mir in 
einem großen Zimmer kurze Zeit später Colonel Andrus, steif 
und verkrampft, einen lackierten Stahlhelm auf dem Kopf und 
sein Stöckchen unterm Arm geklemmt, durch den Dolmetscher 
Hermann folgendes sagte: »Sie sind als wichtiger Zeuge nach 
Nürnberg gekommen. Ihre Aussagen sind von größter Wichtig¬ 
keit. Sie werden vereidigt werden! Sie werden in eine Zelle 
eingesperrt werden! Sie haben sich den Anordnungen zu unter¬ 
werfen! Das Essen ist gut! Wünschen Sie einen Pfarrer? Haben 
Sie Gegenstände bei sich, mit denen Sie sich oder einen anderen 
Menschen töten können? Wünschen Sie ein Gebetbuch?« 
Anschließend wurde ich von zwei guards in die Mitte genommen 
und durch lange Gänge in eine Zelle im Parterre geführt. Im 
Vorbeigehen versuchte ich einen Blick durch das port in die 
Zellen zu werfen. Ich sah die Namenschilder vieler Bekannter. 
In der Zelle wurde mir der Befehl gegeben, mich auszuziehen 
und mich dann in eine Decke zu hüllen und zu klopfen. Ich zog 
mich aus, behielt aber das Hemd an. Aber auch das mußte ich 
ausziehen. Fünf oder sechs Amerikaner kamen herein. Ein Arzt, 
ein Mexikaner und zwei Mann untersuchten mich. Arme hoch, 
Mund auf und auf die Seite legen. Zehen auseinander spreizen. 
Ohren und Haare wurden durchwühlt und mir dann die Kämme 
fortgenommen (damals hatte ich mein langes Haar zur Hochfri¬ 
sur aufgesteckt). Peinliche Fragen nach meiner Narbe und nach 
den Flecken von einer Pigmentstörung folgten. In dieser Zeit 
wurde von den anderen meine Garderobe genauestens unter¬ 
sucht. Der Dolmetscher, später hörte ich, daß er Hermann hieß, 



240 


Er war mein Chef 


fand in dem Kragen meiner Uniform 5000,- Mark, die ich dort 

eingenäht hatte. _ 

Nach der peinlichen Untersuchung wieder anziehen. Im Büro 
folgte das Ausfüllen von Fragebogen mit 16 Blankounterschrif¬ 
ten. Ich habe nie erfahren, was ich da unterschrieben hatte. Aus 
dem Gepäck, das im Keller verblieb, durfte ich, weil ich an 
Ischias litt, meine Berghof-Kamelhaardecke mitnehmen. Sie 
wurde mir ein guter Freund in den nächsten 2 l /i Jahren und 
später wurde sie zu einem Mantel umgearbeitet. Alle Gürtel, 
Schnürsenkel, selbst die Metallknöpfe von einer Trachtenjacke 
wurden abgetrennt. Nichts aus Glas oder Metall durfte ich 
behalten. Mit den genehmigten herausgesuchten Sachen wurde 
ich dann übereine Wendeltreppe und einen eisernen Laufsteg in 
eine Zelle geführt, die in der Nähe der Wendeltreppe lag. Ich 
konnte von meiner Zelle aus gut die Köpfe derjenigen sehen, die 
die Wendeltreppe heraufkamen. 

Als sich hinter mir die Türe schloß und der Schlüssel von draußen 
rasselte und ich mich in der kahlen kalten Zelle umsah (in der 
Ecke neben der Tür das offene Clo) war es mit meiner Fassung 
vorbei. Ich heulte, und es dauerte lang, bis ich mich einiger¬ 
maßen beruhigte. Durch die Türklappe schaute alle paar Minu¬ 
ten ein guard. In der Zelle selbst war es dunkel. Doch fiel durch 
die Türklappe und das Fenster von außen grelles Scheinwerfer¬ 
licht und warf den Schatten des Fenstergitters gegen die Wand. 
Aus der Gefängniskapelle erklang manchmal Orgelmusik. 

Ich weinte vor Niedergeschlagenheit, ohne zu ahnen, daß noch 
Zeiten kommen würden, wo ich mich nach dieser Gefängnis¬ 
zelle zurücksehnen würde. Woher sollte ich auch wissen, daß ich 
noch einige Jahre hinter Gittern verbringen sollte, sinnlos von 
einem Lager ins andere verschleppt. Untergebracht in überfüll¬ 
ten Baracken, wo, wie z. B. in Hersbruck, 80 Frauen in einem 
Raum nur eine Waschschüssel zur Verfügung stand, wo man in 
dreistöckigen Eisenbettgestellen ohne Matratze zu ersticken 
fürchtete und wo man vor allen Vorübergehenden sichtbar seine 
Notdurft verrichten mußte, wo die seelische Bedrückung über 
die ungewisse Zukunft zur qualvollen Marter wurde... 
Während des Gefängnisaufenthaltes hatte ich noch zweimal die 
Ehre, Colonel Andrus sprechen zu hören. Am 19. September 







Meine Internierung 


241 


1945 wurden wir nachmittags um 4 Uhr in die Gefängnishalle 
geführt. Dort waren bereits Generalfeldmarschall von Blom¬ 
berg, Minister Seldte, die Herren Bilfinger, Scheidt, Oetting, 
Dr. Conrad, General Lahusen, Boleyn sowie meine Kolleg 

Wolf und ich. Wieder hielt Col.Andrus in seinem bekannten 
Aufzug eine Rede: »Sie sind als wichtige Zeugen nach Nürnberg 
gekommen. Wir mußten Sie leider im Gefängnis unterbringen, 
weil das für Zeugen bestimmte Haus noch nicht fertig ist. Sie 
kommen nun heute in ein anderes Gebäude, wo sie mehr Frei¬ 
heit haben werden. Sie müssen sich aber auch dort den Anord¬ 
nungen fügen, Sie werden jedoch vielerlei Erleichterung 
haben.« 

Mit der grünen Minna landeten wir in einer Kaserne in Fürth. 
Johanna Wolf und ich wurden in einem bombenbeschädigten 
Gebäude, das einen völlig unbelegten Eindruck machte, im 
1. Stock in ein Zimmer mit zwei Metallbetten und Spind einge¬ 
wiesen. Zum gemeinsamen Essen mit den Herren wurden wir in 
einen Kellerraum geführt, wo uns Kellner aus dem Hotel «Deut¬ 
scher Hof< servierten. Nach der wochenlangen Einzelhaft durf¬ 
ten wir wieder miteinander sprechen, wir kamen uns vor wie im 
Paradies. Wir konnten auch in Begleitung eines Postens Spazie¬ 
rengehen. 

Doch mit der Herrlichkeit war es schnell wieder vorbei, als eines 
Nachts ein Amerikaner nur mit Netzhemd und Hose bekleidet, 
zu uns ins Zimmer kam. Nachdem er erst Johanna Wolf mit der 
Taschenlampe angeleuchtet hatte und dann mich, schrie ich 
laut auf. Der Amerikaner rannte daraufhin aus unserem Zim¬ 
mer. Das Resultat dieses nächtlichen Vorfalls war aber, daß wir 
mit der grünen Minna nach Nürnberg zurückgefahren wurden 
und wieder in Einzelhaft ins Gefängnis kamen. 

Seine dritte Rede hielt uns Colonel Andrus am 27. September 
1945 im Aufenthaltsraum des Gefängnisses. Begleitet von 
einem großen Stab von Ärzten, weiblichen Offizieren und dem 

Psychiater verkündete er, daß Dr. Ley heute Nacht Selbstmord 
verübt habe. Die Amerikaner beobachteten dabei aufmerksam. 
Frau Brüninghoff, Dr. Leys ehemalige Sekretärin, die auf 
Madelaine Wanderer haßgeladen war. Andrus erklärte sehr 
detailliert, wie sich Dr. Ley in der Clo-Nische erhängt habe. 
















242 


Er war mein Chef 


Frau Brüninghoff durfte den Aufenthaltsraum verlassen. Sie 
wankte hinaus, gestützt von Johanna Wolf. Das ganze erschien 
mir wie eine Szene aus einem kitschigen Film, nach dem die 
Brüninghoff keine sehr gute Meinung von Dr. Ley hatte. 

Bei den Vernehmungen wurde ich u.a. gefragt, ob mir Hitler 
1939 die vor Offizieren gehaltene Rede diktiert habe, Johanna 
Wolf hätte dies ausgesagt. Wahrheitsgemäß erwiderte ich, daß 
er niemals Reden über beabsichtigte Maßnahmen vorher zu 
diktieren pflegte. Dann wollte man noch wissen, ob mir Schaub 
mit dem KZ gedroht hätte. Am 27. 9. 1945 verlangte der Psych¬ 
iater Dr. Kelly von mir eine schriftliche Arbeit über Hitler, die 
ich nach mehrfachen Drängen erstellte [sh. Anlage 9]. 

Nach einiger Zeit wurde die Einzelhaft beendet, das bedeutete, 
offene Zellentüren am Tag und arbeiten (Saubermachen der 
Büroräume für die Amerikaner, Ausbessern von Wäsche und 
Kleidungsstücken der Inhaftierten), was nach einem Stunden¬ 
plan erfolgte. Eines läges hörten wir, daß sich Dr. Conti 411 an 
einem Pullover erhängt habe. Daraufhin wurden unsere Zellen 
wieder einmal auf gefährliche Gegenstände durchsucht. Im 
Angeklagtengebäude wurden die Tische von den Fenstern ent¬ 
fernt und die Stühle aus den Zellen genommen. 

Am 13. November 1945 gegen Nachmittag, der erste Schnee fiel, 
wurden die >Häuptlingssekretärinnen<, Frl. Blank von Ribben- 
trop, Frl. Kraftczik von Minister Frank, Frl. Brüninghoff von 
Dr. Ley, Frau Hingst, eine Krankenschwester und ich auf einen 
Lastwagen geladen, der sich in unbekannte Richtung in Bewe¬ 
gung setzte.|Uns war, wie üblich, nichts vom Ziel der Fahrt 
gesagt worden. Doch wir erfuhren es bald, da sich der amerika¬ 
nische Fahrer unterwegs bei einem auf der Straße stehenden Gl 
nach dem Weg zum Lager Hersbruck erkundigte. Als im glei¬ 
chen Moment Helene Kraftczik (ein >very lovely girl< - so die 
Amerikaner) über irgend etwas laut lachte, sagte der Gl von der 
Straße zu ihr hinauf: »You laugh today, but not tomorrow!« 
Diese bedrohlich klingende Prognose jagte mir Angst ein. 

Wie ich später erfuhr, waren in dem >Civilian Interment camp 
No 4 near Hersbruck< an die 3000 bis 4000 Männer interniert. 
Das Lager bestand aus Holzbaracken, in zwei davon waren 
auch einige hundert Frauen untergebracht. Diese zwei Barak- 






























Meine Internierung 


243 


ken waren nochmals extra mit einem hohen Stacheldrahtzaun 
umgeben und vom Männerlager getrennt. Es gab nur einen ganz 
kleinen Auslauf. Da das Gelände sumpfig war, konnte man nur 
auf schmalen Holzplanken gehen, die sich um die Baracken 
herumzogen. 

Die Baracke, in die ich eingewiesen wurde, war unterteilt in 
zwei Stuben und mit je 60 bis 80 Frauen belegt. Dreistöckige 
eiserne Bettgestelle, die anstelle von Matratzen Holzbretter 
ohne Strohsack hatten, standen dicht nebeneinander. Man 
hatte kaum so viel Platz, daß man sich zwischen den Betten 
bewegen konnte. 

Durch den ganzen Raum waren Wäscheleinen gespannt, auf 
denen die Wäsche zum TVocknen hing. Sehr oft erschienen 
Kommissionen zur Besichtigung. Dann mußten vorher die 
Wäscheleinen entfernt werden. Unter den Betten und auf den 
Dachverstrebungsbalken türmten sich Kartons, Koffer und 
Bündel. Es gab für die ganze Stube nur eine einzige blecherne 
Waschschüssel. Viele Frauen benutzten Blechbüchsen, um sich 
das Gesicht zu waschen. Erst im Februar 1946 wurde ein 
Duschraum eingerichtet. 

Für den großen Raum gab es auch nur einen Ofen, der im Winter 
immer dicht umlagert war und einen Tisch. Hocker waren nur 
wenige vorhanden, so daß wir das Essen auf den Bettgestellen 
sitzend einnehmen mußten. Der Ofen war heiß begehrt, weil 
man sich ein bißchen aufwärmen und die Scheibe feuchten 
Brotes etwas anrösten konnte. 

Das Clo befand sich in einem offenen Holzschuppen. In Brettern 
waren Löcher ausgespart, unter denen Kübel standen. Gestreut 
wurde mit Torf. Jeder, der vor dem Holzschuppen auf den 
Holzplanken vorbeiging, konnte jeden sitzen sehen. So geschah 
es am 19. März 1946, an meinem Geburtstag, als ich hier gerade 
>throne<, daß eine vorbeigehende Kameradin vor mir stehen 
bleibt, mir die Hand reicht und strahlend sagt: »Ach, Fräulein 

Schroeder, Sie haben ja heute Geburtstag, herzlichen Glück¬ 
wunsch!« 

Mit den Männern durfte am Zaun kein Wort gewechselt werden. 
Die bewaffneten Posten auf den Wachtürmen paßten scharf auf. 
Jedenfalls kam der, der erwischt wurde, in einen Steinbunker, 

















244 


Er war mein Chef 


an dessen Wänden das Wasser herunterfloß Selbst an Heilig¬ 
abend und Silvester wurden Frauen, die ihren Männern bzw. 
Vätern einen Gruß zuriefen, hier eingesperrt. Die Posten schos¬ 
sen, sobald sich die Internierten nach den von den Wachtürmen 
heruntergeworfenen Zigarettenkippen bückten. Dabei gab es 
verschiedentlich Tbte. 

Wer waren die internierten Frauen? In der Regel politisch Bela¬ 
stete, die nach Kriegsende unter den automatischen Arrest in 
der US-Zone gefallen sind. Und zwar waren dies alle weibli¬ 
chen Helferinnen, Angestellten und Angehörigen der SS, Waf¬ 
fen-SS und des SD, alle Parteifunktionärinnen von der Orts¬ 
gruppenfrauenschaftsführerin an aufwärts, KZ-Aufseherin- 
nen, BDM-Führerinnen, Sekretärinnen von Ministem, Gaulei¬ 
tern und von Hitler. Die jüngste, Gudrun Himmler, ein Kind mit 
2 Zöpfen und die Älteste war Frau Prof. Reininger aus dem 
Sudetengau, über 70 Jahre alt. 

Dreimal täglich fanden Appelle statt und ab Februar 1946 
wurden wir Frauen im Abstand von 2 Tägen zum Duschen ins 
Männerlager geführt, wo wir auch gleichzeitig unsere spärliche 
Leibwäsche unter Zuhilfenahme eines Stückes Kernseife 
waschen konnten. Oft mußten wir zwei Stunden lang in bitterer 
Kälte stehend warten, bis der Posten sich dazu bequemte, uns 
aus dem Frauenlager hinaus in das Männerlager zu führen. Das 
lange Warten in der nassen Kälte brachte mir einen erneuten 
Ischiasanfall, der mich wochenlang daran hinderte, am Appell 
teil zu nehmen._ 

Als mir dies zum ersten Mal wieder möglich war, man stand 
wegen des Morastes auf den Holzplanken vor der Baracke, 
tauchte ein bewaffneter Trupp Amerikaner mit aufgepflanztem 
Bajonett auf und schubste uns von den Holzplanken in den 
Morast. Sie stürmten die Baracken und wir mußten 2 l A Stunden 
in der bitteren Kälte stehen, ohne entsprechend angezogen zu 
sein. Weil ich zum ersten Mal nach dem Ischiasanfall wieder auf 
war, schickte mich die Stubenälteste in die Baracke zurück. Da 
sah es aus wie nach einem Bombenangriff. Die in den Verstre¬ 
bungen des Daches verstaut gewesenen Kartons, Koffer und 
Bündel waren herunter gezerrt, geöffnet und der Inhalt überall 
verstreut gewesen. Auf dem Tisch lag alles, was konfisziert 













Meine Internierung 


245 


wurde. Kleine Mengen an Kaffeebohnen, ich hatte z. B. 25 g aus 
dem Nürnberger Gefängnis mitgebracht oder winzige kleine 
Mengen Täbak, selbst die Ölsardinendose, die uns zu Weihnach¬ 
ten zugeteilt worden war. Dies alles wurde uns fortgenommen. 
Der Sergeant Fisett, von allen als Deutschenhasser bezeichnet, 
sah mich bei meinem Eintreten in die Baracke nicht nur böse an, 
sondern richtete unter Drohungen seine Pistole auf mich. 
Zutiefst erschrocken ging ich wieder ins Freie. Durch Frau 
Hingst, die als Krankenschwester im Krankenrevier arbeitete 
und mit den amerikanischen Ärzten zusammen kam, erfuhren 
wir, daß der Grund dieser Aktion die Suche nach einem 
Geheimsender war. 

In der ersten Zeit kostete es mich viel Selbstbeherrschung, nicht 
laut loszuheulen, wenn ich in der Früh den Elendszug der 
Männer im Nebel am Zaun entlang ziehen sah. Dumpf klapper¬ 
ten die schweren Holzschuhe. Auf den Schultern trugen sie an 
Stangen hängend die Kaffeekübel. Wahre Elendsgestalten 
waren es, unterernährt, verwahrlost und abgerissen. Irgendwo 
habe ich mal ein Bild vom Bauernaufstand zur Zeit Andreas 
Hofers gesehen; daran wurde ich erinnert. 

Nachts konnte ich oft nicht schlafen und lag wach. Die Luft war 
schlecht, und wenn ich meinte, es nicht mehr aushalten zu 
können, stand ich leise auf und ging nach draußen auf den 
Holzplanken auf und ab. Dies war die einzige Möglichkeit allein 
zu sein, den TVänen nicht zu wehren. Nirgends ist man allein, 
selbst auf dem Clo nicht. Ein halbes Jahr dämmerte ich so einem 
trüben Schicksal weiter entgegen. 

Am 10. Mai 1946 fand die Verlegung von 12 Frauen in einem mit 
einer Plane überdeckten Lastkraftwagen nach Ludwigsburg 
statt. Wir saßen dicht gedrängt auf zwei an den Längsseiten des 
LKW aufgestellten Holzbänken ohne Lehne. In der Mitte zwi¬ 
schen den Bänken saß ein junger amerikanischer Posten mit 
seinem Gewehr. Er vertrieb sich die Zeit damit, daß er uns 
immer wieder etwas erzählte. Er hatte wohl große Angst, daß 
eine von uns fliehen könnte, weshalb er die Bitten einiger älterer 
Frauen nicht beachtete, die von einem dringenden Bedürfnis 
gequält wurden. Und so passierte es denn, daß die Frauen ihre 
Röcke hochhoben, sich auf der Bank nach hinten schoben und es 




246 


Er war mein Chef 


plätschern ließen, draußen am LKW hinunter. Bei der Pause, die 
daraufhin etwas später doch eingelegt wurde, ließ er uns nicht 
aus den Augen und zählte immer wieder, ob wir noch alle da 
waren. 

In Ludwigsburg landeten wir in einer Kaserne im Block D, 
Zimmer 60. Hier in Ludwigsburg wurden Fingerabdrücke von 
uns genommen. Beim Fotografieren mußten wir ein Schild vor 
die Brust halten, auf dem die Nummer stand, unter der wir 
registriert waren. Auf den feldgrauen ausgedienten Uniformho¬ 
sen aus second hand hatten wir am Po ein P (Prisoner) aufge¬ 
druckt. Sehr oft wurden wir verlegt, obwohl mir der Zweck der 
Verlegung nie klarwurde. Sollte vermieden werden, daß sich 
irgendwelche Gruppen bildeten? Zunächst lagen wir auf Holz¬ 
pritschen ohne Stroh. 

Ich war mit Inge Sperr und Hildegard Fath, beides Sekretärin¬ 
nen von Rudolf Heß, Adele Streicher, die Frau des Nürnberger 
Gauleiters sowie Anni Starklauf und Christel Ludwig, beide in 
der Frauenschaft tätig gewesen, zusammen. Wir lernten eng¬ 
lisch, und buchbinderten, machten aus Konservendosen das 
sogenannte >Barackensilber<. Wir bastelten auch Puppen im Stil 
der Käte Kruse, die wir als Dank nach >draußen< schickten, 
wenn, was selten vorkam, uns einmal ein Päckchen erreichte (2 
bis 3 Walnüsse und 2 Kartoffeln). Die Frauen waren sehr ideen¬ 
reich, sie trennten Wolldecken auf und strickten daraus Pullo¬ 
ver. Aus Zuckersäcken nähten sie Kleider und aus Pferdedek- 
ken entstanden Schuhe. 

Als wir wieder einmal umziehen mußten, kamen wir in ein 
Zimmer wo Frau Himmler mit ihrer Tochter lag. Von den sechs 
doppelstöckigen Lagerstätten waren nur neun belegt. Wir säg¬ 
ten die übereinanderstehenden Gestelle auseinander und rich¬ 
teten sie als >Couch< her, darüber an der Wand befestigten wir 
ein Brett als Buchgestell. 

Ab Oktober 1946 kam das Lager Ludwigsburg unter deutsche 
Verwaltung. Das Essen wurde noch schlechter. Entweder es gab 
mittags Erbsbrei und abends Maisbrei oder umgekehrt. Immer 
nur in Wasser angerührt ohne jedes Gewürz und ohne 
Geschmack. Am 30. Oktober 1946 habe ich in meinen stenogra¬ 
phischen Aufzeichnungen vermerkt: »(Jestern abend gab es 





Meine Internierung 


247 


Brotsuppe. Einige Stunden später treten bei fast allen starke 
Vergiftungserscheinungen auf. Schreckliche Nacht!« 412 

Meine anfällige Gesundheit machte es notwendig, daß ich im 
November 1946 und auch in den nächsten Jahren des öfteren im 
City-Hospital (amerikanisches Reservelazarett Ludwigsburg) 
behandelt werden mußte. Als ich nach einer Blinddarmopera¬ 
tion aus der Narkose erwachte, erblickte ich über mir das 
gebräunte Gesicht von Max Wünsche, des ehemaligen Adjutan¬ 
ten von Hitler, der gerade aus englischer Gefangenschaft 
zurückgekehrt war. Hier traf ich auch mit Erich Kempka, 
Hitlers Cheffahrer, einige Male zusammen. Er lag hier als Opfer 
eines amerikanischen Autounfalls viele Monate. So hörte ich 
nun zum ersten Mal einiges über die letzten Ereignisse in Berlin 
und vom Tod Hitlers. 

Dann kam die Entnazifizierung. Hildegard Brüninghoff, die 
ehemalige Sekretärin von Dr. Ley, wandte sich nach ihrer 
Entlassung im Jahre 1946 an Headquarters Justice Prison APO 
696 A, US Army und erinnerte daran, daß noch immer einige 
Kameradinnen in Ludwigsburg festgehalten werden. Darauf 
erhielt sie am 18. Februar 1947 von den Head Quarters Justice 
Prison den schriftlichen Bescheid, »daß vom hiesigen Militärge¬ 
richtshof kein Interesse, u. a. an der Inhaftierung von Christa 
Schroeder besteht. Das Lager Ludwigsburg sei in diesem Sinne 
verständigt worden.« 

Inzwischen wurde mir am 13. Februar 1947 ein Haftbefehl der 
Spruchkammer des Internierungslagers 77 (datiert vom 
31. Januar 1947), die sogenannte »Einstweilige Verfügung« 
überreicht; Gruppe I oder II, d. h. ich mußte mit einer Einwei¬ 
sung in ein Arbeitslager rechnen. »Ich sei schon vor der Macht¬ 
übernahme Sekretärin Hitlers gewesen«, hieß es. 

Gerade zwei läge zuvor hatte ich dem öffentlichen Kläger 
einen ausführlichen Bericht über die Art meiner Tätigkeit abge¬ 
geben, weil ich allgemein auf die Ansicht stieß, daß man den 
Führersekretärinnen ziemliche Machtbefugnisse und Einblick 
in geheime Vorgänge zutraute, die sie in Wirklichkeit über¬ 
haupt nicht hatten. 

Sofort nach Erhalt des Haftbefehls suchte ich den öffentlichen 
Kläger im Lager auf und sagte ihm, daß die Begründung des 












248 


Er war mein Chef 


Haftbefehls nicht stimme, da ich noch nicht vor der Machtüber¬ 
nahme Sekretärin Hitlers gewesen sei. Meine Frage, ob er mei¬ 
nen Schriftsatz erhalten und gelesen habe, bejahte er. Warum er 
dann den Haftbefehl trotzdem habe ausstellen lassen? Das sei 
Sache des Spruchkammervorsitzenden W..., antwortete er. 
Vormittags am 14. Februar 1947 ging ich zusammen mit Chri¬ 
stel Hildebrandt (einer jungen BDM-Führerin) zu W... In 
einem kahlen Zimmer saß an einem Tisch, auf dem einige Akten 
und ein Hut lagen, der Vorsitzende der Spruchkammer Lud¬ 
wigsburg. Ein nervöses, schmächtiges Männchen, in einem viel 
zu weiten Anzug, der um seine Glieder schlotterte, darunter ein 
schlecht gewaschenes Hemd mit einer miserablen Krawatte. 
Zuerst trug Christel H. ihre Angelegenheit vor. Als sie ihm 
sagte, daß sie jetzt schon 20 Monate sitze, sagte er: »Das hätte 
ich gar nicht solange ausgehalten unter den Verhältnissen, da 
wäre ich schon gestorben.«_ 

Er lamentierte dann, »daß, wenn es nach ihm ginge, alle Frauen 
>rauskönnten<, er sei aber dienstverpflichtet und müsse eben die 
Haftbefehle unterschreiben«. Hier schaltete ich mich ein und 
sagte: »So, und das tun Sie? Deswegen sitzen ja jetzt so viele 
Menschen, weil sie auch nur dienstverpflichtet waren!« 

Er wollte sich meine Einmischung verbitten, fing an zu mur¬ 
meln, schaute mich schief an und hörte dann aber doch wieder 
auf. Statt dessen sagte er: »daß er nicht blutrünstig sei, wenn er 
auch 40 Haftbefehle unterschrieben habe. Das hätte er eben tun 
müssen.« Nun war meine Sache an der Reihe, und ich fragte, ob 
er meinen Schriftsatz gelesen habe, was er verneinte. Ich legte 
ihm eine Abschrift vor. Doch er schob sie beiseite und sagte, er 
würde sie sich von Herrn K... geben lassen. Als ich dann noch 
sagte, ich möchte, daß er sie aber auch wirklich lesen und den 
Haftbefehl dann entsprechend ändern würde, wurde er wütend. 
Er könne sich nur nach dem richten, was ihm der öffentliche 
Kläger vorlege. 

Daß der öffentliche Kläger die Verantwortung dem Vorsitzen¬ 
den der Spruchkammer zuschob und dieser behauptete, er 
unterschreibe nur, was der öffentliche Kläger ihm vorlegt, 
überzeugte mich, daß ich mich an niemanden wenden konnte. 
Die Tatsache, daß dieser Amtsgerichtsrat das gleiche tat, was im 






Meine Internierung 


249 


3. Reich geschehen war, daß nämlich Menschen z. T. Dinge aus¬ 
führten wider ihren eigenen Willen, wofür sie nun bestraft 
wurden, und daß nun wieder hier jemand sitzt, der Menschen 
verurteilt, empörte mich zutiefst und deshalb genierte ich mich 
nicht, ihm noch einmal zu sagen, daß ich nicht verstünde, wie er 
als deutscher Richter so etwas unterschreiben könne. 

»Ich verbitte mir Ihre Unverschämtheit, machen Sie, daß Sie 
rauskommen. Ich verbitte mir Ihre Kritik«, schnaubte der Rich¬ 
ter. Worauf ich entgegnete: »Ich kritisiere Sie nicht, sondern ich 
sage nur, daß ich die Verantwortung nicht tragen möchte. Ich 
bin auch nicht unverschämt, ich kämpfe nur um mein Recht.« 
Beim Abzeichnen unserer >trustees< packte ihn noch einmal die 
Wut, er sagte: »Wieso kommt hier überhaupt jeder rein?« Als wir 
erklärten, Herr K... habe uns zu ihm geschickt, beruhigte er 
sich wieder. Er unterschrieb die Passierzettel: »Hoffentlich 
genügt’s. Aber Sie sehen ja. Ich habe nicht mal einen Stempel.« 
Dann deutete er mit einer Geste auf das kahle Zimmer: »So sitze 
ich hier. Einen Tisch und einen Stuhl, ich der Vorsitzende der 
Spruchkammer.«_ 

Am 24. Oktober 1947 erhielt ich die Klageschrift, wonach ich als 
Hauptschuldige einzureihen sei und am 8. Dezember 1947 fand 
im Internierungslager 77 in Ludwigsburg die Spruchkammer¬ 
verhandlung statt. Dabei wurde ich in die Gruppe der Haupt¬ 
schuldigen eingestuft und zu 3 Jahren Arbeitslager verurteilt, 
das Vermögen bis auf einen Rest von 5000 Mark eingezogen und 
die automatischen Folgen des Art. 15 galten auf die Dauer von 
10 Jahren. 

Hierüber berichtete die Stuttgarter Zeitung, 3. Jahrgang, Nr. 98 
vom 10. Dezember 1947 folgendes: 

»Sekretärin H’s kann sich an nichts Verdächtiges erinnern! 
Einstufung in die Gruppe der Hauptschuldigen 
Laufbahn einer tüchtigen Stenotypistin. 

Eine Spruchkammer des Intemiertenlagers 77 in Ludwigsburg 
hat, unter dem Vorsitz von Amtsgerichtsrat Wanner, am 8.12. 
47 die jetzt 39 Jahre alte Christa Schroeder, eine Sekretärin in 
der Persönlichen Adjutantur Hitlers, entsprechend dem Antrag 
des Öffentlichen Klägers in die Gruppe der Hauptschuldigen 
eingestuft. Sie wurde ferner zu 3 Jahren Arbeitslager verurteilt. 






250 


Er war mein Chef 


wobei die seit dem 28. 5. 45 dauernde Intemierungshaft ange¬ 
rechnet wird. Ihr Vermögen wird bis auf einen Rest von 
RM5000eingezogen, die automatischen Folgen des Art. 15 
gelten auf die Dauer von 10 Jahren. 

Wer gekommen war ; um eine sensationelle Verhandlung zu 
erleben, war wohl etwas enttäuscht. Die Betroffene war 1930 
auf der Suche nach Arbeit nach München gekommen und hatte 
auf eine Chiffreanzeige und ihre außergewöhnlich guten Zeug¬ 
nisse hin eine Stellung als Stenotypistin in der Obersten SA- 
Führung bekommen. Zwangsläufig trat sie im gleichen Jahr in 
die Partei ein, der sie bis 1945 angehörte. Bei der NSFund NSV 
war sie vor 1933. Als sie in München wegen angeblichen 
Umgangs mit einem Juden Schwierigkeiten bekam, ließ sie sich 
nach Berlin versetzen , wo sie nach einigen Zwischenstationen 
bei Brückner ; dem Persönlichen Adjutanten Hitlers landete und 
dort Hitler selbst für Diktate von Reden und Artikeln zur 
Verfügung stand. 

Von den ganzen, der Gewaltherrschaft dienenden Methoden, 
Plänen, Vorbereitungen usw. hat sie angeblich nichts erfahren, 
da diese Dinge direkt mit den Adjutanten der einzelnen Wehr¬ 
machtsteile und Ministerien besprochen worden seien. Nach 
dem berühmten Führerbefehl Nr. 1 wurde auch in der engsten 
Umgebung Hitlers strengstes Stillschweigen gewahrt , mit oder 
in Gegenwart von weiblichen Angestellten durfte überhaupt 
nicht über politische und militärische Dinge gesprochen wer¬ 
den. Dies bestätigten der Angeklagten denn auch zahlreiche 
schriftliche Entlastungszeugnisse aus diesem ehemaligen Kreis. 
Erschienen alle diese Dinge ein wenig zu harmlos und zu 
gemacht, so wirkten die auf die rein menschliche Hilfsbereit¬ 
schaft - gelegentlich auch in politischen Angelegenheiten sich 
beziehenden Zeugnisse fernstehender , nicht belasteter Perso¬ 
nen schon überzeugender. Daß die Angeklagte Trägerin des 
Goldenen Ehrenzeichens gewesen war, hatte automatisch zur 
Klage auf Gruppe 1 geführt. Das Abzeichen ist jedoch angeblich 
von Hitler an seine Chauffeure , Piloten, Sekretärinnen usw. als 
Anerkennung für gute Leistungen verteilt worden. 

Es war verständlich, daß der Öffentl. Kläger die Einstufung in 
Gruppe 1 beantragen mußte, obwohl eine persönliche Belastung 










Meine Internierung 


251 


fehlte. {Überraschend war jedoch für alle Anwesenden und wohl 
auch für ihn selbst, daß die Kammer sich in diesem Antrag 
vollinhaltlich anschloß.« 

Soweit die Stuttgarter Zeitung zu meiner Verhandlung. Auf 
einen ganz wichtigen Entlastungszeugen, einen SS-Führer aus 
dem Begleitkommando, der sich ganz in der Nähe in einem 
anderen Ludwigsburger Lager befand, hatte man nicht geladen. 
Als ich in der Verhandlung sein Fehlen monierte, sagte man mir: 
»Er sei geladen.« Wie ich später erfuhr, saß mein Zeuge in 
seinem Lager auf Abruf. Dabei wäre seine Aussage so wichtig 
für mich gewesen. Der öffentliche Kläger behauptete nämlich, 
daß, wenn ich schon nicht bei den Besprechungen selbst anwe¬ 
send gewesen wäre, ich dann aber nachher mit den Herren des 
Stabes zusammengekommen sein müßte, »denn da in Gegen¬ 
wart Hitlers nicht geraucht und nicht widersprochen werden 
durfte, sind die Besprechungsteilnehmer ja anschließend in den 
Vorraum hinausgegangen und da waren Sie dabei!« Punktum! 
Da hätte ich meinen Zeugen so dringend gebraucht, der auf Eid 
hätte aussagen können, daß dies niemals der Fall gewesen war. 
Merkwürdigerweise war ich ganz ruhig, ich mußte hinterher 
sogar meine als Entlastungszeugin erschienene Freundin trö¬ 
sten. Ich wurde aber weiter im Internierungslager festgehalten. 
Am 20. April 1948 ging mir eine Anordnung des Ministeriums 
für politische Befreiung Württemberg-Baden zu, wonach der 

Spruch vom 8. Dezember 1947 aufgehoben wurde mit der 
Begründung, »daß die Einstufung der Betroffenen als Haupt¬ 
schuldige auf einem Rechtsirrtum beruhe. Die Kammer wird 
daher den Sachverhalt erneut zu prüfen haben.« 

Bei der 2. Spruchkamamerverhandlung am 7. Mai 1948 wurde 
nach Prüfung meiner ausgeübten Tätigkeit und der Entla¬ 
stungszeugnisse festgestellt, »daß die Betroffene keinesfalls der 
Gruppe I zugehörig ist... daß sie von Anfang bis zum Ende als 
Stenotypistin mit ganz mechanischen Arbeiten beschäftigt war, 
ohne daß sie auch eine irgendwie geartete selbstständige 
Anordnungsbefugnis gehabt hatte und auch nur den geringsten 
Einfluß auf den Ablauf der Geschehnisse hätte ausüben können. 
Ihre gute Bezahlung erfolgte nur deshalb, weil sie als Stenotypi¬ 
stin eine ganz hervorragende Kraft und äußerst leistungsfähig 















252 


Er war mein Chef 


war... Was die Sühnemaßnahmen anbelangt, so war zu berück¬ 
sichtigen, daß sie vollkommen ausgebombt und vermögenslos 
ist und schon lange Zeit in Haft ist und somit nach dem 2. Ände¬ 
rungsgesetz genügend Sühne geleistet hat...« 

Am 12. Mai 1948 wurde ich nach einer dreijährigen Haft aus 
dem Internierungslager Ludwigsburg in die Freiheit entlassen. 
Ob meine Schuld so groß wie meine Sühne war, weiß ich heute 
noch nicht... 



Anlagen 


Anlage 1: 

Anlage 2: 
Anlage 3: 

Anlage 4: 

Anlage 5: 
Anlage 6: 
Anlage 7: 
Anlage 7a: 

Anlage 8: 
Anlage 9: 

Anlage 10: 

Anlage 11: 

Anlage 12 : 


Beispiel einer Stenogrammseite aus den Stolze/Schrey- 
Aufzeichnungen von Christa Schroeder aus den Jahren 
1945-1948. 

Zusammenstellung von C. Schroeders Gemälden vom 
Berghof. 

Auszug aus den deutschen Monatsheften< (Klüter-Blätter) 
vom Dezember 1981 überein Gespräch zwischen Heinrich 
Heim und Julius Schaub von 1951. 

Auszug aus einen Brief von Gerda Daranowski vom 
19. März 1975 an Christa Schroeder. 

Erklärung von Traudl Junge. 

Erklärung von Otto Günsche vom 26. 3. 1982. 

Erklärung von Johanna Wolf vom 5. 3. 1980. 

Bemerkung Christa Schroeders zu Dr. Pickers Buch¬ 
widmung. 

Anmerkung zu Büchern von David Irving. 

Meine Aufschreibungen für den Psychiater Dr. Douglas M. 
Keliey im Gefängnis in Nürnberg. 

Mein Kommentar zum Buch von Heinz Linge »Bis zum 
Untergang« 

Anmerkungen zum Buch von Nicolaus v. Below >Als Hitlers 
Adjutant 1937-1945« 

Anmerkungen zum Buch von Henriette v. Schirach »Anek¬ 
doten um Hitler« 





254 


Er war mein Chef 


Anlage 1 

Stenogrammseite aus den Stenoaufschreibungen von Frau Schroeder 
aus den Jahren 1945-1948. 


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Anlagen 


255 


Anlage 2 

TREUHANDVERWALTUNG VON KULTUROUT 

MÜNCHEN 1 ARCLVSrntAVSr. I« 


München. 4 m 13-April 1953 


Betr .: beschlagnahmeßu t von Fräulein Christa Schröder 


Uber den Verbleib der von Fräulein Schröder ge¬ 
suchten Bilder können folgende Angaben gemacht werden: 

Die insgfsamt 15 Bilder kamen am 31.VIII.1945 von der 
Reichsbanknebenstelle Heidelberg in den Central Collecting 
Point Wiesbaden. 


12 der Gemälde wurden am 4.VI1.1951 an die IhSO (Jewish 
Restitution Successor Organizatlon) Nürnberg, Ju 3 tizpalast, 
FUrtherstr.112, abgegeben. Ls handelt sich im einzelnen um 


folgende: 


Wie.No. 1771 Rudolf Alt: "Renaissancehof H 37,6 x 51,5,Aquar. 

Wie.No. 1772 Rudolf Alt: "Innenhof", 17,8 x 14,4 cm, Aquar. 

Wie.No. 1773 Boucher zugeschr.:"Der kleine Hirte"26,8x31,2,Zeic 
Wie.No. 1774 Meister E.L.G.:"Drei Mädchen im Park"21x27,Ü1/Lwd. 
Wie.No. 1775 Franke: "Im Atelier", 21 x 26,9 cm, Ol/Holz 

Wie.No. 1777 Hans Thoma: "Zwei sitzende Mädchen"15,5 x 20,5 

Tuschzeichnung 

Wie.No. 1778 H.Kauffmann:"Interieur",17,2 x 12,7 cm,Öl/Holz 
Wie.No. 1779 Lier: "Bauernhaus", 20,5 x 1 6 »9 cm, Öl/Holz 
Wie.No. 1780 Btirkel: "Rast vor der Schenke"50,2 x 34,3 ölA"d. 
Wie.No. 1781 Defregger:"Die Rast" 50,4 x 37,8 ül/Lwd. 

Wie.No. 1783 Böckliefll zugeschr.:"Bauern m.Pferd" 15,4 x 11,6 

Bleistiftzeichnung 

Wie.No. 1827 Kriechenfried: "Im Studierzimmer" 43,9 x 32,8 cm 

Ül/Holz 


Auf Grund einer Aktennotiz in den hiesigen Unterlagen 
kann festgestellt werden, dass das Aquarell von Kriehuber 
"Damenportrait" 20,9 x 26,1 (Wie.No. 1776) im Januar 1947 
im Central Collecting Point Wiesbaden abhanden kam. Ebenfalls 
zu Verlust geraten ist ein Aquarell von Rud.Alt "Karl Borro- 
maus Kirche" 56,5 x 35,4 (Wie.No. 1770). 


- 2 - 


Das Gemälde von Feuerbach "Nanna" 71,5 x 98,2 cm, Öl/Lwd. 
(Wie.No. 1784 wurde 1951 durch den Central Collecting Point 
Wiesbaden nach München gebracht und befindet sich jetzt unter 
der Münchner Nummer 50057 bei der Treuhandverwaltung von 
Kulturgut München. 







256 


Er war mein Chef 


Anlage 3 

Auszug aus >Klüter-Blättem<, Monatshefte für Kultur und Zeitge¬ 
schichte, 32. Jahrgang, Dezember 1981, Heft 12, Seite 29: 

»Dr. Pickers Aufzeichnungen habe ich erst aus dem Bonner Buch 
kennengelemt. Nach meiner Rückkehr in das FHQ Anfang August 
1942 war mir lediglich von einer Sekretärin des Reichsleiters angedeu¬ 
tet worden, Picker sei gleich mir tätig gewesen; daß er sich der 
Berichtsform bedient hatte und wie er zuwege gegangen war, hat mir 
niemand gesagt. 

Weshalb Adolf Hitler vom Ende der ersten Septemberwoche 1942 an 
seine Mahlzeiten bei sich einnahm und weshalb auch zum >Thee< keine 
Einladung mehr erging, blieb mir dunkel. 

Ich darf diese Feststellung mit einem Blick auf das Frühjahr 1951 
beschließen. Auf der Straße begegnete mir der ehemalige Chef der 
Persönlichen Adjutantur des Führers, Julius Schaub, als eine Wochen¬ 
schrift eben die Vorankündigung einer Auszugsveröffentlichung aus 
dem im Erscheinen begriffenen Bonner Buches gebracht hatte. Auf 
meine Frage versicherte mir Schaub, Hitler habe keine Ahnung davon 
gehabt, daß ich Aufzeichnungen machte. Ich hatte diese Frage an 
Schaub gerichtet, weil ich die Vorstellung nicht losgeworden war, es 
werde Hitler vielleicht zur Kenntnis gekommen sein und es könnte das 
seinen Entschluß, sich zurückzuziehen, bestimmt oder doch mitbe¬ 
stimmt haben.« 

[gemeint ist damit, daß Hitler nach den Auseinandersetzungen mit den 
Militärs ab September 1942 seine Mahlzeiten allein einnahm.] 

Heim 

(Am 14.9. 1953 in München für das Archiv der BBC-London (zu 
Händen von Ewald Junge >Greystanes< Marsh Lane, London NW 7) von 
mir auf Band gesprochen.) 



Anlagen 


257 


Anlage 4 

Auszug aus einem Brief von Gerda Christian vom 19. März 1975 an 
Christa Schroeder: 

»... Ich habe diesmal keine Ausgaben für Dich, sondern eine Fotokopie 
der Genoud-Unterlagen, die Du ja immer haben wolltest. Leider fehlt 
mir die Zeit, sie abzuschreiben bzw. zu fotokopieren, aber das ist nicht 
wichtig, denn ich halte die Akte nicht für autentisch Es könnte eine 
Zusammenfassung von Gedankengängen im Laufe der letzten Monate 
sein, aber niemals in den letzten Thgen. Außerdem wird der Chef kaum 
M. B. [Martin Bormann] zu sich geholt haben, um ihm dies zu »diktie¬ 
ren«. Du weißt, wie er es haßte, seine Gedankengänge zu Papier zu 
bringen, d. h. er lehnte es strikt ab. Ich erinnere mich eines Nachts in 
der Wolfsschanze, als Du nach seinen hochinteressanten Ausführun¬ 
gen zu ihm sagtest, etwa, »das hätte ich gem mitstenografiert« und er 
erwiderte, »nein, dann spreche ich nicht mehr so frei« usw. usw., 
erinnerst Du Dich?...« 



258 


Er war mein Chef 


Anlage 5 


GERTRAUD JUNGE 


Je ernster die Kriegslage an den Fronten 
wurde, desto lieber beschäftigte sich der Füh¬ 
rer bei den abendlichen Unterhaltungen im klei¬ 
nen Kreis mit seinen Zukunftsplänen nach dem 
Krieg. Er sprach von der Gemäldegalerie und der 
Umgestaltung der Stadt Linz, wo er seinen Al¬ 
terssitz geplant hatte und erwähnte in diesem 
Zusammenhang immer wieder, daß er sich dann 
nur noch mit Zivilisten, Künstlern und Gelehrten 
und nie mehr mit "Uniformen" umgeben werde, daß 
er dann endlich dazu komme seine Memoiren zu 
diktieren. Seine beiden langjährigen Sekretärin¬ 
nen Wolf und Schröder würden ihm dabei helfen, 
die Jüngeren würden ja sicher heiraten und ihn 
verlassen. Da er selbst dann auch älter und lang¬ 
samer sei, würden die Damen sein Tempo schon noch 
mithalten können. 




Anlagen 


259 


Anlage 6 


OTTO GUNSCHE 


den 26.3.1982 


Eidesstattliche Erklärung 


Ich versichere hiermit an Eidesstatt, dass während meiner 
Dienstzeit als persönlicher Adjutant Adolf Hitlers in den 
Jahren 1943, 1944 bis April 1945 niemals mein Gepäck oder 
mein persönliches Eigentum beim Betreten oder Verlassen 
des FHQ's einer Kontrolle unterzogen worden Ist. Dies 
trifft auch zu für alle anderen Angehörigen des FHQ's. 
Einen Befehl, Gepäckstücke der Angehörigen des FHQ's 
beim Betreten oder Verlassen des Hauptquartiers, auch der 
Sperrkreise I und II (Führerbunker und Unterkünfte des 
persönlichen Stabes Adolf Hitlers) zu überprüfen, hat es 
nicht gegeben. 

Nach dem Attentat am 20.7.1944 wurden lediglich fremde 
Besucher beim Betreten des sogen. Sperrkreises I (Führer¬ 
bunker) von Beamten des RSD (Reichssicherheitsdienst) 
aufgefordert, Ihre Pistolen abzulegen. Ausserdem wurde 
deren Handgepäck (Akten- und Kartentaschen) überprüft. 



( Günsche ) 





260 


Er war mein Chef 


Anlage 7 

Auf Seite 491 seines Buches >Hitlers Tischgespräche im Führerhaupt- 
quartier< schreibt Picker zu Adolf Hitlers Geheimrede vor dem Militä¬ 
rischen Führemachwuchs< vom 30. Mai 1942 folgende Anmerkung: 
»Vor dem Offiziersnachwuchs der gesamten deutschen Wehrmacht - 
10000 Leutnants - hielt Adolf Hitler im Sportpalast Berlins heute 
folgende Rede, die nicht veröffentlicht wird. Ich erhielt sie von Jo¬ 
hanna Wolf, Hitlers dienstältester Sekretärin, die er von seinem 
Freund Dietrich Eckart übernommen hatte und zärtlich >Wölfin< 
nannte. Sie war eine unaufdringlich elegante, mittelgroße, blauäugige 
Blondine, die ganz in ihrer Arbeit aufging, absolut treu und verschwie¬ 
gen war und von uns als Kamerad ausnahmslos hochgeschätzt wurde. 
Wie sie mir sagte, hat Hitler die Rede ohne Notizen in einem Stück 
diktiert. Sie spiegelt somit seine persönlichste Überzeugung.« 

Dazu hat Frau Johanna Wolf 1980 folgende schriftliche Erklärung 
abgegeben: 

»Ich habe Dr. Picker niemals eine Rede übergeben.« 

5. III. 1980 Johanna Wolf. 


Adolf Hitlers Geheimrede 
vor dem »Militärischen Führernachwuchs« 
vom 30. Mai 1942 

»War der Zweite Weltkrieg für Deutschland vermeidbar?« 


i 


Vor dem Offiziermchwiuhs der gesamten deutschen Wehrmacht - 10 1><»0 Leutnants - 
hielt Adolj Hitler im Sfkvtpahsi Berlins heute folgende Rede, die nicht veröffentlicht 
wird. Ick erhielt sie von Johanna Wolf, flitlers diensßltestefSebrtänn, He er von 
seinem freunde Dietrich Eckart übernommen hatte und zärtlich »Wölfin* nannte. Sie 
war eine unaufdringlich elegante, mittclgr'Jle, blauäugige Bbmtine, die ganz in ihrer 
Arbeit aufging, absolut treu und verschwiegen war und von uns ab Kamerad ausnahms¬ 
los luvhgexhätzt wurde. Wie W 7 mr iägff, täTHUler die Rede ohne Notizen in einem 
Stuck abdiktiert. Sie spiegelt somit seine persönlichste Überzeugung. 

l Wl V * ii 1 t tiOV'Lt ‘ i’fu'tfc'jjw ft». 

»Meine jungen Kameraden! 

Ein zutiefa eminr San eine* großen MilitarphJosephen 4 ** betagt, daß der KampC 









Anlagen 


261 


Anlage 7a* 


Sine ira et studio! 

Unserer lieben Christa Schroeder, der charmanten, immer hilfsberei¬ 
ten, geistreichen und verläßlichen Kameradin der FHQ-Zeit, in alter 
Verbundenheit, Freundschaft und Verehrung. 

Starnberg, 8. 5. 1976 


gez.: Dr. Henry Picker 


Ich hatte mit Dr. P. während seiner kurzen Anwesenheit im FHQ 
arbeitsmäßig keine Verbindung, so daß ich mich fragen muß, warum er 
mir die obigen Eigenschaften andichtet. 


Hi den Tischgcsprlcbc 
im Führerhau ptquarticr 


«£****' 4 

4-s , ***’•*+' *•!¥*. 

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—C* , • ** a ' UvM "‘ 

Hin ~ 



* 

■. - •s.i.,2 >i?ä 


• Diese Anlage (Dr. Pickers Widmung) wurde vom Herausgeber eingefügt. 



262 


Er war mein Chef 


Anlage 8 

Anmerkungen zu David Irvings Büchern 

Selbst der als >seriös< und >integer< annoncierte David Irving ist nicht 
gefeit gegen |-1 Ungenauig¬ 

keiten oder wie immer man es nennen mag. So bezeichnet er mich in der 
deutschen Ausgabe >Hitlers Weg zum Krieg< als »besonnen und scharf- 
züngig<. Ich bin weiß Gott nicht immer besonnen, sondern eher impul¬ 
siv. Und als >scharfzüngig< möchte ich mich nicht bezeichnen. Kritisch, 
ja das gebe ich ohne weiteres zu, um der Wahrheit möglichst nahezu¬ 
kommen. Und so ärgert es mich, wenn nun auch David Irving vieles so 
leichtfertig verdreht wiedergibt. So schildert er z. B. auf S. 209, wie ich 
Hitler im Frühsommer 1938 beim Mittagessen in der Osteria unterhal¬ 
ten habe, auf folgende Weise: 

»Einmal, in jenem spannungsgeladenen Sommer, versuchte sie ihm mit 
der ortsüblichen Variante der Geschichte von den zwei Möglichkeiten 
aufzuheitern: »Man sagt, es gibt zwei Möglichkeiten, entweder es gibt 
Krieg, oder es gibt keinem, begann sie und haspelte dann weiter über 
abgedroschene Wendungen bis zu den Worten: »Und wenn Sie nur 
verwundet werden, mein Führer, dann ist es nicht so schlimm. Doch 
wenn Sie getötet werden, dann gibt es abermals zwei Möglichkeiten. 
Entweder Sie erhalten ein Einzelgrab, oder Sie werden in ein Massen¬ 
grab geworfen. Wenn Sie ein Einzelgrab erhalten, dann ist es gut, mein 
Führer, doch .. .< An dieser Stelle unterbrach sie Bormann, indes Hitler 
schallend lachte« usw. 

In dieser Form, also auf den Führer bezogen, habe ich die Geschichte 
nicht erzählt, sondern ganz unpersönlich: »... Wird man verwundet, ist 
es gut, wird man getötet, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man 
kommt ins Einzelgrab, oder man kommt ins Massengrab« usw. 

Der Grund für Hitlers unbändige Heiterkeit über dieses, eher banale 
Wortspiel, ist David Irving verborgen geblieben, nämlich, daß das Volk 
über einen evtl. Krieg offensichtlich gar nicht so sehr überrascht sein 
wird! 

Ebenso bleibt Irving nicht genau, was meine Erzählung in Bezug auf 
Frau Quandt (später Goebbels) betraf. Er wußte durch mich von dem Ge¬ 
spräch, das Hitler 1931 mit Dr. Otto Wagener über Frau Quandt amThge 
des Kennenlemens im Kaiserhof zu Berlin geführt hatte. Und zwar hatte 
Hitler damals sinngemäß gesagt (und so gab ich es an Irving weiter): 
»Von den Gefühlen, die er mit Geli beerdigt zu haben glaubte, war er in 
dem Moment, als er Frau Quandt kennenlemte, überrascht, aber mit 
großer Gewalt aufs neue umfangen worden: »Diese Frau könnte in 
meinem Leben eine große Rolle spielen, auch ohne daß ich mit ihr 
verheiratet wäre. Sie könnte mir eine zweite Geli sein. Schade, daß sie 
nicht verheiratet ist.<« (»Hitler aus nächster Nähe<, S. 377 ff., 392 ff ). 




Anlagen 


263 


Dr. Wagener unterrichtete kurze Zeit später Frau Quandt von Hitlers 
Gefühlen für sie, und das hat sie zweifelsohne bei ihrer Überlegung, 
Goebbels zu heiraten, indirekt beeinflußt. 

Daraus machte Irving: »Im privaten Kreis stellte er (Hitler) Vergleiche 
zwischen der hübschen, eben geschiedenen Magda Quandt und seiner 
Nichte Geli an. Goebbels ließ sich von ihm zur Heirat überreden.« 
(Glatte Erfindung!). Und zu allem Überfluß machte Irving Hitler 
dann noch zum Vater ihres Sohnes Helmuth. Wie er mir sagte, hat er 
diese >Weisheit< von Frau Meissner. Obwohl ich dies als Blödsinn und 
Erfindung von Frau Meissner widerlegte, hat er diesen Quatsch ge¬ 
bracht. 

Und dann auch wieder noch so was leichtfertig Dahergeredetes: »Hit¬ 
ler führte auf dem Berghof das müßiggängerische Leben eines Land¬ 
junkers. Er stand zumeist gegen 10 Uhr auf, las die Zeitung und nahm 
mit Marin Bormann oder einem der Ärzte das Frühstück ein ...« usw. 
(s. S. 208). 

Abgesehen davon, daß ich in den 12 Jahren niemals gesehen oder 
gehört habe, daß Hitler mit irgend jemand zusammen gefrühstückt 
hätte, verstehe ich unter einem >Landjunker< einen Großgrundbesitzer 
(wie etwa den jungen Bismarck), der schon sehr früh auf den Beinen ist, 
sich um den ganzen landwirtschaftlichen - und sonstigen Betrieb 
persönlich kümmert, der gern reitet, angelt, auf die Jagd geht und 
körperlich immer auf Trab ist, auch Gelagen mit Freunden nicht 
abgeneigt ist. Ich fürchte, ein Landjunker kann auch kein müßiggänge¬ 
risches Leben führen. 

Also muß ich sagen, auch David Irving hat mich enttäuscht. Wahr¬ 
scheinlich bin ich zu pingelig. Aber warum sagt er z. B. »Albert Bor¬ 
mann war ein stiller Bayer!« Warum sagt er nicht einfach: Er war ein 
stiller Mensch! (Bormanns waren nämlich gebürtig aus Thüringen!) 
Und das Charlottenburger Opernhaus unterstellt er nachträglich 
Goebbels, statt es Göring zu lassen. Und solcherlei Fehler fand ich 
leider en masse. 

Nun zu David Irvings Buch: >Wie krank war Hitler wirklich?< (1980). 
Auf der Seite 10 ist Morells »... erste Begegnung mit Hitler im Win¬ 
ter...«, auf Seitei?, »...In Hoffmanns Haus in Münchens Stadtteil 
Bogenhausen traf Hitler zum ersten Mal Morell. Das war im Mai 
1936.« 

Seite 19: »Sie [Morells] waren auf den Obersalzberg eingeladen wor¬ 
den, wo sie die Festtage im Haus des Klavierfabrikanten Bechstein 
verbrachten und täglich zu Hitlers Berghof hinaufstiegen.« 

Diese Formulierung erweckt einen falschen Eindruck. Ursprünglich 
hatte das Haus Bechsteins gehört, aber Hitler hatte es ihnen abgekauft, 
er benutzte es als Gästehaus für besonders prominente Gäste (z. B. 
Mussolini). Es behielt den Namen >Bechstein-Haus<. 

Seite 25: »Schaub und Linge, die beide ziemlich vertraut mit Hitler 



264 


Er war mein Chef 


waren, haben ausgesagt, daß Hitler bis 1931 sogar ein starker >Fleisch- 
fressen gewesen sei.« 

Linge konnte sich dabei nur auf Erzählungen berufen, er kam erst 1936 
als Diener zu Hitler. 

Seite 26: »Etwa ein Jahr bevor er mit Morell zusammentraf, hatte er die 
Bekanntschaft mit einem Mädchen gemacht, das seine hingebungs¬ 
volle Begleiterin werden und bleiben sollte.« 

Hitler kannte Eva Braun seit 1930, Morell (s. oben) erst seit 1936. Er 
kannte also Eva Braun schon 6 Jahre vor seiner Bekanntschaft mit 
Morell! 

Seite 27: »Da war z. B. Viktoria von Dirksen, eine ehrgeizige, >hundert- 
fünfzigprozentige< Nationalsozialistin, die es schaffte, dem Führer 
einmal eine einundzwanzigjährige bildhübsche Verwandte nackt in 
sein Bett in der Reichskanzlei zu praktizieren. Dort fand Hitler sie; er 
hat die junge Dame nur höflich gebeten, sich anzuziehen und den Raum 
zu verlassen.« 

Dieses Märchen hat Irving schon mal vor Jahren publiziert, und zwar 
mit Namensnennung (Sigrid Baroneß von Laffert, sie heiratete später 
den Grafen Welczeck). Von Reinhard Spitzy (alter Freund von Gräfin 
Welczeck) wurde Irving aufgefordert, sich bei der Dame zu entschuldi¬ 
gen, eher wäre sie nicht bereit, ihn zu einem Gespräch zu empfangen. 
Seite 35: »Auch auf dem viel niedriger gelegenen Berghof [im Gegen¬ 
satz zum Kehlsteinhaus] hielt er [Hitler] sich aus demselben Grund gar 
nicht so gern auf.« [Herz! ] 

Ich habe immer nur das Gegenteil gehört, nirgends war Hitler glückli¬ 
cher als auf dem Berghof. 

Seite 51: ».. .Julius Schaub war bei einem Luftangriff auf München 
verwundet worden und nicht mehr da.« 

Ich habe nie von einer derartigen Verwundung Schaubs gehört! 

Seite 55: »Die neblige Höhe, auf der der Berghof sich befand, bekam 
ihm [Morell] nicht.« 

Normalerweise befand sich der Berghof nicht in nebliger Höhe. Der 
Obersalzberg wurde 1944 bei Luftwamung künstlich vernebelt! 

Seite 99/100: [Untersuchung durch Dr. Giesing]: »Vielleicht war es die 
genaueste Untersuchung, die Hitler je erlebt hatte - bis auf seine 
Autopsie in Moskau.« 

Dagegen steht auf Seite 133: »Schließlich - was die Identität seiner 
Leiche angeht: Die Röntgenaufnahmen von Hitlers Schädel, die die 
Amerikaner erbeutet haben, passen exakt zu der Zahnprothese, die die 
Russen aus der verkohlten Leiche Hitlers herausgeholt und nach Mos¬ 
kau geschafft haben.« 

Auch Kathi Heusermann - die ehemalige Assistentin von Zahnarzt 
Prof. Blaschke hat mir erzählt, daß in dem gleichen Flugzeug, mit dem 
sie nach Moskau verschleppt wurde, in einem Zigarrenkistchen die 
Zahnprothese Hitlers mitflog. 



Anlagen 


265 


Seite 108: »...während er selbst [Hitler] im Bett lag, eingehüllt in 
sein billiges Wehrmachts-Nachthemd...« 

Als ob es Wehrmachts-Nachthemden gegeben hatte, d. h. die Solda¬ 
ten ziehen abends ihre Uniform aus und Nachthemden an! Hitler 
trug seine eigenen weißen mit roter oder blauer Borte besetzten 
Privat-Nachthemden. 

Seite 111: »Sie [Anni Rehborn] war Hitler in den späten zwanziger 
Jahren begegnet und hatte seine Aufmerksamkeit auf sich ge¬ 
zogen ...« 

»... Am 15. August 1933 gab es im oberbayrischen Reit im Winkl, wo 
Brandt gerade seine Ferien verbrachte, einen bösen Autounfall. 
Unter den Verletzten war auch Wilhelm Brückner, Hitlers Adjutant. 
Brandt war hinzugerufen worden...« 

In Wirklichkeit: Hitler kannte Anni Rehborn schon seit 1924/25. Die 
Bekanntschaft war dadurch entstanden, daß Emil Maurice, der mit 
Hitler zusammen in Landsberg einsaß, Anni Rchborn, deren Bild auf 
der Berliner Illustrierten erschienen war, zur Weltmeisterschaft im 
Schwimmen gratuliert hatte. Es entstand ein Briefwechsel. Maurice 
stellte Anni Rehbom Hitler persönlich vor. Hitler schenkte ihr zu 
Weihnachten sein zweibändiges Werk >Mein Kampf< in rotem Leder 
gebunden mit einer Widmung: >In aufrichtiger Bewunderung< und 
lud sie, falls sie in der Nähe wäre, ein, ihn zu besuchen. Ende Juli 
1933 machte sie mit ihrem Verlobten Dr. Karl Brandt in ihrem roten 
Dixi eine Deutschlandfahrt. Aufgrund ihres Telefongesprächs wurde 
sie mit ihrem Verlobten zu Hitler ins Haus Wachenfeld eingeladen, 
wo sie ein paar Thge bleiben wollten. Hitler machte in jener Zeit 
noch Autoausflüge mit seinen Gästen. Bei einem dieser Ausflüge 
erlitt Brückner einen schweren Autounfall. Die Anwesenheit Dr. 
Brandts, der bei dem berühmten Prof. Magnus - einem Spezialisten 
für Grubenunglücke - am Krankenhaus Bergmannsheil in Bochum 
tätig war, erwies sich als ein großes Glück. Er versorgte die Verlet¬ 
zen (Brückner und dessen Freundin), operierte persönlich den 
schwerverletzten Brückner und blieb 8 Wochen im TVaunsteiner 
Krankenhaus bei ihm. 

Dies wirkte sich auf Brandts Leben schicksalhaft aus. Hitler, der 
bisher immer ohne Arzt durch die Lande gefahren war - erkannte 
nun, wie wichtig die Anwesenheit eines Chirurgen war und fragte 
Dr. Brandt, ob er bereit sei, die Stelle eines Begleitarztes bei ihm 
anzunehmen. Brandt erkärte sich bereit, ohne zu ahnen, welch 
schwerem Schicksal er dadurch ausgeliefert wurde. 

Seite 117: »...Ein, zwei Minuten lang dachte Himmler nach, dann 
reichte er eine Schachtel Zigaretten herum, steckte sich selber eine 
an und erklärte...« 

Gudrun, die Tbchter Himmlers, war sehr erstaunt, solches zu hören. 
Ihr Vater habe nie Zigaretten geraucht! 



266 


Er war mein Chef 


Seite 131: »Morell floh aus Berlin, und er nahm dabei alle Frauen aus 
der Reichskanzlei mit, die ebenfalls fortwollten.« 

Wen??? Morell tauchte allein im Berghof auf; er war völlig verstört und 
hätte sich in seinem Zustand keineswegs um >andere Frauen< kümmern 
können! 



Anlagen 


267 


Anlage 9 

Meine Aufschreibungen für den Psychiater Dr. Douglas M. Kelley im 
Gefängnis Nürnberg 

Der Psychiater Dr. Douglas M. Kelley verlangte am 27.9. 1945 von 
uns >Häuptslingssekretärinnen< im Gefängnis von Nürnberg eine 
schriftliche Arbeit über unsere ehemaligen Chefs. Wir versuchten uns 
vor der Arbeit zu drücken, wurden aber immer wieder von den weibli¬ 
chen Offizieren an die Ablieferung gemahnt. Es wurde uns zugesi¬ 
chert, daß die Arbeiten von Dr. Kelley ausschließlich und rein persön¬ 
lich für seine Arbeit als Psychiater benötigt würden und sie keines¬ 
wegs zur Veröffentlichung bestimmt seien. So machte ich mich also an 
die Arbeit. 

Als ich nach einigen Jahren in die Freiheit zurückkehrte, machte mich 
eine Bekannte auf das Buch von Dr. Kelley: »22 Männer um Hitler«, 
Erinnerungen des amerikanischen Armeearztes und Psychiater am 
Nürnberger Gefängnis, erschienen im Delphi-Verlag-Olten-Bern, 
aufmerksam. Ich konnte mich in den Besitz des Buches bringen und 
fand dann meine Aufschreibungen von damals. Zu meiner großen 
Überraschung waren sie mit einem Kommentar versehen, der nicht 
stimmte. Von der Tätsache abgesehen, das ich damals nicht eine Frau 
gegen Ende Vierzig, sondern der Dreißig war, war ich nicht »unter¬ 
setzt und ungepflegt«. Auch war ich nicht »seit acht Jahren bei Hit¬ 
ler«, sondern zwölf. Aber vor allem war ich keineswegs »bereitwillig« 
Kelleys Aufforderung gefolgt, sondern erst nach immer massiver wer¬ 
denden Anmahnungen seitens der Offizierin. Da weder mein Ausse¬ 
hen noch das im Vorwort angegebene Alter stimmten - Kelley mich 
auch nur einmal persönlich gesehen hatte -, möchte ich annehmen, 
daß eine Verwechslung die Ursache für die falschen Angaben im 
Vorwort war. Ich schrieb ihm dann einen geharnischten Brief, doch 
erhielt ich keine Antwort. An meiner Arbeit nahm er nur wenig Ver¬ 
änderungen vor, hier gebe ich meine Aufschreibungen, wie ich sie 
damals machte, wieder: 

»Wahrscheinlich glaubt man, daß Hitlers Sekretärinnen fortlaufende 
Arbeiten für ihn zu erledigen hatten und dadurch Einblick in das 
innere Getriebe seiner verschiedenen Unternehmungen gewannen. 
Das ist jedoch nicht der Fall. Ich halte es daher für notwendig, 
zunächst auseinander zu setzen, welche Art von Arbeit Hitlers Sekre¬ 
tärinnen zu leisten hatten. 

In den Jahren vor dem Krieg besaß eine jede ihr besonderes Arbeitsge¬ 
biet innerhalb seines Privatbüros, wo lediglich Arbeiten allgemeiner 
Art erledigt wurden. Hitler erhielt alle wichtigen oder geheimen 
Briefe, Verträge usw. durch Schaub, der sie einschloß, nachdem Hitler 
sie gesehen hatte. Diese Regelung bezieht sich auf jene Dokumente, 



268 


Er war mein Chef 


die Hitler nicht in seinem eigenen Arbeitszimmer aufhob, das von den 
Sekretärinnen nur gelegentlich und auch dann nur in seiner Gegen¬ 
wart betreten wurde. 

Hitler brauchte die Sekretärinnen nur für einfach Diktate und dadurch 
war es ihnen nie möglich, ein vollständiges Bild von dem Plan oder dem 
Erfolg eines Unternehmens zu erhalten. Diese läktik entsprach Hitlers 
Grundsatz, nie jemanden etwas wissen zu lassen, was dieser nicht 
unbedingt wissen mußte. Jene aber, die unbedingt in eine Sache einge¬ 
weiht werden mußten, unterrichtete er erst, wenn der Zeitpunkt es 
unbedingt erforderte. 

So wurde z. B. Zweck und Ziel einer Reise streng geheim gehalten. Die 
Reise zu den Hauptkommandostellen bei Beginn der Operation im 
Westen ging auf folgende Weise vor sich. Die Personen, die zu seiner 
Begleitung bestimmt waren, erhielten Bescheid, daß man am Abend 
abreisen würde. Zweck, Ziel und Dauer dieser Reise wurden nicht 
bekanntgegeben. Die betreffenden Personen brachte man im Auto aus 
Berlin hinaus zu einer unbekannten Eisenbahnstation, wo sie Hitlers 
Privatzug bestiegen, der sich in nördlicher Richtung in Bewegung 
setzte. Es entstand unter den Passagieren ein Rätselraten, wohin man 
wohl führe, worauf ein Adjutant sie noch absichtlich irreführte, indem 
er fragte, ob alle Reisenden Badeanzüge mitgenommen hätten. Dazu 
bemerkte Hilter selbst, es würde Gelegenheit gegeben sein, ein See¬ 
hundfell als TVophäe heimzubringen. Nun vermutete man allgemein, 
daß es nach Norwegen ginge. Der Zug hielt bis kurz hinter Hannover 
nördliche Richtung bei und wandte sich dann nach Westen. Am Bahn¬ 
hof des Ortes, den wir in der Früh, erreichten und in der Umgebung, die 
wir anschließend im Auto durchfuhren, waren alle Schilder sorgfältig 
entfernt. Erst als wir das Lager in der Eifel erreichten und vor Hitlers 
Baracke standen, während man von fern her Geschützdonner ver¬ 
nahm, sagte er zu den Umstehenden: >Heute früh hat die Offensive 
gegen die Westmächte begonnene 

Dieses Beispiel ist jedoch keine Ausnahme, denn alle Vorgänge spielten 
sich in ähnlich geheimnisvoller Weise ab. Offensichtlich hing dies 
damit zusammen, daß Hitler niemandem vollständiges Vertrauen 
schenkte. Ich hatte den Eindruck, daß Hitler dem einzelnen nur bis zu 
einem genau festgelegten Punkte traute, so weit es Umstände und Lage 
erforderten. Dieses allgemeine Mißtrauen Hitlers ging auf seinen gan¬ 
zen Stab über und bewirkte eine allgemein bedrückte Atmosphäre. 

Bis zu den Jahren 1937/38 hatte ich wenig Gelegenheit, irgend etwas 
über Hitlers Persönlichkeit zu erfahren. Ich sah ihn kurz am Morgen, 
wenn er ins Amt kam. Wenn Konferenzen zu Ende waren, so erschien er 
auf einige Minuten in meinem Zimmer, um sich Geschenke anzu¬ 
schauen, die täglich für ihn eintrafen und die hier ausgestellt wurden. 
Er war bei diesen Gelegenheiten freundlich und wechselte zeitweise 
einige Worte mit mir, die sich jedoch lediglich auf Fragen über mein 



Anlagen 


269 


Befinden erstreckten. Wenn ich erkrankt war, so zeigte er sich beson¬ 
ders aufmerksam. Er sandte dann Geschenke und einmal, als ich mich 
auf einige Monate in einem Spital befand, kam er mich persönlich 
besuchen und sagte dem Arzt, daß alles Erforderliche getan werden 
müsse, um mich gesund zu machen. 

Diese Aufmerksamkeit Hitlers erklärt sich aus dem Bedürfnis, jeman¬ 
den zu behalten, an den er sich gewöhnt hatte. Er war immer besonders 
freundlich zu jenen, die er im Augenblick brauchte. Mit mir unterhielt 
er sich vor und nach großen Diktaten in ausgesucht liebenswürdiger 
Weise, als wisse er, wie anstrengend es war, für ihn zu schreiben. 
Gewöhnlich diktierte er Reden und lange Schriftsätze ausschließlich 
während der Nacht. Offen äußerte er, daß er dann die besten Ideen 
habe. Aus dem gleichen Grunde legte er sich erst einige Stunden nach 
Mitternacht zu Bett. Im Laufe der letzten Jahre wurde die Zeit der 
Nachtruhe immer später gelegt. Während des letzten Monats seines 
Lebens ging er erst gegen acht Uhr früh zu Bett. Nie schlief er mehr als 
vier oder fünf Stunden. 

Stets verschob er die Diktate bis zur letzten Minute. Bei den Reichs¬ 
tagsreden, die bereits angekündigt waren, mußte man ihn immer daran 
erinnern, mit dem Diktat zu beginnen. Gewöhnlich gab er dann zur 
Antwort, er müsse erst die Enwicklung der oder jener politischen 
Angelegenheit abwarten, um die Rede je nach dem Ergebnis gestalten 
zu können. War die erwartete Information eingetroffen, so begab er 
sich gewöhnlich in sein Arbeitszimmer, dachte über den Aufbau der 
Rede nach und notierte einige der wichtigsten Punkte. Dann begann er 
unverzüglich mit dem Diktat. Gewöhnlich diktierte er direkt in die 
Maschine, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens wollte er das, was 
er bereits festgelegt hatte, stets vor Augen haben und zweitens liebte er 
das ständige Klappern der Schreibmaschine. War er einmal in 
Schwung gekommen, so diktierte er in raschem, fast rasendem Tempo. 
Bisweilen steigerte er sich in eine derartige Erregung, daß er direkt 
furchterregend wirkte. Dies war besonders bei jenen Reden der Fall, 
die Angriffe gegen Churchill, Roosevelt oder gegen den Bolschewismus 
enthielten. Dann schwoll seine Stimme bis zur höchsten Lautstärke an; 
er gestikulierte mit den Händen und sein gerötetes Gesicht zeigteeinen 
wütenden Ausdruck, als ob er den betreffenden Feind direkt vor sich 
hätte. Wenn er diese ärgerlichen Bemerkungen machte, hatte er die 
Gewohnheit, stehen zu bleiben, während er sonst während des Dikta¬ 
tes ständig auf und ab ging. Manchmal war dieses Auf- und Abgehen 
schnell, manchmal langsam. In der Erregung sprach er so laut, daß man 
ihn durch die Doppeltüren und durch mehrere Zimmer hindurch hören 
konnte. 

Er ließ das Manuskript bis zum nächsten Morgen liegen und begann 
dann mit den Korrekturen, die anscheinend kein Ende nehmen woll¬ 
ten. Gewöhnlich korrigierte er den Tbxt seiner Reden drei- oder vier- 



270 


Er war mein Chef 


mal. Nach jeder Korrektur mußte die Rede neu abgeschrieben werden. 
Seine Korrekturen bestanden meist darin, daß er das eine oder andere 
Wort der ersten Fassung durch einen treffenderen Ausdruck ersetzte. 
Selbst wenn er festgestellt hatte, daß der Text einer Rede befriedigend 
war, so beschäftigte er sich noch ständig damit, las verschiedene 
Stellen laut vor sich hin und begab sich dann zum Reichstag. Während 
er in den lägen vor dem Diktat wortkarg und geistesabwesend war, 
zeigte er sich nachher freundlicher und aufgeschlossener. 

Nach 1938 nahm er die Gewohnheit an, seine Sekretärinnen zum Essen 
oder zum Tbe einzuladen; bei Reisen forderte er sie nach langen 
Diktaten auf, mit ihm in seinem Speisewagen zu essen. Zu den Tischgä¬ 
sten gehörten in erster Linie die Mitglieder seines Stabes und die oder 
jene, welche gerade mit ihm reisten. Während seines Aufenthalts auf 
dem Berghof, der oft mehrere Wochen dauerte, nahm er regelmäßig die 
Mahlzeiten gemeinsam mit seinem Stab und den Gästen ein; auch zu 
den Nachmittags- und Abendtees liebte er Gäste bei sich zu haben. 
TYotzdem er oft sagte, daß jeder Mensch seine Freiheit haben müßte, 
war er äußerst verärgert, wenn es jemand wagte, von diesen Zusam¬ 
menkünften fern zu bleiben. Selbst während des Krieges wurden 
Nachmittags- und Abendtees gegeben. 

Zu Beginn des Krieges nahm er seine Mahlzeiten im Speisesaal des 
Hauptquartiers in Gesellschaft der Stabsoffiziere ein. Er brach 1941 
plötzlich mit dieser Gewohnheit, weil verschiedene Generale während 
des Essens entgegengesetzte Meinungen geäußert hatten. Er war der 
Meinung, daß die Generale bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten es 
am nötigen Respekt fehlen ließen, und aß von da an allein. Als ihm dies 
zu langweilig wurde, lud er bisweilen einen Gast ein, der sich zufällig 
am Hauptquartier aufhielt. Nach einer Weile hatte er jedoch auch diese 
satt, weil diese Gäste während des Essens stets über dienstliche Ange¬ 
legenheiten sprachen. Er unterließ daher auch diese Einladungen. 

Wie ich von den Gästen erfuhr, war es jedoch Hitler selbst, der stets 
über dienstliche Angelegenheiten zu sprechen begann. Nach 1944 
nahm er die Gewohnheit an, mit den Sekretärinnen zu speisen und 
setzte dies bis zu seinem Tbde fort. Man ermahnte diese, nie über 
dienstliche oder über unangenehme Dinge zu sprechen, und sie kamen 
der Aufforderung nach, mit der Ausnahme der Fälle, da Hitler selbst 
verärgert zu Tisch kam und sein eigenes Verbot vergessend, sein Herz 
ausschüttete. 

Hitler war in seiner Lebensweise bescheiden. Er war aus Überzeugung 
Vegetarier. Alkohol und Nikotin betrachtete er als zerstörende Sub- 
standen. Oft hielt er lange eingehende Reden über diese zerstörerischen 
Wirkungen. Seine Kleidung war ebenso einfach und ohne irgendwel¬ 
chen Ordensschmuck. 

Gleichgültig, in welcher Gesellschaft Hitler sich befand, gleichglültig 
über welches Thema gesprochen wurde - stets mußte er das Wort 



Anlagen 


271 


führen. Ich hatte oft das Gefühl, daß es für ihn gar keinen Unterschied 
ausmachte, mit wem er sprach, - daß es ihm nur darauf ankam, 
Zuhörer zu haben. In seinen Gesprächen berührte er viele Gebiete, aber 
meist sprach er von sich selbst, seinen Zielen und Ideen. Manchmal 
kam es vor, daß er innerhalb weniger Ihge mehrmals über das gleiche 
Thema sprach. Er maß diesen Reden über sich selbst große Bedeutung 
bei. Bisweilen erklärte er, daß Dinge, die ihm vorher unklar gewesen 
seien, plötzlich klar wurden, während er darüber sprach. Er erwähnte 
ferner, daß die deutsche Sprache mit ihren zahlreichen Spezialaus¬ 
drücken für Begriffe besonders geeignet sei, die Brücke zu unerforsch¬ 
ten Gebieten des Geistes zu schlagen. 

Hitlers Gedächtnis war tatsächlich wunderbar. Er überraschte die 
Fachleute mit genauen technischen Einzelheiten, die sie selbst im 
Augenblick vergessen hatten. Er kannte alle deutschen und fremden 
Schiffstypen und wußte genau, wann die Schiffe ausfuhren, wie groß 
ihre Tbnnage war und welche Ladung sie besaßen. Er erinnerte sich 
noch nach Jahren, wo und wann er bestimmte Menschen gesehen und 
worüber er mit ihnen gesprochen. 

Er hatte die Baupläne fast aller bedeutenden Gebäude der Welt im 
Kopfe. Er erinnerte sich an die Ereignisse aus seiner Kindheit ebenso¬ 
gut wie an Ereignisse aus dem Ersten Weltkrieg oder an Vorfälle, die 
sich während des Kampfes zugetragen hatten. Er besaß die Fähigkeit, 
sofort das Gelesene zu verstehen und für immer im Gedächtnis festzu¬ 
halten. Fragte beispielsweise jemand nach der Länge einer Brücke, so 
erwies sich Hitlers Angabe stets als richtig, wenn das Lexikon herbei¬ 
geschafft wurde, um als Schiedsrichter zu dienen. Kein Wunder, daß 
niemand es wagte, eine andere Meinung zu äußern, und daß er sich 
selbst als unfehlbar betrachtete. Dieser Umstand gab seinen Reden 
starke überzeugende Wirkung. Nie sprach er als ein Mensch, der an den 
Ergebnissen zweifelte. Er sah nur das Ziel klar und glänzend vor sich 
und fegte jeden Einwand durch seine Begeisterung hinweg. Aus diesem 
Grunde waren seine Ansichten, die er oft in klassisch einfacher Form 
vorbrachte, fest im Gedächtnis seiner Zuhörer eingeprägt. 

Nachdem er mit verschiedenen Unternehmungen Erfolg gehabt, 
obwohl andere ihm davon abgeraten hatten, steigerte sich bei ihm das 
Gefühl seiner Unbesiegbarkeit bis zum äußersten. Es kam soweit, daß 
er überhaupt keinen Einwand mehr gelten ließ. Sein eiserner Wille, der 
ihm bereits in früheren Jahren gestattet hatte, ein bestimmtes Ziel zu 
erreichen oder einen bestimmten Entschluß durchzusetzen, entwik- 
kelte sich immer mehr zum Starrsinn. Äußerte jemand einen Zweifel, 
so wurde er der Kleinlichkeit bezichtigt. Hitler brauchte dann nur 
einige Beispiele anzuführen, bei denen er recht behalten hatte, um auch 
die Zweifler zu überzeugen. 

Hitler verstand es ausgezeichnet, den Menschen Vertrauen einzuflö¬ 
ßen. Daß dies möglich war, ist wahrscheinlich teilweise darauf zurück- 



272 


Er war mein Chef 


zuführen, daß er selbst im höchsten Grade von seiner Mission über¬ 
zeugt war. Auf alle Fälle brachte er dies selbst öfters zum Ausdruck. Er 
sah z. B. hierfür einen Beweis in dem Umstand, daß er bei den verschie¬ 
denen auf ihn ausgeübten Attentaten nie verletzt worden war, wie bei 
dem Attentat am 20. Juli 1944, wo er durch ein Wunder mit geringen 
Verletzungen davonkam. Obwohl er sonst alles ablehnte, was über die 
irdische Sphäre hinausging, erkannte er in diesem Falle das Walten 
einer übernatürlichen Kraft, die sich in der Idee eines von Gott auser¬ 
wählten Menschen manifestierte, d.n. gegenwärtig in seiner Person. 
Dies wurde zwar nie offen ausgesprochen, aber ich glaube, daß Hitler 
wohl wußte, welchen Einfluß eine solche Auffassung von seiner Person 
ausübte. Daher mußte er alles vermeiden, was den Glanz seines 
Namens trüben konnte. Er verlieh sogar dieser Auffassung noch beson¬ 
deren Nachdruck, indem er von seiner »nachtwandlerischen Sicher¬ 
heit« sprach, die es ihm gestattete, gewisse Dinge zu unterlassen oder 
erst im geeigneten Augenblick zu tun. Er sprach auch von »Vorahnun¬ 
gen«. Tatsächlich äußerte er bereits zu Beginn des Juli 1944 derartige 
Gefühle. Als er sich auf dem Berghof von Eva Braun verabschiedete, 
gab er ihr Anweisungen, was sie im Falle seines Tbdes tun solle. Er 
sagte zu mir am 19. Juli 1944 während des Mittagessens, daß er von 
bangen Ahnungen befallen sei. Dann fügte er hinzu, es dürfe ihm jetzt 
nichts zustoßen, da er keinen Nachfolger habe. 

In allen Gesprächen, bei denen wir anwesend waren, betonte Hitler 
stets, daß alles, was er tat, nur aus dem Wunsch heraus geschehe, dem 
deutschen Voll^ßma.bessere Zukunft zu bereiten. Nie sprach er über 
Angelegenheiten, die mit Konzentrationslagern oder Judenverfolgun¬ 
gen zusammenhingen. Er tat uns gegenüber so, als ob derartige Dinge 
gar nicht existierten. Wenn er bisweilen die Tatsache erwähnte, daß 
der Krieg eine notwendige Sache sei, daß bei Naturkatastrophen Mil¬ 
lionen von Menschenleben vernichtet würden, daß aber hinterher das 
Leben ruhig seinen Gang weiterginge, so nahm sein Gesicht einen 
kalten, entschlossenen Ausdruck an. Die Grausamkeit, die man aus 
dieser Art zu sprechen herausfühlte, wurde indes gewissermaßen 
durch die echte Anteilnahme gemildert, die er zeigte, wenn man ihm 
vom Unglück eines einzelnen berichtete. Da er einmal auf die Frage, 
warum er den Engländern nach ihrer Niederlage bei Dünkirchen nicht 
gefolgt sei, die Antwort gegeben hatte: >Weil ich Menschenleben sparen 
wollte<, so zweifelte ich nicht daran, daß er während des mit unzähligen 
Opfern verbundenen Luftkrieges über England seelisch stark gelitten 
hatte. Sein hartnäckiger Wille gestattete indes keine Änderung des 
einmal eingeschlagenen Kurses. 

Sein starker Wille, dem sich alles zu beugen hatte, machte vor der 
eigenen Person nicht halt. Er war mit sich selbst hart und arbeitete 
ständig bis zur vollständigen geistigen Erschöpfung. Er beachtete 
nicht, daß auch der Geist eine gewisse Ruhe braucht, um wieder frisch 





Am 22 . Juni 1941 um 3.15 Uhr erfolgte der 
Angriff Hitlers auf Rußland. Mit seinem Son¬ 
derzug (Bild oben) verließ Hitler am 23. Juni 
1941 um 12,30 Uhr Berlin und fuhrindasFHQ 
Wolfsschanze« in Ostpreußen. 

Christa Sehroeder vor der Schreibmaschine im 
FHQ »Wolfsschanze« (Bild rechts). 

Im Kasino-Bunker (Speiseraum I) des FHQ 
•Wolfsschanze« speiste Hitler mit seinen Gene¬ 
ralen und persönlichen Stab bis 1942 (Bild 
unten). 
















Hitler diktiert Christa Schroeder 1941 im FHQ 
»Wolfsschanze«, im Hintergrund Dr. Morell 


Die Speirkreise I und II des FHQ »Wolfs- 
schanze< sowie die Bunker wurden vom Füh- 
rer-Begleitbataillon und dem RSD streng be¬ 
wacht (Bilder 1. Reihe). 

Eine große gut ausgebaute Funk- und Telefon¬ 
zentrale gehörten zum FHQ (Bilder 2. Reihe). 
Hitlers Arbeitszimmer im FHQ »Wolfsschanze« 
(Bild unten links). An dem runden Tisch 
fanden die nächtlichen Tbes und Monologe 
Hitlers statt. 

Der Koch des FHQ's, Otto Günther (genannt 
»Krümel«), in der Küche (Bild unten rechts). 















Hitler bestellteab 1934 bis 1939 schwere, offe¬ 
ne, gelandegängige, dreiachsige Mercedes- 
Benz-Tburenwagen vom Ty p 520 G 4 W 31 und 
W 131, die er bei Manövern, Einmarsch in 
Österreich und Tschechoslowakei sowie in al¬ 
len seinen FHQ’s im Kriege benutzte. Die Acht- 
Zylinder-Motoren hatten einen Hubraum von 


5000 cm :i (W 31) und 5552 cm 3 (W 131), sie lei¬ 
steten 100 bzw. 115 PS bei einer Höchstge¬ 
schwindigkeit von 140 km/h. Die Autos waren 
meist gepanzert und die Reifen beschußsicher. 
Das Bild zeigt einen TVil von Hitlers Fahrzeug¬ 
park auf einen Feldflugplatz in der Nähe des 
FHQ’s »Felsennest< im Mai 1940. 





Hitlers Fahrerund Führer des Kraftfahrzeug 
parkes, Erich Kempka, der Leiter des Reichs¬ 
sicherheitsdienstes (RSD = Kripo), Johann 
Rattenhuber und der Führer des SS-Begleit- 
kommandos, BrunoGesche(v.l.n.r), 1944 im 
Schloß Klessheim (Bild oben links). 


Hitler und sein Leibarzt Dr. Theo Morell 1943 
im FHQ >Wolfsschanze< (Bild oben rechts). 

Hitlers Hausintendant Arthur Kannenberg 
und Ordonnanzoffizier Heinz Linge sowie ein 
Diener 1944 im Schloß Klessheim (Bild unten). 






Anlagen 


273 


zu werden. Als seine geistigen und körperlichen Kräfte abnahmen, 
schonte er sich keineswegs, sondern nahm zu künstlichen Mitteln seine 
Zuflucht, in der Überzeugung, daß diese im Verein mit seinem eisernen 
Willen das Unmögliche möglich machen würden. 

Im Jahre 1945 wurde sein körperlicher Verfall immer offensichtlicher. 
Seine linke Hand zitterte stärker und unaufhörlich. Beim Gehen zog er 
ständig das rechte Bein nach. Anscheinend verursachte ihm das Zittern 
der linken Hand Schmerzen, denn er versuchte stets, sie mit der rechten 
Hand festzuhalten. Wollte er sich während des Nachmittagstees auf 
das Sofa legen, so mußte ein Diener ihm die Beine aufheben, da er selbst 
nicht mehr dazu fähig war. Er sah kaum noch etwas mit dem rechten 
Auge und gar nichts mehr mit dem linken. Der geistige Verfall konnte 
ebenfalls nicht mehr länger verborgen bleiben. Seine Unterhaltung 
war auf ein erschreckendes Niveau herabgesunken. 

Als ich Hitler in der Nacht vom 20. zum 21. April 1945 zum letzten Mal 
sah, bot er das Bild eines vollkommen gebrochenen Menschens, der 
nicht mehr imstande war, einen Ausweg aus seiner Lage zu finden.« 



274 


Er war mein Chef 


Anlage 10 

Kommentar zum Buch: >Heinz Linge- Bis zum Untergang< 

Linge beschränkt sich leider nicht auf Selbsterlebtes und gehört zwei¬ 
felsohne zu den Menschen, die ihre Position im Nachhinein höchst 
phantasievoll aufgewertet haben, was schon der Untertitel beweist. 
Aus dem Grunde wird es Linge auch ungeheuer geschmeichelt haben, 
daß Herr Maser in ihn posthum Gedanken und Gespräche (»aufge¬ 
schnappt« bzw. als mit Hitler geführt angegeben) integriert, die ihm 
- Maser - bei seiner großen Kenntnis der zeitgenössischen Memoiren¬ 
literatur zu finden nicht schwer gefallen sein dürfte. 

Maser verstand diese Sachen stilistisch so einzubauen, daß Außenste¬ 
hende den Eindruck gewinnen müssen, es handele sich dabei um von 
Linge Selbsterlebtes. Dies Selbsterlebte erschöpft sich aber schon mit 
der Aufzählung von Hitlers Tagesablauf, seinen - Linges Dienstlei¬ 
stungen für Hitler, Hitlers Kleidung, seinen Angewohnheiten, seinen 
Besuchern, nicht zu vergessen die taktlose Bemerkung über seine 
angeblichen Beobachtungen (Seiten 93/94) anläßlich eines Picknicks, 
als er mit der gleichen Tätigkeit wie Hitler beschäftigt - neben ihm 
stehend (!!) Wasser ablassend (!!) des Führers männliche Merkmale in 
einwandfreier Vollkommenheit gesehen haben will. 

Als ob es im Walde nicht für jeden Mann einen eigenen Baum zu diesem 
Behuf hätte benutzen können und wer (?) hätte es schon gewagt, sich 
neben Hitler solchen Tlins zu befleißigen bzw. umgekehrt? Jedes männ¬ 
liche Wesen, das ich diesbezüglich interviewte, verneinte die Möglich¬ 
keit der Inaugenscheinnahme auf diese Weise Was soll dies also? 

Was haben außerdem die von Maser eingebauten Vemehmungsproto- 
kolle von Prof. Blaschke, Freisler etc. mit der Tätigkeit des Kammer¬ 
dieners zu tun? Linge war ja selbst nicht mal fähig, Hitlers Version über 
einen gesunden Lebensstil (Ernährung) wiederzugeben. Da wurde die 
Niederschrift von Dr. Koeppen vom 5.11.41 abends durch Maser 
herangezogen (fälschlich angegeben mit dem Datum vom 6.11.41) - 
und hemmungslos wird behauptet, daß Dr. Koeppen »mitschreiben 
durfte«. Nichts davon ist wahr. Dr. Koeppen sagte mir, »daß er dies in 
aller Heimlichkeit tat und den Bericht als »Geheime Reichssache durch 
Kurier< seinem Chef Rosenberg zustellen ließ. Er sei ja nicht lebens¬ 
müde gewesen.« 

Zur Chronique scandaleuse möchte er auch gern etwas beisteuern. 
Hitler und Eva Braun hatten im Berghof 4 Räume für ihr »Intimleben«. 
Falsch ist die Begründung für den Fortgang von Frau Raubal aus Haus 
Wachenfeld u. ä. m. 

Zu erneuter Diskussion regt aber folgender Satz auf Seite 259 an: »In 
diesen Wochen (Anfang 1945), in denen Martin Bormann nachschrieb, 
was Hitler ihm gegenüber äußerte...« Hier kommen die Aufzeichnun- 



Anlagen 


275 


gen ins Spiel, deretwegen Prof. Baumgarten 1974 bei Fr_war. Alle 

Von Prof. Baumgarten befragten Personen verneinten die Möglichkeit, 
daß Hitler diese Rechtfertigung selbst diktiert habe. Ich vertrat damals 
die Ansicht, daß Martin Bormann die Ausführungen Hitlers schriftlich 
festgehalten haben könnte, und untermauerte meine Vermutung 
damit, daß Martin Bormann absolut in der Lage gewesen war, ganze 
Passagen Hitlers wortwörtlich wiederzugeben. 

Aber ebensogut könnten die Äußerungen auch von anderer kundiger 
Hand zusammengebastelt worden sein. Maser läßt Linge Sätze - als 
von Hitler verbal gehört - wiedergeben, die aus diesen »Äußerungen 
des Führers« abgeschrieben sind. Mein Mißtrauen gegen Maser ist 
groß. Hat er die Absicht, ein Buch mit diesen Äußerungen herauszuge¬ 
ben, und will dazu die ja nun gedruckt vorliegende Zeugenschaft 
Linges benutzen? Es wäre nicht fair, nachdem Prof. Baumgarten jahre¬ 
lang daran gearbeitet und dann, aus Anständigkeit wegen des nicht 
aufzuklärenden Zustandekommens, im Februar 1973 sein Buchprojekt 
im Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg, zurückgezogen hat. 

Hitler sagte übrigens in der Nacht von 24725.1.42 in den »Monologen« 
(Seite 227): »... Junge ist von meinen Dienern bei weitem der begabte¬ 
ste... Er ist belesen, man glaubt es nicht... Linge ist ein guter Kerl, 
aber nicht so intelligent, und er vergißt viel.« 

Er - Linge - schien nie von Gedanken gequält zu werden, die über den 
Thg hinausgingen, denn sein Gesicht hatte bereits damals schon den 
satten Ausdruck, der im Alter verstärkt, deutlich auf dem in der »Welt 
am Sonntag« gebrachten Foto, sichtbar wird. Inzwischen - zum Zeit¬ 
punkt der Herausgabe des Maser’schen Buches - ist er verstorben. 



276 


Er war mein Chef 


Anlage 11 

Anmerkungen zum Buch von Nicolaus von Below - Als Hitlers Adju¬ 
tant von 1937-1945 

Die Vielfalt der Geschehnisse, die Below - an dieser einmaligen 
Schlüsselposition sitzend - wie kein anderer überblicken konnte, ist 
groß. Damals wurde ja nur ein kleiner Teil selbst den in der Persönli¬ 
chen Adjutantur Hitlers tätigen Personen bekannt. Vieles blieb damals 
im Dunkel, schwebte als Geheimnis um uns herum und bewirkte wohl 
die oft sehr belastende Atmosphäre, von der man nie wußte, woher sie 
kam. 

Below war acht Jahre lang fast stets an Hitlers Seite, und zwar nicht 
nur dienstlich, sondern auch privat, nur selten mal durch Urlaub oder 
Krankheit abwesend. Hitler unterhielt sich gern mit Below, weil dieser 
nicht nur seine Sympathie besaß, sondern auch zuhören konnte. Und 
Hitler mußte sprechen, da ihm beim Sprechen neue Erkenntnisse 
zuwuchsen. 

Belows Bericht wird für die Geschichtsforschung aus einem besonde¬ 
ren Grunde von Interesse sein: Bisher hörte man sehr oft: »Hitler wurde 
von den Generälen über die Lage an den Fronten belogen.« Aber so war 
es ja nicht. Nach Belows Aufzeichnungen berichteten die Generäle 
wahrheitsgemäß, wie es die Lage erforderte. Bei gegensätzlicher Mei¬ 
nung über erforderliche Maßnahmen geschah es aber, daß der eine oder 
andere in die Wüste geschickt wurde. Wie war es möglich, daß Hitler 
die Wirklichkeit nicht sah? Für mich gibt es nur eine Erklärung: Die 
täglichen Injektionen Morells, die sicher auch sogenannte >Gemütsauf- 
heller< enthielten, trübten ihm den Sinn für die Realität der wirklichen 
Gegebenheiten. Er sah aus diesem Zustand heraus alles euphorisch. 
Below erwähnt, daß Hitler in den letzten lägen im Bunker plötzlich alt 
geworden war und apathisch. Warum so plötzlich? Weil Morell mit 
seinen Wunderinjektionen nicht mehr bei ihm war. 

Auf der anderen Seite fiel mir auf, wie >tüchtig< Below Prof. Morell 
fand, nachdem er sich seiner Behandlung unterzogen hatte. Von 
Morells evtl. Auswirkungen durch seine Spritzenbehandlung bei Hit¬ 
ler erwähnt er kein Wort. Ich erinnere mich da immer noch, wie Martin 
Bormann ab und zu sagte, er könnte und würde sich nie von Morell 
behandeln bzw. anfassen lassen - dies im Gegensatz zu Below - der 
Morell hier recht dankbar beschreibt. 

Oberst von Below hat z. B. die Führerwohnung in Berlin sowohl als 
auch in München, das Tbehaus auf dem Kehlstein, die Neue Reichs¬ 
kanzlei, den Führersonderzug, die verschiedenen FHQ’s, den Italien- 
Besuch Hitlers, den Einmarsch in Österreich usw. anschaulich geschil¬ 
dert, daß ich alle sonst notwendig gewesenen Erklärungen, die ich für 
erzählenswert gehalten hatte, weglassen kann. 



Anlagen 


277 


So schildert z. B. v. Below ausführlich Bayreuth. Und ich kann hin¬ 
zufügen, daß ich im Haus Wahnfried dort eine spannungsreiche Zeit 
erlebt habe, und zwar, 1936, als Hitler Franco in seinem Kampf mit 
TVuppen und Material unterstützte. Aus diesem Grunde mußte Hitler 
seinen engsten Stab Übertags ständig bei sich haben. Es ging dort zu 
wie in einem Heerlager. Hitler bewohnte während der Festspiele den 
Anbau von Wahnfried. Auf diese Weise lernten wir Haus Wahnfried 
kennen und nahmen an den Mahlzeiten mit Frau Winifred Wagner 
und ihren Kindern teil, was überaus interessant war. 

Einige Fehler (evtl. Druckfehler?): Frau Junge: geb. Humps, Traudl, 
nicht Trautl Humbs. Kannenberg hieß mit Vornamen Arthur und 
nicht Willy. Die Diätköchin hieß Constanze Manziariy und nicht 
Marzialy. Das Foto auf Seite 97 links stellt nicht Mussolini mit Hit¬ 
ler im Colosseum dar. 

Seite 282, 16. Zeile von unten: »Bei diesen Tischgesprächen im Jahre 
1941 und 1942 haben die Begleiter von Reichsleiter Bormann, Mini¬ 
sterialrat Heim und Dr. Henry Picker, Hitlers Tischgespräche mitste¬ 
nographiert.« Dies entspricht nicht den Tatsachen! Es müßte heißen: 
Heim und Picker machten sich im Auftrag von Reichsleiter Bormann 
>heimlich< Notizen über Hitlers Tischgespräche, die sie anschließend 
aus dem Gedächtnis aufzeichneten. Hierzu habe ich eine hand¬ 
schriftliche Erklärung Heims, in der ab Seite 7 genau über das 
Zustandekommen der >Monologe< berichtet wird. Diese Niederschrift 
hat Heim bereits 1953 abgefaßt, zu jener Zeit, als Genoud sie durch 
TVevor Roper in englischer Sprache zur Veröffentlichung freigegeben 
hatte. 

Aus Belows Äußerung auf Seite 20: »Ich betrachte die Partei mit 
großer Zurückhaltung und Mißtrauen«, hinderte ihn aber nicht, seine 
Ferien in Wien verbringend - durch Schirachs Fürsorge aufs ange¬ 
nehmste verschönen zu lassen, ist ihm kein Vorwurf zu machen, kam 
er doch aus einer der Monarchie nahestehenden Familie. Das daraus 
resultierende Standesbewußtsein, das ihm innewohnte und das Buch 
durchzieht, ist auch kein Grund zu der erwähnten Einstellung. 

Daß er manches schreibt, was nicht zutreffend ist, z. B. Ungenauig¬ 
keiten über die Funktion Martin Bormanns. Auf Seite 417 spricht er 
von der »haßerfüllten antikirchlichen Einstellung Bormanns«, dessen 
Primitivität und Ungeschliffenheit. Martin Bormann war weder pri¬ 
mitiv noch ungeschliffen. Das falsche Urteil über Martin Bormann 
konnte nur bei Menschen entstehen, die nicht begriffen hatten, daß 
Hitler als Verantwortungsträger hinter Martin Bormann stand. Alles, 
was Martin Bormann tat, geschah im Auftrag Hitlers! Die von Below 
erwähnte »haßerfüllte, antikirchliche Einstellung Bormanns« fußte 
z. B. auf dessen Wissen, daß Hitler sofort nach Beendigung des Krie¬ 
ges den Kampf gegen die Kirche aufnehmen und diesen mit seinem 
Kirchenaustritt einleiten würde. 




278 


Er war mein Chef 


Oder nimmt man v. Below mit Recht nicht ab, daß er vorgibt, fast alles 
aus dem Gedächtnis ohne Unterlagen geschrieben zu haben (Seite 11)? 
Oder sind die »Erkenntnissen die Below angeblich bereits damals 
gehabt hat, der Grund? Selbst wenn man unterstellt, daß v. Below bei 
allen Besprechungen dabei gewesen wäre, kann er ja nicht wissen, was 
die Betreffenden dachten. Er wird alle Erinnerungsbücher der 
erwähnten Generale etc. gelesen haben, in denen diese ihre Gedanken, 
die sie während oder nach einer Besprechung mit Hitler hatten, festge¬ 
halten haben! Daher auch die exakte Angabe der Besprechungster¬ 
mine! 

Hätte er doch besser diese nachträglichen Erkenntnisse weggelassen! 
Aber die Versuchung, sich im nachhinein mit den Erkenntnissen von 
heute auszustatten, erliegen wohl fast alle Menschen, wenn sie nicht 
frei von Eitelkeit sind. Und das ist wohl auch hier der Fall. Die vielen 
persönlichen Fotos (z. B. »Ein müder Adjutant«, etc.) verleiten jeden¬ 
falls zu dieser Annahme. 

Aber dies alles sind keine Gründe, das Buch abzulehnen. Aber sind es 
vielleicht die Briefe, die Below seinem Onkel, dem General a. D. 
schrieb? Es erscheint mir allerdings fraglich, ob das Buch wirklich mit 
Akribie gelesen wurde. Mir fielen die Briefe auch erst in der vergange¬ 
nen Woche in ihrer vollen Bedeutung auf. Aber die meisten aus dem 
D- D. Kreis kommen ja nicht zum Lesen, was verständlich ist, wenn sie 
beruflich noch gestreßt sind. So hat z. B. Arno Breker sich nur durch 
den »Besuch in Paris« durchgelesen, den er sehr dünn fand, womit das 
Buch beiseite gelegt wurde. Aber er wird leichthin sagen: »Es ist gut, 
denn von Below ist mein Freund.« 

Aber nun zu den Briefen. Obwohl Hitler über die ersten Thge des 
Rußlandfeldzuges die Wehrmachtsberichte zurückhielt (um dem Rus¬ 
sen selbst nicht ein Bild seiner Lage zu geben) schreibt v. Below am 
28. 6.41 einen ausführlichen Brief (Seite 283) an seinen Onkel, in dem 
er ihm über die erfolgten Operationen an der Ostfront berichtet., um 
dann fortzufahren: »Die nächsten großen Ziele werden dann Donez- 
Becken, Moskau und Leningrad sein.« 

Bereits auf Seite 231 erwähnte er einen Brief vom 14. Mai 1940 an eben 
diesen Onkel, wo es zum Schluß heißt: »Der Gegner hat bisher noch in 
keiner Weise unsere eigentliche Absicht und (den) Schwerpunkt 
erkannt. Dazu stellt das Heer sich jetzt bereit und dann soll der große 
Schlag überraschend beginnen. Ich deutete ihn Dir Weihnachten an. 
Die Ausgangsstellung haben wirerreicht.« 

Dies schrieb ein Geheimnisträger (!), der auf Seite 220 den »Grund¬ 
sätzlichen Befehl Nr. 1« vom 22. Januar erwähnt, nach dem niemand, 
keine Dienststelle, kein Offizier mehr von einer geheimzuhaltenden 
Sache erfahren durfte, als aus dienstlichen Gründen unbedingt erfor¬ 
derlich war. Aus das >gedankenlose< Weitergeben von Erlassen, Verfü¬ 
gungen und Mitteilungen, deren Geheimhaltung von entscheidender 



Anlagen 


279 


Bedeutung ist. Dieser Befehl war in allen militärischen Büros und 
Schreibstuben aufgehängt! 

Ob der Gedanke, man könne ihn womöglich des Landesverrats ver¬ 
dächtigen, ihn nicht von der Veröffentlichung abgehalten haben sollte? 
Oder will er solche Verdächtigungen womöglich geradezu herbeifüh¬ 
ren, um heute >anzukommen«? Um zu erkennen zu geben, daß er 
vielleicht dem Widerstand angehörte? 

War er sich nicht bewußt, was mit ihm geschehen wäre, wenn diese 
Briefe Hitler zur Kenntnis gekommen wären? Sie sind bestimmt nicht 
durch die Zensur gegangen. Wo die Geheimhaltung bei uns so groß 
geschrieben wurde, ist es mir einfach unfaßbar, daß Below gegen alle 
Vernunft die Sicherheitsbestimmungen in dieser Weise umging. Selbst 
wenn man unterstellt, daß Below von der absoluten Integrität seines 
Onkels überzeugt gewesen ist, bleibt mir dieses Weitergeben geheimer 
Pläne ein Rätsel. Die Briefe hätten ja in andere Hände fallen können. 
Weiß man wirklich, ob der alte Onkel so dicht gehalten hat? Welche 
Rolle konnte man am Stammtisch mit diesem Wissen spielen, und die 
Agenten hatten ihre Fühler überall ausgestreckt! 

Seite 290: Warum wurde Belows Telefon überwacht? Berechtigter 
Verdacht? Aus der Luft scheint mir Canaris das Telefonat nicht erfun¬ 
den zu haben. Alle Geheimnisse scheinen in der Familie die Runde 
gemacht zu haben. 

Seite 348: Wieso wagte man, v. Below zu fragen, ob es kein Mittel gäbe, 
Hitler das Handwerk zu legen? Rechnete man ihn zum >Widerstand<? 
»Es war für mich unmöglich, mich gegen Hitler zu wenden... Diese 
Wende herbeizaubem, daß mußten andere tun, wenn sie es für unaus¬ 
weichlich hielten.« Also im Grunde hätte er nichts dagegen gehabt! 



280 


Er war mein Chef 


Anlage 12 

Anmerkungen zum Buch von Henriette von Schirach - Anekdoten um 

Hitler 

Henriette von Schirach hätte ihren Lesern einen Gefallen getan, wenn 
sie ihrem Buch ein Quellenverzeichnis angehängt hätte, brauchte man 
doch dann nicht so lange zu überlegen, von wo sie ihre >Anekdoten< 
abgeschrieben hat bzw. wieviel ihrer üppig wuchernden Phantasie 
entsprungen ist. Sie hat nicht nur bereits Gedrucktes verwertet, son¬ 
dern auch Erzählungen von mir - die rein privater Natur waren - ohne 
mich zu fragen, zum Inhalt verschiedener Geschichten gemacht, wobei 
sie höchst leichtfertig verfahren ist. Aus einer kurzen sachlichen 
Bemerkung von mir machte sie z. B. eine farbige Geschichte, die sich 
über zwei Seiten erstreckt, an der dann aber nur noch 1 Prozent wahr 
ist. Ein anderesmal macht sie den Charme einer Geschichte - ein 
Gespräch zwischen Hitler und mir im Anfang meiner Tätigkeit, als er 
mich nach meinem Vornamen fragte - völlig kaputt. Und das alles, 
ohne mich vorher zu fragen, ob sie meine Erzählung benutzen dürfe. 
Ich hätte ihr ja dann das Gespräch - so wie es sich wortwörtlich 
abgespielt hat - überlassen. 

So bringt sie z. B. auf Seite 23 »Hitlers ersten Kuß«, eine Geschichte mit 
meinem Vornamen Emilie, die ich schon erzählt habe und die sie 
vollkommen entstellt wiedergegeben hat. 

Auf Seite 27/28 findet man »Hitlers Diätköchin«, eine Geschichte, die 
ich ihr nie so erzählt habe, wie man nachlesen kann. 

Seite 29, »Hitlers Harmonie-Bedürfnis«, ist die Auswirkung eines 
einzigen, in Gegenwart von H.v. Schirach geäußerten Satzes: »Der 
Führer hatte Benno von Arent beauftragt, eine >Uniform< für uns 
Sekretärinnen zu entwerfen.« Was daraus geworden ist, kann man 
nachlesen. 

Auf Seite 101 gibt sie voller Phantasie und voller Fehler eine 
Geschichte: »Das Etui und der Becher« wieder. Zugrunde lag die wahre 
Begebenheit, die ich in einem Brief vom 25. 11. 1973 meiner Kollegin 
Gerda Christian wieder ins Gedächtnis zurückrufen wollte. 



Anmerkungen und Hinweise 
des Herausgebers 


1 Walter Frentz, Kameramann, der als Filmberichterstatter der 
Luftwaffe in das Führerhauptquartier abkommandiert war. 

2 >Die Breitspurbahn Hitlers<, eine Dokumentation über eine von 
Hitler geplante Über-Eisenbahn mit einer Spurweite von 3 Metern, 
die in Verbindung mit Hitlers geplanten städtebaulichen Neuge¬ 
staltungsmaßnahmen, quer durch Europa und den Balkan führen 
sollte und an der von 1941 bis 1945 gearbeitet wurde. (Neu aufge¬ 
legt bei Herbig Verlag, 1985) 

3 Frau Schroeder erzählte, daß dem Zoller-Buch auch die Verneh¬ 
mungen von Heinrich Hoffmann und Julius Schaub im Lager 
Augsburg (CIC-Center der 7. US-Armee) zugrunde liegen. In einem 
Exemplar hatte sie die Stellen durchgestrichen, die nicht von ihr 
sein sollen. Wenn man das Buch durchblättert, so kann man über¬ 
schlägig sagen, daß von den 238 Seiten rd. 160-170 Seiten von Frau 
Schroeder stammen sollen. Allerdings sind nach ihren Einmerkun¬ 
gen dabei auch einzelne Passagen, die von Zoller abgeändert, d. h. 
mit anderen Worten und Bedeutungen wiedergegeben worden sind. 
Uber den Wahrheitsgehalt der Aussagen zweifelte Frau Schroeder 
in keiner Weise, nur sollen sie auch in manchen Details polemisch 
entstellt und nicht ganz exakt wiedergegeben sein. Hier ist auch 
festzuhalten, daß die Einvernahmen Zollers kurz nach der Gefan¬ 
gennahme der entsprechenden Personen gemacht wurden und der 
Wahrheitsgehalt dieser Aussagen, unter dem Druck der damaligen 
Ereignisse, höher zu bewerten ist, als derjenigen, die später 
gemacht wurden. So gesehen stellt das Zoller-Buch eine emstzu¬ 
nehmende zeitgeschichtliche Quelle dar, was auch z. B. Gerhard L. 
Weinberg ausführte (>Hitlers zweites Buch<). 

4 Stenographische Aufzeichnung von Frau Schroeder in einem alten 
Buch, die sie in der Zeit ihrer Internierung schrieb und die ihr nicht 
abgenommen wurden. Es trägt die Aufschrift: »Stenographische 
Übungen« und wurde neben anderen Blättern von Herrn Georg 
Schmidpeter, Kurzschrifthistoriker in München, aus der Stolze- 
Schrey Kurzschrift übertragen. 

5 Hermann Giesler, geb. am 2. 8. 1898 in Siegen (Westf.), nach Schul¬ 
ausbildung und praktischer Tätigkeit mit 17 Kriegsfreiwilliger. 
Nach dem Ersten Weltkrieg zuerst als Maurer, dann als Zimmer- 




282 


Er war mein Chef 


mann tätig, studierte Giesler in München an der Kunstgewerbe¬ 
schule Architektur. Anschließend in einem Augsburger Architek¬ 
turbüro tätig, 1926 in Berlin. 1928 selbständiger Keramiker in 
Altstädten und Sonthofen. Seit dem 1.10.1931 Mitglied der 
NSDAP, 1933 Bezirksbaumeister in Sonthofen, baute die Ordens¬ 
burg Sonthofen. 1936 entwarf Giesler das Gauforum in Weimar 
und führte 1937/38 den Umbau des Hotels Elephant in Weimar 
durch. 1938 durch Hitler zum Professor an der Hochschule für 
Baukunst in Weimar ernannt, erstellte er die Entwürfe für das 
Gauforum Augsburg und die Hohe Schule der NSDAP am Chiem¬ 
see. Am 2.12. 1938 von Hitler als Generalbaurat mit der Neugestal¬ 
tung Münchens beauftragt. Ab 1941 neben Prof. Fick zunehmend 
mit der Neugestaltung der Stadt Linz a. D. beauftragt. Nach Ernen¬ 
nung Speers zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition im 
Februar 1942 wurde Giesler der bevorzugte Architekt Hitlers. 
Giesler wurde in den letzten Kriegsjahren immer öfter zu Hitler 
gebeten. Im Februar 1945 (8.2. 1945) überbrachte Giesler Hitler 
noch das fertige Modell der Donauufer-Gestaltung Linz, das dieser 
im Keller der Reichskanzlei in der Voßstraße aufstellen ließ und 
stundenlang betrachtete. Von 1945 bis Oktober 1951 als OT-Führer 
von der US Armee interniert und anschließend als Architekt in 
Norddeutschland tätig. 

6 In ihren Aufzeichnungen schrieb Frau Schroeder nicht Adolf Hit¬ 
ler, sondern sie benutzte immer die Abkürzung A. H., für Eva Braun 
E. B., für Martin Bormann M. B. usw. 

7 Frau Schroeder hat bis 1984 rd. 95% ihrer stenographischen Auf¬ 
zeichnung (die Herr Schmidpeter auf 162 Maschinenseiten über¬ 
trug) in Form von ausgearbeiteten Manuskriptseiten mit der 
Schreibmaschine geschrieben. Die stenographischen Aufzeichnun¬ 
gen dienten ihr nur als Grundlage für ihr Manuskript, wobei sie 
teilweise andere Formulierungen und auch Teile aus den von ihr 
stammenden Passagen aus dem Zoller-Buch verwendete. Die ste¬ 
nographischen Aufzeichnungen sind eine Art von 'Iägebuch aus der 
Zeit ihrer Internierung und nicht ein Tägebuch aus ihrer Zeit als 
Sekretärin Hitlers. Allerdings hat sie darin (z. T. in Stichworten 
bzw. auch in längeren Passagen) viele Aufzeichnungen aus dieser 
Zeit gemacht. Ihre Aufzeichnungen aus der Zeit der Internierung 
sind in ihrem Manuskript gekürzt, da sie viele persönliche und 
intime Eintragungen enthalten. Frau Schroeder war eine Frau, die 
sich ihre Sorgen, Kummer und auch ihre Einsamkeit fortschreiben 
mußte. Soweit Abweichungen bzw. wesentlich andere Formulie¬ 
rungen, Namen usw. in den kurz gefaßten stenographischen Auf¬ 
zeichnungen von ihrem Schreibmaschinenmanuskript vorhanden 
sind, habe ich diese als Anmerkung zitiert, um eine möglichst 
authentische Wiedergabe zu gewährleisten. Dadurch ergeben sich 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


283 


manchmal zwei Versionen, die in der Sache zwar dasselbe aussa- 
gen, aber in der Formulierung anders, bzw. detaillierter sind. Viele 
Manuskriptseiten von Frau Schroeder stammen aus der Zeit von 
1976 bis 1984 und sind in den stenographischen Aufzeichnungen 
nicht enthalten. 

8 Frau Schroeder versuchte immer wieder ein Bild von Hitler zu 
zeichnen, was ihr aber nicht gelang, da sie, wie sie sagte, zu viele 
Gesichter von ihm kannte. In verschiedenen Notizen hat sie ver¬ 
sucht, seinen Charakter, sein Wesen und seine Ziele als auch seine 
Maßnahmen und Befehle darzustellen. Sie kam über Entwürfe 
nicht hinaus, »weil«, so sagte sie, »er in seiner ganzen Vielschichtig¬ 
keit und Vielgestalt, das Spektrum reichte von äußerst liebenswür¬ 
dig und besorgt zuvorkommend, bis zu eiskalter Brutalität«, von 
>ihr< nicht darzustellen wäre. 

In ihrem Exemplar des Zoller-Buches hat Frau Schroeder die 
nachfolgenden Passagen, Seite 10 unten (sonst gestrichen) und 
Seite 11 korrigiert und nicht durchgestrichen (Seite 12 wieder 
gestrichen), so daß dies ihre damalige Version von 1945 darstellen 
wird: »Er war lange Zeit der alleinige Drahtzieher aller Ereignisse, 
die sich im Reich abspielten. Alles an ihm war Berechnung und List. 
Bis zu seinem Tbde ist er sich seiner Regierolle bewußt gewesen. 
Hitler besaß die Gabe einer seltenen magnetischen Ausstrahlungs¬ 
kraft. Er verfügte dazu über den sechsten Sinn und eine hellseheri¬ 
sche Intuition, die für ihn oft bestimmend war. Er witterte die 
Gefahr, die ihn bedrohte, erspürte mysteriös die geheimen Reaktio¬ 
nen der Masse, faszinierte seine Gesprächspartner auf eine uner¬ 
klärliche Weise. Er hatte die Empfänglichkeit eines Mediums und 
gleichzeitig den Magnetismus eines Hypnotiseurs. Bedenkt man 
dann noch, daß er bei den Attentaten durch eine Reihe höchst 
wunderlicher Umstände gerettet wurde und er daraus den Schluß 
gezogen hat, die Vorsehung habe ihn für seine Mission bestimmt, so 
erfaßt man die Bedeutung, die die Imponderabilien in seinem 
Leben eingenommen haben. 

Dies waren, glaube ich, die hervorstechendsten Züge des seltsam¬ 
sten Menschen, der beinahe die Grundmauern der Welt erschüttert 
hätte. Es gab nicht einen Hitler, es gab mehrere Hitlers in einer 
Person. Er war eine Mischung aus Lüge und Wahrheit, aus Treuher¬ 
zigkeit und Gewalttätigkeit, aus Einfachheit und Luxus, aus Lie¬ 
benswürdigkeit und Brutalität, aus Mystik und Realismus, aus 
Kunstinteresse und Barbarei.« 

9 Anni Rehborn, geboren am 25.8. 1904 in Langenberg, die Tbchter 
des Leiters der Bochumer Badeanstalt, war eine ausgezeichnete 
Schwimmsportlerin und trainierte im Schwimmverein Bochum. 
Bereits mit 19 Jahren gewann sie 1923 die Deutschen Meisterschaf¬ 
ten in 100 m Kraul- und Rückenschwimmen. 1924 wiederholte sie 



284 


Er war mein Chef 


den Erfolg von 1923 und gewann dann (außer 1926) die deutschen 
Meisterschaften bis 1929 in 100 m Rückenschwimmen. 1927, bei 
den Europa-Meisterschaften in Bologna, erhielt sie die Bronce- 
Medaille (4 x 100 m-Staffel) und den 4. Platz in 100 m Rücken¬ 
schwimmen. 1928 nahm sie noch an der Olympiade in Amsterdam 
teil. 

Anni Rehbom lernte Hitler 1925 kennen. Als sie 1924 wieder 
deutsche Schwimmeisterin wurde, erschien ihr Bild auf der Titel¬ 
seite der Berliner Illustrierten. Emil Maurice, damals Hitlers 
Begleiter, Intimus und Fahrer, der zu dieser Zeit in der Festung 
Landsberg a. L. mit Hitler inhaftiert war, gefiel das hübsche Mäd¬ 
chen, und er gratulierte ihr spontan in einem Brief. Es entstand ein 
Briefwechsel und nach der Entlassung von Maurice im Januar 
1925, kam es zu einem Treffen in München, ohne daß jedoch 
Maurice Anni Rehborn sonderlich gefiel. Bei dieser Gelegenheit 
wurde Anni Rehborn auch Hitler vorgestellt, und es entwickelte 
sich zwischen ihm und der damals 20jährigen Rehbom eine 
Freundschaft dergestalt, daß Hitler ihre Familie aufsuchte, wenn er 
in Bochum zu tun hatte. Umgekehrt wurde sie von Hitler nach 
Berchtesgaden auf den Obersalzberg eingeladen. 

Als sie sich 1931 bei einem Sprung ins Wasser eine Gesichtsverlet¬ 
zung zugezogen hatte, lernte sie im Bochumer Krankenhaus Berg¬ 
mannsheil den jungen Chirurgen Dr. Karl Brandt kennen, mit dem 
sie sich 1932 verlobte. Auf einer Urlaubsfahrt im Sommer 1933 kam 
sie u. a. mit ihrem Verlobten Hitlers Einladung auf den Obersalz¬ 
berg nach. Sie nahm auch am 15. 8. 1933 an dem Autoausflug 
Hitlers teil, bei dem Brückner mit seiner Freundin schwer verun¬ 
glückte. Dr. Brandt operierte Brückner. Am 17.3. 1934 heiratete 
Dr. Brandt Anni Rehbom, Hitler und Göring waren dabei Trauzeu¬ 
gen. Anni Brandt lebte dann mit ihrem Mann in Berlin in der 
Altonastraße. Sie gehörte bis Kriegsende mit zum engeren und 
privaten Kreis Hitlers am Berghof. 

Im April 1945 brachte Dr. Brandt seine Frau und seinen Sohn aus 
Berlin nicht auf den Berghof, sondern nach Bad Liebenstein vor 
den Russen in Sicherheit. Und das nur einen Tag bevor die amerika¬ 
nische Armee Bad Liebenstein besetzte. Dies und ein Schriftsatz, 
den Dr. Brandt Hitler am 1.4. 1945 zuieitete, reichten aus, daß ihn 
Hitler, nachdem Dr. Brandt 11 Jahre für ihn gearbeitet hatte, zum 
Tbde verurteilen ließ. Frau Brandt lebt heute in Norddeutschland. 

10 Eva Anna Paula Braun, geb. 6. 2. 1912 in München, besuchte nach 
der Volksschule das Lyzeum (Tbngstraße), anschließend ab 1928 die 
Klosterschule (Handelsschule) bei Simbach/Inn. 1929 arbeitete sie 
4 bis 5 Monate bei dem Frauenarzt Dr. Günther Hoffmann in der 
Theresienstraße. Diese Arbeit gefiel ihr nicht und durch eine Zei¬ 
tungsannonce erhielt sie einen Arbeitsplatz bei dem Fotografen 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


285 


Heinrich Hoffmann in der Schellingstraße 50 (Buchhaltung, lau¬ 
fende Büroarbeiten und Filmverkauf). Schon im Oktober 1929, mit 
17 Jahren, lernte sie Hitler kennen, der ihr von Hoffmann vorge¬ 
stellt wurde. Ende 1930 ging der 41jährige Hitler manchmal mit der 
18jährigen Eva aus (was Hoffmann geschickt lancierte), ohne ihr 
jedoch irgendwelche Hoffnungen auf eine engere Bindung zu 
machen. Wenn Hitler zu Hoffmanns kam, war auch Eva Braun 
>immer< eingeladen, und so kam zunächst eine lose Freundschaft 
zustande. Nach dem Selbstmord von Geli Raubal am 18.9. 1931 
verstand es Eva Braun sehr geschickt am 1.11. 1932 durch einen 
Selbstmordversuch sich Hitlers Aufmerksamkeit zu sichern. Nach 
einem zweiten Selbstmordversuch 1935 bezog sie am 9. 8. 1935 als 
kleine Angestellte Hoffmanns eine >eigene< Wohnung im 1. Stock 
der Widemeyerstraße 42. Nach der Entlassung von Hitlers Halb¬ 
schwester Angela Raubal, die Eva Braun nicht leiden konnte, durch 
Hitler am 18.2. 1936, baute Eva Braun ihre Stellung weiter aus. 
Schon Ende 1935 kaufte Heinrich Hoffmann im Auftrag Hitlers in 
Bogenhausen eine kleine Villa für sie (Kaufpreis 35000 RM), die sie 
am 30. 3.1936 bezog. 

Bis 1936 wohnte Eva Braun auf dem Obersalzberg immer im Platter¬ 
hof. Nach dem Weggang von Frau Raubal und dem Bau des Berghofs 
Mitte 1936, hielt Eva Braun auch Einzug auf dem Berghof und war 
hier nun mit ihren Schwestern und Freundinnen fester Bestandteil in 
Hitlers privater Umgebung. Sie konnte Anweisungen treffen, hatte 
einen kleinen Mercedes mit Chauffeur usw., war aber nicht Haus¬ 
dame sondern Gast am Berghof. Sie mußte bei allen offiziellen 
Anlässen im Hintergrund bleiben, was sie oft unleidlich und launisch 
machte. Sie litt sehr darunter, daß sie sich nie offiziell mit Hitler 
zeigen durfte. Erst als ihre Schwester Margarete am 3. 6. 1944 Her¬ 
mann Fegelein heiratete, dem sie sehr zugetan war, erhielt ihre 
Stellung einen gewissen offiziellen Status als Fegeleins Schwägerin. 
Am 26.10. 1944 schrieb Eva Braun unter dem Eindruck der immer 
kritischeren Kriegslage ihr Testament und fuhr am 21.11. 1944, als 
Hitler (mit Fegelein) am 20.11. 1944 das FHQ Wolfsschanze für 
immer verließ, nach Berlin, um am 10.12.1944, als Hitler im Sonder¬ 
zug in das FHQ Adlerhorst nach Bad Nauheim fuhr (Ardennenoffen¬ 
sive ), wieder nach München zurück zu fahren. Bereits am 19.1.1945 
war sie nach Hitlers Rückkehr mit ihrer Schwester Margarete wieder 
in Berlin. Am 6. Februar feierte sie ihren 33. Geburtstag, wobei sie 
den Mangel an guten Tänzpartnem beklagte (sh. Bormann-Letters). 
Am 9.2. 1945 fuhr sie mit ihrer Schwester Margarete wieder nach 
München zurück, um dann einen Monat später am 7. 3. 1945 (sh. 
Notiz Martin Bormanns v. 7.3. 1945: »Abends Eva B. mit Kurierwa¬ 
gen nach Bl. 20.14 Uhr«) bis zu ihrem Tbde in Berlin zu bleiben. 
Interessant ist in diesem Zusammenhang, was Frau Schroeder im 



286 


Er war mein Chef 


Zoller-Buch geschrieben hat (nicht gestrichen, korrigiert, sh. auch 
Brief an Zoller betreffend diese Steile): »Die beiden Aufenthalte 
Anfang 1945 in Berlin waren für Eva Braun voller Enttäuschung. 
Hitler, der seit einem Jahr noch strenger vegetarisch lebte, ver¬ 
langte von ihr, diese Kost mit ihm zu teilen. Sie beklagte sich oft bei 
mir: >Jeden Thg haben wir deshalb Streit miteinander, und ich kann 
nun mal dieses Zeug nicht essen. Überhaupt ist er diesmal so ganz 
anders als früher. Ich hatte mich so auf Berlin gefreut, aber nun ist 
er so ganz anders. Der Chef redet mit mir nur noch über das Essen 
und über Hunde.. .«< 

»Aufmerksamen Beobachtern«, schrieb Frau Schroeder in ihren 
stenographischen Aufzeichnung, »die bei den kleinen intimen 
Festen dabei waren, die Eva Braun in den letzten Wochen ihres 
Lebens in ihrem Berliner Zimmer der Reichskanzlei vor oder nach 
einem Luftangriff abhielt, konnte nicht entgehen, daß ihr Hermann 
Fegelein als Mann sehr gefiel und daß auch er das hübsche Mädchen 
überaus gern hatte.« 

Als Fegelein am 25.4. 1945 die Reichskanzlei verließ und nicht 
mehr zurückkam, erkundigte sich Eva Braun, wie verschiedene 
Zeugen später aussagten, immer wieder nach dem Verbleib Fege¬ 
leins. Am 26. 4. rief Fegelein Eva Braun von seiner Berliner Woh¬ 
nung in der Bleibtreustraße aus an und bat sie, Hitler zu verlassen 
und zu ihm zu kommen. Man kann sich vorstellen, was Eva Braun 
empfand, als sie nach der Verhaftung von Fegelein durch den SS- 
Sturmbannführer (Kriminaldirektor d. RSD) Peter Högl am 27. 4. 
1945 gegen Mitternacht, hörte, daß Fegelein in seiner Wohnung 
eine junge Frau bei sich gehabt hatte. Es ist anzunchmen, daß diese 
Enttäuschung mit ein wesentlicher Faktor war, ihrem Leben ein 
Ende zu setzen, bzw. ihr diesen Entschluß leichter machte. Fegelein 
wurde am 28. 4. 1945 gegen 23 Uhr erschossen. 

Am 28.4. 1945 heiratete Hitler Eva Braun einige Minuten vor 
Mitternacht und am 30.4. 1945 gegen 15.30 Uhr beging sie im Alter 
von 33 Jahren im Bunker unter dem Park des Reichskanzlerpalais 
(Wilhelmstraße) Selbstmord durch Gifteinnahme (Blausäure). 

11 Dr. med Karl Brandt, geb. 8.1. 1904 in Mühlhausen (Elsaß), stu¬ 
dierte nach dem Abitur an den Universitäten Jena, München, 
Berlin und Freiburg Medizin. 1928 Staatsexamen und Promotion 
an der Universität Freiburg. Anschließend chirurgische Fachaus¬ 
bildung im Krankenhaus Bergmannsheil in Bochum bei Prof. 
Magnus und Prof. Rostock. Im Januar 1932 trat er der NSDAP bei 
und lernte Hitler bereits im Sommer 1932 in Essen kennen. Nach 
dem Unfall Brückners im August 1933, wo Hitler auf ihn aufmerk¬ 
sam wurde, kam er im Sommer 1934 als Begleitarzt zu Hitler 
(Italienreise v. 14. bis 16.6. 1934). Im November 1933 wurde er 
Assistenzarzt bei Prof. Magnus an der chirurgischen Klinik in 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


287 


Berlin in der Ziegelstraße. Nach Eintritt in die SS am 29. 7.1934 als 
SS-Unterscharführer, wurde er in rascher Folge bis zum 20.4.1944 
zum SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen SS beför¬ 
dert. 

1937 wurde Dr. Brandt erster Arzt an der Chirurgischen Klinik in 
Berlin. Im Stabe der Reichskanzlei war er bis 1944 in Hitlers Nähe 
sowie in den FHQ’s oder bei Abwesenheit durch Dr. Haase oder Dr. 
von Hasselbach vertreten. Dr. Karl Brandt gehörte mit seiner Frau 
zum engeren und privaten Kreis Hitlers am Berghof. Am 5. 9. 1940 
wurde Dr. Brandt zum Professor ernannt. 1942 Ernennung zum 
Generalkommisar des Führers für das Sanitäts- und Gesundheits¬ 
wesen. 1943 wurden seine Aufgaben dahingehend erweitert, daß 
ihm die Herstellung von medizinischem Material sowie die medizi¬ 
nische Forschung unterstellt wurde. Am 25. August 1944 von Hitler 
zum Reichskommisar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen 
ernannt, mit Weisungsbefugnis gegenüber den Dienststellen des 
Staates, der Partei und der Wehrmacht. 

Nach dem Attentat auf Hitler am 20. 7. 1944 wurde Dr. Brandt im 
September 1944 aller seiner Aufgaben als Begleitarzt bei Hitler im 
Hauptquartier enthoben (sein Nachfolger wurde Dr. Stumpfegger), 
weil er Hitler mit Dr. von Hasselbach auf die Praktiken von Dr. 
Morell hinwies (Vergiftungsgefahr durch große Zahl von Antigas- 
Täbletten usw.). Doch Hitler, der meinte, ohne Morells Injektionen 
und Thbletten nicht leben zu können, legte dies wohl als einen 
Angriff auf sich selbst aus. Außerdem hatte Dr. Brandt 1944 eine 
schwere Auseinandersetzung mit Himmler wegen der Behandlung 
von Arbeitern in der synthetischen Benzin-Fabrik Nordhausen. 

Am 16. 4. 1945 wurde Dr. Brandt von der SS verhaftet und von SS- 
Gruppenführer Müller (Gestapo) einvemommen. Es wurde ihm 
eröffnet, daß er auf persönlichen Befehl Hitlers verhaftet worden 
sei, da er alle Frauen seines Stabes und auch seine eigene Frau mit 
Sohn, nach Bad Liebenstein und seine Mitarbeiter nach Garmisch 
geschickt hatte, damit sie in amerikanische Hände fallen, was ihm 
als Defaitismus ausgelegt wurde. Außerdem warf man ihm auf¬ 
grund eines Berichtes, den er am 1.4. 1945 an Hitler geschrieben 
hatte, mangelnden Glauben an den Endsieg vor. Es wurde ihm u. a. 
sein Bericht gezeigt, der Randanmerkungen von Hitler, wie »Lüge«, 
»Falschheit«, »Verräter« trugen (sh. Aussagen von Dr. Brandt, APO 
413, US-Army vom 18. 6. 1945). Am 17. 4. 1945 wurde er in Goeb¬ 
bels Büro vor ein Standgericht gestellt (Teilnehmer SS-General 
Berger, Reichsjugendführer Axmann und SA-Führer Granz), das 
ihn zum Tbde verurteilte. Der SS-Gruppenführer Müller eröffnete 
ihm am 18.4. im Gestapo-Gefängnis Potsdam, daß er am 19.4. 
erschossen werde. Anschließend wurde er nach Schwerin und spä¬ 
ter nach Kiel gebracht, wo er am 2.5. 1945 nach Hitlers Ibd auf 



288 


Er war mein Chef 


Anordnung von Speer freigelassen wurde. Am 13. 5. 1945 von der 
britischen Armee interniert, kam er nach Nürnberg, wo ihm im 
folgenden Ärzteprozeß die Teilnahme an medizinischen Versuchen 
an KZ-Häftlingen und an der Euthanasie vorgeworfen wurde 
(Emährungsversuche u.a.m.). Am 20.8. 1947 wurde Dr. Brandt 
von einem amerikanischen Militärgericht zum Tode verurteilt und 
am 2. 6. 1948 im Gefängnis Landsberg a. L. im Alter von 44 Jahren 
durch den Strang hingerichtet. 

12 Illustrierte Quick, Nr. 19 vom 5. 5.1983, Seite 156: »... Diese Auf¬ 
zeichnungen sind bis zum heutigen läge nicht veröffentlicht wor¬ 
den. Niemand hat sie gelesen. Und niemand kann sie lesen. Denn 
Christa Schroeder hat sie in einer nur ihr bekannten geheimen 
Kurzschrift abgefaßt.« 

13 Auch Frau Schroeder reagierte so, sh. z. B. die Bücher von Linge, v. 
Below, Hoffmann, Krause, Henriette v. Schirach usw. 

14 Sh. auch die Affaire von Frau Schroeder mit der Illustrierten 
Quick, Nr. 18 vom 5. 5. 1983 (S. 156), die mit einem Prozeß endete, 
obwohl Frau Schroeder ein entsprechendes Honorar angeboten 
wurde. »... Bis heute hat Christa Schroeder beharrlich geschwie¬ 
gen, hat Interviews verweigert, stattliche Honorare ausgeschlagen, 
die man ihr bot - obwohl sie Geld gut gebrauchen könnte...« 

15 Einmal erwähnte Frau Schroeder, daß sie sich als junges Mädchen 
dadurch in Steno trainierte, daß sie sich z. B. beim Spazierengehen 
jedes Straßenschild, Ladenanschrift usw. sofort in Steno vorstellte 
und so ihre Fertigkeit in Steno immer mehr steigern konnte. 

16 Die erste Geschäftsstelle der NSDAP wurde am 1.1.1920 in dem im 
Tal gelegenen Sterneckerbräu in München eingerichtet. Als Ende 
1921 größere Geschäftsräume benötigt wurden, zog man am 1.11. 
1921 in die Räume einer ehemaligen Gastwirtschaft in die Come- 
liusstraße 12. Aber auch diese Geschäftsstelle war für die wach¬ 
sende Partei nach einem Jahr schon wieder zu klein, so daß 1923 ein 
Tfeil der SA-Leitung in die Schellingstraße 39 verlegt wurde. Nach 
dem Putsch 1923 wurden die Geschäftsstellen aufgelöst und das 
Vermögen der NSDAP beschlagnahmt. Eine neue Geschäftsstelle 
der NSDAP entstand in einem Zimmer des Verlages Frz. Eher 
Nachf. in der Thierschstraße 15, als Hitler nach seiner Entlassung 
aus Landsberg die Partei am 17.2. 1925 neu gründete. Als diese 
Geschäftsstelle durch die laufend gestiegenen Mitglieder nicht 
mehr ausreichte, wurden am 4. 6. 1925 im Rückgebäude der Schel¬ 
lingstraße 50 mehrere Räume gemietet. Obwohl nach einiger Zeit 
das gesamte Hinterhaus und später auch im Vorderhaus eine 
Anzahl von Räumen gemietet wurden, genügte es bald den wach¬ 
senden Ansprüchen der Parteileitung nicht mehr. 

17 Die »Persönliche Adjutantur des Führers<, die im Februar 1933 in 
der Reichskanzlei eingerichtet wurde, hatte kein eigentlich fest 



289 


Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


umrissenes Arbeitsgebiet oder Referate bzw. Sachgebiete für 
ständige Angelegenheiten. Sie war eher eine Verbindungs- und 
Vermittlungsstelle zu den Staatsstellen, Parteiämtem und Wehr¬ 
machtsstellen. In ihr wurden im wesentlichen die unzähligen an 
Hitler gerichteten Gesuche, Bitten und Anregungen durchgese¬ 
hen, gesichtet und an die zuständigen Stellen weitergeleitet. Alle 
wichtigen und geheimen Angelegenheiten wurden von den 
betreffenden Staats-, Partei- und Wehrmachtsstellen direkt an 
Hitler herangetragen. Gewisse Anordnungen und Befehle von 
Hitler wurden zwar durch die Adjutanten Brückner und Schaub 
weitergegeben, sogar Bestätigungen von Todesurteilen (s. Nach¬ 
kriegsprozesse gegen Brückner und Schaub, bei denen aber beide 
freigesprochen wurden), doch im wesentlichen gehörten zu den 
Aufgaben der Persönlichen Adjutantur die Vorbereitungen von 
Reisen, Festlegen von Terminen und Organisation sowie reprä¬ 
sentative Vertretung bei den Empfängen jeder Art. Alle geheimen 
und wichtigen Befehle und Anordnungen wurden von Hitler 
direkt und persönlich an die betreffenden Minister, Reichsleiter 
und Ressortchefs erteilt. 

Nach einer Anordnung Hitlers vom 17.11. 1934, die von Bouhler, 
dem Chef der >Kanzlei des Führers der NSDAP<, am 1.2. 1935 
herausgegeben wurde, gehörten zur Persönlichen Adjutantur des 
Führers: Brückner, Wiedemann, Ebhardt, Wemicke, Schroeder, 
Schreck, Kempka und Meyer. Weiter heißt es in der genannten 
Anordnung Bouhlers: »Die gesamte für den Führer und Reichs¬ 
kanzler in der Reichskanzlei eingehende Post wird wie bisher von 
den Pgg. Kampf sen. und Müller gesichtet, jedoch werden die 
Briefe gleich hier für die drei Dienststellen: Kanzlei des Führers 
der NSDAP, Privatkanzlei und Adjutantur, nach den für das Ein¬ 
laufamt gegebenen Anweisungen getrennt... Die Adjutantur 
erhält alle persönlichen Einladungen für den Führer usw.« 

18 Wilhelm Brückner, geb. 11.12. 1884 in Baden-Baden, machte 
nach dem Besuch des Realgymnasiums das Abitur und war 
anschließend vom 1.10. 1904 bis zum 30.9. 1905 als einjähriger 
Freiwilliger (Kgl. sächs. Inf. Reg. Nr. 105) in Straßburg. Bis 
August 1914 Studium an der Techn. Universität in München und 
Werkstudent in Baden-Baden, Frankfurt/M. und München. Vom 
3.8. 1914 bis zum 15.6. 1918 Militärdienst (Frankreich und 
Rumänien), bei Ende des Ersten Weltkrieges Oberleutnant und 
Kompanieführer. Brückner blieb bis zum 28.2. 1919 bei der 
Reichswehr (Ersatzbataillon) und bis zum Spätherbst 1919 beim 
Freikorps Epp in München. 

Von 1919 bis 1922 arbeitete Brückner als Ingenieur beim Film 
(Aufnahmetechnik) bei Arnold & Richter in München und stu¬ 
dierte zwischendurch an der Universität München. Von 1922 bis 




290 


Er war mein Chef 


zum Putsch 1923 SA-Führer (Regiment München) bei der 
NSDAP (Hauptamtlich bei der NSDAP angestellt vom 1.1. 1923 
bis zum 31.12. 1924). Nach dem Putsch inhaftiert und nach der 
frühzeitigen Entlassung am 1.4. 1924 war er beim Frontbann und 
studierte zwischendurch 4 Semester Volkswirtschaft und Ge¬ 
schichte, gab aber 1925 das Studium auf. Von 1925 bis Ende 1928 
war er Generalsekretär im Verein für das Deutschtum im Aus¬ 
land in München und anschließend als Tbnnistrainer, Skilehrer 
und Vertreter für Sportartikel tätig, bis er am 1. 8. 1930 Adjutant 
Hitlers wurde. Am 1.7. 1932 zum SA-Oberführer, am 1.3. 1933 
zum SA-Gruppenführer und am 1.9. 1934 zum SA-Obergruppen- 
führer befördert. 

Am 18.10. 1940 wurde Brückner von Hitler als Chefadjutant ent¬ 
lassen (»Ich habe den ewigen Ärger mit der Adjutantur satt«, sagte 
Hitler zu Brückner), er trat am 1.6. 1941 als Major d. R. in die 
Wehrmacht im Stabe des Feldkdtr. in Nevers (Frankreich) ein. 
Anschließend Kreiskommandant in Dijon und Macon. 1943 Beför¬ 
derung zum Oberstleutnant d. R. Ab September 1944 Rückzug über 
Antun-Nesvul-Belforc-Tham. Im Oktober 1944 Kampfkomman¬ 
dant und Rgt. Kdtr. in Oberschulheim und Storzheim. Am 24.11. 
doppelter rechter Knöchelbruch, Behandlung in den Lazaretten 
Holzkirchen und TVaunstein. Nachträgliche Beförderung zum 
Oberst d. R. am 1. Dezember wegen Bewährung beim Fronteinsatz 
im Elsaß. Am 4. 5. 1945 wurde er im Lazarett TVaunstein von der 
7.US-Armee interniert und blieb bis zum 22.9. 1948 in Haft. 
Wilhelm Brückner starb am 18. 8. 1954 in Herbsdorf bei Traunstein 
im Alter von 70 Jahren. 

19 Sh. Musmano papers in der University Library der Duquesne 
University in Pittsburgh (Pennsylvania) und Schweizerische Allge¬ 
meine Volkszeitung, Nr. 42, 43 und 44, Zofingen vom 25.10. 1947 

20 Johanna Wolf, von Hitler und seiner Umgebung auch >Wolferl< 
genannt, wurde am 1.6. 1900 in München geboren. Besuch der 
Volks- und Berufsschule, anschließend praktische Bürotätigkeit. 
1922 bis 1928 arbeitete sie überwiegend für den Landtagsabgeord¬ 
neten Dr. Alexander Glaser, der 1924 die Fraktion »Völkischer 
Block< übernahm. 1923 war sie auch einige Zeit für Dietrich Eckart 
tätig, den Hitler sehr verehrte, was sich wohl später auch auf Frau 
Wolf übertrug. Im Mai 1928 arbeitslos, da sie Dr. Glaser aus 
finanziellen Gründen nicht mehr beschäftigen konnte. Auf Emp¬ 
fehlung anschließend bei Gregor Strasser als Sekretärin im Gau 
Niederbayem-Oberpfalz. Als der Gau wieder zur Oberpfalz kam, 
kurze Tätigkeit im Kampfbund f. deutsche Kultur, und als für die 
Privatkanzlei Hitlers im Herbst 1929 eine Schreibkraft gesucht 
wurde, kam sie am 1.11.1929, wo sie auch in die NSDAP eintrat, in 
die Reichsleitung der NSDAP zu Rudolf Heß, der damals noch 





Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


291 


Privatsekretär Hitlers war. Arbeitete für Heß und ab 1930 auch für 
Hitlers Adjutanten Wilhelm Brückner. Fr. Wolf hatte sich aber 
auch für anfallende Diktate Hitlers zur Verfügung zu halten. Nach 
der Machtübernahme 1933 durch Hitler ging sie zeitweise mit nach 
Berlin, wo sie in der Kanzlei Hitlers und später in der Persönlichen 
Adjutantur als Sekretärin Hitlers arbeitete. Im Krieg war sie auch 
in den verschiedenen FHQ’s Hitlers, fiel jedoch öfters wegen 
Krankheit aus, außerdem vertrug sie die Flüge und Autofahrten 
nicht besonders. 

In der Nacht vom 21. auf den 22. 4. 1945 wurde sie zusammen mit 
Frau Schroeder von Hitler verabschiedet und angewiesen, Berlin 
zu verlassen. Flug vom Flugplatz Tempelhof nach Salzburg und 
von dort auf den Berghof. Dort blieb sie bis zum 27. April 1945 und 
fuhr dann zu ihrer Mutter nach Bad Tölz, wo sie am 23. Mai 1945 
von CIC-Leuten der 7. US-Armee inhaftiert und in das Lager Augs¬ 
burg gebracht wurde, wo sie auch Frau Schroeder wieder traf. Dort 
gab es wohl, wie aus den stenographischen Aufzeichnungen von 
Frau Schroeder vom 28. 5. 1945 hervorgeht, einige Schwierigkeiten 
zwischen den beiden Frauen: »... Johanna Wolf wohnte im Neben¬ 
haus. Da ich damals die Absicht hatte, auch nach meiner Entlas¬ 
sung im Lager zu bleiben und für den Ami zu arbeiten [damit meint 
Frau Schroeder Albert Zoller], was ihr bekannt geworden war, 
sprach sie bei einem Spaziergang derart spitz in ihrer bekannten 
Art davon, >daß sie lieber Reinemachefrau würde, als nur eine 
Stunde länger hier zu bleibem, daß es mir ganz klar war, daß dies 
auf mich ging. Zur Rede gestellt, wich sie natürlich wie immer aus 
und sagte, daß sie mir ja keine Vorschriften machen könne. Wir 
kamen dadurch innerlich ganz auseinander. Irgendwie war sie 
eifersüchtig. Vielleicht hatte sie gehört, daß B. [Capt. Bernhard, 
alias Albert Zoller] täglich zu mir kam. Sicher meinte sie auch, daß 
ihre Entlassung durch ihn hinausgezögert worden sei...« 

Frau Wolf kam von Augsburg in die gleichen Gefängnisse und 
Lager wie Frau Schroeder und wurde am 14.1. 1948, also vier 
Monate früher als Frau Schroeder. aus der Internierung entlassen. 
Nach ihrer Entlassung lebte sie in Kaufbeuren und dann, nach dem 
Tbde ihrer Mutter, in München, wo sie am 5. 6. 1985 im Alter von 85 
Jahren gestorben ist. 

Dr. Karl Brandt charakterisierte sie nach dem Kriege (s. Schweize¬ 
rische Allgemeine Volks-Zeitung, Nr. 43 vom 20.10. 1947) folgen¬ 
dermaßen: 

»Fräulein Wolf, die frühere Privatsekretärin von Dietrich Eckart, 
war Hitlers älteste Sekretärin. Sie verfügte über besondere 
menschliche Qualitäten. Ohne jedes Geltungsbedürfnis nahm sie 
ihre sehr wichtige und einflußreiche Stellung ein. Sie führte ein 
bescheidenes Leben und in ihrer Freizeit zog sie sich stets zu ihrer 



292 


Er war mein Chef 


achtzigjährigen Mutter zurück. Fräulein Wolf bemühte sich auch 
stets, interne Differenzen, Eifersüchteleien und Intrigen zu beseiti¬ 
gen. Sie war Hitler eine ergebene und treue Mitarbeiterin und 
setzte ihre ganze Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Gesundheit 
ein. In den letzten Jahren versuchten oft jüngere Mitarbeiterinnen 
auf unschöne Weise das alternde Fräulein Wolf zurückzudrängen. 
Der Grund dafür aber, daß sie sich etwas zurückzog, lag allein in 
ihrem angegriffenen Gesundheitszustand. Sie litt an einem Herz¬ 
fehler und an einem chronischen Gallenleiden. Lange Autofahrten 
und Flüge konnte sie nicht mehr vertragen. Hitler zeigte sich stets 
sehr besorgt um sie und verlangte laufende ärztliche Kontrolle und 
die notwendige Behandlung.« 

21 Sh. Kommentar der »Stuttgarter Zeitung«, Nr. 98 vom 10. 9. 1947 

22 Nach einer stenographischen Notiz von Frau Schroeder (6.3. 1939) 
war Lav Alkonic, »...41 Jahre alt, 1,86 groß, dunkel, leicht graume¬ 
liert, sehr sportlich, Professor der Geschichte und Philosophie, 
Jagdflieger a. D., schwer abgestürzt, aber alles gut verheilt.« 

23 Da Frau Schroeder mit dem Jugoslawen Lav Alkonic verlobt war, 
fragte sie Hitler Anfang 1939: »Mein Führer, wie würden Sie sich 
verhalten, wenn sich eine Ihrer Sekretärinnen mit einem Jugosla¬ 
wen verheiraten würde?« Hitler antwortete: »Das kommt gar nicht 
in Frage.« Frau Schroeder machte daraufhin den Einwand, daß die 
Sekretärin ja Weggehen könnte. Hitler entgegnete kalt: »Das würde 
ich zu verhindern wissen.« (Sh. auch Notiz eines tel. Gespräch 
Christa Schroeder am 29.10. 1971 mit Frau Elke Fröhlich.) 

24 Aus einem Brief an ihre Freundin Johanna Nusser, den Frau 
Schroeder am 22.2. 1941 vom Berghof schrieb, geht hervor, daß 
Frau Schroeder Schwierigkeiten hatte: 

»... Inzwischen habe ich auch mit den betr. Herrn über L. [Lav 
Alkonic] gesprochen. Der »Verdacht« fußt lediglich auf Djuksiö’s 
Schreiben, das seinerzeit von der Postprüfstelle Wien zurückbehal¬ 
ten wurde. Um L. von dem Verdacht, den er selbst verschuldet hat, 
zu befreien, blieb mir nichts anderes übrig, als der Wahrheit gemäß 
zu antworten. Die Formulierung ist viell. nicht ganz glücklich, aber 
ich wußte nicht, wie ich es der Gestapo anders plausibel machen 
sollte, daß die so schwerwiegende Bemerkung von L. selbst kon¬ 
struiert wurde. Hoffentlich ist die Sache nun abgetan. Aber in 
Anbetracht dieses Vorganges können wir ihm - jedenfalls so lange 
der Krieg dauert - nicht schreiben. Dies riet mir auch der General¬ 
konsul v. Neuhausen aus Belgrad, mit dem ich auf einer Einladung 
von General Hanesse im ehern. Rothschild-Palais zusammentraf. 
Neuhausen war nicht entzückt von L., er habe einige geschäftliche 
TYansaktionen gemacht, die nicht sehr fair gewesen wären. Außer¬ 
dem glaube er, daß L. mit dem dortigen Generalstab zusammenar¬ 
beite. »Sie verstehen, was ich damit meine«, sagte er wörtlich. Und 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


293 


selbst, wenn ich mir nicht das Geringste zu schulden kommen ließe, 
könne der >Andere< Gespräche, die er angeblich mit mir geführt 
haben will, konstruieren, also Hand ab. 

Der Gestapo-Mann erwähnte dann noch, daß L. bei deutschen 
Firmen mit >seinen Beziehungen zur RK< [Reichskanzlei) hausieren 
gehe. Wieviel wahres daran ist, läßt sich schlecht feststellen. Auf 
jeden Fall sagte ich, das dürfe man nicht so tragisch nehmen, das 
täte jeder andere auch. Hoffentlich gibt sich das O. K.W. mit 
meinem Schreiben zufrieden, nicht daß sie noch weiter in der Sache 
rumfieseln...« 

25 Alfred Jodl, geb. 10.5. 1890 in Würzburg, zog 1895 mit seinen 
Eltern nach Landau und besuchte ab 1899 in München das There- 
siengymnasium. 1903 Aufnahmeprüfung in die Kadettenanstalt. 
1910 Dienst als Fähnrich in 4.bayr. Feldart. Rgt. in Augsburg. 
Anschließend Kriegsschule in München, 1912 Beförderung zum 
Leutnant (4.bayr. Feldart. Reg.). 1914 als Frontoffizier im Ersten 
Weltkrieg (Oktober 1914 verwundet). 1917 als Oberleutnant Adju¬ 
tant beim Art. Kdr. des 8. bayr. Infdv. Nach dem Krieg bei der 
Reichswehr (Gebirgsart. Landsberg) und 1920 Ausbildung zum 
Generalstabsoffizier in München, am 5.5. 1921 Beförderung zum 
Hauptmann. Lernte Hitler 1923 bei politischen Versammlungen 
kennen. 1931 Major und ab 1932 zum Reichswehrministerium (T 1) 
nach Berlin versetzt. 1933 Oberstleutnant und 1935 als Oberst in 
den ab Februar 1934 so bezeichneten Wehrmachtsamt des Reichs¬ 
kriegsministeriums. 

Bei der Neugliederung des Oberkommandos der Wehrmacht 
(OKW) am 7.2. 1938 Leiter der Abt. Landesverteidigung. Vom 1.10. 
1938 bis 22. 8. 1939 Art. Kdr. 44 in Wien (April 1939 Generalmajor). 
Ab dem 23. 8. 1939 im OKW Chef des Wehrmachtsführungsamtes 
(ab 1.1. 1942 Wehrmachtsführungsstab). Als Hitlers persönlicher 
Stabschef beriet er ihn in strategischen und taktischen Fragen. 
Hitler schätzte Jodl sehr, vielleicht auch deswegen, weil er Bayer 
war und nicht der adeligen preußischen Offizierskaste entstammte, 
die Hitler nicht leiden konnte. 1940 zum General d. Art. und 
am 30.1. 1944 zum Generaloberst befördert. Am 7.5. 1945 in Reims 
Unterzeichnete Jodl im Auftrag von Dönitz die Tbilkapitulation 
der Wehrmacht vor den westlichen Alliierten. Mit der Regierung 
Dönitz am 23. 5. 1945 in Mürwik bei Flensburg interniert, wurde 
er im Nürnberger Prozeß am 30. 9. 1946 zum Tbde verurteilt und 
am 16.10. 1946 im Alter von 56 Jahren durch den Strang hinge¬ 
richtet. 

26 Johanna Nusser war eine langjährige Freundin von Frau Schroe- 
der, die später auch bei dem Spruchkammerverfahren als Zeugin 
aussagte und Frau Schroeder nach ihrer Entlassung aus der Inter¬ 
nierung half. Sie gab ihr 1950 die noch vorhandenen Briefe zurück, 




294 


Er war mein Chef 


die Frau Schroeder an sie aus Berlin, dem Berghof und den Führer¬ 
hauptquartieren geschrieben hatte. Teile davon hat Frau Schroe¬ 
der auch David Irving z. Verfügung gestellt, der sie dem Institut für 
Zeitgeschichte in München übergab. Dies sind aber nur Teile und 
teilweise überarbeitete Versionen von Frau Schroeder. 

27 Die Stellen und Anlagen, von denen aus Hitler seine Feldzüge 
leitete, wurden >Führerhauptquartier< (FHQ) genannt. Hitler gab 
den einzelnen Quartieren, die je nach den Feldzügen wechselten, 
verschiedene Namen, wobei er seinen Decknamen >Wolf< aus der 
Kampfzeit bevorzugte, den er von Adolf = Arwolf ableitete (Aus¬ 
sage Ada Klein). Frau Schroeder hat folgende Daten notiert, die 
aber nicht ganz mit den zeitgeschichtlich abgesicherten Daten 
übereinstimmen: 

»1. Führerhauptquartier im Polenfeldzug: 4.9. 1939 Führer-Son¬ 
derzug, a) Bad Polzin, TYicheler Heide, Großbom. 

10.5-5.6. 1940: FHQ >Wolfsschlucht< bei Bruly de P&sche an der 
beig. franz. Grenze. 

27.6. -5.7.1940: FHQ >Tanneberg< in Kniebis im nördlichen 
Schwarzwald. 

Ab 24. 6. 1941: FHQ >Wolfsschanze< bei Rastenburg, Bhf. >Görlitz<. 

16.7. -30.10. 1942: FHQ >Werwolf<, Mala Michalowska bei Win- 
niza. 

10.12.44-15.1. 1945: FHQ »Adlerhorsts Wiesental bei Ziegelberg 
im Taunus. 

Ab 16.1. 1945: FHQ in Berlin RK.« 

28 Hitlers Haus in Obersalzberg wurde nach dem Um- bzw. Neubau 
1936 >Berghof< genannt. In Hitlers Stab und im engeren Kreis 
wurde aber nur vom >Berg< gesprochen. »Auf dem Berg«, »am Berg« 
usw. waren in diesem Kreis die gängige Bezeichnung dafür. 

29 Sh. Anmerkung 20. 

30 Heinrich Hoffmann, geb. 12. 9. 1885 in Fürth, arbeitete nach dem 
Schulbesuch im Fotogeschäft seines Vaters. 1908 kam er nach 
München und war da als selbständiger Fotograf tätig. Im 1. Welt¬ 
krieg Bildberichterstatter. Veröffentlichte 1919 einen Bildband 
über die Räterepublik. Als 425tes Mitglied trat er, nachdem er 
Hitler kennengelemt hat, am 6. 4. 1920 der NSDAP bei. Er erhielt 
von Hitler das ausschließliche Recht, Bilder und Bildberichte von 
Hitler zu veröffentlichen. Dadurch war es Hoffmann möglich, 
einen großen Bildverlag mit Filialen in Berlin und Wien aufzu¬ 
bauen. 1933 Mitglied des deutschen Reichstags, 1938 verlieh ihm 
Hitler den Titel Professor. Nach dem Krieg im Mai 1945 in München 
von der US-Armee interniert, wurde er am 31. Mai 1950 entlassen. 
Hoffmann starb am 16.12. 1957 im Alter von 72 Jahren in München. 
Nach Frau Schroeders Anmerkungen im Zoller-Buch stammen die 
Seiten 219-225 von Heinrich Hoffmann. Trotzdem hat sie den Text, 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


295 


betreffend dem angeblichen Paratyphus Hoffmanns mit rotem 
Kugelschreiber folgendermaßen korrigiert: 

».. Hoffmanns Beteuerungen und das ärztliche Gutachten, daß er 
niemals Paratyphus gehabt hatte, konnten Hitler nicht überzeugen, 
er vermied es auch fernerhin mit seinem >Hoffotografen< zusammen 
zu kommen und verschloß sich allen seinen Rechtfertigungen. 
Hoffmann war später der Meinung, daß Bormann Hitler eingeredet 
hatte, es habe sich Hoffmanns Sohn, der ebenfalls Heinrich hieß, in 
Wien untersuchen lassen und das Attest laute also auf dessen 
Namen, nicht auf den des Vaters.« (Der letzte Satz ist gestrichen). 
Weiter auf Seite 226 gestrichen: »... nachdem er Brückner aus dem 
Wege geräumt hatte« und »... daß Hitler mit Schaub eine aufrich¬ 
tige Freundschaft« verband. 

31 Hier handelt es sich um Helene Maria v. Exner, geb. 16.4. 1917 in 
Wien. Sie stammte aus einer Wiener Arztfamilie und arbeitete nach 
Realgymnasium und Ausbildung an der Wiener Universität als 
Diätassistentin. Vom 22. 9.1942-9. 7.1943 war sie als Diätköchin 
bei Marschall Antonescu in Bukarest, bevor sie am 15. 7.1943 zu 
Hitler kam. Als Fritz Darges, der als Ersatz für den am 18.10. 1940 
entlassenen Max Wünsche Ende 1940 Hitlers Adjutant wurde, sich 
in sie verliebte, wurde gegen Ende 1943 ihre arische Abstammung 
überprüft. Dabei stellte sich heraus, daß in der Linie ihrer Gro߬ 
mutter jüdische Vorfahren waren. Hitler entließ sie daraufhin am 
8. Mai 1944. Offiziell wurde sie in Urlaub geschickt und ging nach 
Wien zurück. Hitler veranlaßte später die >Arisierung< der Familie 
Exner, was Bormann durchführen mußte. Frau v. Exner heiratete 
später und lebt heute in Österreich. 

32 Albert Zoller, geb. 14. 5. 1904 in Metz, flüchtete bei der Besetzung 
Frankreichs in den von der deutschen Wehrmacht nicht besetzten 
südöstlichen Tbil Frankreichs (Vichy-Regierung), um von da später 
in die nordfranzösischen Kolonien Algerien und Marokko überzu¬ 
wechseln. Als Angehöriger einer Spezialeinheit war er im Novem¬ 
ber 1942 (3. bis 7.11. 1942, brit.-amerik. Landung in Franz. Nord¬ 
afrika) mit der Durchführung der Landung der Alliierten beteiligt. 
Nach einiger Zeit als französischer Verbindungsoffizier bei der 
8. britischen Armee (General Bernhard Montgomery) in TVmesien, 
machte er anschließend mit dieser die Landung in Sizilien (10. 7. 
1943) und Italien mit. Er trat dann als Verbindungsoffizier (franz. 
TVuppen unter General de Lattre) zu der 7. amerikanischen Armee 
(General Alexander Patchs) über, mit der er am 15. 8. 1944 in Süd¬ 
frankreich landete. Anschließend Feldzug mit der 7. US-Armee bis 
Berchtesgaden. 

Zoller spezialisierte sich im Laufe des Feldzuges auf die Einver¬ 
nahmen von deutschen Gefangenen, wo er schnell zum Fachmann 
für Radarfragen avancierte. Er verhörte sowohl deutsche Wissen- 



296 


Er war mein Chef 


schaftler und Techniker als auch zahlreiche hohe Wehrmachtsoffi¬ 
ziere. Als die 7. amerikanische Armee Süddeutschland und Tirol be¬ 
setzte, wurden viele Größen des Dritten Reiches, die sich nach dort 
abgesetzt hatten, gefangengenommen. In einem provisorischen Ge¬ 
fangenenlager in Augsburg (Bärensiedlung) wurden sie gesammelt 
und durch das CIC-Center der 7. US Armee einvemommen. Zoller 
hat dort als Angehöriger des 7th US Army Interrogations Center 
viele prominente Größen des Dritten Reichs einvemommen. 

33 Frau Schroeder sagte, daß sie die Skizzen Hitlers auf der Tbrrasse 
des Berghofs aus einem Schuhkarton genommen habe, als Schaub 
gerade wieder in Hitlers Arbeitszimmer ging, um den Panzer¬ 
schrank weiter auszuräumen. 

34 Hier handelt es sich um die Töchter von Hitlers Halbschwester, 
Angela Raubal, geborene Hitler. Ihre Töchter, Angela Maria Rau- 
bal, genannt >Geli<, wurde am 4. 1. 1908 in Linz geboren, Volks¬ 
schule und anschließend Staats-Realschule in Linz. Am 14. 7. 1924 
besuchte die 16jährige Geli mit ihrem Bruder Leo Hitler im Ge¬ 
fängnis Landsberg a. L. und lernte dort ihren berühmt gewordenen 
Onkel kennen. 1925 besuchte sie ihn wieder in München auf einem 
Schulausflug. Nach dem Abitur 1927 holte Hitler die 19jährige, de¬ 
ren Mutter seit März 1927 Hitlers Haushalt im Haus Wachenfeld 
führte, nach München, wo sie sich am 7.11. 1927 an der Universität 
München als Studentin der Medizin immatrikulierte. Sie kam im 
Oktober 1927 nach München und wohnte in der Pension >Klein< in 
der Königinstraße 43/0. Nach kurzer Zeit brach sie das Medizinstu¬ 
dium im Wintersemester 1927/28 ab und begann dann eine Ge¬ 
sangs- und Musikausbildung im Gesangsstudio Streck in der Ge- 
donstraße. Am 5. 7. 1928 fuhr sie nach Linz zurück, da ihr Paß am 
18. 7. 1928 abgelaufen war. Einen Monat später, am 5. 8. 1928 kam 
sie wieder nach München und wohnte dann in der Thierschstraße 
bei Rupprecht, wo in der Nähe auch Hitler seit dem 1.5. 1920 
wohnte (Thierschstraße 41). Als Hitler am 10. 9. 1929 eine 9 Zim¬ 
merwohnung am Prinzregentenplatz 16 im zweiten Stock mietete, 
nahm er am 5.11. 1929 Geli in seiner Wohnung auf. Der um 19 Jahre 
ältere Hitler verliebte sich in seine lebenslustige Nichte und nahm 
sie überall mit hin. Als Geli 1931 einen 16 Jahre älteren Violinisten 
aus Linz heiraten wollte (Aussage ihrer Mutter am 17.5. 1945 in 
Berchtesgaden; CIC, lOlst Airborne Division), Hitler und seine 
Schwester ihr aber den Umgang mit ihm untersagten, erschoß sich 
die 23jährige Geli am 18.9. 1931 nach einem Streit mit Hitler in 
Hitlers Wohnung in München (Schuß in die Herzgegend von oben; 
verblutet). Die wahren Umstände und Gründe des Selbstmordes 
konnten nie geklärt werden. Man kann aber annehmen, daß sie - 
wenn es kein Unfall war - durch die Reglementierung ihres Lebens 
durch Hitler, in einem Moment der Ausweglosigkeit Selbstmord 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


297 


beging. Ihre Mutter sagte im Mai 1945 vor d. CIC in Berchtesgaden 
aus, »... daß diese Handlung ihrer Töchter für sie unerklärlich 
war.« Wörtlich sagte sie: »... Ich kann es nicht verstehen, warum 
sie es tat. Vielleicht war es ein Unfall, und Angela tötete sich, 
während sie mit der Pistole spielte, die sie sich unter der Hand von 
ihm (A. H.) beschafft hatte.« Die Leiche von Geli wurde nach Wien 
überführt und dort am 21. 9. 1931 im Wiener Zentralfriedhof bei¬ 
gesetzt. Ihre Zimmer in Hitlers Wohnung und im Haus Wachen¬ 
feld wurden von Hitler verschlossen. Erst am 25. April 1945 beauf¬ 
tragte Hitler Schaub mit der restlosen Vernichtung von Gelis 
gesamten persönlichem Besitz. 

35 Aus den stenographischen Aufzeichnungen von Frau Schroeder 
geht eindeutig hervor, daß Frau Schroeder dem Capt. Bernhard, 
alias Albert Zoller, freundlich gesinnt war, ihn sympathisch fand 
und die von ihm gewünschten Aufzeichnungen nicht unter sonder¬ 
lichen Zwängen gemacht hat. Dafür sprechen u. a. folgende Stel¬ 
len aus den Stenoaufzeichnungen: 

28.5. 1945: »...Nach 2 lägen Verhör durch Capitaine Albert 
Bernhard, Franzose, sehr verbindlich. Ich wurde aufgefordert, 
schriftliche Arbeiten anzufertigen über die Einstellung des Füh¬ 
rers zu seinen ersten Mitarbeitern. B. kam zunächst alle paar läge 
und gab mir immer neue schriftliche Anordnungen... B. kommt 
jetzt täglich. Ich arbeite fleißig und trage Material zusammen... 
Die unsympathische Kaiser kam zu Besuch. B. führte sie aus. 
Herz weh!« 

21.5. 1945: »... wurde nach wochenlagen Vermutungen das Lager 
[Augsburg] tatsächlichen verlegt und zwar nach M. Seckenheim. 
Großes Gepäck mußte abgegeben werden. Beratung mit B. und 
dann gab ich es doch fort... B. hat meine Bitte erfüllt und war 
über Reutlingen gefahren. Unterwegs kam er an das Auto, auf dem 
ich mit Annemarie Schauermann und dem Amerikaner Limburger 
saß. Er flüsterte mir, mich mit Augen suchend, zu, daß er nichts 
erreicht hätte... B. schien durch die Bildergeschichte sehr verär¬ 
gert. [Hier handelt es sich um die Ölbilder, die Frau Schroeder 
vom Berghof mitgenommen hatte.] Er setzte sich für mich ein, 
jedenfalls sagte er es, konnte jedoch nichts erreichen. Ich war sehr 
unglücklich, spielte wieder mal mit dem Gedanken, Schluß zu 
machen. Mehr als einmal fühlte ich nach der im Rock eingenähten 
Phiole mit der Blausäure. 

B. kam jetzt seltener. Die Arbeit war ziemlich beendet. Sie muß 
nur noch nachgefeilt werden und Lichter bekommen... 

In Seckenheim war ich aus vielerlei Gründen unglücklich. B. kam 
sehr selten, der Verlust der Bilder, der Diebstahl meiner letzten 
Habseligkeiten, die frostige Atmosphäre...« 

10.9. 1945: »B. war kurz da, um sich zu verabschieden für einige 



298 


Er war mein Chef 


Thge. Hoffentlich müsse ich nicht nach Nürnberg, dann sähe er 
schwarz... B. sagte, ich solle mir auf jeden Fall die Adresse von Kr. 
merken...« 

Auch ihre Differenzen mit Johanna Wolf im Lager Augsburg (sh. 
Anmerkung 20), sprechen für ihre damalige, wenn auch kurze, 
Sympathie für Zoller und auch ihre, zumindest zeitweilige Absicht, 
»... auch nach meiner Entlassung im Lager zu bleiben und für den 
Ami zu arbeiten...« 

35a Sh. Anmerkung 181 

35b Sh. Anmerkung 360 

35c Hans Frank, geb. 23. 5. 1900 in Karlsruhe, nach dem Abitur Stu¬ 
dium der Rechtswissenschaften in München, 1923 Eintritt in die 
NSDAP und Beteiligung am Putsch. Promotion 1924 und ab Mai 
1927 mit Heinrich Heim Rechtsanwaltpraxis in München (vertei¬ 
digte öfter Hitler). Ende 1927 Leiter der Rechtsabteilung und 
Mitglied der Reichsleitung d. NSDAP. 1930 Mitglied des Reichs¬ 
tags. März 1933 Staatsminister d. Justiz in Bayern, Führer d. 
Bundes nationalsozialistischer Deutscher Juristen, SS-Obergrup- 
penführer. 1939 Generalgouverneur in Polen. 1945 inhaftiert, 
wurde Frank im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß zum Tbde 
verurteilt und am 16.10. 1946 im Alter von 46 Jahren durch den 
Strang hingerichtet. 

36 Ich glaube nicht, daß diese Version von Frau Schroeder stimmt. 
Nach ihrer Entlassung aus der Internierung scheint Frau Schroeder 
bereit gewesen zu sein, mit Zoller zusammenzuarbeiten, und sie 
scheint auch mit einer Veröffentlichung des Buches in Deutschland 
unter ihrem Namen, zumindest am Anfang, einverstanden gewesen 
zu sein. Dafür spricht auch Zollers Einführung in der französischen 
Ausgabe seines Buches und das stenographische Fragment eines 
Briefes vom 1. 12. - höchstwahrscheinlich von 1948 -, das nur an 
Zoller gerichtet gewesen sein kann. 

Aus der Einführung Zollers in der zuerst erschienenen französi¬ 
schen Ausgabe seines Buches >Douze ans auprös d’Hitler< von 1949 
(Seite 10): 

»... Keiner dieser Herren war jedoch in der Lage, Hitler mit der 
Fähigkeit zu analysieren, die derjenigen der jungen Frau vergleich¬ 
bar war; sie [Frau Schroeder] verstand es, seine Persönlichkeit mit 
einem Scharfblick, einer Beobachtungsgabe und einer Treffsicher¬ 
heit heraufzubeschwören, die ihrem Bericht den Stempel absoluter 
Aufrichtigkeit verleihen. 

Bei der Auflösung des >7th Army Interrogation Center< im Dezem¬ 
ber 1945 wurde sie als Zeugin nach Nürnberg gebracht, und ich 
verlor sie dann aus den Augen. Von einem deutschen Entnazifizie¬ 
rungsgericht wurde sie in der Folge zu einer zweijährigen Haft¬ 
strafe in einem Internierungslager verurteilt. Nach Verbüßung 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


299 


ihrer Haftstrafe fand sie Aufnahme in einer religiösen Ordensge¬ 
meinschaft, wo sie zu groben Küchenarbeiten herangezogen wurde. 
Dort bin ich ihr wieder begegnet. Wir beschlossen gemeinsam, 
dieses Buch zu verfassen, in der ausschließlichen Absicht, die 
Charakterzüge Hitlers festzuhalten und seine psychische Verfas¬ 
sung zu untersuchen ...« 

Aus dem stenographischen Fragment eines Briefes vom 1.12. 
[1948?] von Frau Schroeder (ohne Anschrift), der nur an Zoller 
gerichtet gewesen sein kann: 

»Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 1.12. Ich habe eigent¬ 
lich die Absicht, Ostern nach Düsseldorf zu kommen, doch leider 
zerschlug sich mein Plan. Ein Ihnen zugedachter Brief blieb wegen 
Zeitmangels immer wieder liegen. Es tut mir sehr leid, daß Sie nicht 
mehr in Düsseldorf sind, denn auf Grund Ihres letzten Briefes hätte 
ich eine Besprechung sehr begrüßt. Doch da dies wieder nicht 
möglich ist, will ich versuchen, Ihnen schriftlich meine Absicht 
mitzuteilen, und zwar, wie Sie es selbst wünschen, in aller Aufrich¬ 
tigkeit. Ich werde die einzelnen Punkte beziffern, damit Sie keine 
meiner Fragen übersehen. 

1. Welchen Titel soll das Buch bekommen? etwa so: Hitler privat - 
Erlebnisbericht seiner Sekretärin Christa Schroeder, herausge¬ 
geben von A. Zoller? 

Ohne Sie als Herausgeber zu nennen, könnte ich nicht die 
Genehmigung zur Veröffentlichung meines Namens geben, da 
Einführung und verbindende Worte in dem Buch von Ihnen 
stammen und meine ursprünglichen Aufzeichnungen von Ihrem 
Stil beeinflußt wurden. 

2. Zu Ihrer Bemerkung, daß sich die Reklame auf mich konzentrie¬ 
ren würde, bitte ich um Mitteilung, in welcher Weise sich das in 
Deutschland auswirken könnte. 

a) Ist geplant, in deutschen Zeitungen oder Zeitschriften Aus¬ 
züge abzudrucken? 

3. Für den Fall, daß es zur Veröffentlichung des Buches in England 
bzw. Amerika kommt, müssen alle abfälligen, von mir nicht beab¬ 
sichtigten Bemerkungen über Schaub gestrichen werden, z. B. auf 
Seite 222: 18 R.: »charakterlosen unkultiviertem Schaub. 

S.227, 1. Zeile: statt >geheimste< »privateste« Anweisungen 
aus... die letzten 2 Absätze ganz streichen. Dies ist unbedingt 
erforderlich, auch in Ihrem Interesse. Darüber später mehr. 

4. Viele Ausdrücke von Ihnen sind nicht glücklich gewählt, so z. B. 
auf Seite 110: >Es ist sicher, daß E. B. [Eva Braun] Leni Riefen¬ 
stahl in instinktiver Weiblichkeit verabscheute.« Dieses Wort ist 
unmöglich. Es wäre zu ersetzen durch »haßte«. Der von Ihnen 
angehängte Satz: »Aber hat sie nicht alles in... gerechnet<... 
wäre besser ganz zu streichen. 



300 


Er war mein Chef 


Seite 216: Sie schreiben: >Dabei hätten die Über... Appa¬ 
rate .. .< 

Seite 201: 1 R: Regelmäßig wurde uns der Ausgang untersagte 
Seite 100, 2. Zeile: Statt »Standartenführer«... >General Fege- 
lein<. 

2. Absatz, 12. Zeile: »Manchmal gab ich ,ihr l einen Fußtritts ist 
ein ganz gemeiner Ausdruck, von mir nicht gebraucht. Ebenso 
wenig wie der folgende Satz: »Und Adolf wunderte sich dann 
über das mürrische (?) Benehmen des Tieres.<...« [Ende des 
Brief fragmen tes). 

Als Frau Schroeder wohl aber merkte, daß Zoller stilistisch viel 
von ihren Aufschreibungen geändert hatte und wie sie ihm 
schrieb, »>... meine ursprünglichen Aufzeichnungen von Ihrem Stil 
beeinflußt wurden...«, verlangte sie wohl Änderungen, die aber 
höchstwahrscheinlich nicht mehr durchgeführt werden konnten. 
So verweigerte sie dann wohl auch ihr Einverständnis, als Verfas¬ 
serin genannt zu werden. 

37 In dem Zoller-Buch finden sich Randanmerkungen von Frau 
Schroeder, wie z. B.: »»von Hoffmann«, »von Schaub«, oder nur 
»von wem?« Eine weitere Erläuterung dazu gibt eine Durchschrift 
eines Briefes von Frau Schroeder an Frau Christian vom 21.11. 
1972: 

»... Interessant ist aber, daß der franz. Vemehmungsoffizier mir 
Aussagen in den Mund gelegt hat, die sagenhaft sind, in Wirk¬ 
lichkeit aber seinen vertraulichen Gesprächen mit Generalstäb¬ 
lern entstammen müssen, die er in seiner Eigenschaft als Vemeh¬ 
mungsoffizier, aber bestimmt nicht für ein privat von ihm heraus¬ 
gegebenes Buch hätte verwenden dürfen. Eine raffinierte 
Methode, solche Aussagen der »Geheimsekretärin< in den Mund zu 
legen, aber für Außenstehende und nicht Eingeweihte, anschei¬ 
nend glaubwürdig. Nur ein Beispiel. Der Franzose schreibt - mir 
in den Mund gelegt »Kam bei Lagebesprechungen das Gespräch 
auf die Gerüchte über die Massenmorde und Folterungen in den 
KZ-Lagem, so antwortete Hitler nicht oder brach das Gespräch 
brüsk ab. Nur selten bequemte er sich zu Antworten, und dann 
auch nur zu ausweichenden. Vor Zeugen würde er niemals die 
unmenschliche Härte der von ihm erlassenen Gesetze zugegeben 
haben. 

Eines Täges wurde Himmler von einigen Generalen wegen der in 
Polen begangenen Greuel zur Rede gestellt. Zu meiner Überra¬ 
schung verteidigte er sich mit der Versicherung, daß er nur die 
Befehle des Führers ausführe. Aber gleich darauf fügte er hinzu: 
,Die Person des Führers darf aber auf keinen Fall damit in Zusam¬ 
menhang gebracht werden. Die volle Verantwortung übernehme 
ich. 4 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


301 


Es war übrigens selbstverständlich, daß kein Parteigenosse, kein 
SS-Führer, so einflußreich sie auch gewesen seien, gewagt haben 
würde, ohne Hitlers Einverständnis so weitgehende Maßnahmen zu 
treffen.. .< 

Dieses Vorkommnis erscheint mir absolut glaubwürdig«, bemerkt 
Frau Schroeder weiter, »und es stammt, es kann nur stammen von 
jemand, der bei den Lagebesprechungen anwesend war, der aber 
nicht genannt werden wollte, also hat’s die >Geheimsekretärin< 
gesagt. Raffinierter geht’s doch weiß Gott nicht.« 

In einer kurzen Steno-Notiz findet sich weiter folgende Anmer¬ 
kung von Frau Schroeder: 

»Typisch: 

Er [Hitler] will persönlich in Zusammenhang mit bestimmten Din¬ 
gen einfach nicht in Erscheinung treten. Deshalb die eine Sache, die 
absolut einwandfrei sozusagen, die andere völlig amoralisch ist: Er 
erteilte Himmler unter vier Augen Befehl in der jüdischen Angele¬ 
genheit, verlangt aber, daß sein Name nie in diesem Zusammen¬ 
hang fällt, ein Befehl, der auch streng eingehalten wird...« 

Hier wäre anzumerken, daß es im Schrifttum des persönlichen 
Stabes des Reichsführers SS Himmler mehrere Stellen gibt, in 
denen sich Himmler ausdrücklich auf den Führerbefehl beruft und 
in seiner Rede vor Generalen am 26. Januar 1944 erklärte er wört¬ 
lich: »Als mir der Führer den Befehl erteilte, die totale Endlösung 
der Judenfrage durchzuführen, hatte ich zunächst Bedenken, ob 
ich meiner SS so schwere Maßnahmen zumuten könnte. Aber es 
handelt sich um einen Führerbefehl, so daß alle Bedenken zurück- 
gestellt werden mußten.« 

38 Zoller selbst macht in dem Vorwort zu der französischen Ausgabe 
seines Buches folgende Angaben: 

»... In meiner Eigenschaft als verhörender Offizier, Angehöriger 
des >7th Army Interrogation Center< der amerikanischen Streit¬ 
kräfte, hatte ich Gelegenheit, unmittelbar in Kontakt mit ihnen zu 
treten. Eine von Hitlers Sekretärinnen, die ich Mai 1945 im Augs¬ 
burger Sammellager kennengelernt hatte, wo sie sich in allem, was 
aus Wehrmacht, Partei und Regierung an Prominenz vertreten war, 
verlor, ließ später ihren früheren Chef aufgrund von Beobachtun¬ 
gen und Gesprächen, die sie mit ihm geführt hatte, lebendig vor mir 
erstehen. 

In Augsburg habe ich mit einigen wichtigen Vertretern des Nazi- 
Regimes lange Unterhaltungen über Hitler geführt: mitGöring, mit 
Funk, dem Nachfolger Schachts, mit Frick, der Hitler die deutsche 
Staatsbürgerschaft verliehen hatte, mit von Warlimont, dem Chef 
des Führerhauptquartiers, mit Dr. Morell, seinem Leibarzt, mit 
Schaub, seinem Adjutanten usw.« (Anm.: Die Angaben zu Frick 
und Warlimont stimmen nicht.) 



302 


Er war mein Chef 


39 In der Nacht vom 15. auf 16. 3. 1939. 

40 Wilhelm Frick, geb. 12.3.1877 in Alsenz (Pfalz), studierte nach dem 
Abitur Rechtswissenschaft in München, Promotion in Heidelberg. 
Anschließend 1907 Bezirksamt in Pirmasenz, ab 1904 im Polizei¬ 
dienst in München (1917 Oberamtmann im Polizeipräsidium und 
ab 1919 Leiter der politischen Polizei). Frick hatte sehr früh Kon¬ 
takt zur NSDAP und unterstützte sie, wo er nur konnte. Nach dem 
Putsch 1923 wegen Beteiligung verurteilt, aber schon 1924 wegen 
Wahl in den Reichstag vorzeitig entlassen. Frick wurde am 23.1. 
1930 der erste nationalsozialistische Länderminister (Thüringen) 
und nach der Machtübernahme durch Hitler am 30.1. 1933 Reichs¬ 
innenminister und am l.Mai 1934 Preußischer Innenminister. Er 
schuf die Juristische Untermauerung< der Machtergreifung, wobei 
er die Weimarer Verfassung aushöhlte. Mit der Zeit trat Frick 
immer mehr in den Hintergrund (konnte sich gegenüber Göring 
und Himmler nicht durchsetzen). Am 24. 8. 1943 wurde er der letzte 
Reichsprotektor für Böhmen und Mähren. 1945 verhaftet und in 
Nürnberg vor Gericht gestellt wurde er zum Tbde verurteilt und als 
69jähriger am 16.10. 1946 durch den Strang hingerichtet. 

41 Hans Heinrich Lammers, geb. 27.5. 1879 in Lublinitz (Oberschle¬ 
sien), studierte an der Universität Heidelberg und Breslau Rechts¬ 
wissenschaft (1901 Referendar, 1906 Gerichtsassesor, und 1912 
Richter in Beuthen). Von 1914 bis 1918 Militärdienst im Ersten 
Weltkrieg. 1921 Oberregierungsrat und Promotion. Bereits 1922 als 
Ministerialrat im Reichsministerium des Innern tätig. Ab 1932 
Mitglied der NSDAP, wurde Lammers am 30.1. 1933 Staatssekre¬ 
tär und im November 1933 Chef der Reichskanzlei. 1937 Reichsmi¬ 
nister ohne Geschäftsbereich und 1939 Mitglied des Ministerrates 
für die Reichsverteidigung, dessen Vorsitzender Göring war. 1940 
SS-Obergruppenführer. Lammers gewann im Laufe des Krieges 
einiges an Einfluß, da er z. B. in Kabinettsitzungen den Vorsitz 
übernahm, und ab 1943 mußten die Vorlagen, die Hitler zur Unter¬ 
schrift zugingen, durch Lammers, Keitl und Bormann durchgese¬ 
hen werden. Anfang 1945 setzte er sich in die Zweigstelle der 
Reichskanzlei nach Bischofswiesen bei Berchtesgaden ab (hier 
hatten Lammers, Keitel, Jodl usw. ihre Arbeitssitze, wenn Hitler 
am Berghof war), wo er in Österreich von der US-Armee verhaftet 
und über das Lager Augsburg nach Nürnberg gebracht wurde. In 
dem >Wilhelmstraßenprozeß< wurde er am 14.4. 1949 durch ein 
Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, jedoch schon am 
16.12. 1951 entlassen. Dr. Lammers starb 83jährig am 4.1. 1962 in 
Düsseldorf. 

42 Wilhelm Stuckart, geb. 16. 11.1902 in Wiesbaden, studierte Rechts¬ 
und Volkswirtschaft an den Universitäten Frankfurt und Mün¬ 
chen. Angehöriger des Freikorps Epp und schon im Dezember 1922 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


303 


Mitglied der NSDAP. 1926 Rechtsberater der Partei in Wiesbaden, 
Oktober 1926 Referendarexamen, 1928 Promotion. Ab 9. 12. 1930 
Richter in Rüdesheim. Am 5.2. 1932 aus den Staatsdienst ausge¬ 
schieden, übernahm er im Gau Pommern den Rechtsschutz der SA 
und SS. Als Rechtsanwalt und ab 4.4. 1933 als kom. Oberbürger¬ 
meister in Stettin. Ab 30. 6. 1933 Staatsrat im Preuß. Unterrichts¬ 
ministerium und ab 1.9. 1933 Mitglied des Preuß. Staatsrates, am 
11.3. 1935 Staatssekretär im Reichsministerium des Innern bei 
Frick. Beteiligung bei der Erstellung verschiedener NS-Gesetze, 
Veröffentlichungen über die nationalsozialistische Rechtstheorie 
und Teilnehmer der Wannseekonferenz im Januar 1942 (SS-Ober- 
gruppenführer). 1945 verhaftet und in Nürnberg von einem Mili¬ 
tärgericht zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Dr. Stuckart starb 
im Alter von 51 Jahren bei einem Autounfall 1953. 

43 Sh. Anmerkung 30. 

44 Franz Felix Pfeffer von Salomon, geb. 19.2. 1888 in Düsseldorf, 
studierte nach dem Abitur Rechtswissenschaft an der Universität 
Heidelberg, anschließend Referendar in Dühmen/W. Ab 1907 Mili¬ 
tärschule und am 20. 8. 1909 Leutnant (Inf. Rgt. 13 in Münster/W). 
Im Ersten Weltkrieg Frontoffizier (hochdekoriert), Oberleutnant 
1915, ab September 1918 als Hauptmann im Generalstab tätig. 
1918, bis zum Kapp-Putsch im März 1920, Führer des »Westfäli¬ 
schen Freikorps Pfeffer<. Wegen Teilnahme am Kapp-Putsch 1920 
verurteilt, aber wieder freigelassen. Anschließend Freikorpskämp¬ 
fer im Baltikum, Litauen, Polen und Oberschlesien. In Libau wurde 
er durch die Absetzung der lettischen Regierung Ulmanis bekannt. 
Pfeffer war in verschiedene Femeaktivitäten verwickelt und wurde 
als Fememörder verfolgt. 1922 im »Rheinisch-Westfälischen TVeu- 
bund< und ab 1923 im Ruhrkampf gegen die französische Besatzung 
tätig (Tbdesurteil durch ein franz. Militärgericht ausgesprochen). 
Frontbannführer in Elberfeld, Anfang 1924 Übertritt Pfeffers mit 
seiner Organisation zur NSDAP Pfeffer wurde SA-Führer und 
Gauleiter in Westfalen; 1925 Gauleiter Ruhr, nachdem aus den 
Gauen Rheinland-Nord und Westfalen der neue Gau Ruhr gebildet 
wurde. 

Im August 1926 kam Pfeffer auf Hitlers Wunsch nach München. 
Hitler ernannte Pfeffer zum Obersten SA-Führer (OSAF), nachdem 
am 1.11. 1926 die Oberste SA-Führung in München geschaffen 
wurde. Neuaufbau und Organisation der SA durch Pfeffer in den 
Jahren 1927 bis 1930 (SS und HJ wurden u. a. dem OSAF unter¬ 
stellt). Durch Schwierigkeiten mit der SA, die Pfeffer mit ehemali¬ 
gen Offizieren zu einer selbständigen Organisation in der Partei 
ausbaute, wäre Hitler Pfeffer gern bald wieder losgeworden. Als im 
Juli 1930 der Deutsche Reichstag von Brüning aufgelöst wurde, war 
für Hitler die politische Lage günstig, und er suchte parlamentari- 



304 


Er war mein Chef 


sehen Boden zu gewinnen. Dazu mußte Hitler aber den selbstbe¬ 
wußten militanten Kurs der SA ändern, und er konnte außerdem 
nun dem Drängen der Parteileute nachgeben und Pfeffer fallen 
lassen. So erfolgte am 29.8. 1930 der >Rücktritt< von Pfeffer als 
OSAF, und Hitler übernahm selbst am 2. 9. 1930 die Oberste SA- 
Führung. Er rief Rohm aus Bolivien zurück und ernannte ihn zum 
Chef des Stabes (später zum Stabschef der SA). 

OSAF Pfeffer wurde von Hitler mit Dank verabschiedet. Er blieb in 
München (Pasing) ohne Amt, aber mit Bezügen wohnen, bis er nach 
der Wahl am 6.11. 1932 Reichstagsabgeordneter wurde und nach 
Berlin ging. 1933 Polizeipräsident in Kassel und 1938 Regierungs¬ 
präsident in Wiesbaden. Im Zusammenhang mit dem Attentat auf 
Hitler am 27.11. 1944 kurze Zeit verhaftet, wurde er nach dem 
Krieg interniert und lebte nach seiner Entlassung 1946 in Wiesba¬ 
den. Später wieder politisch tätig, wurde er 1952 in den Landesvor¬ 
stand der hessischen DP gewählt. Mitte 1960 kam Pfeffer wieder 
nach München, wo er am 12. 4. 1968 im Alter von 80 Jahren starb. 

45 Otto William Heinrich Wagener, geb. 29.4. 1888 in Durlach 
(Baden), nach dem Abitur (9. 7. 1906) Militärschule in Karlsruhe; 
1910 Ernennung zum Leutnant und Truppendienst. Vom 1. bis 
31.7. 1914 in Döberitz Kurs als Flugzeugbeobachter. Am 1. 8. 1914 
Frontoffizier (55. Res. Inf. Reg.), im November 1914 Oberleutnant 
und Brigadeadjutant. Am 18.12. 1915 Hauptmann und Batallions- 
führer (3. Res. Inf. Rgt. 110). Ab dem 11. 7. 1916 zum Generalstab 
der Armeegruppe Stein kommandiert und bis zum 5.5. 1918 in 
verschiedenen Stäben tätig. Am 6.5. 1918 infolge ehrengerichtli¬ 
chen Spruches mit schlichtem Abschied vom Militär entlassen. 
Anfang 1919 als Freikorpsoffizier in Polen und ab Sommer 1919 
Generalstabschef im Baltikum (Zusammenfassung aller Freikorps 
zur Deutschen Legion). Im November 1919 nach kurzem Aufent¬ 
halt in Karlsruhe wieder als Freikorpsoffizier in Oberschlesien (mit 
Pfeffer in Ibm usw ), Sachsen und Ruhrgebiet bis Februar 1922. Im 
März 1920 nach dem Kapp-Putsch in Karlsruhe inhaftiert. 
Anschließend Direktionsassistent in einer Pumpenfabrik und Ende 
1920 (1920-1925) in der Nähmaschinenfabrik Haid und Neu seines 
Vaters (Direktor und Vorstand) sowie auch in anderen Unterneh¬ 
men als Aufsichtsrat in Karlsruhe. Betätigung in industriellen und 
sozialen Verbänden, zahlreiche Reisen ins Ausland. 1924 Dr. phil. 
h. c. an der Universität Würzburg. 1925 verließ Wagener die väterli¬ 
che Firma und wurde Teilhaber einer Holzfabrik (den Teilhaber, 
Hauptmann a. D. Gustav Wolff, holt er sich später als Geschäfts¬ 
führer in das WPA der NSDAP). 

Im August 1929 auf dem Parteitag der NSDAP in Nürnberg lernte 
er Hitler kennen, und als ihm sein Freund Pfeffer vorschlug, bei ihm 
als Stabschef in der OSAF zu arbeiten, willigte er ein und trat am 



Vom 16. Juli bis zum 30. Oktober 1942 verlegte 
Hitler sein FHQ naher an die Front in die 
Ukraine. Das FHQ >Werwolf< war 15 km von 
Winniza entfernt und lag an der Straße nach 
Shitomur. Es war in einem Wald gelegen und 
hatte ein Schwimmbad. Das FHQ > Werwolf« 
bestand aus Blockhäusern mit nur einem Bun¬ 
ker (Bilder rechts), lag im Wald, hatteein 
Schwimmbad und war von einem Stachel¬ 
drahtzaun gesichert. 



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Am 21 Juli 1942 besuchte Christa Schroeder in 
Winniza eine der größten Fleischfabriken Ru߬ 
lands. Das Bild unten zeigt Christa Schroeder 
im Laboratorium des Fleischkombinats 
Winniza. 




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Hitler übte jeden Thg mit seiner Schäferhündin 
»Blondi«, für die er einen eigenen Hundeführer, 
Thurow, hatte (Bild oben). 

Der zugelaufene Scotchterrier, den Hitler als 
»Handfeger« bezeichnete, im Zimmer von 
Christa Schroeder 1942 (Bild links). 

Christa Schroeder im Februar 1942 in ihrem 
Arbeitszimmer im FHQ »Wolfsschanze« (Bild 
unten). 













Der engere Stab Hitlers im Kasino im FHQ 
»Werwolf« bei Winniza am 20. September 1942 
(Bild unten: v.l.n.r. Johanna Wolf, Nicolaus v. 
Below, Christa Schroeder, unbekannt, Walter 
Hewel, Albert Bormann, Julius Schaub, Jesco 
v. Puttkammer, Gerhard Engel, Richard 
Schulze). 



Hitler mit seinen Adjutanten Julius Schaub 
und den Sekretärinnen Gerda Daranowski und 
Johanna Wolf 1943 im FHQ »Wolfsschanze«. 

I)ie Sekretärinnen trugen Uniformen, die 
Bonno von Arent entworfen hatte. 













Am 20. Juli 1944 um 12.42 Uhr explodierte der 
Sprengkörper, den Graf v. Stauffenberg in der 
Gastebaracke des FHQ >Wolfsschanze< unter 
den Lagetisch Hitlers gestellt hatte. 


Hitler überlebte und empfing Mussolini um 
15.30 Uhr am Bahnhof Görlitz des FHQ (Bild 
Mitte). 


Kurz nach Mitternacht sprach Hitler (Bild 
unten) über den Sender Königsberg zum deut¬ 
schen Volk (v.l.n.r.: Dr. Dietrich, Hitler, 
Bormann, Dönitz, Schaub, Jodel, unbekannt, 
Fernmeldemonteur, Junge, Schroeder). 


















Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


305 


10.9. 1929 seine Stelle in der OSAF in München an. Neben anderen 
organisatorischen Aufgaben beschäftigte er sich vorwiegend mit 
finanztechnischen- und wirtschaftlichen Fragen der SA. Als Pfef¬ 
fer von Hitler als OSAF entlassen wurde, übernahm Wagener auf 
Anordnung Hitlers die Leitung der SA bis zum 31. Dezember 1930 
(Rückkehr Röhms aus Bolivien). 

Am 1.1. 1931 wurde Dr. Wagener Leiter des Wirtschaftspolitischen 
Amtes (WPA) in der Reichsleitung der NSDAP, das im Juni 1932 
infolge einer Umorganisation zur Hauptabteilung IV< (Wirtschaft) 
wurde. Am 4. 9. 1932 trat er von diesem Amt zurück und ging nach 
Berlin, wo er im Stabe des Führers zur besonderen Verfügung war. 
Nach der Machtübernahme Hitlers wurde er am 20.4. 1933 wieder 
Leiter des Wirschaftspolitischen Amtes der NSDAP und am 
3.5.1933 zum >Reichskommissar für Wirtschaft ernannt. Dem 
Druck der Industrie und Görings nachgebend, enthob ihn Hitler 
plötzlich am 12. 6. 1933 seiner Staats- und Parteiämter (»... die für 
den Reichsverband deutscher Industrie (RVI) eingesetzten Wirt¬ 
schaftskommissare Wagener und Möllers wurden abberufen und 
Wagener wurde auch als Leiter der Wirtschaftspolitischen Abtei¬ 
lung NSDAP abgesetzt...«). Am 28. 6.1938 sollen ihm Hitler und 
Göring in der Reichskanzlei erklärt haben, daß Telefongespräche 
abgehört worden sind, wonach Wagener als Nachfolger des zurück¬ 
getretenen Wirtschaftsministers Alfred Hugenberger vorgescho¬ 
ben werden sollte. Am 30. 6. 1933 wurde der aus der Industrie 
kommende Dr. Kurt Schmitt Reichswirtschaftsminister. 

In einem Parteigerichtsverfahren verlangte Dr. Wagener eine Klä¬ 
rung, wo dann festgestellt wurde, daß die Telefongespräche nicht 
auf Veranlassung Wageners geführt worden sind. Ende 1933 
Reichstagsabgeordneter des Wahlkreises Koblenz-TVier. Am 30. 6. 
1934 im Zuge der Röhm-Affaire kurze Zeit verhaftet, zog er sich 
anschließend nach Sachsen auf das von ihm 1932 gekaufte Ritter¬ 
gut Streckenwaide, Post Wiesenbad (Erzgebirge), zurück, wo er 
sich in der Landwirtschaft betätigte. Er blieb aber bis 1938 Reichs¬ 
tagsabgeordneter und SA-Gruppenführer. 

Im Zweiten Weltkrieg wurde Wagener 1940 zum Militärdienst 
eingezogen und brachte es bis 1944 zum Generalmajor. Von engli¬ 
schen TVuppen gefangengenoramen, kam er Ende 1944 nach Eng¬ 
land in ein Kriegsgefangenenlager in Wales. Am 7. Januar 1947 
wurde Dr. Wagener nach Italien ausgeliefert, wo ihm Kriegsverbre¬ 
chen vorgeworfen wurden. Ende 1947 verurteilt, blieb er bis zum 
4.6.1952 in italienischen Gefängnissen inhaftiert. Dr. Wagener 
betätigte sich Mitte der fünfziger Jahre auch wieder politisch als 
Vorsitzender der Seeckt-Gesellschaft, einer neutralistisch-natio¬ 
nalistischen Organisation. Er lebte in Chieming-Stöttham (Bay¬ 
ern), wo er am 9. 8. 1971 im Alter von 83 Jahren starb. 



306 


Er war mein Chef 


46 Aus den stenographischen Aufzeichnungen von Frau Schroeder: 
»Nach drei Monaten wurde mir gesagt, daß ich der Partei beitreten 
müsse, da nur Pg. [Parteigenossen] beschäftigt werden dürften. Da 
ich von Politik nicht das Mindeste verstand, die Stellung aber nicht 
verlieren wollte, unterschrieb ich also das Beitrittsformular zur 
NSDAP, und alles war gut. Es änderte sich dadurch nichts in 
meinem Leben. Dadurch, daß ich Mitglied der Sektion Reichslei¬ 
tung war, kam ich nie mit den kleinen Dienststellen in Verbindung 
und wurde bis auf einige Male somit auch niemals aufgefordert, an 
Versammlungen und dergleichen teilzunehmen. Wohl ging ich 
einige Male zu den großen Massenkundgebungen, die im Zirkus 
Krone stattfanden, aber ich konnte keinen Kontakt weder zu den 
Rednern noch zu den Massen finden und kam mir furchtbar dumm 
vor.« 

47 Baltikumkämpfer waren Angehörige der verschiedenen >Deut- 
schen Freikorps«, die 1918/19 zusammen mit Angehörigen der Bal¬ 
tikumländer gegen die Rote Armee gekämpft haben, um das Vor¬ 
dringen der russischen Truppen zu verhindern und die deutsche 
Ostgrenze zu sichern. Im Herbst 1919 standen mit den Freikorps 
noch etwa 420000 Mann in Deutschland unter Waffen. Aus den 
Freikorpskämpfern rekutierten sich später viele militante Anhän¬ 
ger der NSDAP. 

48 Nach der Neugründung der NSDAP hatten die Gauleiter die SA in 
ihrem Bereich mehr oder weniger unter ihrem Kommando. Nach 
Wageners Darstellung: »... hatte Hitler durchaus erkannt, daß die 
endgültige Abhängigkeit der Gauleiter von ihm nur durch die 
Schaffung einer zentral geführten SA erreicht werden kann...« 
Diese undankbare Aufgabe übertrug Hitler Pfeffer, der sich dessen 
auch wohl bewußt war. 

49 Den unzufriedenen Gauleitern hatte Hitler bereits auf der General¬ 
versammlung der NSDAP im September 1928 klarzumachen ver¬ 
sucht, »... daß er die SA vor allem als zentralistisches Instrument 
seiner Befehlsgewalt brauche, um die Einheit der Partei zu si¬ 
chern.« 

50 In dem Exemplar von Pfeffer, »Die Geschichte der SA«, von Dr. 
Hans Volz, ist nachzulesen: »Pfeffers Arbeit beschränkte sich nicht 
nur auf Organisationsfragen, die mit dem SA-Dienst in unmittel¬ 
barem Zusammenhang standen, sondern er wollte die straff geglie¬ 
derte SA gleichzeitig als einen wichtigen Faktor im Kampfe der 
NSDAP auf wirtschaftlichem Gebiet einsetzen und nahm Aufga¬ 
ben in Angriff, zu deren Lösung die Partei als solche damals noch 
nicht imstande war. Dieser Arbeit widmete sich besonders Dr. 
Wagener, der seit dem August [September] 1929 Pfeffers Stabschef 
war. Es handelt sich vor allem um das SA-Versicherungswesen und 
die SA-Wirtschaftsstelle (Zeugmeisterei).« (Interessant ist eine 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


307 


handschriftliche Anmerkung Pfeffers: »W. [Wagener] kommt hier 
etwas zu kurz weg.«) 

51 Rohm übernahm als Chef des Stabes (später Stabschef) die SA 
offiziell am 5.1. 1931. Vorher erließ er am 1. Januar 1931 einen 
zündenden Aufruf an die SA. 

52 Emst Rohm, geb. 28.11. 1887 in München, nach dem Abitur 1906 
Fahnenjunker (Kgl. Bayr. 10. Inf. Rgt. in Ingolstadt). 1908 Kriegs¬ 
schule in München, Leutnant, 1912 Oberleutnant. Im Ersten Welt¬ 
krieg Truppenoffizier (Adjt. b. Batt. d. 10. Inf. Rgt ). Nach verschie¬ 
denen Verwundungen (u. a. auch Nasenschuß, es wurde ihm ein 
Stück aus seinem Oberschenkel eingesetzt) wieder als Adjt. b. 10. 

Inf. Rgt. 1915 Kompanieführer und Hauptmann. Nach einer erneu¬ 
ten Verwundung vorübergehend Dienst im Bayerischen Kriegsmi¬ 
nisterium (Adjt. beim Chef d. Armeeleitung v. Kressenstein). 1917 
meldete sich Rohm wieder an der Front (Stab d. 12. bayr. Inf. Div. in 
Rumänien). Ende 1917 bis zum Kriegsende an der Westfront beim 
Generalstab d. 12. bayr. Inf. Div., wo er General Ludendorff ken- 
nenlemte. Ab 1. Januar 1919 als Adjutant der 11. Bayr. Inf. Bri- 
garde wieder in Ingolstadt und anschließend zum bayerischen 
Schützenkorps< nach Ohruf unter Oberst v. Epp. Als am 26.4. 1919 ^ * 
das Korps Epp demUruppenkommando West unterstellt wurde, 
war Rohm Anfang Mai 1919 bei der Befreiung Münchens von der 
Räteherrschaft dabei. Anschließend in der Stadtkommandantur. 

1921 im Stab des Bayrischen Schützenkorps (Oberst v. Epp), dort 
mit der Verwaltung des Waffenreferats betraut. Diesen Posten 
baute Rohm zur Zentrale für alle Waffenangelegenheiten und als 
Verbindungsstelle zu den verschiedenen Verbänden in Bayern - 

u. a. auch der NSDAP - aus. 

Rohm lernte Hitler schon 1919 kennen und trat im Januar 1920 
(Mitglied Nr. 623, d. h. als 123tes Mitglied) der Partei bei. Half bei 
der Organisation der NSDAP (Rohm war einer der wenigen, die 
Hitler mit >du< ansprachen) und besorgte beim Putsch 1923 Waffen. 
Wegen aktiver Teilnahme (Besetzung des Wehrkreiskommandos 
des Kriegsministeriums i.d. Schönfeldstraße) verurteilt, im De¬ 
zember 1923 aus der Reichswehr entlassen. 1924 Reichstagsabge¬ 
ordneter der »Nationalsozialistischen Freiheitspartei< wurde er 
Organisator des >Frontbann<, einer national-militanten Nachfolge¬ 
organisation der SA und der Wehrverbände. Als Hitler am 20.12. 

1924 aus Landsberg entlassen wurde und er mit Röhms Absicht, 
den Frontbann ohne parteipolitische Bindung (ebenso wie Luden¬ 
dorff) über den damaligen völkischen Parteigliederungen stehen zu 
lassen, nicht einverstanden war (Hitler wollte »seine« Partei), legte 
Rohm, nachdem er noch am 17.2. 1925 die Führung der SA über¬ 
nommen hatte, am 1. 5.1925 die Führung des Frontbann und der SA 
nieder. (»... Der Weg, den ich zur Erreichung dieses Zieles [Zusam- 




308 


Er war mein Chef 


menschluß von deutschen Frontsoldaten und deutsche Jugend in 
einem wehrhaften Verband] gegangen bin«, schrieb Rohm am 1.5. 
1925, »hat nicht die Unterstützung Seiner Exz. des Generals 
Ludendorff und nicht die Billigung Adolf Hitlers gefunden. Auf der 
anderen Seite vermag ich auch eine Wehrbewegung, wie sie Exz. 
Ludendorff fordert, und eine SA, wie sie Adolf Hitler für notwendig 
hält, nicht zu führen. Ebensowenig denke ich jedoch daran, ohne 
Unterstützung dieser Männer oder gar gegen ihren Willen einen 
Verband, der auf den Nationalsozialismus eingestellt ist, zu 
führen.«) 

Rohm ging 1928 nach Bolivien, war bis Ende 1929 als Ausbilder in 
der bolivianischen Armee (Oberstleutnant) tätig. Als ihm Hitler 
nach der Entlassung von Pfeffer wieder die Führung der SA anbot, 
wurde er am 5.1. 1931 Chef des Stabes (später Stabschef der SA). 
Nach der Machtübernahme Hitlers am 1.1. 1933 Reichsminister 
ohne Geschäftsbereich und am 1.12. 1933 Staatsminister der Baye¬ 
rischen Staatsregierung. Als die Forderungen der SA nach einer 
»zweiten Revolution immer stärker wurden und Rohm in Reichs¬ 
wehrkreisen, Industrie sowie bürgerlichen Kreisen durch sein 
revolutionär, rabaukenhaft-militantes Gebaren und seine Forde¬ 
rung, die SA zu einem selbständigen Volksheer unter seiner Füh¬ 
rung auszubauen auf Widerstand stieß, wurde er Hitler unbequem 
und zu einem Risiko. Hitler verhaftete Rohm am 30.6. 1934 in Bad 
Wiessee und ließ ihn im Gefängnis Stadelheim in München ermor¬ 
den. Rohm wurde durch den SS-Führer Eicke eine geladene Pistole 
ausgehändigt, mit dem Befehl, sich in 10 Minuten zu erschießen. 
Nachdem Rohm dieser Aufforderung nicht nachkam, wurde der 
47jährige durch die SS-Führer Eicke und Lippert um sechs Uhr 
abends durch drei Revolverschüsse in Brust, Hals und Herz er¬ 
schossen. 

53 Die Hitler-Jugend (HJ) entstand in Plauen (Vogtland) unter Paul 
Kurt Gruber, geboren am 21.10. 1904 in Syrau bei Plauen. Bei dem 
Deutschen Tlimfest am 15.7. 1923 hatte er die NSDAP und den 
Jungsturm Adolf Hitler kennengelemt, nach dessen Vorbild er 
seine Gruppe in Plauen aufzog. Am 2.10. 1925 durch Hitler zum 
Führer der nationalsozialistischen Jugendbewegung bestellt. Am 3. 
und 4. 7. 1926 in Weimar wurde die Großdeutsche Jugendbewegung 
in »Hitler-Jugend, Bund deutscher Arbeiterjugend« (HJ), benannt. 
Gruber wurde erster Reichsführer der HJ und kam als Referent für 
Jugendfragen in die Reichsleitung der NSDAP. Im November 1926 
Unterstellung der HJ als Jugendorganisation der SA unter OSAF 
Pfeffer. Am 27.4. 1931 wurde die Reichsleitung der HJ von Plauen 
nach München verlegt. Mit dieser Verlegung war der Einbau der HJ 
in den Parteiapperat der NSDAP abgeschlossen. Am 29.10. 1931 
trat Kurt Gruber als Reichsleiter der HJ zurück, und am 30.10. 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


309 


1931 wurde Baldur von Schirach Reichsjugendführer und Leiter 
der neugeschaffenen Dienststelle »Reichsjugendführer der 
NSDAP«. 

54 Als die Räume der Reichsleitung der NSDAP in der Schellingstraße 
50 nicht mehr ausreichten, kaufte Hitler am 5. 7. 1930 für 1,5 Mio 
Reichsmark das ehemalige Barlow-Palais an der Briennerstraße 45. 
Das 1828 erbaute Palais wurde durch Prof. TYoost und Hitler 
umgebaut und das Dachgeschoß zu einem Stockwerk erweitert. 
Schon am 1.1. 1931 wurde, das nun >Braunes Haus< genannte 
Gebäude, von der gesamten Reichsleitung der NSDAP bezogen (im 
Erdgeschoß links Reichsschatzmeister Schwarz, rechts das Oberste 
Parteigericht unter Buch, im 1. Stock Hitlers Räume, die Oberste 
SA-Führung, Zimmer von Heß sowie die des Reichsgeschäftsfüh¬ 
rers Bouhler. Im 2. Stock die Rechtsabteilung, die Kanzlei Hitlers 
und später die Reichspressestelle. Im 3. Stock Reichsführung der 
SS und das Parteiarchiv (später Reichsrevisoren und Reichspoliti¬ 
sche Abt. d. NSDAP). Später wurden noch verschiedene Gebäude 
dazu gekauft und im Zuge der Umgestaltung des Königsplatzes an 
der Arcisstraße der Führerbau und Verwaltungsbau neu gebaut, 
die heute noch erhalten sind. 

55 M. A. Türner, Jr. schrieb in der Einleitung seines Buches »Hitler aus 
nächster Nähe«: »... Wageners Bemühungen, Hitlers Äußerungen 
möglichst getreu festzuhalten, wurde dadurch gesteigert, daß er 
fest davon überzeugt war, Hitler habe ihm, im Gegensatz zu den 
meisten Personen seiner Umgebung, seine wahren Gedanken auf¬ 
gedeckt. >Hitler hat<, schrieb er fWagener] 1946 - allen Ernstes 
>kaum einem anderen so häufig und so lange seinen Genius offen¬ 
barte Daran glaubte Wagener offensichtlich fest, obwohl er selbst 
in einem enthüllenden Passus in den Aufzeichnungen darüber 
berichtet, wie Hitler ihn davor gewarnt habe, seine Äußerungen als 
seine wahre Meinung anzusehen, weil es seine Gewohnheit sei, 
verschiedene, sogar engegengesetzte Gesichtspunkte zu prüfen, 
indem er sie sich zu eigen mache.« Letzteres bestätigte auch immer 
wieder Frau Schroeder von Hitler, der auch in späteren Jahren 
nach diesem Grundsatz weiter verfuhr. 

56 Gregor Strasser, geh. 31. 5. 1892 in Geisenfeid, besuchte nach dem 
Abitur in Burghausen und praktischer Tätigkeit die Universität 
München und Erlangen (Approb. als Apotheker). Am 1. August 
1914 Kriegsfreiwilliger beim 1. bayr. Fußart. Rgt. und ab dem 7.1. 
1916 als Leutnant d. R. bis Kriegsende an der Front. Anschließend 
beim Freikorps Epp, wo er sein Sturmbatallion Niederbayem 
führte (Befreiung Münchens v. d. Räterepublik). Am 1.1. 1920 selb¬ 
ständig (kaufte in Landshut eine Medizinaldrogerie). 1921 ging 
Strasser mit seinen Gefolgsleuten zur NSDAP Hitlers über, der ihn 
als Gauleiter von Niederbayem einsetzte. Wegen aktiver Teil- 




310 


Er war mein Chef 


nähme mit seinem SA-Batallion aus Landshut am Putsch 1923 in 
Landsberg inhaftiert und verurteilt. Frühzeitige Entlassung, da 
er bei der Wahl am 6.4. 1924 als Abgeordneter in den Bayeri¬ 
schen Landtag gewählt wurde. Fraktionsführer des am 7.1. 1924 
in Bamberg gegründeten »Völkischen Block in Bayerns wo Stras- 
ser den nationalsozialistischen Flügel vertrat. Am 7.12. 1924 
Wahl zum Reichstagsabgeordneten der »Nationalsozialistischen 
Freiheitspartei<. Nach der Haftentlassung Hitlers im Dezember 
1924 legte Strasser mit Ludendorff und v. Graefe am 12.2. 1925 
die Reichsführerschaft der »Nationalsozialistischen Freiheitspar- 
tei< nieder, und am 29.4. trennte er sich von den Deutsch-Völki¬ 
schen. 

Ab dem 10.7. 1925 organisierte Strasser die NSDAP in Nord¬ 
deutschland. Er gab mit Goebbels als Schriftleiter die »National¬ 
sozialistischen Briefe< heraus. Mit seinem Bruder Otto stand er 
oft in Opposition zu Hitler. Gründete auf einer Thgung der nord- 
und westdeutschen Gauleiter in Hannover am 22.11. 1925 die 
»Arbeitsgemeinschaft Nordwests die von Hitler am 14.2. 1926 bei 
einer Führertagung in Bamberg wieder aufgelöst wurde. Grün¬ 
dung des »Kampfverlages< in Berlin durch Gregor und Otto Stras¬ 
ser 1927. Am 2.1. 1928 wurde Strasser Vorsitzender des Organi¬ 
sationsausschusses der NSDAP. Nach einem Konflikt Hitlers mit 
seinem Bruder Otto (Parteiaustritt von Otto Strasser), legte Gre¬ 
gor die Herausgeberschaft der Zeitungen des Kampfverlages nie¬ 
der, stellte sich aber auf Hitlers Seite. Am 18.10. 1930 verkün¬ 
dete er im Reichstag die Ziele der NSDAP und kündigte den 
schärfsten Kampf gegen die Regierung Brüning (nationalsoziali¬ 
stisches Arbeitsbeschaffungs- und -finanzierungsprogramm) an. 
Als am 9. 6. 1932 die Vereinheitlichung der politischen Organisa¬ 
tion der NSDAP erfolgte, wurde Gregor Strasser Leiter der 
»Reichsorganisationsleitung der NSDAP<. 

Hitler lehnte im August 1932 den ihm von Schleicher angebote¬ 
nen Posten eines Vizekanzlers ab. Zwischen dem 3. und 12.12. 
1932 kam es dann zum offenen Kampf zwischen Strasser und 
Hitler, da Schleicher Strasser den Posten des Vizekanzlers und 
Arbeitsministers angeboten hatte. Hitler hat es Strasser nie ver¬ 
ziehen, daß er Schleicher grundsätzlich zugestimmt hatte, und er 
klagte ihn in Berlin der Treulosigkeit an. Am 8. 9. 1932 gab Stras¬ 
ser, trotz seiner vielen Anhänger in der NSDAP, kampflos auf 
und trat von allen Ämtern der Partei zurück. Er verließ Berlin in 
Richtung Italien und kam erst Ende 1932 wieder nach Berlin. 

\ Trotz eines Gesprächs mit Hindenburg am 11.1. 193jL sah er 
keine Chance mehr, Hitler entgegen zu treten. Aus der Partei 
ausgeschlossen, zog er sich ganz von der Politik zurück und 
wurde Geschäftsführer bei den Schering-Werken in Berlin. Am 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


311 


30.6.1934 wurde der 42jährige Gregor Strasser im Gestapokeller in 
der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin durch Himmlers Schergen 
erschossen. 

57 Kurt von Schleicher, geh. 7.4. 1882 in Brandenburg a.d. Havel, 
1891 in die Kadettenanstalt Plön und 1896 Kadettenanstalt in 
Berlin-Lichterfelde. Am 1.3. 1900 Leutnant im 3. Garderegiment 
zu Fuß in Berlin. 1909 Oberleutnant. 1910 bis 1913 zur Kriegsaka¬ 
demie kommandiert, dann als Hauptmann im Großen Generalstab 
bis Mai 1917 (Oberste Heeresleitung, OHL). Anschließend TVup- 
penkommando als 1. Generalstabsoffizier (Ia) bei der 237 Inf. Div. 
(Ostfront, Galizien). Am 11.8. 1917 in den Generalstab des Gene¬ 
ralquartiermeisters ins Große Hauptquartier versetzt. Am 15.7. 
1918 Beförderung zum Major. Im Februar 1919 mit der OHL nach 
Kolberg, Herbst 1919 im neuen Reichswehrministerium in der 
Abteilung T 1 die Gruppe III (innen- und außenpolitische Angele¬ 
genheiten). Am 23.12. 1923 Beförderung zum Oberstleutnant. 
Schleicher übernahm am 28.1. 1926 die neue Dienststelle »Wehr¬ 
machtsabteilung* im Reichswehrministerium. Am 1.3. 1926 zum 
Oberst und am 23.1. 1929 zum Generalmajor befördert, wurde er 
am 1.3. 1929 Chef des Ministeriums im Reichswehrministerium 
unter dem Reichswehrminister Groener. Am 1.10. 1931 Beförde¬ 
rung zum Generalleutnant. Zunehmender politischer Einfluß 
Schleichers. Später unter Brüning, setzte er sich für eine nach 
rechts erweiterte Regierung ein. Am 2.6. 1932 wird Schleicher 
unter Papen Reichswehrminister unter Beförderung zum General 
d. Infanterie. 

Hindenburg erklärte Hitler am 13.8. 1932, daß er ihm nicht die 
gesamte Regierungsgewalt übertragen wolle. Schleicher richtete 
sein Augenmerk auf Gregor Strasser, der sich im Gegensatz zu 
Hitler (der die Regierung allein bilden wollte) seinen Vorstellungen 
aufgeschlossener zeigte. Schleicher versprach sich von der Absplit¬ 
terung der Strasseranhänger in der NSDAP eine Schwächung von 
Hitlers Position. Am 2.12. 1932, nach dem Rücktritt Papens, wird 
Schleicher von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt (blieb wei¬ 
ter Reichswehrminister). Aber schon am 28.1.1933 trat Schleicher 
als Reichskanzler wieder zurück, da er nicht mehr die Unterstüt¬ 
zung Hindenburgs hatte. Als Hitler am 30.1.1933 zum Reichskanz¬ 
ler ernannt wurde, zog sich Schleicher ins Privatleben zurück und 
wurde am 30.6. 1934 im Auftrag Görings im Alter von 52 Jahren 
von fünf Mördern zusammen mit seiner Frau in seinem Haus in 
Berlin ermordet. 

58 Martin Bormann, geb. 17.6 1900 in Halberstadt besuchte das 
Realgymnasium bis zur Obersekunda. Am 5.6. 1918 zum Feldart. 
Rgt. 55 eingezogen, am 8.2. 1919 als Kanonier entlassen. Anschlie¬ 
ßend ging er auf ein Gut in Mecklenburg und Ende 1919 auf das Gut 



312 


Er war mein Chef 


des Rittergutbesitzers von Treufels in Herzenberg, wo er als Eleve 
in der Landwirtschaft und später als Geschäftsführer (Verwalter) 
tätig war. 1922/23 Abschnittsleiter in der Organisation von Ro߬ 
bach. Bei dem Fememord an dem Landwirtschaftseleven Kadow 
beteiligt, wurde Bormann am 15.3. 1924 zu einem Jahr Gefängnis 
verurteilt. Nach Entlassung ab März 1925 im Frontbann tätig. 
Eintritt in die NSDAP am 10. Februar 1927, bis zum 31.3. 1928 als 
Gauobmann bei der NSDAP in Thüringen und vom 1.4. bis 15.11. 
1928 Gaugeschäftsführer in Jena. Am 16.11. 1928 durch Pfeffer in 
den Stab der OSAF nach München geholt. Bormann übernahm am 
25. 8. 1930 die Leitung der Hilfskasse der NSDAP, bis er am 4.7. 
1933 zum >Stabsleiter im Stabe des Stellvertreters des Führers< 
ernannt wurde. In dieser Eigenschaft war er Verbindungsmann 
zwischen Rudolf Heß und Hitler. Er führte seine Tätigkeit vom 
Führerbau in München und im >Verbindungsstab< in Berlin aus, die 
beide Dienststellen des Stellvertreters des Führers< waren. Wenig 
später übertrug ihm Hitler auch die Verwaltung seines Privatver¬ 
mögens und beauftragte ihn mit dem Aufbau der »Verwaltung 
Obersalzberg<, die unter seiner Leitung den riesigen Ausbau des 
gesamten Gebietes am Obersalzberg durchführte. 

Nach dem Englandflug von Heß am 10.5. 1941, wurde die »Dienst¬ 
stelle Stellvertreter des Führers< in >Partei-Kanzlei< umbenannt, 
und Martin Bormann wurde »Leiter der Partei-Kanzlei< und mit 
den Befugnissen eines Reichsministers ausgestattet. Die Führung 
der Partei übernahm ab diesen Zeitpunkt Hitler wieder selbst. Am 
12.4. 1943 wurde Bormann zum »Sekretär des Führers< ernannt: 
»»Reichsleiter Bormann führt als mein persönlicher Sachbearbeiter 
die Bezeichnung »Sekretär des Führers<«, hieß es in dem Erlaß 
Hitlers. Damit wurde dokumentiert, daß Bormann Aufträge Hit¬ 
lers, die er weiterzugeben hatte, nicht in seiner Funktion als »Leiter 
der Partei-Kanzlei<, sondern im persönlichen Auftrag Hitlers wei¬ 
tergab. Bormann war für Hitler einfach unentbehrlich geworden 
und Hitler wußte, daß der ihm mit einer Art Hundetreue ergebene 
Bormann alle seine Befehle und Anordnungen ohne zu fragen und 
ohne Gewissensbisse weitergeben und durchführen würde. Bor¬ 
mann blieb bis zu Hitlers Tbd wie ein Schatten an seiner Seite. Bei 
dem Ausbruch aus der Reichskanzlei am 1.5.1945 verübte der 
44jährige Bormann zusammen mit Dr. Stumpfegger am 2. 5. 1945 
zwischen 1.30 und 2.30 Uhr (amtlich 24.00 Uhr) Selbstmord durch 
Einnahme von Blausäure. Nachdem man Bormanns Leiche nicht 
fand, wurde er am 10.3. 1954 vom Amtsgericht Berchtesgaden 
amtlich für tot erklärt. Erst am 7. /8.12.1972 wurde sein Skelett bei 
Ausgrabungen in Berlin gefunden. 

59 Gerda Buch, geb. 23.10.1909 in Konstanz, besuchte dort bis 1918 
die Volksschule. Ende 1918 Umzug mit ihrem Vater, Major a.D. 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


313 


Walter Buch, nach Scheuem (Schwarzwald). Mit 14 Jahren kam 
Gerda Buch im Dezember 1923 nach München, wo sie eine Ausbil¬ 
dung als Kindergärtnerin absolvierte, und mit 20 lernte sie durch 
ihren Vater Anfang 1929 Martin Bormann kennen. Am 1.4.1929 
trat sie der NSDAP bei, und bereits am 2. September 1929 heiratete 
die 1,80 m große Gerda Buch den 10 cm kleineren Martin Bormann. 
Hitler und Heß fungierten als TYauzeugen. Das Ehepaar Bormann 
zog dann in eine kleine Wohnung nach Icking und bereits nach 
sieben Monaten, am 14.4.1930, entband Frau Bormann von ihrem 
ersten Sohn Adolf Martin (genannt >Krönzi<). Anfang 1932 zog die 
Familie Bormann nach Pullach (spätere Parteisiedlung), bis Bor¬ 
mann, nachdem er 1935 von Dr. Seitz das Kindersanatorium am 
Obersalzberg gekauft hatte, das Haus nach der Renovierung am 
Obersalzberg bezog. Gerda Bormann gebar in der Zeit von 1930 bis 
1943 zehn Kinder, wobei einer von den am 9.7.1931 geborenen 
Zwillingen (Evengard) sowie Volker, geb. am 18. 9.1943, starben. 
Als der Obersalzberg am 25.4.1945 durch 318 britische Bomber 
angegriffen wurde, ist das Haus Bormann völlig zerstört worden. 
Frau Bormann überlebte mit ihren Kindern in den 1944 gebauten 
Luftschutzbunkern. Am 26.4.1945 fuhr sie mit ihren Kindern, 
Frau Hanke (Frau des Gauleiters v. Breslau) und ihrer Schwägerin 
mit Kindern (insgesamt etwa 18 Personen) mit einem Bus nach 
St. Christian im Grödnertal (Dolomiten), wo vom Gauleiter Hofer 
ein Ausweichquartier vorgesehen war. Sie hatte u. a. einige Diplo¬ 
matenkoffer mit Aufschreibungen und Briefen von Martin Bor¬ 
mann dabei. Nachdem sie dort am 30.4. ankamen, war das vorgese¬ 
hene Haus von einer Wehrmachtsdienststelle bereits besetzt. Am 
1. Mai wurde Gerda Bormann ein Haus in Wolkenstein zugewiesen, 
wo sie mit ihren Kindern unter dem Namen >Borgmann< lebte. Im 
Sommer 1945 ging sie ins Krankenhaus nach Bozen und am 
10.10.1945 kam sie in die Frauenstation des Lazaretts nach Meran, 
wo sie am 23.3.1946 um 10.30 Uhr mit 37 Jahren an Unterleibs¬ 
krebs starb. 

60 Walter Buch, geb. 24.10.1883 in Bruchsal, trat nach dem Abitur in 
Konstanz 1902 als Fahnenjunker in das bad.Inf.Rgt. Kaiser Wil¬ 
helm III. Nr. 114 in Konstanz ein. Am 27. Januar 1904 zum Leutnant 
ernannt, anschließend Lehroffizier (1913 Oberleutnant). Im Ersten 
Weltkrieg aktiver Offizier als Kompanie- und Batallionsführer 
(1915 Hauptmann), im März 1918 als Major in Döberitz an der 
Lehrschule und im September 1918 im Kriegsministerium in Berlin 
tätig. Am 20.11.1918 Verabschiedung als Major a. D. Anschließend 
Kleintierzüchter (Hühnerfarm) in Scheuem bei Gernsbach im 
Murgtal (bad. Schwarzwald). Ostern 1920 lernte er Hitler kennen, 
als er ihm im Auftrag seines Vaters ein Buch überbrachte. Im 
November 1922 Eintritt in die NSDAP und im August 1923 von 



314 


Er war mein Chef 


Hitler nach Nürnberg geschickt, um dort die SA aufzubauen. Nach 
dem Putsch 1923 bis Ostern 1924 Vertreter für Wein und Spirituo¬ 
sen in München. Anschließend wieder SA-Führer von München- 
Oberbayem und am 1.1.1928 an Stelle des im Nov. 1927 verstorbe¬ 
nen Ulanen-Generals Heinemann zum Vorsitzenden des »Untersu- 
chungs- und Schlichtungsausschusses* (USCHLA) der NSDAP, ab 
31.3.1933 »Oberstes Parteigericht* genannt, ernannt. Mitglied des 
Reichstages, Reichsleiter und SS-Obergruppenführer. Am 
30. 4.1945 wurde Buch von der US-Armee interniert. Zu 5 Jahren 
Arbeitslager verurteilt, wurde er am 29. 7.1949 nach Revision des 
Urteils entlassen. Am 12. 9.1949 verübte der 66jährige Walter Buch 
Selbstmord durch Ertränken im Ammersee. 

61 »USCHLA* ist die Abkürzung für »Untersuchungs- und Schlich¬ 
tungsausschuß* der Reichsleitung der NSDAP, der ab dem 
31.3.1933 von Hitler die Bezeichnung »Oberstes Parteigericht* 
erhielt. Er hatte den Zweck, »>... die gemeinsame Ehre der Partei 
und die des einzelnen Parteigenossen zu wahren sowie nötigenfalls 
Meinungsverschiedenheiten einzelner Mitglieder auf gütlichem 
Wege auszugleichen«. 

62 Die »SA-Versicherung*, die als lokale Selbsthilfe bei der Giesinger 
SA in München entstanden war, wurde Anfang 1927 auf die 
gesamte SA ausgedehnt und von der Obersten SA-Führung (OSAF) 
in einer besonderen Unterabteilung Versicherungswesen verwal¬ 
tet. Diese vertrat auch die SA gegenüber der Versicherungsgesell¬ 
schaft, bei der sich die OSAF mangels eigener Kapitalreserven 
rückversichern mußte. Wegen starker finanzieller Belastungen 
wurde am 1.7.1927 die Haftpflichtversicherung fallengelassen, 
und man beschränkte sich nur mehr auf eine Unfallversicherung. 
Am 1.12.1928 war die SA-Versicherung aber bereits so kapital¬ 
kräftig, daß sie bis auf Tbd und Invalidität auf alle Rückversiche¬ 
rungen verzichten konnte. Als die beteiligte Versicherungsgesell¬ 
schaft wegen des erhöhten Risikos Ende 1928 eine Herauf Setzung 
der Prämien forderte, ergriff die OSAF die Gelegenheit, um auch 
die letzte Rückversicherung abzustoßen. Unter der Leitung von 
Martin Bormann, der seit dem 15.11.1928 im Stabe der Obersten 
SA-Führung das Versicherungswesen bearbeitete, wurde die SA- 
Versicherung am 1.1.1929 zu einem groß aufgezogenen Parteiun¬ 
ternehmen ohne private Beteiligung mit einer eigenen Verwaltung 
ausgebaut und am 1.9.1930 in »Hilfskasse der NSDAP* umgewan¬ 
delt. Bis zum 3.7.1933 leitete Martin Bormann, der am 4. 7.1933 
zum Stabsleiter von Rudolf Heß ernannt wurde, die Hilfskasse der 
NSDAP. 

63 Arno Breker beschrieb Martin Bormann in seinem Buch »»Im Strah¬ 
lungsfeld der Ereignisse« folgendermaßen (S. 186): »>... Die Ursa¬ 
chen seines jähen Aufstiegs waren ein phänomenales Gedächtnis, 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


315 


enorme Arbeitskraft und ein außergewöhnlicher Spürsinn im Auf¬ 
bau organisatorischer Zusammenhänge, dazu absolute Zuverläs¬ 
sigkeit und TVeue gegenüber seinem Herrn.« 

64 In einem Schreiben Bormanns an alle Reichsleiter, Gauleiter und 
Verbändeführer vom 15. 5.1941 führte Bormann über seine Arbeit 
folgendes aus: »... Ich habe seit 1933, als ich vor die Aufgabe 
gestellt wurde, die Mitarbeit der NSDAP an Gesetzen und Verord¬ 
nungen sicherzustellen und durchzuführen, als ich vor die weitere 
Aufgabe gestellt wurde, laufend die politischen Richtlinien an die 
Dienststellen der Partei zu geben, als ich vor die schwierige Auf¬ 
gabe gestellt wurde, eine einheitliche Meinung der bei unzähligen 
Vorgängen beteiligten verschiedenen Dienststellen der NSDAP 
herzustellen, gearbeitet wie ein Pferd! Ja, mehr als ein Pferd, denn 
ein Pferd hat einen Sonntag und seine Nachtruhe, und ich habe in 
den vergangenen Jahren kaum einen Sonntag und herzlich wenig 
Nachtruhe gehabt...« 

65 Albert Bormann, s. Anmerkung 88. 

66 Sicher war Bormann bestrebt in dem NS-System mit seinen vielen 
korrupten Funktionären Ordnung zu halten, und es ist immer 
wieder festzustellen, daß er Mißstände aufgriff, anprangerte und 
auch abstellte, wodurch er sich innerhalb des Systems und seiner 
Funktionäre viele Feinde schuf. In einem Schreiben an Heß teilteer 
schon am 5.10.1932 seine Einstellung mit: »... Für mich und alle 
wirklichen Nationalsozialisten gilt nur die Bewegung, nichts ande¬ 
res. Was oder wer der Bewegung nützt, ist gut, wer ihr schadet, ist 
ein Schädling und mein Feind...« Bormann hat alle Befehle Hitlers 
getreu durchgeführt, er hat nie gefragt, ob sie richtig, human oder 
zweckmäßig waren. »... Der Führer ist der Führer, er wird’s schon 
recht machen ..führte er schon 1932 aus. Wenn eine Anordnung 
oder ein Befehl von Hitler kam, dann mußte das ausgeführt werden. 
Das war Bormanns Devise. 

Abgesehen von der Frage, was ein »sauberer Nationalsozialist< 
(Formulierung von Frau Schroeder) als TVäger eines brutalen und 
diktatorischen Systems ist, wurde Martin Bormann vom Interna¬ 
tionalen Militärtribunal in Nürnberg (Urteil vom 1.10.1946) nach¬ 
gewiesen, daß er an der Entwicklung der Pläne zur Versklavung 
und Ausrottung der russischen Bevölkerung sowie wirtschaftlicher 
Ausbeutung teilnahm. Auch an der Judenverfolgung war er aktiv 
beteiligt (»... Die dauernde Ausschaltung der Juden ... durch 
Anwendung »rücksichtsloser Gewalt< in besonderen Lagern im 
Osten ...«) als auch am Zwangsarbeiterprogramm. Ebenso erließ er 
eine Reihe von Befehlen über die unmenschliche Behandlung von 
Kriegsgefangenen. 

67 Rudolf Heß, geb. 26.4.1894 in Alexandrien, im Ersten Weltkrieg 
Leutnant und wurde 1919 Mitglied der Thule-Gesellschaft in Mün- 




316 


Er war mein Chef 


chen, später Zeitfreiwilliger beim Freikorps Epp. Am 1. 7.1920 trat 
er als Mitglied Nr. 1600 (llOOtes Mitglied) der DAP bei und lernte 
Hitler kennen. Führer der nationalsozialistischen Studentenhun¬ 
dertschaft und am Putsch 1923 aktiv beteiligt. Nach Verurteilung 
zu VA Jahren Festungshaft in Landsberg a.L., die er bis 1925 
verbüßte, wurde Heß kurze Zeit Assistent bei Prof. Dr. Karl Haus¬ 
hofer im Rahmen der Deutschen Akademie. Anschließend als Pri¬ 
vatsekretär Hitlers angestellt, begleitete er diesen bei den meisten 
seiner Reisen und Versammlungen. Dezember 1932 Vorsitzender 
der politischen Zentralkommission der NSDAP, im April 1933 zum 
Stellvertreter des Führers und im Dezember 1933 in dieser Eigen¬ 
schaft zum Reichsminister ernannt (er nahm an der Bearbeitung 
von Gesetzentwürfen sämtlicher Reichsressorts teil). Am 4. 2.1938 
Mitglied des Geheimen Kabinettsrates, am 30.8.1939 Mitglied des 
Ministerrates für die Reichsverteidigung. Im September 1939 nach 
Kriegsausbruch von Hitler zu seinem Nachfolger nach Göring 
bestellt. Am 10. 5.1941 flog er ohne Genehmigung Hitlers in einem 
Alleinflug nach England (Schottland), um dort vor dem Angriff 
Hitlers auf die UdSSR einen Separatfrieden mit dem Deutschen 
Reich zu sondieren. Von Hitler wurde er daraufhin als Verräter 
gebrandmarkt und als geistesgestört bezeichnet. Heß blieb in Eng¬ 
land bis Kriegsende interniert und ist anschließend in Nürnberg 
vor Gericht gestellt worden (Oktober 1945). Am 30. 9.1946 wurde 
Heß vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zu einer 
lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und sitzt heute noch in der t 
Militärstrafanstalt Berlin-Spandau ein. ’j' \\0o * 

68 Die Thule-Gesellschaft ging aus dem 1912 gegründeten Germanen¬ 
orden hervor. Die Aktivisten im Germanenorden bildeten die erste 
antisemitische Loge, einen Geheimbund, der bewußt der jüdischen 
Freimaurerloge, als Front gegen das Judentum, entgegentreten 
sollte. Vor allem war es Sebottendorf und Nauhaus, die in München 
einen Zirkel gründeten, in dem nur Personen »arischer Abstam- 
mung< aufgenommen werden konnten (Symbol: Hakenkreuz mit 
Wodanbild). In den Räumen des Sportklubs des Hotels Vier Jahres¬ 
zeiten wurden die Logensitzungen abgehalten. Der »Münchner 
Beobachten wurde erworben und verbreitete die antisemitischen 
Parolen der Loge. Als die Gesellschaft entsprechende Mitglieder 
hatte, wurde der Deckname »Thule< angenommen und am 
17. 8.1918 sind die Logenräume feierlich eingeweiht worden. Jedes 
Logenmitglied trug eine Bronzenadel, die auf dem Schild das von 
zwei Speeren durchkreuzte Hakenkreuz zeigte (die weiblichen 
Mitglieder, >Schwestem<, trugen ein einfaches goldenes Haken¬ 
kreuz). In der Räterepublik wurden im April 1919 einige Mitglieder 
der Thule-Gesellschaft erschossen. Später gingen aus der Thule- 
Gesellschaft die Deutsche Arbeiterpartei (D.A.P.), die spätere 



Anmerkungen und Himveise des Herausgebers 


317 


NSDAP unter Hitler und die Deutsch-Sozialistische Arbeitsge¬ 
meinschaft, die spätere Deutsch-Sozialistische Partei (D.S.P.) her¬ 
vor. Das >Heil und Siegs den Gruß<ler Thule-Leute, machte Hitler 
zum >Sieg-Heil< der Deutschen, den >Völkischen Beobachten, der 
aus dem »Münchner Beobachten entstand, zum Kampfblatt und das 
»Hakenkreuz« zum Symbol der NSDAP. Die Thule-Gesellschaft 
existierte noch bis 1933, spielte aber keine Rolle mehr, nachdem ihr>tf^ 
»geistiges Gut< von Hitler und der NSDAP aufgesogen worden war. % 

69 Karl Haushofer, geb. 27.8. 1 ^$6,"i n München, nach dem Abitur • 

Militärdienst, Promotion 1913, Kriegsakademie und am Ende des 
Ersten Weltkrieges Generalmajor. 1919 für Erdkunde habilitiert, 
1921 Honorar-Professor. Rudolf Heß, der kurze Zeit bei Haushofer 
Assistent war, wurde von der Geopolitik, deren Begründer Hausho¬ 
fer war, stark beeinflußt. Freundschaftliches Verhältnis zu Heß bis 
zu dessen Englandflug 1941. Präsident für Deutschtum im 
Ausland. Haushofer starb 1946 in München. lAvW , 

Sein ältester Sohn Albrecht Haushofer, geb. 7.1. 1903^ widmete ; 
sich nach Abitur und Universität (Promotion) ebenfailsder Lehre 
der Geopolitik seines Vaters. Als Dozent und Leiter des Geopoliti- 
schen Seminars an der Hochschule für Politik in Berlin kam er 
ebenfalls viel mit Heß zusammen. Mitarbeiter des Auswärtigen 
Amtes bis 1941, wo er vorher von Genf aus Verbindungen für 
etwaige Friedensverhandlungen aufnahm und Heß stark beein¬ 
flußte, der sich vor seinem Englandflug auch von Haushofer bera¬ 
ten ließ. Haushofer unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu 
Lord Hamilton, den Heß nach seinem Flug nach England sprechen 
wollte. Nach dem Attentat auf Hitler im Juli 1944 wurde Haushofer 
Ende 1944 verhaftet und festgehalten. Wenige läge vor Kriegsende 
wurde er am 23.4.1945 von SS-Männern bei einem Transport 
hinterrücks erschossen. 

70 Walter Funk, geb. 18. 8.1890 in TVakehnen (Ostpr.) studierte nach 
dem Abitur in Insterburg an der Universität Leipzig Rechts- und 
Volkswirtschaft. Journalist in Berlin und Leipzig bei verschiede¬ 
nen Tageszeitungen. Ab 1916 Redakteur der Berliner Börsenzei¬ 
tung (von 1922 bis 1930 Chefredakteur). Beitritt zur NSDAP im 
November 1930 und als Wirtschaftsbeauftragter Hitlers bei der 
NSDAP tätig. 1932 Reichstagsabgeordneter und am 30.1.1933 
Pressechef der Reichsregierung und Staatssekretär bei Goebbels 
im Propagandaministerium. Im November 1937 wurde Funk 
Reichswirtschaftsminister. Nach dem Krieg interniert, wurde er 
vom Nürnberger Militärtribunal zu lebenslänglicher Haft verur¬ 
teilt. Am 10. 5. 1957 wurde Funk frühzeitig aus dem Militärgefäng¬ 
nis Berlin-Spandau entlassen, er starb im Alter von 69 Jahren am 
31.5.1960 in Düsseldorf. 

71 Bernhard Köhler, geb. 30.9.1882 in Greiz i. Vogtland, studierte 


^ r* 



318 


Er war mein Chef 


nach dem Abitur Naturwissenschaften und Psychologie. 1914 
Kriegsfreiwilliger, Leutnant und Kompanieführer bis 1918. Köhler 
kam 1919 nach München und traf Dietrich Eckart und Gottfried 
Feder. 1920 kurze Zeit Schriftleiter des »Völkischen Beobachters«. 
Nach dem Putsch 1923 Studium der Volkswirtschaft und Betäti¬ 
gung in Wirtschaftsunternehmen. 1930 wieder aktiv politisch tätig; 
1931 Grundlegung der Propaganda der NSDAP für die Beseitigung 
der Arbeitslosigkeit. Mitte 1932 Eintritt in die Wirtschaftspoliti¬ 
sche Abteilung der Reichsleitung der NSDAP. Am 15.7.1933 
wurde Köhler Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik. 

72 Sh. Anmerkung 61. 

73 Xaver Schwarz, geb. 27.11.1875 in Günzburg/Donau, besuchte die 
Volks- und eine dreijährige Fortbildungsschule. Bis zum 15.9.1893 
als Inzipient beim Amtsgericht in Günzburg und anschließend bei 
einem Notar tätig. Am 12.1.1895 als zweijähriger Freiwilliger 
Militärdienst, Sergeant und Kommandanturschreiber in München 
bis zum September 1899. Anschließend vom 1.6.1900 im Verwal¬ 
tungsdienst der Stadt München tätig, im Juni 1925 als Verwal¬ 
tungsoberinspektor in den Ruhestand. Im Ersten Weltkrieg Kriegs¬ 
dienst als Leutnant. Bereits 1922 Mitglied der NSDAP. Nach dem 
Putsch 1923 wurde Schwarz 1924 erster Kassier der »Großdeut¬ 
schen Volksgemeinschaft« und nach der Neugründung der NSDAP 
am 21.3.1925 zum Reichsschatzmeister der NSDAP ernannt. Im 
Dezember 1929 Stadtrat in München und 1933 Mitglied des Reichs¬ 
tages, SS-Oberstgruppenführer und Reichsleiter. Anfang 1945 
Kommandeur eines Volkssturmbatallions in Grünwald, wo ihm 
Hitler zu seinem 65. Geburtstag ein Haus geschenkt hatte. Im Mai 
1945 durch die US-Armee interniert. Xaver Schwarz starb am 
2.12.1947 im Alter von 72 Jahren im Internierungslager Regens¬ 
burg. 

74 Der »Verbindungsstab« in Berlin Wilhelmstraße 64 war eine 
»Dienststelle des Stellvertreters des Führers« (Rudolf Heß mit 
Stabsleiter Martin Bormann), die eigentlich im Führerbau an der 
Arcisstraße in München ihren Hauptsitz hatte. 

75 Das in den Jahren 1738 bis 1739 erbaute Palais in der Wilhelm¬ 
straße 77 des Grafen von der Schulenburg wurde 1796 von der 
Familie Radziwill gekauft, die das Radziwillpalais 1875 dem Reich 
verkaufte. Bis 1878 umgebaut und renoviert, zog der erste Reichs¬ 
kanzler Bismark dort ein. In der Weimarer Republik wurde das 
Reichskanzlerpalais auch Sitz der Reichsregierung, wodurch ein 
Erweiterungsbau auf dem unbebauten Grundstück zwischen dem 
Reichskanzlerpalais und dem Borsigpalais notwendig wurde. Vom 
Mai 1928 bis Anfang 1931 wurde an dem Neubau des Dienstgebäu¬ 
des der Reichskanzlei gearbeitet. In dem alten Reichskanzlerpalais 
hatte seit Oktober 1932 zeitweise der Reichspräsident Hindenburg 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


319 


gewohnt, da sein Reichspräsidentenpalais bis Mitte 1933 umgebaut 
wurde. Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, stand ihm daher das 
Reichskanzlerpalais nicht zur Verfügung, und er mußte im Dienst¬ 
gebäude der Reichskanzlei in Lammers Wohnung einziehen. Prof. 
TVoost renovierte und möblierte dann ab Mitte 1933 das freigewor¬ 
dene Reichskanzlerpalais. Diese Arbeiten dauerten bis Mai 1934, 
erst dann konnte Hitler einziehen. Albert Speer, der den Umbau des 
Reichskanzlerpalais für TYoost beaufsichtigte, wurde von Hitler 
dann 1933 beauftragt, eine neue Raumaufteilung des Dienstgebäu¬ 
des der Reichskanzlei an der Wilhelmstraße zu planen. Im Oktober 
1933 wurde dieser Umbau durchgeführt. Am 22. 5.1934 wurde das 
Borsigpalais dazu erworben und ausgebaut. Vom Juli 1935 bis 
Januar 1936 ist im Garten der Reichskanzlei ein zweigeschossiges 
Gebäude mit einem großen Empfangssaal und Wintergarten 
errichtet worden. 1935 bis 1937 wurden dann alle Gebäude an der 
Voßstraße aufgekauft, und 1938 begann Speer mit dem Bau der 
Neuen Reichskanzlei sowie mit dem Neubau eines Wohn- und 
Garagengebäudes in der Hermann-Göring-Straße (1937). Bereits 
am 7.1.1939 war die Neue Reichskanzlei (Voßstraße) fertiggesteilt, 
von der sechs Jahre später nur noch Ruinen und Trümmer übrig¬ 
blieben. ^ 

76 Rolf Reiner war damals stellvertretender Leiter des Verbindungs¬ 
stabes der NSDAP in Berlin. Er wurde am 2.1.1899 in Gmunden 
am TYaunsee (österr.) geboren. Realgymnasium in München. Ab 
10.1.1917 Kriegsfreiwilliger Fahnenjunker, 1918 Leutnant. 1919 
beim Württembergischen Freikorps Haas in München. Anschlie¬ 
ßend bei der Reichswehr in Schwäbisch-Gmünd. Ende 1920 Stu¬ 
dium an der Universität in München. 1921 bei der >Reichskriegs- 
flagge< des Hauptmann Rohm. Anfang 1923 Adjutant des Oberst¬ 
leutnant Kriebel im 'Kampfbund<, dem die >NSDAP<, die >Reichs- 
kriegsflagge< und der >Bund Oberland< angehörten. Beim Putsch 
1923 aktiv beteiligt, zu 1 Jahr und 3 Monaten Haft in Landsberg 
verurteilt. Anschließend mit Rohm in Bolivien. Als Rohm von Hitler 
am 5.1.1931 zum Chef des Stabes der SA (später Stabschef) 
ernannt wurde, wurde Reiner Röhms 1. Adjutant bis zum 
30.1.1933. Am 1.2.1933 zum stellvertretenden Leiter des Verbin¬ 
dungsstabes der NSDAP in Berlin und zum SS-Gruppenführer er¬ 
nannt. Mitglied des Reichstages ab Mai 1933. Ab März 1934 Chef 
von Röhms Ministeramt bei der OSAF. Im Zuge der Röhm-Affaire 
am 1. Juli 1934 verhaftet, aber als SS-Führer nach kurzer Zeit 
wieder entlassen. 

77 Sh. Anmerkung 18. 

78 Sophie Stork, geboren am 5. 5.1903 in München, war Malerin und 
lernte Hitler durch Wilhelm Brückner, mit dem sie seit 1929 
befreundet war, im Frühjahr 1932 auf dem Obersalzberg kennen. 



320 


Er war mein Chef 


Sie war öfter auf dem Obersalzberg eingeladen, da Hitler die 
begabte Malerin und Keramikerin sehr schätzte. Sie wurde von 
dem Kreis um Hitler >Charly< genannt (s. Briefe Eva Brauns usw.) 
und war nicht, wie Maser schreibt: »Eine Freundin Eva Brauns 
namens Charlotte.« Sie erhielt auch Aufträge von Hitler, wie z. B. 
die handmodulierten Kacheln für den Ofen im Wohnzimmer, Tbe- 
tische usw. Nach der Auflösung ihrer Verlobung durch Brückner 
1936 erhielt sie nach Aussage von Frau Schroeder von Hitler eine 
beachtliche Geldzuwendung (40000 RM), wodurch sie nach dem 
Krieg erhebliche Schwierigkeiten bekam. Sophie Stork starb am 
21.10.1981 im Alter von 78 Jahren in Seeshaupt. 

79 Johanna Maria Magdalena Ritschel, geboren am 11.11.1901 in 
Berlin, erhielt, nachdem sich ihre Mutter 1904 scheiden ließ, den 
Namen ihres Stiefvaters, des jüdischen Kaufmanns Friedländer. 
Von 1907 bis 7. 8.1914 (Ausbruch des 1. Weltkrieges) besuchte sie 
die Schule im Ursulinenkloster in Vilvorde (Belgien) und dann das 
Kollmorgen’sche Lyzeum in Berlin. Abitur im Herbst 1919 in Ber¬ 
lin. Anschließend im Pensionat in Holzhausen bei Goslar. Am 
26. 7.1920 verlobte sich die 18jährige Magda mit dem Industriellen 
(Tüchfabrikant) Günther Quandt und heiratete am 4.1.1921 den 
um 20 Jahre älteren Millionär. Am 1.11.1921 Geburt ihres Sohnes 
Harald. 1929 Scheidung von Quandt. Nach Eintritt in die NSDAP 
1930 arbeitete sie ehrenamtlich als Sekretärin in der Gauleitung 
Berlin bei Dr. Lippert, wo sie Dr. Goebbels kennenlemte und für 
ihn arbeitete. Sie heiratete ihn am 19.12.1931, aus der Ehe gingen 
6 Kinder hervor. Magda Goebbels wurde eine glühende Verehrerin 
Hitlers, der auch ihren Charme sehr schätzte. Am 23. April 1945 zog 
sie mit ihren Kindern zu Hitler in den Bunker an der Wilhelm¬ 
straße. Am 1. Mai 1945 beging sie im Alter von 43 Jahren, nachdem 
sie ihre 6 Kinder vergiften ließ, Selbstmord durch Gifteinname 
(Blausäure). 

80 Arthur Kannenberg, geb. 23.2.1896 in Berlin-Charlottenburg, 
besuchte in Berlin die Werdersche Oberrealschule; Einjährige 
Reife. In den bekannten gastronomischen Betrieben seines Vaters, 
Oskar Kannenberg, ab 1912 Ausbildung als Koch, Kellner, Wein¬ 
küfer und Buchhalter. Ab 1915 als Soldat beim Telegrafen Battl. I, 
1918 als Gefreiter entlassen. 1924 übernahm Kannenberg die 
Betriebe seines Vaters, Restaurant Kannenberg und Hotel Stadt 
Berlin sowie den Restaurations-Großbetrieb >Onkel Tbms Hütte< in 
Berlin-Grunewald. 1930 mußte Kannenberg infolge der allgemei¬ 
nen Wirtschaftskrise Konkurs anmelden, er verlor alle seine 
Betriebe und hinterließ einige Gläubiger. Anschließend wurde 
Kannenberg Geschäftsführer der >Pfuhls-Wein- und Bierstuben« in 
der Königgrätzer Straße, wo neben rechten- und nationalsozialisti¬ 
schen Reichs- und Landtagsabgeordneten, auch Dr. Goebbels und 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


321 


Göring verkehrten. Hier lernte Hitler bei einem Besuch Kannen¬ 
berg kennen. Kannenberg, damals immer in finanziellen Schwie¬ 
rigkeiten, gefiel Hitler, er führte eine vorzügliche Küche, spielte 
Akkordeon und sang dazu. Hitler bot ihm die Leitung des Kasinos 
des »Braunen Hauses< in München an. Kannenberg trat seine Stel¬ 
lung am 1.12.1931 an und zog mit seiner Frau am 28.3.1932 von 
Berlin nach München. Hitler übertrug ihm auch die Führung der 
Kantinenbetriebe d. Reichsführerschule d. NSDAP in der Schwan- 
thalerstr. 68. Als Hitler Reichskanzler wurde, holte er Kannenberg 
am 23.3.1933 nach Berlin in die Reichskanzlei, wo er bis 1945 als 
Hausintendant Hitlers tätig war. Am 10.4.1945 setzte er sich nach 
Karlstein (Bad Reichenhall) an den Thumsee ab. George Allan, 
1945 CIC-Interrogater (lOlst Airbome Div.), verhörte Kannenberg 
am 10.5.1945. Nach der Internierung vom 27.5.1945 bis 25.7.1946 
war Kannenberg an verschiedenen Orten tätig, bis er im September 
1957 in Düsseldorf in der Schneider-Wibbel-Gasse das Lokal 
>Schneider-Wibbel-Stuben< übernahm. Kannenberg starb am 
26.1.1963 im Alter von 68 Jahren in Düsseldorf. 

81 Julius Gregor Schaub, geb. 20.8.1898 in München, besuchte die 
Volks- und Drogisten-Fachschule in München bis 1916. Nach der 
Gehilfenprüfung bei der Handelsgesellschaft deutscher Apotheker 
tätig. Am 31.1.1917 als Krankenwärter zum Militärdienst eingezo¬ 
gen, verbrachte er die meiste Zeit selbst im Lazarett. Durch einen 
Sturz verletzte er sich an beiden Beinen. 1918 aus dem Lazarett 
entlassen, als Vertragsangestellter beim Hauptversorgungsamt 
München in der Barerstraße. Eintritt in die NSDAP am 10.10.1920, 
aktive Teilnahme am Putsch 1923 und anschließende Flucht nach 
Kärnten (Österreich). Festnahme a. d. Grenze Salzburg am 
20.4.1924 und anschließende Verurteilung zu VA Jahren Festungs¬ 
haft in Landsberg. Am 31.12.1924 frühzeitig entlassen, wurde er 
am 1.1.1925 von Hitler als Privatangestellter eingestellt, wo er bis 
1945 als Faktotum Hitlers blieb. Mitglied des Reichstages und SS- 
Obergruppenführen Am 23.4.1945 ist Schaub von Berlin nach 
München geflogen und hat im Auftrag Hitlers den Panzerschrank 
in seiner Wohnung und anschließend den in Hitlers Arbeitszimmer 
am Berghof ausgeräumt und den Inhalt vernichtet. Am 27.4.1945 
fuhr Schaub nach Zell/See und Mallnitz (Sprengung des Führer¬ 
sonderzuges) und flüchtete dann mit einem falschen Ausweis als 
Herr Josef Huber nach Kitzbühel (Tirol), wo er am 8.5.1945 von der 
US-Armee (36th CIC Det.) festgenommen und bis zum 17. 2.1949 in 
verschiedenen Lagern interniert war. Julius Schaub starb am 
27.12.1967 im Alter von 69 Jahren in München. 

82 Kurt Hölsken war ein Büroangestellter im Büro von Rudolf Heß im 
»Braunen Haus« in München. 

83 Henriette von Schirach, geb. 3.2.1913 in München, war eine Tbch- 





322 


Er war mein Chef 


ter des Fotografen Heinrich Hoff mann. Da Hitler bei Hoff mann 
Ende der zwanziger Jahre und Anfang 1930 viel verkehrte, lernte 
sie ihn schon in jungen Jahren kennen. Nach dem Abitur 1930 trat 
Henriette Hoffmann der NSDAP bei und studierte an der Universi¬ 
tät München. In München lernte sie auch ihren späteren Mann, den 
Reichsjugendführer Baldur von Schirach kennen, den sie im März 
1932 heiratete. Später lebte sie in Berlin, Kochel und Wien und war 
mit ihrem Mann auch öfter am Obersalzberg. Nach 1945 war 
Henriette v. Schirach längere Zeit interniert und lebt heute in 
München. 

84 Gemeint ist das Buch von Henriette von Schirach »Anekdoten um 
Hitler«, Geschichten aus einem halben Jahrhundert, Türmer Ver¬ 
lag, Berg/Stamberger See, 1980. 

85 Sh. Anmerkung 20. 

86 Dietrich Eckart, geb. 23.3.1868 in Neumarkt (Oberpfalz), nach 
dem Abitur Studium der Medizin an der Universität Erlangen, das 
er 1891 abbrechen mußte (Nervenheilanstalt). Von 1892 bis 1899 in 
Neumarkt, Leipzig, Regensburg und Berlin journalistisch und 
schriftstellerisch tätig. Mitte 1900 wurde er in Berlin Redakteur am 
»Berliner Lokalanzeigen, arbeitete an verschiedenen anderen Zei¬ 
tungen mit, sowie weitere schriftstellerische Beschäftigung. Er 
schrieb vor allem Theaterstücke und beschäftigte sich mit der 
Nachdichtung von Ibsens »Peer Gynt<. 1915 heiratete Eckart und 
ging nach München, wo er im Dezember 1918 die antisemitische 
Zeitschrift »Auf gut deutsche gründete. Im August 1919 kam er mit 
der von Anton Drexler gegründeten DAP in Verbindung und von 
1920 an übte er einen wachsenden Einfluß auf Hitler aus. Beginn 
des Hitler-Kultes in seiner Zeitschrift. Im August 1921 wurde 
Eckart Schriftleiter des »Völkischen Beobachtern und schrieb 1923 
das >Sturmlied<, das von der NSDAP verbreitet wurde. Im März 
1923 löste Rosenberg Eckart als Schriftleiter im VB ab und im April 
brachte ihn Christian Weber ins Berchtesgadener Land auf den 
Obersalzberg, da er wegen Verunglimpfung des Reichspräsidenten 
Ebert vor Gericht gestellt werden sollte. Nach seiner Rückkehr 
wurde Eckart am 13.11.1923 in München wegen angeblicher Betei¬ 
ligung am Putsch verhaftet, aber am 20.12.1923 wieder entlassen. 
Er starb im Alter von 55 Jahren am 26.12.1923 am Obersalzberg. 

87 Die »Privatkanzlei des Führers< oder die »Privatkanzlei Adolf Hit- 
lerss wie sie offiziell genannt wurde, erhielt nach der Anordnung 
Bouhlers vom 1.2.1935, »...alle an Hitler gerichteten privaten 
Schreiben (Glückwunschschreiben, fremdsprachige Briefe, Unter¬ 
schriftsbitten, Patenschaftsgesuche von Pg M Ehrenbürgerbriefe, 
Dankschreiben, Bittgesuche alter Pg. um Geldspenden, Geschenke, 
Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren usw.)« 

Die Privatkanzlei Hitlers wurde bis 1933 von Rudolf Heß geführt. 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


323 


Ab Januar 1933 wurde sie von München nach Berlin verlegt und, 
nachdem Heß Stellvertreter Hitlers wurde, übernahm die Leitung 
der Privatkanzlei Hitlers Albert Bormann. Nach einer Anordnung 
Bouhlers hatte sie 1935 folgende Mitarbeiter: Leiter Albert Bor¬ 
mann, v. Ihne, Bentheim, Wolf, Wittmann, Stasch, v. Poniski und 
Borchert. 

Am 3.6.1938 wurde Albert Bormann Hauptamtsleiter und als 
Adjutant in den persönlichen Stab Hitlers berufen, da die >Privat- 
kanzlei Adolf Hitlers« als eigenes Amt in die »Kanzlei des Führers 
der NSDAP« eingegliedert und mit einer Reihe neuen Aufgaben 
betraut wurde. Albert Bormann behielt aber die Leitung dieses 
Amtes bei (Verfügung Hitlers vom 3.6.1938). 

88 Albert Bormann, geb. 2.9.1902 in Halberstadt, arbeitete nach dem 
Abitur im Bankwesen und als kaufmännischer Angestellter in 
Weimar. Auf Veranlassung seines Bruders Martin Bormann, trat er 
am 27.4 1927 in die NSDAP sowie SA ein, arbeitete 1930/31 am 
Aufbau der HJ in Thüringen mit. Am 12.5.1931 holte ihn sein 
Bruder Martin in die Hilfskasse der NSDAP nach München. Kurze 
Zeit später kam er in die Privatkanzlei Hitlers zu Heß und im 
Februar 1933 wurde er Leiter der >Privatkanzlei Adolf Hitler« in 
Berlin. Von 1934 an war Bormann auch noch bis 1945 persönlicher 
Adjutant Hitlers. SA-Sturmbannführer, und NSKK-Gruppenfüh- 
rer sowie Reichtagsabgeordneter (seit 1938) und Reichshauptamts¬ 
leiter. Am 21.4.1945 flog Bormann mit seiner Frau nach Ainring 
und war dann bis zum 29. April am Berghof. Am 2.5.1945 fuhr er 
mit seiner Familie von Hintersee ab und kam nach verschiedenen 
Aufenthalten, er nahm den Namen Roth an, nach Forsting bei 
Mühldorf, wo er als landwirtschaftlicher Arbeiter bis zum 5.4.1949 
unerkannt lebte. Er stellte sich dann, wurde bis zum 4.10.1949 
interniert und lebt heute in Süddeutschland. 

89 Sh. Anmerkung 75. 

90 Sh. Anmerkung 41. 

91 Sh. Anmerkung 81. 

92 Schaub sagte nach dem Krieg folgendes aus (Nü. Intg. No 292): 
»...Am 22.4.45 ließ Hitler mich rufen, nachdem er die Bespre¬ 
chung mit Keitel und Jodl hatte. >Schaub«, sagte er, «sämtliche 
Akten müssen verbrannt werden.« Und zwar diejenigen Akten, die 
in seinem Arbeitsraum waren. Ich ließ die Akten herausschaffen in 
den Hof, mit Benzin übergießen und verbrannte sie...« 

93 Die Geschenklisten wurden nach Personen und Geschenken nach 
Jahren geordnet geführt, so daß Hitler sehen konnte, was er den 
betreffenden Personen in den letzten Jahren geschenkt hatte. Im 
BA Koblenz sind z. B. derartige Listen für die Jahre 1935 und 1936 
vorhanden (BA Koblenz R 43 II 967b, sh. 27-31). 

94 In ihren stenographischen Aufzeichnungen notierte Frau Schroe- 



324 


Er war mein Chef 


der: »... Da auf Hitlers Festen in der RK nicht getanzt wurde, 
war er bestrebt, anderweitig für Unterhaltung zu sorgen. Er zog 
deshalb erste Sänger und Sängerinnen der Berliner Oper heran 
sowie Tänzer und Tänzerinnen von der Theateroper sowohl als 
auch von der Charlottenburger Oper. Er veranstaltete jedes Jahr 
ein Künstlerfest, ein Fest für die Großindustriellen, dessen 
Hauptzweck die Zeichnung namhafter Beträge für das WHW 
(Winterhilfswerk) war. Während der Olympiade gab er auch den 
Sportlern ein großes Fest in d. RK. Für die Parteileute pflegte er 
in München im neuen »Braunen Haus< jedes Jahr einen großen 
Empfang zu geben. Niemals war bei den Festen E.B. (Eva Braun] 
zugegen. Dagegen lud er zu den Künstlerfesten seine Sekretärin¬ 
nen ein, wodurch E.B. auf diese zu Zeiten so etwas wie Neid 

S verspürte.« 

95 Eitler hatte seit Anfang an Begleiter, die für seine Sicherheit 
./sorgten. 1921 bis 1923 war dies vorwiegend Ulrich Graf (z.T. 

^ 1920/21 auch Christian Weber). Im März 1923 wurde die erste 
>Stabswache< Hitlers unter Julius Schreck gegründet, die aus 12 
Leuten bestand. Sie bildeten den Grundstock des späteren »Sto߬ 
trupp Hitler. Nach seiner Entlassung aus Landsberg, umgab sich 
Hitler 1925 wieder mit einer zuverlässigen Leibwache (10 Mann 
und Schreck), die aus Julius Schreck, Julius Schaub, Emil Mau¬ 
rice, Edmund Schneider, Hansgeorg Maurer, Erich Mandtal, 
Alois Rosenwink, Ernst Wagner, Michael Steinbinder, Erhard 
Heiden u.a. bestand. Bis 1932 wechselten einige Leute, wobei ab 
1930 auch Josef Dietrich neben seinen SS-Führertätigkeiten für 
die Sicherheit Hitlers bei den Wahlreisen zunehmend eingeschal¬ 
tet wurde. Am 29. 2.1932 wurden aus den SS-Abschnitten 12 SS- 
Männer in Berlin ausgewählt, von denen dann 8 das erste »SS- 
Begleitkommando< unter der Führung von Bodo Gelzenleuchter 
bildeten und bei der Reichsleitung der NSDAP in München ange¬ 
stellt wurden. Es waren dies Bruno Gesche, Franz Schädle, Erich 
Kempka, August Körber, Adolf Dirr, Kurt Gildisch und Willi 
Herzberger. Dem SS-Begleitkommando, das neben den Kriminal¬ 
beamten des RSD (a b 1933) immer in Hitlers Nähe war und ihn 
im nachfolgenden Auto auf allen seinen Fahrten, später in FHQ’s 
usw. begleitete, oblag die Bewachung und der präsente Schutz 
Hitlers. Nach Gelzenleuchter übernahm Herzberger und dann 
Gildisch die Führung des »SS-Begleitkommandos ,Der Führer‘<. 
Im Mai 1934 wurde Bruno Gesche Führer des Begleitkommandos, 
das er mit Unterbrechungen bis zum 17.12.1944 leitete. Ab 
20.12.1944 war Franz Schädle Führer des Begleitkommandos, 
das inzwischen auf weit über 100 Männer (mit Ordonnanzen, 
Diener, Fahrer, Telefonisten usw.) angewachsen war. Ende 1944 
stellten 13 SS-Führer und 14 Unterführer u. Mannschaften allein 


/ 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


325 


nur den persönlichen Begleitschutz Hitlers. Insgesamt hatte das 
»Begleitkommando des Führers« 143 SS-Führer und Mannschaften. 

96 Hier handelt es sich um den SS-Obersturmbannführer Paul Wer- 
nicke, geb. 14.1.1899 in Ribbeck (Kreis Tfemplin). Nach einer 
kaufmännischen Lehre und Kriegsdienst, war er als Gutsverwalter 
und später als Prokurist tätig. Nach dem Eintritt in die SS 1930 
wurde er im Februar 1933 zum »Sonderkommando des Führers« in 
die Reichskanzlei abgeordnet (Bewachungsdienst in der RK). Am 
2.5.1934 kam Wemicke, der entsprechende Büroerfahrung hatte, 
in die »Persönliche Adjutantur des Führers«, wo er bis zum 
18.10.1940 Dienst tat. Als Wilhelm Brückner am 18.10.1940 als 
Chefadjutant entlassen wurde, entließ Hitler auch gleichzeitig 
Wemicke, da er den »Arger mit der Adjutantur satt hatte«« und 
Hitler auch eine Verjüngung der Mitarbeiter anstrebte. Wemicke 
kam dann zur LSSAH, wo er nach einer Ausbildung ab dem 

2.7.1941 als Kommandant eines Div.-Stabs-Quartier nach Ru߬ 
land an die Front kam. 

97 Fritz Wiedemann, geb. 16.8.1891 in Augsburg, trat nach dem 
Abitur 1910 als Fahnenjunker in das 3,Bayr. Inf. Rgt. ein, 1912 
Leutnant nach Besuch der Kriegsschule München. Nach einem 
schweren Unfall erst im Oktober 1915 als Adjutant im Regiments¬ 
stab des 16. Bayr. Inf. Rgt. eingesetzt, wo er u. a. auch Hitler, der 
dort als Meldegänger diente, kennenlemte. Ab 1918 Landwirt im 
Allgäu. 1921 ging Wiedemann nach Fuchsgrub, wo er mit anderen 
die Zentralmolkerei Pfarrkirchen gründete. Er traf Hitler 1921 bei 
einem Regimentstreffen, wo Hitler ihm den Aufbau der SA anbot, 
was Wiedemann jedoch ablehnte. Als es ihm 1933 wirtschaftlich 
schlecht ging, bat er Amann, bei Hitler vorzusprechen, ob er nicht 
wieder zur Reichwehr als Offizier kommen könnte. Vor Weihnach¬ 
ten 1933 traf er Hitler im »Braunen Haus«, der ihm eine Stelle als 
Adjutant anbot. Am 1.2.1934 trat Wiedemann seinen Dienst im 
Stab von R. Heß an. Eintritt in die NSDAP. Nach der Einarbeitung 
bei Heß wurde er am 1.1.1935 zum Adjutant Hitlers in der Persön¬ 
lichen Adjutantur ernannt. NSKK-Brigadeführer und ab 1938 
Reichstagsabgeordnetcr. Mehrere Auslandsreisen, u.a. bei Lord 
Halifax in London usw. Wiedemann geriet immer mehr in Wider¬ 
spruch zu Hitler, und Anfang Januar 1939 entließ Hitler Wiede¬ 
mann mit den Worten: »Ich kann Leute in hoher Stellung und in 
meiner nächsten Umgebung nicht gebrauchen, die mit meiner Poli¬ 
tik nichts zu tun haben wollen.« Wiedemann erhielt dann im März 
1939 den Posten eines Generalkonsuls in San Francisco. Am 

16.1.1941 forderte die USA die Schließung aller deutscher Konsu¬ 
late und Abreise des Personals bis zum 14.7.1941. Wiedemann 
mußte daher im Juli 1941 die USA verlassen und wurde von Hitler 
im November 1941 als Generalkonsul nach Tientsin (China) kom- 




326 


Er war mein Chef 


mandiert, von wo er am 18.9.1945 durch die US-Armee zuerst nach 
Washington und dann am 7.10.1945 nach Nürnberg als Zeuge 
zurückgebracht wurde. Wiedemann war bis zum 5. Mai 1948 inhaf¬ 
tiert und starb im Alter von 78 Jahren am 24.1.1970 in Fuchsgrub. 

98 In der Unterredung mit Wiedemann, Anfang Januar 1939, die 
nach Aussagen von Wiedemann nur fünf Minuten gedauert haben 
soll, sagte Hitler: »Ich entlasse Sie nach San Francisco. Sie können 
annehmen oder ablehnen! Sie können Ihre Stelle sofort antreten.« 

99 Karl Krause, geb. 5. 3.1911 in Michelau, lernte das Tischlerhand¬ 
werk und meldete sich am 1.4.1931 zur Reichsmarine, wo er bis 
zum 2. 7. 1934 als Obermatrose Dienst tat. Als Hitler 1934 >einen 
Matrosen< als Diener haben wollte, wurde Krause (1,89 m groß) am 
1.8.1934 von Hitler unter anderen Bewerbern persönlich ausge¬ 
wählt und in 2 Monaten in der Hotelfachschule München-Pasing 
zum Diener ausgebildet. Im September 1934 trat er als Leibdiener 
Hitlers am Obersalzberg an. Beförderung bis zum SS-Obersturm- 
führer. Er blieb Hitlers Diener bis zum 10. 9.1939. Als Hitler von 
Krause beim Polenfeldzug ein Glas Fachinger verlangte, Krause 
aber die Fachingerflasche vergessen hatte, log er Hitler an (Krause 
stellt diesen Vorgang in seinem Buch nicht, bzw. anders dar). Er 
wurde als Diener sofort entlassen und zu Kannenberg nach Berlin 
zurückgeschickt. Ab 1.3.1940 wieder bei der Marine (Norwegen¬ 
feldzug) wurde er nach Krankheit und Kommandierung ab dem 
2.11.1940 zur LSSAH als Oberscharführer der Waffen-SS und ab 
Dezember 1943 zur ll.SS-Panzer Div. >Hitler-Jugend< an die 
Front versetzt. 1945 SS-Untersturmführer und hoch dekoriert. 
Nach dem Krieg bis Juni 1946 interniert, lebt Krause heute in 
Mitteldeutschland. 

100 Hans Hermann Junge, geb. 11.2.1914 in Wilster (Holstein), absol¬ 
vierte nach der Volksschule eine kaufmännische- und Bürolehre 
bis Mai 1933 und war anschließend als Angestellter tätig. Nach 
dem Eintritt in die SS am 1.11.1933, meldet er sich am 1.8.1934 
freiwillig zur LSSAH und kam am 1.7. 1936 zum SS-Begleitkom- 
mando >Der Führen. Ab 1940 wurde er von Hitler, der Junge sehr 
schätzte, als Diener und Ordonnanz (1,89 m groß) beschäftigt. Am 
19. 6.1943 heiratete er eine der Sekretärinnen Hitlers, Gertraud 
Humps. Anschließend (14.7.1943) zur Waffen-SS kommandiert, 
kam er am 1.12.1943 zum Fronteinsatz bei der 12. SS-Panzer Div. 
Hitler Jugend, wo er am 13. 8.1944 im Alter von 30 Jahren als SS- 
Obersturmführer gefallen ist. 

101 Heinz Linge, geb. 23.3.1913 in Bremen, lernte den Maurerberuf 
und besuchte anschließend ein Technikum. Mit 20 Jahren am 
17.3.1931 Eintritt in die LSSAH. Am 24.1.1935 wurde er von 
Hitler als Diener ausgesucht (1,84 m groß) und nach der Ausbil¬ 
dung in der Hotelfachschule München-Pasing war er bis 1945 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


327 


Ordonnanz und Diener Hitlers. Nach der Entlassung von Krause 
wurde er der von Hitler bevorzugte Leibdiener. Linge erlebte 1945 
im Bunker Hitlers Selbstmord und wurde am 2.5.1945 von der 
Roten Armee gefangengenommen und nach Rußland gebracht. 
1950 vor ein Gericht gestellt, ist er zu 25 Jahren Strafarbeit 
verurteilt worden. 1955 wurde Linge entlassen, er starb im Alter 
von 67 Jahren 1980 in Bremen. 

102 Die »Leibstandarte SS Adolf Hitler< (LSSAH) war eigentlich die 
3. Stabswache Hitlers. Sie wurde von Josef Dietrich 1933 im 
Auftrag Hitlers aufgestellt. Am 30.1.1933 ließ Hitler Dietrich, der 
ihn bereits früher bei zahlreichen Wahlreisen begleitet hatte, nach 
Berlin kommen und gab ihm den Auftrag, neben dem seit dem 

29.2.1932 bestehenden >SS-Begleitkommando Hitlers« eine 
zuverlässige »Stabswache« aufzustellen. Aus allen SS-Standarten 
wurden SS-Männer ausgesucht (mindestens 1,80 m groß und 
unter 25 Jahre alt) und nach Berlin zur Stabswache kommandiert. 
117 ausgesuchte SS-Führer und -Männer bildeten am 17.2.1933 
den Grundstock des »SS-Sonderkommandos Berlin«, das unter 
SS-Gruppenführer Dietrich zunächst eine private Schutztruppe 
Hitlers darstellte. Zuerst in der Friesenkaseme in Berlin unterge¬ 
bracht, wurde das >SS-Sonderkommando< im April 1933 in die 
Hauptkadettenanstalt nach Lichterfelde verlegt, wo es immer 
weiter ausgebaut wurde und die Wachen im Innenhof der Reichs¬ 
kanzlei stellte sowie repräsentative Aufgaben bei Veranstaltun¬ 
gen übernahm. Ab dem 3.9.1933 wurden die SS-Sonderkomman¬ 
dos zur »Adolf-Hitler-Standarte« zusammengefaßt. Ab dem 

9.11.1933 führt die, inzwischen schon 835 Mann starke TVuppe, 
die Bezeichnung »Leibstandarte Adolf Hitler« und ab dem 

13.4.1934 die Bezeichnung »Leibstandarte SS Adolf Hitler«. 

103 Josef Dietrich, geb. 25.5.1892 in Hawangen, besuchte die Volks¬ 
schule und war anschließend in der Landwirtschaft als Kutscher 
(Berufsangabe i. d. Kriegsstammrolle Dietrichs 1911) tätig. Arbei¬ 
tete von 1909 bis Mitte 1911 in der Schweiz als Hotelangestellter. 
Militärdienst vom 18.10.1911 bis 27.11.1911 beim 4. F.A.R. 
2. Bat. in Augsburg, »wegen Krankheit (Sturz vom Pferd) entlas¬ 
sen«. In Memmingen bei einem Bäcker Botendienste bis zum 
5.8.1914. Anschließend Frontdienst im Ersten Weltkrieg in 
Frankreich und Italien, zum Schluß bei der Sturmpanzerwagen 
Abt. 13 als Panzerwagenführer, die am 19.2.1918 aufgestellt 
wurde (am 20.11.1918 wurde die Abt. aufgelöst). Am 26.3.1919 
als Vize-Wachtmeister nach Hawangen entlassen, kam Dietrich 
am 4.4.1919 nach München. Ab 24.2.1920 bei d Bayerischen 
Landpolizei als Wachtmeister (Streifzug 1. Gruppe in Ober¬ 
schleißheim). Anschließend arbeitete er bei d. österr. Tabakregie 
in München und später kurz im Zolldienst. Durch seine Bekannt- 




328 


Er war mein Chef 


schaft mit Christian Weber, der ihn ab 1925 in seiner Tankstelle 
(Blau-Bock-Tankstelle) beschäftigte (Berufsangabe v. Dietrich: 
>Garagenmeister<), übernahm er bereits Aufgaben in der NSDAP. 
Am 1.5.1928 Beitritt zur NSDAP und persönliche Bekanntschaft 
mit Himmler. SS-Eintritt am 5.5.1928 (jedoch bereits am 
1.8.1928 SS-Standartenführer!). Dietrich wurde ab 1929 beim 
Eher-Verlag bezahlt (Beruf: >Packer<!), um seine Führungsaufga¬ 
ben in d. SS wahrnehmen zu können. Am 18. 5.1929 Führer d. SS- 
Brigade Bayern und ab 11. 7.1930 (nicht mehr beim Eher-Verlag 
als Packer angestellt) Führer der SS-Gruppe Süd sowie Reichs¬ 
tagsabgeordneter. 16. 1. 1933 Führer des »SS-Sonderkommandos< 
in Berlin, Aufbau der >Leibstandarte SS Adolf Hitler<. 1934 Betei¬ 
ligung an dem Mord von 6 SA-Führem und Beförderung zum SS- 
Obergruppenführer. Bei Kriegsausbruch 1939 im Fronteinsatz in 
Polen, Balkan, Frankreich und Rußland. Am 20. 4. 1942 General¬ 
oberst d. Waffen-SS, Ardennenoffensive 1944, anschließend in 
Ungarn und Wien in Einsatz. Am 8.5.1945 von der US-Armee in 
Österreich gefangengenommen, wurde er im Sommer 1946 im sog. 
>Malmedy-Prozeß< in Dachau zu lebenslanger Haft verurteilt 
(1950 auf 25 Jahre herabgesetzt). Am 20.10.1955 entlassen, lebte 
Dietrich in Ludwigsburg, wo er am 21.4.1966 im Alter von 74 
Jahren starb. 

104 LAH war die Abkürzung für >Leibstandarte Adolf Hitler<. Diese 
Bezeichnung galt nur kurz 1933. Richtige Bezeichnung »Leibstan¬ 
darte SS Adolf Hitler« = LSSAH, wobei das SS im allgemeinen 
Sprachgebrauch weggelassen wurde und nur von der LAH 
gesprochen wurde. 

105 Gemeint ist die Hotelfachschule in München-Pasing. 

106 Heinrich Himmler, geb. 7.10.1900 in München, war nach dem 
Abitur 1917 als Fahnenjunker bis 1918 in Ausbildung (Fähnrich). 
Studium der Landwirtschaft an d. Tbchn. Hochschule in Mün¬ 
chen. 1923 bei d. Organisation >Reichskriegsflagge<, Laborassi¬ 
stent in einer Kunstdüngerfirma. Teilnahme am Putsch 1923. 
Eintritt in die NSDAP am 2. 8.1925 im Stab bei Gregor Strassen 
Eintritt in die SS 1925 und am 6.1.1929 »Reichsführer SS< (RFSS). 
1930 Reichstagsabgeordneter. Im März 1933 kommissarischer 
Polizeipräsident in München (ab April auch Leiter d. politischen 
Polizei) und am 17. 6. 1936 RFSS und Chef der Deutschen Polizei. 
Aufbau von Gestapo, SD, Konzentrationslager, Waffen-SS usw. 
Am 25.8.1943 Reichsinnenminister. Am 4 . 5.1945 von Dönitz 
aller Funktionen enthoben, wurde Himmler am 20. 5.1945 von d. 
Brit. Armee festgenommen. Am 23. 5.1945 verübte der 44jährige 
Himmler Selbstmord durch Einnahme von Blausäure. 

107 Am 25. 9. 1941 erließ Hitler den »Grundsätzlichen Befehl« über die 
Geheimhaltung, den der Reichsminister des Inneren am 1.12.1941 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


329 


an die Obersten Reichsbehörden bekanntgab. Er enthielt 4 Punkte 
und wurde bei allen militärischen- und Reichsstellen ausgehängt. 
Punkt 1 lautete: 

»Niemand: Keine Dienststelle, kein Beamter, kein Angestellter 
und kein Arbeiter dürfen von einer geheimzuhaltenden Sache 
erfahren, wenn sie nicht aus dienstlichen Gründen unbedingt 
davon Kenntnis erhalten müssen.« 

108 Sh. Anmerkung 362. 

109 Nach verschiedenen Besprechungen Hitlers (21. Juni mit Hinden- 
burg u. später mit Blomberg) nahm Hitler mit Göring am 
28.6.1934 in Essen an der TVauung des Gauleiters Terboven teil 
und besuchte anschließend die Kruppwerke in Essen. 

110 Die >Ju 52< war ein von Hugo Junkers konstruierter dreimotoriger 
Ganzmetall-Tiefdecker. Es war ein äußerst robustes und zuver¬ 
lässiges, wenn auch langsames Flugzeug, von dem bis 1945 über 
4000 Stück gebaut wurden. Bis 1944 war es auch das Standart¬ 
flugzeug der Deutschen Lufthansa. Die Ju 52 war offiziell für 17 
Passagiere zugelassen, in der militärischen Version für 20 Sol¬ 
daten. 

111 Joseph Goebbels, geb. 29.11.1897 in Rheyt (Rheinland) studierte 
nach dem Abitur in Rheyt Germanistik in Bonn, Freiburg, Würz¬ 
burg, 1921 Promotion. 1923 bis Mitte 1924 in Köln bei der Dresd¬ 
ner Bank anschließend Sekretär von Franz Wiegerhaus, MdR der 
Völkischen Freiheitspartei und später als Redakteur bei der Zeit¬ 
schrift »Völkische Freiheit«. 1924 bei Gauleiter Kaufmann und 
Eintritt in die NSDAP. 1926 wurde Goebbels Gauleiter von Berlin 
und im Mai 1928 Reichstagsabgeordneter. Im November 1928 
übernahm er die Leitung der Reichspropaganda von Gregor 
Strasser. Am 19.12.1928 heiratete er Magdalena Quandt, die 
geschiedene Frau des Industriellen Günter Quandt. Ernennung 
zum »Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda« am 
14.3.1933. Goebbels führte die Kontrolle und Gleichschaltung 
der Medien in Deutschland durch. Am 13.2.1943 im Sportpalast 
in Berlin Verkündung des »totalen Krieges« (»... Wollt ihr den 
totalen Krieg?««). 1944 »Generalbevollmächtigter für den totalen 
Kriegseinsatz«. Im April 1945 im Bunker mit Hitler, verübte er am 
1. 5.1945 mit seiner Frau, nachdem er vorher seine sechs minder¬ 
jährigen Kinder durch Gift töten ließ, im Alter von 47 Jahren 
Selbstmord durch Erschießen. 

112 Hitler ließ bereits am Abend des 28.6.1934 viele höhere SA- 
Führer nach Bad Wiessee beordern. Entweder irrt sich Frau 
Schroeder im Datum (»Start der Maschine um 3 Uhr in der Früh 
am 29. Juni«?) oder es wurden noch zusätzliche SA-Führer nach 
Bad Wiessee beordert. 

113 Otto Dietrich, geb. 31. 8.1897 in Essen wurde am 10. 8.1915 zum 



330 


Er war mein Chef 


Kriegsdienst eingezogen, 1918 als Leutnant d. R. entlassen (Abi¬ 
tur in Gent 1918). Anschließend Studium Philosophie und Staats¬ 
wissenschaft an der Universität München, Frankfurt und Frei¬ 
burg, 1921 Promotion. Bei verschiedenen Industrieuntemehmun- 
gen tätig. 1928 Redakteur der >München-Augsburger-Zeitung< 
und 1929 erste Kontakte mit der NSDAP, Eintritt in die Partei am 
1.4.1929, SS am 24.12.1932 (1941 SS-Obergruppenführer). Mit¬ 
arbeiter der Reichsleitung der NSDAP 1930/31 stellvertretender 
Chefredakteur der >Nationalzeitung< in Essen. Anfang 1931 
erhielt er den Auftrag Hitlers, eine Pressestelle der Partei einzu¬ 
richten. Seit dieser Zeit begleitete Dietrich Hitler auf allen seinen 
Wahlreisen und gehörte von da an auch zum engeren Kreis um 
Hitler bis 1945, auch auf dem Berghof. 1933 Vorsitzender des 
Reichsverbandes der Deutschen Presse und am 31.8.1933 zum 
>Reichspressechef< ernannt. Schrieb eine Reihe von NS-Bücher. 
Am 8. 5.1945 von der Britischen Armee interniert, wurde Dr. 
Dietrich im >Wilhelmstraßenprozeß< am 14.4.1949 zu sieben Jah¬ 
ren Gefängnis verurteilt, aber schon am 16. 8.1950 entlassen, 

1 ^ starb Dietrich am 22.11.1952 im Alter von 48 Jahren in Düssel¬ 
dorf. 

114 Als Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, 
stellte er nebem dem seit 29.2.1932 bestehenden »SS-Begleitkom- 
mandos einige Kriminalbeamte zu seinem Schutz ein. Die 6 Kri¬ 
minalbeamten des Reichs-Kriminalpolizeiamtes Berlin seines 
Vorgängers aus der Reichskanzlei übernahm er nicht. Bereits im 
April/März 1933 wurde unter Leitung, des von Hitler nach Berlin 
geholten, Leutnant der bayerischen Landespolizei, Johann Rat¬ 
tenhuber, ein »Kommando z.b.V.< aus acht Münchner Kriminal¬ 
beamten aufgestellt, das folgende Aufgaben hatte: 

»1. Begleitdienst. 

2. Allgemeine Sicherungsfragen beim Führer oder den Regie- 
rungsmitgliedem. 

3. Pflege von Erhebungen und Verfolgung von Attentatsplänen, 
die den Führer oder andere Regierungsmitglieder betreffen. 

Die Kriminalbeamten des Kommandos z.b.V wurden vom Führer 
selbst nach Berlin gebeten, um dort den persönlichen Schutz zu 
übernehmen.« 

Während das »Kriminalkommando z.b.V< am 30.11.1934 noch 18 
Kriminalbeamte hatte, besaß es am 27.3.1935 bereits 49 Mitarbei¬ 
ter (34 Kriminalbeamte, 2 Flieger u. 4 Krim.-Bea. sowie 9 Hilfs¬ 
kräfte), die auf verschiedene Dienststellen (Reichsminister, Ober¬ 
salzberg usw.) verteilt waren. Ab April 1935 wurde das »Führer- 
schutzkommando< (Kriminalkommando) in eine gesonderte Poli¬ 
zeibehörde, den »Reichssicherheitsdienst< (RSD) überführt (nicht 
zu verwechseln mit dem SD = Sicherheitsdienst des RFSS der SS) 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


331 


und die Anzahl der Beamten bis 1945 immer weiter erhöht. Die 
Stärke des Reichssicherheitsdienstes (RSD) betrug im Frühjahr 
1944 etwa 250 Mann, wovon rd. 220 Kriminalbeamten, der Rest 
Verwaltungsbeamte, Fahrer und Stenotypistinnen waren. Die 
Kriminalbeamten waren auf 13 Dienststellen mit je einem 
Dienststellenleiter aufgeteilt. 

115 Johann Rattenhuber, geb. 30.4.1897 in Oberhaching bei Mün¬ 
chen, rückte im Frühjahr 1916 nach dem Besuch des Gymna¬ 
sium Schäftlarn (Notabitur 1916) zum 16.bayr. Inf. Rgt. ein, im 
Oktober 1918 Leutnant. Anschließend in der Garnison Ingol¬ 
stadt nahm er im April/Mai 1919 als Führer einer Sicherheits¬ 
kompanie beim Freikorps Epp an der Niederwerfung der Räte¬ 
republik in Freising und München teil. Ab September 1919 stu¬ 
dierte Rattenhuber einige Semester an der Universität Mün¬ 
chen. Am 5.9.1920 Eintritt in die Ordnungspolizei Bayreuth. 
Am 10.2.1922 nach München zur Landespolizei versetzt, am 
1.8.1925 zum Leutnant d. Polizei befördert worden. Am 
10.3.1933 zum Adjutant des damaligen Polizeipräsidenten 
Himmler ernannt (bestätigt am 19.4.1933), wurde er im April 
1933 beauftragt, das >Kommando z.b.V.< für Hitler in Berlin auf¬ 
zustellen. Beförderung zum Hauptmann der Polizei am 
1.6.1933. Bis zum 3.7.1934 wurde Rattenhuber bei der bayeri¬ 
schen Polizei geführt. Ab dem 4.7.1934 im Zuge der Rangan¬ 
gleichung zum SS-Obersturmbannführer ernannt und nach Ber¬ 
lin versetzt. Leiter der nun selbständigen Dienststelle >Reichssi- 
cherheitsdienst< (RSD) ab April 1935, Beförderung zum Major 
der Polizei (20.4.1934) mit der Rangangleichung als SS-Stan- 
dartenführer am 15.9.1935. Aufbau der verschiedenen RSD- 
Dienststellen und Führung des RSD bis 1945 im Bunker des 
Reichskanzlerpalais in Berlin. Am 30. 1.1944 zum Generalmajor 
und am 24.2. 1945 zum SS-Gruppenführer ernannt. Beim Aus¬ 
bruch aus der Reichskanzlei wurde Rattenhuber durch einen 
Beinschuß schwer verwundet. Am 2.5.1945 von der Roten 
Armee gefangengenommen und nach Rußland gebracht. Ratten¬ 
huber wurde am 16.11.1951 aus russischer Kriegsgefangen¬ 
schaft entlassen und starb am 30. 6.1957 im Alter von 60 Jahren 
in München-Grünwald. 

116 Bruno Gesche, geb. 5.11. 1905 in Berlin, nach dem Besuch der 
Volksschule 1919 als Banklehrling und Angestellter bis 1924. 
Anschließend verschiedene Tätigkeiten als Arbeiter. Eintritt in 
die NSDAP schon 1922 in Hannover und im Oktober 1928 in die 
SS. SS-Sturmführer im Juni 1931. Ab dem 8.3.1932 beim >SS- 
Begleitkommando< Hitlers, übernahm Gesche am 10.3.1934 die 
Führung des Kommandos, die er mit Unterbrechungen bis zum 
Dezember 1944 als SS-Obersturmbannführer beibehielt. Wegen 



332 


Er war mein Chef 


eines Alkoholdeliktes im FHQ >Felsennest< bei Bad Nauheim, von 
Hitler entlassen und von Himmler am 20.12.1944 zum SS-Unter- 
scharführer degradiert, kam er an die Front nach Italien. Von der 
Brit. Armee gefangengenommen, war Gesche bis 1947 interniert 
und lebte dann in Hannover, wo er am 10.8.1980 im Alter von 75 
Jahren starb. 

117 Von Freunden wurde Bruno Gesche kurz >Conny< genannt. 

118 Diese Darstellung hat mir vor einigen Jahren ein ehemaliger 
Angehöriger des Kommandos, der damals dabei war, bestätigt. Er 
sagte, »... daß sie nicht wußten, was eigentlich los war und wo es 
hingehen sollte«. Das Kommando war verärgert, »da Hitler so 
wenig Vertrauen gezeigt hat und uns nicht informiert hat. Es hätte 
ja zu einer Schießerei usw. kommen können, und wir waren darauf 
nicht vorbereitet und haben nichts gewußt...« Hitler ist wohl 
tatsächlich nur mit seinem Stab und dem Kriminalkommando 
unter Rattenhuber nach Bad Wiessee gefahren (Kempka, der als 
Fahrer im ersten Flugzeug mitflog, war der einzige vom Begleit¬ 
kommando der am Anfang mit dabei war; sh. auch Aussage v. 
Kempka nach dem Krieg). 

119 Als mir Frau Schroeder früher die Vorgänge, die sie hier nieder¬ 
schrieb, einmal erzählte, war ich skeptisch und sagte: »Waren Sie 
da wirklich dabei und war das so?« Frau Schroeder wurde ärger¬ 
lich und antwortete: »Glauben Sie, daß ich lüge?« Sie erzählte mir 
dann noch einige Details, so daß man annehmen kann, daß es sich 
tatsächlich so abgespielt hat. Eine gewisse Bestätigung gab mir 
das schon zitierte Gespräch mit einem Augenzeugen, der sich 
jedoch nicht mehr daran erinnern konnte, ob Frau Schroeder 
dabei gewesen ist. »In dem allgemeinen Durcheinander damals«, 
so sagte er, »hat man auf so was nicht besonders achtgegeben.« Er 
schloß nicht aus, daß Frau Schroeder dabei gewesen war. 

Rohm saß in Hitlers Wagen unter Bewachung und wurde von 
Schreck, Hitlers Fahrer, nach München-Stadelheim gebracht. 
Hitler wurde von Kempka nach München gefahren. Die inhaftier¬ 
ten SA-Führer wie Uhl, von Spreti, Heines usw. sind in einem 
requirierten Kleinautobus über die Strecke Hausham von Män¬ 
nern des Begleitkommandos nach Stadelheim gebracht worden, 
»da man befürchtete, daß auf der Straße von Holzkirchen nach 
Gmund herauskommende SA-Leute, den Leiter von Röhms 
Stabswache Uhl evtl, befreien könnten«. 

120 Im Gefängnis Stadelheim wurden am 30. 6.1934 die SA-Führer 
Uhl, von Spreti, Heines, Hayn, Heydebreck, Schneidhuber und 
Schmidt erschossen. Weitere Exekutionen erfolgten am 1.7.1934 
im KZ Dachau und an vielen anderen Orten in Deutschland. Die 
offizielle Liste der Opfer des 30. 6. und 1.7.1934 wies 83 Namen 
aus, die wirkliche Zahl der Opfer war aber weitaus größer. 



Anmerkungen und Himveise des Herausgebers 


333 


121 Hitler flog am Abend des 30. 6.1934 mit dem Flugzeug von Mün¬ 
chen nach Berlin zurück. 

122 Sh. Anmerkung 80. 

123 Freda Kannenberg, geb. 25. 5.1898 in Fretsdorf (Kreis Ost-Prig- 
nitz), heiratete Kannenberg 1922 in Berlin und betrieb mit ihrem 
Mann die Kannenberg Restaurants in Berlin. Sie war eine gute 
Köchin und ging mit Kannenberg nach dem Konkurs seiner Be¬ 
triebe am 22.3. 1932 nach München, wo beide das Kasino im 
»Braunen Haus< betrieben. Ab 1.8. 1933 in Berlin an der Seite von 
Kannenberg in der Reichskanzlei und später auch am Berghof, wo 
sie ihren Mann unterstützte (bei offiziellen Anlässen arrangierte 
sie z.B. die Tischdekoration). Nach dem Krieg Aufenthalt in 
Karlstein bei Reichenhall. Sie eröffnete später mit ihrem Mann 
1957 ein Restaurant in Düsseldorf. 1974 (Arthur Kannenberg 
starb am 26.1. 1963) zog sie nach Much, wo Frau Kannenberg am 
12.2. 1980 im Alter von 82 Jahren verstorben ist. 

123a Sh. Anmerkung 127. 

124 Es existieren einige Fotos, die Kannenberg mit seinem Akkordeon 
zeigen. Auch bei seiner Vernehmung durch die CIC in Berchtesga¬ 
den sagte er, daß er Hitler oft mit dem Akkordeon unterhalten 
habe. 

125 Richard Schulze, geb. 2.10.1914 in Berlin-Spandau trat nach dem 
Abitur im März 1934 am 23.11.1934 in die LSSAH ein. Vom 
24.4.1935 bis zum 30.4.1936 SS-Junkerschule in Tölz und Beför¬ 
derung zum SS-Untersturmführer am 20.4.1936. Anschließend 
verschiedene Kommandos, bis er am 1.4.1939 als Adjutant zu 
Ribbentrop ins Auswärtige Amt kam. Dabei nahm er in Moskau an 
d. Unterzeichnung des Deutsch-Russischen Nichtangriffpaktes 
am 24.8.1939 teil. Vom 26.2.1940 bis 18.6.1940 und 15.2.1941 
bis 6.8.1941 Frontdienst. Schulze war bis Anfang August 1941 
zum Auswärtigen Amt kommandiert. Anschließend vom 6. 8.1941 
bis zum 12.11.1941 zuerst Ordonnanzoffizier und ab 27.10.1942 
Adjutant bei Hitler im FHQ bis zum 12.11.1943. Kommandierung 
zur SS-Junkerschule Tölz als Lehrgruppenkommandant und 
Beförderung zum SS-Sturmbannführer. Zwischendurch erneute 
Adjutantentätigkeit bei Hitler nach der Entlassung von Darges 
(sh. Anmerkung 262) im FHQ vom August 1944 bis Dezember 
1944. Teilnahme an der Ardennenoffensive Ende 1944. Am 
12.1.1945 wurde Schulze die Führung der SS-Junkerschule Tölz 
übertragen. Am 29.4.1945 wurde er in Niederbayem von der US- 
Armee gefangengenommen und kam in das Kriegsgefangenenla¬ 
ger Moosburg. Er blieb in verschiedenen Lagern bis zum 
10.1.1948 interniert und wurde dann entlassen. Schulze lebt 
heute in Norddeutschland. 

126 Gemeint ist der Iman Jahaya von Jemen, König des Königreich 



334 


Er war mein Chef 


Jemen (Yemen) in Südwestarabien, der im Februar 1948 ermordet 
wurde. 

127 Frau Magdalena Haberstock, geboren 1892 in Berlin war die Frau 
des Berliner Kunst- und Antiquitätenhändlers Karl Haberstock, 
der im Auftrag Hitlers Gemälde für ihn ankaufte. Frau Haber¬ 
stock starb 1983 in Augsburg. 

128 Max Wünsche, geb. 20.4.1914 in Kittlitz (Kr. Löbau Oberhaus), 
Oberschule und ab 1.4. 1928 Handelslehre, anschließend Gutsver¬ 
walter und kaufmännische Tätigkeit. Am 10. 7.1933 zur LSSAH, 
vom 25.4.1935 bis 31.3.1936 SS-Junkerschule in Tölz, am 
20.4.1936 zum SS-Untersturmführer befördert. Am 11.9.1938 
Beförderung zum SS-Sturmführer und Kommandierung zu Hitler 
als Ordonnanzoffizier und später Adjutant bis zum 24.1.1940. 
Anschließend mehrere Frontkommandos, bis er am 1.6.1940 wie¬ 
der Dienst als Adjutant im FHQ verrichtete. Am 18.10. 1940 
zusammen mit Brückner von Hitler entlassen, führte er verschie¬ 
dene Frontkommandos (hochdekoriert) bis er am 24.8.1944 als 
SS-Obersturmbannführer und Regimentskommandeur von der 
Brit. Armee gefangengenommen wurde. Nach dem Krieg bis 
Anfang 1948 interniert, lebt Wünsche heute in Norddeutschland. 

129 Bei dieser Gelegenheit wurde auch der SS-Sturmbannführer Paul 
Wemicke entlassen (sh. Anmerkung 96). 

130 Am 17. Oktober 1940 empfing Hitler am Berghof die italienische 
Kronprinzessin Maria-Jos^, eine Schwester von Leopold d. III., 
König von Belgien. Sie war mit Umberto von Savoyen, dem Sohn 
des italienischen Königs Victor Emanuel III. verheiratet. 

131 Lt. Schreiben Martin Bormanns an den Minister Dr. Lammers 
vom 26.3.1941 ist Brückner am 18.10.1940 aus der Adjutantur 
ausgeschieden (BA Koblenz R 43 II 967a, Bl 48). Anstelle von Max 
Wünsche wurde Fritz Darges als Adjutant zu Hitler kommandiert, 
Brückners Tätigkeit übernahm Schaub. 

132 Alwin-Broder Albrecht, geb. 18.9.1903 in St. Peter (Friesland), 
meldete sich nach dem Abitur am 30.3.1922 zur Reichsmarine. 
Am 1. 4. 1924 Fähnrich z. S., 1.10. 1926 Leutnant z. S., 1. 7. 1928 
Oberleutnant z. S. und am 1.6. 1934 Beförderung zum Kapitän¬ 
leutnant. Als Hitlers Verbindungsoffizier zur Marine, Karl-Jesko 
von Puttkamer, am 19. 6. 1938 zu einem Flottenkommando ab¬ 
kommandiert wurde, vertrat ihn der am 1.11. 1937 zum Korvet¬ 
tenkapitän ernannte Albrecht vom 27.6. 1938 bis 30.6. 1939 bei 
Hitler. Als Albrecht Anfang 1939 eine Frau mit >Vorgeschichte< 
geheiratet hatte und Großadmiral Raeder nachträglich davon 
erfuhr, suspendierte er Albrecht sofort vom Dienst. Als das Hitler 
hörte, wurde er wütend, da Albrecht zu seinem Stab gehörte und 
Raeder ihn nicht verständigt hatte. Er ließ Albrecht mit seiner 
Frau auf den Berghof kommen, und Hitler gefiel die Frau. Als 




Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


335 


Haeder darauf bestand, Albrecht als Militärattache nach Tbkio 
zu versetzen, ernannte Hitler ihn am 1. 7. 1939 einfach zu seinem 
persönlichen Adjutanten und verlieh ihm den Rang eines NSKK- 
Oberführers. Das führte zu einer tiefgreifenden Auseinanderset- 
zung zwischen Hitler und dem Großadmiral Raeder. Albrecht 
wurde am 30. 6. 1939 unter Verleihung des Rechts zum TYagen 
der bisherigen Uniform aus dem aktiven Wehrmachtsdienst ent¬ 
lassen. Albrecht blieb in der Persönlichen Adjutantur Hitlers 
unter Reichsieiter Bouhier bis 1945 mit Aufgaben in der Reichs¬ 
kanzlei (Bearbeiten von privaten Briefen an Hitler, Überwa¬ 
chung der vielen Bauarbeiten und Bearbeitung organisatorischer 
Fragen in der RK) beauftragt. Am 1.5.1945 verschwand Albrecht 
spurlos und wurde nicht mehr aufgefunden (Selbstmord oder bei 
Kämpfen gefallen). 

133 Gerda Daranowski, geb. 13.12.1913 in Berlin, kam nach ihrer 
Schulausbildung und Beschäftigung als Kontoristin bei Elisa¬ 
beth Arden in Berlin nach einer längeren Tätigkeit in der >Privat 
Kanzlei Hitlers<, 1937 mit 24 Jahren als dritte Sekretärin in die 
»Persönliche Adjutantur< Hitlers. »Dara«, wie sie von ihren 
Freunden genannt wurde, war anschließend mit in den FHQ’s 
Hitlers und heiratete am 2.2.1943 den damaligen Major der 
Luftwaffe, Eckhard Christian, der als Adjutant des Chefs des 
Wehrmachtsführungsstabes im FHQ tätig war. Nach einer kur¬ 
zen Unterbrechung ihrer Tätigkeit kam sie Ende 1943 wieder als 
Sekretärin Hitlers in das FHQ, wo sie bis 1945 blieb. Bei dem 
Ausbruch aus der Reichskanzlei am 1.5.1945 gelang es ihr, sich 
nach Westdeutschland durchzuschlagen. Sie lebt heute in Nord¬ 
deutschland. 

134 Sh. Anmerkung 34. 

135 Hitlers erste Schule war die Volksschule in Finkelham bei Wels, 
die er ab dem 1.5.1895 besuchte. 

136 Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Notiz eines Steno¬ 
fragmentes aus dem Nachlaß von Frau Schroeder: 

»Rauchen? Nicht ehrlich. Am 11./12.3.42 sagte er [Hitler] in der 
Wolfsschanze: »Ich habe 30-40 Zigaretten geraucht, den Rest in 
die Donau geworfene Uns Mädchen im Treppenzimmer hat er 
gesagt: »Ich habe als junger Mann im Bett Pfeife geraucht, das 
Bett sei in Brand geraten, und von da ab habe er nie mehr 
geraucht! <« 

137 Seine Mutter liebte Hitler wohl sehr. Seine Schwester Paula 
sagte am 26. 5.1945 (CIC-Einvemahme in Berchtesgaden) folgen¬ 
des aus: »... Der Tod der Mutter hat auf mich und Adolf einen 
großen Eindruck gemacht; wir haben sehr an der Mutter gehan¬ 
gen. Die Mutter starb 1907. Als die Mutter tot war, kam Adolf 
nicht mehr nach Hause...« 



336 


Er war mein Chef 


138 Paula Hitler schrieb in einem Brief am 5. 2.1957: »... an meinen 
Bruder, der ihr beiderseitiges Wesen [der Eltern] vereinigt in sich 
trug. Den unbeugsamen Willen des Vaters und den warmen 
Glanz von den Augen der Mutter...« 

139 Hitler ist von seinem Vater sehr viel geschlagen worden. Seine 
Halbschwester, Angela Hammitzsch, sagte im Mai 1945 (CIO 
Einvernahme in Berchtesgaden) folgendes aus: »...Sein Vater, 
der schlug ihn, wenn er nach der Schule nicht nach Hause kam, 
mehr als 2 bis 3 mal in der Woche.« Hitler soll zu ihr gesagt 
haben: ». ..Ich habe mir damals überlegt - wenn ich heimgehe, 
werde ich von meinem Vater geschlagen, aber ich kann nicht 
spielen. Aber wenn ich wegbleibe, kann ich eine Stunde spielen 
und die Prügel dauern nicht länger als 5 Minuten. So zog ich es 
vor, zu spielen...« Auch seine Schwester Paula Hitler sagte am 
25.5.1945 (CIC-Einvemahme in Berchtesgaden) aus: »...Adolf 
ist als Kind immer spät heimgekommen. Er hat jeden Abend 
seine TVacht Prügel gekriegt, weil er nicht pünktlich zu Hause 
war...« 

140 Sh. Anmerkung 143. 

141 Leo Raubal, geb. 11.6.1879 in Stadt Ried (Österreich), war Steu¬ 
erbeamter und starb im Alter von 31 Jahren am 10.8.1910 in 
Linz. 

142 Paula Hitler, geb. 26.1.1896 in Hafeld (Österreich), war Hitlers 
einzige Vollschwester. Nach der Volksschule Lyzealschule und 
kaufmännische Ausbildung. In den zwanziger Jahren als Kanz¬ 
leikraft Paula Hietier in der österreichischen Bundesländer¬ 
versicherung in Wien tätig. Am 2. 8. 1930 angeblich wegen ihres 
Bruders Adolf von der Geschäftsleitung entlassen. Hitler unter¬ 
stützte sie dann mit einer monatlichen Rente von 250 Schilling 
und nach 1938 mit 500 Reichsmark bis 1945. In den letzten 
Kriegsjahren war sie in einem Lazarett in Wien als Schreibkraft 
tätig. Am 14.4.1945 wurde sie von 2 SS-Männern als >Paula 
Wolf< nach Berchtesgaden geholt, wo ihr (und ihrer Halbschwe¬ 
ster Angela) von Schaub am 24.4.1945 im Auftrag Hitlers 
100000 RM übergeben worden sind (sh. Aussage Schaub vom 
5.5.1951, Bay HStA München). Sie wohnte in der Dietrich- 
Eckart-Hütte, wo sie am 26. 5.1945 vom CIC der 10Ist Airbome 
Division aufgespürt und verhört wurde. Paula Hitler fuhr 
anschließend wieder nach Wien zurück, wo sie in einem Kunstge¬ 
werbegeschäft arbeitete. Am 1.12.1952 kam sie wieder nach 
Berchtesgaden und nahm dort ihren ständigen Wohnsitz, um ihre 
Ansprüche aus dem privaten Testament Hitlers zu stellen. Sie 
nannte sich wieder Paula Wolf, ein Deckname, den Hitler in den 
zwanziger Jahren immer verwendet hatte, und bemühte sich bis 
zu ihrem Tbde um das Erbe von Hitler. Paula Wolf-Hitler starb 




Die Sekretärinnen Hitlers 
Christa Schroeder und Johan¬ 
na Wolf beim Frühstück auf 
der Tbrrasse des Hauses 
Wachenfeld 1935. 



Dr. Goebbels. Eva Braun. 
Karl Hanke, Christa Schroe¬ 
der und Albert Speer warten 
1938 auf der Tbrrasse des 
Berghofs auf Hitler. 


Eva Braun mit Freundinnen 
nach einem Alpenrundflug 
1936 (v.l.n.r.: Sofie Storck, 
Marianne Petzl, Flugzeugfüh¬ 
rer, Eva Braun und Erna 
Hoffmann). 





Hitler mit der italienischen 
Kronprinzessin Maria-Jos6 
am Nachmittagdes 17. Okto¬ 
bers 1940 im Kehlsteinhaus 
am Obersalzberg beim T>e. 
Brückner, Wünsche (Wer- 
nicke und Hotte) wurden we¬ 
gen der Vorbereitungen zu 
diesem Besuch am 18. 10. 1940 
durch eine Intrige Kannen¬ 
bergs von Hitler entlassen 



Christa Schroeder 1938 vor 
dem Globus Hitlers in der 
Großen Halle* des Berghofs 


Hitler und seine Haushälterin 
Anni Winter, Johanna Wolf 
und der Direktor Jakob Wer- 
ltn von Daimler-Benz, der 
Hitler Anfang 1925 nach sei¬ 
ner Entlassung aus Lands¬ 
berg einen Mercedes zur Ver¬ 
fügung stellte, in der »Großen 
Halle« des Berghofs 1937. 












Hitlers Gäste Sylvester 1938 in der ►Großen Halle- des 
Berghofs (x - Frau Schroeder; erste Reihe v.l.n.r.: Heinrich 
Hoffmann, Margarete Braun, Dr. Morell, Ehepaar Bouhler, 
Gerda Bormann, Hitler, Eva Braun. Martin Bormann, Anni 
Brandt). 

Hitlers Bild in Eva Brauns Zimmer am Berghof. Links die 
Türe zur Diele, rechts die Türe, die über einen gemeinsamen 
Vorraum in Hitlers Zimmer führte. 


Hitlers Gäste Sylvester 1940 in der Großen Halle- des 
Berghofs (erste Reihe v.l.n.r.: Wilhelm Brückner, Christa 
Schroeder, Eva Braun, Hitler, Margarete Braun. Adolf 
Wagner, Dr. Dietrich; oben rechts Heinrich Heim, der die 
Monologe Hitlers aufschrieb Heim gehörte im Gegensatz 
zu vielen Personen, die dies behaupten, wie dieses Foto 
beweist, »wirklich« zum engeren Kreis Hitlers. 














Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


337 


am 1. 6.1960 im Alter von 64 Jahren in Schönau bei Berchtesga¬ 
den. Fünf Monate später stellte das Amtsgericht Berchtesgaden 
den Erbschein aus, indem ihr zwei Drittel von Hitlers Nachlaß 
zugesprochen wurden. 

143 Angela Franziska Johanna Hitler, geb. 28. 7.1883 in Wien, nach 
Besuch der Volksschule in Braunau a. I., Passau und Lambach 
zog sie mit der Familie nach Leonding bei Linz. Am 14.9.1903 
heiratete die 20jährige in Leonding den 24jährigen Steueramts¬ 
adjunkt Leo Kaubal aus Linz (geb. a. 11.6.1879 in Stadt Ried, 
Österreich). Sie gebar 3 Kinder (Leo, geb. 2.10.1906, Angela, 
>Geli<, geb. 4.1.1908 u. Elfriede, geb. 10.1.1910). Sieben Monate 
nach der Geburt der Tochter Elfriede starb Leo Raubal am 10. 8. 
1910 in Linz. Angela Raubal arbeitete ab dem 3. 6.1919 als Vor¬ 
steherin eines Mädchenheims in Wien, wo sie später als Küchen- 
und Heimleiterin bis Oktober 1926 tätig war. Am 17.6. 1924 
besuchte sie ihren Bruder im Gefängnis Landsberg. Als Hitler 
1925/26 das Haus Wachenfeld am Obersalzberg mietete, holte er 
am 3.3.1927 seine Schwester als Haushälterin aus Wien zu sich, 
auf deren Namen das Haus auch die ersten Jahre lief (sh. 
Steuererklärung Hitlers von 1929). Auch als Hitler das Haus am 
26. Juni 1933 kaufte, blieb sie als seine Haushälterin im Haus 
Wachenfeld. Als Frau Raubal am Parteitag 1935 in Nürnberg 
gegen Eva Braun, die sie nicht leiden konnte, bei Hitler hetzte, 
bat er sie, sein Haus zu verlassen. Am 18.2.1936 verließ sie den 
Obersalzberg und lernte auf der anschließenden Kur in Bad 
Nauheim den Direktor der Staatsbauschule Dresden, Prof. Mar¬ 
tin Hammitzsch kennen, der sie Ende 1936 heiratete. Sie sah 
Hitler zum letzten Mal 1942 in Berlin. Im April 1945 kam sie 
(wie auch ihre Schwester Paula) nach Berchtesgaden, wo ihr 
von Schaub im Auftrag Hitlers 100000 RM übergeben wurden, 
was der CIC bei der Einvernahme nicht bekannt wurde (sh. 
Aussage von Schaub am 5.5.1951, Bay HStA München). 
Anschließend fuhr sie wieder nach Dresden zurück. Sie starb 
am 30.10.1949 im Alter von 66 Jahren gestorbwiafer-^ 

144 Alois Hitler, geb. 13.1. 1882 in Braunau/Inn, verließ bereits mit 
13 Jahren das Elternhaus, da er sich mit seinem Vater nicht ver¬ 
stand. Er arbeitete in der Landwirtschaft und lernte später 
Kellner. 1900 fünf Monate Kerker wegen Diebstahl und 1902 
acht Monate wegen des gleichen Delikts. Mit 24 Jahren arbeitete 
er in Paris, von wo aus er 1909 nach London und Dublin (Irland) 
ging und dort heiratete. Aus der Ehe mit Brigid Hitler ging ein 
Sohn, William Patrick Hitler, hervor, der durch einen Artikel 
>Mon oncle Adolphe<, im >Paris Soir< am 5.8. 1939 bekannt 
wurde. Anfang der zwanziger Jahre kam Alois H. nach Ham¬ 
burg, wo er vom Landgericht Hamburg am 7.3. 1924 wegen 




338 


Er war mein Chef 


Bigamie zu einer sechsmonatigen Haft verurteilt wurde. Aus 
dieser >zweiten< Ehe ging ein Sohn, Heinz Hitler, hervor. Er 
besuchte die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) in 
Ballenstedt/Harz. 1938 Militärdienst. Er fiel als Unteroffizier 
im August 1942 in Rußland. Alois Hitler ging anschließend wie¬ 
der nach England, kam aber 1930 nach Deutschland zurück, wo 
er in Berlin zunächst als Kellner arbeitete. 1934 eröffnete er in 
Berlin-Wilmersdorf eine Weinstube. Im Herbst 1937 pachtete er 
am Wittenbergplatz ein Restaurant, das er >Alois< nannte (Gast¬ 
stättenbetriebe am Wittenbergplatz 3, Konditorei/Bier- und 
Wein-Stuben). Er betrieb das Lokal bis Kriegsende, was aber 
Hitler völlig ignorierte. Nach dem Krieg nahm er den Namen 
>Hans Hillen an und zog nach Hamburg, wo er am 20. 5. 1956 im 
Alter von 74 Jahren starb. 

145 Sh. Anmerkung 86. 

146 Diese Darstellung ist nicht ganz richtig. Es gab bereits Überset¬ 
zungen von >Peer Gynt< (z. B. von Christian Morgenstern u.a.). 
Eckart schwebte vor, das Drama dem deutschen Gefühlsleben« 
anzupassen. Im Herbst 1911 war er mit der Nachdichtung fertig, 
die jedoch, wegen Schwierigkeiten mit Ibsens Sohn, erst im 
Februar 1914 in Berlin uraufgeführt wurde. 

147 Julius Schreck, geb. 13.7. 1898 in München, absolvierte nach 
der Volksschule eine kaufmännische Lehre, 1915 im Pelzwaren¬ 
geschäft Bauch und ab 1.2. 1916 als Kaufmann in der Kriegs¬ 
ledergesellschaft München tätig. Vom 1. 12. 1916 Militärdienst 
im Ersten Weltkrieg, am 23.4 1919 als Vizefeldwebel entlassen. 
Nach dem Krieg vom 20.4. 1919 bis 30.9. 1919 beim Freikorp 
Epp und anschließend vom 1.12. 1920 bis 15.2. 1921 arbeitslos, 
dann Vertreter einer Großhandlung in München. Am 5.10. 1921 
Eintritt in die NSDAP und SA-Führer in Giesing (mehrere Stra¬ 
fen). Am 13.11. 1922 wurde er hauptamtlicher Angestellter der 
NSDAP in der Parteileitung Comeliusstraße 12 und ab dem 
15.5. 1923 im Oberkommando der Sturmabteilung (SA) in der 
Schellingstraße39 als Stabsfeldwebel angestellt. Schreck grün¬ 
dete am 5. März 1923 eine >Stabswache< von 12 Männern zum 
persönlichen Schutz von Hitler. Am Putsch 1923 aktiv beteiligt, 
flüchtete er am 20.11. 1923 nach Reutte (österr ), wo er am 3.1. 
1924 festgenommen wurde. 1925 drei läge Festungshaft in 
Landsberg a. L. (am 22.1. 1925 entlassen). Anschließend sofort 
wieder für die NSDAP tätig, gründete er nach Hitlers Rückkehr 
im April 1925 wieder eine Leibwache für Hitler und wurde nach 
Maurice Ende 1927 Hitlers ständiger Fahrer und Begleiter 
(Beruf: »Berichterstatter!«). Die im April 1925 von Schreck 
gegründete Stabswache Hitlers wandelte er im Auftrag Hitlers 
ein paar Wochen später in >Schutzstaffel< (SS) um. SchrecJ^ 





Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


339 


wurde am 21.9. 1925 der erste Führer der SS, die nun auch in 
anderen Städten aufgebaut wurde. Am 30.2. 1932 zum SS- 
Sturmführer befördert, war Schreck seit 1927 bis zu seinem 
Ibde der ständige Fahrer Hitlers gewesen. Am 1.1. 1935 Ernen¬ 
nung zum SS-Brigadeführer. Schreck starb am 16.5.1936 im 
Alter von 37 Jahren an einer Gehirnblutung. 

148 Erich Kempka, geb. 16. 9. 1910 in Oberhausen (Rhld.), lernte nach 
der Volksschule Elektrotechniker bis 1928 und war dann bis zum 
31.3. 1930 als Mechaniker bei der Fa. DKW angestellt. Eintritt in 
die NSDAP und SS am 1. 4. 1930 als Kraftfahrer beim Gau Essen 
beschäftigt, kam er am 29.2. 1932 zum SS-Begleitkommando 
Hitlers als zweiter Fahrer (Vertreter von Schreck) zur Reichslei¬ 
tung der NSDAP nach München. Nach dem Tbd von Schreck 1936 
wurde Kempka Hitlers ständiger Fahrer und Führer des Kraft¬ 
fahrzeugparks Hitlers, der bis 1945 40 Kraftfahrzeuge und 
60 Kraftfahrer und Mechaniker hatte. Kempka war im April 1945 
in Berlin Zeuge von Hitlers Verbrennung. Am l./2.Mai 1945 
gelang es ihm beim Ausbruch aus der Reichskanzlei, sich nach 
Berchtesgaden durchzuschlagen. Am 18. Juni 1945 durch die US- 
Armee dort verhaftet, war Kempka bis zum 9.10.1947 in verschie¬ 
denen Lagern interniert. Er lebte dann in München und später in 
Westdeutschland. Kempka starb am 24.1. 1975 in Freiburg-Heu¬ 
tingsheim im Alter von 64 Jahren. 

149 Das Gasthaus >Lambach< lag an der Landstraße von München 
nach Salzburg am Chiemsee. Hitler, der das Wirtsehepaar gut 
kannte, kehrte dort auf seiner Fahrt von München nach Berch¬ 
tesgaden immer ein. Später wurde dort für ihn und seine Beglei¬ 
tung ein eigenes Zimmer, das sogenannte >Hitler-Stübchen< re¬ 
serviert. 

150 Max Amann, geb. 24.11. 1891 in München, absolvierte nach der 
Volksschule eine kaufmännische Lehre. 1912 zum Militärdienst 
eingezogen, kam er 1914 als Unteroffizier mit dem neugegründe¬ 
ten Res. Inf. Rgt. 16 List an die Front. Dort war er als Feldwebel 
und Regimentsschreiber Hitlers Vorgesetzter im Ersten Welt¬ 
krieg. 1919 entlassen, war Amann bei der Abwicklungsstelle des 
Kriegsministeriums und später bei der Landesrentenversor¬ 
gungsstelle in München tätig. Am 1.10.1921 ist er aufgrund seiner 
Bekanntschaft mit Hitler als Geschäftsführer der NSDAP beige¬ 
treten. Nebenbei war Amann Verlagsleiter des >Völkischen Beob¬ 
achters^ Nach dem Putsch 1923 blieb Amann Verlagsleiter und 
wurde Anfang 1924 Stadtrat in München. Am 4. 9. 1931 schoß sich 
Amann bei einem Jagdunfall in den linken Arm, der bis zur 
Schulter amputiert werden mußte. 1932 SS-Obergruppenführer, 
1933 Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender des Vereins deut¬ 
scher Zeitungen, Reichsleiter der NSDAP und im Dezember 1933 



340 


Er war mein Chef 


Präsident der Reichspressekammer und persönlicher Bankier 
Hitlers durch die Verwaltung der riesigen Honorare, die Hitler aus 
seinem Buch >Mein Kampf< und anderen Publikationen erhielt. 
Nach dem Krieg am 4. Mai 1945 durch die US-Armee verhaftet, 
war er lange Zeit interniert. In einem Gerichtsprozeß am 8.9.1948 
wurde er zu 2'A Jahren Gefängnis (wegen Körperverletzung, 
begangen 1933) und 3 Monate später von der Spruchkammer 
München zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilt. Amann wurde 
jedoch 1953 frühzeitig entlassen und starb am 30. 3. 1957 im Alter 
von 65 Jahren in München. 

151 Adolf Müller, geb. 4. 5. 1884 in München, lernte nach der Volks¬ 
schule Elektromechaniker und erhielt ab 1907 eine Ausbildung im 
väterlichen Buchdruckergewerbe. 1914 kurze Zeit Militärdienst 
(wegen Schwerhörigkeit entlassen). Gründete Ende 1914 zusam¬ 
men mit Otto Köninger die Druckereifirma »Münchner Buchge¬ 
werbehaus M. Müller & Sohn<, die aus der von seinem Vater 1891 
gegründeten Zuschneiderschule und Modeverlag >M. Müller & 
Sohn<, hervorgegangen ist. Die Firma befaßte sich mit dem Druck 
und Vertrieb von Zeitungen und Zeitschriften. 1920/21 kam Mül¬ 
ler mit dem Frz. Eher Verlag in Geschäftsverbindung und lernte 
durch Dietrich Eckart Hitler kennen. Er druckte dann die NS- 
Zeitungen »Münchener Beobachten, später »Völkischer Beobach¬ 
ten, den »Illustrierten Beobachten und das »Schwarze Korps< (SS- 
Zeitschrift). Am 1.11. 1933 ist die Firma in eine GmbH umgewan¬ 
delt worden, mit Max Amann, dem Frz. Eher Verlag und Adolf 
Müller als Gesellschafter. Müller verübte nach dem Krieg am 
23. 5. 1945 im Alter von 61 Jahren Selbstmord durch Erschießen. 

152 Viktor Emanuellll., geb. 11.11. 1869, wurde nach der Ermordung 
seines Vaters am 3. 8. 1900 König von Italien. Nach der faschisti¬ 
schen Revolution im Oktober 1922 durch Mussolini, hatte er 
keinen großen politischen Einfluß, wehrte sich aber auch nicht 
gegen die faschistische Politik. 1943/44, als er erkannte, daß der 
Krieg verloren war, an der Seite des Marschalls Badoglio gegen 
das System Mussolinis, ging er nach Sizilien und Neapel zu den 
Alliierten über. Viktor Emanuel mußte jedoch wegen seines Ver¬ 
haltens 1922 am 12.4. 1944 das Kronrecht an seinen Sohn 
Umberto übergeben und dankte am 9. 5. 1946 als König ab. Er 
starb am 29.12. 1947 in Ägypten im Alter von 78 Jahren. 

153 Elsa Cantacuzöne, Töchter eines rumänischen Prinzen, wurde am 
23.2. 1865 in Fraundorf bei Gmunden, Bez. Linz, geboren und 
heiratete am 26. 5. 1898 in Starnberg den Münchner Verleger und 
Kommerzienrat Hugo Bruckmann (13.10. 1863-3.9. 1941), der in 
München einen großen Verlag für Kunst- sowie Musikgeschichte 
und Politik führte. In dem Salon des Verlegerehepaares Bruck¬ 
mann am Karolinenplatz 5 verkehrte die nationale Gesellschaft 







Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


341 


Münchens. Hier eröffneten sich für Hitler, von Frau Elsa Bruck¬ 
mann sehr stark gefördert, viele gesellschaftliche und wirt¬ 
schaftliche Verbindungen. Die Bruckmanns unterstützten Hitler 
auch finanziell in großzügiger Weise (Parteieintritt am 1.4. 
1925). Nach dem Tod ihres Mannes 1941 lebte Frau Bruckmann 
bis zum Januar 1945 in München. Sie starb im Alter von 80 Jah¬ 
ren am 7. 6. 1946 in Garmisch-Partenkirchen. 

154 Emil Kirdorf, geb. 1847, war von 1892 an Generaldirektor der 
Gelsenkirchner Bergwerks-AG. Kirdorf lernte Hitler bei Frau 
Bruckmann kennen und nahm auf Einladung Hitlers am Partei¬ 
tag der NSDAP 1929 in Nürnberg als dessen Gast teil. Er regte 
später an, daß alle im Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat 
zusammengeschlossenen Unternehmen ab Januar 1931 pro 
Tonne verkaufter Steinkohle 5Pfg. an die Kasse der NSDAP 
abführen sollten. Kirdorf starb 1938. 

155 Emil Maurice sagte nach dem Krieg 1945 aus, »... daß Hitler den 
ersten Band in Landsberg allein geschrieben habe... dabei hat 
ihm Rudolf Heß redaktionell mitgeholfen. Den zweiten Band 
schrieb er am Obersalzberg in Berchtesgaden.« 

156 Der später nach dem Krieg in Millionenstückzahlen gebaute 
Volkswagen wurde durch Ferdinand Porsche und Jakob Werlin 
mit Hitler schon 1934 in seinen Grundzügen entworfen (sh. 
Skizzen Hitlers von 1933 sowie beim TVeffen Hitler, Porsche 
und Werlin im Hotel Kaiserhof in Berlin 1934). 

156a Sh. Anmerkung 288. 

157 Hitler lernte Frau Viktoria von Dirksen 1922 im Berliner Natio¬ 
nalen Klub kennen. Er wurde von ihr eingeladen und verkehrte 
in ihren Zirkeln, die sie veranstaltete (Donnerstag-Soiree im 
Hotel Kaiserhof usw.). Hitler wurde von Frau von Dirksen stark 
gefördert. Viele Adelige, Prominenz aus Politik und Wirtschaft 
lernte Hitler durch sie kennen. 

158 Hitler kaufte seine Garderobe fast ausschließlich bei dem Berli¬ 
ner Herrenmoden- und Uniformgeschäft Wilhelm Holters in 
Berlin Wilhelmstraße 49. 

159 Dr. Walter Schultze gab in seiner Einvernahme durch die baye¬ 
rische Polizei nach dem Putsch 1923 u.a. an: »Richtig ist, daß 
ich Hitler, als er vor der Feldhermhalle niederstürzte, in ein 
Auto brachte und außerhalb Münchens in der Villa Hanfstaengl 
verbunden habe. Es handelte sich jedoch nicht, wie wir beide 
ursprünglich glaubten, um einen Schulterschuß, sondern, wie 
ich schon während der Fahrt festgestellt hatte, um eine Luxa¬ 
tion.« 

160 Walter Schultze, geb. 1.1.1894 in Hersbruck, studierte nach 
dem Abitur in Landshut an der Universität München Medizin. 
Militärdienst im Ersten Weltkrieg, als Leutnant entlassen, 



342 


Er war mein Chef 


machte er Anfang 1919 sein Univ. Examen (Promotion). Ende 
1920 Eintritt in die NSDAP und Teilnahme am Putsch 1923 als 
Chef des Sanitätswesens der SA. Als Arzt an verschiedenen Kran¬ 
kenhäusern, 1925 Facharzt der Chirurgie. Am 1.3. 1926 bis 1.3. 
1931 Medizinalrat bei der Landw. Berufsgenossenschaft in der 
Pfalz und ab 1.3. 1931 Obermedizinalrat an der Landw. Berufsge¬ 
nossenschaft Oberbayem in München. Von 1933 bis 1945 Ministe¬ 
rialdirektor und Leiter der Gesundheitsabt. im Bayr. Innenmini¬ 
sterium. Reichsamtsleiter, Mitglied des Reichstages, Reichsdo¬ 
zentenführer und SS-Gruppenführer. Im Mai 1945 von der US- 
Armee interniert, wurde Schultze in zwei Gerichtsverfahren 
(1948 und 1960) der Beihilfe am Euthanasieprogramm angeklagt 
und verurteilt. Dr. Schultze starb im Alter von 85 Jahren am 
27.11. 1979 in Krailing. 

161 Adelheid Klein, geb. 12.8. 1902 in Weingarten, besuchte in der 
Schweiz die Grundschule und war anschließend als Angestellte in 
einem Münchner Antiquitätengeschäft tätig. Bereits im August 
1922 lernt sie Hitler bei einer Versammlung kennen, dem sie 1925 
nach seiner Entlassung wieder begegnet. Bis 1926 war sie mit 
Hitler befreundet. Sie arbeitete von 1925 bis 1927 beim »Völki¬ 
schen Kurier< und »Völkischen Beobachten. Ab August 1927, als 
ihre Freundschaft mit Hitler beendet war, wurde sie als Sekretä¬ 
rin beim Frz. Eher Verlag München bei Amann eingestellt. Im 
April 1936 heiratete sie Dr. Walter Schultze und lebt heute in 
Süddeutschland. 

162 Albert Förster, geb. 26. 7. 1902 in Fürth, wurde nach kaufmänni¬ 
scher Lehre Bankangestellter. 1923 zur NSDAP gestoßen, arbei¬ 
tete er in der Redaktion Streichers in Nürnberg am »Stürmen (ein 
antisemitisches Hetzblatt) mit. 1930 Reichstagsabgeordneter und 
Organisator der NSDAP in Danzig. 1933 Preußischer Staatsrat 
und SS-Gruppenführer. Er erließ am 1.9. 1939 das Gesetz über die 
Wiedervereinigung von Danzig mit dem Reich. Oktober 1939 
Reichsstatthalter und Gauleiter von Danzig und Westpreußen. 
Am 9.3. 1945 bei Hitler zu dem von Frau Schroeder zitierten 
Vortrag. Im Juni 1946 in einem engl. Kriegsgefangenenlager 
erkannt, wurde er an Polen ausgeliefert und am 29.4. 1948 zum 
Tode verurteilt. Über die Hinrichtung, die 1954 erfolgt sein soll, ist 
nichts bekannt geworden. 

162a Als »Tiger« wurde ein Panzer bezeichnet, der seit 1941 entwickelt 
wurde. Am 20.4. 1942 wurden Hitler im FHQ die ersten Tiger- 
Panzer (Porsche- und Henschel-Tiger) vorgeführt (Gewicht 56- 
621, 6,2 m lang, 8,8 cm Kanone mit Mündungsbremse, 655 PS-Mo- 
tor, 37 km/h, Frontpanzerung 102 mm). 1942 Erprobung des Ti¬ 
gers I, der sich jedoch nicht sonderlich bewährte. Der Tiger II, ge¬ 
nannt »Königstiger« (Länge 7,3 m, 57-671, 700 PS-Motor, 42 km/h, 





Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


343 


8,8 cm Kanone lang) war ab November 1942 im Einsatz. Bis 1944 
sind dann im Durchschnitt 83 Fahrzeuge im Monat gebaut worden. 

163 Hier handelt es sich um Karl Fiehier, geb. 31.8. 1895 in Braun¬ 
schweig. 1902 in München Realschule und kaufmännische Lehre. 
15.5. 1915 Militärdienst. Als Leutnant (3.5. 1917) wurde Fiehier 
im Dezember 1918 entlassen und arbeitete ab 18.3. 1919 als 
Verwaltungsangestellter bei der Stadt München. Am 5.11. 1923 
dem >Stoßtrupp Hitler< und der NSDAP beigetreten, nahm er aktiv 
am Putsch teil. Am 28.4. 1924 zu 15 Monaten Festung verurteilt. 
1925 Stadtrat und ab 1926 Ortsgruppenleiter der NSDAP in 
Schwabing. Seit 1930 Reichsleiter der NSDAP und am 20. 3. 1933 
Ernennung zum Oberbürgermeister der Stadt München bis 1945. 
Am 8. 5. 1945 durch die US-Armee verhaftet, wurde Fiehier am 
16.1. 1949 aus der Internierung entlassen und starb am 8.12. 1969 
im Alter von 74 Jahren in München. 

164 Dies bestätigten auch nach dem Krieg die Architekten Speer und 
Giesler. 

165 Sir Winston Spencer Churchill, geb. 30.11. 1874, war von 1940 bis 
1945 britischer Premierminister und ein erbitterter Gegner Hit¬ 
lers. Durch seinen eisernen Durchhaltewillen rettete er Großbri¬ 
tannien 1940-1941 aus einer gefährlichen Lage und Isolierung. 
Churchill starb im Alter von 81 Jahren am 24.1. 1965. 

166 Franklin Delano Roosevelt, geb. 30.1. 1882, war von 1933 bis zu 
seinem Tode 1945 Präsident der USA. Mit dem Pacht- und Leihge¬ 
setz vom 11.3. 1941 unterstützte er Großbritannien und die 
Sowjetunion im Kampf gegen Hitler schon vor dem Kriegseintritt 
der USA am 11.12. 1941. Roosevelt starb im Alter von 63 Jahren 
am 12.4. 1945. 

167 Josef Wissarionowitsch Stalin, geb. 21.12. 1879, Unterzeichnete 
zunächst am 23. 8. 1939 einen Nicht-Angriffs- und Konsulativ- 
pakt mit Hitler. Nach dem Angriff deutscher TYuppen auf die 
Sowjetunion am 22. 7. 1941 ließ er sich zum Marschall und Ober¬ 
befehlshaber der Roten Armee ernennen und wurde ein erbitterter 
Gegner Hitlers. Durch eine geschickte Politik (Konferenzen von 
Teheran und Jalta) gelang es ihm nach dem Sieg über das natio¬ 
nalsozialistische Deutschland, die Weichen für die Weltmacht¬ 
stellung der Sowjetunion zu stellen. Stalin starb am 5.3. 1953 im 
Alter von 74 Jahren. 

168 Benito Mussolini, geb. 29. 7. 1883 in Predappio, war Volksschul¬ 
lehrer, begann aber schon 1904 in Trient als Redakteur des soziali¬ 
stischen >Popolo< seine politische Tätigkeit. 1912 im Parteivor¬ 
stand. Im 1. Weltkrieg bis 1917 an der Front, gründete Mussolini 
am 18. 2. 1919 den >Fascio di Combattimento< (Kriegsteilnehmer- 
Bund) aus dem die »Faschistische Partei Italiens« hervorging, als 
deren Führer (>Duce<)eram 27.10.1922 den Marsch der »Schwarz- 



344 


Er war mein Chef 


hemden< nach Rom durchführte und Ministerpräsident wurde. 
Nach verschiedenen Feldzügen, trat er am 10. 6. 1940 mit seinem 
Land in den Krieg an Hitlers Seite ein. Die Niederlage in Afrika 
führte am 25. 7. 1943 zu seinem Sturz und zur Kapitulation Ita¬ 
liens am 8. 9. 1943. Am 28. 4. 1945 wurde Mussolini von italieni¬ 
schen Aufständischen festgenommen und im Alter von 62 Jahren 
erschossen. Seine Leiche wurde in Mailand auf der Piazzale 
Loreto mit dem Kopf nach unten aufgehängt, was auch Hitler im 
Bunker der Wilhelmstraße noch erfuhr und für den Befehl zur 
Verbrennung seiner Leiche ausschlaggebend gewesen sein dürfte. 

169 Jon Antonescu, geb. 2. 6. 1882 in Piteski (Karpaten), wurde Kaval¬ 
lerieoffizier. Beim Balkanfeldzug 1913 gegen Bulgarien Rittmei¬ 
ster und Generalstabsoffizier. Im 1. Weltkrieg Major, dann Mili¬ 
tärattache in Paris und London. 1913 Chef des Großen General¬ 
stabs in Rumänien und im September 1940 Regierungschef von 
Rumänien. Antonescu trat im Juni 1941 an der Seite von Hitler in 
den Krieg gegen die Sowjetunion ein. Am 5./6. 8. 1944 noch bei 
Hitler im FHQ wurde er am 23. 8. 1944 von rumänischen Monar¬ 
chisten unter König Michael verhaftet und in einem Prozeß vor 
einem Volkstribunal in Bukarest als Kriegsverbrecher zum Tbde 
verurteilt. Am 1.6.1946 wurde der 64jährige Marschall Antonescu 
in Bukarest hingerichtet. 

170 Miklös Horthy, geb. 18.6. 1868, war Admiral und vom 1.3. 1920 
bis 16.10. 1944 als ungarischer Reichsverweser (seit 1937 auf 
Lebenszeit) Regierungschef. Am 27.6. 1941 erklärte er an der 
Seite von Hitler der Sowjetunion den Krieg. Als Horthy am 11.10. 
1944 ein Waffenstillstandsabkommen mit der Sowjetunion unter¬ 
zeichnen ließ und es am 15.10. 1944 bekanntgab, wurde Horthy in 
einem von deutscher Seite unterstützten Staatsstreich am 16.10. 
1944 interniert und nach Deutschland gebracht, wo er 1945 in 
Österreich von der US-Armee befreit wurde. Nach einem vorüber¬ 
gehenden Aufenthalt in der Schweiz starb Horthy im Alter von 
89 Jahren am 9.2. 1957 in Estoril bei Lissabon. 

171 Mustapha Ismet (1934 nahm er den Namen Inönü an), geb. 24. 9. 
1884 in Izmir, wurde Artillerieoffizier in Istanbul. 1908 als Haupt¬ 
mann im Generalstab. Teilnahme an der jungtürkischen Revolu¬ 
tion. 1915 Oberst und neben Kemal Pascha (Attatürk) als General¬ 
stabschef im Krieg gegen Griechenland. Am 29.10. 1923 Minister¬ 
präsident. Nach dem Tbd von Attatürk wurde Inönü am 10.11. 
1938 Staatspräsident der Türkei. Inönü verstand es, sein Land aus 
dem Krieg Hitlers herauszuhalten und spielte in der Nachkriegs¬ 
politik der Türkei eine große Rolle. Inönü starb am 25.12. 1973 im 
Alter von 89 Jahren in Ankara. 

172 Carl von Mannerheim, geb. 4.6. 1867 in Villnas (Finnland), war 
1886 russischer Garde-Kavallerieoffizier. 1904 Oberst im rus- 






Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


345 


sisch-japanischen Krieg. Im 1. Weltkrieg Kommandant einer russ. 
Heeresgruppe. Später im Kampf gegen Rußland und kommunisti¬ 
sche Finnen. Im Mai 1933 Feldmarschall und Vorsitzender des 
National Verteidigungsrates in Finnland. In den finnischen Krie¬ 
gen (Dezember 1939 und 1941-1944) Führung der finnischen 
Armee, am 4. 6. 1942 zum Marschall von Finnland ernannt. 1944- 
1946 Staatspräsident. Mannerheim starb im Alter von 84 Jahren 
am 27.1.1951 in der Schweiz. 

173 Sh. Anmerkung 79. 

174 Emmy Sonnemann, geb. 24.3. 1893 in Hamburg, war eine 
bekannte deutsche Bühnenschauspielerin und heiratete am 20.4. 
1935 Hermann Göring. Geburt einer Töchter. Sie wohnte mit 
Göring in >Karinhall<, einem prunkvollen Wohnsitz in der Schorf¬ 
heide bei Berlin. Bei Ende des Krieges auf dem Obersalzberg, wo 
Göring ein Landhaus hatte. In Fischhom von der US-Armee 
kurzzeitig interniert, wurde sie von 1945-1947 wiederholt in Haft 
genommen. Am 26. 6. 1948 entlassen, lebte Frau Göring in Etzel- 
wang (Oberpfalz) und anschließend in München. Sie starb am 8.6. 
1973 im Alter von 80 Jahren in München. 

175 Inga Ley war Schauspielerin und Tänzerin. Sie lernte Dr. Ley in 
Görlitz kennen, wo sie am dortigen Theater spielte. Sie heiratete 
Dr. Ley 1938 und verübte aus unbekannten Gründen Ende 1943 
Selbstmord in Berlin. 

176 Winifred Williams, geb. 23.6. 1897 in Hasting (Sussex/England), 
kam, nachdem sie mit 2 Jahren schon Vollwaise war, zu dem 
Klavierpädagogen Klindworth in die Nähe von Berlin, der ein 
leidenschaftlicher Verehrer von Richard Wagner war. 1914 lernte 
sie die Familie Wagner kennen und heiratete mit 18 Jahren am 
22.9. 1915 den 28 Jahre älteren Siegfried Wagner, der am 4. 8.1930 
verstarb. Am 1.9. 1923 lernte sie Hitler, der sie im Haus Wahnfried 
besuchte, kennen. Daraus ergab sich ein freundschaftliches Ver¬ 
hältnis. Ab 1933 besuchte Hitler bis zum Ausbruch des Krieges 
regelmäßig die Wagner-Festspiele. 1951 verzichtete Winifred 
Wagner auf die Leitung der Festspiele und starb im Alter von 
82 Jahren am 5. 3. 1980 in Überlingen. 

177 Sh. Anmerkung 133. 

178 Theodor Innitzer, geb. 25.12. 1875 in Neugeschrei (Erzgebirge), 
wurde am 25. 6. 1902 zum Priester geweiht. Habilitation an der 
Universität Wien 1911. Am 13.3. 1933 Kardinal. Beim Anschluß 
Österreichs politisch umstrittene Haltung. Dr. Innitzer starb am 
9.10. 1955 im Alter von 80 Jahren in Wien. 

179 Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, ließ er für seinen Sonderzug 
eigens eine Reihe von Speise-, Salon- und Begleitwagen bauen. 
Bis 1943 wurden nicht weniger als 40 Wagen hergestellt. Seit 1937 
reiste Hitler in einem 10-Wagenzug, der im Anhalter Bahnhof in 




346 


Er war mein Chef 


Berlin stationiert war. 1938 wurde er um einen Befehlswagen 
und zwei Flakwagen verstärkt. Der >Sonderzug< Hitlers, der dann 
den Decknamen >Amerika< trug, bestand in der Regel aus 12-14 
Spezialwagen, die für Hitler von der Deutschen Reichsbahn (DR) 
und der Industrie gebaut wurden. Hinter den zwei Lokomotiven 
(meist Dampflokomotiven BR S 05) und am Schluß des Zuges 
befanden sich je ein speziell gebauter und gepanzerter Flakwa¬ 
gen (26 Mann Besatzung), mit je einer Vierlings 2 cm Kanone. 
Hitlers Salonwagen (Führerwagen) bestand aus einem nußholz¬ 
getäfelten Salon und einem Schlafraum mit danebenliegendem 
Badabteil sowie die Schlafabteile für den Diener und den Adju¬ 
tanten. Der nächste Wagen war der militärische Befehlswagen, 
in dem u. a. die Lagebesprechungen abgehalten wurden. In den 
Kabinen dieses Wagens befanden sich auch die Funkräume, 
Funkstation und die Fernschreiber. Dahinter kam ein Speisewa¬ 
gen und vier bis fünf Schlafwagen, in denen das Begleitkom¬ 
mando, Kripo, Hitlers Stab, seine Gäste und das OKW unterge¬ 
bracht waren. In diesem Sonderzug war Hitlers Hauptquartier 
im Polen- und Balkanfeldzug. Er fuhr damit durch ganz Frank¬ 
reich und war dann im Bahnhof Görlitz im FHQ >Wolfsschanze< 
stationiert. Er wurde am l.Mai 1945 in Mallnitz (Österreich) 
gesprengt. 

180 Umberto von Savoyen, geb. 15. 9. 1904, war der Sohn des Königs 
Victor Emanuellll. von Italien. Er heiratete am 8.1. 1930 die 
belgische Prinzessin Maria Josö. Er lebte mehr oder weniger im 
Schatten von Mussolini und seinem Vaters. Im 2. Weltkrieg for¬ 
mell Oberbefehlshaber der ital. Nordarmee, seit dem 15.4. 1942 
der Heeresgruppen Süd- und Mittelitalien. Im September 1943 
Flucht nach Pesara. Am 4. 6. 1944 übertrug ihm sein Vater die 
königlichen Rechte. Nach der Abdankung Victor Emanuels am 
9.5. 1946, König von Italien, doch schon am 2.6. 1946 durch 
Volksentscheid abgedankt. Umberto lebte dann in Portugal, er 
starb am 18.4. 1983 im Alter von 79 Jahren in Genf. 

181 Joachim von Ribbentrop, geb. 30.4. 1893 in Wesel, kam durch 
seinen Vater nach London (1909) und 1910 nach Kanada. Bank¬ 
lehre in Montreal. Später arbeitete er in New York und Ottawa. 
Im 1. Weltkrieg 1915 Leutnant, 1918 bei einem Stab in der Tür¬ 
kei. Nach dem Krieg Angestellter einer Baumwollimportfirma in 
Berlin. Im Juli 1920 heiratete er Annelies Henkel (Erbtochter der 
Sektkellerei Henkel), anschließend Vertreter der Fa. Henkel in 
Berlin. 1925 von einer Tänte, deren Vater geadelt wurde, adop¬ 
tiert. 1930 Eintritt in die NSDAP und 1933 außenpolitischer 
Mitarbeiter Hitlers. Am 24.4. 1934 Beauftragter für Abrüstungs¬ 
fragen, im Mai 1935 Verhandlungen in London (Abschluß des 
deutsch-englischen Flottenabkommens), 1936 Botschafter in 






Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


347 


London. Unterzeichnung des Antikomintempaktes zwischen 
Deutschland und Japan, dem 1937 Italien beitrat. Seit Februar 
1938 Reichsminister des Auswärtigen. Im Mai 1945 in Hamburg, 
wo er untergetaucht war, von der Britischen Armee verhaftet, 
wurde Ribbentrop im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß zum 
Tbde verurteilt und am 16.10. 1946 im Alter von 53 Jahren durch 
den Strang hingerichtet. 

182 Emil Hacha, geb. 12.7. 1872 in TVhove-Sviny bei Budweis, stu¬ 
dierte Rechtswissenschaft (Promotion). Rechtsanwaltsgehilfe und 
nach einer Tätigkeit im Böhmischen Landesausschuß in Prag, 
wurde er 1916 Hofrat am Verwaltungsgerichtshof in Wien, 1925 
Präsident. 1938 als Staatspräsident der Tschechoslowakischen 
Republik Unterzeichnete er am 15.3.1939 das Berliner Dokument, 
durch das Böhmen und Mähren unter das Protektorat des Deut¬ 
schen Reiches kam. Als Staatspräsident von Böhmen und Mähren 
1945 inhaftiert, starb Dr. Hacha am 27.6. 1945 im Alter von 
73 Jahren in einem Gefängnis in Prag. 

183 Am 15. März 1939 um 3 Uhr früh Unterzeichnete Dr. Hacha, bis zur 
physischen Erschöpfung unter Druck gesetzt, das Dokument, 
durch das Böhmen und Mähren als scheinautonomes Gebiet des 
Tschechenturns unter das Protektorat der deutschen Reichsregie¬ 
rung gestellt wurde. 

184 Sh. Anmerkung 40. 

185 Sh. Anmerkung 42. 

186 Sh. Anmerkung 179. 

187 Jakob Werlin, geb. 10.5. 1886 in Andritz bei Graz (Österreich), 
besuchte die Bürger- und Handelsschule bis 1902, Praktikum in 
einer Zahnräderfabrik in Graz. 1903 bis 1910 kaufmännischer 
Angestellter bei den Puch-Automobilwerken in Graz, anschlie¬ 
ßend Filialleiter der Firma Puch in Budapest. 1914 Kriegsfreiwil¬ 
liger im Ersten Weltkrieg, Entlassung 1917 als Vize-Feldwebel. 
Von 1917 bis 1921 Filialleiter bei Hansa-Lloyd (später Gemein¬ 
schaft Deutscher Automobilfabriken) in Essen. Im April 1921 
wurde Werlin Filialleiter der Firma Benz u. Cie (später Daimler- 
Benz-Aktiengesellschaft) in München. Das Geschäft und die 
Benz-Garage waren in dem Gebäude der Druckerei Adolf Müller 
(sh. Anmerkung 151) in der Schellingstraße39, wo auch der »Völ¬ 
kische Beobachter der NSDAP gedruckt wurde. Hier lernte Wer¬ 
lin Hitler kennen, der eine große Leidenschaft für Autos hatte. 
Hitler unterhielt sich oft mit Werlin über Autos und kaufte, 
nachdem er vorher zwei Selve Automobile hatte (8/20 PS-Selve 
Anfang 1920 und einen 32/7,97-PS Selve, Auto Nr. IIA 5734 Ende 
1920) bei Werlin im Juni 1921 sein erstes 10/30 PS-Daimler-Benz 
Automobil (Auto Nr. II A 6405) sowie im September 1923 einen 
weiteren 16/15 PS-Mercedes (Auto Nr. II A 2309), den Hitler mit 



348 


Er war mein Chef 


Schweizer Franken bezahlte. Nach dem Putsch 1923 wurden alle 
Autos Hitlers konfisziert. 

Am 12.9. 1924 besuchte Werlin Hitler im Gefängnis Landsberg, 
wo er mit Hitler bereits wieder über die Anschaffung eines neuen 
Mercedes gesprochen hat. Am 13.9. 1924 schrieb Hitler an Werlin 
aus dem Gefängnis u. a. folgendes: *... Ich würde Sie nun bitten, 
mir nach der eingetroffenen Rückantwort aus Mannheim gefäl¬ 
ligst mitteilen zu wollen, zu welchem Preis ich den 11/40 bzw. den 
16/15 Wagen haben könnte und ob auch ein 11/40 sofort lieferbar 
wäre. Den grauen Wagen, den Sie zur Zeit in München haben, 
bitte ich aber auf alle Fälle solange reservieren zu wollen, bis ich 
über mein Schicksal (Bewährungsfrist?) die notwendige Klarheit 
habe...« Am 20.12.1924 wurde Hitler frühzeitig aus dem Gefäng¬ 
nis entlassen. Zwei Monate später, im Februar 1925, stellte Werlin 
dem damals völlig mittellosen Hitler einen 20000 RM teuren 15/ 
70/10-Kompressor-Mercedes auf Kredit zur Verfügung (sh. auch 
Oron J. Haie, >Adolf Hitler: Täxpayer<). Mit diesem Auto (Auto Nr. 
II A 6629) fuhr Hitler bis 1929 über 470000 km in den Wahlkämp¬ 
fen durch Deutschland. 

Werlin gehörte seit dem Ende der 20er Jahre zu dem privaten Kreis 
Hitlers, auch auf Haus Wachenfeld und später am Berghof. Am 3.5. 
1939 wurde wegen »Mitwirkung der Parteistellen bei Personalent¬ 
scheidungen in der Organisation der gewerblichen Wirtschaft< von 
der Gauleitung München-Oberbayern festgestellt: »... gegen Wer¬ 
lin bestehen keinerlei politische Bedenken. Werlin ist ein persönli¬ 
cher Freund des Führers...« Eintritt in die NSDAP und SS am 
10. Dezember 1932, am 30.1. 1942 Beförderung zum SS-Obergrup- 
penführer. Am 24.11. 1933 wurde Jakob Werlin Vorstandsmitglied 
der Daimler-Benz-Aktiengesellschaft und später Generaldirektor. 
Am 16.1. 1942 ernannte Hitler Werlin zum >Generalinspektor für 
das Kraftfahrwesen< und stattete ihn mit außergewöhnlichen Voll¬ 
machten aus. Im Mai 1945 in München von der US-Armee inter¬ 
niert, war Werlin bis zum 9.11.1949 in Haft. Er starb am 23.9.1965 
im Alter von 79 Jahren in Salzburg. 

188 Frau Schroeder übergab David Irving nur einen Teil ihrer Briefe 
und z. T. in von ihr abgeänderter Form, die dieser an das Institut 
für Zeitgeschichte übergab (Sammlung Irving). 

189 Hitler hatte am 28.4. 1939 den Reichstag einberufen, um auf 
Roosevelts Botschaft vom 15.4.1939 zu antworten, in der er Hitler 
um eine >Nichtangriffszusicherung< gebeten hatte. 

190 Nachdem Frau Schroeder in ihren Briefen an ihre Freundin das 
wiedergab, was sie von Hitler und seiner Umgebung hörte, gibt 
das einen Hinweis darauf, daß sich Hitler nach dem Blitzsieg über 
Polen ein schnelles Einlenken von England und Frankreich ver¬ 
sprach. 






Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


349 


191 Hier handelt es sich um Emst Bahls, geboren am 29.7. 1915 in 
Bergen (Rügen). Er besuchte das Realgymnasium in Bergen bis 
1934 (Oberprima). Am 1.4. 1934 Arbeitsdienst und am 30. 7. 1934 
trat er in die LSSAH in Berlin-Lichterfelde ein. Am 1.4. 1936 kam 
Bahls als SS-Junker in die SS-Führerschule nach Braunschweig. 
Beförderung zum SS-Standartenjunker am 1.10. 1936 und am 
20.4. 1937 zum SS-Untersturmführer. Ab dem 1.5. 1937 bis 1938 
Dienst als Zugführer (Panzerspähwagen) in der LSSAH. Am 20.3. 
1938 zur Adjutantur des Führers kommandiert, wurde er am 11.9. 
1938 zum SS-Obersturmführer befördert und als Ordonnanzoffi¬ 
zier Hitlers eingesetzt. Bahls starb am 9. 9. 1939 im Alter von 
24 Jahren im Polenfeldzug an einer Hirnhautentzündung. Als 
Ersatz für Bahls wurde der SS-Obersturmführer Hans Pfeiffer am 
10.10. 1939 als Ordonnanzoffizier zu Hitler abkommandiert. 

192 Sh. Anmerkung 100. 

193 Hier handelt es sich um Heinz Lorenz, geb. 7. 8. 1913 in Schwerin. 
Er besuchte das Realgymnasium und studierte anschließend 
Rechts- und Volkswissenschaft in Rostock und Berlin. Er unter¬ 
brach das Studium und arbeitete als Werkstudent ab dem 1.10. 
1932 als Pressestenograph beim DTB (Deutsches Tblegraphen- 
büro), 1934 Hilfsschriftleiter in der Redaktion. Auslandsreisen 
und Ende 1936 vom DNB (Deutsches Nachrichtenbüro) zum 
Reichspressechef Dr. Dietrich gekommen, dem er außenpolitische 
Berichte des DNB vorzulegen hatte. Ende 1942 Hauptschriftleiter 
bei DNB und im FHQ Hitlers bis zum 29.4. 1945. Er überbrachte 
Hitler noch die Nachricht über Himmlers Verhandlungen mit 
Folke Graf Bemadotte. 1945 von der Brit. Armee interniert war 
Lorenz bis Mitte 1947 inhaftiert. Er lebt heute in Norddeutsch¬ 
land. 

194 Rudolf Schmundt, geb. 13.8. 1896 in Metz, besuchte das Realgym¬ 
nasium in Brandenburg/Havel und trat nach dem Notabitur am 
4. 8. 1914 als Fahnenjunker in d. Füs. Rgt. Nr. 35 ein, am 22. 3.1915 
Leutnant. Ab 1921 bei der Reichswehr, 1.4. 1925 Oberleutnant im 
Inf. Rgt. 9, am 1.3. 1931 Hauptmann, 1936 Major. Am 29.1. 1938 
als Nachfolger von Hoßbach zum >Chefadjutanten der Wehrmacht 
beim Führer< kommandiert. Am 4. 8. 1939 Oberst und am 1.1.1942 
Generalmajor. Im Oktober wurde Schmundt zusätzlich Chef des 
Heerespersonalamts. 1.4. 1943 Generalleutnant. Beim Attentat 
auf Hitler am 20. 7.1944 schwer verletzt, starb Schmundtam 1.10. 
1944 im Alter von 48 Jahren im Lazarett Rastenburg in Ost¬ 
preußen. 

195 Damit meinte Schmundt Täbletten gegen die Seekrankheit. 

196 Dr. Otto Dietrich (sh. Anmerkung 113) bestätigte nach dem Krieg 
diese Angaben von Frau Schroeder. Er sagte am 9.8. 1948 in 
Nürnberg folgendes aus: »... Ich habe für diese peinlich genaue 




350 


Er war mein Chef 


Art der Geheimhaltung ein Beispiel in Erinnerung. Am Vorabend 
des Frankreichfeldzuges, am 9. 5. 1940 abends, wurde mir eine 
Stunde vor Abfahrt des Zuges mitgeteilt, mich zu einer Reise in 
Hitlers Stab nach Hamburg zu einer Werftbesichtigung bereitzu¬ 
machen. Der Zug fuhr in Richtung Hamburg nach Norden ab, 
wurde aber plötzlich nachts um 1 Uhr kurz vor Hamburg nach 
Westen umgeleitet. Und auch dann erfuhr ich noch nichts authen¬ 
tisches vom wahren Ziel der Reise, bis wir am 10. 5. um 6 Uhr in 
der Frühe auf der Station Euskirchen in der Eifel den Zug verlie¬ 
ßen. Und so wie in diesem Fall wurde es stets ähnlich gehand- 
habt...« 

197 Wilhelm Keitel, geb. 22. 9. 1882 in Helmscherode (Niedersachsen), 
nach dem Abitur am 9.3. 1901 als Fahnenjunker zum Feldart. 
Rgt.46 in Wolfsbüttel. 1902 Leutnant, 1914 als Hauptmann im 
1. Weltkrieg, 1918 1. Generalstabsoffizier eines Marinekorps. 
1920 bei der Reichswehr, bis 1922 Lehrer an einer Kavallerie¬ 
schule. 1923 Major und ab 1925 im Reichswehrministerium (Orga¬ 
nisationsabt. T2), 1930 Abteilungschef. Am 1.10. 1931 Oberstund 
1933 bis 1934 Infanterieführer in Potsdam und Bremen. Am 1.10. 
1935 Chef des Wehrmachtsamtes im Reichskriegsministerium, 
General am 1.8. 1937. Als Chef des Oberkommandos der Wehr¬ 
macht (OKW) am 4. 2. 1938, war er Hitlers nächster militärischer 
Berater bis 1945. Keitel Unterzeichnete am 9.5. 1945 in Berlin- 
Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehr¬ 
macht. Am 13. 5. 1945 in Flensburg-Mürwik verhaftet, wurde 
Keitel im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß am 1.10. 1946 zum 
Tbde verurteilt und am 16.10. 1946 im Alter von 63 Jahren durch 
den Strang hingerichtet. 

198 Erich Hilgenfeldt, geb. 2.7. 1897 in Heinitz (Kreis Ottweiler), 
Oberrealschule und Büroangestellter in der Holzindustrie, kauf¬ 
männischer Leiter von Industrieunternehmen. 1927 Eintritt in die 
NSDAP, 1933 Gauinspektor d. Insp. I des Gaues Groß-Berlin und 
Amtsleiter der Reichsleitung der NSDAP. Leiter des Hauptamtes 
für Volkswohlfahrt sowie Reichsbeauftragter für das Winterhilfs¬ 
werk (WHW). Mitglied des Reichstages seit 1933. Über den Ver¬ 
bleib von Hilgenfeldt nach 1945 widersprechende Angaben; 1945 
Selbstmord in Berlin oder in polnischer Haft im Sommer 1945 
umgekommen. 

199 Gemeint sind die Kriminalbeamten des Reichssicherheitsdienstes 
(RSD). 

200 Maxime Weygand, geb. 21.2. 1867 in Brüssel, trat 1885 in die 
französische Militärakademie St. Cyr ein. Als Regimentskom¬ 
mandeur bei der Kavallerie wurde er im September 1914 zum Chef 
der 9. Armee ernannt (General Foch). 1918 Chef des Stabes des 
Oberbefehlhabers der alliierten Armeen im Westen des General 






Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


351 


Foch. Weygand diktierte am 11.11. 1918 in Compiögne den deut¬ 
schen Unterhändlern den Ibxt des Waffenstillstandsabkommens. 
Chef des Generalstabes und Generalinspekteur der Armee sowie 
Vizepräsident des Obersten Kriegsrates. 1935 in Pension gegan¬ 
gen, übernahm er 1939 wieder ein Armeekommando. Als Oberbe¬ 
fehlshaber der franz. Armee bat er am 12.6. 1940 die Deutsche 
Regierung um Waffenstillstand. Im September 1940 Verteidi¬ 
gungsminister der Vichy-Regierung, 1942 von der Gestapo ver¬ 
haftet, wurde er bei Hamburg interniert. Von der Brit. Armee 
befreit, ist er in Frankreich wegen Kollobaration mit den Deut¬ 
schen verhaftet worden. 1948 rehabilitiert, starb er am 28.1. 1965 
im Alter von 97 Jahren in Paris. 

201 Paul Reynaud, geb. 15.10. 1878 in Barcelonette, studierte Rechts¬ 
wissenschaft und war Rechtsanwalt in Paris. Seit 1919 Parla¬ 
mentsangehöriger und seit 1930 Mitglied der französischen Regie¬ 
rung (Finanzminister, Kolonialminister, Justizminister). Nach 
dem Rücktritt Daladiers im Frühjahr 1940 übernahm er am 22.3. 
1940 die Kabinettsbildung. Am 18.5. 1940 leitete Reynaud das 
Präsidium des Verteidigungsministeriums und am 5. 6. 1940 auch 
das Außenministerium, am 16.6. 1940 unter dem Eindruck des 
deutschen Sieges über Frankreich zurückgetreten. Von der Vichy- 
Regierung verhaftet, wurde er im November 1942 nach Deutsch¬ 
land ausgeliefert, wo er im KZ Sachsenhausen und Buchenwald, 
später in Kufstein gefangengehalten wurde. Im Mai 1945 von der 
US-Armee befreit, war er wieder politisch tätig. 1948 Finanz- und 
Wirtschaftsminister, in den Jahren bis 1960 auf verschiedenen 
Posten. Er starb am 21.9.1966 im Alter von 87 Jahren in Paris. 

202 Hitler nahm erst >nach< seinem Besuch in Paris auf dieser Fahrt 
(25.6. und 26.6. 1940) neben seinem Stab die ehemaligen Kriegs¬ 
kameraden Max Amann und Emst Schmidt mit. 

203 Am 23.6. 1940 besuchte Hitler Paris zwischen 5 und 6 Uhr mor¬ 
gens in einer Blitzvisite. Neben seinem Stab nahmen daran auch 
Speer, Giesler und Breker teil. 

204^Bfenno von Arent, geb. 19.6. 1898 in Görlitz (Sachsen), besuchte 

/ verschiedene Schulen in Godesberg, Mönchen-Gladbach und Ber¬ 
lin. Militärdienst von 1916 bis 1918 und anschließend Freikorps¬ 
teilnehmer im Osten. Später als Innenarchitekt tätig. Bühnenbild¬ 
ner am -Berliner Theater«. Wurde als Bühnenbildner bekannt und 
trat 1931 in die NSDAP ein, wo er Gründer des >NS-Bühnenkünst- 
lerbundes« sowie Vorstandsmitglied der >NS-Reichstheaterkam- 
mer< wurde (>Reichsbühnenbildner<). 1945 von der Roten Armee 
interniert, war er bis 1953 in Rußland. Arent starb am 14.10.1956 
im Alter von 58 Jahren in Bonn. 

205 ptto Gahr, Juwelier und Goldschmied, hatte ein renommiertes 
und exklusives Geschäft in der Münchner Maximilanstraße 3. Er 



352 


Er war mein Chef 


arbeitete seit den 20er Jahren für Hitler und hat z. B. Anfang 1923 
die ersten Standarten der SA hergestellt. 

206 Am 1.3. 1941 erfolgte in Wien der Beitritt Bulgariens zum Drei¬ 
mächtepakt (Deutschland-Italien-Japan; >Achsenpakt<) im 
Schloß Belvedere, an dem der bulgarische Ministerpräsident 
Filoff, Graf Ciano (Italien) und Botschafter Oshima (Japan) sowie 
Hitler teilnahmen. 

207 Lav Alkonic (Lav), der ehemalige jugoslawische Verlobte von 
Frau Schroeder. 

208 OKW * Abkürzung für »Oberkommando der Wehrmacht«. 

209 Gestapo = Abkürzung für »Geheime Staatspolizei«, eine gefürch¬ 
tete Polizeiorganisation, die unter Himmler ohne gerichtliche 
Kontrolle, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, KZ-Einweisun- 
gen usw. durchführen konnte. 

210 Chef ad jutant Wilhelm Brückner. 

211 Mit der Entlassung von Wilhelm Brückner am 18.10. 1941 durch 
Hitler wurde auch der in der Persönlichen Adjutantur beschäf¬ 
tigte SS-Sturmbannführer Paul Wemicke mit entlassen (sh. An¬ 
merkung 96). 

211a Neben Wemicke wurde auch noch der in der Persönlichen Adju¬ 
tantur beschäftigte SA-Sturmführer Kurt Rotte von Hitler entlas¬ 
sen. Kurt Emil Rotte, geb. 17.12. 1901 in Zahna (Bez. Halle), 
Volks- und Bürgerschule, Staatl. Präparanten-Anstalt Joachims¬ 
thal, ab 1928 drei Jahre kaufmännische Ausbildung als Mühlenk¬ 
aufmann. Vom 1.10. 1931 bis 20. 6. 1934 selbständiger Kaufmann. 
Eintritt in die SA am 25.7. 1930 (NSDAP am 1. 2. 1930). Am 2. 6. 
1934 SA-Obertruppführer im Stab OASF und ab 1.12. 1937 
Dienst in der Persönlichen Adjutantur des Führers. Ende Oktober 
4940 zusammen mit Brückner und Wemicke von Hitler entlassen. 
Anschließend Militärdienst, 1945 gefallen. 

212 Hitler war vom 21.3. bis 24.3.1941 in München und anschließend 
am 25. 3. 1941 in Wien, wo Jugoslawien dem Achsenpakt beitrat. 
Er reiste aber sofort ab und war am 26.3. 1941 wieder in Berlin. 

213 Mit »Wolfen« ist die Sekretärin Johanna Wolf gemeint. 

214 Frau Schroeder war mit der Opemsängerin Gretl Slezak seit 1935 
befreundet. Margarete Slezak, geb. 9.1. 1901 in Breslau, wurde 
von ihrem Vater, Leo Slezak, als Sopranistin ausgebildet und kam 
1930 an die »Deutsche Staatsoper« nach Berlin, ab 1933 bis 1943 
trat sie am »Städtischen Opernhaus« in Berlin-Charlottenburg auf. 
Hitler kannte M. Slezak von München, wo sie auch im »Gärtner¬ 
platz-Theater« aufgetreten ist. Obwohl sie Vierteljüdin war, ließ 
Hitler sie bis Kriegsende als Künstlerin auf treten und lud sie oft in 
die Reichskanzlei ein. Nach dem Krieg verschiedene Auslandsauf¬ 
tritte. Sie starb am 30. 8. 1953 im Alter von 52 Jahren in Rottach- 
Egem. 




Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


353 


215 Lav Alkonic (Lav), der ehemalige jugoslawische Verlobte von 
Frau Schroeder. 

216 Karl Ahrens war der Hausmeister der Reichskanzlei in Berlin und 
gehörte mit zur Adjutantur. 

217 >Owambo< war der Spitzname des Chefadjutanten Wilhelm 
Brückner. Als er am 18.10. 1941 entlassen wurde, machte er 
Urlaub und trat am 1. 6.1941 als Major d. R. in die Wehrmacht ein. 
Seine Versorgung wurde erst im Mai 1941 geklärt. 

218 Hier machte Frau Schroeder eine Anmerkung auf den Brief und 
schrieb daneben: >Schaub<. Den Grund für Schaubs Degradie¬ 
rung, die scheinbar einmal erfolgt sein muß, konnte ich nicht 
herausfinden. 

219 Das Führerhauptquartier >Wolfsschanze< war das größte Haupt¬ 
quartier Hitlers, an dem bis 1945 gebaut wurde. Mit Unterbre¬ 
chungen war Hitler hier vom 24. 6. 1941 bis zum 20.11. 1944 als 
Feldherr tätig. Es lag im Görlitzer Stadtwald, 8 km von der Stadt 
Rastenburg in Ostpreußen entfernt. Das nur für einen >Blitzkrieg< 
eingerichtete FHQ (Hitler sprach einmal von >vier Wochen<!) 
wurde im Laufe des Krieges immer weiter ausgebaut. Im Frühjahr 
1944 wurde durch die Organisation Tbdt noch eine Verstärkung 
der Bunker durchgeführt. Am 24. Januar 1945 wurden die Anla¬ 
gen unter dem Decknamen >Inselsprung< gesprengt. 

220 Die betreffende Passage im Zoller-Buch von Frau Schroeder ist 
nicht gestrichen. Dort steht folgende Version von ihr: »Unter den 
meisten von uns herrschte eine optimistische Stimmung, aber Hitler 
war erstaunlich ernst. Als einer seiner militärischen Adjutanten, 
der Rußland aufgrund eines kurzen Aufenthaltes zu kennen glaubte 
[hier handelt es sich um den Adjutanten Richard Schulze, der 
damals als Adjutant Ribbentrops bei der Unterzeichnung des 
deutsch-russischen Nichtangriffspaktes mit in Moskau gewesen 
war, Anm. d. Herausgb.], mit Bestimmtheit versicherte, dieser Feld¬ 
zug würde nur kurze Zeit dauern, und von dem riesigen Land als 
von einer >großen Seifenblase* sprach, erwiderte Hitler nachdenk¬ 
lich, daß er Rußland eher mit dem Schiff im »Fliegenden Holländer« 
vergleichen möchte. Er fügte hinzu: »Der Beginn eines jeden Krieges 
ist wie das Aufstoßen eines großen Tbres in einen dunklen Raum. 
Man weiß nicht, was hinter dem Dunkel verborgen ist.«« 

221 In einem Brief an Frau Christian schrieb Frau Schroeder: »... Daß 
wir nie bei Lagebesprechungen anwesend waren, weißt Du ja am 
besten. D.h. in den ersten 21hgen in der »Wolfsschanze«, wo 
improvisierte Lagebesprechungen im Kasino stattfanden, wenn 
man das »Lagebesprechung« nennen kann, waren wir zwei dabei. 
Aber das wurde ja dann auch schnell wieder abgeschafft. Erin¬ 
nerst Du Dich: Der Chef vor der Karte Europas stehend: »In 
4 Wochen sind wir in Moskau ...!<« 



354 


Er war mein Chef 


222 Hier machte Frau Schroeder auf dem Brief dazu eine Anmerkung: 
»Wie konnte ich nur so leichtfertig urteilen!« 

223 Sh. Anmerkung 222. 

224 Heinrich Heim, geb. 15. 6. 1900 in München, studierte nach dem 
Abitur Rechtswissenschaft. Schon als Student trat er am 19.7. 
1920 als 1222. Mitglied der NSDAP bei. 1926/27 Staatsprüfung 
für den höheren Justiz- und Verwaltungsdienst, seit 1.8. 1927 
Rechtsanwalt in München. Ab Herbst 1928 bis Ende 1930 Kanzlei¬ 
gemeinschaft mit dem Rechtsanwalt Hans Frank (Verteidiger 
Hitlers). Im August 1933 kam Heim durch Martin Bormann zum 
Stabe von Rudolf Heß (Heim kannte Heß vom gemeinsamen Stu¬ 
dium her) und ab 15. 8. 1933 wurde Heim Hauptstellenleiter in der 
Reichsleitung der NSDAP. 1934 Reichsamtsleiter, ab 2.7. 1936 
Oberregierungsrat in der Staatsrechtlichen Abteilung des Stabes 
Stellvertreter des Führers< bis 1940. Von 1940 bis Ende 1942 
Adjutant von Martin Bormann im FHQ und von diesem u. a. mit 
der >geheimen< Aufzeichnung von Hitlers Gesprächen während 
der Tbestunden usw. beauftragt. Kurze Unterbrechung seiner 
Tätigkeit vom 21.3. 1942 bis 31. 7. 1942 durch Auftrag Bormanns, 
dem Maler Leipold bei der Vorbereitung seiner Ausstellung in 
München behilflich zu sein. In dieser Zeit von knapp 4 Monaten 
vertrat ihn Dr. Picker im FHQ. Bis Ende 1942 im FHQ und dann 
als Ministerialrat in München als Leiter eines Referates in der 
Staatsrechtlichen Abteilung, das sich mit Grundfragen der Neu¬ 
gestaltung Europas befaßte bis April 1945. Am 3. 5. 1945 von der 
US-Armee interniert, wurde Heim in verschiedenen Lagern fest¬ 
gehalten und Mitte 1948 entlassen. Heim lebt heute in Süd¬ 
deutschland. 

225 Henry Picker, geb. 6.2. 1912 in Wilhelmshaven, studierte Rechts¬ 
wissenschaft (Promotion). Kam am 21.3. 1942 als Vertreter von 
Heinrich Heim in das FHQ >Wolfsschanze<, wo er bis zum 31.7. 
1942 (Rückkehr von Heim) im Auftrag Bormanns Hitlers Gesprä¬ 
che aufzeichnete. Im August 1942 Ablösung von Picker durch 
Bormann. Kurze Zeit Landrat in Norden (Ostfriesland). Nach dem 
Krieg hat Picker die Gesprächsaufzeichnungen (und die von 
Heim) als >Tischgespräche< herausgegeben, die er immer ausführ¬ 
licher kommentierte (man vergleiche die 1. Auflage mit der 
12. Auflage!). Dr. Picker lebt heute in Süddeutschland. 

226 Interessant ist in diesem Zusammenhang eine schriftliche Dar¬ 
stellung, die Heinrich Heim im Oktober 1976 an den >Daily Tele- 
graph< London übergab. Heim schrieb darin u. a. folgendes: 

»Zu 11) 

Weder während meines Wiederdaseins im FHQ (August/Mitte 
September 1942) noch je danach, habe ich Martin Bormann den 
Namen Picker aussprechen hören, geschweige, daß auf Nieder- 




Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


355 


Schriften durch ihn oder gar auf Abschriften die Rede gekom¬ 
men wäre, die er von Heimschen Niederschriften sich hatte fer¬ 
tigen lassen; wohl aber habe ich durch Martin Bormanns per¬ 
sönlichen Referenten, den Ministerialdirigenten Dr. K. W. Hans- 
sen, der in seiner Eigenschaft als Generalstaatsanwalt am Kam¬ 
mergericht durch russische Hand in Berlin ums Leben gekom¬ 
men sein wird, im August 1942 erfahren, der Reichsleiter fBor¬ 
mann] teilte die Empfindung, die ich hatte, als ich den Flug von 
Rom nach Werwolf in München unterbrechend - auf Hanssens 
Schreibtisch im Führerbau neben den Skripten von mir 
Abschriften, die das Vorzimmer gefertigt hatte, liegen sah: das 
konnte nicht sein! In unseren Augen war das ein Volksbesitz, 
der unberührt in die Zukunft zu kommen hatte: Kein Einzel¬ 
mensch durfte darüber verfügen wollen; was für mich auch der 
Grund war dafür, daß ich mir selbst einen Durchschlag nicht 
habe fertigen lassen...« (Frau Schroeder: »Höchst anmaßend 
versah Picker die Heim’schen Aufzeichnungen mit dem Ver¬ 
merk: >F. d. R. Picken.«) 

227 Gemeint ist das Buch >Adolf Hitler, Monologe im Führerhaupt¬ 
quartier 1941-1944, Die Aufzeichnungen Heinrich Heims.< Her¬ 
ausgegeben von Werner Jochmann. Verlag Albrecht Knaus, 
Hamburg 1980. 

228 Gemeint ist das Buch von Henry Picker, >Hitlers Tischgesprä¬ 
ches erstmals herausgegeben vom Athenäum-Verlag in Bonn 
1951, spätere Auflagen beim Seewald-Verlag, Stuttgart, mit 
immer weiterführenden Kommentaren und Anmerkungen von 
Picker (Studienausgaben!). 

229 Interessant ist hier auch ein Brief, den Frau Schroeder am 

3. Februar 1980 an eine der ehemaligen Sekretärinnen Martin 
Bormanns schrieb: »...Man stelle sich vor: A. H. soll 1943 das 
Original-Urheberrecht für die Tischgespräche dem Dr. P. über¬ 
tragen haben!!! Das ist doch einfach undenkbar, nachdem A. H. 
vorhatte, uns (Wolf und mir) nach Beendigung des Krieges seine 
Erinnerungen zu diktieren. Alles, was sich in den Tischgesprä¬ 
chen niedergeschlagen hat, wäre ja doch auch Bestandteil dieser 
Erinnerungen gewesen bzw. geworden, alles, was er gedacht, 
erlebt, geplant hatte. Es gibt doch nichts, was in den Gesprä¬ 
chen nicht behandelt wurde. Und da soll er das Original-Urhe¬ 
berrecht an P. übertragen haben! |-——| 

|-1 E r [Hitler] hat doch nie gewollt, daß mitgeschrieben 

wurde. So erinnert sich Dara daran, daß A. H. einmal sehr inter¬ 
essante Ausführungen im kleinen Kreis gemacht hatte, nach 
deren Beendigung ich impulsiv zu A. H. gesagt hätte: »Schade, 
mein Führer, daß wir das nicht mitgeschrieben haben!< Darauf 
habe er gesagt: »Dann hätte ich nicht so sprechen können!< Und 





356 


Er war mein Chef 


dann soll er, ich muß es nochmals sagen, ohne zu wissen, was da 
alles aufgeschrieben wurde, so großzügig gegenüber P. verfah¬ 
ren haben!...« 

230 In drei Briefausschnitten, die Frau Schroeder dem Manuskript 
beilegte, sind Ausführungen einer der Sekretärinnen Bormanns 
festgehalten: 

11.11. 1980 »|-1 


Wenn er [Picker] jetzt wieder im Februar zum Geburtstag ein¬ 
lädt, führt er wieder etwas im Schilde, um seine eigenen Ver¬ 
öffentlichungen ja nicht in Vergessenheit geraten zu lassen |-1 

|-1 ich finde es 

unbedingt richtig, wenn Sie ihm absagen und auch klar sagen, 
daß Sie es nicht mit Ihrem Gewissen vereinbaren können. Ich 
wünschte nur, daß Baur etc. ebenfalls nicht erscheinen... Ich 
hoffe auch noch auf den Täg, wo ich dem Picker meine Ansicht 
über ihn entgegenschleudern kann - irgendwie habe ich das 
Gefühl, daß sich noch alles einer Lösung zubewegen wird - es 

geht langsam, aber vielleicht gelingt es doch noch, |-1 

|-1 Wenn ich noch daran denke, wie er im 

letzten Moment noch vor Gericht geltend machte, daß Heim 
nicht berechtigt sei, sich Ministerialrat zu nennen!!! Alles ist in 
meinem Gehirn (Computer - wie Sie so schön sagen) notiert!! 
Und schon, was er vor 38 Jahren gemacht hat, ebenfalls!! ...« 
15.2.1982: »...Übrigens noch zur Fotokopie der Klüterblätter: 
Das wußte ich, daß Heim bereits 1951 Schaub getroffen hat und 
dieser ihm dann versicherte, daß A. H. [Hitler] nichts von den 
Aufzeichnungen wußte. Gerade deshalb ist ja das Pickersche 

Gebahren so j-1 wie ich immer versucht 

habe, überall aufzuzeigen. Auch weil der Picker mit seinen 

|-1 Schreibereien nicht weiter das Feld beherrschen 

sollte, habe ich damals bei Jochmann doch meine Hilfe angebo- 
ten und auch bestätigt, daß diese Sachen strengstens von A. H. 

(und auch dem Kreis dort) femgehalten wurden. Eine |-1 

j-1 vom Picker, daß A. H. [Hitler] ihm die Autoren¬ 

rechte übertragen haben soll. Picker hatte doch damals gar 
keine weiteren Kontakte und war nur drei Monate da. Die Kon¬ 
takte hat er doch alle erst jetzt aufgenommen mit seinen ewigen 
Einladungen etc., natürlich bedient er sich der NS-Veteranen 

|-1 Mich kann nur ärgern, daß 

alle mitmachen oder mitgemacht haben!! ... Wieso kann er 
überhaupt von >alten Freundschaften reden. Dara z. B. hat mir 
schon vor Jahren gesagt, daß sie Picker seinerzeit im FHQ über¬ 
haupt nicht gesehen oder nicht beachtet hat. Und so war es 
auch, der hat sich doch damals abseits halten müssen. Auch das 


















Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


357 


Gerede vom >lieben alten Freund Breker< |-1 

|-| Den hat der damals doch nie gekannt!!« 

27.5. 1982: »...Für die gemeinsame Abwehrfront gegen Picker 
wäre ich an sich sehr. Es wird sich noch eine Gelegenheit bie¬ 
ten, ich bin jetzt zu drastischeren Täten entschlossen. Natürlich 
sind seine Geschichten im Vorwort haarsträubend, ich kann nur 
nicht verstehen, daß das nicht E. Schulze und die anderen, die 
das doch gelesen haben müssen, längst aufgefallen ist...« 

231 Brief an Arno Breker. 

232 Gerhard Michael Engel, geb. 13.4. 1906 in Rubenz, trat nach 
dem Abitur am 1.10. 1925 in die Reichswehr ein. Nach Besuch 
der Infanterieschule in Dresden, Beförderung zum Leutnant am 
1.9. 1930 (1.7. 1933 Oberleutnant, 1.3. 1937 Hauptmann). Im 
März 1938 kam Engel als Heeresadjutant und Ordonnanzoffizier 
in die Adjutantur der Wehrmacht zu Hitler, wo er bis Ende 1942 
im FHQ blieb. Beförderung zum Major am 1.1. 1940 und 1.3. 
1943 Oberstleutnant. Nach Frontkommandierung kam er im 
April 1943 bis Mitte Mai 1943 nochmals in das FHQ. Anschlie¬ 
ßend Frontdienst, 1. 5. 1944 Oberst, 1. 11. 1944 Generalmajor 
und 1. 4. 1945 Generalleutnant. Am 7. Mai 1945 von der US- 
Armee gefangengenommen, blieb Engel bis zum 26. 9. 1947 in¬ 
terniert. Engel starb am 9. 12. 1976 in München im Alter von 
70 Jahren. 

233 Gemeint ist Frau von Below, die Frau des früheren Luftwaffen¬ 
adjutanten Hitlers, Nicolaus von Below (Äußerung von Frau 
Schroeder gegenüber dem Herausgeber). 

234 Gemeint sind >nur< die Anmerkungen und Kommentare von Pik- 
ker, nicht der eigentliche Text der Tischgespräche selbst. 

235 Es handelt sich hier um den Koch Otto Günther, der 1937 von 
der Mitropa in Hitlers Sonderzug und dann in die FHQ’s Hitlers 
kam. Er unterstand Kannenberg und kochte für die rd. 150 bis 
200 Menschen, die im FHQ >Wolfsschanze< waren. Den Spitzna¬ 
men >Krümel< erhielt er durch ein Schild, das er über der 
Küchentür hängen hatte. Es lautete: »Wer den Krümel nicht 
ehrt, ist den Kuchen nicht wert.« 

236 Am 26.6. 1941 eroberte die 8. deutsche Panzer-Division Düna¬ 
burg mit den intakten Brücken über die Düna. 

237 Der Fotograf Heinrich Hoffmann und der Adjutant Richard 
Schulze. 

238 Major Gerhard Engel, sh. Anmerkung 232. 

239 Aus diesen Äußerungen von Frau Schroeder geht deutlich her¬ 
vor, daß Hitler damals noch an einen >Blitzsieg< geglaubt hat 
und man annahm, daß der Rußlandfeldzug bis Oktober 1941 
beendet sein werde. 

240 Diese Schilderung ist m. E. zeitgeschichtlich sehr interessant, da 




358 


Er war mein Chef 


Frau Schroeder hier die Gespräche und Gedanken Hitlers von 
Mitte August 1941 wiedergibt. 

241 Am 9.10. 1941 gab der Reichspressechef Dr. Otto Dietrich im 
Auftrag Hitlers eine Erklärung heraus, ».. .daß die militärische 
Entscheidung im Osten gefallen« und Rußland »erledigt« sei (!). 

242 Am 19.12. 1941 übernahm Hitler nach der Entlassung von Gene¬ 
ralfeldmarschall von Brauchitsch selbst den Oberbefehl über das 
Heer. Hitler äußerte sich dazu folgendermaßen: »Das bißchen 
Operationsführung kann jeder machen. Die Aufgabe des Oberbe¬ 
fehlshabers des Heeres ist es, das Heer nationalsozialistisch zu 
erziehen. Ich kenne keinen General des Heeres, der diese Aufgabe 
in meinem Sinne erfüllen könnte...« 

243 Sh. Anmerkung 103. 

244 Eduard Dietl, geb. 21.7. 1890 in Bad Aibling, ging 1908 nach 
Bamberg als Berufssoldat, 1912 Leutnant und 1914 Oberleutnant. 
Teilnahme am 1. Weltkrieg. 1917 Hauptmann und Bataillonsadju¬ 
tant. 1918 im Freikorp Epp und 1920 als Hauptmann bei der 
Reichswehr in München. Eintritt in die DAP am 5.2. 1920 als 
24.tes Mitglied (vor Hitler!). Täktiklehrer an der Münchner Infan¬ 
terieschule. Am 1.2.1931 Major und Bataillonskommandeur in 
Kempten. Am 6. 5. 1935 Oberst (Gebirgsjägerregiment 99). Auf¬ 
stellung der 3. Gebirgsdivision in Graz 1938 als Oberstleutnant. 
Teilnahme am Norwegenfeldzug (Verdtg. v. Narvik) und Beförde¬ 
rung zum Generalleutnant (19.6. 1940). 1942 Oberbefehlshaber 
der 20. Gebirgsarmee und Beförderung zum Generaloberst (1.6. 
1942). Dietl kam bei einem Flugzeugabsturz am 23.6.1944 im Alter 
von 53 Jahren ums Leben. 

245 Fritz Tbdt, geb. 4.9. 1891 in Pforzheim, studierte an der Ibchn. 
Hochschule in München und Karlsruhe bis 1920 (Promotion 1922). 
Von 1910-1911 Militärdienst, im Ersten Weltkrieg Offizier (Flie¬ 
ger) bis 1918. Geschäftsführer der Straßenbaufirma Säger und 
Woemer in München bis 1933. Mitglied der NSDAP seit dem 5.1. 
1923, Mitarbeiter des nationalsozialistischen Kampfbundes 
Deutscher Architekten und Ingenieure in München, außerdem 
Fachberater für Straßenbau im damaligen Amt für Wirtschafts¬ 
technik und Arbeitsbeschaffung der NSDAP. 1932 Leiter der 
Fachgruppe Bau-Ingenieure. Am 5.7. 1933 von Hitler mit dem 
Bau der Reichsautobahnen als »Generalinspektor des deutschen 
Straßenwesens< beauftragt. 1934 Leiter des Amts für Tbchnik, 
1936 Hauptamt für Tbchnik. Mai 1938 Gründung der »Organisa¬ 
tion Ibdt< (OT), die den Bau des Westwalls und anderer kriegs¬ 
wichtiger Bauten bis 1945 durchführte. 1939 Generalmajor der 
Luftwaffe und seit 17. 3.1940 Reichsminister für Bewaffnung und 
Munition. Nach einem Besuch bei Hitler am 7.2. 1942 im FHQ 
>Wolfsschanze< stürzte die Heinkel 111 am Morgen des 8.2. 1942, 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


359 


mit dem 50jährigen Dr. Tbdt an Bord, über den Bäumen am 
Platzrand des Flugplatzes im FHQ >Wolfsschanze< ab, wobei Dr. 
Tbdt den Tbd fand. 

246 Am 2.2. 1943 wurde die verlorene Schlacht um Stalingrad been¬ 
det. Von den am 22.11. 1942 eingeschlossenen rd. 250000 deut¬ 
schen Soldaten der 6. Armee wurden 34 000 ausgeflogen, 91000 
gerieten in Gefangenschaft und 125000 sind gefallen oder er¬ 
froren. 

247 Blondi war die Schäferhündin Hitlers, die er am 29. April 1945 
vergiften ließ. 

248 »Nützlich«, »eiskalt« und »brutal« waren viel zitierte Aussprüche 
Hitlers, die man überall in seinen Ausführungen wiederfinden 
kann. 

249 Albert Speer, geb. am 19.3.1905 in Mannheim, studierte nachdem 
Abitur 1923 Architektur an der Ibchn. Hochschule Karlsruhe, 
München und Berlin. 1927 bis 1932 Assistent bei Prof. Tessenow in 
Berlin. 1931 Eintritt in die NSDAP, Umbau eines Gauhauses in 
der Voßstraße und Goebbels’ Ministerium sowie Dienstwohnung. 
Gestaltung der Maifeier am 1. Mai 1933 mit neuen improvisierten 
Mitteln. Nach dem Tod von Prof. TVoost wurde Speer der bevor¬ 
zugte Architekt Hitlers und gehörte bis 1945 zu Hitlers engerem 
Kreis, auch auf dem Berghof. 1936 Auftrag Hitlers zur Neugestal¬ 
tung von Berlin, 1937 »Beauftragter für Bauen im Stab des Füh- 
rers< und Ernennung zum »Generalbauinspektor für Berlins 1938 
bis 1939 Neubau der Reichskanzlei und am 8. 2. 1942 wurde Speer 
als 36jähriger von Hitler als Nachfolger für Dr. Todt zum Reichs¬ 
minister für Bewaffnung und Munition ernannt. Am 23.5. 1945 
mit der Regierung Dönitz in Flensburg verhaftet, wurde er im 
Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß am 1.10. 1946 zu 20 Jahren 
Gefängnis verurteilt. Am 30. 9. 1966 aus der Haft in Berlin-Span¬ 
dau entlassen, starb Speer am 1.9. 1981 im Alter von 76 Jahren in 
London an den Folgen eines Schlaganfalls. 

250 Gemeint ist der Fotograf Heinrich Hoffmann, sh. Anmer¬ 
kung 30. 

251 In einem Brief an Dr. Picker vom 3.1. 1984 wurde Frau Schroeder 
sehr deutlich und sprach das aus, was sie schon lange bewegt und 
beschäftigt hatte: »... Daß Sie alle Ihre Buch-, Interview-, pp- 
Einnahmen bis auf den letzten Pfennig einer Societö zuführen, die 
die notwendigen Gebäude für ein AH-Museum im Raume Mün¬ 
chen beschaffen soll, klingt für mich sagenhaft. Es ist mir einfach 
unvorstellbar, daß die BRD die Genehmigung zum Bau eines AH- 
Museums erteilen wird...« 

Mit >Societö< ist die Societe d’Histoire Contemporaine - mit Dr. 
Picker als Präsidenten - in Genf gemeint, mit >AH-Museum< ein 
Adolf-Hitler-Museum! 



360 


Er war mein Chef 


»...Was nun Ihre Einladung zum 5.2. 84 betrifft, so ist es mir 
unmöglich zu kommen. Erstens aus gesundheitlichen Gründen 
und dann aber auch, weil ich in Ihrem Hause immer wieder an die 
größte Dummheit meines Lebens erinnert werde, nämlich, daß ich 
Ihnen die gesamten kostbaren architektonischen Skizzen H’s 
[Hitlers] zu einem Betrag überlassen habe, der wenige Jahre 
später für eine einzige Zeichnung von Ausländem gezahlt wurde. 
Hätte ich wenigstens meinen Willen, die letzten 3 Zeichnungen, 
die ich unbedingt behalten wollte, durchgesetzt. Die Zeichnungen 
haben eine so enorme Wertsteigerung erfahren, daß ich heute - 
hätte ich sie behalten - eine wohlhabende Frau wäre...« 

252 Vom 16. 7. 1942 bis 30.10. 1942 und vom 19. 2. 1943 bis 13.3. 1943 
wurde das FHQ Hitlers nach Mala Michalowska, ca. 15 km nord¬ 
östlich von Winniza verlegt, das von Hitler den Decknamen 
>Wehrwoif< erhielt. Es bestand überwiegend aus Holzbaracken in 
einem Laubwald mit einem Bunker. 

253 Abflug von Hitlers FHQ nach Winniza in das FHQ >Wehrwolf<. 

254 Eine typische Aussage von Hitler, die von Frau Schroeder, wie so 
oft in ihren Briefen, übernommen wurde. 

255 Sh. Anmerkung 100. 

256 Sh. Anmerkung 133. 

257 Sh. Anmerkung 31. 

258 Hitler flog am 10. März 1943 kurz zur Heeresgruppe Süd. 

259 Max Bircher Benner war ein Schweizer Arzt, der 1897 in Zürich 
eine Privatklinik eröffnete und 1903 ein theoretisch-praktisches 
Werk über seine Emährungstherapie veröffentlichte. Später wur¬ 
den an den Universitätskliniken der Wert der >Rohkost nach 
Bircher Bennen anerkannt und durchgeführt. 

260 Constanze Manziarly, geb. 14.4. 1920 in Innsbruck als Töchter 
eines griechischen Vaters und einer Tirolerin, nach Realschule 
Ausbildung als Diätassistentin (Haushaltschule Innsbruck). Ab 
13. 9. 1943 in Bischofswiesen im Kurheim Zabel. Nach der Entlas¬ 
sung von Frau Marlene von Exner durch Hitler am 8. 5. 1944 kam 
Constanze Manziarly September 1944 als Diätköchin zu Hitler in 
das FHQ >Wolfsschanze< und >Adlemest<. Zum Schluß hatte sie im 
Bunker des Reichskanzlerpalais eine kleine Diätküche, wo sie für 
Hitler kochte und auch an den Tbeabenden teilnahm. Sie soll am 
2. 5. 1945 nach dem Ausbruch aus der Reichskanzlei in Berlin im 
Alter von 25 Jahren Selbstmord durch Einnahme von Blausäure 
verübt haben. 

261 Theodor Morell, geb. 22.6. 1886 in TVais-Münzenberg, studierte 
nach dem Abitur 1906 in Gießen an den Universitäten Gießen 
(1907), Heidelberg (1909), Grenoble (1910), Paris (1910) und Mün¬ 
chen Medizin; Promotion am 23.5. 1913 in München. Anschlie¬ 
ßend Schiffsarzt bis 1914. Kriegsfreiwilliger, Bataillonsarzt bis 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


361 


1917. Ab 1918 Praxis in Berlin, Bayreuther Straße. 1933 Eintritt in 
die NSDAP und Praxis am Berliner Kurfürstendamm 216. Im Mai 
1936 lernte Dr. Morell durch Heinrich Hoffmann in München 
Hitler kennen, dessen Leibarzt er bis zum 21.4. 1945 blieb. Sehr 
umstrittene Behandlung von Hitler durch Dr. Morell. Am 23.4. 
1945 aus Berlin ausgeflogen, kurz am Berghof, am 18.5. 1945 von 
der CIC im Städtischen Krankenhaus von Bad Reichenhall durch 
Mr. Erich Albrecht verhört und am 17.7.1945 festgenommen. Dr. 
Morell war in verschiedenen Lagern interniert und schwer krank, 
er starb am 26.5. 1948 im Krankenhaus Tbgemsee im Alter von 
62 Jahren. 

262 Hier handelt es sich um den Adjutanten Friedrich Darges, geb. 
8.2. 1913 in Dülseberg/Altmarkt. Nach dem Besuch der Oberreal¬ 
schule in Hermannsburg arbeitet Darges in dem Molkereibetrieb 
seines Vaters, kaufmännische Lehre und Angestellter bis März 
1934. Am 1.4. 1933 Eintritt in die SS und am 4.4. 1934 SS- 
Junkerschule Bad Tölz, am 20.12.1934 SS-Standartenjunker, SS- 
Untersturmführer am 20.4.1935 bei der SS-Standarte »Germania« 
Zugführer. Ab 1.7. 1936 zur Dienstleistung bei Reichsleiter Mar¬ 
tin Bormann kommandiert, wurde Darges am 6.8.1937 Adjutant 
von Bormann im Stabe Heß. Am 11.10. 1939 Dienst bei der SS- 
Standarte »Deutschland« und am 4.6. 1940 beim SS-Rgt. »Der 
Führer« in Holland. Als Max Wünsche als Adjutant Hitlers abge¬ 
löst wurde, kam Darges im Oktober 1940 als Ordonnanzoffizier zu 
Hitler bis zum 16.3. 1942. Anschließend Truppendienst, bis er am 
1. März 1943 in das FHQ als persönlicher Adjutant Hitlers zurück¬ 
kam. Beförderung zum SS-Obersturmbannführer am 30.1. 1944. 
Hitler wollte gern, daß Darges Margarete Braun, Evas Schwester, 
heiraten sollte, aber Darges hielt sich zurück und wandte sich 
Hitlers Diätköchin, Frau Helene von Exner zu. Es ist anzunehmen, 
daß ihm Hitler dies übelnahm, jedenfalls schilderte Frau Schroe- 
der dann den geringfügigen Anlaß, der die sofortige Ablösung von 
Darges als Adjutant Hitlers zur Folge hatte: »... Bei einer Lagebe¬ 
sprechung wurde Hitler von einer Fliege oder Mücke belästigt. Er 
befahl dem Adjutanten Darges, die Fliege zu vertreiben. Da dieser 
so tat, als ob er den Befehl nicht verstanden habe, wurde Hitler 
wütend und schrie ihn an: »Wenn ein Schreiber [damit meinte er 
einen Marineangehörigen, der als Schreibkraft gearbeitet hatte] 
mit einem 1 -Mann-Tbrpedo einen Kreuzer versenken kann, dann 
werden Sie ja wohl als Sturmbannführer eine Mücke vertreiben 
können.« Darges kam sofort am 28.7. 1944 an die Front zur 5. SS- 
Panzer-Div. »Wiking«, wo er am 8.5. 1945 von der US-Armee 
interniert wurde. Darges wurde am 30.4.1948 aus der Haft entlas¬ 
sen und lebt heute in Norddeutschland. 

263 Am 23.2.1944 fuhr Hitler mit seinem Sonderzug vom FHQ »Wolfs- 



362 


Er war mein Chef 


schanze< nach Berchtesgaden auf den Obersalzberg, da in der 
>Wolfsschanze< die Bunker von der Organisation Todt wegen der 
Gefahr von Fliegerangriffen beachtlich verstärkt wurden. Hitler 
blieb mit kurzen Unterbrechungen bis zum 14. 7. 1944 am Berg¬ 
hof, den er danach nie wiedersah. 

264 Die Zyankali-Giftampullen sind im KZ-Sachsenhausen herge¬ 
stellt worden. Es waren hauchdünne Glasampullen, die eine 
Länge von ca. 30 mm und einen Durchmesser von etwa 8 mm 
hatten und mit ca. 1 ccm wasserfreier Blausäure gefüllt waren, der 
etwas Oxalsäure zugesetzt war. Die Ampullen wurden in einer 
Messinghülle mit einem aufsteckbaren Messingkappe, ähnlich 
einem Lippenstift, aufbewahrt. 

265 Sh. Anmerkung 101. 

266 Wilhelm Arndt, geb. 6.7. 1913 kam von der LSSAH nach der 
Ausbildung in der Dienerschule Pasing 1943 zu Hitler als Diener. 

1944 SS-Hauptscharführer. Hitler mochte den großen blauäugi¬ 
gen Arndt sehr gern, Frau Schroeder sagte, »er wäre Hitlers 
Lieblingsdiener gewesen«. Er flog am 22. 4. 1945 mit einer Ju 352 
aus der Führerstaffel von Berlin-Staaken ab. Das Flugzeug 
stürzte in Börnersdorf ab, wobei Arndt ums Leben kam. Weitere 
Diener von Hitler im FHQ Wolfsschanze waren die SS-Unter- 
scharführer Fehrs und Wauer sowie der SS-Rottenführer Becker. 

267 Benito Mussolini. 

268 Claus Graf Schenk von Stauffenberg, geb. 15.11. 1907 in Jettingen 
war Berufsoffizier bei der Reichswehr. 1927 Leutnant und 1934 
Hauptmann. Im 2. Weltkrieg bei der 6. Panzer-Div. in Polen und 
Frankreich. Als Major 1940 im Generalstab des Heeres. Ab dem 
6.1. 1943 in Afrika wurde er bei einem Tieffliegerangriff am 7. 4. 
1943 schwer verwundet. Am 1. 7. 1944 als Oberst Chef des Stabes 
des Befehlshabers des Ersatzheeres. In Verbindung mit den Gene¬ 
ralen Olbricht, Beck, Wagner und Feldm. Witzleben plante Stauf¬ 
fenberg die Beseitigung von Hitler. Am 20.7. 1944 legte er im FHQ 
> Wolfsschanze« eine Mappe mit Sprengstoff unter den Lagetisch 
und verließ das FHQ mit dem Flugzeug nach der Explosion. In 
Berlin gefangengesetzt, wurde Stauffenberg durch ein Standge¬ 
richt noch am gleichen Tag um 23 Uhr im Hof des OKW in der 
Bendlerstraße in Berlin im Alter von 37 Jahren erschossen. 

269 Sh. Anmerkung 194. 

270 Hitler verließ das Hauptquartier >Wolfsschanze< am 20.11. 1944 
mit seinem Sonderzug. 

271 Am 10.12. 1944 verließ Hitler in seinem Sonderzug Berlin und 
fuhr in sein neues FHQ >Adlerhorst< in der Nähe von Bad Nauheim. 
Er kehrte nach der gescheiterten Ardennenoffensive am 16.1. 

1945 nach Berlin zurück. 

272 Auch die Sekretärin Johanna Wolf sagte nach dem Krieg aus 




Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


363 


(Musmano papers): »... und es wurde mir viel eher klar als ihm, 
daß der Krieg zuende gehe. Er sah nur die ganz allgemeinen 
Folgen, - ganz anders z. B. eine Frau, die zu ihrer Familie einen 
durch den Krieg Vermißten zählte. Er hatte den Kontakt zum Volk 
verloren. Bis zum letzten Täg noch sprach er vom Sieg...« 

273 Walter Buch sagte nach dem Krieg 1945 aus, daß Hitler einmal auf 
eine entsprechende Frage zu ihm gesagt habe: »Die Frau, die er 
liebe, heißt Germania ...« 

In ihren stenographischen Aufzeichnungen notierte Frau Schroe- 
der: »... Hitler sah gern schöne Frauen um sich, aber eine gewisse 
Scheu, die Angst, sich zu blamieren, hielt ihn vor Abenteuern mit 
Frauen zurück. In dieses Kapitel gehört z. B. auch, daß er nach 
1933 die früher von ihm so geliebte >kurze Wichs< nicht mehr trug, 
weil er durch die kurze Lederhose seine Würde als Reichskanzler 
gefährdet sah. Die Angst, sich lächerlich zu machen, war bei 
Hitler krankhaft. Es ist auch nie vorgekommen, daß ihn einer 
seiner Diener in Unterhosen gesehen hätte. Alles, was über die 
vermeintlichen Geliebten Hitlers geschrieben wurde, entbehrt 
jeder Wahrheit und hatte in manchen Fällen lediglich eine Vereh¬ 
rung Hitlers für die Künstlerinnen usw. zur Grundlage, oder wie 
im Fall Riefenstahl auch Anerkennung für ihre Arbeit. 

Wenn man diese Scheu, die ihn aus Angst vor Krankheiten oder 
aus Angst sich zu kompromittieren, vor Abenteuern mit schönen 
Frauen zurückhielt, als unnormal bezeichnen will, dann war er 
unnormal. Den Frauen, denen er oder die ihm in Liebe zugetan 
waren, bewahrte er eine erstaunliche Dankbarkeit. Jedes Jahr zu 
Weihnachten, bekamen sie eine Aufmerksamkeit, sei es in Gestalt 
von einer besonders schönen Bonbonniere, einer Geschenkpak- 
kung Parfüm oder später im Krieg ein paar Pfund Bohnen¬ 
kaffee ...« 

274 Dr. von Hasselbach, einer der Begleitärzte Hitlers, sagte nach dem 
Krieg u. a. folgendes aus: »Hitler hatte eine ausgesprochene 
Scheu, seinen Körper zu zeigen [auch Dr. v. Hasselbach hat ihn nie 
ganz ausgezogen gesehen und untersucht]. Ob er eine körperliche 
Mißbildung an seinen Geschlechtsteilen hatte, darüber könnte 
wahrscheinlich sein früherer Fahrer und Diener Maurice etwas 
wissen, der mir gegenüber in der Gefangenschaft Andeutungen 
machte.« 

275 Gemeint ist das Buch von Heinz Linge »Bis zum Untergang, Als 
Chef des Persönlichen Dienstes bei Hitler«, herausgegeben von 
Werner Maser, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung München-Ber¬ 
lin, 1980. 

276 Emil Maurice, geb. 19.1. 1897 in Westermoor (Schleswig/Hol¬ 
stein), lernte Uhrmacher vom 14.1. 1914 bis 1.10. 1917 in Gettort. 
Am 1.10. 1917 in München als Uhrmachergehilfe und vom 30.10. 



364 


Er war mein Chef 


1917 bis zum 25.1. 1919 beim Militär. Ab 1.2. 1919 wieder als 
Uhrmacher tätig. Ende 1919 trat Maurice als 94. Mitglied (Nr. 594) 
der DAP bei (Hitler hatte die Nr. 555), wo er bereits 1919 in der 
Liste der ersten »Ordnungsmänner (Nr. 8) auffiel. Gründete und 
führte ab dem 1.12. 1919 die Sportabteilung (später Sturmabtei¬ 
lung = SA) der NSDAP. Seit 1921 auch Fahrer von Hitlers Auto. 
Als Mitglied der »Stabswache« und des »Stoßstrupp Hitler« aktiv 
am Putsch 1923 beteiligt. Mit Hitler 9 Monate in der Festung 
Landsberg und nach der Entlassung Intimus Hitlers und als sein 
Fahrer tätig. Mitglied der neuen Stabswache Hitlers von 1925 (10 
Mann + Schreck). Eintritt in die SS 1925 (SS-Nr. 2), Inspektor der 
SS von 1925 bis 1927 unter Heiden. Nach einer Auseinanderset¬ 
zung mit Hitler wegen seiner Verlobung mit Geli Raubal im 
Dezember 1927, war seine Freundschaft mit Hitler abrupt been¬ 
det, und er wurde von Hitler entlassen. Maurice verklagte Hitler 
im April 1928 auf Lohnzahlung von 3000 RM beim Arbeitsgericht 
München. Als Hitler zur Nachzahlung von 500 RM verurteilt 
wurde, machte sich Maurice mit dem Geld 1928 als Uhrmacher in 
München selbständig. Seit 1933 Ratsherr d. Stadt München. Am 
1.1. 1936 Stellvertreter der Reichshandwerksmeister und Mit¬ 
glied des Reichstages. SS-Oberführer seit 30.1. 1939. Im Februar 
1940 kurz zur Luftwaffe eingezogen, war Maurice bis Kriegsende 
als Uhrmacher tätig. Am 25.5.1945 von d. US-Armee bis zum 3. 6. 
1948 in verschiedenen Lagern interniert, starb Maurice am 6.2. 
1972 in Starnberg im Alter von 75 Jahren. 

277 Sh. Anmerkung 34. 

278 Anni Schüler, geb. 27.2. 1905 in Pfakofen b. Regensburg, nach 
Volksschule hauswirtschaftliche Ausbildung, anschließend bis zu 
ihrer Verehelichung mit Georg Winter am 1.5.1929 bei der Gräfin 
Törring in München. Als 24jährige kam sie mit ihrem Mann 
(Dienerehepaar, ihr Mann war Kammerdiener bei General Epp 
gewesen) am 1.10. 1929 als Haushälterin in Hitlers Wohnung am 
Prinzregentenplatz 16, wo sie 2 Zimmer bewohnte. Frau Winter 
blieb Hitlers Haushälterin bis zum Kriegsende im Mai 1945. Am 
8.6. 1945 von der US-Armee interniert, lebte sie nach ihrer Ent¬ 
lassung in München. Frau Winter starb am 17.10. 1970 im Alter 
von 65 Jahren in München. 

279 Frau Maria Reichel und deren Mutter, Frau Dachs, waren die 
Wirtinnen von Hitlers Zimmer in der Thierschstraße 41/1, wo 
Hitler vom 1.5.1920 bis zum 10.9. 1929 gewohnt hatte. 

280 Angela (Geli) Raubal war ein sehr lebenslustiges Mädchen und 
hatte mehrere Männerbekanntschaften, mit denen sie sich verlo¬ 
ben bzw. verheiraten wollte (z. B. bald nach ihrer Ankunft in 
München mit Hitlers Fahrer Emil Maurice im Dezember 1927). Ob 
Frau Schroeder nun nicht genau wußte, ob der Mann jünger oder 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


365 


älter war, ob er Kunstmaler oder Musiker war, läßt sich nicht 
mehr feststellen. Nach der Aussage der Mutter von Geli vor der 
CIC 1945, war es ein 16 Jahre älterer Musiker (Violinist) aus Linz. 

281 In den stenographischen Aufzeichnungen von Frau Schroeder 
befindet sich folgende Notiz: »...Als H’s (Hitlers] Fahrer, Emil 
Maurice, sich Weihnachten 1928 [Anmerkung: Die Jahreszahl 
1928 stimmt nicht, es war Weihnachten 1927] mit Geli verlobte, 
wurde er von H. aufgefordert, entweder die Verlobung sofort zu 
lösen oder seinen Dienst zu quittieren. Da M. [Maurice] der ersten 
Aufforderung nicht nachkam, entließ ihn Hitler, worauf M. Klage 
einreichte und H. [Hitler] zur Zahlung einer Abfindungssumme 
vom Arbeitsgericht verurteilt wurde. In einem anderen Fall - Geli 
hatte sich mit einem Linzer Maler verlobt - nahm Frau Raubal 
nach Rücksprache mit ihrem Bruder die bereits erteilte Heiratsge¬ 
nehmigung zurück. Onkel Adolf verlangte eine Bewährungszeit 
von einem Jahr, worauf der Maler an Geli einen entrüsteten Brief 
über ihren Onkel schrieb, wo von Despotismus die Rede war, 
wobei er dachte, er hätte einen Pg. vor sich, und daß er außerdem 
ganz falsche Anschauungen über die Ehe hätte. Allem Anschein 
ist es Hitler aber doch gelungen, die junge Liebe auseinander zu 
bringen. 

Es ist nicht anzunehmen, daß er intime Beziehungen zu Geli 
unterhalten hat. Dies dürfte gerade der auch von Geli nicht 
begriffene Punkt sein, der sie in den Tbd trieb. Von anderen 
Männern hielt er sie zurück, ohne sie von sich aus zu entschädigen. 
Sie äußerte mehrfach, >daß sie sich bei ihrem Onkel wie in einem 
goldenen Käfig fühle<. 

Hitler ließ sie am 18.9. 1931 über Berchtesgaden, wo sie bei ihrer 
Mutter gewesen war, kommen, begab sich nach ihrem Eintreffen 
am Vormittag aber sofort in die Stadt, mit dem Versprechen, zum 
Mittag zurück zu sein. Statt dessen kam er um 4 Uhr und sagte, 
daß er gleich nach Nürnberg fahren müsse. Sie bat ihn dann um 
Genehmigung, nach Wien zu fahren und ihre Stimme prüfen 
lassen zu dürfen, was sie schon lange vorhatte. Aber auch das 
lehnte er strikt ab. So trennten sie sich im Streit. Mißgünstige 
Freundschaft von E. B. [Eva Braun]. Wußte in diesem Zusammen¬ 
hang von einem angeblichen Brief E.B.’s., den Geli nach H’s 
Abreise in seinem Mantel gefunden habe. E. B. soll ihm heimlich - 
sie war damals bei Foto Hoffmann tätig - bei seinen Besuchen 
Lügenbriefe zugesteckt haben. Einen solchen Brief soll nun Geli 
gefunden haben und aus Verzweiflung: Von anderen Männern 
trennt er sie, er selbst hat nie Zeit, dafür findet sie Briefe anderer 
Mädchen bei ihm. Dies alles war zuviel für das temperamentvolle 
Mädchen. Sie sagte zu seiner Haushälterin, daß sie ins Kino gehen 
würde...« 



366 


Er war mein Chef 


282 Den Brief hatte Frau Schroeder noch im Lager Augsburg. Sie gab 
ihn Albert Zoller, der ihn behielt und nicht mehr zurückgab. Die 
den Brief betreffenden Passagen im Zoller-Buch sind daher 
authentisch und auch von Frau Schroeder wiedergegeben worden. 

283 Sh. Anmerkung 30. 

284 Nach der Aussage von Julius Schaub von 1945 soll Hitler erst nach 
dem Tbd von Geli Vegetarier geworden sein. 

285 Über das Mädchen Stefanie, geboren 1887 in Linz, dem Hitler 
einmal einen Brief geschrieben hatte, sh. die Ausführungen bei 
Franz Jetzinger, »Hitlers Jugend«, Europa Verlag, Wien 1956. 

286 Maria Reiter, geb. 23.12. 1908 in Berchtesgaden, lernte Hitler 
1925 in Berchtesgaden kennen (sh. auch Bericht im »Stern«, 
Nr. 24, von 1959). In den 50er Jahren lebte sie mit Hitlers Schwe¬ 
ster Paula in Berchtesgaden zusammen. 

287 Sh. Anmerkung 161. 

288 Sigrid von Laffert, geb. 28.12. 1916 auf Damaretz Mecklenburg, 
lernte Hitler bei ihrer Tänte, Viktoria von Dirksen, kennen. Sie 
heiratete später den Sohn des deutschen Botschafters in Paris, 
Graf Hans Welczek, der mit ihr während des Krieges als Diplomat 
in Spanien war. Sie lebt heute in Österreich. 

289 Die Geschwister Hopfner waren in den 30er Jahren bekannte 
Tänzerinnen, die in Revuen und in Filmen auf traten. 

290 Jenny Walter (Künstlername Jugo), geb. 14.6. 1906 i.d. Steier¬ 
mark (östr.) war in den 30er Jahren eine bekannte Filmschauspie¬ 
lerin (24 Spielfilme). In zweiter Ehe mit Frederico Benfer verhei¬ 
ratet lebte sie in Italien und Amerika, heute in Süddeutschland. 

291 Sh. Anmerkung 79. 

292 Frau des Industriellen Herbert Quandt. 

293 Sh. Anmerkung 214. 

294 Leni Riefenstahl, geb. 22.8. 1902 in Berlin, Kollmorgen’sches 
Lyzeum und Kunstakademie, Tänz- und Ballettausbildung. Bis 
1927 als Tänzerin aufgetreten, kam sie 1925 durch Luis TVenker 
zum Film. 1926 erste Rolle in dem Film der »Heilige Berge«. 
Mehrere Filme bis 1932. Ab 1931 eigene Filmfirma, die >Riefen- 
stahl-Produktion<. 1934 Film »Triumph des Willens« vom Partei¬ 
tag d. NSDAP in Nürnberg und 1936 Film über die Olympischen 
Spiele in Berlin. Nach dem Krieg interniert, später als Filmregis¬ 
seurin und Fotografin tätig, lebt heute in München. 

295 Unity Valkyrie Mitford, geboren am 8. 8. 1914 in London, kam am 
22.10. 1934 als Studentin nach München (Deutschkurs a. d. Deut¬ 
schen Akademie). Sie war eine fanatische Anhängerin der >British 
Union of Fascists< ihres Schwagers Oswald Mosley und verkehrte 
in München in SA- und SS-Kreisen. Nach dem Polizeibericht vom 
1.8. 1935 war sie eine »begeisterte Anhängerin des Nationalsozia¬ 
lismus und hatte einige Zusammenkünfte mit dem Führer«. Am 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


367 


3.9. 1939 machte sie im Englischen Garten (nähe der Königinstr. 
15, Einmündung i.d. Kaulbachstr.) einen Selbstmordversuch 
und schoß sich mit einer Pistole in den Kopf. Sie wurde später 
auf Hitlers Veranlassung über die Schweiz nach England 
gebracht, wo sie am 20. 5. 1948 verstorben ist. 

296 Interessant sind in diesem Zusammenhang zwei Aussagen von 
Vertrauten Hitlers nach dem Krieg. Sie zeigen eindeutig, daß 
Hitler Eva Braun nicht im Sinne einer Geliebten, wie das immer 
in der Literatur und den Zeitschriften dargestellt wurde, geliebt 
hat. 

Julius Schaub wurde z. B. 1945 gefragt:»Hat Hitler Eva Braun 
geliebt?« 

Antwort: »Er hat sie gern gehabt.« 

Frage: »Was heißt das, das weiß ich nicht, was das heißt, wenn 
Sie in München sagen, >Er hat sie gern gehabte Hat er sie ge¬ 
liebt?« 

Antwort: »Er hat sie lieb gehabt.« 

Heinrich Hoffmann sagte 1945 aus: »Hitler ist ab 1930 öfter in 
meinem Geschäft gewesen und hat bei solchen Gelegenheiten die 
Braun bei mir kennengelemt und sie öfters gesehen... Ich meine: 
Hitlers Verhältnis zu Eva Braun war immer ein platonisches...« 

297 Sh. Anmerkung 161. 

298 Sh. Anmerkung 214. 

299 Sh. Anmerkung 276. 

300 Sh. Anmerkung 150. 

301 V. B. = Zeitung »Völkischer Beobachter«. 

302 Inge und Lola Epp waren Solotänzerinnen von internationalem 
Rang. Hitler lernte sie 1926 kennen, als sie 15 bzw. 17 Jahre alt 
waren. Sie sind später in Marischka-Revuen in Berlin aufgetre¬ 
ten. Berühmt war ihr »Spiegeltanz«, 1931 heirateten beide ins 
Ausland. 

303 Sh. Anmerkung 160. 

304 Sh. Anmerkung 214. 

305 Leo Slezak, geb. 18. 8. 1873 war Kammersänger und Filmschau¬ 
spieler, er starb am 1. 7. 1946 in Egern am Tbgemsee. 

306 Am 12. März 1938 überschritten deutsche TVuppen die öster¬ 
reichischen Grenzen, und Hitler fuhr mit seinem Stab von Mün¬ 
chen aus in Braunau a. I. über die Grenze nach Linz. 

307 BKD = SS-Begleitkommando. 

308 Anton Drexler, geb. 13.6. 1884 in München, war ab dem 2.10. 
1902 Schlosser in der Eisenbahn-Centralwerkstätte in München 
und gründete am 5.1. 1919 die D A R (Deutsche Arbeiter Partei), 
deren Vorsitzender er bis zum 28. 7. 1921 war. Als Hitler am 28. 7. 
1921 den Vorsitz übernahm, geriet Drexler immer mehr in den 
Hintergrund und spielte in der Partei und politisch keine große 



368 


Er war mein Chef 


Rolle mehr (1924-1928 nationalsoz. Abgeordneter im Bayeri¬ 
schen Landtag). 1925 Differenzen mit Hitler. Er starb am 25.2. 
1942 im Alter von 57 Jahren in München. 

309 Sh. Anmerkung 10. 

310 Dr. Otto Wagener (sh. Anmerkung 45) erwähnt z.B. in seinen 
Aufzeichnungen, daß der Fotograf Heinrich Hoffmann auf Hitlers 
Wahlreisen im Jahr 1932 häufig »seine kleine Laborantin Eva 
Braun mitnahm, die Hitler gerne am Abend zur Ablenkung am 
Tisch sah«, die jedoch seiner Meinung nach, damals »überhaupt 
keine Rolle spielte.« 

311 Marianne Petzl, geb. 19.12. 1899 in Wien, war die Töchter der 
Opemsängerin Maria Petzl, die Hitler von seiner Wiener Zeit her 
kannte und bewunderte. Durch die Bekanntschaft mit Erna 
Gröpke (deren Vater Kammersänger war), der späteren Frau des 
Fotografen Heinrich Hoffmann, lernte Hitler sie kennen und 
wurde von diesem ab 1935 bis 1944 oft auf den Obersalzberg 
eingeladen, wo sie sich mit Eva Braun anfreundete. Im August 
1937 heiratete sie den Bauingenieur Fritz Schönmann, an der 
Hochzeit nahm Hitler teil. Frau Schönmann starb am 17. 3. 1981 
im Alter von 81 Jahren in München. 

312 Erna Gröpke, geb. 28.8. 1904 in Köln war die Tbchter des Kam¬ 
mersängers Adolf Gröpke. Sie heiratete 1934 den Fotografen 
Heinrich Hoffmann in München urtd gehörte mit diesem zum 
engeren Kreis Hitlers. Sie lebt heute in Süddeutschland. 

313 Frau Anni Winter, Hitlers Haushälterin in München, sagte nach 
dem Krieg aus: Frau Winter vertritt die Meinung, »daß trotz Evas 
unterwürfiger Ergebenheit, Hitler sich auf irgendeine Weise von 
ihr freigemacht hätte, wenn nicht der Krieg gekommen wäre«. 
(Sh. Musmano papers i. d. University Library d. Duquesne Iniver- 
sity Pittsburgh). 

314 Hermann Göring, geb. 12.1.1893 in Rosenheim, nach Gymnasium 
in Ansbach i. d. Kadettenanstalt Karlsruhe und Groß-Lichter- 
felde in Berlin. März 1912 Leutnant, ab Herbst 1914 bei den 
Fliegern, im Mai 1915 Flugzeugführer. Bei Kriegsende Oberleut¬ 
nant (Jagdgeschwader Richthofen). Nach dem Krieg in Dänemark 
u. Schweden. Anfang 1922 in München, übernahm er im März 
1923 das Oberkommando der SA. 1923 beim Putsch verwundet, 
flüchtete er ins Ausland. Als am 14.5.1926 d. Haftbefehl gegen ihn 
aufgehoben wurde, trat er am 1.4. 1928 wieder in die NSDAP ein. 
Am 10.4. 1933 Preußischer Ministerpräsident und Innenminister. 
28.4. 1933 Reichsminister für Luftfahrt. Am 20.4. 1935 heiratete 
er die Schauspielerin Emmy Sonnemann. 18.10. 1936 Beauftrag¬ 
ter für den Vierjahresplan, am 19.7. 1940 durch Hitler zum 
Reichsmarschall ernannt. Am 20.4. 1945 fuhr Göring von Berlin 
auf sein Landhaus am Obersalzberg. Am 23.4. 1945 von Hitler 




Am 9. August 1937 war Hit¬ 
lers TVehaus am Mooslahner- 
kopf (Obersalzberg) fertig, 
das Hitler von nun an nach¬ 
mittags regelmäßig besuchte. 
Das Bild zeigt Hitler mit 
Dönitz, Speer, Bormann. 
Esser, Schaub u. a. am 30. Mai 
1943 vor dem Eingang zum 
lVehaus. 


Hitler mit den Kindern von 
Speer vor dem Kamin imlbe- 
haus am Mooslahnerkopf. 


















Eva Braun war eine begeister¬ 
te Fotografin und filmte auch 
viel mit ihrer Schmalfilm¬ 
kamera. Im National Archive 
Washington liegen noch 33 
Foto-Alben von Eva Braun 
und auch viele Filme blieben 
erhalten. Auf dem Bild oben 
filmt Eva Braun im Mai 1939 
Hitler mit Dr. Morell und 
Hermann Esser auf der Ter¬ 
rasse des Berghofs. 


Da Hitler immer sehr lange schlief, frühstückte 
sein engerer Kreis bei schönem Wetter auf der 
Tlerrasse des Berghofs. Im Hintergrund der An¬ 
bau für das Begleitkommando, Telefonzen¬ 
trale, Zahnarztzimmer und Adjutanten 
(v.l.n.r.: Eva Braun, Walter Hewel, Karl Wolff, 
Hans Pfeiffer, unbekannt). 









Am 3. Juni 1944 heiratete 
Hermann Fegelein, Verbin¬ 
dungsoffizier der Waffen-SS 
bei Hitler, in Salzburg Marga¬ 
rete Braun, die Schwester von 
Kva Braun. Martin Bormann 
und Heinrich Himmler waren 
als'R auzeugen anwesend. 


Fva Braun, die Hermann 
Fegelein sehr mochte, wollte, 
daß die Hochzeit wie ihre 
eigene würde«. Die Hochzeit 
wurde dann auch entspre¬ 
chend am Kehlsteinhaus 
gefeiert. 





Das Ende Hitlers und seiner Residenzen: 



Der nach einem Bombenangriff am 25. April 
1945 zerstörte Berghof am Obersalzberg. 


Eageplan der Reichskanzlei in Berlin mit Hit¬ 
lers letztem FHQ im Bunker, wo er am 30 4. 
1945 Selbstmord beging. 1 ----- Neue Reichskanz¬ 
lei, 2 = Ehrenhof, 3 = Reichskanzlerpalais, 

4 - Führerbunker mit Vorbunker, 5 = Unter¬ 
irdischer Gang z. d. Bunkern in der Voss- 
Straße (Bild Mitte). 


Der zerstörte Ehrenhof in der Reichskanzlei 
nach der Einnahme durch die Rote Armee am 
3. Mai 1945 (Bild unten) 




































Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


369 


aller Ämter enthoben und von d. SS gefangengesetzt. In d. SS- 
Kaseme in Salzburg inhaftiert, wurde er von Luftwaffenangehö¬ 
rigen befreit. Göring stellte sich am 7.5. 1945 der 7.US-Armee 
und nahm sich am 16.10. 1946 im Nürnberger Gefängnis im Alter 
von 52 Jahren das Leben durch Einnahme von Blausäure. 

315 Sh. Anmerkung 174. 

316 Robert war der tüchtige Kammerdiener von Hermann Göring. 

317 Der 7. Parteitag der NSDAP fand vom 10. bis 17. 9. 1935 in Nürn¬ 
berg statt. 

318 In den Stenoaufzeichnungen von Frau Schroeder steht: »...Sie 
[Eva Braun] erzählte mir dann, wie sie um ihn [Hitler) gekämpft 
hat, wie sie zweimal Selbstmordversuch verübt hat, das eine Mal, 
weil Frau Raubal, die aus begreiflichen Gründen gegen die 
Freundschaft ihres Bruders zu E. B. [Eva Braun] Stellung nahm, 
auf einem Parteitag in Nürnberg eine Hetzkampagne gegen E. 
losgelassen hatte. Frau R. [Raubal] fand, daß sich E. [Eva Braun] 
auf der Tribüne zu auffallend benommen hätte und erstattete über 
diese unglaubliche Frechheit ihrem Bruder Bericht, in der Hoff¬ 
nung, daß er E. sofort fallenlassen würde. Dies war aber ein 
Bumerang. A. H. ließ sich keine Vorschriften machen, auch nicht 
von seiner Schwester. Und wenn er gar nicht an E. gehangen hätte, 
so wäre die Bevormundung seiner Schwester Grund genug gewe¬ 
sen, das Gegenteil zu tun. Er ließ nicht E. fallen, die sich in Ahnung 
des gegen sie geplanten Unheils mit Veronal vergiftet hatte, aber 
noch >rechtzeitig< gefunden wurde, sondern entband seine Schwe¬ 
ster von ihren bisherigen Pflichten als Hausdame im Haus 
Wachenfeld. Sie ging nach Nauheim wegen ihres durch die Erre¬ 
gung geschwächten Herzens, lernte dort einen Professor der 
Dresdner Hochschule kennen und heiratete diesen.« 

319 Prof. Martin Hammitzsch war Direktor der Staatsbauschule in 
Dresden. 

320 Hermann Fegelein, geb. 30.10. 1906 in Ansbach, Abitur 1926 in 
München, studierte 2 Semester a. d. Universität München und trat 
am 20.4. 1927 bei d. Landespolizei München als Offiziers-Anwär¬ 
ter ein, wo er am 16.8. 1929 wieder austrat. Anschließend in der 
Reitschule seines Vaters tätig. Eintritt in die SS am 10.4. 1933, 
Führer einer SS-Reitergruppe, 1935 Gründung d. SS-Hauptreit- 
schule in München, 1937 Kommandeur der Schule. SS-Sturm- 
bannführer am 30.1. 1936. Am 1.3. 1940 SS-Obersturmbannfüh- 
rer und Kommandeur d. SS-Tbtenkopf-Reiterstandarte, 5.8. 1941 
Führer d. SS Kav. Brigade und Kommandeur d. Kampfbrigade 
Fegelein bis Ende 1943 (Div. Komd.). Ab 1.1.1944 wurde Fegelein 
Verbindungsoffizier d. Waffen-SS bei Hitler und am 3. 6. 1944 
heiratete er die Schwester von Eva Braun, Margarete Braun, in 
Salzburg. Am 21.6. 1944 von Hitler zum Generalleutnant der 



370 


Er war mein Chef 


Waffen-SS ernannt. Am 25.4. 1945 verließ er den Bunker d. 
Reichskanzlerpalais und wurde am 27.4. 1945 von SS-Ober- 
sturmbannführer (RSD-Kriminaldirektor) Peter Högl in seiner 
Wohnung in d. Bleibtreustraße 10-11 verhaftet, nachdem er vor¬ 
her Eva Braun angerufen hatte, mit ihm Berlin zu verlassen. Hitler 
degradierte ihn und verurteilte Fegelein, nachdem am 28. 4. 1945 
Himmlers Verhandlungen mit d. Graf Folke Bemadotte bekannt 
wurden, zum Tbde. Fegelein wurde in der Nacht des 28.4. 1945 im 
Garten der Reichskanzlei in Berlin im Alter von 38 Jahren er¬ 
schossen. 

321 Fegelein wurde am 1.1. 1944 als Himmlers Verbindungsoffizier d. 
Waffen-SS zu Hitler kommandiert. Er war der Nachfolger des 
damaligen SS-Obergruppenführers Karl Wolff. 

322 Walter Hewel, geb. am 25. 3. 1904 in Köln, kam nach dem Abitur 
im Oktober 1923 nach München und studierte an d. Tbchn. Hoch¬ 
schule. Er trat am 20.10. 1923 dem »Stoßtrupp Hitler< bei und war 
aktiv am Putsch beteiligt. Bis 30.12. 1924 in Haft im Gefängnis 
Landsberg a. L. Anschließend Kaufmannslehre in Hamburg bis 
1926 und dann ein Jahr in England. 1927 ging er als Kaufmann 
und Pflanzer (Gummi) nach Niederländisch-Indien. Im Juni 1933 
dort Eintritt in die NSDAP. Januar bis Mai 1934 Leiter des 
Dezernats Außenbesitzungen in Niedl.-Ind. und vom März bis 
September 1935 Wirtschaftsreferent d. Ortsgruppe Bandoeng 
(Niedl.-Ind.). Im März 1936 Rückkehr nach Deutschland und bis 
Februar 1937 Hauptstellenleiter im Ostasienreferat d. Auslands¬ 
organisation d. NSDAP. August 1937 Hauptreferent i. d. England¬ 
abteilung d. Dienststelle des Botschafters Ribbentrop, am 12.7. 
1937 SS-Sturmbannführer. Ab 1940 Botschafter und Vertreter 
des Reichsaußenministers Ribbentrop bei Hitler im FHQ, Beför¬ 
derung zum SS-Brigadeführer am 9.11. 1942. Am 21.4. 1944 
stürzte er bei einem Flugzeugunglück in Ainring ab und wurde 
schwerverletzt. Hewel war bis zum Ende bei Hitler im Bunker des 
Reichskanzlerpalais und verübte nach dem Ausbruch aus der 
Reichskanzlei am 2.5. 1945 in Berlin-Wedding im Alter von 41 
Jahren Selbstmord durch Erschießen. 

323 Sh. Anmerkung 262. 

324 Adolf Wagner, geb. 1.10. 1890 in Alringen (Lothringen), Oberreal¬ 
schule in Metz, Militärdienst 1909-1910. Studium a.d. Universi¬ 
tät Straßburg und Aachen. Von 1914 bis 1918 Kompanieführer 
und 1917 Leutnant. Bereits 1923 Mitglied der NSDAP, 1924 Mit¬ 
glied des Bay. Landtages. Vom Oktober 1919 bis Oktober 1929 
Direktor und Generalbevollmächtigter verschiedener Bergwerks¬ 
gesellschaften. Ab 1.11. 1929 Gauleiter d. Gaues Groß-München 
(ab 16.11. 1930 München-Oberbayem). Am 12.4. 1933 Staatsmi¬ 
nister des Inneren und Stellvertreter d. Ministerpräsidenten, am 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


371 


28.11. 1936 Bayr. Staatsminister f. Unterricht und Kultus. Wag¬ 
ner gehörte zum engeren Kreis Hitlers, auch am Obersalzberg, er 
starb am 12.4. 1944 im Alter von 53 Jahren an einem Schlaganfall 
in München. 

325 Margarete Braun, geb. 31.8. 1915 in München, nach Volksschule 
besuchte sie d. höhere Mädchenschule in Medingen. Ab dem 10.4. 
1932 beim Verlag des Fotografen Heinrich Hoff mann als Kontori¬ 
stin bis 1943. Am 1.9. 1943 Besuch d. bayer. Staatslehranstalt für 
Lichtbildwesen. Am 3. 6. 1944 heiratete sie im Alter von 28 Jahren 
den Verbindungsoffizier der Waffen-SS bei Hitler, Hermann 
Fegelein, in Salzburg. Bei Kriegsende im April 1945 auf dem 
Berghof am Obersalzberg fuhr sie mit einer Freundin Eva Brauns 
nach Garmisch-Partenkirchen. Sie heiratete wieder und lebt 
heute in Süddeutschland. 

326 In ihren stenographischen Aufzeichnungen notierte Frau Schroe- 
der: »... E. [Eva Braun] war oft unleidlich, mißmutig, vergrämt, 
wehleidig. Sie konnte aber auch ebenso anmutig und liebreizend 
sein. Ich wurde manchmal von einer mir selbst unerklärlichen 
Sympathiewelle erfaßt, die mich zu E. hinführte. Zuweilen 
gehörte ich aber auch zu dem Kreis derer, die sich durch E’s 
unausgeglichenes launisches Wesen abgestoßen fühlten. E. ließ 
mich im März 1945 zum ersten Mal einen Einblick in ihre inneren 
Kämpfe tun, die sie seit Jahren vor den anderen geheimhielt und 
die die Ursache für ihr unausgeglichenes Wesen waren. Sie mußte 
immer im Hintergrund bleiben, nie durfte sie z. B. gemeinsam mit 
A. H. Seite an Seite im Theater sitzen. Wenn sie schon in die 
gleiche Vorstellung ging wie er, dann saß sie als kleines anonymes 
Mädchen im Parkett, während er oben in der >Führerloge< saß. Er 
scheint nicht immer gerade zart und rücksichtsvoll an ihr gehan¬ 
delt zu haben. Wenn sie z. B. auf Kurzbesuch in Berlin war - was 
nicht sehr oft vorkam - so ging er abends ins Theater und anschlie¬ 
ßend ins KddK und saß dort bis zum anderen Morgen in Gesell¬ 
schaft schöner Frauen, während sie in ihrem Zimmer in der RK 
wartete...« 

327 In ihren stenographischen Aufzeichnungen notierte Frau Schroe- 
der: »... Daß ihr Hermann [Fegelein] als Mann gefiel und daß er 
auch das hübsche Mädchen [Eva Braun] überaus gern hatte, das zu 
ihm besser als zu dem alten kranken Mann paßte, konnte einem 
aufmerksamen Beobachter, der bei den kleinen intimen Festen 
dabei war, die E. B. in den letzten Wochen ihres Lebens in ihrem 
Berliner Zimmer in der RK vor oder nach einem Luftangriff 
abhielt, nicht entgehen...« 

328 Bei der Verhaftung von Fegelein am 28. 4. 1945 in seiner Berliner 
Wohnung i. d. Bleibtreustraße 10-11 durch Peter Högl (RSD) war 
eine rothaarige Frau beim ihm in seiner Wohnung. Sie entkam 



372 


Er war mein Chef 


unter einem Vorwand, über ihre Identität bestehen verschiedene 
Versionen. 

329 Hermann Esser, geb. 27.7. 1900 in Rörmoos (Lkr. Dachau), 
humanistisches Gymnasium in Kempten, von 1917 bis 1918 Mili¬ 
tärdienst. Anschließend journalistische Tätigkeit bei einer 
sozialdemokratischen Zeitung in Kempten. Mitte 1919 in Mün¬ 
chen lernt er in der Presseabteilung des Wehrkreiskommandos 
Hitler kennen. Ab Oktober 1919 bei d. DAP und am 8.3. 1920 
Eintritt in die NSDAP als 381. Mitglied (Nr. 881). 1920 erster 
Schriftleiter des >Völkischen Beobachters«. Neben Hitler damals 
einer der agilsten und aggressivsten Redner der NSDAP. Nach 
dem Putsch 1923 zu 3 Monaten Haft verurteilt. Am 27. 2. 1925 als 
NSDAP-Mitglied Nr. 2 wieder Propagandaleiter d. NSDAP bis 
1929. Ab 1926 Herausgeber des »Illustrierten Beobachters« (Par¬ 
tei-Illustrierte) bis 1932. 1929 Fraktionsvorsitzender d. NSDAP 
im Stadtrat München, 1932 im Bayr. Landtag, März 1933 Mit¬ 
glied d. Bayr. Staatsregierung. Nerv. 1933 Mitglied d. Reichstages 
und dessen Vizepräsident. 29.11. 1934 Preiskommissar für Bay¬ 
ern, am 3.4. 1936 Präsident d. Reichsfremdenverkehrsverband 
und am 27.1. 1939 Staatssekretär f. d. Fremdenverkehr. Am 11.5. 
1945 von d. US-Armee bis zum 27.12. 1947 in Nürnberg inter¬ 
niert. Ab dem 9.9. 1949 wieder verhaftet, war Esser bis Mitte 
1952 im Gefängnis. Er starb am 7.2. 1981 im Alter von 80 Jahren 
in Dietramszell. 

330 Christian Weber, geb. 25. 8. 1883 in Polsingen, Volksschule, 1897 
Jungknecht im Gut Polsingen. Vom 5.10. 1901 bis 28. 9. 1904 und 
vom 1. bis 13.10. 1906 Militärdienst (Jäger zu Pferde) in Nürn¬ 
berg u. München. Anschließend als Pferdebursche in Neumarkt. 
Anfang 1913 in München bei der Pferdehandlung Göbel als Pfer¬ 
deknecht und »Bereiter« tätig. Vom 6.8. 1914 im 1. Weltkrieg, am 
3.1. 1919 als Sergeant entlassen. In München als Nachkriegs¬ 
schieber und Händler tätig, bereits am 18.1. 1919 betrieb Weber 
ein Pferdeverleihgeschäft, lernte Weber Anfang 1920 Hitler ken¬ 
nen (Parteieintritt am 15.8. 1921, Nr. 3850), der die »Qualitäten« 
des schlagkräftigen und sehr geschäftstüchtigen Kaufmanns 
Weber schnell erkannte. Bis zum Putsch 1923 spielte Weber eine 
bedeutende Rolle in der Leitung d. NSDAP, ab Herbst 1922 u. a. 
Leiter des Fuhrparkes usw. 1926-1934 Stadtrat und Fraktions¬ 
führer, 1935-1945 Ratsherr und Ratspräsident d. Stadt Mün¬ 
chen. 1933-1945 Präsident des Kreistages sowie 10 weitere Titel 
und Ämter. SS-Standartenführer und Inspekteur der SS-Reiter- 
schulen. Weber, der 1945 Millionär war und in der Residenz 
wohnte, wurde am 1.5. 1945 von der US-Armee verhaftet. Auf 
dem Transport von Ulm nach Heilbronn in der Nacht vom 10. auf 
11.5. 1945 verunglückte der US-Lastkraftwagen und der 61 jäh- 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


373 


rige Weber starb an der Unfallsteile in der schwäbischen Alp an 
seinen schweren inneren Verletzungen. 

331 Sh. u. a. die Ausführungen von Christian Weber, »Wie Hitler den 
Obersalzberg entdeckte«, in der »Berliner Illustrierten Nacht- 
ausgabe<, Nr. 191 vom 17. 8. 1934. 

332 Helene Capito, geb. 21. 5. 1876, in Düsseldorf, war die Frau des 
Mitbesitzers der Berliner Pianofortefabrik-AG, Edwin Bechstein 
(11. 2. 1859-15. 9. 1934, Sohn des Firmengründers Carl Bech¬ 
stein). Sie lernte Hitler Ende Juni 1921 in Berlin durch Dietrich 
Eckart kennen (Hitler sprach damals u. a. im »Nationalen Klub<). 
Im Mai 1922 war Hitler wieder in Berlin. Als ihm das Hotel 
Excelsior, wo er absteigen wollte, die Aufnahme verweigerte, 
war er Gast bei Bechsteins und führte dort Besprechungen mit 
dem völkischen Flügel der Deutschnationalen (Graf Reventlow u. 
Albrecht v. Graefe-Goldebee) über eine gemeinsame Zusammen¬ 
arbeit. Die Bechsteins unterstützten Hitler und besuchten ihn 
1924 öfter im Gefängnis Landsberg a. L. In dem Salon von Frau 
Bechstein lernte Hitler viele einflußreiche Leute aus Gesellschaft 
und Wirtschaft kennen, die ihn später unterstützten. Frau Bech¬ 
stein starb am 20.4. 1951 in Berlin. 

333 Das Berghaus des Kommerzienrat Winter erhielt den Geburtsna¬ 
men von seiner Frau, die Margarete Winter-Wachenfeld (gebo¬ 
rene Wachenfeld) hieß. 

334 Die beiden Angaben der Jahreszahlen stimmen nicht. Das Haus 
Wachenfeld wurde später auf Hitlers Namen eingetragen. 1931 
erklärte Hitler dem Finanzamt, »daß er das Haus seit 1928 für 
seine Schwester Frau Raubal gemietet habe«. Auch das Kaufda¬ 
tum von 1934 stimmt nicht, da Hitler das Haus am 26. 6. 1933 von 
den Erben der Frau Winter-Wachenfeld gekauft hat. 

335 Sh. Anmerkung 143. 

335aSh. Anmerkung 393. 

336 Sh. Anmerkung 9. 

337 Der Unfall ereignete sich am 15. August 1933 in Reit i. Winkl. 

338 Sh. Anmerkung 78. 

338a Sh. Anmerkung 377. 

338bSh. Anmerkung 378. 

339 Ob Hitler beim Neubau des Berghofs 1936 das Haus Wachenfeld 
wegen Gelis Zimmer stehen ließ und es nur durch zwei Durch¬ 
brüche an das neue Haus anschloß, bleibt dahingestellt. 

340 Alois Degano, geb. 3. 3. 1887 in Schmerold, studierte in München 
Architektur und war dann selbstständiger Architekt und Bau¬ 
meister in Gmund am Tegernsee. Durch seine Bekanntschaft mit 
dem Reichsschatzmeister Schwarz, dessen Landhaus Degano in 
Gmund baute, lernte er Anfang 1933 Hitler kennen und trat am 
1.5. 1933 der NSDAP bei. Im Herbst 1933 plante und baute er das 



374 


Er war mein Chef 


Landhaus von Göring am Obersalzberg und 1936 den Berghof 
Hitlers, 1937 das Dienstgebäude der Reichskanzlei in Berchtesga¬ 
den. Zum >Baurat< ernannt führte er noch weitere Parteibauten bis 
1945 aus. Degano starb am 26. 7. 1960 im Alter von 73 Jahren in 
Gmund am Tegernsee. 

341 Gerhardine Andersen, geb. 3.3. 1904 in Stuttgart, arbeitete nach 
der Schulausbildung 1910-1920 (Düsseldorf) in den väterlichen 
Holzkunstwerkstätten in Bremen. Mit 19 Jahren lernte sie dort 
Prof. TYoost kennen. Mit 20 kam sie 1924 nach München zu 
architektonischen und kunsthistorischen Studien. 1925 heiratete 
sie den 26 Jahre älteren Prof. TYoost. Durch die Bekanntschaft 
ihres Mannes mit Hitler lernte sie diesen 1930 kennen, 1932 
Eintritt in die NSDAP. Nach dem Tbd von TYoost am 21.1. 1934 
führte Frau TYoost das Architekturatelier zusammen mit Prof. 
Gail weiter. Bau des Haus der Deutschen Kunst, Umbau Königs¬ 
platz und Parteibauten, Ehrentempel usw. Später auf kunstge¬ 
werblichem Gebiet tätig (Geschenke für Göring, Mussolini, Rit¬ 
terkreuz-Urkunden u. -Kassetten usw.). 1935 im Vorstandsstab 
des Haus der Deutschen Kunst, 1938 künstlerischer Beirat der 
Bavaria-Filmkunst GmbH in München. 1937 von Hitler zum Pro¬ 
fessorernannt. Noch im Herbst 1944 bei Hitler im FHQ. Nach 1945 
in Schützing am Chiemsee tätig, lebt sie heute in Süddeutschland. 

342 Paul Ludwig TYoost, geb. 17. 8. 1878 in Elberfeld, studierte nach 
dem Besuch des Realgymnasiums in Elberfeld an d. Technischen 
Hochschule in Dannstadt Architektur. Studienreise nach Italien 
und ab 1920 bei Prof. Dülfer in München. 1902 Habilitation und 
selbstständiger Architekt in München. 1912 Amerikareise, 
anschließend arbeitete TYoost als Innenarchitekt für den Nord¬ 
deutschen Lloyd, wo er die Innenausstattung der großen Lloyd¬ 
schiffe (z. B. München, Ohio, Homeric, Berlin und Europa usw.) 
bis Herbst 1929 ausführte. 1925 heiratet er Gerhardine Andersen, 
die er 1923 in Bremen kennengelemt hatte. Im Hause des Verle¬ 
gers Bruckmann lernte er 1929 Hitler kennen, der von der bau¬ 
künstlerischen Gestaltung von Prof. TYoost beeindruckt war. Er 
übertrug TYoost den Umbau des Barlow-Palais zum >Braunen 
Haus<. 1932 Planungen für das Haus der Deutschen Kunst, für den 
Umbau des Königsplatzes (Ehrentempel und Parteibauten usw ). 
Paul TYoost starb am 21.1. 1934 im Alter von 55 Jahren in Mün¬ 
chen. 

343 Diese Version von Frau Schroeder stimmt nicht ganz, da Hitler 
Prof. TYoost schon 1929 im Hause Bruckmann am Karolinen¬ 
platz 5 in München kennenlemte. 

344 In einer anderen Darstellung schrieb Frau Schroeder: »... Der 
Vorsprung des Bücherschrankes war niemals als Sitzgelegenheit 
gedacht, er war viel zu schmal und zu tief und jeder fand nach 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


375 


einer Weile diese Art des Sitzens unbequem und trotzdem wurde 
sie immer wieder - meistens sogar von denselben - gewählt. 
Warum? Weil man auf diese Weise A. H. [Hitler] am nächsten saß, 
der meistens einen Platz auf der Bank unter dem Fenster wählte.« 

345 Sie waren von Sophie Storck, der Freundin von Wilhelm Brück¬ 
ner, bemalt worden. 

346 Sh. Anmerkung 311. 

347 In einer anderen Version schrieb Frau Schroeder: »Bei diesem 
Tbehaus handelte es sich um einen kleinen steinernen Pavillon, 
der im Gelände des Obersalzbergs an einem ausgesuchten Platz 
stand, von dem man sowohl ins Berchtesgadener Tbl als auch nach 
Salzburg hinein schauen konnte. Der Pavillon war in Form eines 
nicht sehr hohen Tlirmes gebaut und enthielt, neben dem Aufent¬ 
haltsraum für das Begleitkommando, einen runden Raum mit 
schmalen hohen Fenstern, die den Blick aufs Gebirge frei gaben. 
Um den großen runden Tisch standen bequeme Polstersessel. Uber 
dem großen Tisch hing ein sehr schöner Kristall-Chromleuchter, 
an den Wänden Leuchter, die Bienenwachskerzen trugen. Über 
dem Kamin hing ein gelbgerahmter Spiegel. Der Kamin im Tee¬ 
haus wurde nie angezündet. Der Raum wurde durch eine Hei¬ 
zungsanlage unter dem Steinfußboden erwärmt.« 

348 Roderich Fick, geb. 16.11. 1886 in Würzburg, besuchte von 1893 
bis 1906 Volksschule und Gymnasium in Zürich. Von 1907 bis 
1911 Architekturstudium a d. Techn. Hochschule in München, 
Dresden und Zürich, von 1914-1918 Militärdienst im 1. Welt¬ 
krieg. Nach Auslandstätigkeit (Spanien) ab 1920 in Herrsching 
und ab 1923 auch in München als freier Architekt. 1926-1930 
Assistent bei Prof. O. Graf a. d. Techn. Hochschule in München. 
1935 bei d. Eröffnung des Hauses der »Deutschen Ärzte<, das Fick 
gebaut hatte, lernte er Hitler kennen und erhielt dann verschie¬ 
dene Aufträge in Pullach und am Obersalzberg. 1936 Professor für 
Bauwissenschaft a. d. Techn. Hochschule in München. Als Nach¬ 
folger von Degano von 1936-1941 mit verschiedenen Bauten am 
Obersalzberg beauftragt (Teehaus Hitlers, SS-Kaseme, Verwal¬ 
tungsbauten, Wasserversorgungsanlagen usw.). Im März 1939 als 
>Reichsbaurat< mit der Neugestaltung d. Stadt Linz beauftragt 
(später zunehmend Giesler). Nach 1945 als Architekt tätig starb 
Fick am 13. 7. 1955 im Alter von 69 Jahren in Herrsching. 

349 In ihren stenographischen Aufzeichnungen notierte Frau Schroe¬ 
der folgendes: »...Je nachdem, ob unterhaltsame Gäste dabei 
waren, verliefen die Tbehausnachmittage ruhig oder lebhaft. Da 
es sich fast immer um den gleichen Kreis von Gästen handelte, 
schleppte sich die Unterhaltung oft nur mühsam dahin. War es 
noch dazu heiß oder A. H. hatte nachts schlecht geschlafen, über¬ 
fiel ihn in dem hohen weichen chintzbezogenen Sessel die Mattig- 



376 


Er war mein Chef 


keit. Er bat seine Gäste, ruhig weiterzusprechen, das störe ihn 
nicht, sondern er würde im Gegenteil sofort wach, wenn das 
Gespräch aufhörte. Und sobald er die Unterhaltung nicht führte, 
war es fad. Gewöhnlich war es so, daß einer den anderen nicht 
leiden konnte. Die betreffenden Damen, die gerade bei Eva in 
Gunst standen, wurden von den anderen mit Vorsicht behandelt. 
So herrschte oft eine sehr unfreie Atmosphäre, die sensible Men¬ 
schen sehr belasten konnte. Die Langweile tat ihr Übriges...« 

350 In den Stenoaufzeichnungen von Frau Schroeder steht: ».. Wol¬ 
len wir uns noch ein bißchen an den Kamin setzen?« Die Zustim¬ 
mung war meistens nicht jubelnd; denn die Sitzungen am Kamin 
zogen sich sehr in die Länge und endeten, wenn H. [Hitler] nicht 
zum Sprechen aufgelegt war, meistens in beklemmendem, brüten¬ 
dem Schweigen.« 

351 In den Stenoaufzeichnungen schildert Frau Schroeder die Halle 
folgendermaßen: »... Die über 20 Meter lange holzgetäfelte Halle, 
an den Wänden herrliche Gobelins und Gemälde, der Boden mit 
fraisefarbenem Velour bespannt und außerdem mit schönen, ech¬ 
ten Teppichen belegt, enthielt nur ganz wenig Möbel: vor dem 
großen Kamin je nach der vorhandenen Personenzahl zu erwar¬ 
tende Sitzgelegenheiten mit mehreren kleinen viereckigen 
Tischen, rechts vom Kamin eine mit Lederkissen belegte Sitz¬ 
bank, daneben eine große Kommode mit einem wunderschönen 
Frauenbildnis von Bordone und immer standen auf der niederen 
Kommode, genau in der Farbe des Gewandes, ein Strauß dunkel¬ 
roter Nelken. 

Ging man dann die aus Untersberger Marmor gehauenen Stufen 
weiter hinunter in die Halle, so traf man auf den großen Bechstein- 
flügel, links, hintereinem Gobelin verdeckt, lag die Filmwand und 
darunter stand holzverkleidet die tannene Selbsteinlage mit 
Schallplatten-Musikschrank.« 

352 Das Fenster in der Halle hatte eine Breite von 9 m und war in 90 
Einzelfenster unterteilt. Hitler, der sehr stolz auf das große Fen¬ 
ster war, sagte einmal zu seinem Adjutanten Wiedemann: »Ich 
habe eigentlich ein Haus um ein Fenster herumgebaut.« 

353 In ihren Stenoaufzeichnungen notierte Frau Christa Schroeder : 
»... Wenn irgendeine Dame anwesend war, deren Konkurrenz E. 
[Eva Braun] fürchtete, dann ging sie entweder sehr bald in ihr 
Zimmer oder sie war ungenießbar, so daß er selbst [Hitler] es 
merkte und sie dann gern überredete, sich zurückzuziehen, da sie 
müde sei.« 

354 Über die Frage, ob Heß im Auftrag bzw. mit Hitlers Wissen nach 
England geflogen ist oder aus eigener Initiative, ist in den letzten 
Jahren viel diskutiert worden. In einem Brief schrieb eine der 
ehemaligen Sekretärinnen Bormanns: »... Ich selbst bin weiterhin 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


377 


der Ansicht, daß A. H. [Hitler] nichts von dem Flug wußte. Daß das 
ehrlich war, ergibt sich auch aus dem, was M. B. [Martin Bor¬ 
mann] mir seinerzeit erzählte, M. B. war durchaus echt!!! Es ist 
doch unwahrscheinlich, daß A. H. so idiotisch gewesen sein soll, 
Heß wegzuschicken, um mit einem Mann zu reden, den er über¬ 
haupt nicht kannte, der außerdem ein Freund von Churchill 
war...« Auch Hans Baur, Hitlers Flugzeugführer, gab an: »... daß 
der Führer von dem Heßflug nichts gewußt hatte, wie ich in 
meinem Buch auch geschrieben habe. Hatte ich doch ein Gespräch 
im Reichskanzleigarten zwischen Führer und Göring angehört, 
wobei Hitler nicht wußte, daß ich in seiner Nähe war, als er Göring 
anschrie: >Der kann doch bloß verrückt gewesen sein, er muß doch 
wissen, daß er mir damit nur in den Rücken fällt< und anderes 
mehr.« 

356 Gemeint ist Hitlers »Zweites Buch«, das in Ergänzung von »Mein 
Kampf« wesentliche Fragen der deutschen Außenpolitik behan¬ 
delte. Sh. »Hitlers Zweites Buch«, ein Dokument aus dem Jahre 
1928, eingeleitet und kommentiert von Gerhard L. Weinberg, 
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1961. 

357 Am 22.10. 1937 besuchte der Herzog von Windsor mit seiner Frau 
Hitler am Berghof. Eduard Albert, Prinz von Großbritannien, 
geboren am 23.6. 1894 in White Lodge, Richmond Park, war der 
älteste Sohn des Königs Georg V. von England. Am 20.1. 1936 
wurde er als Eduard VIII., König von England. Als er im Dezember 
1936 die Amerikanerin Wallis Simpson heiraten wollte, mußte er 
am 10.12. 1936 auf den britischen Thron verzichten. Er heiratete 
Mrs. Simpson am 3. 6. 1937 in Frankreich und war anschließend 
viel auf Reisen. Im Zweiten Weltkrieg als Generalmajor Verbin¬ 
dungsoffizier zwischen d. Brit. und Franz. Armee tätig. Gouver¬ 
neur der Bahama-Inseln bis 1945. Lebte bis zu seinem Tbde am 
28. 5. 1972 im Alter von 77 Jahren in Paris. 

358 Am 20.10. 1937 besuchte Aga Khan III. Hitler am Berghof. Er 
wurde am 2.11. 1877 in Karachi geboren und wurde bereits im 
Alter von 8 Jahren zum Oberhaupt der Ismaeliten-Sekte 
(41. Imam d. Ismaeli) ernannt. Aga Khan starb am 11. 6. 1957 im 
Alter von 79 Jahren in Genf. 

359 Am 4. 9. 1936 besuchte David Lloyd George Hitler am Berghof. Er 
wurde am 17.1. 1863 in Manchester geboren, war Rechtsanwalt 
und kam schon 1890 als Radikal-Liberaler in das Unterhaus 
(Führer d. radikalen-antiimperialistischen Flügels d. Liberalen). 
Im 1. Weltkrieg Kriegsminister und ab 1916 Ministerpräsident. 
Mit Wilson und Clemenceau schuf George den Friedensvertrag 
von Versailles 1919. Am 19.10.1922 Rücktritt als Ministerpräsi¬ 
dent, später trat er für Hitler ein, den er bewunderte. Er starb am 
26. 3. 1945 im Alter von 81 Jahren in Llanystumdwy. 



378 


Er war mein Chef 


360 Robert Ley, geb. 15.2. 1890 in Niederbreidenbach (Rheinland), 
studierte Chemie a d. Univerität Münster. Von 1914 bis 1918 im 
1. Weltkrieg. Promotion 1923 und anschließend Nahrungsmittel¬ 
chemiker bei d. I. G.-Farben in Leverkusen. 1924 lernte er Hitler 
kennen und war 1925 Gauleiter von Rheinland. 1930 Mitglied des 
Preußischen Landtages. Ende 1932 Leiter des Amtes der Politi¬ 
schen Organisation (Organisationsleiter d. NSDAP). Nach 1933 
Auflösung der Gewerkschaften und Bildung der »Deutschen 
Arbeitsfronts Parteischulung und Leitung der Ordensburgen. Am 
10. Mai 1945 in Salzburg von der CIC verhaftet, kam Dr. Ley nach 
Nürnberg, wo er sich am 25.10. 1945 im Alter von 55 Jahren in 
seiner Zelle erhängte. 

361 Knut Hamsun, geb. 4. 8. 1859 in Lom im Gudbrandstal (Norwe¬ 

gen) wurde nach verschiedenen Tätigkeiten in Norwegen und 
Amerika einer der bekanntesten Schriftsteller Norwegens. Lebte 
zwischenzeitlich länger in Deutschland. 1920 Nobelpreis für Lite¬ 
ratur. Während des Zweiten Weltkrieges sympathisierte Hamsun 
mit den Nationalsozialisten und trat der norwegischen Quisling- 
Partei bei. Nach dem Krieg deswegen zu einer hohen Geldstrafe 
verurteilt, starb Hamsun am 19.2. 1942 im Alter von 92 Jahren bei 
Grimstad in Norwegen. 'VtS^ 

362 Josef Tferboven, geb. 23.5. 1898 in Essen meldete sich nach d. 
Besuch d. Oberrealschule in Essen 1916 als Kriegsfreiwilliger, 
1918 Leutnant. Studium d. Rechtswissenschaft a.d. Universität 
Freiburg und München. 1923 Beteiligung am Putsch, anschlie¬ 
ßend Bankbeamter. 1926 Eintritt in die NSDAP, 1928 Gauleiter 
von Essen. Seit 1930 Mitglied des Reichstages, 1933 Preußischer 
Staatsrat. 1939 Reichsverteidigungskommissar. Am 24.4. 1940 
zum Reichskommissar für Norwegen ernannt, wo er die NS- 
Politik durch harte Maßnahmen vertrat. Tbrboven beging am 4. 5. 
1945 im Alter von 46 Jahren Selbstmord in Oslo. 

363 Herta Ostermeier, geb. 4. 4. 1913 in Nürnberg, lernte Eva Braun in 
der 4. Volksschulklasse in München kennen, sie besuchte mit ihr 
auch das Lyzeum und war die engste Freundin von Eva Braun. 
Eva Braun war oft bei der Familie Ostermeier, da sich ihre Eltern 
wenig um sie kümmerten. 1933 lernte Herta Ostermeier durch Eva 
Braun Hitler kennen. 1936 heiratete sie Herrn Schneider und war 
in der Folge bis April 1945 mit ihren Kindern (die oft als die 
Kinder Hitlers bezeichnet wurden) längere Zeit zu Gast bei ihrer 
Freundin Eva Braun am Obersalzberg. Am 28. April 1945 fuhr sie 
zusammen mit Margarete Fegelein, der Schwester von Eva Braun, 
mit einem Lastkraftwagen und Personenauto vom Berghof nach 
Garmisch-Partenkirchen ab. Sie lebt heute in Süddeutschland. 

364 Gemeint sind der Vorbunker (gebaut 1936) und der etwas tiefer 
gelegene Bunker Hitlers (gebaut 1943) die sich unter dem Reichs- 




Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


379 


kanzlerpalais in der Wilhelmstraße in den Park der Reichskanzlei 
erstreckten. Sie waren durch einen TVeppenabgang des Reichs¬ 
kanzlerpalais und durch einen ca. 105 m langen Gang (wegen der 
im Voßstraßen-Bunker gelagerten Vorräte >Kannenberg-Gang< 
genannt) von den Bunkern der Voßstraße sowie von einem turm¬ 
artigen Eingang im Park der Reichskanzlei zu erreichen. Den in 
vielen Zeichnungen dargestellten Gang zum Propagandaministe¬ 
rium Goebbels gab es nicht. 

365 Es handelt sich um das Bild des Königs Friedrich von Adolf Graff. 
Hitler, der in seiner Durchhaltepolitik sich immer wieder an 
Friedrich den Großen orientierte, stellte eine Analogie zu dessen 
Einstellung bei der Niederlage dar, wie aus einen Brief des Königs 
Friedrich an Podewills vom 27.4. 1745 ersichtlich: »...ich will 
entweder meine Stellung behaupten oder ich will, daß alles 
zugrunde geht und der preußische Name mit mir begraben 
werde.« 

366 Was Hitler damit meinte, ist unverständlich, Frau Schroeder 
bestätigte jedoch mehrmals diese Äußerung Hitlers. 

367 Otto Skorzeny, geb. 12.6. 1908 in Wien, studierte a d. Tfechn. 
Hochschule in Wien Maschinenbau (1931 Diplom-Examen). 1932 
Eintritt in die NSDAP. Betriebsleiter und Tbilhaber in einem 
Gerüstbaugeschäft. Im September 1939 Militärdienst und ab 
April 1940 Ingenieuroffizier b.d. SS-Division >Das Reich<. Am 
4. 4. 1943 Kommandierung zum Reichssicherheitshauptamt 
(Abt. VI) Berlin. Am 12.9. 1943 durch das Kommandountemeh- 
men zur Befreiung von Mussolini bekannt geworden. Verschie¬ 
dene Aufgaben bis Skorzeny am 16.10.1944 in d. Budapester Burg 
Horthy gefangennahm. Kommandountemehmen i. d. Ardennen¬ 
offensive. Am 6. 2.1945 Beförderung zum SS-Obersturmbannfüh- 
rer. Am 15.5. 1945 in d. Steiermark interniert, floh er am 28.7. 
1948 aus dem Lager Darmstadt und ging nach Spanien, wo er ein 
Ex- u. Importgeschäft in Madrid betrieb. Skorzeny starb am 6. 7. 
1975 im Alter von 67 Jahren in Madrid. 

368 Nicolaus von Below, geb. 20. 9. 1907 in Jargelin (Krs. Greifswald), 
besuchte das Realgymnasium in Metz, Berlin u. Hannover (1914- 
1928). Bis 1929 als Flugschüler a. d. Deutschen Verkehrsflieger¬ 
schule, 1929-1933 b. Inf. Rgt. 12, 1933 Leutnant. 1933-1936 bei 
der Luftwaffe (offiziell Reichsluftfahrtministerium), Jagdge¬ 
schwader Richthofen in Döberitz. Ab 5.3 1936 beim Jagdge¬ 
schwader Horst Wessels (später Jagdgesch. 26) in Düsseldorf. Ab 
16.6. 1936 als Adjutant der Luftwaffe bei Hitler bis 1945, Major 
1940 und 1944 Oberst d. Luftwaffe. Below gehörte mit seiner Frau 
zum engeren Kreis Hitlers, auch am Berghof. Anfang 1946 von d. 
Brit.-Armee bis zum 14.5. 1948 interniert. Below starb am 24.7. 
1983 im Alter von 75 Jahren in Detmold. 



380 


Er war mein Chef 


369 »Schoko-Dallmann« waren runde Blechdosen, die Schokoladen¬ 
tafeln enthielten (Koffeinhaltige Vitamintabletten mit Schokola¬ 
denüberzug). 

370 Es war keine Ju 52 sondern eine Ju 352 aus der Führerstaffel, die 
der Major Friedrich Gundelfinger flog. 

371 Börnersdorf, ein kleines Dorf in der Nähe von Pirna bei Dresden, 
wurde durch den STERN-Reporter Gerd Heidemann bekannt, der 
aufgrund der Angaben von Hitlers Flugzeugführer Hans Baur 
(»...Als ich Hitler Meldung machte, war er sehr erregt, denn 
ausgerechnet in dieser Maschine war einer seiner Diener (Arndt) 
mitgeflogen, der ihm besonders am Herzen lag. Hitler: >Ich habe 
ihm außerordentlich wichtige Akten und Papiere anvertraut, die 
der Nachwelt Zeugnis von meinen Handlungen ablegen sollen!<«) 
und das aus dem Buch von Nerin E. Gun, »Eva Braun-Hitler« 
(Brief von Eva Braun an ihre Schwester Margarete vom 23.4. 
1945: »... Ist Arndt mit dem Brief und Koffer angekommen, wir 
hörten nur das Flugzeug sei überfällig...«) seine >Geschichte< mit 
den »Tägebüchem Hitlers« ganz einfach aufhängte. 

Ich glaube nicht, daß Hitler seinem Diener Arndt wichtige politi¬ 
sche oder persönliche Akten und Papiere mitgegeben hat. Hitler 
hatte in den Kampfjahren eines gelernt: Nichts schriftlich von 
sich zugeben! Nur dadurch konnte er die Jahre ab 1920 bestehen 
und politisch überleben. Von dieser Praxis ist er auch nach der 
Machtübernahme 1933 nicht abgegangen. Dies bestätigte auch 
Frau Schroeder in mehreren Gesprächen. Außerdem hat Hitler 
Schaub in den letzten Apriltagen ausdrücklich damit beauftragt, 
alles zu vernichten, was er in seinen Panzerschränken in Berlin, 
München und am Berghof unter Verschluß hatte. Diesen Befehl 
Hitlers hat Schaub bekannterweise auch gründlich ausgeführt. 
Nachdem Hitler z. B. seinen beiden Schwestern im April 1945 je 
100000 RM aushändigen ließ, ist eher anzunehmen, daß in dem 
Koffer Zuwendungen für die Schwester von Eva Braun, Farn. 
Braun, bzw. daß es ein Koffer von Eva Braun war, den sie zum 
Berghof sandte. 

372 Nach den im Nachlaß vorhandenen Briefen wurde Frau Schroeder 
am 22. Juli 1949 durch die Frau eines beim Führerbegleitkom¬ 
mandos gewesenen SS-Mannes gefragt, ob sie nichts über den 
Verbleib ihres Mannes wüßte: »... Es handelt sich um meinen 
Mann... - SS-Oberscharführer - geb.... Nach Aussagen von... 
kennen sie meinen Mann persönlich - evtl, nur den Namen nicht - 
Er war viel mit..., einem älteren SS-Mann zusammen. Anfang 
Mai erhielt ich durch eine Reihe von Anfragen von dem Pfarrer aus 
Börnersdorf b. Dresden folgende Nachricht: Ein am 21./22. April 
45 gestartetes Flugzeug ist hier abgestürzt und die Töten sind am 
25. 4. 45 von der Wehrmacht beigesetzt worden. Die Namen sind 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


381 


folgende: Major Gundelfinger, Funker Basler, Ahrend [hier han¬ 
delt es sich um Hitlers Diener Arndt], Budka, Becker, Fiebers, 
Schleef, 1 Unbekannter u. zwei Frauen E. Krüger u. Christine 
Schröder. - Die beiden Frauen waren verkohlt... und haben 
anhand der Wäschestücke die Tbten identifiziert. Der Unbe¬ 
kannte war ebenfalls vollkommen verkohlt und konnte von dem 
Überlebenden Westermayer nicht identifiziert werden. Man ver¬ 
mutet, daß der Unbekannte wohl mein Mann sein könnte, da es 
sich um Leute vom Begleitkommando handelte... Kurz muß ich 
noch erwähnen, daß seit dem 20. April 45 jede Spur meines Man¬ 
nes fehlt. Er soll am 21./22. 4.45 mit dem Flugzeug nach Oberbay- 
em geflogen sein. Mit 2 Sekretärinnen und Diener...« 

373 Sh. Anmerkung 266. 

374 Frau Schroeder schrieb am 16. September 1949 an den Pfarrer von 
Börnersdorf: »... Unter den Tbten des Flugzeugs sollen sich auch 
2 Frauen befunden haben, deren Leichen verkohlt waren und die 
anhand von Wäschestücken als E. Krüger und Christine Schroe¬ 
der identifiziert wurden. Hierzu möchte ich Ihnen der Ordnung 
halber mitteilen, daß weder Else Krüger noch ich mich in diesem 
Flugzeug befunden haben. Wir waren wohl für den Flug mit dieser 
Maschine eingeteilt, unser Gepäck wurde auch darin unterge¬ 
bracht, doch war es uns selbst in dem damaligen allgemeinen 
Wirrwarr nicht mehr möglich, zu dieser Maschine zu gelangen. 
Wir wurden von einem anderen Flugzeug aus in einer Transport - 
Ju mit nach Salzburg genommen... Außerdem wäre ich Ihnen für 
eine Mitteilung dankbar, ob von den Gepäckstücken nichts erhal¬ 
ten blieb... So befanden sich in meinem Gepäck u.a. meine 
gesamten Papiere, vor allem unersetzliche Zeugnisse und dann ein 
silberner Becher mit dem Signum >ECS< in einem Wappenschild, 
der mir besonders viel an Erinnerung bedeutet...« In seiner Ant¬ 
wort teilte der Pfarrer von Bömersdort mit, »...daß der Koffer 
beim Standesamt abgegeben wurde, der Inhalt des Koffers soll 
aber nur einzelne Wäschestücke enthalten haben. Beim Russen¬ 
einmarsch ist selbiger leider in die Hände der Russen gefallen. 
Lediglich ein kleines Pappetui mit einigen Farbfilmfotografien, 
von denen ich Ihnen eines beilege. Können Sie festhalten, wer die 
Frau ist?« 

(Anm.: Else Krüger war die Sekretärin von Martin Bormann, die 
aber bis zum 1.5. 1945 in der Reichskanzlei in Berlin blieb und 
nach dem Ausbruch überlebte. Der silberne Becher war für Frau 
Schroeder von dem Berliner Juwelier Wilm angefertigt worden. 
Hitler hatte ihr dazu das Monogramm ECS (Emilie Christine 
Schroeder) entworfen. 

375 Karl-Jesko Otto von Puttkamer, geb. 24. 3. 1900 in Frankfurt a. O., 
nach Abitur 1917 Eintritt in Reichsmarine (1920 Leutnant z.S.), 



382 


Er war mein Chef 


1.10. 1930 Kapitänleutnant. Vom 10. Oktober 1933 bis März 1935 
Verbindungsoffizier d. Marine zum Oberkommando d. Heeres in 
Berlin. 1.2. 1938 Korvettenkapitän. Ab 1.3. 1935 als 2. Adjutant 
(nach Hoßbach) Verbindungsoffizier der Marine bei Hitler. Vom 
1.7. 1938 bis 10.10. 1939 kurzzeitig Kommandant des Zerstörers 
»Hans Lody«. Anschließend wieder im FHQ Hitlers, 1.4. 1941 
Kapitän z. S. und am 1.9. 1943 Ernennung zum Konteradmiral. 
In d. Nacht vom 20./21.4. 1945 flog er von Berlin nach Salzburg 
und war dann am Berghof. Am 10.5. 1945 von der US-Armee 
interniert, wurde Puttkamer am 12.5. 1947 entlassen. Er starb 
am 4.3. 1981 im Alter von 80 Jahren in Neuried. 

376 Sh. Anmerkung 261. 

377 Werner Haase, geb. 2.8. 1900 in Köthen/Anhalt, nach Abitur im 
Herbst 1918 Militärdienst (Inf. Rgt. 66). Anschließend (1919) Stu¬ 
dium der Medizin, Promotion 1924, Fachausbildung als Chirurg, 
1927 Schiffsarzt. 1934 in Berlin a. d. Chirurgischen-Universitäts- 
klinik bei Prof. Magnus. Eintritt in die SS am 1.4. 1934. Ab 8.3. 
1935 auf Vorschlag von Dr. Brandt als Begleitarzt zum Stab des 
Führers befohlen. 15.9.1935 SS-Sturmführer, am 25.6. 1936 
Habilitation in Berlin. 20.4. 1938 SS-Obersturmführer u. a. 16.6. 
1943 SS-Obersturmbannführer. Oberarzt i.d. Charitä in Berlin, 
im April 1945 im Bunker d. Voßstraße i. d. Reichskanzlei Leiter d. 
Krankenstation. Am 3.5. 1945 v.d. Roten Armee dort gefangen¬ 
genommen, übergab er die Reichskanzlei praktisch an die Rote 
Armee. Prof. Dr. Haase starb Ende 1945 in Moskau im Alter von 
45 Jahren. 

378 Hans-Karl von Hasselbach, geb. 2.11. 1903 in Berlin, nach Abi¬ 
tur in Hirschberg (Schl.) Studium d. Medizin a. d. Universitäten 
Breslau, Rostock, München u. Freiburg. Promotion am 14.7. 
1927. Chirurgische Fachausbildung ab 15.10. 1936 a. d. Chirurgi¬ 
schen Universitätsklinik in München. Am 1.5. 1933 Eintritt i.d. 
NSDAP und am 13.8. 1934 in d. SS. Seit Frühjahr 1936 als 
Vertreter von Dr. Brandt Begleitarzt im Stab des Führers. Am 

8.10. 1939 SS-Hauptsturmführer, ab September 1939 Militär¬ 
dienst bei einer Sanitätskompanie. Vom September 1942 bis Sep¬ 
tember 1944 ständiger Begleitarzt Hitlers im FHQ. Am 20.4. 1943 
Ernennung zum Professor durch Hitler. Im Oktober 1944 zusam¬ 
men mit Dr. Brandt und Dr. Giesing von Hitler wegen Dr. Morell 
entlassen, bis 1945 als Chefarzt eines Feldlazaretts im Westen. 
Am 13.4. 1945 von d. US-Armee interniert, blieb Dr. Hasselbach 
bis z. 2.8.1948 in Haft. Anschließend als Chirurg in Bielefeld und 
München tätig, lebt Prof. Dr. v. Hasselbach heute in Süddeutsch¬ 
land. 

379 Erwin Giesing, geb. 7.12.1907 in Oberhausen (Rhld.), studierte 
nach dem Abitur 1926 a. d. Universitäten Marburg, Düsseldorf u. 




Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


383 


Köln (Promotion 1932) ab 1936 Facharzt f. Hals-Nasen-Ohren- 
heilkunde. Ab 1.8. 1932 Mitglied d. NSDAP u. SA-Sturmbann- 
führer (SA-Obersturmbannführer am 20.4. 1936). Als Spezialarzt 
a. Virchow-Krankenhaus in Berlin bis 1939. Anschließend Mili¬ 
tärdienst (1.7. 1940 Oberarzt d.R.) in verschiedenen Lazaretten 
tätig. Am 20.7. 1944 zu Hitler i.d. FHQ gerufen, behandelte er 
Hitlers Ohrenverletzungen nach dem Attentat. Im September 
1944 mit Dr. Brandt und v. Hasselbach wegen Dr. Morell entlas¬ 
sen. Anschließend i. einem Lazarett i. Hamburg. Im Juni 1945 von 
d. US-Armee interniert, wurde Dr. Giesing im März 1947 entlas¬ 
sen und war anschließend als Arzt in Krefeld tätig. Er starb am 
22. 5. 1977 im Alter von 69 Jahren in Krefeld. 

380 Im Zusammenhang mit einer Vergiftung im Lager Ludwigsburg 
notierte Frau Schroeder in den Stenoaufzeichnungen folgendes: 
»... Der Chef nahm im Herbst 44 dauernd >Anti-Gas-Täbletten<, 
die 2 starke Gifte enthalten, u. a. auch >Belladonna<. Ich entsinne 
mich an die Affaire, als Dr. Giesing, der Hals-, Nasen- und 
Ohrenarzt, diese Thbletten bei ihm entdeckte und behauptete, alle 
Beschwerden, die der Chef habe, kämen von dem regelmäßigen 
Einnehmen dieser starken Gifte. Der Chef klagte über das starke 
Nachlassen seiner Sehkraft. Aufgedunsen. Ich entsinne mich, wie 
oft er sich juckte.« 

381 Sh. Anmerkung 132. 

382 Hier handelt es sich um Heinrich Doose, geb. 1. 7. 1922 in Kiel. Er 
gehörte seit 1934 zur SS-Leibstandarte. 1937 kam er zum Führer- 
Begleitkommando und war dort der Fahrer des Adjutanten 
Schaub bis 1945 (1943 bis Sept. 1944 Fronteinsatz in Rußland). 
Am 30.1. 1945 SS-Untersturmführer. Er war auch als Fahrer von 
General Burgdorf und Maisei bei Rommels erzwungenem Selbst¬ 
mord, den er miterlebte, zugegen. Am 21.4. 1945 von Berlin nach 
Ainring geflogen, holte er Schaub in München von d. Wohnung 
Hitlers ab und fuhr ihn auf den Obersalzberg, wo er bei der 
Vernichtung des Inhalts von Hitlers Panzerschrank mithalf. Er 
hat Schaubs Familie nach Kitzbühel/Tirol gebracht und wurde 
Ende Juni 1945 von d. CIC-Berchtesgaden verhaftet. Nach seiner 
Entlassung lebte er in München und starb am 16.1. 1952 im Alter 
von 28 Jahren in Piding. 

383 Es ist möglich, daß es sich hier um das 2. Exemplar des Manu¬ 
skripts Hitlers zur deutschen Außenpolitik handelt (Hitlers 
»Zweites Buch«), das im Sommer 1928 von Hitler geschrieben 
wurde (sh. u. a. bei Weinberg, Seite 15). 

384 In den Stenoaufzeichnungen schrieb Frau Schroeder: »Ich 
erwirkte von ihm die Erlaubnis, daß sich die Mädchen verschie¬ 
dene Möbelstücke mitnehmen durften. Was mit den Gemälden 
geschehen sollte, wußte er auch nicht. Ich sollte jedem ein Anden- 



384 


Er war mein Chef 


ken davon mitgeben und mir selbst auch nehmen. Es wurde dann 
vom Zerstören der Kavernen gesprochen .« 

385 Die Gemälde, die Frau Schroeder vom Berghof mitgenommen hat 
sind in der Anlage 2 zusammengestellt. 

386 Johannes Göhler, geb. 15.9. 1918 in Bischofswerda (Sachsen), 
1933 Hitler-Jugend, kaufmännische Lehre, 1936 Eintritt in die 
SS, 1937 b.d. SS-Verfügungstruppe, 1941 SS-Untersturmführer 
im Reiter-Rgt. 1 (SS-Kav-Brig., später Kav. Div. »Florian Geyen). 

1942 SS-Obersturmführer und Kmdt d. 4. SS-Reiterregt. 1.9. 

1943 SS-Hauptsturmführer. Ab dem 1. 8. 1944 Adjutant von Her¬ 
mann Fegelein bis 1945. Am 21.12. 1944 Beförderung z. SS- 
Sturmbannführer. Am 22723.4. 1945 flog er in Hitlers Ju 290 von 
Berlin nach Salzburg zum Berghof (Göhler gab nach dem Krieg 
an, daß auch eine Kiste mit vielen Briefen Eva Brauns an Hitler 
(von 1930 ab) verbrannt worden ist). 

387 In einer Notiz hat Frau Schroeder folgende Gemälde Hitlers bzw. 
Maler festgehalten: 

»Pieter Aertsen, Caneletto 1697-1768, Joachim Beuckelaer, Gui- 
liano Burgiardini, Anton van Dyck 1599-1641, Jacob F. van Es, 
Francesco Guardi, Jan Davidsz de Heem 1646, Jan Huysum 1682, 
Nicolaus Maes 1632-1693, Paris Bordone 1500-1571 (Tizian 
Schulen, der ihn am meisten nachgeahmt hat), i. Berghof: Venus u. 
Amor und weibliches Bildnis, Frau mit entblößter Brust i. d. re. 
Hd. Apfel haltend, Palma Veccttio 1480-1528, Giovanni Paolo 
Sannini 1692-1768, Andrea Orevitali 1480-1525, Rubens, Frans 
Seyders 1571, Joris van Son, Jan Fyt, Menzel, Hans Makant, 
Schenau, PH. Hackert, Böckel, Alt, Defregger 1886, Ed. Grützner 
1846-1925, Jol. Peter Hasoncleve, Max Klinger 1857-1920, Leibi 
1844, Fr. v. Lembach, Hans Makart, v. Menzel, Moritz v. Schwind, 
Spitzweg, Hans Thoma u. Ferd. Waldmüller.« 

Besonders hing Frau Schroeder an dem Bild »Nana« von Amselm 
Feuerbach, nachdem Hitler einmal zu ihr gesagt haben soll, daß 
sie ihr ähnlich sehe. Sie ließ sich für ihre Wohnung eine große 
Reproduktion hersteilen, die sie in ihrem Wohnzimmer hängen 
hatte. Sie schrieb u. a. in ihren stenographischen Aufzeichnungen: 
»Die Nana von Anselm Feuerbach angekauft 1939 durch die Ga¬ 
lerie Haberstock in Berlin. Römische Schustersfrau aus Travetere 
hatte schon vor Feuerbach anderen Künstlern als Modell gestan¬ 
den. Aber keinem ist es gelungen, ein Werk nach ihr zu schaffen, 
das sie überlebt hätte. Ihre herbe Schönheit, groß zu fassen und 
stilvoll auszuprägen blieb Feuerbach Vorbehalten. Sieben Jahre 
lang hat diese Nana seine Kunst und sein Leben beherrscht. . von 
den zahlreichen Gemälden abgesehen, zu denen sie das Vorbild 
abgab.« 

388 Wilhelm Ohnesorge, geb. 8.6. 1872 in Gräfenhainichen b. Biele- 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


385 


feld, studierte Mathematik und Physik in Heidelberg. 1902 b. d. 
Oberpostdirektion Berlin. Im 1. Weltkrieg ab 1915 Leitung d. 
'Megraphen-Büros d. Großen Hauptquartiers. Von 1919-1924 
Leiter d. Oberpostdirektion Dortmund. 1924 gründete er hier die 
NSDAP Ortsgruppe Dortmund. Im Februar 1933 Staatssekretär 
und am 3. 2. 1936 zum Reichspostminister ernannt. Im Mai 1945 
interniert und am 10. Juni 1948 entlassen, starb Ohnesorge am 
1.2. 1962 im Alter von 89 Jahren in München. 

389 Es wurden mehrere falsche Ausweise von d. RSD-Dienststelle 
ausgestellt, z. B. auch für Julius Schaub (»►Josef Huber«), Albert 
Bormann usw. 

390 In den stenographischen Aufzeichnungen notierte Frau Schroe- 
der: »Mit August Korber (Angehöriger des Führer-Begleitkom¬ 
mandos) hatte ich einige Abende vorher erwogen, einen Wagen 
mit Lebensmitteln zu packen und zu versuchen, bei irgendeinem 
Bauern mit Körber zusammen unterzuschlüpfen. Er brachte es 
dann aber als der Ältere des Kommandos nicht fertig, die jungen 
Männer in Stich zu lassen, und entschloß sich dann doch dafür, zu 
den schwerkämpfenden Truppen vorzustoßen. Die Unentschlos¬ 
senheit war groß. Nichts funktionierte mehr. Es war selbst schwer, 
eine Tblefonverbindung mit dem Hintersee zu bekommen. Es 
stand kein Wagen mehr zur Verfügung...« 

391 In den stenographischen Aufzeichnungen notierte Frau Schroe- 
der: »Als es hieß, daß der Ami bereits am Chiemsee sei, es war 
entweder der 4. oder 8. Mai, sollte nachmittags die Kaverne 
gesprengt werden. Die einzige Fahrmöglichkeit für mich war der 
Lastwagen, der die Gemälde nach Schiffhom brachte. Zunächst 
wollte ich mit nach Schiffhom fahren, wo die SS-Remonte war. 
Mir war trostlos und verzweifelt zu Mute, als ich den Lastkraftwa¬ 
gen bestieg...« 

392 Stenographische Notiz v. Frau Schroeder: »Der Kriminalkommis¬ 
sar Ertl setzte mich mit dem Gepäck auf den Wagen. Er schien 
Mitleid mit mir zu haben. Vielleicht war er der einzige Anständige, 
oder aber auch vielleicht war er froh, daß ich nun endlich weg war 
und daß sie nun schalten konnten, wie sie wollten...« 

393 Hugo Blaschke, geb. 14.11. 1881 in Neustadt (WPr.), kam 1885 
nach Berlin und studierte nach dem Abitur 1897 Zahnmedizin 
a. d. Universität v. Pennsylvania in Philadelphia (USA) von 1908 
bis 1911. Anschließend in London Ausbildung in Kieferchirurgie, 
eröffnete Ende 1911 in Berlin eine Zahnarztpraxis. Von 1914- 
1918 im 1. Weltkrieg Militärzahnarzt i. Frankfurt a. O. und Berlin. 
Praxis am Kurfürstendamm von 1919 bis 1945. Durch Behand¬ 
lung v. Hermann Göring 1930 kam er mit d. NSDAP in Berührung, 
am 1.2. 1931 Mitglied (NSKK-Gruppenführer). Seit Ende 1933 
Zahnarzt von Hitler, den er bis 1945 behandelte. Am 1.5. 1935 



386 


Er war mein Chef 


Eintritt i. d. SS, am 31.8. 1943 zum obersten Zahnarzt im Stab d. 
Reichsführers SS ernannt, 9.11. 1944 SS-Brigadenführer und 
Generalmajor d. Waffen-SS. Nach CIC-Verhör im Mai 1945 erst 
am 8.6. 1946 interniert, war Dr. Blaschke bis zum 7.12. 1948 in 
Haft und anschließend als Zahnarzt in Nürnberg tätig. Er starb 
am 6.12. 1959 im Alter von 78 Jahren in Nürnberg 

394 Aus den stenographischen Aufzeichnungen von Frau Schroeder: 

»Mein Zimmer war bereits anderweitig besetzt. |-1 

|. .— | »Einzelzimmer gibt’s nicht mehr, das hat 

aufgehört! < |-—-1 

| —..1 August bot mir eine Dienstbo¬ 

tenkammer auf dem Hof an. Fand dann Aufnahme im Zimmer 
von Ilse Lidloff und der geschiedenen Frau von Erich Kempka. 
Ilse Lidloff hatte ich einige läge zuvor 1000 RM geschenkt, weil 
ich auf jeden Fall Schluß machen wollte, woran ich aber durch 
August Körber (SS-Führer im Begleitkommando) gehindert 
wurde, der mich einlud, mich mit seinen Leuten zusammenzuset¬ 
zen, wobei getrunken wurde, so daß ich von meinem Plan wieder 
abkam.« 

395 Sh. Anmerkung 148. 

396 Werner von Blomberg, geb. 2.9. 1878 in Stargard (Pommern), 
1896 Kadett, 1897 Leutnant, 1911 nach Kriegsakademie i. Gene¬ 
ralstab, im 1. Weltkrieg Generalstabsoffizier. 1919 bei d. Reichs¬ 
wehr (Döberitz), Chef. d. Truppenamtes im Reichswehrministe¬ 
rium bis 1929, 'Iriappenkommando, 1932 General und am 30.1. 
1933 Hitlers Reichswehrminister. Am 20.4. 1936 zum General¬ 
feldmarschall ernannt. Am 12.1. 1938 heiratete der 60jährige 
Blomberg eine 25jährige mehrfach vorbestrafte Dime. Als Hitler, 
der Trauzeuge gewesen war, dies erfuhr, entließ er v. Blomberg 
am 5.2. 1938. Auslandsreisen, später wohnte er in Bad Wiessee, 
wo er im Juni 1945 von d. US-Armee interniert wurde. Blomberg 
starb am 14.3. 1946 im Alter von 67 Jahren im Gefängnis in 
Nürnberg. 

397 Die Angelegenheit Kempka ist in den »Bormann Letters« auf 
Seite 132 nachzulesen: »To stick to the subject: K.’s marriage was 
annulled on the 2nd of October (2.10. 1944] at his request. The 
poor man was landed with a girl who had for years been working 
in so-called salon-brothels - I have no experience of that kind of 
thing - in Berlin, on the Kurfürstendamm, Uhlandstraße, and so 
forth, and in Düsseldorf and Leipzig as well. I had to report the 
case to the Fuehrer, he instructed me to talk about to K., who was 
quite ignorant if it all, and than i had to arrange the rest with the 
help of my lawyers. The things there exist in the world! But 
please, don’t talk about the incident - or accident. 

The poor fellow really has bad luck. First there was the engage- 







Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


387 


ment with the daughter of the landlord at the Schaffer Inn in 
Berchtesgaden, which went wrong; than came the D. girl; and now 
this latest flop!« 

398 Aus den stenographischen Aufzeichnungen von Frau Schroeder: 
»... Frau Kempka erfreute sich keines guten Rufs. Kempka hatte 
sich scheiden lassen müssen, |-— | 


I-1 Das Zusammensein mit dieser Person war 

unerträglich für mich. Während einer nächtlichen Szene, die sie 
mit Ilse Lidloff hatte, wollte ich ausziehen, nachdem sie auf meine 
Bitte mit ihren Vorwürfen Frau L. gegenüber nicht aufhörte. Sie 
verschloß mir die Tür und wollte mich nicht hereinlassen, bis ich 
energisch wurde. Ich zog in ein Zimmer eine Etage höher. Spät in 
der Nacht kam sie mit Ilse L. nochmals zu mir und wollte mich 
bewegen, wieder nach unten zu ziehen. Der Leute wegen: Da ich 
nicht einwilligte, sondern standhaft blieb, warf sie mir an den 
Kopf: >Sie werden auch noch von Ihrem hohen Roß herunter 
kommen. Sie haben einmal eine Rolle gespielt, merken Sie sich 
das! < Und das mir! Kurze Zeit darauf hielt es auch die geduldige 
Ilse L. nicht mehr bei ihr aus und zog zu mir...« 

399 Aus den stenographischen Aufzeichnungen von Frau Schroeder: 
»Die angebliche Betreuung durch August war mir eine Bedrük- 
kung. Er war gemein zu Grete Szemkat, der Berliner Köchin, so 
daß sie sich schließlich weigerte, das schwierige Amt, 40 Personen 
zu versorgen, weiter zu handhaben. Außer dem Berliner Haus¬ 
und Büorpersonal waren noch da Friedei Böttcher, Irene Lindei, 
Frieda Ewert, Fräulein Käthe, die Frau vom Zahnarzt Rohkamp 
mit ihrer Schwester und Kindern, Frau von Puttkamer mit ihrer 
Mutter und den Kindern, Frau Dönitz, eine Schwester von Dönitz, 
Familie Linge usw. Das Essen war sehr mager, aber ich tauschte 
hin und wieder eine Flasche Schnaps gegen Zigaretten. Damit 

ging es immer wieder. Der Wirt lebte aus dem Vollen heraus. |-1 

l-1 

|-j zu j- 1 Bohnenkaffee Schlagsahne und die Kinder von 

Linge und Puttkamer hungerten. Es war nicht zu beschreiben... 
Eines Täges bezog eine Kompanie Amerikaner das Haupthaus der 
Pension. Alle Gäste mußten in die Dependance übersiedeln. Ver¬ 
brüderung der Mädchen mit den Amis. Schaubs ehemalige 
Geliebte bandelte sofort mit dem amerikanischen Oberleutnant 
an. Außerdem sollte sie ein Verhältnis mit Schaubs ehemaligem 
Fahrer haben, Heini..., der sich auf einer Almhütte versteckt hielt 
und sich ab und zu mit ihr traf.« 

400 Wie aus dem CIC-Bericht Berchtesgaden von Mr. Erich Albrecht 
und George Allen ersichtlich, war es nicht der Pensionsinhaber, 
sondern ein anderer Informant, der in das Haus Bartel kam und 









388 


Er war mein Chef 


dort hörte, daß Frau Schroeder Hitlers Sekretärin gewesen war. 
Er informierte später die CIC auch über die Anwesenheit von 
Erich Kempka, der dann am 18. 6. 1945 in Hintersee verhaftet 
wurde. 

401 In dem CIC-Bericht heißt es: »... Mr. Albrecht went out to bring 
Frl. Schroeder in, and later interrogated her. She was rather 
stupid, dumpy, and an ardent Nazi. We notified higher echelons of 
her presence and we later sent her to Augsburg under officer 
escort to give testemony for the Nuremburg trial.« 

402 Es handelt sich hier um Microfilme im Bestand der University of 
Pennsylvania, the Charles Patterson Van Pelt Libray, die im 
Dezember 1946 dort gelagert wurden (46 M - 11 FU, U.S. Army 
10Ist Airbome Division. Counter-Intelligence Corps... Bespre¬ 
chung zwischen Herrn Albrecht und Frl. Christa Schroeder, frü¬ 
her Sekretärin von Hitler, Berchtesgaden, 22. 5. 1945. Typescript). 

403 Herr Erich Albrecht war Deutscher, der früher beim Reichswirt¬ 
schaftsministerium gearbeitet hatte, wegen seiner Zugehörigkeit 
zur Mormonen-Sekte in die USA auswanderte und 1945 als CIC- 
Offizier der 1 Ölst Airbome Division arbeitete. 

404 In den stenographischen Aufzeichnungen notierte Frau Schroe¬ 
der: »... Nach der Beendigung des Verhörs brachte mich Ober¬ 
leutnant Albrecht an den Hintersee zurück und unterhielt sich 
sehr menschlich mit mir. So sagte er zu mir, als ich bedauerte, 
nun sei mein ganzes Leben, die ganzen Jahre zwecklos gewesen: 
»Nein, es hat alles einen Sinn, zwecklos ist nichts.« Er fügte 
hinzu, daß dieser Ausspruch von seiner Frau stamme. 

405 In den stenographischen Aufzeichnungen notierte Frau Schroe¬ 
der: »Nach Aufnahme der Personalien und flüchtiger Gepäck¬ 
kontrolle, wobei die Gemälde nicht gefunden wurden, Abliefem 
des Geldes (mit Johanna Wolf’s 29400 RM), nach Abnahme mei¬ 
ner letzten Flasche franz. Cognac wurde ich in eine kleine Woh¬ 
nung geführt, in der bereits Frau Winter, die Haushälterin des 
Führers, Fräulein Müller, die Privatsekretärin von Ley und 
Madaleine Wanderer, seine letzte Geliebte, wohnten. Auch die¬ 
sen war gesagt worden, sie kämen nur für einige läge nach 
Augsburg. Inzwischen waren sie aber schon 14 Tage dort. 

Nach 2 lägen Verhör durch Capitaine Albert Bernhard, Fran¬ 
zose, sehr verbindlich. Ich wurde aufgefordert, schriftliche 
Arbeiten anzufertigen und über die Einstellung des Führers zu 
seinen ersten Mitarbeitern. B. kam zunächst alle paar läge und 
gab mir immer neue schriftliche Aufgaben. 

Frau Winter wurde nach einigen Wochen entlassen. Auch die 
anderen beiden Mädchen. Samstags fanden beim Commander 
kleine Parties statt, zu denen außer Leni Riefenstahl, Annemarie 
Schauermann, Gräfin Czemiceck, Fräulein Müller und Mada- 



Anmerkungen und Hinweise des Herausgebers 


389 


leine Wanderer eingeladen waren. Sie kamen erst früh am Morgen 
nach Hause...« 

406 Inga Ley, die Frau von Dr. Robert Ley, hatte 1943 aus noch nicht 
geklärten Gründen, Selbstmord verübt. 

407 Sh. Anmerkung 278. 

408 Hier kann es sich nicht um den Mann handeln, den Geli 1931 
heiraten wollte. Dieser Mann war nach Aussage ihrer Mutter 1945 
16 Jahre älter, ein Musiker (Violinist) und außerdem war Geli 
damals schon volljährig. Hier muß es sich um eine Bekanntschaft 
vor dem 4. Januar 1929 handeln, denn am 4.1. 1929 wurde Geli 21 
und damit volljährig. Der Brief mußte also von Ende 1928 oder 
früher datieren. 

409 In der Anlage 2 sind die Ölgemälde aufgeführt, die Frau Schroeder 
damals in ihrem Besitz hatte. 

410 Dies wurde damals auch der Presse bekannt: »... Ein anderes Mal 
wurde entdeckt, daß Hitlers frühere Privatsekretärin, Christine 
Schroeder, die als Zeugin ins Gefängnis gebracht wurde, in dem 
Saum ihres Rockes eine winzige Messingkapsel eingenäht hatte, 
worin sich eine Phiole mit Zyankali befand, also demselben Gift, 
womit Himmler Selbstmord beging...« (Rheinische Zeitung vom 
19.10. 1946). 

Unter dem 13./14.9. 1945 finden sich folgende Stenonotizen von 
Frau Schroeder: 

»13.9. 45. 

Noch am selben Morgen wurde ich zum Verhör geholt. Vereidi¬ 
gung. Ein Jude dolmetschte. Einer tippte alles mit. Das Verhör 
war sachlich. Mir wurde eine Ansprache des Führers an die 
Generäle vorgelegt, die er im September 39 am Obersalzberg 
gehalten hat, ob ich diese geschrieben habe. Fräulein Wolf hätte es 
gesagt! Mir war nun klar, daß ich meinen Aufenthalt in Nürnberg 
der Wolf zu verdanken hatte. Wie B. [Bernhardt, alias Zoller] 
vorausgesagt hatte. 

14.9.45. 

Am nächsten Täg wurde das Verhör fortgesetzt. Durch wen ich das 
Gift bekommen hätte. Ob Schaub mit KZ gedroht hätte etc. Zum 
ersten Mal geimpft. Kam an deren Zellen vorbei, sah die unglück¬ 
liche Gestalt von Rheinwald, die wie irre aussehende Blondine mit 
feinem Haar.« 

411 Leonardo Conti, geboren am 24.8. 1900 in Luzern, studierte Medi¬ 
zin in Erlangen und Berlin (Promotion 1923). Bereits 1923 SA- 
Mitglied in Erlangen (Organisation d. SA-Sanitätsdienstes). Ab 
1925 Arztpraxis in Berlin. Eintritt in die SS am 1.2 1933. Am 20.4. 
1933 Preußischer Staatsrat, Leiter d. Abt. f. Volksgesundheit d. 
Reichsführung. Am 20.4. 1939 Reichsgesundheitsführer und 
Staatssekretär f. d. Gesundheitswesen. Seit 1941 Mitglied des 



390 


Er war mein Chef 


Reichstages. Leiter des Hauptamtes für Volksgesundheit d. 
NSDAP. Durch Führererlaß ab 28. 7. 1942 Verantwortung für das 
gesamte zivile Gesundheitswesen. Im Mai 1945 verhaftet, verübte 
Conti am 6.10. 1945 im Alter von 45 Jahren im Nürnberger 
Gefängnis Selbstmord. 

412 Frau Schroeder notierte in ihren stenographischen Aufzeich¬ 
nungen: 

»... Gestern Abend gab es Brotsuppe. Einige Stunden nach dem 
Essen traten fast überall starke Vergiftungserscheinungen auf. 
Ich hatte eine schreckliche Nacht. Bekam am nächsten Morgen 
>Belladonna< gleich für mehrere läge. 

Ich trank heute morgen die restliche >Belladonna-Tinktur< und 
vergiftete mich dadurch von neuem. Meine Schleimhäute waren 
vollkommen ausgetrocknet. Meine Pupillen wurden riesengroß, 
die Augenlider rot, tiefe Schatten unter den Augen, Gesicht aufge¬ 
dunsen, sah alles verschwommen. Furchtbares Hautjucken. Jetzt, 
wo ich diese Zeilen schreibe, sehe ich noch jedes Zeichen doppelt. 
Der Lagerführer wollte wissen, daß diese Vergiftungserscheinun¬ 
gen von der Umstellung auf deutsches Essen, von toter auf leben¬ 
dige Nahrung gekommen sei. 

Der Chef nahm im Herbst 1944 dauernd >Anti-Gas-'Iäbletten<, die 
2 starke Gifte enthalten, u. a. auch »Belladonna«. Ich entsinne mich 
an die Affaire, als Dr. Giesing, der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt, 
diese Täbletten bei ihm entdeckte und behauptete, alle Beschwer¬ 
den, die der Chef habe, kämen von dem regelmäßigen Einnehmen 
dieser starken Gifte. Der Chef klagte über das starke Nachlassen 
seiner Sehkraft. Aufgedunsen. Ich entsinne mich, wie oft er sich 
juckte. All die mir nun bekannten Symptome einer Belladonna- 
Vergiftung. 

Am 8.11. 1946: 

Heute sind Frau Himmler, Frau Streicher und Gudrun entlassen 
worden. Die SS-Auf Seherinnen haben gestern gegen die Entlas¬ 
sung von Himmlers protestiert. 53 Weiber haben unterschrieben. 
Heute wollten sie einen Skandal vom Zaun brechen. Zum Glück 
ist es aber nicht dazu gekommen. Mir tat Frau H. schrecklich 
leid... Adele Streicher brauchte bis zur letzten Minute »Publi¬ 
kum^ Sie hatte erst kurz vor dem Zusammenbruch geheiratet und 
ihre heroisch hervorgebrachte Äußerung, mit ihm [Streicher] 
damals gemeinsam am Kampf um Nürnberg teilzunehmen, 
konnte nicht ausgeführt werden, da ihr Auto in Richtung Chiem¬ 
see >abgedrängt< wurde.« 



Personenregister 


Kursive Zahlen weisen auf den Anmerkung steil hin und bezeichnen die 
Anmerkungsziffer. 


A 

Aga Khan III. 193,35« 

Ahrens, Karl 109, 216 
Albrecht, Alwin-Broder 59,209, 
132 

Albrecht, Erich 223 ff., 229,261, 
361 400, 402, 403 
Alkonic, Lav 15,108 f., 22,23, 24, 
207, 215 

Allan, George 80, 400 
Amann, Max 67,157, 97,150,151, 
161,202 

Andersen, Gerhardine (siehe 
auch: TVoost, Gerhardine) 
341,342 

Andrus, Burton C. 239 ff. 
Antonescu, Johann 79,145, 169 
Arent, Benno von 107, 280, 204 
Arndt, Wilhelm 148,204,229, 
266, 371, 372 
Axmann, Artur 12 

ß 

Badoglio, Pietro 152 
Bahls, Ernst 191 
Basler, Eugen 372 
Baumgarten, Eduard 23, 275 
Baur, Hans 355, 371 
Bechstein, Edwin 170, 332 
Bechstein, Helene 170, 332 
Beck, Ludwig 268 
Becker, Gerhard 372 


Below, Frau von 118, 233 
Below, Nicolaus von 203,276 ff., 
13, 233, 368 

Benfer, Frederico 290,366 
Benrath, Henry 135 
Bentheim 87 

Bemadotte, Folke Graf 193, 320 
Bernhard siehe: Zoller, Albert 
Bilfinger, Rudolf 241 
Bircher Benner, Max 259 
Blank, Margarete 242 
Blaschke, Hugo 172,221,264, 
274, 393 

Blomberg, Werner von 222,241, 
109, 396 

Blüthgen, Ellen 214 
Boley, Friedrich 241 
Borchert 87 

Bormann, Adolf Martin 59 
Bormann, Albert 31,41,133, 

143 f., 210,214 f., 221 ff., 237, 
65, 87, 88 

Bormann, Gerda (siehe auch: 

Buch, Gerda) 59 
Bormann, Martin 30ff., 41,43, 
116 f., 146,165,178 ff., 184,189, 
195,210,257,263,274f.,277, 
30,31,41,58,59, 62, 63, 64, 66, 
74, 88,131,224, 225,226, 355, 
397 

Böttcher, Friedei 399 
Bouhler, Philipp 17, 87, 132 
Brandt, Anni (siehe auch: Reh- 
bom, Anni 9, 165, 208, 9 





392 


Personenregister 


Brandt, Karl 9,13, 84,125,142, 
173ff.,201f., 205,208,210,216, 
265, 9, 11, 12, 20, 377, 378, 379 
Brauchitsch, Walther von 242 
Braun, Anna Paula Eva 9,19,33, 
61,70,118,131,142,148,156, 
163ff., 173,176,178,181 f., 184, 
186f., 189,191,196,205,209, 
212,215!., 226,228,235,237, 
252,264,274, 10, 36, 78, 94, 281, 
296, 310,311,318, 320, 326, 327, 
353, 363, 371, 386 
Braun, Franziska 205 
Braun, Margarete (siehe auch: 
Fegelein, Margarete) 167, 10, 
262, 320, 325, 371 
Breker, Arno 118,278, 63, 203, 

230, 231, 344 
Bruckmann, Elsa 67 ,153 
Bruckmann, Hugo 153, 342 
Brückner, Wilhelm (»Owambo«) 
13,36ff., 44f., 49,57 ff., 84, 
109f., 174,177,191,250,265, 9, 
11,17,18,20,30, 78, 96,128, 

131, 210, 211, 211a, 217 
Brüning, Heinrich 44, 56, 57 
Brüninghoff, Hildegard 242, 247 
Buch, Gerda 30f., 59 
Buch, Walter 30 f., 59, 60, 273 
Büchner 170 
Budak, Wilhelm 372 
Bügge 40 

Burgdorf, Wilhelm 382 
C 

Canaris, Wilhelm 279 
Cantacuz&ne, Elsa (siehe auch: 

Bruckmann, Elsa) 153 
Capito, Helene (siehe auch: Bech- 
stein, Helene) 332 


Christian, Eckhard 133 
Christian, Gerda 117,194,224, 
257,37, 221 

Churchill, Winston 78 f 165 
Ciano, Galleazzo Graf 206 
Clemenceau, Georges 359 
Conrad, Walter 241 
Conti, Leonardo 242, 411 
Czemiceck, Gräfin 405 

D 

Dachs, Frau 153, 279 
Daranowski, Gerda (»Dara«, sie¬ 
he auch: Christian, Gerda) 60, 
84,86,88, 90,101,105ff., 114, 
127, 144, 151,207,133, 230 
Darges, Fritz 167, 31,125,131, 
262 

Degano, Alois 176, 340, 348 
Dietl, Eduard 128, 244 
Dietrich, Otto 49,59,173,185, 
113, 193, 196, 241 
Dietrich, Josef, »Sepp« 46, 59, 
128,95, 102, 103 
Dirksen, Viktoria von 69,264, 
157, 288 
Dirr, Adolf 95 
Döhring 167 
Dönitz, Frau 222, 399 
Doose, Heinrich 213, 382 
Drexler, Anton 162, 86, 308 
Dülfer, Prof. 342 

E 

Ebert, Friedrich 86 
Ebhardt 17 

Eckart, Dietrich 41,65 f., 110, 
170,260,20, 71,86,146,151, 
332 



Personenregister 


393 


Eduard Albert (Eduard VIII., Kö¬ 
nig von England, siehe: Wind¬ 
sor, Herzog von) 

Eicke, Theodor 52 
Endres 167,179 

Engel, Gerhard 114,118,122, 232, 
238 

Epp, Franz Ritter von 52 
Epp, Inge 157, 302 
Epp, Lola 157, 302 
Ertl, Richard 221 ,392 
Esser, Hermann 170, 329 
Ewert, Frieda 399 
Exner, Helene Maria von 144 ff., 
31, 260, 262 

F 

Fath, Hildegard 246 
Feder, Gottfried 71 
Fegelein, Margarete 167 f., 205, 
212f., 10, 363 

Fegelein, Hermann 167 ff., 10,36, 
320, 327, 328 
Fick, Roderich 183, 348 
Fiebers, Max 372 
Fiehier, Karl 76 ,163 
Filoff, Bogdan 206 
Fisett, Sergeant 245 
Fleischner, Jack 230 
Foch, Ferdinand 200 
Förster, Albert 74 ,162 
Fraenkel, Heinrich 22 
Franco, Francisco 277 
Frank, Hans 20, 35 c 
Freisler, Roland 274 
Frentz, Walter 7,106 ,1 
Frey, Herta 39 f. 

Frick, Wilhelm 89, 226, 

38, 40, 42 
Friedländer 79 


Frobenius 40 
Funk, Walter 34, 38 
Fußer223 

G 

Gahr, Otto 107 ,205 
Gebhardt, Karl, Prof. 210 
Gelzenleuchter, Bodo 95 
Genoud, Frangois 277 
George, Lloyd 193, 359 
Gesche, Bruno (Conny) 49 f., 95, 
116, 117 

Giesing, Erwin 207 f., 264, 378, 
379, 380, 412 

Giesler, Hermann 7,226, 233, 5, 
164, 203 

Gildisch, Kurt 95 
Glaser, Alexander 20 
Goebbels, Helmuth 263, 56 
Goebbels, Joseph 49, 51, 54,185, 
195,225,263,70, 79, 80,111 
Goebbels, Magda 79, 144, 156, 79 
Göhler, Johannes 216, 386 
Göring, Emmy 79,144 
Göring, Hermann 164,174,177, 
184, 209 ff., 218,228,263, 9,38, 
40, 41, 57, 80,109,174, 314,316 , 
340, 393 

Graefe-Goldebee, Al brecht von 
56, 332 

Graf, Ulrich 95 
Granz 11 

Groener, Wilhelm 57 
Gröpke, Adolf 312 
Gröpke, Erna 164, 311, 312 
Gruber, Paul Kurt 53 
Gun, NerinE. 371 
Gundelfinger, Friedrich 370, 372 
Günsche, Otto 117 
Günther, Otto 119, 235 



Personenregister 


394 


H 

Haase, Werner 175, 205, 11, 377 
Haberstock, Karl 53 ,127 
Haberstock, Magdalene53,56 f., 
231 ,127 

Hacha, Emil 87 f., 182, 183 
Halifax, E. F. Viscount Lord 97 
Hamilton, Lord 69 
Hammitzsch, Angelika 223,227, 
139, 142 f. 

Hammitzsch, Martin 165, 143, 
319 

Hamsun, Knut 194, 361 
Hanesse, General 24,107 
Hanke, Frau 59 
Hanssen, K. W. 226 
Hasselbach, Hans-Karl von 175, 
205, 208 i.,11,274,378 
Haushofer, Albrecht 69 
Haushofer, Karl 33, 67, 69 
Hayn, Hans 120 
Heidemann, Gerd 371 
Heiden, Erhard 95 
Heim, Heinrich 116 f., 131,170, 
256, 277, 35c, 224, 225, 

226, 227 

Heinemann, General 60 
Heines, Edmund 119 
Henkel, Annelies 181 
Herzberger, Willi 95 
Heß, Rudolf 31 ff., 36, 39,41, 67, 
86,192,209,228, 20, 54, 58,59, 
62, 66, 67, 69, 74, 82, 87, 88, 97, 
155, 224, 354 

Heusermann, Katharina 264 
Hewel, Walter 167, 322 
Heydebreck, Peter 120 
Hildebrandt, Christel 248 
Hilgenfeldt, Erich 104 ,198 
Himmler, Gudrun 244, 265, 412 


Himmler, Heinrich 48,51,150, 
167,209 f., 228 f., 11,37, 40, 56, 
106, 116, 193, 320,412 
Himmler Marga 246, 412 
Hindenburg, Paul von 42, 66, 56, 
57, 75, 109 

Hitler, Alois 64 f., 144 
Hitler, Angelika (siehe: Raubal, 
A. und Hammitzsch, A.), 143 
Hitler, Brigid 144 
Hitler, Paula Wolf 64, 223,227, 
138, 139, 142, 143 
Hitler, William Patrik 65 ,144 
Hofer, Franz 59 
Hoffmann, Erna 173 
Hoffmann, Günther 10 
Hoffmann, Heinrich 18,26,72, 
132ff., 143,154,156,163 ff., 
173,177f., 190,231,3, 10,13, 
30, 83, 236,250, 261,296,310, 
311,312, 325 

Hoffmann, Henriette siehe: 

Schirach, Henriette von 
Högl, Peter 10, 320, 328 
Hölsken, Kurt 39, 82 
Holters, Wilhelm 158 
Hopfner, Geschwister 156, 289 
Horthy, Miklös 79, 170, 367 
Hoßbach, Friedrich 194 
Hugenberger, Alfred 45 
Humps, Gertraud (siehe auch: 
Junge, TYaudl) 100 

I 

Ihne, von 87 

Innitzer, Theodor 85 ,178 
Inönü (Innonü, Mustapha Ismet) 
19,171 

Irving, David 18,69 f., 262 ff., 26, 
188 



Personenregister 


395 


J 

Jahaya, Iman von Jemen 126 
Jetzinger, Franz 285 
Jochmann, Werner 116, 227 , 230, 
356 

Jodl, Alfred 16,102,149,25, 41, 92 
Jugo, Jenny (Walter, Jenny) 156, 
290 

Junge, Ewald 256 

Junge, Hans Hermann 46,143, 

275 ,100 

Junge, TYaudl 117, 224 
Junkers, Hugo 110 

K 

Kahn 239 

Kaltenbrunner, Emst 220 
Kampf 17 

Kannenberg, Arthur 39, 53 ff., 

167, 80, 124, 235 

Kannenberg, Freda 53 f., 57,167, 
205 ,123 

Keitel, Wilhelm 102, 106, 149, 

41, 92, 197 

Kelley, Douglas M. 23, 242, 267ff. 
Kempka, Erich 66,107,222,247, 

17, 95, 118,119,148, 397, 398, 400 
Kielleuthner, Prof. 152 f. 

Kirdorf, Emil 67 ,154 
Klein, Ada (siehe auch: Schultze, 
Ada) 70 ff., 153,155ff., 162,180, 
187,27, 161 
Koeppen, Werner 274 
Köhler, Bernhard 34 f., 71 
Korber, August 221, 95, 390, 394 
Kraftczik, Helene 242 
Krause, Karl 46, 73, 13, 99, 101 
Kriebel, Hermann 76 
Krüger, Eise 374 


L 

Laffert, Sigrid von 69 f., 155,264, 
288 

Lahousen, Erwin 241 
Lammers, Hans Heinrich 22,42, 
47,59,41, 75 
Lang, Jochen von 165 
Lattre, de, General 32 
Leipold, Karl 224 
Ley, Robert 20,194, 220,232 f., 
241 f., 175,360, 406 
Ley, Inga 79, 232f., 175, 406 
Lidloff, Ilse 230, 394, 398 
Limburger 35 
Linde, Karl von 170 
Lindei, Irene 399 
Linge, Heinz 46,148,153,209, 
229, 263f., 274f., 

13,101,275 

Lippert, Michael 52, 79 
Lobjoies, Charlotte 158 
Lohse, Hinrich 231 
Lorenz, Heinz 101 ,193 
Loret, Jean-Marie 152, 158 
Ludendorff, Erich 52, 56 
Ludwig, Christel 246 

M 

Mafalda (siehe: Maria-Jos^) 
Magnus, Professor 265, II, 377 
Maisei, Emst 382 
Mandtal, Erich 95 
Mannerheim, Carl von 79,172 
Manziarly, Constanze 145 f., 260 
Maria-Jos£, Kronprinzessin von 
Italien 58, 130,180 
Marzelweski, Hilde 214, 222 
Maser, Wernerl53, 274 f., 78 
Maurer, Hansgeorg 95 




396 


Personenregister 


Maurice, Emil 153,157,173,265, 
9, 95, 147,155,276, 280, 281 
Mayer, Mauritia 170 
Meissner, Frau 263 
Meyer 17 

Michael, König von Rumänien 
169 

Mitford, Unity 156, 294 
Mittelstrasser 167, 214 
Möller 45 

Montgomery, Bernhard 32 
Morell, Frau 165, 261, 378 
Morell, Theodor 18,145,148,184, 
205 ff., 224,226,263 ff., 276, 11, 
38 

Mosley, Oswald 295 
Müller, Heinrich 11,12,17 
Müller, Adolf 67, 151 
Müller, Renate 227, 405 
Mussolini, Benito 79,86 f., 148, 
263 ,152,168,180,267,367 

N 

Neuhausen, von, Generalkonsul 24 
Neumayer, Architekt 172 
Nusser, Johanna 16,93,98,107, 

111 f., 120 ff., 129,131,135,24, 

26 

O 

Oberhäuser, Hertha 210 
Oetting 241 

Ohnesorge, Wilhelm 218, 388 
Olbricht, Friedrich 268 
Oshima, Hiroshi 206 
Ostermeier, Herta 363 

P 

Pascha, Kemal (Attatürk) 171 


Patchs, Alexander, General 32 
P£tain, Philippe 105 
Petzl, Marianne (Schönmann, 
Marianne) 311 

Pfeffer von Salomon, Franz 26 ff., 
44, 45, 48, 50, 52 
Pfeffer von Salomon, Fritz 26 
Pfeiffer, Hans 191 
Picker, Henry 116 ff., 134,159, 

167,256,260f., 277, 224, 225, 
226, 228, 229, 230, 251 
Pöchmöller, Emmerich 217 
Poniski, von 87 
Porsche, Ferdinand 156 
Puttkamer, Frau von 222, 399 
Puttkamer, Karl-Jesko von 205, 
132, 375 

Qu 

Quandt, Ello 156 
Quandt, Günther 79, 111 
Quandt, Harald 79 
Quandt, Herbert 292 
Quandt, Magda (siehe auch: 
Goebbels, Magda) 38, 262 f., 111 

R 

Raeder, Erich 132 
Rattenhuber, Johann 49 f., 115, 

118 

Raubal, Angela (siehe auch: 
Hammitzsch, A.) 64,153 ff., 

164 f., 167,170ff., 179,235, 10, 
34, 143, 318, 334 
Raubal, Elfriede 171, 143 
Raubal, Angela, »Geli« 19,61, 

153 ff., 163,175,180f.,213, 

234 ff .,10, 34,143,276,280, 

281, 284, 339, 408 



Personenregister 


397 


Raubal, Leo (Schwager v. Hitler) 
143 ,141 

Raubal, Leo (Neffe v. Hitler) 143 
Rehbom, Anni 173f., 265, 9 
Reichel, Maria 153, 279 
Reiner, Rolf 36, 76 
Reiniger, Prof. 244 
Reiter, Mizzi (Maria) 155, 286 
Reynaud, Paul 105, 201 
Ribbentrop, Joachim von 20,55, 
87, 131 f., 225, 181, 322 
Riefenstahl, Leni 156,227, 36, 
273, 294, 405 

Ritschel, Johanna Maria Magda¬ 
lena (siehe: Goebbels, Magda 
und Quandt, Magda) 

Rohkamp 399 

Rohm, Emst 28,36,50 ff., 44,45, 
51, 52, 76, 119 
Rommel, Erwin 382 
Roosevelt, Frank D. 78 f., 123, 

166, 189 

Roper, TVevor 18, 277 
Rosenberg, Alfred 207, 274 
Rosenwink, Alois 95 
Rostock, Professor 11 
Rotte, Kurt Emil 211 a 

S 

Schädle, Franz 95 
Schaub, Julius 39,42 ff., 47 ff., 53, 
59,66,72,85,101f., 104,107, 
133f., 154,157,173,178,180, 
190,203,213f.,216,221,225, 
231, 235,242, 256,263 f., 267, 3, 
17,36, 38,81,92,95,131,142, 
143, 218,284, 296, 382, 389,399, 
410 

Schauermann, Annemarie 35, 405 
Scheidt, Wilhelm 241 


Schenk. Carl 14 

Schirach, Baldur von 194, 195, 83 
Schirach, Henriette von 40,152, 
194 f., 217, 280, 13, 53, 83, 84 
Schirach, Klaus von 156 
Schleicher, Kurt von 56, 57 
Schmidpeter, Georg 10 ,4,7 
Schmidt, Wilhelm 120 
Schmidt, Emst 202 
Schmitt, Kurt 45 
Schmundt, Rudolf 101,106,114, 
1481,194, 195 
Schneider, Edmund 95 
Schneider, Herta 196, 205, 212 
Schneidhuber, August 120 
Scholter, Nelly 156 
Scholz, Robert 207 
Schönmann, Fritz 311 
Schönmann, Marianne 164,167, 
181 

Schreck, Julius 66,100,173, 17, 

95, 147, 148 

Schulenburg, Graf von der 75 
Schüler, Anni (siehe auch: Win¬ 
ter, Anni) 278 
Schultze, Ada 157 f. 

Schultze, Walter 159, 160, 161 
Schulze, Richard 55, 125, 220, 237 
Schwarz, Xaver 34, 36, 54, 73 
Seitz, Karl 170 
Seldte, Franz 241 
Simpson, Wallis 357 
Skorzeny, Otto 201, 367 
Slezak, Leo 159, 214, 305 
Slezak, Margarete (Gretl) 109, 

118, 143,156,159ff., 167,191, 

214 

Sonnemann, Emmy (siehe auch: 

Göring, Emmy) 164 f., 174, 314 
Speer, Albert 132,160,183,201 1, 
12, 75, 164, 249 



398 


Personenregister 


Sperr, Inge 246 
Spreti, Hans Graf 119,120 
Spitzy, Reinhard 264 
Stalin, Josef 55, 79 ,167 
Starklauf, Anni 246 
Stasch 87 

Stauffenberg, Claus Graf Schenk 
von 148, 268 
Steinbinder, Michael 95 
Stoeckel, Prof. 84 
Stork, Sofie38,174,177,216, 78, 
345 

Strasser, Gregor 29 f., 20, 56, 57, 
106, 111 

Strasser, Otto 56 
Streicher, Adele 246, 412 
Streicher, Julius 162 
Stuckart, Wilhelm 22, 89, 42 
Stumpfegger, Dr. Ludwig 
11,58 

Szemkat, Grete 399 

T 

Thmow 131 

Tbrboven,Josef 49,194, 

109,362 

Ibssenow, Heinrich 249 
Thieß, Frank 138 
Ibdt, Fritz 245, 249 
TVeufels, von 58 

TVoost, Gerhardine 144, 177, 341 
Troost, Paul 176f., 219, 54, 75, 

249, 342, 343 
Tlirner, H. A. 29, 55 

U 

Uhl, Julius 119, 120 
Umberto, Kronprinz von Italien 
86 ,180 


V 

Vierthaler 34 f. 

Viktor Emanuel, König von Ita¬ 
lien 67, 152, 180 
Volz, Hans 50 

W 

Wagener, Otto William Heinrich 
26ff., 34,153,262f., 45, 50, 55, 
310 

Wagner, Eduard 268 
Wagner, Adolf 167, 324 
Wagner, Emst 95 
Wagner, Richard 176 
Wagner, Siegfried 176 
Wagner, Winifred 79,144,179, 

277 

Wanderer, Madeleine 232,241, 
405 

Weber, Christian 170, 86, 95,103, 
330 

Weinberg, Gerhard L. 18 
Werlin, Jakob 90, 156, 187 
Wemicke, Paul 109, 17, 96,129, 
211,211a 

Westermayer, Franz 372 
Weygand, Maxime 105, 200 
Wiedemann, Fritz 44 f., 1 7, 97, 98, 
352 

Wiegerhans, Franz 111 
Williams, Winifred (siehe auch: 

Wagner, Winifred) 176 
mim 374 

Wilson, Woodrow 359 
Windsor, Herzog von 192, 357 
Windsor, Herzogin von 192 f., 357 
Winter 170 

Winter, Anni 153,170, 232 ff., 313, 
405 



Personenregister 


399 


Winter, Georg 278 
Winter-Wachenfeld, Margarete 
333, 334 

Wittmann 41, 87 
Witzleben, Erwin von 268 
Wolf, Johanna 13, 16, 20, 40 £., 
60,66, 73, 83f., 86, 87,93, 

107, 117f., 135f., 143, 200ff., 
211 ff., 215, 220, 224, 241 f., 
260, 20, 34,213,272, 

405,410 


Wolff, Gustav 45 
Wolff, Karl 321 
Wolzogen, Emst von 65,110 
Wünsche, Max 57 f., 247, 31,128,131 

Z 

Zabel 145 ff. 

Zoller, Albert (Bernhard, Captai- 
ne) 18 ff., 134,238, 3,10, 20,30, 
32, 35, 36, 38, 405 




400 


Bildnachweis 


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